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Thema: Der LKW

  1. #11
    Aushilfspinsler

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    Simone Tober ist unsere Reporterin für die unangenehmen, aber nichtsdestotrotz wichtigen Aufträge, die der Dienst am gut informierten Leser fordert. Treue Anhänger unseres Blattes werden sie von früheren Berichten aus Krisengebieten, rund um den Globus, her kennen. Einmal mehr ist sie nun unterwegs um von dort zu berichten, wo sich andere Reporter nicht hin wagen. Dieses mal schließt sie sich in ihrer losen Serie „Fronttagebuch“ der Zehnten Infanteriekompanie an und begleitet sie auf einem ihrer Einsätze.


    Fronttagebuch


    Ich erzähle Ihnen gewiss nichts Neues, wenn ich sage, dass Koron 3 alles andere als eine Gartenwelt ist.
    Der überwiegende Teil der Leserschaft des Guardians wird ob dieses Anfangs gewiss die Stirn runzeln. Gerade wenn man in Gohmor lebt ist meine Feststellung eine Selbstverständlichkeit, wie das der Himmel nicht blau und grenzenlos ist, sondern grau und aus Metall. Nichtsdestoweniger gibt es die paradiesischen Orte auf unserer Heimatwelt genauso, wie es die leibhaftigen Alptraumregionen gibt. Die Giftsümpfe in Horning sind ebenso real, wie die Azurseen in Trostheim, das erschreckende öde Land so wahr wie der äquatoriale Dschungel.
    Das soll keineswegs die ganz eigene Schönheit unserer geliebten Hauptstadt herabwürdigen. Deren Pracht liegt in ihrem Symbolismus begründet. Strecken die höchsten Türme der oberen Ebene ihre Finger nach den Sternen aus, so sind sie nicht nur schnöde Gebäude, sondern Sinnbild für das, was das Menschengeschlecht zu erreichen vermag.
    Wenn Abgase das Antlitz der Stadt verschleiern, so sind sie nicht nur Schmutz und gasförmiger Dreck, sondern auch Gewand der Effizienz, mit dem die Stadt angetan ist. Gohmor versorgt ungezählte Welten mit dringend benötigten Gütern und Rohstoffen. Jeder Einzelne, der seine Schritte allmorgendlich an die Fließbänder der Manufakturen lenkt, leistet seinen Teil zum Ruhme Gohmors und des Imperiums.
    Aufgrund dieser, aus tiefstem Herzen empfundenen Überzeugung, verspüre ich nicht den Stich der Reue, wenn ich Ihnen von den exotischen Dschungeln der Nation Luhts berichte, wohl wissend, dass ein Großteil meiner Leserschaft diese nie mit eingenen Augen zu Gesicht bekommen wird. So wie die Männer und Frauen der Zehnten ihre Pflicht mit der Waffe in der Hand tun und ich die meine mit dem Schreibgriffel, verlassen Sie ihren Posten nicht an den Schaltstellen unserer Zivilisation. Dieses Wissen darüber, dass jeder an den Platz gehört, an den ihn die Weisheit des Gottkaisers und seiner weltlichen Vertreter gestellt hat, ist wahrhaftig und lässt mich in dunklen Nächten ruhig schlafen.

    Eine innere Ruhe die Not tut und zu der ich in den letzten Tagen öfter als einmal Zuflucht nehmen musste. Dies ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass sich die Schlafverhältnisse an Bord der “Kottos“ nicht durch Zauberhand verbessert haben, sondern auch der Tatsache, dass wir unserem Ziel nun sehr nahe sind.
    Ich mache mein treues Aufnahmegerät bereit und wechsle die Speicherspule. Denn bald werde ich wieder auf mündliches Aufzeichnung und späteres Verschriftlichen zurück greifen müssen. Mir wird klar, dass wir uns mit jedem überwundenen Kilometer auch der Gefahr nähern und die Möglichkeit von Verletzung und Tot von einer hypothetischer langsam aber sicher zu einer realen Bedrohung wird.
    Ich lenke mich ab, indem ich meine Notizen der letzten paar Tage sichte und in Gedanken noch einmal Revue passieren lasse. Etwa als mich der überaus zuvorgekommene Presseoffizier der “Kottos“ durch das Luftschiff führte und mir den Eindruck vermittelt, ich wäre bei einer ganz persönlichen Touristenführung.
    Hinterher weiß ich, dass das Luftschiff 3000 Männer und Frauen als Besatzung hat, diverse Fliegerstaffeln trägt und im direkten Luftschiff zu Lufftschiff- Kampf ebenso bestehen kann, wie in der Abwehr feindlicher Flieger und Flugkörper. Ebenso erfahre ich, dass die "Kottos" auch im eingeschränkten Rahmen in den Kampf auf dem Boden unterstützend einzugreifen vermag.
    Alles sehr informativ und alles sehr zweitklassige Informationen. Nichts was man nicht der Rückseite eines Sammelbildes des Schiffes entnehmen könnte, wie sie Scholakinder in der Pause untereinander tauschen.
    Der Hauptmann scheint das genauso zu wissen wie ich und wir spulen das Pflichtprogramm ab, dabei unausgesprochen amüsiert über diese kleine Farce nach Art der Armee.
    Sehr viel interessanter gestalteten sich meine Unterhaltungen mit den Soldaten der Zehnten.
    Etwa mit Unteroffizier Micheal Banks, der treuen Lesern unseres Blattes kein gänzlich Unbekannter sein dürfte, gab er vor einigen Jahren doch schon meiner geschätzten Kollegin Juliet D`Leran ein Interview, damals noch im Rang eines Gefreiten. Sein Einsatz in diversen Missionen, wie auch in Horning, haben ihn die Karriereleiter erklimmen lassen.
    Ihn suche ich bei der Pflege seiner Ausrüstung auf und ganz als wäre er dem Klischee seiner Heimat verpflichtet, schleift er das gewaltige Kampfmesser der Dschungelkrieger. Die Klinge gleicht mehr einem Kurzschwert, denn einem Messer. Die Rückseite ist bösartig gezähnt und die Spitze gebogen. Bei jedem anderen Mann würde eine solche Waffe eher albern wirken, als versuche ihr Träger damit eine andere Unzulänglichkeit zu kompensieren. Dem riesenhaften Catachaner glaubt man jedoch ungesehen, dass er einen Feind mit seinem Messer an den nächst besten Baum nageln kann. Ich geselle mich zu ihm und versuche das Eis mit der scherzhaften Bemerkung zu brechen, dass der Dschungel Korons doch wie ein Gemüsebeet für ihn sein muss, verglichen mit den Wäldern seiner Heimat. Seine Antwort gebe ich als Zitat wieder: „Koron 3 ist jetzt meine Heimat und ein Dschungel bleibt ein Dschungel. Ob eine von tausend tödlichen Bestien dich umbringt oder der einzige gefährliche Räuber der Region, dass dürfte am Ende ziemlich gleichgültig sein.
    Eine Krankheiten übertragende Mücke, eine verunreinigte Quelle, eine Gehirnklette oder die freundlichen Einheimischen. Wer meint er hätte alles schon gesehen und könnte von nichts überrascht werden, der ist schon so gut wie erledigt. Das einzige was man im Vorfeld wirklich tun kann, ist Vorbereitung.“
    Als wolle er diese Weisheit unterstreichen, testet er die geschärfte Klinge an einem bereitliegenden Blatt Zeitungspapier. Ob es zufällig der "Trutz- Patriot" ist oder ob er damit eine Aussage treffen will, kann ich nicht sagen. Was ich jedoch sagen kann, die Schneide gleitet durch das Papier ohne erkennbaren Widerstand. Sie verursacht nicht einmal ein Geräusch.
    Etwas weniger einsilbig verlief derweil eine andere Unterhaltung mit einem Soldaten. Er bestand darauf, dass sein Name nicht genannt wird, also wollen wir ihn an dieser Stelle Obergefreiten Doe nennen.
    Wie Banks ist auch Doe ein Kämpfer mit Fronterfahrung auf anderen Welten, wie auch auf Koron.
    Sein Einstellung ist imperial.
    Ein sonderbarer Ausdruck, mag nun mancher denken, schließlich hat doch jeder gesetzestreue Bürger eine imperiale Ansicht oder etwa nicht?
    Nun das mag so sein, dennoch kann man schwer leugnen, dass Gohmor, im Vergleich mit anderen, imperialen Welten einige sehr liberale Ansichten vertritt. Ins Bewusstsein rückt dieser Umstand, wenn man den Worten eines Fremdweltlers lauscht, wie OG Doe einer ist.
    Er meint in unserem Gespräch über den bevorstehenden Einsatz: „"Luht geht durch bodenlose Dummheit zugrunde und wird zum leichten Opfer von wilden Stämmen. Stämmen, die heidnischem Brauchtum anhängen und dutzende Missionare getötet haben und sich jetzt an unseren Bürgern vergehen. Und warum gibt es diese Stämme noch? Weil man den Dschungel nicht kartographieren konnte oder wollte und damit dieses Vipernnest geduldet hat.“ Klare Worte, die in der schwarz- weiß Einfärbung eines einfachen Soldaten doch ein Kern nicht zu leugnender Wahrheit enthalten. Man hat die vergessenen Gegenden unserer Welt, sprich die Nationen des Äquators, in der Tat lange Dekaden vernachlässigt und ihren inkompetenten Regierungen überlassen. Während sich die entwickelten Länder Korons untereinander belauerten und ihre kalten und heißen, kleinen Konflikte austrugen. Die Nationen der Mitte waren dabei bestenfalls Rohstofflieferanten. Wenn Doe orakelt: „Hier in Luht wird es anfangen, dass kann ich ihnen sagen. Von meiner Seite aus bestehen keine Zweifel daran, dass wir diese Stämme mit Stumpf und Stiel ausrotten müssen, sonst sprießen sie wie Unkraut wieder hervor.“, mögen das etwas kurz gedachte Ansichten sein, die aber, ist man bereit den Gedanken zu Ende zu führen, in der Tat den spekulativen Grundstein einer Lösung in sich tragen mögen. Wenn PVS- Soldaten aus Gohmor in den Urwald des Äquators geschickt werden, um die Arbeit zu erledigen für die luhter Regimenter zu inkompetent oder zu desolat sind, dann muss die Frage erlaubt sein, ob es nicht mehr Sinn ergeben würde, wenn Gohmor nicht nur die Aufgabe einer Feuerwehr übernehmen, sondern sich gleich ganz in die Position der führenden Regierungsgewalt setze.
    Wo eingesetzte Führungen nicht in der Lage sind ihre Aufgaben zu erfüllen, sollte der Gouverneur in der Verantwortung stehen diese Unfähigen ihres Amtes zu entheben und die Selbstverwaltung dieser Nationen aufzuheben. Vielleicht ist der Einsatz der Zehnten ein Schritt in diese, richtige Richtung und vielleicht hat der Obergefreite Doe recht und es wird wirklich hier in Luht beginnen einige Fehler der Vergangenheit zu bereinigen.

    Ich befinde mich auf dem Raucherdeck, wie es die Soldaten inzwischen einhellig nennen, als wir die Grenze zu Luht überfliegen.
    Unter uns erstreckt sich eine einzige grüne Fläche und man muss nicht aus einer urbanen Gesellschaft wie Gohmor stammen, um diesen Anblick ein wenig beängstigend zu finden. Das auf unserer industrialisierten Welt derart viele Pflanzen existieren, hätte ich mir nicht träumen lassen.
    Wir fliegen fast einen halben Tag über dieses endlose Grün, bis wir erste Anzeichen von menschlichem Leben ausmachen können. Aus der Höhe kaum mehr als Spielzeugdörfer mit Strich dünnen Straßen verbunden. manchmal auch gänzlich isoliert. Wer in diesen Siedlungen den Ton angibt,ob die Bewohner von Rebellen aus dem Dschungel massakriert wurden, wer kann es von hier oben aus sagen?
    Unser Ziel ist die Stadt Huncal. Diese ist neben ihrer Schwester Taggo und der Hauptstadt Luht die größte Stadt des Landes und liegt im Grenzgebiet zur umkämpften Zone.
    Ich übergehe die logistischen Details der Landung, der routinierten Hektik nach den Tagen der Langeweile. Ich will ihnen stattdessen etwas über Huncal berichten, das uns für immerhin 24 Stunden der letzte Hafen der Zivilisation sein wird, bevor wir in das schattige Grün des Blättermeeres abtauchen.

    Huncal hat eine Besonderheit, die es zu einer touristischen Goldgrube hätte werden lassen, würden die permanenten Konflikte nicht jeden Reisenden bei Verstand abschrecken.
    Die Stadt mit ihren etwa 300.000 registrierten Einwohnern erstreckt sich vom Tal des Unaga den Hang des Doppelberges Bara-Baro empor. Eine Stadt, die den Fuß eines Gebirges hinauf gewachsen ist, ist auf den ersten Blick nun nichts ungewöhnliches. Doch auf halber Strecke tut sich in dem Felsmassiv eine Höhle von wahrhaft gewaltigen Ausmaßen auf und in eben diese ist die Stadt hinein expandiert. Selbst für jemanden, der die Wunder einer Makropole geschaut hat ist dies ein staunenswerter Anblick.
    Eine Hochausskyline im Inneren einer natürlichen Höhle, so etwas sieht man auch nicht alle Tage.
    Die Kompanie landet allerdings nicht innerhalb dieses Bereiches, wodurch mir das heimatliche Gefühl einer geschlossenen Decke über dem Kopf verwehrt bleibt. Den Soldaten ist es untersagt die kurzerhand okkupierte Kaserne einer hiesigen Einheit zu verlassen. Sie hätten ohnehin keine Zeit für eine Sightseeingtour, immerhin ist ein Einsatzanflug unter Gefechtsbedingungen vorzubereiten.
    Ich jedoch unterliege glücklicherweise nicht dieser Auflage, was es mir erlaubt das Lager zu verlassen und die Stadt zu erkunden. Mein vornehmliches Interesse gilt freilich der Stadt in der Höhle, doch bald schon merke ich, dass sich die eigentlichen Geschichten andernorts abspielen. Der Verbindungsoffizier der Luhter PVS ist wenig erfreut über meinen Ausflugswunsch, doch Major Klein insistiert und öffnet mir buchstäblich die Tore zur Stadt. Der Verbindungsoffizier besteht jedoch darauf mir zwei Mann in Zivil als Eskorte mitzugeben und den Fahrer und das Taxi persönlich auszusuchen, welches mich durch Huncal gondeln wird. Ich stimme beiden Bedingungen entnervt zu und werde erst bei meiner Rückkehr dem Thron danken, nicht auf einem Alleingang bestanden zu haben.
    Tatsächlich beginne ich meinen Ausflug in der Höhlenstadt. Diese stellt das Wirtschafts- und Regierungszentrum dar. Die Straßen sind sauber, die Menschen mit der Hektik der Geschäftsleute angetan. Die Höhlendecke wird von Pfeilen beachtlichen Ausmaßes gestützt, Schwärme von exotischen Vögeln ziehen vor der Kulisse eines Steinfirmaments dahin. Von diesem Schauspiel einmal abgesehen ist im Stadtzentrum jedoch alles recht wenig spektakulär.
    Jedenfalls bis ich in einiger Entfernung das unverkennbare Geräusch automatischen Feuers vernehme. Ich muss ein recht dummes Gesicht machen, während ich meine Begleiter fragend ansehe. Niemand anderes scheint sich an Schüssen zu stören oder auch nur in seiner Tätigkeit inne zu halten. Meine Begleiter erklären mir, dass dieser Kampfeslärm aus dem vierunddreißigsten Distrikt komme. Oder aus dem sechsundfünfzigsten. Distrikte umfassen in Huncal mehrere Straßen oder Häuserblöcke. Die besagten beiden Distrikte liegen faktisch nicht unter der Hoheit der Stadt. Der 34. befindet sich in den Händen der Ramón Infante Anhänger.
    Nach einem gescheiterten Putschversuch vor drei Jahren, hatten sich die Putschisten in dieses Gebiet der Stadt zurückgezogen.
    Teile der ausgesandten PVS- Einheiten, die mit dem Auftrag gekommen waren Infante zu liquidieren, liefen zu ihm über.
    Seit drei Jahren hält er sich im 34.
    Es soll unterirdische Tunnel geben, welche die Eingeschlossenen mit Lebensmitteln und Munition versorgen. Der Distrikt steht unter Belagerung durch loyalere, weil regelmäßiger bezahlte PVS- Einheiten. Das es diesen in drei Jahren nicht gelungen ist einen einzelnen Stadtbezirk zu befreien liegt daran, erklären mir meine Begleiter, dass die Ramonis, wie sie die Putschisten nennen, jedes Haus, ja selbst die Kanalisation zur Festung ausgebaut haben. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass es die belagernden PVSler aber auch nicht so eilig haben mit der Erstürmung und den Status quo vorziehen. Als ich nach der Gelegenheit frage mir diesen Belagerungsring einmal anzusehen, wiegeln meine Leibwächter, wie auch der Taxifahrer, entschieden ab. Erst denke ich aus Furcht vor den Eingeschlossenen, doch es kommt heraus, dass die Belagerer es sind, vor denen sie Angst haben. Die PVS dieser Region ist nämlich nur dem Namen nach eine richtige Armee. In Wahrheit sind sie kaum mehr als eine bewaffnete Bande, die von der Regierung und aus privater Hand finanziert, bzw. geschmiert wird.
    Ich traue mich ob dieser Eröffnung kaum zu fragen was denn dann in Distrikt 56 vor sich ginge. Dort regiere eine Gang, vor der selbst die PVS Angst habe. „Die Zähne“ werden sie genannt, auch wenn mir keiner meiner Begleiter den Grund für diesen Namen erklären kann. Der Distrikt 56 ist nur so eine Art Heimatbasis für die Gang, welche unter den unzähligen Banden Huncals die mächtigste darstellt. Man lässt sie aus einem sehr einfachen Grund gewähren und ihr Geschäft mit Rauschgift und Waffen nach Gutdünken betreiben. "Die Zähne" kämpfen Huncals Kampf gegen die wilden Stämme an der Peripherie der Stadt. Einige Schlüsselpositionen sind von der PVS besetzt, doch die wirklichen Schlachten schlagen "Die Zähne." Sie sind in den Slums und schützen die Armen vor den angreifenden Stämmen. Sie evakuieren Regionen der Armenviertel, wenn diese dem Druck von Außen nicht mehr standhalten. Sie führen Gegenangriffe um ein paar Kilometer matschigen Boden und verfallene Wellblechhütten zurückzuerobern. Manchmal verbünden sie sich mit anderen Gangs, manchmal kämpfen sie gegen diese genauso erbittert.
    Wir verlassen das Geschäftsviertel und fahren in Distrikt 13, der so nah am Rand der Stadt liegt, wie meine Begleiter zu gehen wagen.
    Hier tanzen bittere Armut und Lebensfreude einen grotesken Tanz. Kaum ein Gebäude hat ein zweites Stockwerk oder besteht auch nur aus hochwertigerem Baumaterial als Blech oder Farnpalmholz. Die Straßen sind unbefestigt und wenn es länger nicht regnet bestenfalls mit gebackenem Müll gepflastert. Kinder und wilde Hunde rennen zwischen den windschiefen Hütten genauso herum wie stoische Ziegen und abgemagerte Bogos.
    Trotz dieses Elends herrscht eine greifbare Aura von Heiterkeit. Menschen sitzen im Schatten beisammen, verscheuchen mit der einen Hand Fliegen, während sie mit der anderen ihre Zigarillos oder Zuckerbrandgläser halten. Zahnlose Münder lachen und schwatzen.
    Wir kehren in einer Bar ein, von der ich von außen niemals hätte sagen können, dass es eine ist. Dort probiere ich nicht nur meinen ersten Zuckerbrand, der unglaublich süß und unglaublich alkoholhaltig ist, sonder bekomme von meinen Begleitern auch ein Mitglied der Zähne gezeigt. Ein abgemagerter Kerl mit freiem Oberkörper. Er ist vielleicht sechzehn Jahre alt, hat aber die Augen eines alten Kriegers.
    Augen in denen sich gesehener Schrecken ebenso matt widerspiegeln, wie Dschungelfieber und Drogenrausch. Seine Haut ist vernarbt und auf jedem Zentimeter tätowiert. Schlangen, mythische Ungeheuer und Teufelsfratzen bevölkern seinen sehnigen Leib. Im Gürtel des Gangers stecken eine Laser- und eine Automatikpistole, eine Machete und ein Krummdolch.
    Er sitzt nur da, raucht und trinkt seinen Zuckerbrand.
    Man begegnet ihm mit Respekt und ich bin trotz allem froh, meine beiden Leibwächter dabei zu haben. Ich widerstehe dem Impuls diesen Mann anzusprechen. Meine journalistische Pflicht ringt mit meinem Instinkt und Letzterer obsiegt. Ich habe ein Gespür dafür entwickelt, wann Neugier angebracht ist und wann sie selbstmörderisch sein kann. Bei diesem Kerl wäre sie zweifelsohne selbstmörderisch und im Falle eines Falles würde ich meine Schekel nicht unbedingt auf meine beiden Beschützer setzen.
    Auf dem Rückweg in die Kaserne rufe ich mir diesen Verteidiger Huncals noch einmal ins Gedächtnis. Wenn so die Kämpfer für die imperiale Sache aussehen, was für Bestien mögen dann die Stämme beherbergen?
    Mit Unbehagen realisiere ich, dass ich es schon sehr bald herausfinden werde.

    Simone Tober


    Um die Integrität der militärischen Operationen zu wahren, werden die Artikel des Fronttagebuchs zeitversetzt abgedruckt.

    Anmerkung der Redaktion

  2. #12
    Aushilfspinsler

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    Es gibt da noch eine storyline mit dem vielversprechenden Namen "Es beginnt". Ähnlich wie das Fronttagebuch ist es in Episoden. Ob es irgendwie mit dem Fronttagebuch verlinkt ist oder wird, kann ich noch nicht sagen. Könnte bei Kogan aber durchaus sein. Besteht darin Interesse?

  3. #13
    Aushilfspinsler

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    Hier ein weiterer Zeitungsartikel, dieses mal aber aus einer gänzlich andere Rubrik. Viel Spaß damit.

    Die wunderbare Welt der Tiere!
    Von Prof. Ignatz Schnabelmayer

    Der Nachfolgende Text erreichte uns postalisch und hat einen Weg von mehreren Wochen hinter sich. Zum jetzigen Zeitpunkt kann niemand in der Redaktion oder aus dem näheren Umfeld des Dr. Schnabelmayers sagen, wo sich der gute Doktor momentan aufhält. Die spärlichen Fußspuren seiner unbeirrt fortgesetzten Arbeit sind der einzige Hinweis, der uns auf die Unversehrtheit Schnabelmayers geblieben ist.

    Anmerkung der Redaktion


    Wahnwurm / Amentia Vermis

    Als Zoologe liegt es in meinem Wesen, Leben in all seinen Ausprägungen als faszinierend zu betrachten. Damit ist nicht gesagt, dass mir die individuelle Gefährlichkeit oder die Bedrohung für die gesamte Spezies Mensch nicht bewusst wäre, doch habe ich es mir zur Natur gemacht, unvoreingenommen und nüchtern wissenschaftlich an meine Studienobjekte heranzutreten. Ich muss jedoch eingestehen, dass dieser Grundsatz bei dem vorliegenden Exemplar einer Gattung, die ich auf den Namen Amentia Vermis getauft habe, auf eine wahrlich harte Probe gestellt wird. Ich will nichtsdestotrotz versuchen, meine Betrachtungen objektiv und frei von Wertung zu schildern.

    Ich bin mit meiner Handvoll Begleitern von Trostheim den Orogangwa hinauf gefahren und wir müssten inzwischen über die Grenze nach Trigara gelangt sein. Bevor wir uns mit unserem Dampfboot ganz in unerforschtes Gebiet wagen, machten wir Station in einer der letzten Festungen, der Zivilisation. Eine Schlangenhäuter Station unter der Führung des Majors a.D. König, bot uns einen Hafen der Bequemlichkeit, nach Tagen voll Strapazen und Mühen. Der Major zeigte sich als umschtiger und galanter Gastwirt, der uns nicht nur Loge frei stellte, sondern uns des abends auch zu sich an die Tafel holte. Einzig getrübt wurde diese Gunstbezeugung von der strikten Weigerung Königs, den treuen und beherzten Sequoyah mit an seinem Tisch zu dulden.
    Der ehemalige Soldat hegte eine beachtliche Abneigung gegen die Eingeborenen, auch wenn diese fast neunzig Prozent seiner Dienerschaft und damit seiner Gesellschaft ausmachten. Auch meine Versicherungen, dass Sequoyah nicht einmal vom selben Planeten stamme und mir stets ein guter Freund und Gefährte gewesen sei, änderten nichts daran. Zu sehr erinnerte mein Begleiter König an die Einheimischen, die er nur als „Teufel“ oder „Wilde“ zu titulieren pflegte. Die so Geschmähten machten sich derweil recht wenig aus den Beschimpfungen ihres Arbeitgebers und so sehr ich den Major als Gesellschafter genoss, haftete seiner ganzen Person und wie ich eingestehen muss auch seinem ganzen Heim der Geruch der Malaria und des Blutbrandfiebers an. Stets schien der Major zwischen heiterer Gelassenheit und aufbrodelner Aggressivität zu schwanken. Davon abgesehen zeigte er sich als gebildet und überraschend weltgewandt, wenn man bedachte, dass seine Villa in den dampfenden Dschungeln der Buru- Niederung stand, umgeben von den Pfahlbauten seiner Angestellten. Bei einem guten Brandy sprachen wir über das Weltgeschehen und selbst über Entwicklungen des Sub- Sektors und des Imperiums allgemein. Ich hatte keinen Anlass an der Gelehrsamkeit meines Gesprächspartners zu zweifeln, als er mir zu fortgeschrittener Stunde von den Wahnwürmern zu berichten geruhte, welche diese Region wie eine dämonische Geißel heimsuchen. Im Schein des flackernden Kaminfeuers, erschien mir die Erzählung Königs überaus fantastisch und so auch nicht gänzlich unglaubwürdig, schließlich ist die Natur zu den beachtlichsten Kunststücken fähig, so doch reichlich mit lokaler Folklore angereichert. Der bärbeißige Schlangenhauthändler berichtete von parasitären Würmern, die ihre Opfer in rasende Irre verwandelten, die zu erheblicher Gewalt neigten, unempfindlich gegen Schmerzen seien und denen dabei jegliche Erinnerung an ihr früheres Leben abginge.
    Die so Verfluchten würden Fremde gleichermaßen anfallen, wie Angehörige der eigenen Familie und keinerlei Furcht vor Waffen, welcher Art auch immer zeigen. Nur der Tod könne solche Amokläufer in ihrem Tun stoppen und aus diesem Grund würden die ursächlichen Würmer von den Einheimischen auch als Wahnwürmer bezeichnet.
    Meinen gelinden Unglauben muss man mir doch angesehen haben, meinte ich doch von einer derart sonderbaren Spezies von Schmarotzer bereits gehört haben zu müssen, so sie denn auf Koron existierte. Der Major geriet jedenfalls in äußerste Rage über meinen Zweifel und als er sein altes Lasergewehr von der Wand riss, dachte ich schon es sei um mich geschehen.
    Allein, König wollte, wie er verkündete, lediglich gewappnet sein, wenn wir zu dieser Stunde einen Seitenarm des Orogangwa hinauf fahren würden. Ich lachte ungläubig und vermutete einen Scherz oder eine Folge des reichlich genossenen Alkohols.
    Doch nein, König meinte es bitter ernst. Er wolle lieber im Dunkel des Dschungels von einem Wurzelschleicher lebendig verdaut werden, als sich in seinem eigenen Haus einen Lügner nennen zu lassen. Ich suchte ihn zu beschwichtigen, doch da war nichts zu machen.
    Wir hatten also nur die Wahl uns ohne die nötige Aufstockung unserer Vorräte zu verabschieden oder auf die Grille des Mannes einzugehen, den sich selbst schon für ein Opfer seines fantastischen Wurms hielt. Schweren Herzens und eine letzte, geruhsame Nacht an mir vorbei streichen sehend, machte ich meine eigene Waffe bereit und entschuldigte mich bei meinen Begleitern, für das Ungemach, welches ich verursacht hatte. Mir zur Seite standen der vierschrötige Sermon Gisborne, der Junge Herr Tränk und nicht zuletzt Sequoyah, gegen den der Major in der freien Wildbahn scheinbar nichts einzuwenden hatte. Mit dem Einbaum ging es gegen Mitternacht den besagten Seitenarm hinauf und nur die Beteuerungen des ortskundigen Majors, dass unser Ziel, ein kleines Eingeborenendorf am Ufer des Flusses, lediglich weniger als vier Kilometer entfernt läge, ließ uns das Wagnis bei der heillosen Dunkelheit der Dschungelnacht eingehen. Unsere Handlampen locken ganze Wolken von Stechfliegen an, so dass wir uns wie verschleierte Weiber unter unserem Schutznetzen verbergen mussten. Mehr als einmal funkelte auch der Widerschein von angestrahlten Raubtieraugen aus dem Dickicht zu uns herüber und ich danke dem Goldenen Thron, dass ich keine visuelle Vorstellung davon hatte, was unter der Wasseroberfläche zu uns herauf blinzeln mochte. Doch wir erreichten das namenlose Dorf unbehelligt und sahen die Feuer der Bewohner aus größerer Entfernung.
    Man empfing uns überaus verwundert zu dieser späten Stunde, doch mit der Herzlichkeit, die den Einheimischen dieser Region so eigen ist. Major König genoss einiges an Respekt und wir wurden umgehend von den Ältesten des Dorfes empfangen. Alles Frauen, ganz gemäß der Sitte der küstennahen Stämme. Große Aufregung kam jedoch in die Alten, als unser Führer ihnen verkündete, dass wir gekommen seien um die Besessenen zu besichtigen.
    Sie weigerten sich ganz entschieden und behaupteten, so die Übersetzung des Majors korrekt war, dass es schlecht für die Seele sei, sich den Blicken der Besessenen auszusetzen. König versuchte es mit Bestechung und schließlich mit Drohungen, die jungen Mädchen des Dorfes von zukünftigen Jagden auf Perlmutschlangen auszuschließen. Diese zeigte endlich Erfolg und wiederwillig führten sie uns zu einer Grube, in einiger Entfernung zum Dorf. In diesem steilen Loch nun, welches gänzlich von Felswänden gebildet wurde, geiferten zwei Frauen und ein alter Mann zu uns empor. Der Major hatte keinesfalls seine Ehre durch Unaufrichtigkeit beschmutzt, denn was der Fackelschein und unser Lampen da am Grund der Grube enthüllten, war schauerlicher als es jede Erzählung hätte ausmalen können. Die Drei hatten blutigen Schaum vor dem Mund und mühten sich uns zu erreichen, ohne zu erkennen, dass dies an den glatten Wänden des Loches unweigerlich scheitern musste. Sie krallten nach uns und klapperten mit den Zähnen, dass es nur so eine Art hatte.
    Entsetzt starrten meine Begleiter und ich zu den Kreaturen hinab, denn Menschen konnten sie kaum länger genannt werden.
    Erst das Feuern von Königs Lasergewehr löste uns aus unserer Starre und ließ uns erschrocken herumfahren. Mit drei präzisen Schüssen hatte der Major das Leben der Gefangenen beendet und wenn jemals einer eine Gnadentat getan hat der ich gegenwärtig wurde, so war es diese. Gleichwohl mir der Schreck noch in den Knochen saß, packte mich doch die Neugier und übermannte meine Vernunft und meine Abscheu. Während der Major noch mit den zeternden Ältesten stritt, scheinbar stellte seine Tat irgendeinen abergläubischen Frevel dar, ließ ich mich an dem Seil in die Grube, welches der umsichtige Gisborne mitgenommen hatte. Er schlang sich das Tau auf meinen Wink hin um den stämmigen Leib, was einem umwickelten Baumstamm oder Findling in nichts nachgestanden hätte und ließ das andere Ende in den klaffenden Schlund hinab.
    Leicht verzagt nach dem gesehenen, doch im Herzen mutig wie immer, folgte mir Sequoyah mit unserer stärksten Lampe. Die drei Wahnsinnigen waren zweifelsohne tot und als ich mich gerade daran machte sie etwas näher in Augenschein zu nehmen, um einen von Königs Würmern auf die Schliche zu kommen, machte ich Bewegung unter dem Leinenoberteil des Alten aus.
    Als ich das Kleidungsstück mit der Spitze meines Messers auseinander klappte, gewahrte ich den Kopf eines Wurms von der Dicke meines kleinen Fingers und eben solcher Länge. Es hatte den Eindruck, als sehe er sich neugierig um, auch wenn keine Augen auszumachen waren und das Verhalten wohl eher auf das unerwartete Ableben seines Wirtes zurückzuführen gewesen sein dürfte.
    Ich war bereits mit einem meiner stets mitgeführten Probengläsern bei der hand und hatte meiner Utensilientasche eine lange Kranich- Pinzette entnommen, mit der ich danach trachtete das Tier zu packen. Ich ging vorsichtig zu Werke und es gelang mir den Wurm zu greifen und aus dem Loch in der Brust des Mannes zu ziehen. Wie sich zeigte besaß der Wurm eine beachtliche Länge von dreißig Zentimetern und war recht agil, ja nicht zu sagen aggressiv, bis ihm der Formaldehyd in dem Probenglas den Gar ausmachte. Wir eilten uns den Grubenrand wieder zu erklettern, in Sorge darum, was den Leichen noch alles entschlüpfen mochte.
    Eine weise Entscheidung, wie ich derweil weiß und zu recht muss ich mich des Leichtsinns und der Unbesonnenheit beschuldigen lassen. Doch im Eifer des Moments überwog meine Neugier die gebotene Vorsicht. Mir ist nun bewusst, dass ich leicht selbst ein sabbernder Irrer sein und auf dem Grund der Grube eines gnädigen Schusses harren könnte.

    Diese Ereignisse liegen nun drei Tage zurück und um eben diese Zeit hat sich unsere Weiterfahrt verzögert. Ich habe die Tage dazu genutzt den Wurm zu untersuchen, einen der Leichname (dieses Mal unter Beachtung gebotener Sicherheitsmaßnahmen) und ich habe mit fast einem Dutzend einheimischer, mittels eines Übersetzers gesprochen.
    Die Ergebnisse dieser Forschungen sind überaus erhellend, in Anbetracht der beschränkten Mittel, die mir zur Verfügung stehen. Im Folgenden nun also meine Erkenntnisse über den, von mir Amentia Vermis getauften Organismus.

    Nicht alle Wirte des Wahnwurmes erleiden das Schicksal der drei Einheimischen in der Grube. Nach gesammelten Berichten, scheiden Befallene beim Stuhlgang schleimige Klumpen von Wurmeiern aus, was gewiss wenig angenehm ist sie aber kaum in das Stadium des Wahnsinns versetzt. Amentia scheint zu den Darm bewohnenden Parasiten zu zählen. Er lebt den Großteil seines Lebens im Dünndarm, wo er sich paart, der Eiablage nachkommt und sich von den Verdauungsprodukten seines Wirtes nährt. Die prägnanten Beißwerkzeuge lassen darauf schließen, dass er damit zuweilen auch die Darmschleimhäute verletzt, um sich am Blut des Wirtes gütlich zutun und dort zu verankern.
    Nach dem Ausscheiden verbleiben die Eier im Boden oder im Abort, bis sie erneut von einem Wirt aufgenommen werden, vermutlich über die Finger oder über Wasser als Folge mangelnder Hygiene.
    Im Dünndarm schlüpft aus den Eiern die Larve, welche sich durch die Darmwände frisst.
    Mit dem Blutstrom wandert sie zur Leber, häutet sich dort wieder und wächst weiter. Ihre Reise führt sie danach durch die Vene zum Herzen und weiter in die Lunge In der Lunge angelangt wird das finale Larvenstadium erreicht, wonach sie von den Bronchien und der Luftröhre zum Kehlkopf vordringt. Diesem Tun entspringt unweigerlich ein starkes Husten was dazu führt, dass die Larve entweder ausgespuckt oder aber heruntergeschluckt wird. Ist letzteres des Fall, hat die Larve ihr Ziel erreicht und kehrt wieder zum Dünndarm zurück, wo sie zum erwachsenden Tier heranwächst.
    Nun wird sich der Leser fragen, wie sich mir ein derartiger Zyklus in nur drei Tagen oberflächlicher Untersuchungen offenbaren konnte.
    Nun, bei der beschriebenen Entwicklung handelt es sich um einen typischen Ablauf bei vergleichbaren parasitären Lebensformen und auch wenn es gewissenhafterer Verifizierung bedarf, als sich sie unter den gegebenen Bedingungen erbringen kann, so legen die von mir ermittelten Fakten doch eine sehr wahrscheinliche Artverwandtschaft und daher übereinstimmende Charakteristika nahe.
    Atypisch wird es in dem Moment, da eine Larve eben nicht den Rachenraum erreicht, sondern sich weiter in das Gehirn fortbewegt. Dort angelangt richtet das Tier durch seine bloße Anwesenheit natürlich einigen Schaden an Verwirrtheit, Demenz, Intelligenzverlust, Krämpfe, Kopfschmerz, Gedächtnisverlust und so weiter. Alles Symptome, die bei den Wahnsinnigen in der Grube und bei ähnlich gearteten Fällen so oder so ähnlich beschrieben wurden.
    Die zielgerichtete Aggression und die Schmerzunempfindlichkeit erscheinen mir jedoch kein gänzlich zufälliges Ergebnis. Ich habe an dem extrahierten Exemplar einige Protonephridien, sprich Ausscheidungsorgane, ermitteln können, die Absonderungen von giftigen Stoffwechselprodukten erlauben. Es ist denkbar, dass damit eine gewollte Enzephalitis beim Wirt ausgelöst wird, was in Verbindung mit einer Analgesie die Symptome durchaus erklären könnte. Ich möchte betonnen, dass ich mich auf dem Gebiet der Spekulation bewege, doch es ist immerhin vorstellbar, das ein derart ferngesteuerter Mensch sein Dorf und sein Heim aufsucht und durch Gewalt den eigenen Tod provoziert, um die Verbreitung des Wurms zu fördern. Da ein einzelnes Tier diese Aufgabe übernehmen müsste und damit vom verhalten seiner restlichen Artgenossen signifikant abweicht ist ungewöhnlich und bedarf einer eingehenden und repräsentativen Erforschung, die ich zu meinem Bedauern nicht erbringen kann. Hier gebe ich den Staffelstab bereitwillig an nachfolgende Kollegen ab, befriedigt durch die Gewissheit, das Schlaglicht der dokumentierten Entdeckung auf dieses Wesen gerichtet zu haben.
    Ich habe vor unserer, für morgen angedachten Weiterfahrt jedenfalls Major König geraten, die Grube mit Promethium füllen und ausbrennen zu lassen. Wir, also meine Begleiter und ich, haben uns nach unserem Abenteuer ordentlich mit Kernseife und mit Essig gereinigt. Keiner von uns verspürt das Verlangen ein Opfer des Wahnwurms zu werden, ob er nun in der Lunge, im Darm oder im Hirn nistet.

    Was uns diese Episode alle mal vor Augen geführt hat ist der Umstand, dass in den unbekannten Tiefen des koronischen Dschungels nicht nur Gefahren mit Klauen und Zähnen auf den wagemutigen Forscher lauern. Doch um einen möglichen Schrecken zu wissen, heißt für den Wissbegierigen keineswegs ihm aus dem Weg zu gehen.

    text by Kogan
    Geändert von FuNi (6. September 2017 um 23:01 Uhr)

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