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Thema: Der LKW

  1. #1
    Aushilfspinsler

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    Standard Der LKW

    Der LKW

    Nein nicht geboren.
    Ausgespuckt!
    In Gedanken revidierte Darrell die erste Assoziation, die sich eingestellt hatte, als er den LKW am Horizont entdeckte.
    Man sagte zwar „so hässlich, dass nur eine Mutter es lieben kann“, doch was da aus der Staubhose hervorgebrochen kam sah mehr aus wie etwas, was eine Mutter angewidert von sich stoßen würde, wenn es ihr der Geburtshelfer hinhielt.
    Auf den Punkt gebracht, das Fahrzeug sah aus wie etwas, dass die Einöde loswerden wollte.
    Er strich mit dem Zeigefinger über das kleine Rädchen an der Oberseite des Sichtgeräts und der elektronische Zoom holte ihm den LKW heran.
    Unmöglich die Farbe auszumachen.
    Rot vielleicht, aber das konnte auch auf die Schicht aus Staub zurückzuführen sein.
    Seine aufblitzende Abneigung und die blumigen Vergleiche waren natürlich Unsinn. Ein einsamer Springer auf dem Weg nach Golga, na und? Nichts Alltägliches, aber auch nichts Ungewöhnliches. Und waren nicht alle diese LKWs, die Versorgungsgüter zu den Außenposten oder Schrott aus der Wüste zu den Verwertstationen am Stadtrand brachten, ausnehmend hässliche Fahrzeuge?
    Wer durch die Ödnis fuhr musste seiner Maschine sein Leben anvertrauen und da galt Funktionalität mehr als ästhetische Gesichtspunkte.
    Dennoch...
    Darrell vertraute seinen Instinkten nicht blind. Das war Blödsinn, der bei Tieren und in Groschenheften funktionieren mochte, aber nicht im wirklichen Leben. Wie oft stellten sich vermeintliche Instinkte als schlichte Vorurteile oder Irrtümer heraus?
    Ganz zum Schweigen konnte man seine Intuitionen dann aber doch nicht bringen und so flüsterte sie leise aber penetrant, dass irgendetwas an diesem Wagen es wert war nicht gemocht zu werden.
    Der LKW war bei weitem nicht das größte Exemplar, das Darrel jemals gesehen hatte. Nichtsdestotrotz ein gottverdammtes Monster.
    Die langgezogene Schnauze war auf Fahrbahnhöhe mit einem Gitterräumschild bewährt, wie man ihn sonst nur an Zügen zu sehen bekam. Dieser Rammsporn, dazu gedacht Sandwehen und Steine aus dem Weg zu schieben, zeichnete ein zähnefletschendes Grinsen in das Gesicht der Maschine. In Verbindung mit den schrägen Sehschlitzen, welche die Scheibenwischer in die Dreckkruste auf den Fenstern gefressen hatten, verlieh es dem Antlitz des Vehikels eine unangenehme Fratze. Das mochte es sein was Darrel den LKW nicht gefallen lassen wollte.
    Natürlich abergläubischer Unsinn.
    Ein Lastwagen war ein Ding und irgendwelche Charakterzüge, die man ihm aufgrund seines Aussehens andichtete, sprachen allein dafür, dass der Beobachter etwas zu lange in der Sonne gewesen war. Allerdings gab es andere Aspekte, die sich weniger leicht von der Hand weisen ließen. Etwa die Geschwindigkeit, mit der der Schlepper unterwegs war.
    Springer waren chronisch darauf bedacht so sparsam wie möglich zu fahren, jeden Tropfen Kraftstoffverbrauch gegen die Gewinnspanne der Fracht aufzurechnen. Keiner von ihnen würde das Gaspedal bis zum Bodenblech durchtreten, wenn dazu nicht absolute Notwendigkeit bestand.
    Noch merkwürdiger wurde dieser Umstand durch die Tatsache, dass der LKW bis eben durch eine Staubhose gefahren war. Die Sicht in diesen unberechenbaren Wetterphänomenen betrug gleich Null und die gängige Methode war anzuhalten und die Sache auszusitzen. Weiterzufahren, dazu noch mit diesem Tempo, war nackter Irrsinn. Räumschild und mannsdicke Reifen hin oder her, eine ungünstige Bodenwelle und der Karren gesellte sich zu den ungezählten, rostigen Wracks, die von Unterschätzung der Wüste kündeten.
    „Warum so eilig, mein Freund?“
    Murmelte Darrel, an dessen Ohr jetzt auch das entfernte Geräusch des Motors klang. Ein seltsames Echo verzerrte den Laut zu einem Winseln, welches nicht recht zu der bulligen Maschine passen wollte. Das leicht krisselige Bild des Sichtgerätes wanderte über die Karosserie. Zeichen langer Benutzung und entbehrungsreicher Dienstjahre im Transit zwischen den Bastionen der Zivilisation. Wie bei einem uralten Meeresungeheuer zeichneten sich Narben und Dellen auf der metallenen Haut ab. An einigen Stellen deuteten hellere Teile darauf hin, dass hier nachgebessert und ausgetauscht wurde. Helle Flecken, wie Pockennarben, mochten geflickte Einschusslöcher sein. Ein Firmenlogo konnte er ebenso wenig auf der Flanke des LKWs erkennen, wie sich die Fracht eindeutig identifizieren ließ. Ein länglicher Auflieger vielleicht, aber mehr als eine Vermutung ließ der wirbelnde Staub nicht zu. Darrel tastete den LKW noch einmal mit den Augen ab und schwenkte das Sichtgerät dann nach Süden. Er vermutete, dass der Kurs des LKWs etwa zwei Kilometer an der Position der Stadtbälger vorbei führen würde.
    Er hatte die Kids vor etwa einer Stunde kontrolliert. Zwei junge Burschen und ihre Freundinnen. Dezent aufgespritzte Lippen, makellose Brüste und kleine weiße Perlmuttzähnchen die Mädesl, Muskeln und künstlich gebräunte Haut die Typen.
    Gottverdammte Hochglanzmagazinmenschen!
    Sie waren freundlich zu ihm gewesen. Hatten ihm die Papiere des Fahrzeugs gezeigt, ihre ID und die Besitzerlaubnisse für die Jagdgewehre und Pistolen. Auf Mutanten waren sie aus, so hatten sie Darrel erklärt und tatsächlich war an der Ladefläche ihres chromglänzenden Pickups eine Kranwinde befestigt gewesen. Wie so ein Teil mit dem man Fische aus dem Wasser hieven und sich grinsend neben dem zur Schau gestellten Kadaver ablichten lassen konnte. Nur das es eben keine Fische, sondern mutierte Menschen waren, auf die Mamas und Papas Lieblinge da zum Halali bliesen.
    Nicht das ihre Aussichten auf Erfolg besonders überwältigend gewesen wäre. Der Sinn stand ihnen wohl eher danach ihre Nobelkarosse ein bisschen mit Staub einzusauen, sich die Stürme anzusehen, zu trinken und vielleicht ein bisschen rumzumachen. Bevor die Nacht über das Land kam würden sie wieder in der oberen Etage der Stadt sein und auf irgendwelchen Stimulanzpartys Designerdrogen einwerfen.
    Darrel konnte nicht aus eigener Anschauung bestätigen, dass so was wirklich in den Türmen abging. Die Aussicht, dass ein Grenzer wie er jemals mehr von der Oberstadt sehen würde, als die hell erleuchteten Türme, die nachts wie Nadeln in den Sternenhimmel stachen, war doch eher gering. Also verließ er sich auf das was er von anderen hörte, die es möglicherweise besser wussten, wahrscheinlich aber nicht.
    Bei der Kontrolle waren sie höflich gewesen. Die Jungen hatten ihn mit „Herr Grenzpolizist“ angesprochen, die Mädchen artig die Augen niedergeschlagen und nichts gesagt. Ganz so wie es die Etikette der feinen Leute verlangte. Aber seine Mutter hatte keinen Idioten großgezogen und Darrel wusste sehr genau wann er verarscht wurde. Unter der Oberfläche dieses zuvorkommenden Getues schwamm herablassender Spott. Er konnte sich vorstellen wie sie losgeprustet hatten, kaum dass er sich an den Hut getippt und von dannen gezogen war. Der verschwitzte Grenzhauser, der sich toll dabei vor kam vier besseren Herrschaften aus der Oberstadt zu befehlen ihm ihre Papiere zu zeigen.
    Alles in Ordnung Freunde, schönen Tag noch.
    Er hatte den Wagen der Vier entdeckt und zoomte heran. Das Fahrzeug stand hinter einer kleinen Anhöhe, wo sie den schlimmsten Auswirkungen des Staubsturms entkommen waren.
    Seine Vermutungen waren in die richtige Richtung gegangen, denn rings um das Auto brach sich das Sonnenlicht auf weggeworfenen Bierdosen. Eine dieser Büchsen sprang in die Höhe und keine Sekunde danach drang auch der Schussknall an Darrels Ohr. Einer der Burschen stand auf der Ladefläche und feuerte auf die vorher geleerten Dosen. Schön wenn man so verschwenderisch mit Munition umgehen konnte. Seine Vorhersage war korrekt gewesen. Um diesen Kids zum Opfer zu fallen musste ein Muti schon selten dämlich sein, was sich mit dem Überleben in der Wüste ausschloss. Während einer der Wochenendhelden seine Schießkünste an dem selbst produzierten Müll ausließ, stand eines der Mädels bei ihm und himmelte ihn an.
    Die anderen beiden trieben es auf der Motorhaube.
    Was?
    Er zoomte noch einmal heran und befeuchtete sich die Lippen, während das Bild langsam die Schärfe nachjustierte.
    Nein, soweit waren die beiden da unten dann doch noch nicht. Sie schienen zu tanzen. Wenn man das denn so nennen wollte. Er hing halb auf der Motorhaube und sie rieb sich an ihm wie eine rollige Katze. Das sie dabei ihr Oberteil ausgezogen hatte und ihre Verrenkungen nur im BH oder einem Badeoberteil absolvierte sah zugegebenermaßen ansprechend aus, würde ihr jedoch morgen einen Sonnenbrand und wenn sie Pech hatte, in ein paar Jahren Hautkrebs einbrocken.
    Wie dem auch sei, für den Moment genoss Darrel die Show.
    Er fragte sich, ob denen da unten bewusst war, dass er sich beobachtete und ob die beiden vielleicht nur deswegen so loslegten. Nun vermutlich nicht und wenn doch, machten sie sich entweder einen Spaß daraus oder es war ihnen schlicht egal, ob so ein verstaubter Leguanfresser wie er sie bei ihrem Treiben begaffte. Sein schlechtes Gewissen jedenfalls hielt sich in Grenzen und er war tatsächlich enttäuscht, als sich die blonde Ballkönigin ihr Shirt wieder überwarf. Ihre Haut würde es ihr danken, aber es war trotzdem schade.
    Als er mit einer weiteren Drehung an der Justierung das Bild wieder etwas weiter fächerte, sah er warum die kleine Darbietung so rüde unterbrochen wurde. Das andere Mädchen hatte sich auf der Ladefläche auf die Zehenspitzen gestellt und konnte damit über die kleine Felsformation spähen, hinter der sie geparkt hatten. Aufgeregt deutete es nach Westen.
    Auf den hässlichen LKW.
    Für eine angenehme Minute oder zwei, hatte Darrel den Springer schon wieder völlig vergessen und es stieß ihm umso saurer auf, dass er nun wieder an ihn erinnert wurde. Kurz zuckte sein Blick zu dem Fahrzeug. Immer noch nicht mehr, als ein herandonnernder Komet aus aufgewirbeltem Dreck. Die Augen wieder auf die Jugendlichen gerichtet, war nun zu sehen, dass sich alle Vier auf der Ladefläche versammelt hatten und in Richtung des LKWs spähten, die Augen durch beschirmende Hände an der Stirn gegen die unbarmherzige Sonne schützend. Eines der Mädels hüpfte auf und ab und winkte dabei euphorisch, was ihre Brüste anschaulich in Bewegung versetzte. Der Kerl mit dem Gewehr riss plötzlich seine Waffe an die Schulter und zielte.
    Darrel zog scharf die Luft ein und legte seine Linke instinktiv auf den Griff seiner Pistole.
    Eine gleichsam unbewusste, wie unnütze Geste.
    Der Junge wurde vom Rückstoß seiner Waffe leicht in die Knie gedrückt, der Lauf ruckte hoch.
    Der Knall jedoch blieb aus und der Klaps, dem ihm eines der Mädchen auf den Oberarm versetzte, ließ erkennen dass der Bursche nur so getan hatte als ob.
    Die vier schienen sich zu beraten und als Darrel schon dachte, sie hätten das Interesse an dem LKW verloren, kam plötzlich Bewegung in die Truppe.
    Ein Pärchen blieb auf der Ladefläche, die anderen beiden kletterten nach vorn und bestiegen die Kabine. Staub spritze auf, als sich die Räder des schweren Geländewagens durchdrehten und das Auto dann mit einem Satz nach vorn sprang. Die beiden auf der Ladefläche mussten sich an dem Scheinwerferaufbau festklammern, ihr Gebaren deutete jedoch nicht darauf hin, dass sie sich an der holprigen Fahrt störten. Vielmehr ließen die aufgerissenen Münder und in die Luft boxenden Fäuste darauf schließen, dass sie sich königlich amüsierten und ihren Kumpel zu mehr Geschwindigkeit und höherer Wahrscheinlichkeit einer selbst verschuldeten Katastrophe anspornten.
    „Tut das nicht Freunde!“
    Springer waren an sich keine schlechten Kerle, jedenfalls nicht die, die Darrel bisher kennengelernt hatte. Aber sie waren auch oftmals durch die lange Einsamkeit und die Bedrohungen der Wüste verschroben und eigenbrötlerisch. Wer permanent mit Wetterkapriolen und Mutantenangriffen rechnen musste, der hatte für gewöhnlich nichts übrig für dumme Streiche. Das konnte schief gehen, aber er konnte auch niemanden davon abhalten neben einem Lastwagen herzufahren, der in Richtung Stadt rollte.
    Er hoffte inständig, das die Kids es nicht übertrieben und das der Springer besonnen genug war, sich nicht irgendwie provozieren zu lassen und allzu schnell mit der Schrotflinte bei der Hand war.
    Der Pickup hielt seitlich auf den Lastwagen zu. Dieser war gewiss schnell, konnte sich aber kaum mit der Höchstgeschwindigkeit des überzüchteten Nobelspielzeugs messen. Immerhin schien sich der Fahrer, so er die Aktion in seinem Kosmos aus brüllendem Motorenlärm und Staub überhaupt bemerkt hatte, nicht von seinem Tun abbringen zu lassen. Er wurde weder langsamer, noch versuchte er Abstand zu gewinnen oder die Halbstarken auch nur durch das Betätigen des Horns auf die Dummheit ihres Tuns aufmerksam zu machen.
    Die Kids waren dem Sattelschlepper entgegen gefahren und ließen Darrel dadurch genug Zeit sein weiteres Vorgehen zu überdenken. Viel mehr als den stillen Beobachter zu spielen konnte er im Augenblick freilich nicht tun. Sich wie Arschlöscher zu benehmen und anderen Leuten auf die Eier zu gehen war hier draußen genauso wenig verboten wie seine leeren Bierdosen wegzuwerfen. Das war schließlich die verdammte Wüste.
    Den Pickup zu beobachten war schwierig, denn die Sonnenreflektionen auf den verchromten Teilen des Autos stachen in den Augen.
    Darrel klappte den Filter über die Linse. Damit war es erträglich.
    Ah, sie hielten sich jetzt auf gleicher Höhe mit dem LKW, inzwischen ungefähr auf gerader Linie mit seiner eigenen Beobachtungsposition. Der Pickup war ein wuchtiger Wagen, nahm sich neben dem Koloss aber geradezu lächerlich klein aus. Der jugendliche Fahrer ließ das Auto zwei, drei Mal hin und her schlingern, wobei er jedoch keineswegs hinter dem Sattelzug zurück blieb.
    Das Mädchen auf der Ladefläche hielt sich mit beiden Händen am Aufbau fest und hüpfte dabei wie irre auf und ab. Es sah aus als schrie sie etwas zum LKW rüber. Darrel fragte sich, ob sie irgendetwas eingeworfen hatten, was sie so die Gefahr missachten ließ. Das man sich in jungen Jahren für unsterblich hielt war ihm schon klar, schließlich war es ja bei ihm auch noch nicht so lange her. Das da unten aber war glatter Irrsinn. Eine unebene Stelle, eine Sekunde, in welcher der Fahrer die Kontrolle über den Pickup verlor und das Pärchen auf der Ladefläche machte einen Abgang. Wenn sich nicht gleich der ganze Wagen überschlug.
    Jetzt setzen sie sich vor die Schnauze des LKWs, scheinbar frustriert darüber ignoriert zu werden. Der Bursche auf der Ladefläche leerte eine Bierdose und warf sie nach hinten.
    Das funkelnde, sich überschlagende Objekt wurde von der Staubbestie verschluckt.
    Das Mädchen riss ihr Shirt hoch und zeigte dem Springer was sie hatte.
    Keine Reaktion, kein Hornsignal, kein Langsamerwerden oder Versuch auszuweichen.
    Der Sattelzug wirkte geradezu stoisch.
    Eigentlich machte der Typ am Steuer dieses hässlichen Wüstenschlachtschiffs genau das Richtige. Er ignorierte diese Gören, so wie ein geduldige Vater seine überdrehten Kinder ignorieren würde, in dem Wissen, dass er ihnen dadurch die Lust an ihrem Unsinn mehr nahm, als es jedwede Reaktion tun konnte.
    Oder wie ein Alligator, der sich nicht um kleine Vögel kümmerte, die auf seinem tödlichen Maul herum hüpften.
    Welchen Vergleich man auch bemühte, es schien jedenfalls tatsächlich zu funktionieren. Der Pickup verließ seine Position vor der Front des LKWs, fuhr auf einer Höhe mit der Zugmaschine, ließ sich langsam aber sicher zurückfallen, genauso wie die Kapriolen der hinteren Passagiere an Elan verloren.
    Darrel entspannte sich.
    Ein weiteres Zeugnis dafür, was er über Leute, gerade wohlhabende, junge Leute, aus der Stadt wusste und gehört hatte. Man konnte nur hoffen, dass sie daraus lernten, dass nicht jeder Mensch gewillt war auf ihre Launen einzugehen. Es stand zwar zu bezweifeln das...
    Der LKW zog nach rechts!
    Darrel blinzelte, mehr erstaunt als erschrocken und drückte das halb abgesetzte Sichtgerät wieder gegen die Nase.
    Der schwere Lastwagen hatte nur einen kleinen Schlenker zur Seite gemacht. Für den Fahrer sicherlich kaum mehr als ein leichter Zug am Lenkrad, doch die Wirkung war nichtsdestotrotz fatal. Die Maschine touchierte das Auto, welches sich neigte und zur Seite ausbrach. Jetzt war überall Staub und für einen furchtbaren Augenblick glaubte Darrel das schreckensverzerrte Gesicht des Mädchens ausmachen zu können, als sie über die Umrandung der Ladefläche fiel.
    „Verfluchte Scheiße!“
    Er kämpfte den Drang nieder direkt zu seinem eigenen Wagen zu laufen und um Hilfe zu funken. Das würde er natürlich tun, doch er musste sich die Sekunde zurücknehmen, die er brauchte um die Situation besser einschätzen und entsprechend melden zu können.
    Der LKW- Fahrer, dieser miese Bastard, fuhr weiter als wäre nichts gewesen. Egal, den würde er sich schnappen wenn er bei den Kids gewesen war, oder man brachte ihn spätestens an einem Einfahrtstoren der Stadt zur Strecke. Es war schließlich nicht so, dass sich dieses Monster großartig verstecken konnte und die Stadt war der einzige Anlaufpunkt im Umkreis von tausenden Rundmeilen.
    Aber eins nach dem anderen.
    Er fokussierte seinen Blick auf den verunfallten Pickup und stellte mit einiger Erleichterung fest, dass das Auto wenigstens nicht umgekippt war.
    Das Gefährt hatte Schlagseite. Vielleicht war bei der kleinen Schleuderpartie ein Reifen von der Felge gesprungen. Auf der rechten, nun tiefer liegenden Seite, hatte der Pickup eine Sanddüne vor sich aufgeschoben. Diese hatte das ausbrechende Fahrzeug nicht nur gebremst, sondern wohl auch vor dem Umkippen bewahrt.
    Das Pärchen stieg aus der Fahrerkabine. Sie hielt sich den Arm, er massierte seinen Nacken.
    Aber alles in allem schienen sie mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Nun erkannte Darrel auch, dass der Junge von der Ladefläche noch genau dort war. Es hatte ihn von den Beinen geholt und er war der Länge nach hingeschlagen, doch auch ihm waren wohl einfach nur die Knochen ein bisschen zum Klappern gebracht wurden. Naja vielleicht ein wenig mehr als das, denn der Zoom zeigte einen Blutstrom, der im von der Nase abwärts das Gesicht verschmierte.
    Blieb noch das Mädchen.
    Er hoffte inständig, dass sie nur in den Staub gefallen war.
    In diesem Moment hoffte er dies nicht einmal um seiner selbst Willen, nicht aus Furcht vor dem Zorn des Papas, der sicherlich weniger Himmel und mehr Hölle in Bewegung setzen würde um ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass er sein Töchterlein zwar der Ausweise wegen kontrolliert, sie aber nicht vor einem wahnsinnig gewordenen Springer bewahrt hatte. In diesem Moment hoffte er um des Mädchens Willen, dass sie sich nur die gemachte Nase im Staub etwas verbogen hatte, dass im schlimmsten Fall ein Arm gebrochen war. Allein, er konnte sie bei den Schwaden aus feinem Staub in der Luft nicht entdecken. Also setzte er das Sichtgerät ab und spurtete zu seinem eigenen Wagen, dabei das Bild verdrängend, was passiert sein mochte, wenn sie bei ihrem Sturz noch so nah am LKW gewesen war das...
    Darrel riss die Tür auf und griff nach dem Funkgerät, alle fruchtlosen Spekulationen so gut als möglich verbannend. Das Sprechgerät wechselte in die Linke, damit er den Motor starten konnte.
    „Randposten Fünfzehn Drei an Zentrale, kommen!“
    Er ließ die Sprechtaste im gleichen Moment los, in dem der Wagen zum Leben erwachte. Der Motor kündete mit einem Brüllen von den vierhundert PS, die ihm innewohnten und blies den Staub aus den vier Ansaugstutzen, als blähe er die Nüstern in Freude darüber die eigene Kraft einmal mehr erproben zu können. Der Wagen schoss vorwärts, während im Inneren eine automatisierte Stimme aus dem Empfänger knisterte.
    „Momentan sind alle Kanäle überlastet oder aufgrund von wetterbedingten Störungen nicht verfügbar. Hinterlassen sie eine Nachricht. Diese wird schnellstmöglich an die zuständigen Stelle weitergeleitet.“ Derartiges war so üblich, dass Darrel sich nicht einmal die Mühe machte darüber zu fluchen. Wer am Rand war, der war allein, auf sich gestellt. Alles andere waren Ausnahmen von der Regel. Ein Signalton ertönte und er drückte erneut die Sprechtaste.
    „Diese Nachricht muss an die zentrale Einsatzleitung der Wüstenausläuferüberwachung weitergeleitet werden.“ Er wartete kurz um eine klare Trennung zu haben. „Hier spricht Fünfzehn Drei, ich befinde mich bei Markstein Fünfzehn, Ringkilometer Vierzehn.“ Kurz huschten seine Augen von der Piste auf den kleinen Positionsbestimmer, der wie wild in seinem flüssigkeitsgefüllten Gehäuse schwamm und die holprige Fahrt auszugleichen versuchte.
    „Über Vierzehn mit drei Strich. Unfall mit erwartetem Personenschaden, möglicherweise Verursacherflucht. Beschreibung Verursacher folgt nach Erstversorgung. Benötigt wird ein Rettungsflieger zu angegebener Position.
    Fünfzehn Drei Ende.“
    Er hängte das Sprechgerät wieder in die Gabel, nahm sich Zeit hochzuschalten und legte dann beide Hände auf das Lenkrad. Er hatte jetzt die natürliche Rampe passiert, welche den Zugang zu seinem Beobachtungshügel darstellte und trat das Gaspedal durch. Kurz blickte er aus dem Seitenfenster und stellte erleichtert fest, dass der Staubsturm von ihnen weg zog.
    Wenigsten etwas!
    Während er noch einen Gang höher schaltete, nahm er auf der anderen Seite des kleinen Ausschnitts Wüste, welchen ihn die verdreckte Windschutzscheibe zu sehen gestatte, wahr, dass der LKW keineswegs floh um sich seiner Verantwortung zu entziehen. Vielmehr hatte der Springer in einem weitläufigen Bogen gewendet und kam nun zurück. Dafür gab es zwei mögliche Erklärungen.
    Nummer Eins, der Kerl hatte gar nicht mitbekommen was passiert war, weil seine Maschine durch das Rammen des Autos nicht mehr tangiert wurde, als führe sie über einen größeren Stein oder durch eine Bodenwelle. Bei der Fahrweise des Springers war beide sicher keine Seltenheit. Jetzt hatte der Bursche einen Blick in den Rückspiegel geworfen und das Schlamassel gesehen. Dann kam er vielleicht zurück um zu helfen. Wie gesagt, diese Typen waren verschroben und vierschrötig, ließen für gewöhnlich aber auch niemanden in der Wüste zurück ohne zu helfen.
    Das wäre die angenehmere Variante.
    Version Nummer Zwei war weniger vom Hauch der Nächstenliebe umweht und beinhaltete einen skrupellosen Wichser, der nicht nur einen Unfall verursacht und den Tot von vier Menschen billigend in Kauf genommen hatte, sondern der auch nicht gedachte Zeugen für seine Tat zu hinterlassen.
    Darrel legte einen Kippschalter um, woraufhin die Lichtsirenen auf dem Dach seines Wagens zum Leben erwachten. Sie sandten in kurzen Intervallen weißes Gleißen nach allen Seiten. Die Intensität dieses Signals war stark genug, dass man es selbst bei hochstehender Mittagssonne bis zum Horizont zu erkennen vermochte. Der LKW musste es sehen und realisieren, dass hier ein Wüstenbulle Zeuge der ganzen Sache gewesen war. Kein Springer war so dumm sich mit einem aus dem Corps der Randposten anzulegen.
    Die Kids hatten ihn auf jeden Fall gesehen. Einer der Jungs stand auf der Motorhaube und winke wild in seine Richtung. Der Sattelschlepper drehte derweil nicht ab, was eigentlich ein gutes Zeichen hätte sein müssen. Trotz der Anwesenheit eines Ordnungshüters schien er helfen zu wollen. Das Darrel dennoch wünschte er wäre näher an der Unfallstelle als der LKW lag daran, dass das rostige Ungeheuer nicht langsamer wurde.
    Sein Wagen war schnell, doch der Schlepper war näher dran und jetzt war seine Absicht nicht mehr wegzudenken. Die Abgasfahnen der senkrechten Zwillingsauspuffrohre standen fast waagerecht. Die Jugendlichen winkten immer noch wie irre in seine Richtung, deuteten auf die Stelle wo der LKW sie gerammt hatte. Sahen oder hörten sie dieses heranstürmende Gebirge aus Metall etwa nicht? Waren sie denn blind?
    Nein, jetzt drehte sich der Bursche auf der Ladefläche um und auch wenn er für einen Moment so aussah, als wäre er wie vom Donner gerührt regte er sich doch plötzlich.
    Was er tat war freilich die größte Dummheit, die ihm hätte einfallen können. Unvermittelt hatte er wieder das Jagdgewehr in der Hand und schien es auch zu benutzen. Genau konnte Darrel das nicht erkennen, da seine eigene kleine Welt aus Motorenlärm Vibration, Geruckel und einem kleinen, verdreckten Sehschlitz von Windschutzscheibe bestand. Alles in Allem nichts, was ihm die Umgebung in Brillanz wahrnehmen ließ. Dennoch meinte er über den Krach seiner eigenen Maschine das Astknacken entfernter Schüsse zu hören. Gut möglich, dass der Junge sogar Glück hatte und den Fahrer erwischte. Die ganze Sache würde dadurch zwar auch nicht weniger kompliziert werden, aber vielleicht verhinderte der Bursche damit, dass er und seine Freunde ihr Leben in dieser unsterbenswerten Gegend ließen.
    Das verbliebene Pärchen ließ sich zu einer weniger heldenhaften, aber wie Darrel fand, sehr viel verständlicheren Reaktion hinreißen. Sie rannten, er sie dabei an der Hand hinter sich herziehend.

    Der LKW traf den Pick-Up!

    Der Wagen zerplatze regelrecht. Als das Schiebeschild und dann die hässliche Schnauze durch das Fahrzeug brachen, als sei es nicht viel mehr, als eine weitere Sanddüne. In einer Kaskade aus Lichtreflexen flogen Teile nach allen Seiten, Der Motorblock, oder besser der verdrehte Schrott, der er einmal gewesen war, segelte als brennender Brocken Schlacke davon. In dem Chaos des Aufpralls sah Darrel für einen Herzschlag ein rotes Aufblühen, welches sich sogleich mit der Staubwand vereinte. Er musste unwillkürlich an einen fetten Käfer denken, der auf die Windschutzscheibe klatschte. Sein Magen schlug einen Salto und das lag nicht am Tempo seiner Fahrt.
    Der LKW hupte mit dem Triumpfgebrüll einer urzeitlichen Bestie. Brachial und gleichzeitig fröhlich.
    Die beiden Flüchtenden hatten ebenso wenig eine Chance auf Überleben, wie Darrel eine Chance hatte sie rechtzeitig zu erreichen.
    Sie blickten sich immer wieder nach dem Monstrum in ihrem Nacken um, welches den Abstand spielerisch schrumpfen ließ. Der Grenzer brüllte vor Frustration, hieb zornig gegen den Wagenhimmel, als wolle er ein störrisches Reittier zu mehr Geschwindigkeit anspornen. Sein Dienstwagen arbeitete an der Leistungsgrenze und die Temponadel des Tachometers zitterte im roten Bereich. Das Paar starb in keinster Weise so, dass es für eine romantische Erzählung als Stoff hätte dienen können. Dafür war nicht nur die Art des Verhängnisses verantwortlich, sondern auch der Umstand, dass der Bursche die Hand seiner Freundin abschüttelte und dem Tod so einige Meter abtrotzte. Das war keine schöne Sache, auch wenn Darrel es auf beschämende Art und Weise nachvollziehen konnte.
    In den letzten Sekunden waren sich vermutlich die meisten Menschen selbst der Nächste.
    Das Mädchen wurde von dem LKW regelrecht verschluckt. In einem Moment war sie noch da, dann kam die Bestie über sie und tilgte sie schlicht und unspektakulär vom Angesicht dieser Welt. Kein Blut, keine fliegenden Gliedmaßen, zumindest nicht so das man sie ausmachen konnte. Was sich in der Bugwelle aus Staub abspielte sah gewiss anders aus.
    Der Junge drehte sich vor dem Ende noch einmal um, blickte seinem Verfolger in die hässliche Fratze. Dann war auch er an der Reihe. Das schnelle Ableben seiner Gefährtin war ihm nicht vergönnt. Darin mochte eine Ironie, ausgleichende Gerechtigkeit liegen, oder schlichtes Pech. Der LKW nahm ihn auf die Hörner und für schrecklich lange Sekunden konnte der heranrasende Polizist mit ansehen, wie der Bursche schreiend auf dem Räumschild der Zugmaschine hing. Wie er den Aufprall überlebt hatte blieb Darrel schleierhaft, aber das kreideweiße Gesicht in dem Wirbel aus rotem Staub lebte definitiv noch.
    Sekunden, die sich zu Ewigkeiten zu strecken schienen, hing der Junge zwischen den rostigen Zähnen der Bestie, wie eine grausige Kühlerfigur oder eine Jagdtrophäe. Dann rutschte er langsam. Er wurde Stückchenweise unter den Stahl gezogen und verschwand schließlich ganz.
    Der LKW wurde ein wenig langsamer, Darrel nicht.
    Er hielt direkt auf das Fahrzeug zu, steuerte mit einer Hand und zog mit der anderen seine Pistole. Es war eine schwere Waffe, dazu bestimmt dem Gesetz auch in den gesetzlosesten Gegenden Geltung zu verschaffen. Trotzdem, nicht einmal die Hohlspitzgeschosse würden bei dieser Geschwindigkeit eine Wirkung auf die Reifen des LKWs haben. Noch so ein Groschenheftmythos. Das Zerschießen von Reifen in voller Fahrt war alles andere als ein Leichtes. Die Kugeln prallten von den sich schnell drehenden Rädern ab. Außerdem hatten diese Lastzüge oftmals verstärkte Doppelreifen. Doch selbst wenn er all diese Fakten nicht gewusst hätte, Darrel hatte nicht die Absicht dem Bastard nur die Reifen zu zerschießen.
    Die jungen Städter hatte er nicht retten können, blieb also nur sie zu rächen.
    Er ging vom Gas, trat die Bremse und ließ den Wagen herumschleudern. Die Fliehkraft war so groß, dass sich sein Gefährt fast einmal um die eigene Achse drehte. Darrel ließ es geschehen, senkte den Fuß wieder auf das Gaspedal und verfolgte den LKW jetzt auf gerader Linie, schloss schnell auf. Der Mordwagen ließ sich von seinem Verfolger nicht stören. Er lenkte leicht ein, um im weiten Bogen auf seinen ursprünglichen Kurs zurück zu finden. Der Mord an den vier Jungendlichten kaum mehr als ein kurzes Intermezzo, eine heitere Unterbrechung einer ansonsten langweiligen Fahrt durch die Wüste.
    Darrel tauchte in den Schweif aus Staub ein. Spielerisch kam er auf eine Höhe mit der Fahrerkabine. Dieser Vorteil war umso schmerzlicher, da er nicht schnell genug gewesen war um den Kids beizustehen. Das Protokoll sah vor, dass er den Schlepper über den Lautsprecher auf dem Dach anrufen und zum Anhalten auffordern sollte. Doch das würde nicht geschehen. Ein Knopfdruck an der Lenkradarmatur ließ die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter gleiten. Heulend brach der Fahrtwind ins Wageninnere ein und brachte roten Staub, Hitze und brüllenden Motorenlärm mit sich. Mit Zeigefinger und Daumen schob Darrel sich die Schutzbrille vor die Augen, das Halstuch vor Mund und Nase. Die Pistole legte er dabei nicht aus der Hand. Vielmehr klickte er den Sicherungshebel um und die verchromte Schutzkapsel an der Front der Waffe teilte sich und gab den Lauf frei.
    Der LKW stieß nach ihm! Er schwenkte träge aus, ein halbherziger Versuch den Polizeiwagen zu rammen, kaum mehr als ein Büffel, der mit dem Schwanz nach lästigen Fliegen schlägt. Dem Angriff zu entkommen war ein Leichtes, ein kleines Rucken am Lenkrad und das Auto entzog sich dem Stoß. Darrel musste ohnehin etwas Abstand gewinnen um die hoch liegende Fahrerkabine ins Visier zu bekommen.
    Er hob den Arm, zeigte mit der Mündung auf Tür und Seitenfenster des LKWs.
    Er feuerte!
    Die Pistole bockte in seiner Faust, einmal, dreimal, fünfmal, dann ein siebtes Mal. So schnell wie Darrel befähigt war den Finger zu krümmen spuckte sie ihre tödlichen Insassen auf den Schlepper. Ein kleiner Kreis aus silbernen Stanzlöchern entstand dort, wo der Polizist den Fahrer vermutete, dann zeichneten zwei Kugeln Spinnennetze in die dreckverkustete Scheiben. Das Glas zersprang nicht, auch wenn Darrel sicher war, dass seine Munition selbst durch das kugelsicheres Glas gedrungen sein würde.
    Was Folgte untermauerte seine Vermutung.
    Der LKW bremste abrupt ab. Die Kaskaden aus Staub steigerten sich noch einmal. Der Polizeiwagen schoss weiter, während der Laster langsamer wurde. Kreischende Bremsen, in der alles umhüllenden Wolke brach der Auflieger unvermittelt aus, schwenkte nach einigen Metern wieder hinter der Zugmaschine ein, schlingerte in die andere Richtung, drohte für einem Moment zu kippen und fing sich dann. Der Bremsweg war lang doch schließlich kam der LKW tatsächlich zum Stehen. Auch Darrel wurde langsamer, fuhr eine Kurve und näherte sich dem gefällten Monster im Schritttempo. Träge verzog sich die rote Wolke und gestatte nun erstmals einen ganzheitlichen Blick auf das waidwunde Ungeheuer. Die Fracht des Fahrzeuges stellte ein Konstrukt dar, das an einen Tank gemahnte, aber keinerlei Deckel oder Befüllungsöffnungen aufwies. Unter als dem verharschten Schmutz war eine Farbe schwerlich auszumachen, auch wenn Darrel auf irgendetwas in Richtung weißlich tippte. Nun, wo der Motor seines eigenen Wagens, mit dem Langsamerwerden etwas weniger brachial röhrte, konnte er hören, dass von dem LKW ein durchgehender Hupton ausging. Ansonsten zeigte das Vehikel keinerlei Aktivität mehr.
    Der Wagen hielt knirschend auf dem steinigen Boden. Ohne den Blick von der durchgehend hupenden Bestie zu nehmen, schob er ein neues Magazin in die Waffe und wartete auf das kurze Doppelpiepen, welches den korrekten Ladezustand bescheinigte. Dann öffnete er die Tür und stieg aus.
    Er näherte sich zügig aber nicht überhastet, die Waffe in die Armbeuge der angewinkelten Linken gelegt. Sein Blick zuckte zu dem Räumschild, in dessen verbeulter unterer Hälfte Steine steckten. Weiter oben hatte sich etwas verfangen, was von der Größe her auch ein Stein hätte sein können, ihn aber aus entsetzten, wenngleich leblosen Augen anstarrte. Darrel gönnte sich keinen Moment des Ekels. Auskotzen konnte er sich, wenn das ganze hier vorbei war.
    In gemessenem Abstand hatte er die lange Schnauze des LKWs hinter sich gelassen und kam nun auf Höhe der Fahrertür.
    „Hey!“ Versuchte er das Quäken der Hupe zu übertönen, deren Nerv tötendes Monotongeräusch langsam in den Ohren zu schmerzen begann.
    Keine Reaktion. Dort wo die Tür mit dem Rahmen der Kabine abschloss, tropfte es rot heraus. Auf dem Trittbrett hatte sich bereits eine kleine Lache gebildete, auf der sich Staubkörner von gleicher Farbe abzeichneten. Darrel war versucht noch ein Magazin durch die Tür zu jagen, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Ließ es dann aber. Er wollte in seinem Bericht nicht mehr Protokollbrüche verschleiern müssen als nötig.
    Langsam näherte er sich der Seite, Schritt für Schritt. Wäre in diesem Moment das Hupen verstummt, er hätte die Kabine trotz aller Überlegungen zersiebt. Aber das geschah nicht. Quälend dröhnte das Signalhorn vor sich hin. Halb um es endlich hinter sich zu bringen, halb um das Geräusch abzuwürgen, setzte er einen Fuß auf den untersten Tritt, riss die Tür auf und sprang im selben Moment zurück.
    Die Tür schwang auf, etwas zögerlich, da sie durch ihr Alter und das eigene Gewicht schräg in den Angeln hing. Aus dem Inneren der Kabine drang ein erbärmlicher Gestank. Ein Geruch nach altem Schweiß, verbrauchter Luft, Fäkalien, Blut und undefinierbarer, schwerer Süße. Der Fahrer hing zusammengesackt auf dem gewaltigen Lenkrad. Doch nicht sein vornübergebeugter Körper hatte die Hube ausgelöst, wie Darrel es vermutet hatte. Vielmehr war der rechte Arm des Truckers nach oben verrenkt und hing schlaff im Seilzug des Signalhorns. Richtig, diese Wüstenschiffe hatten meist Zughupen der alten Art. Diesen Irrtum seinerseits nahm Darrel jedoch nur am Rande wahr. Zu sehr war er von dem Toten eingenommen. Was war das für ein Typ?
    Der Kerl trug eine Art Schutzanzug, oder eher noch eine Rüstung. Metallplatten schützen den Körper. Rot mit goldenen Applikationen, alles verschnörkelt und verziert. Er wusste nicht woher, doch das Wort „Barrock“ trieb durchs Darrels Geist. Kunstvoll und verspielt, dabei doch aggressiv, wie ein bösartiges Insekt, dessen schillernder Panzer nicht über die Zangen des Kiefers hinwegtäuschen können. Der Tote, dass er tot war verrieten die Einschusslöcher in der Seite, aus denen dunkles Blut träge hervor sickerte, hatte eine Atemflasche auf dem Rücken. Unmöglich sich damit bequem im Sitz zurückzulehnen, er musste permanent vorgebäugt und verkrampft hinter dem Lenkrad gehockt haben. Schwarze Schläuche führten zu einer Maske, die in ihrer Gestaltung an die Fratze irgendeines Fabelwesens oder Dämons gemahnte.
    „Was zur Hölle bist du denn für einer?“ Fragte er den Leichnam durch das dämpfende Tuch vor seinem Gesicht hindurch. Die Leiche blieb ihm die Antwort schuldig. Dass der Fahrer nicht nur den Toten spielte um seinen Angreifer zu täuschen war ziemlich eindeutig. Die abstruse Rüstung hatte der panzerbrechenden Munition des Polizisten keinen wirklichen Widerstand leisten können. Vier der abgegebenen Schüsse hatten ihr Ziel gefunden und da das Blut nur mehr aus den Wunden tröpfelte, stand kein funktionierendes Herz mehr dahinter, welches die Zirkulation vorantrieb. Darrel steckte die Waffe in das Halfter zurück und setzte erneut einen Fuß auf den Tritt. Er drückte sich hoch und lehnte den Oberkörper in die Kabine. Wenn der Tote dieses Atemgerät benutzt hatte um dem selbst fabrizierten Gestank zu entgehen, dann hatte er gut daran getan. Darrel würgte ob der Dünste, die die Kabine beherrschten. Er zerrte am Arm des Toten herum, um ihn aus der Leine des Signalhorns zu befreien. Der leblose, gepanzerte Arm war schwer aber letztlich gelang es ihm und nach Motoren, Schüssen und Hupe war die einsetzende Stille ohrenbetäubend.
    Seine Bemühungen hatten zur Folge, dass der Tote zur Seite kippte und auf ihn zu rutschte. Da Darrel darauf aus war so wenig Körperkontakt wie möglich mit diesem stinkenden Verrückten in Kauf zu nehmen, schwang er sich wie ein Affe zur Seite und ließ den Körper an sich vorbei ins Freie sacken. Hart schlug die Leiche auf und wenn er nicht schon hinüber gewesen wäre, jetzt wäre er es vermutlich gewesen. Denn sein Kopf wurde unnatürlich zur Seite genickt, als er mit dem gesamten Gewicht seiner abstrusen Rüstung darauf landete. Es knirschte unschön. Darrel blickte von Oben auf den Toten und hätte sich gewünscht grimmige Befriedigung zu verspüren, den Mörder der Jugendlichen so entwürdigt zu seinen Füßen zu sehen. Doch die ganze, surreale Situation und das langsam abflauende Adrenalin in seiner Blutbahn, ließen ihn im Augenblick gar nichts fühlen. Das würde heute Abend kommen, wenn er auf der Sache bei einem Whisky herumdachte. Doch bis dahin würde er noch einiges zu tun haben und noch mehr erklären müssen. Er wandte den Blick ab und konzentrierte sich wieder auf die Fahrerkabine. Vielleicht ließen sich Hinweise auf die Herkunft des LKWs finden. So etwas wie Frachtpapiere oder eine Routenliste. Doch seine diesbezügliche Hoffnung schwand schnell. Der Fahrer war ganz eindeutig des Wahnsinns Beute gewesen. Die gesamte Fahrerkabine war mittels Fettkreide mit kantigen, irgendwie bösartig aussehenden Symbolen beschrieben. Jeder noch so kleine Freiraum war damit beschmiert wurden. An der Decke hing ein funktionsuntüchtig aussehendes Funkgerät, von dessen Halterung ein abartiger Fetisch aus Federn, dem verwachsenen Totenkopf eines kleinen Vogel und… Darrel würgte… einem menschlichen Ohr hing. Darum schwirrten Fliegen. Der Wüstencop spuckte bittere Galle in den Fußraum, in dem sich der Müll stapelte. Verpackungen von Notrationen, irgendwelche Buchseiten, Getränkedosen und Essensreste. Nur um die Pedale waren Mulden in diesen Teppich aus Abfall gescharrt wurden. Es bedurfte einiges an aufgebrachter Willenskraft sich weiter nach vorn zu beugen um das Handschuhfach zu begutachten. Dabei fiel ihm die Puppe auf, die ordentlich auf dem Beifahrersitz saß. Absonderlich, dass es bei der wilden Fahrt nicht in den Fußraum gefallen oder wenigstens zur Seite gekippt war. Es war eines dieser billigen Dinger, wie sie Kinder für ein paar Schekel auf dem Rummel gewinnen konnten. Sie war nackt, es fehlte ein Arm und man hatte ihr mit Lippenstift ein breites Grinsen auf das Gesicht gemalt. Irgendwie zog das für Darrel einen dicken Strich unter das Urteil es mit einem komplett Irren zu tun gehabt zu haben. Mehr noch als selbst der Mehrfahrmord und die durchgeknallte Aufmachung des Toten. Er ignorierte das entstellte Spielzeug angestrengt und langte nach dem Handschuhfach, in dem der letzte Funken Hoffnung irgendeine Art von Identifizierung glomm. Das sich der Vorhang bewegte, der die Fahrerkabine von der schmalen Schlafkabine hinter den Sitzen abtrennte, registrierte er zwar, doch seine geschundenen Nerven sahen darin seine eigene Schuld. Zu sehr hatten Körper und Geist sich darüber geeinigt, dass der Kampf erledigt war und dass es nun galt die Scherben aufzufegen. Erst als er das Unendlichzeichen des stummeligen Flintenlaufes sah, blitzte Ärger über die eigene Nachlässigkeit auf. Seine Hand zuckte zur Waffe, der Donner der Entladung kam schneller.
    Die abgefeuerten Läufe spien ihren Inhalt auf den Polizisten und trafen in an Hals und Brust. Seine halb aufgerichtete Haltung, gepaart mit dem Hammerschlag des Treffers, warf ihn zurück und schleuderte ihn aus der Kabine. Schmerzen explodierten in seiner Brust und er bemerkte den harten Aufprall auf der Leiche des Fahrers gar nicht. Er wusste nur, dass er plötzlich im Freien war, in einer Wolke aus Staub und sich mit den Beinen von dem Toten abstieß, was ihn ein paar kümmerliche Meter von der Zugmaschine weg brachte. Er tastete nach seinem Hals und fasste in ein breiiges Schlamassel, dass feucht und sämig an seinen Fingern klebte. Er konnte nicht atmen, als ob er unter Wasser wäre, als ob er Wasser schluckte. Aber das war doch albern, er war in der Wüste. Er wollte etwas sagen, wollte Fluchen, um Hilfe rufen oder seine Verwunderung über alles hier äußern, er wusste es selbst nicht. Doch dem was von seiner Kehle noch übrig war, entrang sich nur ein gurgelndes Stöhnen. Mit verschwimmenden Blick konnte Darrel ausmachen, wie sich im Halbdunkel der Fahrerkabine eine Gestalt abmühte sich zwischen den Sitzen hindurch aus der Schlafnische hervorzuschieben. Diese Person trug auch so einen merkwürdigen Schutzanzug, auch wenn die Verzierungen und die Maske nicht eins zu eins der des Toten glichen. Auch war diese Person zierlicher und etwas kleiner als der leblose Fahrer. Vielleicht eine Frau. Darrel spekulierte darüber, auch wenn ihm klar war, dass er sich eher darüber Gedanken machen sollte, dass er nicht mehr richtig atmen konnte und dass seine Beine kalt und taub zu werden begangen. Er ließ von seinem Hals ab und schob sich halb liegend, halb auf dem Hintern rutschend, ein weiteres Stück von dem LKW und seiner tödlichen Fracht weg. Dabei musste er Blut von dem erschossenen Fahrer mit sich gezogen haben. Es war doch unmöglich, dass die rote Schleifspur von ihm stammte.
    Die Tür der Kabine quietschte, als der Beifahrer sich an ihr fest hielt und mit den schweren Stiefeln Halt auf dem blutnassen Tritt suchte. In der anderen Hand hielt sie eine rostige, noch rauchende Schrotflinte mit abgesägtem Lauf. Als letzte Stufe nutzte sie den Körper ihres leblosen Kameraden. Darrel hatte seine eigene Waffe ziehen und die Frau erledigen können. Doch in seiner Situation kam er gar nicht auf den Gedanken. Er war zu sehr damit beschäftigt dem Tod ein paar weitere, feucht keuchende Sekunden abzuringen.
    Die Frau in der Rüstung versuchte die Schrotflinte zu öffnen, scheiterte aber an dem schlechten Pflegezustand der Waffe. Sie drehte den Oberkörper ein wenig und warf sie zu dem restlichen Müll im Fußraum der Kabine. Ohne Hast machte sie zwei Schritte auf den Polizisten zu, der seinerseits versuchte von ihr fort zu kriechen. Gleichwohl ein reichlich aussichtsloses Unterfangen. Jetzt konnte er den Atem der Frau hören, der vernehmlich durch die Schläuche ihrer Maske rasselte und seine eigenen Bemühungen, Luft in die Lungen zu ziehen, zu verspotten schien. In ihrem hastlosen Schritt ging sie leicht in die Hocke und zog eine lange, boshaft gezähnte Klinge aus ihrem Stiefelschaft. Diese Waffe war ebenso braun von Rost wie die Flinte. Doch die Schneide glänzte in geschliffener Schärfe. Dieses oxidierte Stück Stahl verhieß kein erlösend schnelles Ende und brachte Darrel dazu sich nun doch seiner Waffe zu entsinnen. Er nestelte mit tauben und schlüpfrigen Fingern am Holster herum, bekam den Druckknopf jedoch nicht auf. Eine Tätigkeit, die ihm ansonsten keine bewusste Wahrnehmung mehr wert gewesen war. Es war ohnehin zu spät. Die Frau war heran und kniete sich neben ihn. Ihre behandschuhte Hand ging ebenfalls zum Halfter. Sie drückte seine Hand fast sanft beiseite, schlug sich dann etwas energischer fort, als er seinen Versuch nicht aufgeben wollte. Nicht brutal. Eher wie bei einem störrischen Kind, das die Dummheit der eignen Handlung nicht einsehen wollte. Mit frustrierender Leichtigkeit zog sie Darrels Pistole, besah sie sich kurz und warf sie dann weg. Die Waffe landete etwa zwei Meter weiter im Staub und hätte damit auch am anderen Ende der Wüste liegen können. Die Frau, dass es definitiv eine war konnte Darrel erkennen, wenn er in die Augen hinter den schmierigen, runden Sichtgläser der Maske sah, betrachtete ihn nur. Blickte ihn ausdruckslos an, atmete aufreizend schwer durch den Filter. Selbst ohne das Messer in ihrer Hand hätte Darrel nun keinen Angriff mehr auf sie unternehmen können. Alle Kräfte hatten ihn verlassen, sein Leib war nur noch ein kalter Klumpen Fleisch, die Ränder seines Sichtfeldes wurden bereits grau, die Farbe schien aus der Welt zu tropfen wie der Lebenssaft aus ihm ran.
    „Wa…“ Mehr ein krächzender Laut als ein wirkliches Wort, doch die Frau schien zu verstehen. Sie legte den Kopf schräg und ihr Blick lächelte. Darrel konnte sehen, dass eines ihre Augen rot war, weil Äderchen darinnen geplatzt sein mussten.
    „Warum?“ Ihre Stimme war angenehm, wenn auch durch das Material ihrer Maske gedämpft wie durch Watte. Der Polizist konnte bereits nicht mehr tun, als mit zunehmender Entrückung zu ihr aufzublicken. Alle verbleibende Kraft floss in die Bemühung neben Blut auch etwas Luft einzusaugen.
    Sie blickte auf, als überlege sie oder horche auf ein fernes Geräusch. Dann sah sie flüchtig über die Schulter und zu dem LKW. Das Monster stand stumm da, warf einen scharf geschnittenen Schatten und sein Schiebeschild ließ es grinsen.
    Die Frau sah wieder zu Darrel, hob das Messer und tippte sich mit der Spitze zwei Mal gegen das Sichtfenster über dem blutigen Auge. Das leise Klicken, mit dem der Stahl das Glas berührte, hörte Darrel sogar über dem auffrischenden Wind.
    „Auf roten Rössern bringen wir euch den Wahnsinn.“ Die Worte klangen verträumt, als spräche sie mehr zu sich selbst als zu dem Mann. Letztlich stimme das auch, denn der Verwundete hatte aufgehört zu atmen und lag nun still. Sie lauschte wieder, während ihr Gesagtes vom Wind in die Wüste getragen wurde und sich roter Flugsand an dem Toten fing und seine Konturen bereits dem Land anglich. Die Frau ließ das ungebrauchte Messer wieder im Schaft ihres Stiefels verschwinden und erhob sich. Ohne den Kopf noch einmal nach dem toten Grenzer umzudrehen ging sie zurück zum LKW. Sie nutzte die Leiche wieder um auf deren ursprünglichen Platz zu klettern. Ihre Hand griff nach der Tür und der LKW verschluckte sie.

    Schwarze Abgaswolken aus den aufragenden Auspuffrohren begleiteten das Erwachen des Motors. Der Schlepper ruckte an und beschrieb einen Bogen. Das Hinterrad der Zugmaschine überrollte die ausgestreckten Beine der gepanzerten Leichte und zerquetschte sie, ohne dass sich der Reifen auch nur spürbar hob. Dann passierte der LKW das Polizeiauto, auf dessen Dach noch immer Lichtsignale Aufmerksamkeit einforderten.
    Langsam sein Tempo steigernd, richtete sich die Bestie wieder auf die Stadt aus, die irgendwo hinter dem Horizont liegen musste.

    Story by Kogan und mit Erlaubnis gepostet
    Geändert von FuNi (29. June 2017 um 20:27 Uhr)

  2. #2
    Hintergrundstalker
    Avatar von Abyss
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    Wirklich gut geschriebene Kurzgeschichte. Bin nicht ganz so tief im 40k Fluff drin, aber erst dachte man an Orks, dann an einen Symbiontenkult und am Ende eher an Chaosanhänger. Der Hauptcharakter wirkte auch sehr glaubwürdig.

  3. #3
    Aushilfspinsler

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    Standard Tatzelwurm

    Eine weitere kurze Kurzgeschichte aus der Feder Kogans. Zur Erklärung: Die Geschichte stammt aus dem Hintergrundbereich der Gohmor- Makropole und illustriert eine Epoche in der Geschichte des Planeten, während der Techketzerei regierte und sich die verschiedenen Adelshäuser und verfeindeten Fraktionen mit den kreativsten Methoden gegenseitig die Lebenslichter ausgepustet haben. Der Mechanicus hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Was er bei der Rückeroberung des Planten dann auch getan hat. Allerdings mehr über den Köpfen der Techketzer.



    Tatzelwurm


    Die Lauerposition wurde aufgegeben, die drei Plasmareaktoren fuhren hoch, waren schon bei 87, bei 92 und bei 100 Prozent.
    Die Energiesignatur des Tatzelwurms war nun auf fünfzig Kilometer in alle Richtungen aufspürbar, doch was machte das schon?
    In diesem Lebensraum gab es keinen Räuber, der es mit ihm aufnehmen konnte. Die einzige Gefahr bestand darin, dass die Zielobjekte flohen. Doch da es heute nicht um die Terminierung von möglichst vielen Personen ging, sondern um materielle Zerstörung und eine zweitrangige Extraktion, war dies kein Problem.
    Supreme- Pilot Kara ließ das System Stimulanzien in ihren Kreislauf pumpen, um ihren Körper mit dem Leib des Tatzelwurms zu synchronisieren. Der erzwungene Ruhezustand des Wartens wurde aus ihrem Blut und aus ihren Gliedern gespült. Die anwachsenden Prozentzahlen der Triebwerksleistung hätten genauso gut das Wachsen ihrer persönlichen Leistung darstellen können. Sie blinzelte die Wahrnehmungsbreiche durch. Die Außenkameras zeigten nur ein Gewirr von Kabeln, Schläuchen und Rohren, viele davon zerrissen oder bizarr verdreht. Der Tatzelwurm hatte sich in eine der Versorgungsebenen gefressen und lauerte in relativer Sicherheit.
    Hier also nichts Spektakuläres.
    Die Innenraumkameras zeigten beschäftigtes Technikpersonal, bei letzten Handgriffen an der Maschinerie. Der Startcountdown war bereits eingeleitet und wer nicht in seiner Halteschale saß, wenn die Null genannt wurde, der nahm schwerste Verletzungen oder gar den Tod billigend in Kauf.
    Das elektromagnetische Herz des Wurms pulsierte nun schnell und Kara beeilte sich die ausstehenden Punkte der Checkliste abzuhaken, denn wie die Maschine brannte auch sie darauf endlich wieder aktiv zu werden.
    Alle zweitausendsechshunder Gyrostabilisatoren funktionierten und vibrierten im Gleichklang mit der Energie, die durch die gepanzerten Segmente zitterte. Ein kurzer Blick in die Brutkammer, natürlich nur ein interner Begriff unter Supreme- Piloten, aber deswegen nicht weniger passend.
    In den pneumatischen Halteklammern saßen die zehn Männer und Frauen, seit vier Tagen in ihren Anzügen, unverändert, kaum wach, wartend, brütend. Kara ließ sich ihre Körperwerte einblenden. Einer war gestorben, vor drei Tagen schon. Sein Metabolismus war unter der Zufuhr der Medikamente und Drogen zusammengebrochen.
    Nur einer, eine gute Bilanz.
    Sie strich ihn von der Auflistung und aktualisierte die Berechnungen.
    Der Countdown war bei 10 angekommen.
    Sie überließ die Brüter ihrem Ruhezustand und überprüfte die beiden Seitenpiloten. Lydia schien noch leicht benommen, doch die Stimulanzien taten ihre Wirkung und sie würde voll einsatzfähig sein, wenn es darauf ankam. Alco war das genaue Gegenteil. Zu seiner natürlichen Neigung zur Überdrehtheit, kam die Wirkung der Drogen. Sie konnte sehen das er mehrere Systeme gleichzeitig prüfte und bereits Berechnungen über die optimalste Route anstellte. Hätte sie sich die Mühe gemacht ihre Netzhaut von der Steuerungssicht zu lösen und den Kopf soweit zu drehen, dass sie Alco in seiner Nährstoffblase zu ihrer Rechten sehen konnte, sie hätte ihn in der milchig trüben Flüssigkeit gewiss in dem Geflecht aus Synapsenriemen zucken und strampeln sehen. Sein Enthusiasmus war lobenswert und sie würde ihn nach Missionsende an entsprechender Stelle erwähnen.
    Der Countdown war bei Fünf und sie nutzte die letzten Sekunden um sich noch einmal die Parameter des Auftrags vor Augen zu führen. Es hatte keine Änderung mehr gegeben, der Befehl stand.
    Sie sandte diese Tatsache als Impuls an ihre Seitenpiloten, die ihr mit kurzem Lichtzeichen Bestätigungen auf die Netzhaut übermittelten. Von der Fruchtwasserwärme ihrer eigenen Nährstoffblase umschmeichelt hob Supreme- Pilot Kara die beiden Zeigefinger, als deute sie sacht auf irgendetwas in der Ferne.
    Es war das Zeichen zum Start.
    Durch den Leib des Tatzelwurms ging ein Schauer, die Segmente schüttelten Betonstaub und den selbst verursachten Schutt ab. Kara fühlte diesen Schauer nach, als die Vorfreude und die Befriedigung der abgeschüttelten Tatenlosigkeit am Lack ihrer Professionalität kratzten. Der kleine Finger ihrer Rechten beschrieb eine kreisende Bewegung und setzte damit den Bohrkopf in Bewegung.
    Außerhalb des Tatzelwurms brach jetzt die Hölle los, im Inneren konnten sie nur eine sanfte, fast einschläfernde Vibration fühlen. Sie ballte die Hände zu Fäusten und deutete wieder mit beiden Zeigefingern. Der Tatzelwurm begann sich seinen Weg zu graben.
    Alco stellte ihr die berechneten Routen auf die Netzhaut. Der Weg, wie er dem Befehl als Vorschlag beigelegen hatte, der vermeintlich optimale Weg, wie er von der Logikverarbeitung errechnet wurde und die Route, welche Alco erstellt hatte. Kara wählte Letztere. Nicht um dem Seitenpiloten eine Gunst zu erweisen, schließlich beinhaltete sein Vorschlag 12 Prozent mehr Kollateralschäden, sondern weil er bemerkenswerter Weise einige Stadtstrukturen entdeckt und markiert hatte, die bei ihrer Bewegung den Tatzelwurm aufhalten oder im schlimmsten Fall gar beschädigen konnten. Sie legte das Bild von Alco über die Berechnung der Steuereinheit und ließ die Route anpassen. Lydia informierte sie, dass sie den Tauchpunkt gleich erreicht haben würden und Supreme- Pilot Kara richtete ihre Konzentration auf den bevorstehenden Vorgang. Ihre Handbewegungen wurden nun ausladender, da sie den gesamten Leib des Wurms zu lenken hatte. Ihr Arm zog weiße Schlieren in der Nährflüssigkeit, als sie ihn nach unten stieß und den Tatzelwurm damit den Boden der Wartungsebene aufreißen ließ.


    Die Menschen der Mittleren Ebene 14 08 wandten die Köpfe gen Himmel, beziehungsweise zu dem stählernen Äquivalent dessen, was ihnen der Himmel war. Der Boden der darüber liegenden Ebene überspannte ihre Existenz vom Beginn ihres Lebens bis zum Ende. Das über ihnen ebenso Menschen lebten, liebten, hassten und starben, wie auf ihrer eigenen Ebene des Daseins und der darunter, war mehr eine diffuse und niederdrückende Ahnung als wirkliche Gewissheit. Das ewig Gleiche des vorgezeichneten Seins wurde jedoch erschüttert, als sich das Kreischen von zerreißendem Metall mit dem Dröhnen fallender Betonbrocken, berstender Leitungen und explodierender Transformatoren vermischte. Entsetzt nach oben starrende Gesichter mussten beobachten, wie sich aus dem grauen Firmament der Ebenendecke mit ihren Rostwolken ein mechanisches Ungeheuer von mythischer Schrecklichkeit fraß. Ein gewaltiger künstlicher Wurm, die stählernen Ringsegmente von wimmelnden Ankerbeinen überzogen, der Kopf eine konturlose Masse aus sich drehenden Bohrern.
    Dieser Horror hing mit seinem Leib einen langen Moment aus der aufgerissenen Ebene, pendelte den Kopf hin und her, als wollte er sich orientieren. Dann fiel er in einem Schauer aus Kabeln und verdrehtem Metall vom Himmel. Der Wurm stürzte herab, wandte im Fallen den Leib um ein nahes Hochhaus, rutschte herab und fand schließlich Halt. Die Höllenmaschine wühlte sich in das Gebäude, verschwand darin wie ein Aas fressendes Insekt in einem Leichnam.
    Einen Wimpernschlag lang ließ nur das mehrere Etagen große Loch erkennen was geschehen war, dann sprühten Flammen aus einem Stockwerk, barsten Fensterscheiben als zeichneten sie den Abwärtsweg des Wurms nach und schließlich knickte die strukturelle Integrität des Hauses ein und das Gebäude begann einzustürzen.


    Kara ließ ihre Sicht nur kurz mit der der Außenkameras verschmelzen. Der Tatzelwurm bahnte sich seinen Weg durch Moniereisen, Träger und Stein. Auch durch die Inneneinrichtung der Bewohner und durch die Bewohner selbst. Sie erhaschte einen ungewollten Blick auf Holz und etwas Verdrehtes, dass sich unter der Einwirkung der Bohrer recht schnell in roten Brei verwandelte.
    Sie ging wieder in die schematische Ansicht zurück. Solche unsauberen Begleiterscheinungen ihres Tuns sah sie nicht gerne. Sie bereiteten ihr ein Unwohlsein, dass ihre innere Ausgeglichenheit bedrohte.
    Das Gebäude fiel bereits zusammen und auch wenn das Gewicht der auf den Tatzelwurm wirkenden Schuttmassen nicht ausgereicht hätte die Maschine zu beschädigen, so hätten sie doch verlangsamend wirken können. Der Weg durch das Haus war Lydias Korrektur der Route gewesen, basierend auf Alcos Neuberechnung. Sie hatte ihnen den Weg zu einem der Stützpfeiler erspart, an dem sie sich ansonsten hätten herabgleiten lassen müssen. Das sparte ihnen gute fünf Minuten Weg ein.
    Der Tatzelwurm warf die Straße auf und beschädigte lediglich zwei weitere Gebäude leicht, bevor er in die Wartungsebene unter 14 08 eintauchte und dort weiter seinem Ziel entgegen kroch. Sie würden von unten angreifen, was hieß, dass sie noch einmal die Ebene wechseln mussten. Dazu wählte Lydia eine Straßenzufahrt in einigen Kilometern Entfernung aus. Der Pfad des Wurms wurde von kleinen Beben, ausfallenden Beleuchtungen, platzenden Wasserleitungen und zerstörten Lufttauschern begleitet. Da er sich durch die Wartungsebene fraß, die wie eine Hautschicht zwischen den Wohnsektionen lag, blieben zwar die zivilen Opfer überschaubar, aber wie der Parasit der er in gewisser Weise nun einmal war, zerstörte der Tatzelwurm die Systeme und Organe des städtischen Lebens.
    Der zweite Übergang zu einer der tieferen Ebenen gestaltete sich weniger spektakulär als der Weg durch das Wohnhaus. Der Tatzelwurm glitt die spiralförmige Zufahrtsstraße zwischen den Ebenen hinab, fegte Automobile beiseite als wären sie Spielzeuge und grub sich dann wieder in die Versorgungsebene. Das Ziel war jetzt nah und Supreme- Pilot Kara erhöhte die Temperatur in ihrer Nährflüssigkeit um drei Grad, um maximal entspannt an die Sache heranzugehen. So operierte sie am besten.
    Alco ließ die Waffen warm laufen und Lydia animierte die Insassen der Brutkammer durch Verabreichung von Aufputschmitteln. Das Ziel war jetzt knapp vor und schräg über ihnen.
    Sie hatten um das Gebiet eine Stahlbetonmauer in die Wartungsebene eingezogen um Eindringlinge aus dieser Richtung abzuhalten.
    Der Tatzelwurm brach hindurch, als wäre sie nur aus Sand erbaut.
    Sie waren gleich unter dem ersten Gebäude.
    Die Anzeige vermittelte Kara durch aufblinkende und expandierende Lichtkreise, wo sich akustische Quellen befanden. Die ausufernden Ringe ließen auf Alarmsirenen schließen. Die visuelle Darstellung war weit weniger belastend, als hätte man sich den Lärm auditiv angetan. Das hätte nur die Ausgeglichenheit beeinträchtigt, die jeder Konzentration als Grundlage dienen musste.
    Trotzdem markierte sie die Sirenensignale mit gezielten Blicken und blendete sie aus. Was die Taster des Tatzelwurms jetzt anzeigten waren die Motoren von Fahrzeugen und die Schritte von laufenden Menschen. Sie injizierte sich und ihren Seitenpiloten die vorgeschriebene Dosis Sinnesverstärker und leitete damit den Angriff ein.
    Der Tatzelwurm jagte im rechten Winkel nach oben, durchstieß das Metall und den Asphalt des Bodens und brach in der Mitte des angepeilten Gebäudes heraus. Kara hatte auf Gefechtssicht geschaltet und markierte Ziele, die sich ihr als rote Punkte darstellten. Nach der Einschätzung ihrer Priorität arbeitete Alco die Nummerierung ab und löschte eine Zahl nach der anderen aus.
    Es gab gelinde Gegenwehr, die jedoch kaum dieses Namens wert war. Wo sie den Zaun um das Areal unterlaufen hatten schienen größere Waffen positioniert zu sein und Kara determinierte dieses als übergeordnete Priorität. Lydia korrigierte die Pendelbewegung des Wurmkopfes, der sich aufgerichtete hatte wie eine Kobra und Alco löschte die Ziele mit gewohnter Präzision aus. Nach weniger als zwei Minuten war die unmittelbare Umgebung von Zielen gesäubert. Kara gab das Kommando die Brutkammer zu öffnen.


    Auf dick eingefetteten Kolben senkte sich der Helm herab auf die Halskrause des Anzuges, wurde verriegelt und stieß komprimierte Luft aus, als im Inneren des Anzuges die Eigendruckspähre erzeugt wurde.
    Im gleichen Moment riss Kommandeur Jord Augen und Mund auf, als würde er aus einem Albtraum erwachen. Gierig zog er die Chemie geschwängerte Luft in die Lungen, versuchte sich zu bewegen, aus dem umklammernden Griff des Panzeranzuges zu entkommen. Er konnte sich jedoch nicht rühren, war lebendig begraben in dieser Eisernen Jungfrau aus faustdickem Stahlkunststoff. Er stieß einen entsetzten Schrei aus, da jede Faser seines Körpers auf Bewegung aus war, ihn die Umklammerung des Anzuges aber daran hinderte.
    Es dauerte einige Sekunden, biss er wusste wer er war, wo er war und das er sich darauf fokussieren musste, seinen Herzschlag soweit zu regulieren, dass es nicht mehr den Anschein hatte, als wolle sein Herz die Rippen von innen heraus in Stücke schlagen. Er vollführte die erlernte Atemtechnik und als er sich nach eigener Ansicht weit genug unter Kontrolle hatte, sprach er die Kennung, welche die Befehlssysteme aktivierte.
    Er forderte den Rapport über seine Leute ein. Zett war verstorben, multibles Organversagen. Die Liste war bereits aktualisiert wurden, aber Jord passte die eingespeicherten Angriffsschemata an, bevor er die Herzfrequenzen seiner verbleibenden Leute überprüfte. Die Kurven waren eng gezahnt, was auf die Kampfdrogen zurückzuführen war. Aber niemand schien akut von einem Dosis bedingten Schock oder Zusammenbruch zu stehen.
    Jord sprach einen Zahlencode, welcher Einsatzbereitschaft abbildete.
    Vom Cockpit kam eine ebenso verkürzte Bestätigung.
    Wie der Helm vor ihm, wurde nun Jords Plesonautgewehr auf Kolben herabgelassen und verharrte auf Höhe seiner Brust. Die Teamanzeige des Netzhautdisplays wurde um die taktischen Anzeigen erweitert und der Status des Anzuges sprang von Rot auf Gelb um. Jord hob die Arme und griff mit gepanzerten Fingern nach dem Gewehr. Die Waffe hätte ein ausgewachsener Mann wohl kaum anheben können. Unter Zuhilfenahme des Anzuges war ihr Gewicht praktisch nicht existent. Ringsum taten es ihm die anderen gleich. Einbetonierte Menschen, die durch das T ihrer kleinen, verspiegelten Sichtscheiben starrten, die dank ihrer Form wie Totenkopfgesichter in der Kuppel des Helmes aussahen.
    Der Einsatzbefehl kam.
    Die Anzeige wechselte von Gelb auf Grün und den Anzügen wurde volle Energie zugeleitet. Die Wände brachen auf und die Ruhe der Kammer löste ein Bild der Zerstörung ab, welches der Tatzelwurm gemalt hatte.
    Wie aufgefädelte Puppen oder Erhängte schwangen sie leicht vor und zurück, als die Haltegestelle sie mit mechanischer Rucklosigkeit ins Freie beförderten, die schräge Position des Wurmes ausglichen und sie fast schon sachte abluden. Die Semi- Servomotoren der Anzüge übernahmen es nun das Gewicht zu tragen und als sich die Klammern um ihre schultern lösten, stapften sie voran wie Taucher, die sich durch zähflüssiges Gel bewegten. Dieses Schreiten fühlte sich sonderbar an. Die Aktionen des Anzuges folgten zwar dem Willen seines darin gefangenen Trägers, aber es war gleichzeitig so, als würde Jord in die Bewegungsabläufe gezogen und gezwungen, auch wenn er diese dem Anzug selber vorgab.
    Letzten Endes war das aber egal. All die Unannehmlichkeiten und unschönen Eindrücke waren nur zeitlich bedingt. Ein Ende war abzusehen und dann lockte wieder der von Drogennebeln umschleierte Schlaf der Glückseligkeit.
    Um sie her war Feuer und Verwüstung, doch die Szenerie wurde vom Helmdisplay entschärft, ihre Grausamkeit weichgezeichnet. Der Brandgeruch drang nicht an seine Nase, die Schreie, Schüsse und Explosionen waren nur ein gedämpftes Hintergrundgeräusch, kaum der Rede wert.
    Jord hob den Arm und wischte einen verdrehten Stahlträger zur Seite, der kippte und eine halb eingestürzte Ziegelmauer vollends zum Einsturz brachte.
    Es sah aus als bewege sich sein Arm dabei träge, wie der eines Schlafwandlers. Aber das lag natürlich an den Kampfdrogen, die seine Wahrnehmung beschleunigten und seine Umwelt bizarr verlangsamt erscheinen ließen.
    Sie schritten aus der Ruine heraus, Jord voran, seine acht Kameraden hinter ihm. In ihrem Rücken ragte der Tatzelwurm auf, schwang seinen Bohrerkopf gleich einer Kobra von einer Seite zur anderen und die Seitenkuppeln, knapp hinter dem Bohrkopf spien von Zeit zu Zeit rot glühendes Laserlicht.
    Jord befahl eine Rautenformation, als sie offenes Gelände erreichten. Um die Ruine des Backsteinbaus herum lagen nur Trümmer und verdrehte Leichen. Weiter voraus jedoch formierten sich Feinde, wurden von einer Wand aus schwarzem Rauch verdeckt, von der Zielerfassung aber gnadenlos mit roten Kästchen umrahmt. Er hob seine Waffe, die Mechanik korrigierte für ihn den Schuss. Als sie ihm durch ein Brummen, dass sich bis in seine Zähne fortpflanzte, anzeigte, dass er treffen würde, drückte er ab. Ein goldgelber Energiestrahl stach durch den Rauchschleier. Das Kästchen erlosch und er schwenkte auf das nächste um, sorgte dafür, dass auch dieses weg war. Seine Leute taten es ihm nach. Sie arbeiteten wie eine Maschine, gingen die Ziele von außen nach innen ab und vernichteten sie. Dabei verlangsamten sie ihren Schritt nicht.
    Es handelte sich hier wohl um ein Kasernengelände oder irgendeine andere militärische Einrichtung, nicht das Jord das wirklich interessiert hätte oder das es von Wichtigkeit gewesen wäre. Ihm fiel nur auf, dass die Toten, die er unter seinen klobigen Stiefeln in klebrigen Schlamm verwandelte, rote Uniformen trugen.
    Das Ziel ihrer Mission blinkte als Icon auf dem Display. "Erreichen und extrahieren" stand darüber geschrieben und genau das würden sie tun.
    Aus dem verwirbelten Rauch kam eine Rakete auf sie zugeflogen, raste über sie hinweg und setzte einem bereits vom Tatzelwurm geschundenen Backsteingebäude weiter zu. Eine zweite schlug zwischen ihnen ein, erblühte in einer schmutzig roten Blüte und ließ harmlose Schrabnellsplitter gegen sie prasseln wie geworfenen Sand. Ein drittes Geschoss fand ein Ziel, Saja war es wohl. Die Blüte expandierte direkt auf der Brust ihres Anzuges, verhüllte sie für eine Sekunde.
    Als sich der Feuerball verzogen hatte richtete sich Saja aus dem Kniefall auf, in den der Treffer sie gezwungen hatte. Sie feuerte gleißendes Gold auf die Quelle des Raketenbeschuss ab und nahm dann ihre Position in der Raute wieder ein. Kugeln und Laserschüsse gingen inzwischen auf sie nieder wie Regen und waren genauso wirkungsvoll. Der deckende Rauchvorhang war fortgeweht und erlaubte ihren Zielen sich der Illusion hinzugeben, sie könnten etwas gegen sie ausrichten, nur weil sie sie nun sahen.
    Jords Trupp stapfte unbeirrt weiter. Zwischen ihnen und dem Ziel lag nur noch ein dreistöckiges Ziegelhaus, vielleicht ein Unterkunftsgebäude. In jedem Fenster flackerte Mündungsfeuer auf. Unterstützend kam ein leichtes Panzerfahrzeug dazu, dass in schneller Fahrt auf sie zu hielt. Jords Logikverarbeiter stufte das Lasergeschütz im Turm des Halbkettenfahrzeuges als reale Bedrohung ein. Doch noch ehr er selber reagieren konnte zuckte ein gelber Speer aus den Reihen seiner Leute in Richtung Fahrzeug und brannte ein unspektakuläres Loch hinein. Der Wagen explodierte nicht, ging nicht in Flammen auf oder kippte in voller Fahrt um. Er blieb schlicht stehen und sein Gefechtsturm hielt darin inne, sich auf sie auszurichten. Um sicher zu sein jagte Jord zwei weitere Schüsse in die Flanke des Fahrzeuges, während seine Leute bereits damit beschäftigt waren die Schützen in dem Haus zu dezimieren. Wenn diese sich hinter Ziegelmauern abhockten brachte ihnen das ungefähr soviel Deckung ein, als hätten sie sich hinter Papierwänden geduckt.
    Das Gebäude zu umgehen hätte bedeutet Zeit zu verschwenden, also gingen sie hindurch. Buchstäblich!
    Jord walzte durch die Mauer, brach durch roten Steinstaub, riss ein Wirrwarr aus verdrehten Rohrleitungen mit sich und kippte ein Regel um. Im Inneren des Hauses brannte es bereits. Vielleicht durch ihren Beschuss, vielleicht durch den des Tatzelwurms. Ein Toter hockte an der Wand, den Kopf unnatürlich verdreht, der Helm in seinem Schoss, ebenso lächerlich nutzlos wie das Gewehr in seiner schlaffen Hand. Unaufgeregt brach sich Jord weiter Bahn, schlug eine Bresche in die nächste Wand, hinter der dein grün gekachelter Duschraum lag. Dann kam ein Flur. Auf diesem wurde er von der Seite angegriffen, auch wenn es natürlich so etwas wie Seiten für sein Blickfeld nicht wirklich gab, da das Helmdisplay ihn mit 360 Grad Sicht versorgte. Der Mann schaffte es dennoch schneller zu sein als die Zielerkennung, die durch den fallenden Schutt und den Staub im Moment überfordert war. Der Mann war blutüberströmt, hatte den Mund weit aufgerissen, schien zu schreien.
    Er schwang ein Kettenschwert in der Rechten, der linke Arm hing schlaff und nutzlos an einigen Fetzten Sehnen und Haut. Die Klinge schlug gegen Jods Helm, für ihn im Inneren als leises „Pling“ wahrzunehmen. Funken sprühten, die wirbelnden Zähne der Waffe fanden keinen Halt, keinen Angriffspunkt auf dem Anzug und rutschten daran ab. Der Mann wollte ein weiteres Mal ausholen, doch Jod schlug ihn mit der Rückhand beiseite wie eine lästige Fliege und wie eben solch ein Insekt wurde er zerquetscht. Seine Brust wölbte sich nach Innen, er fiel und sein Kettenschwert tanzte und hüpfte noch ein wenig am Ende seines leblosen Armes über den Boden.
    Das Gebäude wurde passiert, neun Löcher kündeten von ihrem Weg.
    Vor ihnen lag ein weiteres Haus, zweiflügelig und mit einem kleinen Turm über dem Eingang. Die genaue Funktion interessierte Jord genauso wenig wie jeden anderen aus seinem Team. Ihn interessierte nur, dass sein Display das Zielicon darüber legte und dass die einzige Gegenwehr hier aus den beiden Soldaten vor dem breiten Haupteingang bestand, die von zwei Schüssen vom Leben zum Tod befördert wurden.
    Sie hatten den halben Weg über den Vorplatz zurückgelegt, als sich zeigte, dass der Gegner doch noch ein letztes Aufgebot ins Spiel werfen konnte.
    Um die Ecke des Gebäudes kam ein etwa acht Meter hoher Panzerriese gespurtet.
    Ein automatisierter Frontautomat der letzten Generation, wie er oft noch im Garnisonsbetrieb eingesetzt wurde. Die Gestalt war humanoid, aber Arme und Beine wirkten zu lang, proportional zum Rumpf und kleinen Kopf.
    Er war schnell!
    Bereits um die Ecke herum und dicht bei ihnen.
    Seine Unterarm und Torso- Gatlings spuckte einen Leuchtspur durchwirken Strom unter sie, fräste Garben von Kratern in ihre Anzüge, ohne ihnen bei derart ungelenken Beschuss wirklich gefährlich werden zu können.
    Plesonautfeuer war die Antwort. Dieses ließ Panzerung wie Wachs von den Protektoren des Riesen tropfen, schaffte es jedoch nicht tiefer einzudringen. Die Kampfmaschine war mit einem Satz zwischen ihnen, trat Saja, der heute kein Glück beschienen zu sein schien, einem Fußball gleich, davon und in das Gebäude, durch welches sie soeben Tunnel gebrochen hatten. Siers wurde von dem niederstampfenden Fuß, der Saja gerade auf eine unfreiwillige Reise geschickt hatte, an den Boden gefesselt. Das hinderte Siers nicht daran stoisch Schuss um Schuss in den Panzerriesen zu pumpen. Der ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken, langte nach unten und ergriff Feddix, der vor ihm gestanden hatte und feuerte was seine Waffe hergab. Der Riese legte einen dreigliedrigen Greifer um ihn und riss den Anzug in einer flüssigen Bewegung an der Hüfte in zwei Teile. Schwarze Servoflüssigkeit und Blut vermischten sich.
    Feddixs Name wurde auf der Liste auf Jords Display ausgegraut.
    Jord glich die Formation den neuen Bedingungen an und feuerte dabei sein Gewehr ab, bis der Lauf zu glühen begann. Die anderen taten es ihm gleich, bemühten sich dabei die angeordnete Formation einzunehmen und den Panzerläufer mit konstantem Beschuss einzudecken, klein zu kriegen.
    Der schien eine Methode gefunden zu haben mit seinen Feinden besser fertig zu werden als durch den unbefriedigend ineffizienten Beschuss durch die Schnellfeuerkanonen.
    Schon streckte er den Greifer nach einem weiteren Mitglied von Jords Team aus. Einer der drei Finger war durch die Einwirkung der ultrahoch erhitzten Materie ihrer Waffen verformt und zusammengeschmolzen, doch das würde die brutal einfache Effektivität seines Vorhabens nicht mindern.
    Als die Maschine den Oberkörper leicht beugte um sich einen der unablässig weiterschießenden Feinde zu greifen, traf ihn ein mannsdicker roter Lichtstrahl.
    Dieser verdampfte die rechte Seite des Panzerriesen, der einen hohen Ton ausstieß, der nach einem schrillen Schrei klang und sogar Jords Schallisolierung zu durchdringen vermochte, ganz so als spürte die Maschine die Verletzung, die ihr beigefügt wurden war. Der Gigant richtete sich wieder auf und schwenkte den Oberkörper in Richtung der neuen Bedrohung. Ein zweiter Schuss löschte den Panzerriesen aus und ließ nur die staksigen Beine und einen Teil des Hüftgelenks zurück. Dieses fiel wie in Zeitlupe nach hinten, als Siers den Fuß wegstemmte, der noch immer auf ihm ruhte, aber dem jetzt keine Kraft mehr innewohnte.
    Jords Rundumsicht offenbarte ihm, dass es der Tatzelwurm gewesen war, der sich einige Sekunden Zeit genommen hatte und ihrer Verzögerung mit zwei Schüssen seiner Kuppeln abhalf, bevor er sich wieder seinem eigentlichem Zerstörungswerk widmete.
    Auch Saja schloss wieder auf. Sie hinkte, hatte den unfreiwilligen Flug ansonsten jedoch so weit überstanden, dass sie die erlittenen Verletzungen mit schmerzstillenden Verabreichungen kompensieren konnte.


    Der Trupp drang in das Gebäude ein und arbeitete sich zum Ziel vor. Es gab noch vereinzelten Widerstand, gleichsam verbissen wie nutzlos. Endlich sprengte Jord mit seinem Körper die Türen auf, hinter denen sich das Zielobjekt befand. Das grüne Icon drehte sich verheißungsvoll über dem Kopf eines Mannes, welcher hinter seinem umgeworfenen Schreibtisch Deckung gesucht hatte und den Inhalt einer Pistole gegen sie verschwendete. Jord machte zwei Schritte in den Raum hinein und hob den linken Arm. Ein grauer Klumpen schoss aus dem Sprühspender auf seinem Handrücken hervor. Das Gewirr dehnte sich im Flug aus, klatschte schwer gegen den Oberkörper des Mannes, der promt von den Beinen geholt wurde.
    Kurz strampelte er noch, doch als sich der Paralyseleim verhärtete, musste er seine ganze Kraft auf das Atmen verwenden. Jord ging zu ihm, schob den Schreibtisch beiseite und packte den Mann im Genick.


    Supreme- Pilot Kara bekam das visuelle Signal, dass die Mission erfolgreich abgeschlossen wurden war. Sie lächelte und beorderte die Brüter zurück. Sie gönnte es sich die Temperatur um ein weiteres Grad zu erhöhen.
    Ein befriedigend erfolgreicher Morgen.

    Story by Kogan

  4. #4
    Blisterschnorrer

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    Geil bitte mehr von diesen Geschichten, die sind sehr gut geschrieben.

  5. #5
    Aushilfspinsler

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    Danke für das Lob, ich habe es weitergeleitet. Die Geschichten sind Teil des Forums (Hier mal genauer beschrieben), manchmal aus dem Hintergrundbereich, manchmal posts aus Abenteuerverläufen. Ich durchforste fleißig alles und lade die Sachen hoch, die auch als Kurzgeschichten funktionieren oder ohne allzu große Kontexterklärung funktionieren. Mehr wird also folgen.

  6. #6
    Testspieler

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    Wer ist Kogan? Die zweite finde ich ganz gut, Schreibstil ist bei beiden top. aber die erste war etwas langweilig, für meinen Geschmack schon zuviel Detail Szenerie Beschreibung. Warum Kurzgeschichten? Wenn man so gut Schreiben kann, dann wäre doch mal ne richtige Story angebracht. Kurzgeschichten hören immer auf wenns grad spannend wird.

  7. #7
    Aushilfspinsler

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    Kogan ist der Chefobaboss von unserem Forum. / Ich finde die Geschichte mit dem LKW besser, weil mir der Aufbau der Szenerie besser gefällt, aber das ist natürlich Geschmackssache. Warum er keine längeren Gesichten schreibt kann ich dir auch nicht sagen, wäre aber ne coole Sache.

  8. #8
    Aushilfspinsler

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    Für das folgende Fragment muss ich etwas infodump. Allerdings interpretiere ich auch nur und kann Sachen nur so angeben wie ich sie meine verstanden zu haben. Also: Alle bisherigen Geschichten (wie auch diese) spielen auf der Welt Koron 3, wenn auch zu verschiedenen Zeiten und logischer Weise aus der Sicht verschiedener Personen und Fraktionen. Meiner Interpretation nach, gab es auf der Welt, vor der Besiedlung durch Menschen, eine einheimische Schlangen/Echsen- Rasse,die die Chaosgötter und ihre eingen Schlangengötter angebetet hat und von den menschlichen Siedlern später vernichtet wurde. "Der Anfang" stammt aus der Hintergrundsektion Rasankurs, was die verborgene Niederlassung der Chaosanbeter auf Koron 3 ist. Den Teilhabe ich nur mit rein genommen, weil er das anschließende "Ritual"verständlicher macht. Viel Spaß damit. (Prä- Astronautik geht auch andersrum Herr Däniken )

    Die Platten von Ninkai befinden sich heute im Palast von Rasankur. In einigen Quellen heißt es, man habe sie als Kriegsbeute mit in die Stadt gebracht, in anderen Aufzeichnungen ist davon die Rede, dass sie ein Geschenk gewesen seien. Die Darstellungen auf diesen schwarzen Schieferplatten sind ungewöhnlich. Die Kunst des Hochreliefs ist in Vollendung ausgeführt, aber die sehr stilisierten Darstellungen entsprechen keiner der bekannten Kunstepochen Rasankurs. Auch die Keilschrift der alten Tage fand keine Verwendung, sondern eine Piktogrammsprache, die sich nicht als Reinfolge eines geschriebenen Textes präsentiert, sondern ein Gemälde bildet,dessen einzelne, symbolisch verallgemeinerte Szenen gelesen werden können. In der Tat findet sich Ähnliches auch in ältesten rasankurischen Bild- und Schriftwerken. Allerdings gehen diesen die Kunstfertigkeit der Ninkai Platten um Längen ab. Es mutet an, als haben die frühen Menschen Rasankurs viel mehr versucht die Machart der Platten zu imitieren, woraus sich später der eigene Stil der rituellen Rundschrift herausgebildet hat. In der Tat ist es auch eine solche frühe Keilschrift, welche den Inhalt der Darstellung entschlüsselt. Eine Urlegende, die die Erschaffung der Welt und der Menschen beschreibt. Die Richtigkeit dieser Übersetzung, des Codex von Ninkai, kann heute leider nicht mehr überprüft werden und muss daher so hingenommen werden.


    Der Anfang

    Die Welt ist da und sie war es schon immer.
    Die Welt derer die sterben können und die Welt derer, die nicht sterben,die aber vergessen werden können.
    Die Götter sahen die Welt und fanden sie leer und ohne Zerstreuung.
    Also nahmen sie die Schlange zu ihrer Freude. Der Wissende gab ihr das Wort und richteten sie auf bis zum Bauch.
    Dieses erste Wesen nannten sie Namad.
    Das Wort aber sollte sie im Namen der Götter führen, sie lobpreisen und verherrlichen. Das tat Namad und war glücklich, die Namen der Götter zu kennen und sie von den Bergen über das Land rufen zu können.
    Der Prinz des Verlangens aber, der ein schelmischer Gott ist, dem es stets nach Vergnügen dürstet, langweilte es, dass Namad Tag ein Tagaus auf die Berge kroch und den Göttern huldigte. Also stieg er zu ihr herab, als sie schlief. Als ein warmer Lufthauch strich er über die Schuppen ihres Leibes und hauchte ihr die Lust ein. Als sie erwachte, da verlangte es Namad nach der Befriedigung ihrer Lust und sie wandte und drehte sich im Sand und versäumte es auf die Berge zukriechen und die Götter zu preisen. Erzürnt kamen sie über Namad und verlangten zu wissen, warum sie ihre Pflicht vernachlässigte.Sie aber sagte ihnen, dass sie von einer großen Lust erfüllt sei,die sie nicht befriedigen könne.
    Da gaben ihr die Götter zwei Arme und an den Armen saßen Hände mit Fingern, mit denen sie ihr Verlangen stillen sollte. Namad tat dies und der Prinz sah ihr mit gieriger Freude dabei zu.
    So von ihrer Qual befreit kroch Namad auf die Berge und rief die Namen der Götter, die neuen Arme und Hände gen Himmel gereckt.
    So ging es lange, bis den Prinzen wieder die Langeweile befiel.
    Wieder strich er über die schlafende Namad. Dieses mal war er jedoch drängender und begnügte sich nicht nur mit der Liebkosung des Windes. Erst als die Schlafende vor Wonne schrie, ließ er von ihr ab, zufrieden mit seinem Streich.
    Am nächsten Tag kamen die Götter wieder zu Namad um zu wissen, warum sie ihrer Aufgabe nicht nachkam. Sie aber sagte ihnen,
    Wie kann ich tun was ihr verlangt, wenn die Lust mich schier zerreißt und ich ihr nicht beikomme, egal was ich tue. So ich euch preisen soll, macht mir etwas, das mir Befriedigung schafft.“
    Da nahmen die Götter einen ihrer giftigen Zähne, mit dem sie Tiere fing um sich zu nähren. Sie kehrten ihn um und formten darum eine Gestalt, die Namad glich, nur unterschieden von dem aufragenden Dorn,der ihr Befreiung schaffen sollte. Dieses Wesen aber war Namar und er war Namad Untertan und diente ihre Lust zu befriedigen.
    Der alte Vater, der Gott des Vergehens und des neuen Werdens war, sprach aber zu den anderen Göttern. "Wie kann es sein, dass die anmaßende Namad von uns fordert, wo sie doch allein gemacht wurde uns zu preisen. Nun hat sie einen Diener, der ihre Begierde stillt und mit dem sie sich bei Tag und Nacht vergnügt, so dass ihre Loblieder ihr nur lästige Unterbrechung sind. Ich will ihre Freude mindern und aus ihrem Tun soll ihr nicht nur Labsal sondern auch Schmerz entspringen."
    Als Namad und Namar in der nächsten Nacht beieinander lagen, die Leiber innig verschlungen und der Dorn tief versenkt, da kam der alte Vater zu ihnen und ließ den Giftzahn sein Gift verspritzen. Bald schon fühlte Namad sich krank und schalt ihren Diener Namar, dass er sie krank gemacht hätte. Sie blähte sich auf und als die Pein am größten war, da wimmelten Schlangen aus ihr hervor. Nicht in Eiern,wie es bei den Schlangen der Wälder war, sondern lebendig und wie Namad und Namar, mit Armen zu greifen, einer Zunge zu sprechen und zwei unterschiedlich in ihrer Art, dass sie sich miteinander vergnügen mögen.
    Sie schwärmten davon und bevölkerten das Land.
    Da sie nun geheilt war, ergriff wieder die Lust von Namads Leib Besitz und so ging es lange Zeit und die Frucht ihres Tuns brachte mehr und mehr ihrer Kinder in die Welt.
    Diese wussten nichts von den Göttern und sie kannten nur ihre Mutter und ihren Vater.
    Sie türmten Steine übereinander und stellten Abbilder von Namad auf,und huldigten ihnen.
    Das sah Namad von den Bergen aus und dachte bei sich.
    Ich bin eine, die die Götter preist. Mich aber preisen unzählige meiner Kinder. Bin ich dann nicht größer als jeder der Götter?“
    Also vernachlässigte sie ihre Aufgabe und bald schon ließ sie ganz davon ab und erging sich nur noch im Akt mit Namar und selbst ihren Kindern und ließ sich von ihrer Nachkommenschaft verherrlichen.
    Das sahen die Götter mit Grimmen und der Blutige sprach zu den anderen.„Da seht ihr, was eure Milde gebracht hat. Hochmütig sind die Kinder Namads und vergessen haben sie unsere Namen. Ich will sie lehren unser zu gedenken.“
    Als Sturm und roter Regen ging der Blutige über das Land hinweg und wo er die Kinder Namads streifte, da wurden ihre Hände zu langen Sicheln von Horn. Keiner vermochte mehr einen Stein zu behauen und auf einen anderen zu setzen. In die Herzen der Kinder drang der Zorn ein und einer beschuldigte den anderen Ursache zu haben an dem Geschehenen. In blankem Hass schlug sie mit ihren Sichelarmen aufeinander ein und töteten sich in ihrer Raserei. Das sah Namad von den Bergen aus und sie weinte vier Tage und vier Nächte. Ihre Tränen rannen den Berg hinab, vermischten sich mit dem Blut ihrer Kinder und sammelte sich in den Tälern. So kamen es das die Welt Meere bekam,die die Berge voneinander schieden. Die Kinder, die sich noch nicht gegenseitig getötet hatten, waren nun von den Wassern getrennt und als sie ihre Mutter so weinen sahen, da besannen sie sich und töteten nicht länger. Wohl aber lebte die Gier nach dem Blut anderer in ihnen fort und sie wurden grausam.
    Da sie ohne Hände nicht länger in die Höhe bauen konnten, gruben sie sich in die Berge hinein wie Würmer und lebten im Dunkel.
    Die Götter kannten sie nun und beteten zu ihnen aus Furcht. Aber sie hassten sie auch und stellten ihre Mutter und selbst ihren Vater über sie.
    Die Götter sagten, „Die Kinder von Namad und Namar fürchten uns und bringen uns Opfer dar. Aber lieben tun sie nur ihre Mutter und ihren Vater. Sie sind uns nicht gefällig.“
    Ein jeder beschuldigte nun den anderen als Verursacher.
    Der Wissende hätte ihr nicht das Wort geben dürfen, der Prinz sie nicht mit Verlangen erfüllen, der alte Vater sie sich nicht vermehren lassen sollen und der Blutige sie nicht den Hass lehren.
    Alle waren sich einig, dass man sie vernichten müsse. Doch wer immer sich dazu erboten hätte, der hätte den Fehler für sich eingestanden und so geschah lange gar nichts, während sich die Götte stritten.
    Dann sprach der Wissende „Wir wollen die Kinder Namads nicht von eigener Hand tilgen, sondern andere dafür zu unserem Werkzeug machen.“
    Aber wen sollen wir dafür nehmen? Noch einmal ein Tier aufrichten, dass wollen wir nicht, denn es würde wieder werden wie Namad und sich von uns abwenden.“
    So reden sie hin und her und wenn einer etwas vorschlug, so wussten die anderen warum es nicht gehen konnte.
    Namad saß auf ihrem Berg und hörte die Götter miteinander Rat halten.
    Sie wollen also meine Kinder tilgen.“ Sprach sie bei sich. „Ich will es ihnen verleiben und meine Nachkommenschaft vor ihnen verbergen.“
    Sie erhob sich auf ihrem Leib und reckte sich zu voller Größe auf. Weit renkte sie den Kiefer, wie es alle Schlangen vermögen und mit einem Biss verschlang Namad die Sonne, so dass sich Kälte und Nacht über die Welt legten und die Dunkelheit ihre Nachkommen verbarg.
    Trotz der Sorge um ihre Kinder, konnte Namad den Fluch der eigenen Lust jedoch noch immer nicht bezwingen. Viel mehr verstärkte die feurige Glut der Sonne in ihrem Leib das Verlangen noch. Also ließ sie Namar kommen, dass er ihr beiwohne. So vergnügten sie sich in der Finsternis und als sie in wonniger Ekstase aufschrie, da entkam die Sonne ihrer Kehle und stieg zurück ans Firmament. Gleich raffte sich die große Schlange auf und setzte ihr nach, verfolgte sie über die Berge und durch die Täler hinweg und verschlang sie endlich aufs Neue. Dies wiederholt sich seit dieser Stunde und so kamen Tag und Nacht in die Welt.
    Inder Nacht sahen die Götter zum Himmel und dort erblickten sietausende Lichter.
    Wir können die Kinder Namads nicht mit einem Ding der Erde bezwingen.“Sprachen sie.
    Lasst uns daher ein neues Volk aus den Sternen machen. Aber gleich wollen wir sie mit all unseren Gaben beschenken und sie danach nach unserem Willen formen."
    So nahmen sie die Sterne und erschufen daraus ein Wesen, dass sie Mensch nannten. Auf Sternenlicht fahrend und in feurigen Barken sitzend,kamen die Menschen auf die Welt herunter.
    Sie hatten mächtige Waffen, hatten Diener aus Eisen und Licht und waren voll Stolz.
    Aber sie waren auch dumm.
    Obwohl sie die Gier nach Blut in sich trugen waren sie dumm und kannten nicht den Namen des blutigen Gottes.
    Obwohl sie das Wort auf der Zunge trugen waren sie dumm und kannten nicht den Namen des wissenden Gottes.
    Obwohl sie das Werden und Vergehen in sich trugen, jung geboren wurden und im Alter starben, waren sie dumm und kannten nicht den Namen desalten Vaters.
    Obwohl sie die Lust aufeinander in sich trugen und einander oft beiwohnten,waren sie dumm und kannten nicht den Namen des Prinzen der Lust.
    Sie waren nicht hochmütig geworden, wie Namad, sie waren hochmütig geboren.
    In ihren Schiffen stiegen sie vom Himmel herab und meinten alles sei ihnen Untertan und sie seien nun die Herren der Welt.
    Die Götter sahen dies und lachten.
    Wenn Namad die Sonne verschlang und die Menschen im Schlaf lagen, dann kamen die Götter zu ihnen und flüsterten ihnen in die Ohren. Waren sie am nächsten Tag wach, so klangen die Worte der Götter und ihre Namen in ihnen nach. In der Welt der Träume offenbarten sich die Götter und die die sie verstanden, waren nicht mehr dumm, sondern konnten sehen.
    Ihre mächtigen Waffen richteten sie gegen die Kinder Namads, wenn diese aus den hohlen Bergen krochen. Aber sie wandten sie auch gegeneinander um die Wissenden von den Dummen zu befreien.
    Sie rissen den Dummen die Herzen heraus und reckten sie den Göttern entgegen, denen das sehr gefiel. Bald war überall auf der Welt Kampf und Lust und die Schädel der Menschen und der Kinder Namads türmten sich zu hohen Bergen auf. Und die Menschen zerbrachen ihre mächtigen Waffen im Kampf und zerschlugen ihre Himmelsbarken und sie rissen sich gegenseitig die Herzen heraus und schlachteten sich. Die Götter waren damit sehr zufrieden und sagten. „Nun haben wir die Welt wie wir sie wollten und unsere Namen werden geschrien, geflüstert, gestöhnt.
    So ist es gut.“

    "Ritual"behandelt eine Dienerin des Slaanesh, die mit ihrer kleinen Dienerschaft in die Wüste zieht, um dort, wer hätte es gedacht, ein Ritual durch zuziehen. Wieso und weshalb würde an dieser Stelle zuweit gehen und zu ausschweifend werden. Darum hier nur das Ritual.(Ich hatte überlegt, ob ich es poste, weil es nicht ganz jugendfrei ist (es ist eben ein Slaanesh- Ritual) aber auf der anderen Seite werden in den meisten Geschichten ja auch Menschen in rauen Massen abgeschlachtet und es ist okay. Also passts schon, denke ich.
    Ritual

    Die Toten stehen aufrecht, im Tal des namenlosen Flusses.

    Neun Carnaks suchten sich ihren Weg vorsichtig durch die anbrechende Dämmerung. Die Tiere schnaubten nervös und nur jene, die blind und taub waren und nicht wussten, was das Tal des namenlosen Flusses war,schoben diese Nervosität allein auf den trügerischen Untergrund.
    Mandias hatte protestiert und darauf bestanden wenigstens ein paar Gewehre mitzunehmen, denn das Tal war auch für die gefährlich, die ihre geistige Gesundheit ganz hinter den Schutzwall der Rationalität zu retten versuchten. Rotten der degenerierten Verteidiger suchten hier zuweilen Zuflucht und waren diese Wesen in den Jahrhunderten auch zu feigen Kreaturen herabgesunken, so mochten sie in genügend großer Zahl doch zu einem Angriff bereit sein. Wohl dem, der dann ein Sturmgewehr mit sich führte.
    Doch Nagari war für alles Bitten ihres Vertrauten unempfänglich gewesen. Man müsse diese Reise in die Hände der Götter geben oder es gleich bleiben lassen. Also hatte der Pferdemann dem Wunsch seiner Herrin entsprochen. Das er seine Klinge mit so starken Gift versehen hatte, dass beim Ziehen des Dolches die Schneide kaum merklich dampfte, war der kleine Freiraum, den er sich im Rahmen der Anordnung gestattete.
    Neben ihrer Herrin war Carba bei ihnen. Die stämmige kleine Frau war auf eine maskuline Art gut aussehend, auch wenn Mandias natürlich darauf achtete, dass niemand im Gefolge der Schlange wirklich das Prädikat „hässlich“trug.
    In ihrem früheren Leben war sie eine Soldatin im Dienste des Leichenkaiser, nun war sie die oberste Sklaventrainerin und vermutlich die befähigste Kämpferin. Des weiteren ritt Setreal mit ihnen. Ein schweigsamer Typ, feingliedrig wie ein Eldar und ein begabtes Kind mit jeder Art von Klinge. Er war zur Hand, wenn es galt Bestrafungen vorzunehmen, die bei dem Betreffenden hängen bleiben,die aber keine Schäden an der Ware hervorrufen sollten.Diesbezüglich was Setreal überaus begabt. Eine Begabung die sich auch anwenden ließ, wenn jemand einen unschönen Tod haben sollte,ohne das böse Zungen gleich laut “Mord“ krakeelten.
    Die vier Sklaven bestanden aus zwei Frauen und zwei Männern. Alle nach den Regeln der Kunst gebrochen und dann für den Dienst abgerichtet. Sie waren bedingungslose Lakaien, doch leider fehlte ihnen die Einsicht in die Wesenheit des Chaos, welches sie darüber erhoben hätte eben mehr zu sein als nur Sklaven. Sie würden sich mit bloßen Händen gegen ihre einstigen imperialen Kameraden stellen, allein weil Konditionierung sie dazu gebracht hatte. Aber aus Überzeugung und innerer Einsicht würde nicht einer handeln.
    Damit waren sie hochwertige aber beschränkte Ware.
    "Dort steht jemand, Herr!" Bemerkte Jamila und deutete nach vorn auf die Hügelkuppe. Tatsächlich zeichneten sich auf der Erhebung Silhouetten ab. Die untergehende Sonne schnitt sie als schwarze Schemen aus. Mandias ritt neben sie und beschirmte kurz die Augen mit dem Schatten seiner flachen Hand. "Ignoriert sie und reite weiter, Kind. Die Toten stehen aufrecht an diesem Ort."
    VomHügel trug der Wind das leise Klappern von Knochen und Metall auf Metall herab. Ansonsten bewegten sich die stillen Wächter dort oben nicht.
    "Herr Mandias was..."

    "Still jetzt! Weiter sag Ich."
    Wie sich zeigte war der Ort, der als „Namenloser Fluss“ bekannt war wohl tatsächlich dereinst das Bett eines Flusslaufes gewesen und nicht nur der poetische Einfall des Landmarkensetzers. Tief schnitt sich der erstorbene Lauf in den Felsen und nachdem sie einem schmalen Pfad nach unten gefolgt waren mussten sie absteigen und die Tiere an den Zügeln führen. Nicht nur machte Mutter Nacht den Weg unsicher,auch nahm das Geröll zu, was selbst den Zweibeinern den Stand erschwerte. Mandias und Carba entzündeten Fackeln, als der Sklave mit Namen Gunnar einen unbedachten Schritt tat und rückwärts stolperte. Er fiel einen halben Meter und landete etwas unsanft im Geröll des einstigen Flussgrundes. Der Schreck war für ihn größer als die Gefahr einer Verletzung. Alles drehte sich zu ihm um, denn der dabei entstehende Krach trug weit. Es klang als wäre er zwischen trockene Holzscheite oder Basaltgestein gestürzt. Er verfluchte die losen Kiesel und rappelte sich bereits wieder auf.

    "Keine Kiesel!" Bemerkte Mandias mit einem bösen Grinsen und hielt die Fackel etwas tiefer. Das gelbliche Schwefellicht enthüllte, dass das, was von oben in der Tat wie glatt geschliffene Kiesel ausgesehen hatte, in Wahrheit Menschenknochen waren. Schädel, Rippen, Hüftknochen. Alles zersprungen und geschunden. Gunnar sprang erschrocken auf und klopfte seine Kleider ab, als würden sie durch diese uralten, ausgebleichten Gebeine irgendwie besudelt werden.
    "Knochen!" Stellte er das mehr als Offensichtliche erschüttert fest. Mandias lachte humorlos auf.
    "Was denkst du warum dieser Ort heilig ist? Weil er so malerisch gelegen ist?"
    "Genug jetzt der Verzögerungen. Benehmt euch gefälligst eingedenk der Aufgabe, derer wir hier sind."
    Nicht das die Sklaven wirklich gewusst hätten wie genau diese Aufgabe aussehen sollte. Ihnen hatte man lediglich erklärt, dass es kultische Handlungen zu vollziehen gäbe und dass sie natürlich nicht wie Lämmer auf der Schlachtbank enden würden. So etwas Albernes gab es nur in imperialer Propaganda und vielleicht bei den abgedroschenen Anhängern des Tzeentch. Kein Sklavenhalter mit Geschäftssinn würde vier Leben opfern. Im Gegenteil, die Aufgabe der Vier konnte sich als durchaus angenehm gestalten, schließlich standen sie im Dienste eines Gottes, ob nun Freiwillig oder nicht, der Wonne verhieß, wenn man nur Vertrauen hatte.

    Das Tal war nicht der natürlichen Willkür der Wüste überlassen. Vielmehr fanden sich hier ungeahnte Vielfalten unterschiedlichster Bebauung. Alle Epochen und Stilrichtungen der Steinbearbeitung konnte das Auge erblicken. Der Schein der Fackeln war ausladend in der klaren Nachtluft, zusätzlich beschienen vom bleichen Antlitz des Mondes, der sich wie das Auge eine unheildrohenden Schlange ausnahm. Dieser Eindruck wurde verstärkt von der dunstigen Masse des Krallennebels, dessen Ausdehnung dieser Tage Fantasiebegabte in der Tat an den aufgeblähten Leib eines giftspuckenden Reptils gemahnen mochte. Bösartig blitzte es zwischen den jagenden Wolkenfetzen hervor, in seinem fiebrigen Purpur an einen frischen Bluterguss erinnernd. Diese gespenstische Mischung der vorherrschenden Lichtverhältnisse klaubte die Umrisse von Portalen und Toren aus dem Dunkel. Einige davon nur so groß und so schlicht wie Hauseingänge, andere gewaltigen Palastpforten verwand. Dies waren die Häuser der Toten, in denen ungezählte Generationen von rasankurischen Bewohnern ihren langen Schlaf schliefen.
    Der Einfache, dem die Nachkommen eine Felsspalte bereitet, mit bescheidenden Opfergaben versehen und der Gewaltige, dem Heere von Sklaven die Entsprechung eines jenseitigen Heims aus dem Felsen geschlagen hatten. Kein Lebender konnte all die Grabkammern und finsteren Grüfte benennen, die zuweilen tief in den Fels hinab führten und Städten gleichkamen. Die Grenzen zwischen dieser Welt und anderen verschwammen hier.
    Das jedenfalls wussten die zu berichten, die es wissen mussten. Alle anderen mussten es glauben und verbreiteten es zwar flüsternd, doch nichtsdestoweniger bereitwillig und voller Eifer.
    Wenn der Himmel zuweilen auch den schwarzen Rauch von Opferaltären trank, war dieses Gebiet von beachtlicher Ausdehnung doch die weitaus meiste Zeit der Ruhe des Todes vorbehalten. Man kam nicht ohne guten Grund in das Tal des namenlosen Flusses. Bei Tage nicht und in der Nacht schon gar nicht.
    Sie gingen jetzt schweigend. Die Diener innerlich auf die bevorstehende Aufgabe ausgerichtet, die Sklaven eingeschüchtert von den dumpf drohenden Zugängen der Grabmäler, Nagari schweigend seit der Minute, da sie aus ihrem Haus getreten war.
    Lang war ihr Weg und die Stadt in ihrem Rücken war nur ab und an durch das Blinken eines fernen Lichtes überhaupt noch als existent zu erkennen.
    Inzwischen lastete die Stille schwer auf allem, nicht wie oft beschrieben als etwas Lauerndes, dass Gefahr erahnen ließ, sondern vielmehr als bedrückende Abwesenheit jeglichen Lebens. Das Klappern der Hufe auf den losen Knochen und die Schritte der Menschen wirkten erschreckend fehl am Platze, beinahe blasphemisch.
    Endlich deutete Mandias auf eine Stelle des Fluss losen Ufers und sie verließen den beinernen Weg. Doch keines der prachtvollen Torhäuser steuerten sie an, ja nicht einmal eines der weniger opulenten Gräber. Etwas oberhalb einer geglätteten Felswand, die die verwitterten Heldentaten eines lang dahingegangenen Kriegers verherrlichten, tat sich eine unscheinbare Höhle auf. Der Zugang war für die Carnaks nicht zu bewältigen und sie ließen sie am Fuße des schmalen Aufstieges zurück.
    Die Höhle erwies sich als enger Schlauch, der ein gutes Stück in den Felsen der Uferböschung führte. Möglich, dass ihn dereinst das Wasser des Flusses gegraben hatte, denn die Spuren einer menschlichen Bearbeitung ließen sich nicht ausmachen, auch wenn das Licht der Fackeln an einigen Stellen Kratzer aus der Dunkelheit holte, die man als Schrift oder Zeichen deuten mochte. Der Korridor dehnte sich nach einigen Minuten des Vorantastens aus und mündete in eine größere Kammer. Auch sie war wenig spektakulär. Der Boden zeigte sich eben und in der Mitte erhob sich ein flacher Steintisch, scheinbar auch auf natürliche Ursprünge zurückzuführen. In einer Ecke lag ein Stapel Holz. Wie lange dieser dort seiner Benutzung harrte ließ sich nur vermuten, schließlich wuchsen in dieser Region seit dem Krieg der Häuser keine Bäume mehr. In der Tat mutete das Material grau und spröde an.
    Nur Mandias war bereits einmal hier gewesen und so war er es, der nun Anweisungen gab und damit die anderen aus ihrem verhaltenen Umschauen riss.
    Das Holz wurde zu einem Stoß aufgeschichtet und entfacht. Gleich sammelte sich der Rauch, reizte zu Husten und ließ die Augen tränen, da sich der Qualm nur wiederwillig den Weg entlang wälzte, welchen sie soeben gekommen waren. Doch der pferdeköpfige Mutant wusste auch hier Abhilfe. In die blakenden Flammen rieselte er ein grobkörniges Pulver, worauf diese fauchten und zischten, dann in sich zusammenfielen. Das antike Holz glühte nun nur noch, das jedoch in einem intensiven Blauton, der nicht nur die Höhle im beachtlichen Maß erhellte, sondern auch eine Wärme verteilte, die ganz und gar unnormal war für eine derart kleine Feuerstelle. Auch ließ sich durch das so entstandenen Licht erkennen, dass der Raum nicht etwa eine Sackgasse darstellte. An seiner Stirnseite, auf Bodenhöhe, gab es ein weiteres Loch. Ein schlanker Mensch hätte dort vielleicht hinein kriechen können, doch das einfallende, blaue Licht ließ erahnen, dass es dahinter sehr steil nach unten ging.
    Nichts in das man sich kopfüber stürzen wollte. Über dem Loch waren die gekratzten Schriftzeichen vermehrt auszumachen, zentriert über das stark stilisierte Bild einer Schlange. Mandias wies die gaffenden Sklaven mit scharfen Worten an den Steintisch von jeglichem Staub zu befreien. Setreal war derweil damit beschäftigt ihr mitgebrachte Gepäcke zu öffnen. Verschiedenste Kleidungsstücke, die zur Polsterung von mannigfaltigen Fläschchen und Keramikp
    hiolen dienten, dazu ein einfacher Becher aus gebranntem Ton. Letztlich gab es eine lederne Schriftrolle, eng mit den gehässig aussehenden Worten der dunkeln Sprache beschrieben. Mandias nahm sich eben dieser Schriftrolle an, lass die Worte, die er eigentlich längst auswendig kannte, erneut und sprach sie lautlos nach. Setreal befleißigte sich der Kleidung, die aus seidenen Roben bestand, in eben jenem Purpur gehalten, welches irgendwo über ihnen der Krallennebel durch die Wolken schimmern ließ. Carba unterdessen, mischte aus den mitgebrachten Flüssigkeiten etwas in dem Becher zusammen. Zum Bild der rituellen Handlung wollte nicht rech passen, dass die Grundsubstanz des Gebräus ein in Gohmor allgegenwärtiges Erfrischungsgetränk war, eine koffeinhaltige Limonade, die sie aus einer Blechdose in den Kelch goss. Das Zischen der Kohlensäure verwandelte sich in ein bedrohliches Blubbern, als sie diverse andere Stoffe beimischte. Alles geschah schweigend und nur die Geräusche der Tätigkeiten an sich störten die Stille.
    Mandias ließ die vier Sklaven Aufstellung nehmen und reichte den Becher dem Ersten.
    "Trink!"
    Der Sklave, Buru war sein Name, nahm den Kelch zwar, zögerte jedoch und beäugte die Flüssigkeit misstrauisch. Als Carba dies mitbekam erhob sie sich und machte einen drohenden Schritt auf Buru zu. Das allein reichte bereits, Worte waren gar nicht nötig.
    Die Ausbilderin verstand ihr Handwerk gut genug, dass ihre Zöglinge ihren Zorn mehr fürchteten als jede Form des Todes. Mit aus Angst geborener Entschlossenheit nahm Buru einen tiefen Schluck, die Augen geschlossen. Er ließ die Flüssigkeit hörbar die Kehle herab rinnen.
    Öffnete dann die Augen, wohl in der Erwartung von Krämpfen oder sonst einer schrecklichen Erscheinungsform der Vergiftung. Als nichts dergleichen eintrat, gab er den Kelch an Jamila weiter, diese an Gunnar und der wiederum an Syli.
    "Seht ihr, alles halb so wild. Ich sage doch, niemand wird euch auch nur anrühren. Habt Vertrauen ihr Narren."
    Die drei Diener wandten sich von den Sklaven ab, welche bar einer Aufgabe aufgereiht stehen blieben und sich fragende Blicke zuwarfen.
    Mandias, Setreal und Carba entkleideten sich mit schnellen Bewegungen. Als neuster Zugang in den Reihen der Schlange Nagari war es Syli, die einen überraschten Laut nicht unterdrücken konnte, als die den entblößten Mandias sah. Dieser war nicht nur oberhalb der Schultern mit den Attributen einen Pferdes gesegnet wurden, die Götter hatten ihn durchgehend überreich beschenkt. Auch Carba, die sie alle während der Ausbildung mit Meisterin und später mit Frau Carba anzureden hatten, war mehr als diese Titulierungen erahnen ließen. Der muskulöse Körper war der einer Frau, ohne Frage. Kompakt und trainiert, aber doch eindeutig weiblich. Um die Brustwarze der linken Brust war das Sigul des Slaanesh tätowiert. Doch neben den Geschlechtsmerkmalen einen Frau, hatte der Gott der Sünde sie auch mit denen des Mannes beschenkt. Als sie Sylis geweitete Augen sah zwinkerte sie ihr vielsagend zu und drehte sich dann um, um sich die Robe überzustreifen.
    Die drei so gleichsam bekleideten Diener umringten ihre Herrin, die bis jetzt fast teilnahmslos gewartet hatte, scheinbar in Meditation versunken.
    Syli konnte nicht sehen was sie taten, doch vor ihrem inneren Auge flimmerte noch immer der kurze Eindruck der Fremdartigkeit Carbas und Madias. Sie hatte natürlich alle Teile der Ausbildung mitgemacht, auch jene, die die Künste des Liebesspiels beinhalteten. Doch hatte sie all die Praktiken mehr über sich ergehen lassen, wo andere Sklaven die Spiele und unnennbaren Handlungen genossen. Sie hatte getan was man von ihr erwartete, doch weder hatte sich Promiskuität bei ihr entwickelt, noch überschwängliche Lust, ach nannte man es doch beim Namen, sie hatte es vermieden zu einer geilen Hündin zu werden, wie so viele andere im Dienste der Schlange.
    Aber dieser kurze Blick... wieso hatte er nur eine so sonderbare Wirkung auf sie? Eine nie gekannte Hitze schien als Ball in ihrem Magen zu liegen, wanderte tiefer und ließ ihr Schweiß auf die Stirn treten. Sie leckte sich über die Lippen, strich sich fahrig über die Hüften und musste sich zwingen die Hände nicht zwischen die Schenkel gleiten zu lassen, wo sich die entfaltende Hitze zu einem Pulsieren wandelte. Sie blickte verschüchtert zu Gunnar, wollte ihn flüstern fragen, ob er sich auch merkwürdig fühle und ob dies vielleicht an diesem Ort liegen mochte.
    Zu ihrer nicht geringen Überraschung blickte sie der Mann unverwandt an, als sie den Kopf zu ihm drehte. Er lächelte nicht, sah sie nur eindringlich an, ja starrte fast schon. Sein Blick wanderte an ihr herab, ohne dass er sich die Mühe machte auch nur den Anschein zu erwecken, dass nicht Gier diese Musterung verursachte. Syli hätte mit der gleichen unausgesprochenen Abneigung reagieren müssen, mit der sie solchen Dingen auch in Nagaris Haus begegnetet. Doch sehr zu ihrer Überraschung fand sie die lüsternen Blicke des Mannes nicht unangenehm.
    Im Gegenteil!
    Niemand hatte ihnen die Erlaubnis gegeben sich zu bewegen und Syli hatte gelernt, dass stiller Gehorsam der beste Weg war unbehelligt zu bleiben. Doch das erste mal seit ihrer Gefangenschaft pfiff sie auf diese Lebensweisheit. Unvermittelt drehte sie sich Gunner gänzlich zu und schlang die Arme um ihn, presste sich gegen ihn, küsste ihn.
    Der Kerl war ein Tölpel und sie konnte ihn nicht leiden, doch im Moment war ihr das gleichgültig. Sie genoss seine zupackenden Hände, die sich regelrecht in ihren Hintern krallten, sich dann höher bewegten und ihre Brüste erst abtasteten und dann das einfache Leinheim darüber aufrissen. Syli war derweil auch nicht untätig gewesen und hatte sich an den Beinkleidern ihres Mitsklavens zu schaffen gemacht. Die Hüllen fielen und ehe sie es sich versahen oder auch nur einen Gedanken an die anderen Anwesenden in der Höhle verschwendet hatten, waren sie halb am Fuß der Steinplatte sitzend, nieder gesunken und Syli schwang sich rittlings auf Gunnar, gewährte ihm was er wollte. Man hatte sie intensiv in der Kunst des Verführens unterrichtet, hatte ihnen beigebracht, dass der eigentliche Akt nur der Abschluss war. Zwar wichtig, doch nichts im Vergleich mit dem Weg dorthin. All dies Gelernte war nun wie ausgelöscht, die reine körperliche Vereinigung war alles was zählte. Ein Mann reichte ihr jedoch dabei nicht und so kam es ihr zu Gute, dass Jamila und Buru auf der Steinplatte des Tisches lagen und es eben so zügellos angehen ließen wie sie und Gunnar. Wieso das so war oder warum keiner der Diener Nagaris sie zur Ordnung rief wusste sie ebenso wenig wie es sie interessierte. Syli war in diesem Moment nur wichtig, dass ein anderes Glied in der Nähe war, welches ihr Vergnügen bereiten konnte.
    "Beeindurckend!"
    Merkte Mandias an, als er sich das Schauspiel mit vor der Brust verschränkten Armen besah. Gerade bearbeiteten die beiden männlichen Sklaven die, die Syli gerufen wurde, während sich die zweite Frau das Gesicht des so geforderten Mädchens zwischen die Schenkel presste.
    "Findest du?" Setreal warf nur einen flüchtigen Blick auf die sich bewegende Skulptur aus Fleisch, die von lautem Stöhnen und lustvollen Schreien lautmalerisch illustriert wurde. Er legte wenig an den Tag, was man als Beeindruckung hätte deuten können. Schon wandte er den Blick wieder ab um sich des Gürtelstricks seiner Robe zu widmen.
    "Nicht das Gebaren da." Die Männer hatten von Syli abgelassen und mit lautem Klatschen bediente sich Gunner einer anderen dargebotenen Möglichkeit, was Buru aufschreien ließ, ohne dass er jedoch von der keuchenden Jamila ab ließ. Vielmehr passte er den Rhythmus seiner Bewegungen entsprechend an.
    "Ich meine die Wirkung der Substanz."
    Die Diener ließen sich Zeit. Sie hatten ihre Herrin entkleidet, was diese jedoch nicht aus ihrer inneren Versenkung auftauchen ließ. Die Roben waren angelegt und saßen. Sie gönnten sich den Spaß und sahen der unkontrollierten Brunst zu, die sich auf der Steintafel abspielte. Dort wechselten Paarungen in schneller und unübersehbarer Folge.
    Das was den Trieb für gewöhnlich beendete hatte augenscheinlich keinen Effekt, weder auf die Lust der Beteiligten, noch auf die Funktionalität ihrer Körper. Nachdem sich die Diener eine knappe halbe Stunde an dem Schauspiel ergötzt hatten nahmen sie ihre Positionen ein und bildeten ein loses Dreieck um den Tisch, an dem Syli vorn über gebeut stand und auf dem Jamila breitbeinig saß. Während beide in ein inniges Zungenspiel vertieft waren, schnauften und grunzten die Männer, die Hände um die Taille der jeweilig vor ihnen positionierten Frau gelegt.
    Die leichte Amüsiertheit, mit der Mandias, Carba und Setreal die Darbietung genossen hatten war nun gewichen. Schweigend standen sie einige Minuten, sammelten sich und suchten ebenso die innere Mitte, wie es ihre Herrin schon vor Beginn der Reise getan hatte. Dann begann Mandias tief aus der Kehle heraus zu summen. Carba stimmte ein, dann auch Setreal. Diesen Ton hielten sie, holten in genau abgestimmten Zeitabständen inne um zu Atmen aber niemals so, dass der durchgehende Ton unterbrochen wurde. Die im Zentrum des Dreiecks ließen sich davon nicht beirren. Irgendwann breiteten die drei Diener die Arme aus, so dass sich ihre Handflächen durch eine Linie berührt hätten, hätten sie näher bei einander gestanden.
    Das eigentlich Ritual hatte begonnen.

    Drei lange Stunden bestand das Ritual aus nichts anderem, denn aus der still dasitzenden Nagari, dem Singsang der drei Diener und dem Ächzen, Stöhnen und ekstatischem Aufschreien der vier Sklaven. Die Wärme des kleinen Feuers, anfänglich ein willkommener Verbündeter gegen die Kälte der heraufdämmernden Nacht, war inzwischen Quelle einer brütenden Dampfhaushitze geworden.
    Den drei Beschwörenden ließ sie Schweißperlen auf den Gesichtern Glitzern und die Roben mit dunklen Flecken versehen. Den Sklaven floss das Wasser in Strömen die Leiber herunter und tropfte auf den aufgewühlten Boden, rings um die Steinplatte, wie auf den Tisch selbst. Er vermischte sich mit all den anderen Absonderungen, die ihr fortwährendes Tun als Folge hatte. Längst hatte diese erzwungene Orgie jeden Anschein von der animalischen Ästhetik verloren, die man in der ursprünglichsten Form der menschlichen Auslebung von Begierde hätte entdecken können. Die Szenerie war zu einem erschöpften Akt unnatürlichen Zwangs verkommen. Die vier Menschen bestiegen sich noch immer gegenseitig wie von Sinnen, doch längst ohne Kraft oder Elan, sondern unter der Aufbringung aller Kräfte, die eigenen Körper an die Grenzen des Erträglichen treibend.
    Gunnar war der Erste, der diese Grenze überschritt.
    Er lag mit dem Rücken auf dem Stein und hatte die Hände auf Jamilas Brüste gelegt, während sie sich reitend auf ihm gebärdete. Unversehens drückte er den Rücken durch und stemmte sie damit zwei Handbreit empor. Was erst wie ein weiterer orgasmischer Höhepunkt anmutete war in Wirklichkeit sein Scheiden aus dieser Welt, als Anstrengung und Hitze seinen Metabolismus in die Knie zwangen. Er atmete einmal langgezogen aus, sackte zurück und ließ die Hände zur Seite sinken. Dann lag er still.
    Jamila bemerkte dies erst nach einer Weile, als ihr aufging, dass der Freudenspender unter ihr, frustrierend wenig Initiative zeigte. Sie bearbeitete ihn mit einigen wütenden Stößen ihres Beckens und schrie dann zornig auf. Sie glitt von der Leiche und brachte sich in das Spiel Sylis und Burus mit ein, die sich auf dem Boden miteinander befleißigten, wobei Buru hinter Sylis hockte, die ihrerseits wie ein Hund auf allen Vieren kniete.
    Im Singen der Diener veränderte sich das Tempo. Die gemurmelten Worte kamen jetzt schneller, mit eindringlicherer, rhythmischer Modellierung.
    Auch der Tod kam schneller und wieder war es einer der Männer, dessen Körper dem nicht gerecht werden konnte, was sein Verlangen von ihm forderte.
    Buru starb eine halbe Stunde nach Gunnar. Ihm war jedoch kein so schnelles Ende beschieden. Ganz offensichtlich erlitt er einen Schwächeanfall, was ihn nahe an eine Ohnmacht brachte. Die Gnade ganz wegzutreten war ihm jedoch nicht vergönnt und so bewegte er sich mit flimmernden Augen in einem phantasmagorischen Deliriumszustand. Es war Syli, die ihre gespreizten Schenkel auf sein Schweiß glänzendes Gesicht senkte, da die, von der Biologie dafür vorgesehene Stelle des männlichen Körpers von Jamila besetzt war. Diese Stellung hatten sie in vergangenen Stunden immer wieder wechselseitig eingenommen und sie hatte ihren Zweck erfüllt. Doch jetzt rieb sich Syli am Gesicht eines Mannes, der alle Mühe hatte bei Bewusstsein zu bleiben, geschweige denn ihr orale Befriedigung zu verschaffen. So erstickte Buru letztlich zwischen den Beinen einer vor Verlangen stöhnenden, verschwitzen Sklavin. Ein Ableben, dass in der Realität weit weniger erstrebenswert ausfiel, als die Beschreibung vermuten ließ. Die Diener rückten näher heran, steigerten den Gesang und hoben die Hände jetzt empor, als riefen sie eine Entität an, die irgendwo jenseits der niedrigen Höhlendecke verortet war. In der Höhle selbst war keine unmittelbare Reaktion auf die Anrufung auszumachen.
    Doch hätte jemand Außerhalb gestanden, er hätte Erstaunliches beobachten können. Am Himmel mäanderten farbenprächtige Erscheinungen, wie man sie auf vielen Planeten als Aurora borealis kannte. Hätte man auch versuchen können ihre abweichende regionale Verortung irgendwie auf die sonderbaren Wetterkapriolen im Ödland der Wüste zu schieben, so war die diabolische Zielstrebigkeit mit der sie sich bewegten, dadurch nicht erläutert. Es bedurfte nicht viel Fantasie um in den leuchtenden Linien eine Schlange zu erkennen, die im nächsten Moment den Leib aufstellte und die Attribute eines Menschen ahnen ließ, die sich auf unheilige Art mit dem Reptilienkörper vermischten. Dann zerfloss das Licht und der nicht existente Beobachter hätte für einen kurzen Augenblick freie Sicht auf den Krallennebel gehabt, der in gespenstischem Einklang ebenfalls das göttergroße Abbild einer Schlange darstellte, den Mond als Auge, Modsognir und Angst als Endpunkte Gift triefender Zähne. Suluath, Krull und Dagon den gewellten Körper nachzeichnend. Es war eine Nacht, die der zwitterberufsstand der Astronomen und Astrologen im fernen Gohmor mit Beunruhigung betrachtete, ohne dass sie die Ursprünge dieser latenten Furcht hätten benennen können.
    Die Rate der Selbstmorde auf ganz Koron würde morgen früh als ungewöhnlich hoch beziffert werden. In den Irrenanstalten rund um den Globus tobten heute Nacht die Insassen und in nicht wenigen Einrichtungen mussten die Wärter von den Schusswaffen Gebrauch machen. Empfindsame Wesen wurden von schwarzen Alben an erholsamen Schlaf gehindert und in finsteren Winkeln des Planeten tanzten und sprangen die Anhänger uralter Kulte um lodernde Flammen, in die das Blut der Opfer zischte.
    Nicht grundlos hatte der Hofhexer Rasankurs diese Nacht ausgewählt, um das Kraftraubende Ritual der Transzendenz durchzuführen und das Wesen Priest in die Stadt des Chaos zu holen.
    Die Lichter über der Höhle zeigten die zuckende Masse zweier gewaltiger Heere, die an den Ufern des namenlosen Flusses Aufstellung genommen hatten und aufeinander zubrandeten, sich ineinander verkrallten und ein Gemetzel von namenloser Größe heraufbeschworen. Die Lichter waren herabgesunken und ahmten die Szenerie des Abschlachtens in fahlen Gespensterleuchten nach, als erinnere sich das dämonische Glühen, als ergötze es sich an dieser Erinnerung.
    Als in der Höhle unterhalb zweier prachtvoller Grabkammern der dritte Mensch starb, stiegen die Schwaden wieder zum Himmel empor und man mochte in ihnen den Leib eines Mannes erkennen, der sich in schamloser Wonne mit dem Krallennebel oder vielmehr der daraus geformten Schlangengeschalt wand. All diese Beobachtung blieben jedoch hypothetischer Natur. Allein aus den höheren Gebäuden Rasankurs heraus, hätte die unmittelbare Möglichkeit bestanden das Glosen im Tal des namenlosen Flusses zu besehen. Doch gerade die Diener des Chaos wussten, dass es Erscheinungen gab, die man besser nicht mit allzu großer Neugier bedachte, so man dafür nicht zwingende Gründe hatte.
    Waren die geisterhaften Erscheinungen also Wirklichkeit oder endlich doch nur ein weiteres Phänomen des geisteskranken Wetters in der Wüste? Die Beantwortung dieser Frage war ebenso müssig, wie die nach dem Geräusch, dass ein fallender Baum machte, wenn niemand zugegen war seinen Sturz zu beobachten.
    Definitiv wirklich war alle mal das Dahinscheiden von Jamila, die ihr Leben sehr still aushauchte. Sie und Syli lagen jeweils gedreht aufeinander, nachdem sie die Leiche Burus von der Steinplatte gestoßen hatten. Jamila wurde irgendwann in ihren Bewegungen einfach schwächer, bis sich ihr bebender Brustkorb letztlich nicht mehr hob und senkte.
    Ob es ein Hitzschlag gewesen war oder auch die pure Erschöpfung, konnte niemand im Raum bestimmen und es verlangte auch keinen danach. Mandias verließ seinen Platz und ließ den Singsang ausklingen, während Carba und Setreal darin fortfuhren, aber ihre Positionen wechselten, so dass sie an den jeweils kurzen Seiten, Kopf- und Fußende wenn man so wollte, der Steinplatte standen.
    Der hochgewachsene, schwarzhäutige Tiermensch trat an den Tisch heran und blickte schweigend auf die keuchende, Frau herab, der das strohblonde Haar verklebt und strähnig ins Geischt hing. In den Augen der Sklavin brannte das Feuer des Wahnsinns, denn ihr Verstand war irgendwo in den letzten Stunden auf der Strecke geblieben. Mit vor Lust zitternden Händen nestelte sie an der Robe des Pferdehäuptigen herum, versuchte seine Männlichkeit zu befreien und in den Dienst ihres Selbstmords zu stellen. Mandias gestattete es nicht. Seine Hand zuckte vor und packte Syli im Nacken wie eine junge Katze. Der Pferdemann zählte nicht zu den stärksten Mutanten in Rasankur, dennoch war seine Kraft beachtlich. Als wäre sie nicht mehr als ein wütendes Kind zerrte er die nackte Frau von der Steinplatte. Selbst wenn sie nicht von den Anstrengungen der tödlichen Orgie erschöpft gewesen wäre, hätte sie Mandias kaum etwas entgegenzusetzen gehabt. Ihr abwehrendes Zappeln war nutzlos und schwach.
    "Eins genommen, eins gegeben!" Intonierte er feierlich. "Eins das ausgesucht wurde, vom Prinzen der Lust. Eins genommen, eins gegeben. Der Pakt ist gewahrt."
    Damit drückte er Syli zu Boden und schob sie schwungvoll durch die niedrige Öffnung am Ende der Höhle. Tatsächlich ging es dahinter steil abwärts, denn man konnte das Rutschen kleiner Steinchen und Sylis Körper vernehmen, dann ein Schrei, der schnell leiser wurde.
    "Eins genommen, eins gegeben!" Wiederholten die anderen beiden Diener.
    Gemessenen Schrittes trat Mandias nun wieder an den Steintisch heran. Er schlug die Kapuze der Robe zurück und streckte die offene Rechte in Richtung Höhleneingang aus, wo Nagari wartete. Die Handfläche wies nach oben, als wolle er seine Herrin zum Tanz bitten.
    Die Frau kam der Aufforderung nach, schritt dabei über die Leiche Gunnars hinweg ohne sie eines Blickes zu würdigen. Sie legte ihre Hand in die nachtfarbende Entsprechung des Mutanten.
    "Oh Urmutter, oh Sonnenfresserin, oh Lustvolle! Große und ewige Namad, diese Tochter der Sternenmenschen ist gekommen sich dir hinzugeben, dich zu ehren und dein Urteil über sie zu empfangen. Sie tritt vor dich entblößt und demütig, im Wissen das du die Erste warst, dass du die Liebe der Götter ertragen und ihren Zorn genossen hast."
    Er ließ Nagari sich auf die Platte legen und gab den anderen beiden die vereinbarten Zeichen. Sie unterbrachen ihre Anrufungen nicht, als sie die vorbereiteten Utensilien zur Hand nahmen. Namentlich zwei Schälchen in denen eine schwarze Flüssigkeit schwappte. Diese war sehr viel sorgfältiger zusammengemischt wurden als das Gift für die Sklaven. Tinte war ebenso ein Bestandteil wie das Sekret des getöteten Namadskind, dass für viel Silber erhandelt wurden war. Carba und Setreal schoben Ringe über die Zeigefinger, denen jeweils ein Horndorn entwuchs und die sie dadurch aussehen ließen, als liefen ihre Finger in eine lange Kralle aus. Diese tauchten sie in die schwarze Flüssigkeit und begannen den nackten Körper ihrer Herrin zu beschreiben.
    Dunkle Worte waren es, Worte aus einer Zeit, als andere Wesen auf Koron herrschten.
    Keiner der Anwesenden kannte die genaue Bedeutung der kantigen Zeichen, lediglich ihre grobe Funktion war ihnen wage begrifflich. Sie hielten sich an auswendig gelernte Anweisungen, einem jeden bewusst, dass der kleinste Fehler ihrer Gebieterin ein schlimmes Schicksal bescheiden könnte. Das Geheimnis des Auftragens bestand dabei nicht nur aus einem plumpen aufmalen. Die Haut der Frau musste so gekonnt geritzt werden, dass sich die Tinte mit dem Blut vermischte, ohne das ein Tropfen schmierend herab lief. All dies in äußerster Konzentration, bei flackernden Feuerschein, geißelnder Hitze und ohne das auch nur eine Silbe der gesungenen Formel falsch betont wurde.
    "Sie besinnt sich auf die Glorie des alten Volkes, das kroch und sich wandte, wo heute Unwissende auf zwei Beinen gehen. Sie verneint das Erbe ihre Volkes und öffnet sich denen die zuerst die Namen der Götter kannten." Sie arbeiteten zügig, dennoch dauerte es eine geraume Zeit, bis der Leib Nagaris mit der engen Schrift bedeckt war. "Sie legt ab das Vermächtnis der Unvollkommenheit." Setreal und Carba waren nun am Kopfende und es offenbarte sich, wie scharf die Klauenringe waren. Denn ohne große Mühe wurde ihr die prächtige Mähne aus wallendem Haar abgeschnitten und das Haupt zur Gänze rasiert. "Sie bekennt sich zu dir, Urmutter, Sonnenfresserin." Setreal tauchte die Klaue nun nicht nur mit der Spitze ein, sondern so tief, dass der Knochendorn völlig mit dem klebrigen Schwarz bedeckt war. "Mit zwei Zungen bekennt sie den alten Weg und den ersten Gott dieser Welt." Setreal ließ den Dorn zwischen Nagaris Lippen gleiten und schob ihn ihr tief in den Mund. Carba hatte es ihm derweil gleichgetan und die Klaue ebenfalls getränkt. "Mit ihrem Leib bekennt sie sich zu deiner Lust, die der Prinz der Wollust dir eingehaucht." Auch Carba ließ den Dorn tief zwischen Lippen gleiten, gleichwohl nicht jene die dazu gemacht waren Lust zu verkünden, sondern sie zu gewähren.
    "Sie diese Bittende, die dich anfleht der Schar deiner Kinder anzugehören. Lächle gnädig auf sie herab und erhöre ihr Flehen."
    Mandias, Carba und Setreal verstummten. Alle traten ein Stück zurück. Als Setreal und Carba dabei die Dorne aus dem Körper ihrer Herrin zogen war von der schwarzen Flüssigkeit nichts mehr an ihnen zu sehen.
    Stille legte sich über die Höhle, nur unterbrochen vom gelegentlichen Knacken des Feuers.
    Die drei Diener sahen sich an. Carba zuckte die Achseln, Setreal hob fragend die Augenbrauen und setzte bereits zu einer Frage an, als Nagari, die bis jetzt alles ohne die geringste Regung über sich hatte ergehen lassen, scharf die Luft einzog.
    Sie riss die Augen weit auf, ebenso den Mund und aus ihrer Kehle entrang sich ein stimmloser Schrei. Ihr Rücken drückte sich durch, fast schon unnatürlich weit.
    "Ihr Götter!" Murmelte Mandias und er hätte selber nicht sagen können, ob er in diesem Moment glaubte, dass ihr Ritual, dass über ein Jahr der Planung beansprucht hatte, wirklich funktionieren würde oder ob er dachte, Zeuge vom Gifttod seiner Herrin zu werden.
    Nagari begann jetzt zu zitter, sich zu winden und zu zucken als wäre sie das Opfer eines grauenhaften Anfalls. Ihre Beine trommelten auf dem Felsen, schlugen sich blutig und brachen dann mit einem hässlichen Knirschen nahezu gleichzeitig. Das beendete ihre Krämpfe jedoch nicht, die verdrehten Extremitäten schlugen weiter auf den Stein, brachen an weiteren Stellen, bis sie keinerlei Halt mehr zu haben schienen. Jetzt bäumte die Frau sich auf und schrie!
    Aus dem Loch, in welches der Pferdemann Syli gestoßen hatte, kam ein Wind, so trocken wie die Gebeine, die in der Wüste ausblichen. Er wirbelte Staub auf und blies in das Feuer, dass sich verzweifelt gegen das Ausgehen stemmte. Bald flackerte es durch die Sauerstoffzufuhr hell empor, dann sank es in sich zusammen, hart an der Grenze zum Erlöschen. Der Raum wurde abwechselnd in wilde Helligkeit und dann in alles schluckende Dunkelheit getaucht. Hinzu kam der Staub, der seinen Pfad in Augen und Atemwege erzwang. Die Hände schützend vor die Gesichter haltend, sahen die Diener im wechselnden Licht ihre Herrin bald aufgerichtet, dann wieder liegend, in einem Moment still wie im Tode, dann wieder krampfhaft zuckend und schreiend. Carba meinte zu beobachten, wie Nagari ihren Mund auf eine Art aufgerissen hatte, die allem Natürlichen Hohn sprach. Dann zwang ihn der Miniartursturm dazu die Augen wieder zu beschirmen.
    Mandias hatte schon vieles gesehen, seit er zu den Bewohnern Rasankurs gehörte.
    Erst letzte Woche war er Zeuge gewesen, wenn auch von der beruhigenden Entfernung eines Häuserdaches aus, wie eine Sichel Rasankuri ein Anwesen gestürmt hatte, weil sich sein Bewohner in eine Chaosbrut verwandelt hatte. Das wabbelnde, zappelnde Ding aus Fett und Dornen war unter dem Einsatz eines Säurewerfers ins Freie gequollen, wo man es dann erledigt hatte. Vorangegangene Einfangversuche waren gescheitert. Diese Erfahrung hatte zu den weniger schönen Dingen gehört, die Abseits von den Wundern standen, die er geschaut hatte. Aber das hier, das hatte eine neue Qualität von Erlebtem.
    Das Knirschen von Knochen und das Reißen von Haut übertönte noch das Brausen in der Luft und als der Pferdehäuptige aufblickte und den puderfeinen Staub in den Augen wegblinzelte, konnte er wage erkennen, dass seine Gebieterin sich von der Hüfte abwärts in einen Klumpen pulsierenden Fleisches verwandelt hatte. Just in der Sekunde platzte die Haut auf. Sie hatte noch immer die grob gedehnte Form der Beine, die dereinst in ihr gesteckt hatten.
    Aus dem Riss quoll ein geschuppter Körper, dessen Länge kaum in den Sack aus Haut hätte passen dürfen und sich nun in Windungen Bahn brach, die in ständiger Bewegung begriffen waren. Das Abstreifen der alten Existenzform war jedoch nicht nur auf die unteren Extremitäten beschränkt, auch wenn die Veränderung in der oberen Leibeshälfte subtiler ausfielen. Hier schälte sich die Epidermis wie bei einem starken Sonnenbrand und darunter glitzerten feine Schuppen hervor, die ölig mal in grüne, dann in satte braune Farbspektren spielten. Der Hals Nagaris wirkte gestreckter als zuvor, das Gesicht beulte sich aus. Anders hätte Mandias es nicht umschreiben können. Die Partie um Nase und Mund wölbte sich, lief zu wie bei einer Schnauze. Wie beim flachen Reptilienschädel einer Schlange. Es hätte längst keiner Beweise mehr dafür gebraucht, dass das Ritual von Erfolg gekrönt war. Das sich die nun gänzlich Schuppen bedeckte Haut an der Seite von Hals und Kopf zu einem zusammenfaltbarem Nackenschild modellierte, war nur der Abschluss des Ganzen.

    Der unirdische Wind legte sich so abrupt wie er aufgekommen war. Das Feuer beruhigte sich und verbreitete wieder Licht in der gewohnten Intensität der vergangenen Stunden. Mandias, Carba und Setreal starrten mit offenen Mündern und Augen auf das Wesen auf der Steinplatte. Nur wer Nagari so gut gekannt hatte wie diese drei Vertrauten konnte die Merkmale erkennen, die diese neue Gestalt mit der Frau noch gemeinsam hatten. Sie war nicht länger als Mensch zu bezeichnen, ja nicht einmal "Mutant" wurde dem noch gerecht. Vor ihnen ruhte das Abbild eines Kindes Namads, allein die Tatsache als Unterschied benennbar, dass Nagari noch über Arme und Hände verfügte, wo die Darstellungen des alten Volkes Schlangenwesen mit Sensenklauen, anstelle von Armen zeigten.
    "Leck mich am Arsch!" Kommentierte die ehemalige Soldatin das Bild, mit wenig angemessenen Worten.
    "Sind ihre Titten größer geworden?" Zischte Setreal aus dem Mundwinkel, ohne den Blick abzuwenden.
    Mandias unterband diese Unangebrachtheiten indem er beiden die schwarzen Hände auf die Schultern legte und sie mit sich herab zog, als er sich auf ein Knie sinken ließ. Die Diener folgten seinem Beispiel und senkten die Häupter.
    "Heil dir, Nagari Schlange von Rasanku, Gesegnete der Namad!"

    Epilog
    Syli kam unter Schmerzen zu sich. Schmerzen die sich mit ihrer unnatürlichen Lust paarten und so das sonderbare Verlangen erschufen, dass nicht wenige Anbeter des Slaanesh auf ihrer Suche nach immer neuen Extremen so gut kannten. Ihre Haut war fast am ganzen Körper aufgeschürft, von der Rutschpartie die steile Steinrampe herunter.
    Das konnte sie nicht sehen, da vollkommene Schwärze herrschte, doch der Schmerz und die klebrige Nässe von Blut waren ihr Beleg genug. Sie bewegte die Arme in dem Versuch aufzustehen und zuckte mit einem Schrei zusammen. Einer schien gebrochen zu sein, an dem anderen hatte sie kein Gefühl in den Fingern. Sie schluchzte, doch nicht wegen dem Umstand ihrer fatalen Gesamtsituation, sondern allein weil sie sich mit ihren nutzlosen Armen nicht einmal die simpelste Form der Befriedigung verschaffen konnte.
    Während sie sich dieser Wahrheit stellte, gewöhnten sich ihre Augen zunehmend an die Dunkelheit. Diese war nämlich nicht absolut, wie sie anfangs gedacht hatte. Vielmehr wucherten auf dem sie umgebenden Stein Flechten, die ein kaum merkliches Licht abgaben.
    Nicht annähernd ausreichend um von einer Beleuchtung zu sprechen, aber eben gerade genug, dass das menschliche Auge ein Minimum wahrnehmen konnte.
    Syli drehte sich auf die Seite des gefühllosen Armes und zog sich ein Stück über den rauen Boden. Ihre Beine schienen auch nicht ganz unversehrt geblieben zu sein. Sie wusste auch nicht wo sie eigentlich hin kriechen sollte. Es war mehr dem Verlangen geschuldet überhaupt etwas zutun und nicht hilflos liegen zu bleiben.
    Irgendwo von vorn kam ein Geräusch.
    Syli hielt inne und lauschte. Vielleicht nur das Echo, welches ihr eigener erbärmlicher Versuch der Fortbewegung erzeugte.
    Hier unten konnte doch nichts... Halt!
    Da war es wieder.
    Es klang als würde irgendjemand einen mit Sand gefüllten Sack über die Steine ziehen. Sie strengte ihre Augen an doch es war alles mehr Erahnen als erkennen. Links von ihr wurde ein Schatten flach und verschwand. Schwärze vor noch tieferer Dunkelheit. Das Schleifgeräusch war aber auch links von ihr. Und hinter ihr...
    Die junge Sklavin versuchte sich auf den Rücken zu drehen. Doch noch ehe sie diese Anstrengung in Angriff nehmen konnte war voraus wieder eine Bewegung, näher jetzt, weniger verstohlen.
    Etwas richtete sich auf, so weit dies die niedrige Decke erlaubte.
    Es drehte sich der verwundeten Frau zu und kroch dann ohne Hast näher.
    Sylia schrie!
    In diesem Schrei ging das flüsternd gezischte "Eins genommen, eins gegeben!" unter.
    Der Schreckenslaut verstummte abrupt und unter den Gräbern im Tal des namenlosen Flusses kehrte wieder die Ruhe ein, die hier seit Jahrhunderten vorherrschend war.

    story by Kogan

  9. #9
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    Hier mal etwas anderes. Aus unserer hauseigenen Forumszeitung, dem "Gohmor Guardian". Darin werden Artikel aus dem koronischen Weltgeschehen und lokalen Makropolereignissen veröffentlicht. Spieler können ihren eigenen Einfluss auf die Welt darin wiedergespiegelt finden (so der denn groß genug ist), außerdem wird die Geschichte Korons dadurch vorangetrieben. Im Folgenden nun zwei Artikel über den bevorstehenden Einsatz der PVS gegen Aufständige. WARNUNG: Es gibt bisher nur diese beiden Artikel zu dem Thema, da die Mission noch läuft. Also nicht enttäuscht sein, weil es kein Ende der Geschichte gibt. Wenn neue Artikel kommen liefere ich nach. Bis dahin, viel Spaß damit.

    Simone Tober ist unsere Reporterin für die unangenehmen, aber nichtsdestotrotz wichtigen Aufträge, die der Dienst am gut informierten Leser fordert. Treue Anhänger unseres Blattes werden sie von früheren Berichten aus Krisengebieten, rund um den Globus, her kennen. Einmal mehr ist sie nun unterwegs um von dort zu berichten, wo sich andere Reporter nicht hin wagen. Dieses mal schließt sie sich in ihrer losen Serie „Fronttagebuch“ der Zehnten Infanteriekompanie an und begleitet sie auf einem ihrer Einsätze.



    Fronttagebuch


    Die Kaserne mit dem geschichtsträchtigen Namen des ausgelöschten Hauses Gamarei unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von jeder anderen in den mittleren Ebenen Gohmors. Ein Himmel aus Stahl, Gebäude aus Backstein, deren Rot lang schon durch Ruß und Abgase in ein schmutziges Braun spielt. Die Bronzestatue hinter dem Haupteingang, durch welchen ich nach umfangreichen Sicherheitsüberprüfungen schreiten darf, zeigt, wer hätte es gedacht, Feldmarschall von Queesen. Den großen Held des Kriegs der Häuser und allzu beliebten Patron des armen und fantasielosen Tropfes, der große Persönlichkeiten für die, Eingangsbereiche von Kasernen aussuchen muss.
    Nicht die beste Arbeit.
    Die Gesichtszüge wirken etwas grob, die heroische Pose gekünstelt. Mit gezücktem Säbel deutet er im Metaphorischen auf einen unsichtbaren Feind, im Realen auf die Baracke der Haupttorwache. Die Statur bildet eine Insel in der Ausfahrtzone. Man hat versucht ihr Rundell zu begrünen, was allerdings bei einem Versuch geblieben ist, der künstlichen Beleuchtung sei Dank.
    Ich stehe also im Inneren des Kasernengeländes und in ihrer Betriebsamkeit. Soldaten werden im Lauf- oder Gleichschritt geführt, gehen einzeln und in Gruppen ihren Beschäftigungen nach, oder versuchen beschäftigt zu wirken, um dann hinter irgendeiner Ecke zu rauchen, sobald ein übereifriger Vorgesetzter auf ihren Täuschungsversuch hereingefallen ist.
    Die Szenerie wird vom allgegenwärtigen Fahrzeuglärm garniert, der nun einmal zu einer mobilen Infanterienheit gehört, wie die hässlich verbrämte Statur am Eingang.
    Dennoch gibt es zwei Dinge, die diese Kaserne von den meisten anderen unterscheidet. Das ist als erstes die direkte Lage an der Außenseite der Makropole. Dadurch ist die Gamarai- Kaserne nicht auf jeder Seite, sowie unten und oben, vom Stahl und Beton der angrenzenden Ebenen umschlossen, sondern auf der Westseite offen. Das erlaubt das direkte Anlanden allerlei Luftvehikel und einen prächtigen Blick auf das Meer. Für beides ist immer vorausgesetzt, dass der Smog der Industrieanlagen sich nicht bis hier oben staut. Tut er es doch, dann ist das Verlassen der Gebäude nur mit Atemschutz oder ABC- Schutzmaske möglich.
    Tut er es nicht, dann hat man nicht nur eine herrliche Sicht, sondern der frische Wind vertreibt auch die Abgaswolken der Fahrzeuge und sorgt fast schon für angenehme Luft.
    Die zweite Besonderheit dieser Kaserne sind ihre Bewohner. Die Zehnte Infanteriekompanie, der Sektorenbrigade 21. Auf besonderen Befehl des Gouverneurs hin, wurde diese Einheit zu einem großen Teil aus Fremdweltlern gebildet. Die einen sagen, um von dem Können und den Erfahrungen so vieler Veteranen verschiedenster Schlachtfelder zu profitieren, die anderen meinen, um der Vorherrschaft der Adelshäuser innerhalb des Offizierscorps der Armee etwas entgegenzusetzen.
    Wieder andere sehen darin lediglich eine Laune des Gouverneurs, der schlicht etwas befahl, dass er befehlen konnte. Wie es auch sein mag, die Zehnte stellt ein gewisses Kuriosum dar, welches mich gleich beim Betreten der Einrichtung in seinen Bann schlägt. Eigentlich müsste ich mich umgehend beim Einheitskommandeur, Major Klein melden. Doch da mir vor den anstehenden Formalitäten graut, beschließe ich mir vorher einen TangKahve in der Kantine zu besorgen und mir die Männer und Frauen, mit denen ich auf unbestimmte Zeit mein Leben teilen werde, erst einmal aus der Deckung meiner Tasse heraus anzusehen.

    Mein Name ist Simone Tober und ich bin seit nun mehr zehn Jahren Direkterstatter des Gohmor Guardian. In dieser Funktion saß ich mit der Roten Wache in den Schützengräben und hörte mir Schauergeschichten über die Schwarzen Dragoner des Hauses Orsius an. Ich sprach während der Hungeraufstände und Blockrevolten mit Mutanten und den PVS- Polizisten, welche sie auseinander trieben. Ich war vor zwei Monaten für die Leser des Guardians in Horning und berichtete exklusiv von der Belagerung Edos.
    Ich möchte mir mit dieser Aufzählung nicht selbst Beifall klatschen oder mich als die erfahrene Berichterstatterin für Kriesen aller Art etikettieren. Jeder Krieg birgt seine ganz individuellen Schrecken und Grausamkeiten und die Erfahrung eines Menschen, der bereits mehrere erlebt hat, beschränkt sich in erster Linie darauf Todesangst in allen nur erdenklichen Fassetten kennengelernt zu haben.
    Hinzu kommt ein gewisses Gespür dafür, wann man seine Nase in Dinge steckt, die für den Leser von Bedeutung sind und wann man lieber den Kopf einzieht und mit bangem Herzen auf das Pfeifen der Kugeln lauscht.
    Nun letztlich stelle ich mir damit wohl doch ein Zeugnis aus, wenn auch eines, dass wie ich hoffe, dem Leser dieser Reihe glaubhaft vermittelt, dass ich in vielen Dingen weiß wovon ich rede.
    Ich habe mit Soldaten der PVS, mit Haustruppen, Paramilitärs und Söldnern so manchen langen Abend in kalten, heißen, zugigen oder feuchten Gefechtsständen verbracht. Ich hoffe daher, keine Fehlbesetzung für die anstehende Reportage zu sein, deren Ziel der Dschungel von Luht sein wird, deren Zwischenziel aber erst einmal das heimliche Betrachten der Soldaten in der Kantine ist.
    Die Zehnte hat sich in Horning einen Namen gemacht, allerdings auch kräftig Federn lassen müssen, wenn man es zynisch ausdrücken darf. Diese Verluste wurden in den letzten Wochen durch Versetzungen und neue Rekruten ausgeglichen. Dadurch ergibt sich ein sonderbar gemischtes Bild. Kampfgezeichnete Veteranen mit den Atributen fremder Welten und unerfahrene Milchbärte, von den alten Hasen als „Glatte“ bezeichnet. Mir fällt ein wahrer Riese mit einem gefärbten, blauen Bart auf, der den Berg auf seinem Teller mit gezierter Gabelkunst verkleinert. Neben ihm schlürft eine Frau mit gänzlich brauner oder vielmehr schwarzer Haut ihren TangKahve. Diese Färbung der Haut ist eine Anpassung an die Sonneneinstrahlung einiger Planeten und häufiger als man denken mag. Man könnte es als eine verstärkte Form der abgedunkelten Hautpigmentierung der Äquatorgegend betrachten. Ein weiterer Mann von wahrscheinlich fernen Welten fällt mir auf. Er ist ebenfalls sehr groß, im Gegensatz zu dem Blaubärtigen jedoch unheimlich dünn. Jeder sichtbare Zentimeter seiner Haut ist mit verschlungenen Tätowierungen bedeckt.
    Das genaue Gegenteil ist ein gedrungener kleiner Mann, von der Größe eines Kindes. Er trägt einen kapitalen Bauch vor sich her, wirkt, davon abgesehen jedoch nicht weniger durchtrainiert als die anderen Soldaten.
    Von all diesen Veteranen geht eine sonderbare Gelassenheit aus. Frauen und Männer, die genug Schrecken und Absonderlichkeiten gesehen haben, um sich von den Nichtigkeiten des Lebens nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.
    Bevor ich meine Feldstudie jedoch weiter vorantreiben kann, habe ich eine Begegnung mit eben jener Spezies der „Glatten“ die lediglich die Strapazen des Grundausbildungsjahres gemeistert haben oder noch nicht einmal dies. Eine Gruppe von drei Burschen ist auf mich aufmerksam geworden und tuschelt auffällig unauffällig miteinander. Schließlich kommt einer von ihnen auf mich zu, während seine beiden Kameraden ihm aufmunternde Gesten als Rückendeckung mit geben.
    Der junge Mann ist genau das: sehr jung.
    Das er zwanzig Jahreszyklen mitgemacht hat ist eine hoch gegriffene Schätzung. Er lässt sich auf dem Stuhl nieder, welcher meinem auf der anderen Tischseite gegenüber steht. Sein gewinnendes Lächeln konkuriert mit dem Funkeln der Gruppenkampfnadel an seiner Heldenbrust.
    Er bekleidet den Rang eines Gefreiten, was alles das Bild eines Jungen formt, der so eben die Grundausbildung hinter sich gebracht hat. Scheinbar recht erfolgreich.
    Ob ich mich verlaufen hätte will er mitfühlend wissen.
    Aus der Umhängetasche mit dem Bildaufnahmegerät scheint er zu schließen, dass ich etwas mit Presse zu tun habe. Er bietet mir an mich durch die Kaserne zu führen und alles zu erklären. Er könnte mir auch seine Stube zeigen, bedeutet er mit einem mehrdeutigen Zwinkern.
    Damit hat der gespielte Witz seine Pointe erreicht und ich löse die Sache auf. Mit einem hoffentlich ebenso freundlichen Lächeln frage ich ihn, ob er das Lied vom Gefreiten kennt?
    Ein verwirrtes Stirnrunzeln ist die Antwort.
    Mit kräftig tragender Stimme trage ich es ihm vor.
    „Gehn sie weiter, gehen sie weiter, sie sind ja nur Gefreiter. Werdn se erst mal Offizier, dann kriegn sie auch ein Kind von mir!“
    Ich gebe zu, das meine Singstimme nicht gerade wegweisend ist, doch die Wirkung ist trotzdem die richtige.
    So ziemlich alle Köpfe haben sich zu uns umgedreht. Einige grinsen, andere schauen mit mildem Interesse oder Wut über die Anmaßung des jungen Soldaten. Die beiden Kumpels des Gefreiten brechen fast zusammen vor Lachen. Der abgewiesene Soldat erhebt sich ungelenk und mit rot hohem Kopf. Halb wütend, halb verlegen brummt er etwas davon, dass er nur helfen wollte, fügt etwas unverständliches über die Eigenschaften von Zivilisten hinzu und trollt sich.
    Später am Tag wird mir der junge Mann noch einmal begegnen. Allein und weniger nassforsch. Er wird sich entschuldigen und dann zu erzählen beginnen. Von seiner Mutter, die Näherin in der mittleren Ebene ist und der er Geld schickt um ihren kargen Lebensunterhalt aufzubessern. Wie stolz sie auf ihn ist und dass es eigentlich nicht seine Art ist, was er in der Kantine abgezogen hat. Ich glaube ihm und helfe mit einigen ermutigenden Worten über die Verlegenheit hinweg.

    Vorher jedoch mache ich Major Klein meine Aufwartung. Ein Bär von einem Mann, dem man gerne abnimmt, dass er mit bloßer Hand den Schädel eines Gegners zerquetschen kann. Seine Züge sind so kantig, als seien sie einem Propagandabild zur Truppenanwerbung entnommen. Die ihm eigene Art ruhige und leise zu sprechen stehen dazu in einem Gegensatz, der absonderlich aber nicht unangenehm ist. Er spricht sehr bedacht, doch ein unbekannter Akzent schimmert dennoch sachte durch. Er ist höflich allerdings anfangs etwas reserviert. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass ich weder seine Soldaten als Amme für mich brauche, noch dass ich scharf darauf wäre erschossen zu werden um einen postumen Ehrenpreis zu gewinnen, wird er etwas lockerer. Wir reden über Horning und über seine vormaligen Verwendungen in der Imperialen Armee. Es wird noch etwas mehr als zwei Tage dauern, bis wir aufbrechen, also wird mir eine Stube im Wohnblock F zugeteilt. Leider nicht mit Blick auf das Meer. Dann schlage ich meine erste Schlacht gegen die Bürokratie. Bereits im Büro sind unzählige Papiere auszufüllen, einen weiteren Stapel nehme ich mit auf die Stube. Während ich den Streiter im Papierkrieg gebe, entlasse ich sie und hoffe, dass sie mir und der Zehnten auch im Folgeartikel beistehen werden.

    Simone Tober


    Um die Integrität der militärischen Operationen zu wahren, werden die Artikel des Fronttagebuchs zeitversetzt abgedruckt.

    Anmerkung der Redaktion


    Simone Tober ist unsere Reporterin für die unangenehmen, aber nichtsdestotrotz wichtigen Aufträge, die der Dienst am gut informierten Leser fordert. Treue Anhänger unseres Blattes werden sie von früheren Berichten aus Krisengebieten, rund um den Globus, her kennen. Einmal mehr ist sie nun unterwegs um von dort zu berichten, wo sich andere Reporter nicht hin wagen. Dieses mal schließt sie sich in ihrer losen Serie „Fronttagebuch“ der Zehnten Infanteriekompanie an und begleitet sie auf einem ihrer Einsätze.


    Fronttagebuch

    Kasernen sind sonderbare Orte. Sie brummen von Leben und Aktivität, doch es ist eine vergängliche Gemeinschaft, die hier einen Teil, ihres Lebens verbringt. Dabei muss noch nicht einmal die Gefährlichkeit ihres Berufsstandes sie fort reißen. Schon Versetzung oder Dienstende genügen. An den Wänden des Casinos und der Aufenthaltsräume, hängen Gruppenbilder, unzählige Gesichter, zu denen keiner den Namen mehr zu nennen weiß. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob die Ablichtungen hundert oder zehn Jahre alt sind.
    Die Gebäude bleiben gleich, ihre Funktionen ändern sich nur selten. Was dereinst ein Unterkunftsblock war, dient heute dem Stab, doch die Bewohner dieser Bauten sind wie Reisende. Das macht Kasernen in meiner Wahrnehmung zu etwas sehr Melancholischem. Vielleicht ein Gedanke, den meine geschätzten Leser nicht ganz nachvollziehen können, doch es sind solche Grübeleien auf die man kommt, wenn man zwei, fast drei Tage zum Nichtstun verdammt ist.

    Die Soldaten der Zehnten sind mit den letzten Vorbereitungen ihres anstehenden Einsatzes voll auf beschäftigt gewesen und hatten wenig Zeit oder Lust, sich mit den ansträngenden Fragen einer gelangweilten Reporterin abzugeben, die sie von ihren Aufgaben abhalten. Hinzu kommt eine allgemein gedrückte Stimmung. Nicht etwa weil den Männern und Frauen der Zehnten langsam aber sicher der näher rückende Termin des Missionsbeginns zu schaffen macht, sondern weil ihnen ihr Kommissar die letzten Tage nicht eben zu den ruhigsten hat werden lassen. Ohne dabei zu sehr ins Detail gehen zu wollen, sei gesagt, dass es einige der Soldaten mit dem genießen der letzten Tage in der Heimat etwas übertrieben hatten und so den Unmut des Politoffiziers auf sich zogen. Dieser weitete die Bestrafung in Form körperlicher Ertüchtigung auf die gesamte Kompanie aus. Das mag man als Außenstehender als übertriebene Härte beurteilen. Es zeigt jedoch auch den enormen Wert, der bei unserer Armee auf die Disziplin und die soldatische Pflichterfüllung gelegt wird, ganz gleich in welchem Kontext.
    Doch sei es wie es sei, die Zeit des Vorbereitens und des nervös gespannten Wartens ist nun vorüber. Was sie hier verschriftlicht vor sich sehen und lesen, diktiere ich in mein kleines Aufnahmegerät und ich kann meine eigene Stimme dabei kaum hören, da sie vom dröhnen der Stiefel beinahe verschluckt wird.
    Die Zehnte marschiert und sie gehen in Eisen.
    Das heißt, sie rücken voll aufgerüstet aus der Heimatbasis ab, die Helme und Brustpanzer angelegt, die Gesichter von den Schutzmasken und Visieren verborgen, die Waffen vor der Brust mit vollen Magazinen. Der Brauch des „In Eisen Gehens“ ist eine uralte Tradition bei der Armee Korons. Die Soldaten verlassen die Stadt so, dass sie jederzeit zum Kampf bereit sind, selbst wenn die Verlegung in das Zielgebiet es sinnvoller erscheinen ließe, Munition und persönliche Schutzausrüstung erst kurz vor dem Beginn des Einsatzes auszuteilen und anzulegen. Tatsächlich ist es aufgrund dieses Brauchs schon zu Unfällen gekommen. Etwa wenn sich ein Schuss innerhalb der Marschformation aus einer nachlässig gesicherten Waffe löste.
    Doch Bemühungen diese Tradition abzuschaffen, so wie man es auch mit den Ehrenduellen unter Offizieren getan hat, scheiterten. Zu tief verankert ist der Brauch. Wie so Vieles ist der Ursprung wohl im Krieg der Häuser zu suchen, auch wenn heute niemand mehr zu sagen vermag unter welchen Umständen er genau entstand.
    Es ist jedenfalls ein Bild, dass selbst im Vaterlandslosesten Gesellen den Funken des Patriotismus entzünden dürfte und ihn den Rücken etwas mehr durchstrecken, die Brust etwas mehr schwellen lassen wird.
    Es ist nur eine Kompanie und kein Angehöriger, Freund oder Schaulustiger winkt oder schwenkt Blumensträuße, die Geheimhaltung der Mission verbietet dies. Dennoch ist es ein bewegender Anblick. Der Gleichschritt lässt den Tunnel dröhnen, welchen die Einheiten zum Luftschiffanleger beschreiten. Der Seewind heult durch eben diesen Korridor und lässt das Kompaniebanner an der Spitze des Zuges knattern und wehen. Das riesig wirkende Kettenschwert geschultert schreitet der Kommissar neben den Soldaten dahin. Der Musik- Servitor an der Spitze krächzt und pfeift den "Letzten Marsch der Gamarai Grenadiere". Asthmatisch und blechern, vom Gang weiter verzerrt zu etwas, dass fast schon unheimlich wirkt. Dennoch erhebend und ob Zufall oder Timing, das Finale erschallt in dem Moment, als die Spitze der Kolonne in das Licht der Anlegestelle schreitet.
    Das Wetter ist trübe wie meistens, doch nach dem Halbdunkel des drei Kilometer langen, eher spärlich ausgeleuchteten Tunnel, sticht das Licht regelrecht in die Augen.
    Hier nun wird angetreten, die Musik verstummt und das Banner wird eingerollt und wie ein Schatz in einer stählernen Kiste verwahrt. Scharfe Befehle gellen durch die Luft, ich selbst muss zusehen, dass ich nicht wie der tapsige Zivilist wirke, der ich eigentlich bin und den Anschluss nicht verliere.

    Die Verladung geht schnell und glatt wie eine gut geölte Maschinerie. Schwere Ausrüstung ist bereits in den letzten Tagen verladen worden und die letzten Güter werden von Stablersentinels verbracht, welche wie riesige Laufvögel zwischen den offen stehenden Ladeluken und den schrumpfenden Stapeln aus grün lackierten Kisten hin und her schreiten.
    Von der "Kottos", welche uns zum Ziel bringen wird, ist durch den Anlandebreich, der nur eine Art offenes Flugdeck in der Flanke der Makropole darstellt, nicht viel zu sehen. Eine aufragende Wand aus grauem Stahl, mit den Öffnungen für Material und Personal. Seit dem Absturz der "Artichendes Prios" vor einigen Jahren ist die "Kottos" das größte Luftschiff in der Flotte der PVS. Gleichwohl der Gigant eine beachtliche Feuerkraft aufbieten kann, ist er doch mehr eine mobile Basis. Eine kleine Armee passt in den Bauch des Flugschiffes und auf seinem Oberdeck können vier Fliegerstaffeln landen und starten. Wenn aus unserer Position auch noch nicht viel von dem Schiff zu erkennen ist, so dringt das tiefe Brummen der Antigravgondeln doch tief in die Knochen und lässt die Füllungen in den Zähnen schwingen. Einige Leute machen die Schwingungen krank und man sprich gemeinhin vom Äquivalent zur Seekrankheit, eben der Luftkrankheit. Die symptomatische Übelkeit haben nämlich beide Plagen der Luft- und der Seefahrt gemein. Da dies auch meine erste Reise mit einem Luftschiff ist, lass ich mich davon überraschen, wie der Flug auf meinen Metabolismus wirkt. Wir betreten also das Schiff und wenn dieses Gefährt auch die Wolken und nicht die Wellen durchschneidet, so sind die Ähnlichkeiten zur maritimen Fortbewegung doch unverkennbar. Das Innere gemahnt an die Enge eine typischen Kriegsschiffes. Ich habe dabei das Glück nicht sonderlich groß zu sein, doch ein jeder, der die 1,80 überschreitet, wird das Ende des Fluges wohl nicht ohne einige Beulen erleben. Rohrleitungen und Kabelbündel laufen offen an den Wänden entlang und sehen so kompliziert aus, dass man glauben kann nur ein Techpriester kann überhaupt erahnen, was welche Funktion hat.

    Wichtig sind auch die Schleusen. Farbige Markierungen spiegeln die Zugangserlaubnis wieder. Der gemeine Soldat, genauso wie auch meine Wenigkeit, darf den Fuß nur über die hohen Schwellen setzen, die gar keine Markierung aufweisen. Grün, blau und rot bescheinigen, Technikern, Offizieren und anderem, speziellen Personal den Durchgang. Wehe dem Unglücklichen, der diese Regel missachtet. Er findet sich schnell von Deckwachen genannten Soldaten umringt und muss Rede und Antwort stehen, wenn er Pech hat in die Brigg. Die Zehnte wird im Zwischendeck 5 einquartiert. Die Waffen werden unter Aufsicht entladen. Bei aller Liebe zur Tradition, einen versehentlichen Schuss in einem Luftschiff will niemand riskieren. Die Kugel würde sich unweigerlich in einen Querschläger verwandeln und am Ende etwas treffen, was für den Betrieb der "Kottos" wichtig ist. Ganz gleich ob Maschine oder Personal, wobei man Letzteres, so bitter es klingen mag, wohl leichter ersetzen könnte.
    Für die Fracht und etwas anderes sind wir im Moment nicht, sind keine separaten Quartiere vorgesehen. Die "Kottos" kann zweitausend Passagiere zusätzlich zur Besatzung aufnehmen. Das dies auf bequeme Art geschieht, davon war nicht die Rede. Der Leser möge sich einen langen Gang aus grauem Panzerstahl vorstellen. An den Wänden sind Kojen angebracht, immer drei Stück übereinander. Unter der ersten Koje ist etwas Stauraum für das Gepäck vorhanden. Privatsphäre gibt es nicht. Lediglich die höheren Offiziere haben den Luxus eines Vorhangs vor den Kojen. Wasch- und Toilettenräume befinden sich am Ende des Korridors. Wen das Brummen der Gondeln nicht wach hält, der hat gute Chancen, dass es das Schnarchen, Husten, die mehr oder weniger leisen Unterhaltungen oder das Herumwälzen eines nahen Kameraden tut. Die Kojen für die einfachen Soldaten bestehen nur aus einer gespannten Stoffbahn, auf ein fest in der Wand verankertes Gestänge gezogen. Ich habe das sagenhafte Glück in der Mitte zu liegen. Über mir ein Obergefreiter, der vermutlich einen Ogryn irgendwo in der Ahnenreihe aufweist. Seine Koje wölbt sich etwa zwei Handbreit vor meinem Gesicht und lässt mich über die Belastbarkeit von Stoffen in Armeebeständen nachdenken. Unter mir liegt eine Gefreite. Sehr sympathisch und humorvoll, allerdings gerade im Begriff das Lesen besser zu lernen. Sie geht mit diesem Manko sehr locker um, zumal sie nicht die Einzige ist die nur gerade so durch die Aufnahmeprüfungen in diesem Bereich gerutscht ist. Dumm nur, dass sie Ihre Leseübungen laut machen muss, um, wie sie sagt, die Aussprache besser zu verstehen. Die ideale Voraussetzung für einen erholsamen Schlaf also.
    Doch nicht alles ist trostlos. Den Reisenden, die im Grunde während der Überfahrt zum Nichtstun verdammt sind ist es gestattet auf das Vergnügungsdeck zu gehen. Eine inoffizielle Bezeichnung, die mehr verheißt, als sie wirklich beinhaltet. Es gibt eine Kantine, die neben der regulären Armeeverpflegung ein paar zusätzliche Dinge, wie Süßigkeiten und überteuerte Echtfleischprodukte anbietet. Außerdem kam man Zeitungen erwerben und auf dem Vid laufen Unterhaltungssendungen, die den Stempel „Antik“ tragen dürften.
    Aber immerhin!
    Außerdem gibt es einen Frisör und ein Freizeitzentrum mit Sportangeboten. Das Wichtigste jedoch ist der Außenbereich. Wenn die Freigabe gegeben ist, dann kann man auf eine Plattform unterhalb des Landefeldes hinaustreten.
    Frische Luft, eine atemberaubende Aussicht und am allerwichtigsten, hier darf geraucht werden. Immer vorausgesetzt man bekommt seinen Glimmstängel irgendwie an. Bei orkanartigem Dauerwind und vor Kälte steifen Fingern nicht ganz einfach. Übrigens gibt es im Kantinenladen Sturmfeuerzeuge zu unverschämten Preisen.
    Trotz dieser Erschwernisse ist die Raucherplattform der am stärksten frequentierte Bereich des Vergnügungsdecks und nachdem vorerst an Schlaf nicht zu denken ist, begebe ich mich dort hin. Nicht nur gedenke ich den Abflug von der Makropole in drei Stunden zu beobachten, sondern auch mit dem einen oder anderen Soldaten ins Gespräch zu kommen.
    Ob meine Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden lesen sie in der nächsten Ausgabe.

    Simone Tober


    Um die Integrität der militärischen Operationen zu wahren, werden die Artikel des Fronttagebuchs zeitversetzt abgedruckt.

    Anmerkung der Redaktion

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  10. #10
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    Ein kleiner Appetizer bevor mal wieder was umfangreicheres kommt. Der folgende Text ist eine geschrieben Illustration zur Hintergrundbeschreibung der Makropole Gohmor. Genauer gesagt der Minuseben, also dem Keller. Viel Spaß dabei.


    "Versuchtes Verhör des Strafgefangenen 221183N71315 zur angeblichen Flucht in die Minusebene. / Egir Septimus Trakt für Strafgefangene mit schwerer psychologischer Beeinträchtigung.

    Ob ich da war will er wissen?

    Höre ihr das? Ob ich da war?
    Ich bin immer noch da, sagt ihm das!
    Oben ist unten und unten ist oben. Fragt die mit den Hörnen, fragt die die im Fundament liegen. Nein... nein... keinen Elektroklapps... wir werden brav sein und der neugierigen Person alles sagen.
    Wie runter gekommen? Wie runter gekommen?
    Was für eine unwichtige Frage, wo doch soviel mehr zu fragen ist.
    Es gibt Wege. Nach unten gibt es immer Wege, dunkel und nass erst.
    Und es kribbelt und krabbelt so mancher Summsemann herum und ruft dich und will dich küssen und will dich aussaugen. Der Summsemann tippelt hinter dir her, durch die nassen und dunklen Wege wo die Uhren zusammengepresst werden, bis der Saft aus ihnen raus tropft, von der dicken Stadt, die über ihnen liegt. Man geht und geht und sieht sich selbst und hinter dir summen sie. Dann wenn die Uhr einmal rum ist, dann wird es von vorne feurig und hell. Fieberhell, wie Sonne auf Glas.
    Hab die Sonne mal gesehen. Als Kind, ganz hell und ganz rund.
    Arrrgh...
    Nein nicht mehr, wir sagen alles, erzählen jedes Klick und jedes Klack, jedes Knick und jedes Kack.
    Nach dem Weg kommt der große Saal. Feuer ist da und tanzt und in der Mitte ist ein See und da sind Hütten und Häuser, gemacht aus böser Luft und bösem Schlamm. Da wohnt ein lustiges Volk, das viel tanzt und hüpft, wie das Feuer.
    Lustige Lieder singen sie und klatschen so in die Hände und so und so und so.
    Insat Namad, Insat Namad ily ily na. Insat Namad, Ins... Arrrrgh.
    Sing... singen auch nicht? Das hat er vorher nicht gesagt. Bis zum Einschluss darf ich sonst immer singen.
    Nein... nein... wir sind nicht aufmüpfig, wir reden weiter.
    Von dem Tanzen, aber nicht von dem Singen, weil singen jetzt verboten ist, stimmts?
    Da leben noch andere, die mal oben waren und jetzt unten sind. Die tanzen nicht.
    Oben ist unten und unten ist oben. Die haben Hörner und Hufe und streiten viel und sterben viel. Wenn man vom großen Saal in die Tunnel geht, dann stirbt man viel.
    Wer einmal stirbt dem glaubt man nicht, weil jeder seiner Knochen bricht.
    Ich bin in die Tunnel gegangen, weil ich Angst hatte vor den Hornmännern und weil ich Hunger hatte. In den Tunneln ist es nicht schön, nicht schön. Da wohnen Klick und Klack und Knick und Knack, die reißen dir die Ärmchen ab. Dann nähn sie sich selber an, das man sich selber winken kann.
    Und Wasser gibt es da, so schwarz wie Teer und darin schwimmt eine große Flosse und wartet das du baden gehst. Und Spalten sind im Boden, wer da hinein plumpst der kommt nie an und fliegt und fällt als alter Mann.
    Ja lustig geht es zu, der Schädel grinst den ganzen Tag, weil es so lustig ist.
    Wir gehen runter, dann sind wir reich, so dachte es sich einer. Wir waren zehn und gingen hin, herauf kam leider keiner.
    Ich? Nein ich bin doch noch immer da.
    Wie man da hin kommt fragt er wieder. Nicht wie man da weg kommt, nicht wie man nicht von dem Großen gesehen wird, auf dem die Stadt steht. Wie man das Geplapper der Toten übersteht oder das Flüstern der eigenen Mutter. Wie man da hin kommt fragt er.
    Was will er da unten?
    Wieso will er da runter?
    Ist er wahnsinnig?
    Arrrrgh."

    text by Kogan
    Geändert von FuNi (3. August 2017 um 00:15 Uhr)

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