Der LKW
Nein nicht geboren.
Ausgespuckt!
In Gedanken revidierte Darrell die erste Assoziation, die sich eingestellt hatte, als er den LKW am Horizont entdeckte.
Man sagte zwar „so hässlich, dass nur eine Mutter es lieben kann“, doch was da aus der Staubhose hervorgebrochen kam sah mehr aus wie etwas, was eine Mutter angewidert von sich stoßen würde, wenn es ihr der Geburtshelfer hinhielt.
Auf den Punkt gebracht, das Fahrzeug sah aus wie etwas, dass die Einöde loswerden wollte.
Er strich mit dem Zeigefinger über das kleine Rädchen an der Oberseite des Sichtgeräts und der elektronische Zoom holte ihm den LKW heran.
Unmöglich die Farbe auszumachen.
Rot vielleicht, aber das konnte auch auf die Schicht aus Staub zurückzuführen sein.
Seine aufblitzende Abneigung und die blumigen Vergleiche waren natürlich Unsinn. Ein einsamer Springer auf dem Weg nach Golga, na und? Nichts Alltägliches, aber auch nichts Ungewöhnliches. Und waren nicht alle diese LKWs, die Versorgungsgüter zu den Außenposten oder Schrott aus der Wüste zu den Verwertstationen am Stadtrand brachten, ausnehmend hässliche Fahrzeuge?
Wer durch die Ödnis fuhr musste seiner Maschine sein Leben anvertrauen und da galt Funktionalität mehr als ästhetische Gesichtspunkte.
Dennoch...
Darrell vertraute seinen Instinkten nicht blind. Das war Blödsinn, der bei Tieren und in Groschenheften funktionieren mochte, aber nicht im wirklichen Leben. Wie oft stellten sich vermeintliche Instinkte als schlichte Vorurteile oder Irrtümer heraus?
Ganz zum Schweigen konnte man seine Intuitionen dann aber doch nicht bringen und so flüsterte sie leise aber penetrant, dass irgendetwas an diesem Wagen es wert war nicht gemocht zu werden.
Der LKW war bei weitem nicht das größte Exemplar, das Darrel jemals gesehen hatte. Nichtsdestotrotz ein gottverdammtes Monster.
Die langgezogene Schnauze war auf Fahrbahnhöhe mit einem Gitterräumschild bewährt, wie man ihn sonst nur an Zügen zu sehen bekam. Dieser Rammsporn, dazu gedacht Sandwehen und Steine aus dem Weg zu schieben, zeichnete ein zähnefletschendes Grinsen in das Gesicht der Maschine. In Verbindung mit den schrägen Sehschlitzen, welche die Scheibenwischer in die Dreckkruste auf den Fenstern gefressen hatten, verlieh es dem Antlitz des Vehikels eine unangenehme Fratze. Das mochte es sein was Darrel den LKW nicht gefallen lassen wollte.
Natürlich abergläubischer Unsinn.
Ein Lastwagen war ein Ding und irgendwelche Charakterzüge, die man ihm aufgrund seines Aussehens andichtete, sprachen allein dafür, dass der Beobachter etwas zu lange in der Sonne gewesen war. Allerdings gab es andere Aspekte, die sich weniger leicht von der Hand weisen ließen. Etwa die Geschwindigkeit, mit der der Schlepper unterwegs war.
Springer waren chronisch darauf bedacht so sparsam wie möglich zu fahren, jeden Tropfen Kraftstoffverbrauch gegen die Gewinnspanne der Fracht aufzurechnen. Keiner von ihnen würde das Gaspedal bis zum Bodenblech durchtreten, wenn dazu nicht absolute Notwendigkeit bestand.
Noch merkwürdiger wurde dieser Umstand durch die Tatsache, dass der LKW bis eben durch eine Staubhose gefahren war. Die Sicht in diesen unberechenbaren Wetterphänomenen betrug gleich Null und die gängige Methode war anzuhalten und die Sache auszusitzen. Weiterzufahren, dazu noch mit diesem Tempo, war nackter Irrsinn. Räumschild und mannsdicke Reifen hin oder her, eine ungünstige Bodenwelle und der Karren gesellte sich zu den ungezählten, rostigen Wracks, die von Unterschätzung der Wüste kündeten.
„Warum so eilig, mein Freund?“
Murmelte Darrel, an dessen Ohr jetzt auch das entfernte Geräusch des Motors klang. Ein seltsames Echo verzerrte den Laut zu einem Winseln, welches nicht recht zu der bulligen Maschine passen wollte. Das leicht krisselige Bild des Sichtgerätes wanderte über die Karosserie. Zeichen langer Benutzung und entbehrungsreicher Dienstjahre im Transit zwischen den Bastionen der Zivilisation. Wie bei einem uralten Meeresungeheuer zeichneten sich Narben und Dellen auf der metallenen Haut ab. An einigen Stellen deuteten hellere Teile darauf hin, dass hier nachgebessert und ausgetauscht wurde. Helle Flecken, wie Pockennarben, mochten geflickte Einschusslöcher sein. Ein Firmenlogo konnte er ebenso wenig auf der Flanke des LKWs erkennen, wie sich die Fracht eindeutig identifizieren ließ. Ein länglicher Auflieger vielleicht, aber mehr als eine Vermutung ließ der wirbelnde Staub nicht zu. Darrel tastete den LKW noch einmal mit den Augen ab und schwenkte das Sichtgerät dann nach Süden. Er vermutete, dass der Kurs des LKWs etwa zwei Kilometer an der Position der Stadtbälger vorbei führen würde.
Er hatte die Kids vor etwa einer Stunde kontrolliert. Zwei junge Burschen und ihre Freundinnen. Dezent aufgespritzte Lippen, makellose Brüste und kleine weiße Perlmuttzähnchen die Mädesl, Muskeln und künstlich gebräunte Haut die Typen.
Gottverdammte Hochglanzmagazinmenschen!
Sie waren freundlich zu ihm gewesen. Hatten ihm die Papiere des Fahrzeugs gezeigt, ihre ID und die Besitzerlaubnisse für die Jagdgewehre und Pistolen. Auf Mutanten waren sie aus, so hatten sie Darrel erklärt und tatsächlich war an der Ladefläche ihres chromglänzenden Pickups eine Kranwinde befestigt gewesen. Wie so ein Teil mit dem man Fische aus dem Wasser hieven und sich grinsend neben dem zur Schau gestellten Kadaver ablichten lassen konnte. Nur das es eben keine Fische, sondern mutierte Menschen waren, auf die Mamas und Papas Lieblinge da zum Halali bliesen.
Nicht das ihre Aussichten auf Erfolg besonders überwältigend gewesen wäre. Der Sinn stand ihnen wohl eher danach ihre Nobelkarosse ein bisschen mit Staub einzusauen, sich die Stürme anzusehen, zu trinken und vielleicht ein bisschen rumzumachen. Bevor die Nacht über das Land kam würden sie wieder in der oberen Etage der Stadt sein und auf irgendwelchen Stimulanzpartys Designerdrogen einwerfen.
Darrel konnte nicht aus eigener Anschauung bestätigen, dass so was wirklich in den Türmen abging. Die Aussicht, dass ein Grenzer wie er jemals mehr von der Oberstadt sehen würde, als die hell erleuchteten Türme, die nachts wie Nadeln in den Sternenhimmel stachen, war doch eher gering. Also verließ er sich auf das was er von anderen hörte, die es möglicherweise besser wussten, wahrscheinlich aber nicht.
Bei der Kontrolle waren sie höflich gewesen. Die Jungen hatten ihn mit „Herr Grenzpolizist“ angesprochen, die Mädchen artig die Augen niedergeschlagen und nichts gesagt. Ganz so wie es die Etikette der feinen Leute verlangte. Aber seine Mutter hatte keinen Idioten großgezogen und Darrel wusste sehr genau wann er verarscht wurde. Unter der Oberfläche dieses zuvorkommenden Getues schwamm herablassender Spott. Er konnte sich vorstellen wie sie losgeprustet hatten, kaum dass er sich an den Hut getippt und von dannen gezogen war. Der verschwitzte Grenzhauser, der sich toll dabei vor kam vier besseren Herrschaften aus der Oberstadt zu befehlen ihm ihre Papiere zu zeigen.
Alles in Ordnung Freunde, schönen Tag noch.
Er hatte den Wagen der Vier entdeckt und zoomte heran. Das Fahrzeug stand hinter einer kleinen Anhöhe, wo sie den schlimmsten Auswirkungen des Staubsturms entkommen waren.
Seine Vermutungen waren in die richtige Richtung gegangen, denn rings um das Auto brach sich das Sonnenlicht auf weggeworfenen Bierdosen. Eine dieser Büchsen sprang in die Höhe und keine Sekunde danach drang auch der Schussknall an Darrels Ohr. Einer der Burschen stand auf der Ladefläche und feuerte auf die vorher geleerten Dosen. Schön wenn man so verschwenderisch mit Munition umgehen konnte. Seine Vorhersage war korrekt gewesen. Um diesen Kids zum Opfer zu fallen musste ein Muti schon selten dämlich sein, was sich mit dem Überleben in der Wüste ausschloss. Während einer der Wochenendhelden seine Schießkünste an dem selbst produzierten Müll ausließ, stand eines der Mädels bei ihm und himmelte ihn an.
Die anderen beiden trieben es auf der Motorhaube.
Was?
Er zoomte noch einmal heran und befeuchtete sich die Lippen, während das Bild langsam die Schärfe nachjustierte.
Nein, soweit waren die beiden da unten dann doch noch nicht. Sie schienen zu tanzen. Wenn man das denn so nennen wollte. Er hing halb auf der Motorhaube und sie rieb sich an ihm wie eine rollige Katze. Das sie dabei ihr Oberteil ausgezogen hatte und ihre Verrenkungen nur im BH oder einem Badeoberteil absolvierte sah zugegebenermaßen ansprechend aus, würde ihr jedoch morgen einen Sonnenbrand und wenn sie Pech hatte, in ein paar Jahren Hautkrebs einbrocken.
Wie dem auch sei, für den Moment genoss Darrel die Show.
Er fragte sich, ob denen da unten bewusst war, dass er sich beobachtete und ob die beiden vielleicht nur deswegen so loslegten. Nun vermutlich nicht und wenn doch, machten sie sich entweder einen Spaß daraus oder es war ihnen schlicht egal, ob so ein verstaubter Leguanfresser wie er sie bei ihrem Treiben begaffte. Sein schlechtes Gewissen jedenfalls hielt sich in Grenzen und er war tatsächlich enttäuscht, als sich die blonde Ballkönigin ihr Shirt wieder überwarf. Ihre Haut würde es ihr danken, aber es war trotzdem schade.
Als er mit einer weiteren Drehung an der Justierung das Bild wieder etwas weiter fächerte, sah er warum die kleine Darbietung so rüde unterbrochen wurde. Das andere Mädchen hatte sich auf der Ladefläche auf die Zehenspitzen gestellt und konnte damit über die kleine Felsformation spähen, hinter der sie geparkt hatten. Aufgeregt deutete es nach Westen.
Auf den hässlichen LKW.
Für eine angenehme Minute oder zwei, hatte Darrel den Springer schon wieder völlig vergessen und es stieß ihm umso saurer auf, dass er nun wieder an ihn erinnert wurde. Kurz zuckte sein Blick zu dem Fahrzeug. Immer noch nicht mehr, als ein herandonnernder Komet aus aufgewirbeltem Dreck. Die Augen wieder auf die Jugendlichen gerichtet, war nun zu sehen, dass sich alle Vier auf der Ladefläche versammelt hatten und in Richtung des LKWs spähten, die Augen durch beschirmende Hände an der Stirn gegen die unbarmherzige Sonne schützend. Eines der Mädels hüpfte auf und ab und winkte dabei euphorisch, was ihre Brüste anschaulich in Bewegung versetzte. Der Kerl mit dem Gewehr riss plötzlich seine Waffe an die Schulter und zielte.
Darrel zog scharf die Luft ein und legte seine Linke instinktiv auf den Griff seiner Pistole.
Eine gleichsam unbewusste, wie unnütze Geste.
Der Junge wurde vom Rückstoß seiner Waffe leicht in die Knie gedrückt, der Lauf ruckte hoch.
Der Knall jedoch blieb aus und der Klaps, dem ihm eines der Mädchen auf den Oberarm versetzte, ließ erkennen dass der Bursche nur so getan hatte als ob.
Die vier schienen sich zu beraten und als Darrel schon dachte, sie hätten das Interesse an dem LKW verloren, kam plötzlich Bewegung in die Truppe.
Ein Pärchen blieb auf der Ladefläche, die anderen beiden kletterten nach vorn und bestiegen die Kabine. Staub spritze auf, als sich die Räder des schweren Geländewagens durchdrehten und das Auto dann mit einem Satz nach vorn sprang. Die beiden auf der Ladefläche mussten sich an dem Scheinwerferaufbau festklammern, ihr Gebaren deutete jedoch nicht darauf hin, dass sie sich an der holprigen Fahrt störten. Vielmehr ließen die aufgerissenen Münder und in die Luft boxenden Fäuste darauf schließen, dass sie sich königlich amüsierten und ihren Kumpel zu mehr Geschwindigkeit und höherer Wahrscheinlichkeit einer selbst verschuldeten Katastrophe anspornten.
„Tut das nicht Freunde!“
Springer waren an sich keine schlechten Kerle, jedenfalls nicht die, die Darrel bisher kennengelernt hatte. Aber sie waren auch oftmals durch die lange Einsamkeit und die Bedrohungen der Wüste verschroben und eigenbrötlerisch. Wer permanent mit Wetterkapriolen und Mutantenangriffen rechnen musste, der hatte für gewöhnlich nichts übrig für dumme Streiche. Das konnte schief gehen, aber er konnte auch niemanden davon abhalten neben einem Lastwagen herzufahren, der in Richtung Stadt rollte.
Er hoffte inständig, das die Kids es nicht übertrieben und das der Springer besonnen genug war, sich nicht irgendwie provozieren zu lassen und allzu schnell mit der Schrotflinte bei der Hand war.
Der Pickup hielt seitlich auf den Lastwagen zu. Dieser war gewiss schnell, konnte sich aber kaum mit der Höchstgeschwindigkeit des überzüchteten Nobelspielzeugs messen. Immerhin schien sich der Fahrer, so er die Aktion in seinem Kosmos aus brüllendem Motorenlärm und Staub überhaupt bemerkt hatte, nicht von seinem Tun abbringen zu lassen. Er wurde weder langsamer, noch versuchte er Abstand zu gewinnen oder die Halbstarken auch nur durch das Betätigen des Horns auf die Dummheit ihres Tuns aufmerksam zu machen.
Die Kids waren dem Sattelschlepper entgegen gefahren und ließen Darrel dadurch genug Zeit sein weiteres Vorgehen zu überdenken. Viel mehr als den stillen Beobachter zu spielen konnte er im Augenblick freilich nicht tun. Sich wie Arschlöscher zu benehmen und anderen Leuten auf die Eier zu gehen war hier draußen genauso wenig verboten wie seine leeren Bierdosen wegzuwerfen. Das war schließlich die verdammte Wüste.
Den Pickup zu beobachten war schwierig, denn die Sonnenreflektionen auf den verchromten Teilen des Autos stachen in den Augen.
Darrel klappte den Filter über die Linse. Damit war es erträglich.
Ah, sie hielten sich jetzt auf gleicher Höhe mit dem LKW, inzwischen ungefähr auf gerader Linie mit seiner eigenen Beobachtungsposition. Der Pickup war ein wuchtiger Wagen, nahm sich neben dem Koloss aber geradezu lächerlich klein aus. Der jugendliche Fahrer ließ das Auto zwei, drei Mal hin und her schlingern, wobei er jedoch keineswegs hinter dem Sattelzug zurück blieb.
Das Mädchen auf der Ladefläche hielt sich mit beiden Händen am Aufbau fest und hüpfte dabei wie irre auf und ab. Es sah aus als schrie sie etwas zum LKW rüber. Darrel fragte sich, ob sie irgendetwas eingeworfen hatten, was sie so die Gefahr missachten ließ. Das man sich in jungen Jahren für unsterblich hielt war ihm schon klar, schließlich war es ja bei ihm auch noch nicht so lange her. Das da unten aber war glatter Irrsinn. Eine unebene Stelle, eine Sekunde, in welcher der Fahrer die Kontrolle über den Pickup verlor und das Pärchen auf der Ladefläche machte einen Abgang. Wenn sich nicht gleich der ganze Wagen überschlug.
Jetzt setzen sie sich vor die Schnauze des LKWs, scheinbar frustriert darüber ignoriert zu werden. Der Bursche auf der Ladefläche leerte eine Bierdose und warf sie nach hinten.
Das funkelnde, sich überschlagende Objekt wurde von der Staubbestie verschluckt.
Das Mädchen riss ihr Shirt hoch und zeigte dem Springer was sie hatte.
Keine Reaktion, kein Hornsignal, kein Langsamerwerden oder Versuch auszuweichen.
Der Sattelzug wirkte geradezu stoisch.
Eigentlich machte der Typ am Steuer dieses hässlichen Wüstenschlachtschiffs genau das Richtige. Er ignorierte diese Gören, so wie ein geduldige Vater seine überdrehten Kinder ignorieren würde, in dem Wissen, dass er ihnen dadurch die Lust an ihrem Unsinn mehr nahm, als es jedwede Reaktion tun konnte.
Oder wie ein Alligator, der sich nicht um kleine Vögel kümmerte, die auf seinem tödlichen Maul herum hüpften.
Welchen Vergleich man auch bemühte, es schien jedenfalls tatsächlich zu funktionieren. Der Pickup verließ seine Position vor der Front des LKWs, fuhr auf einer Höhe mit der Zugmaschine, ließ sich langsam aber sicher zurückfallen, genauso wie die Kapriolen der hinteren Passagiere an Elan verloren.
Darrel entspannte sich.
Ein weiteres Zeugnis dafür, was er über Leute, gerade wohlhabende, junge Leute, aus der Stadt wusste und gehört hatte. Man konnte nur hoffen, dass sie daraus lernten, dass nicht jeder Mensch gewillt war auf ihre Launen einzugehen. Es stand zwar zu bezweifeln das...
Der LKW zog nach rechts!
Darrel blinzelte, mehr erstaunt als erschrocken und drückte das halb abgesetzte Sichtgerät wieder gegen die Nase.
Der schwere Lastwagen hatte nur einen kleinen Schlenker zur Seite gemacht. Für den Fahrer sicherlich kaum mehr als ein leichter Zug am Lenkrad, doch die Wirkung war nichtsdestotrotz fatal. Die Maschine touchierte das Auto, welches sich neigte und zur Seite ausbrach. Jetzt war überall Staub und für einen furchtbaren Augenblick glaubte Darrel das schreckensverzerrte Gesicht des Mädchens ausmachen zu können, als sie über die Umrandung der Ladefläche fiel.
„Verfluchte Scheiße!“
Er kämpfte den Drang nieder direkt zu seinem eigenen Wagen zu laufen und um Hilfe zu funken. Das würde er natürlich tun, doch er musste sich die Sekunde zurücknehmen, die er brauchte um die Situation besser einschätzen und entsprechend melden zu können.
Der LKW- Fahrer, dieser miese Bastard, fuhr weiter als wäre nichts gewesen. Egal, den würde er sich schnappen wenn er bei den Kids gewesen war, oder man brachte ihn spätestens an einem Einfahrtstoren der Stadt zur Strecke. Es war schließlich nicht so, dass sich dieses Monster großartig verstecken konnte und die Stadt war der einzige Anlaufpunkt im Umkreis von tausenden Rundmeilen.
Aber eins nach dem anderen.
Er fokussierte seinen Blick auf den verunfallten Pickup und stellte mit einiger Erleichterung fest, dass das Auto wenigstens nicht umgekippt war.
Das Gefährt hatte Schlagseite. Vielleicht war bei der kleinen Schleuderpartie ein Reifen von der Felge gesprungen. Auf der rechten, nun tiefer liegenden Seite, hatte der Pickup eine Sanddüne vor sich aufgeschoben. Diese hatte das ausbrechende Fahrzeug nicht nur gebremst, sondern wohl auch vor dem Umkippen bewahrt.
Das Pärchen stieg aus der Fahrerkabine. Sie hielt sich den Arm, er massierte seinen Nacken.
Aber alles in allem schienen sie mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Nun erkannte Darrel auch, dass der Junge von der Ladefläche noch genau dort war. Es hatte ihn von den Beinen geholt und er war der Länge nach hingeschlagen, doch auch ihm waren wohl einfach nur die Knochen ein bisschen zum Klappern gebracht wurden. Naja vielleicht ein wenig mehr als das, denn der Zoom zeigte einen Blutstrom, der im von der Nase abwärts das Gesicht verschmierte.
Blieb noch das Mädchen.
Er hoffte inständig, dass sie nur in den Staub gefallen war.
In diesem Moment hoffte er dies nicht einmal um seiner selbst Willen, nicht aus Furcht vor dem Zorn des Papas, der sicherlich weniger Himmel und mehr Hölle in Bewegung setzen würde um ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass er sein Töchterlein zwar der Ausweise wegen kontrolliert, sie aber nicht vor einem wahnsinnig gewordenen Springer bewahrt hatte. In diesem Moment hoffte er um des Mädchens Willen, dass sie sich nur die gemachte Nase im Staub etwas verbogen hatte, dass im schlimmsten Fall ein Arm gebrochen war. Allein, er konnte sie bei den Schwaden aus feinem Staub in der Luft nicht entdecken. Also setzte er das Sichtgerät ab und spurtete zu seinem eigenen Wagen, dabei das Bild verdrängend, was passiert sein mochte, wenn sie bei ihrem Sturz noch so nah am LKW gewesen war das...
Darrel riss die Tür auf und griff nach dem Funkgerät, alle fruchtlosen Spekulationen so gut als möglich verbannend. Das Sprechgerät wechselte in die Linke, damit er den Motor starten konnte.
„Randposten Fünfzehn Drei an Zentrale, kommen!“
Er ließ die Sprechtaste im gleichen Moment los, in dem der Wagen zum Leben erwachte. Der Motor kündete mit einem Brüllen von den vierhundert PS, die ihm innewohnten und blies den Staub aus den vier Ansaugstutzen, als blähe er die Nüstern in Freude darüber die eigene Kraft einmal mehr erproben zu können. Der Wagen schoss vorwärts, während im Inneren eine automatisierte Stimme aus dem Empfänger knisterte.
„Momentan sind alle Kanäle überlastet oder aufgrund von wetterbedingten Störungen nicht verfügbar. Hinterlassen sie eine Nachricht. Diese wird schnellstmöglich an die zuständigen Stelle weitergeleitet.“ Derartiges war so üblich, dass Darrel sich nicht einmal die Mühe machte darüber zu fluchen. Wer am Rand war, der war allein, auf sich gestellt. Alles andere waren Ausnahmen von der Regel. Ein Signalton ertönte und er drückte erneut die Sprechtaste.
„Diese Nachricht muss an die zentrale Einsatzleitung der Wüstenausläuferüberwachung weitergeleitet werden.“ Er wartete kurz um eine klare Trennung zu haben. „Hier spricht Fünfzehn Drei, ich befinde mich bei Markstein Fünfzehn, Ringkilometer Vierzehn.“ Kurz huschten seine Augen von der Piste auf den kleinen Positionsbestimmer, der wie wild in seinem flüssigkeitsgefüllten Gehäuse schwamm und die holprige Fahrt auszugleichen versuchte.
„Über Vierzehn mit drei Strich. Unfall mit erwartetem Personenschaden, möglicherweise Verursacherflucht. Beschreibung Verursacher folgt nach Erstversorgung. Benötigt wird ein Rettungsflieger zu angegebener Position.
Fünfzehn Drei Ende.“
Er hängte das Sprechgerät wieder in die Gabel, nahm sich Zeit hochzuschalten und legte dann beide Hände auf das Lenkrad. Er hatte jetzt die natürliche Rampe passiert, welche den Zugang zu seinem Beobachtungshügel darstellte und trat das Gaspedal durch. Kurz blickte er aus dem Seitenfenster und stellte erleichtert fest, dass der Staubsturm von ihnen weg zog.
Wenigsten etwas!
Während er noch einen Gang höher schaltete, nahm er auf der anderen Seite des kleinen Ausschnitts Wüste, welchen ihn die verdreckte Windschutzscheibe zu sehen gestatte, wahr, dass der LKW keineswegs floh um sich seiner Verantwortung zu entziehen. Vielmehr hatte der Springer in einem weitläufigen Bogen gewendet und kam nun zurück. Dafür gab es zwei mögliche Erklärungen.
Nummer Eins, der Kerl hatte gar nicht mitbekommen was passiert war, weil seine Maschine durch das Rammen des Autos nicht mehr tangiert wurde, als führe sie über einen größeren Stein oder durch eine Bodenwelle. Bei der Fahrweise des Springers war beide sicher keine Seltenheit. Jetzt hatte der Bursche einen Blick in den Rückspiegel geworfen und das Schlamassel gesehen. Dann kam er vielleicht zurück um zu helfen. Wie gesagt, diese Typen waren verschroben und vierschrötig, ließen für gewöhnlich aber auch niemanden in der Wüste zurück ohne zu helfen.
Das wäre die angenehmere Variante.
Version Nummer Zwei war weniger vom Hauch der Nächstenliebe umweht und beinhaltete einen skrupellosen Wichser, der nicht nur einen Unfall verursacht und den Tot von vier Menschen billigend in Kauf genommen hatte, sondern der auch nicht gedachte Zeugen für seine Tat zu hinterlassen.
Darrel legte einen Kippschalter um, woraufhin die Lichtsirenen auf dem Dach seines Wagens zum Leben erwachten. Sie sandten in kurzen Intervallen weißes Gleißen nach allen Seiten. Die Intensität dieses Signals war stark genug, dass man es selbst bei hochstehender Mittagssonne bis zum Horizont zu erkennen vermochte. Der LKW musste es sehen und realisieren, dass hier ein Wüstenbulle Zeuge der ganzen Sache gewesen war. Kein Springer war so dumm sich mit einem aus dem Corps der Randposten anzulegen.
Die Kids hatten ihn auf jeden Fall gesehen. Einer der Jungs stand auf der Motorhaube und winke wild in seine Richtung. Der Sattelschlepper drehte derweil nicht ab, was eigentlich ein gutes Zeichen hätte sein müssen. Trotz der Anwesenheit eines Ordnungshüters schien er helfen zu wollen. Das Darrel dennoch wünschte er wäre näher an der Unfallstelle als der LKW lag daran, dass das rostige Ungeheuer nicht langsamer wurde.
Sein Wagen war schnell, doch der Schlepper war näher dran und jetzt war seine Absicht nicht mehr wegzudenken. Die Abgasfahnen der senkrechten Zwillingsauspuffrohre standen fast waagerecht. Die Jugendlichen winkten immer noch wie irre in seine Richtung, deuteten auf die Stelle wo der LKW sie gerammt hatte. Sahen oder hörten sie dieses heranstürmende Gebirge aus Metall etwa nicht? Waren sie denn blind?
Nein, jetzt drehte sich der Bursche auf der Ladefläche um und auch wenn er für einen Moment so aussah, als wäre er wie vom Donner gerührt regte er sich doch plötzlich.
Was er tat war freilich die größte Dummheit, die ihm hätte einfallen können. Unvermittelt hatte er wieder das Jagdgewehr in der Hand und schien es auch zu benutzen. Genau konnte Darrel das nicht erkennen, da seine eigene kleine Welt aus Motorenlärm Vibration, Geruckel und einem kleinen, verdreckten Sehschlitz von Windschutzscheibe bestand. Alles in Allem nichts, was ihm die Umgebung in Brillanz wahrnehmen ließ. Dennoch meinte er über den Krach seiner eigenen Maschine das Astknacken entfernter Schüsse zu hören. Gut möglich, dass der Junge sogar Glück hatte und den Fahrer erwischte. Die ganze Sache würde dadurch zwar auch nicht weniger kompliziert werden, aber vielleicht verhinderte der Bursche damit, dass er und seine Freunde ihr Leben in dieser unsterbenswerten Gegend ließen.
Das verbliebene Pärchen ließ sich zu einer weniger heldenhaften, aber wie Darrel fand, sehr viel verständlicheren Reaktion hinreißen. Sie rannten, er sie dabei an der Hand hinter sich herziehend.
Der LKW traf den Pick-Up!
Der Wagen zerplatze regelrecht. Als das Schiebeschild und dann die hässliche Schnauze durch das Fahrzeug brachen, als sei es nicht viel mehr, als eine weitere Sanddüne. In einer Kaskade aus Lichtreflexen flogen Teile nach allen Seiten, Der Motorblock, oder besser der verdrehte Schrott, der er einmal gewesen war, segelte als brennender Brocken Schlacke davon. In dem Chaos des Aufpralls sah Darrel für einen Herzschlag ein rotes Aufblühen, welches sich sogleich mit der Staubwand vereinte. Er musste unwillkürlich an einen fetten Käfer denken, der auf die Windschutzscheibe klatschte. Sein Magen schlug einen Salto und das lag nicht am Tempo seiner Fahrt.
Der LKW hupte mit dem Triumpfgebrüll einer urzeitlichen Bestie. Brachial und gleichzeitig fröhlich.
Die beiden Flüchtenden hatten ebenso wenig eine Chance auf Überleben, wie Darrel eine Chance hatte sie rechtzeitig zu erreichen.
Sie blickten sich immer wieder nach dem Monstrum in ihrem Nacken um, welches den Abstand spielerisch schrumpfen ließ. Der Grenzer brüllte vor Frustration, hieb zornig gegen den Wagenhimmel, als wolle er ein störrisches Reittier zu mehr Geschwindigkeit anspornen. Sein Dienstwagen arbeitete an der Leistungsgrenze und die Temponadel des Tachometers zitterte im roten Bereich. Das Paar starb in keinster Weise so, dass es für eine romantische Erzählung als Stoff hätte dienen können. Dafür war nicht nur die Art des Verhängnisses verantwortlich, sondern auch der Umstand, dass der Bursche die Hand seiner Freundin abschüttelte und dem Tod so einige Meter abtrotzte. Das war keine schöne Sache, auch wenn Darrel es auf beschämende Art und Weise nachvollziehen konnte.
In den letzten Sekunden waren sich vermutlich die meisten Menschen selbst der Nächste.
Das Mädchen wurde von dem LKW regelrecht verschluckt. In einem Moment war sie noch da, dann kam die Bestie über sie und tilgte sie schlicht und unspektakulär vom Angesicht dieser Welt. Kein Blut, keine fliegenden Gliedmaßen, zumindest nicht so das man sie ausmachen konnte. Was sich in der Bugwelle aus Staub abspielte sah gewiss anders aus.
Der Junge drehte sich vor dem Ende noch einmal um, blickte seinem Verfolger in die hässliche Fratze. Dann war auch er an der Reihe. Das schnelle Ableben seiner Gefährtin war ihm nicht vergönnt. Darin mochte eine Ironie, ausgleichende Gerechtigkeit liegen, oder schlichtes Pech. Der LKW nahm ihn auf die Hörner und für schrecklich lange Sekunden konnte der heranrasende Polizist mit ansehen, wie der Bursche schreiend auf dem Räumschild der Zugmaschine hing. Wie er den Aufprall überlebt hatte blieb Darrel schleierhaft, aber das kreideweiße Gesicht in dem Wirbel aus rotem Staub lebte definitiv noch.
Sekunden, die sich zu Ewigkeiten zu strecken schienen, hing der Junge zwischen den rostigen Zähnen der Bestie, wie eine grausige Kühlerfigur oder eine Jagdtrophäe. Dann rutschte er langsam. Er wurde Stückchenweise unter den Stahl gezogen und verschwand schließlich ganz.
Der LKW wurde ein wenig langsamer, Darrel nicht.
Er hielt direkt auf das Fahrzeug zu, steuerte mit einer Hand und zog mit der anderen seine Pistole. Es war eine schwere Waffe, dazu bestimmt dem Gesetz auch in den gesetzlosesten Gegenden Geltung zu verschaffen. Trotzdem, nicht einmal die Hohlspitzgeschosse würden bei dieser Geschwindigkeit eine Wirkung auf die Reifen des LKWs haben. Noch so ein Groschenheftmythos. Das Zerschießen von Reifen in voller Fahrt war alles andere als ein Leichtes. Die Kugeln prallten von den sich schnell drehenden Rädern ab. Außerdem hatten diese Lastzüge oftmals verstärkte Doppelreifen. Doch selbst wenn er all diese Fakten nicht gewusst hätte, Darrel hatte nicht die Absicht dem Bastard nur die Reifen zu zerschießen.
Die jungen Städter hatte er nicht retten können, blieb also nur sie zu rächen.
Er ging vom Gas, trat die Bremse und ließ den Wagen herumschleudern. Die Fliehkraft war so groß, dass sich sein Gefährt fast einmal um die eigene Achse drehte. Darrel ließ es geschehen, senkte den Fuß wieder auf das Gaspedal und verfolgte den LKW jetzt auf gerader Linie, schloss schnell auf. Der Mordwagen ließ sich von seinem Verfolger nicht stören. Er lenkte leicht ein, um im weiten Bogen auf seinen ursprünglichen Kurs zurück zu finden. Der Mord an den vier Jungendlichten kaum mehr als ein kurzes Intermezzo, eine heitere Unterbrechung einer ansonsten langweiligen Fahrt durch die Wüste.
Darrel tauchte in den Schweif aus Staub ein. Spielerisch kam er auf eine Höhe mit der Fahrerkabine. Dieser Vorteil war umso schmerzlicher, da er nicht schnell genug gewesen war um den Kids beizustehen. Das Protokoll sah vor, dass er den Schlepper über den Lautsprecher auf dem Dach anrufen und zum Anhalten auffordern sollte. Doch das würde nicht geschehen. Ein Knopfdruck an der Lenkradarmatur ließ die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter gleiten. Heulend brach der Fahrtwind ins Wageninnere ein und brachte roten Staub, Hitze und brüllenden Motorenlärm mit sich. Mit Zeigefinger und Daumen schob Darrel sich die Schutzbrille vor die Augen, das Halstuch vor Mund und Nase. Die Pistole legte er dabei nicht aus der Hand. Vielmehr klickte er den Sicherungshebel um und die verchromte Schutzkapsel an der Front der Waffe teilte sich und gab den Lauf frei.
Der LKW stieß nach ihm! Er schwenkte träge aus, ein halbherziger Versuch den Polizeiwagen zu rammen, kaum mehr als ein Büffel, der mit dem Schwanz nach lästigen Fliegen schlägt. Dem Angriff zu entkommen war ein Leichtes, ein kleines Rucken am Lenkrad und das Auto entzog sich dem Stoß. Darrel musste ohnehin etwas Abstand gewinnen um die hoch liegende Fahrerkabine ins Visier zu bekommen.
Er hob den Arm, zeigte mit der Mündung auf Tür und Seitenfenster des LKWs.
Er feuerte!
Die Pistole bockte in seiner Faust, einmal, dreimal, fünfmal, dann ein siebtes Mal. So schnell wie Darrel befähigt war den Finger zu krümmen spuckte sie ihre tödlichen Insassen auf den Schlepper. Ein kleiner Kreis aus silbernen Stanzlöchern entstand dort, wo der Polizist den Fahrer vermutete, dann zeichneten zwei Kugeln Spinnennetze in die dreckverkustete Scheiben. Das Glas zersprang nicht, auch wenn Darrel sicher war, dass seine Munition selbst durch das kugelsicheres Glas gedrungen sein würde.
Was Folgte untermauerte seine Vermutung.
Der LKW bremste abrupt ab. Die Kaskaden aus Staub steigerten sich noch einmal. Der Polizeiwagen schoss weiter, während der Laster langsamer wurde. Kreischende Bremsen, in der alles umhüllenden Wolke brach der Auflieger unvermittelt aus, schwenkte nach einigen Metern wieder hinter der Zugmaschine ein, schlingerte in die andere Richtung, drohte für einem Moment zu kippen und fing sich dann. Der Bremsweg war lang doch schließlich kam der LKW tatsächlich zum Stehen. Auch Darrel wurde langsamer, fuhr eine Kurve und näherte sich dem gefällten Monster im Schritttempo. Träge verzog sich die rote Wolke und gestatte nun erstmals einen ganzheitlichen Blick auf das waidwunde Ungeheuer. Die Fracht des Fahrzeuges stellte ein Konstrukt dar, das an einen Tank gemahnte, aber keinerlei Deckel oder Befüllungsöffnungen aufwies. Unter als dem verharschten Schmutz war eine Farbe schwerlich auszumachen, auch wenn Darrel auf irgendetwas in Richtung weißlich tippte. Nun, wo der Motor seines eigenen Wagens, mit dem Langsamerwerden etwas weniger brachial röhrte, konnte er hören, dass von dem LKW ein durchgehender Hupton ausging. Ansonsten zeigte das Vehikel keinerlei Aktivität mehr.
Der Wagen hielt knirschend auf dem steinigen Boden. Ohne den Blick von der durchgehend hupenden Bestie zu nehmen, schob er ein neues Magazin in die Waffe und wartete auf das kurze Doppelpiepen, welches den korrekten Ladezustand bescheinigte. Dann öffnete er die Tür und stieg aus.
Er näherte sich zügig aber nicht überhastet, die Waffe in die Armbeuge der angewinkelten Linken gelegt. Sein Blick zuckte zu dem Räumschild, in dessen verbeulter unterer Hälfte Steine steckten. Weiter oben hatte sich etwas verfangen, was von der Größe her auch ein Stein hätte sein können, ihn aber aus entsetzten, wenngleich leblosen Augen anstarrte. Darrel gönnte sich keinen Moment des Ekels. Auskotzen konnte er sich, wenn das ganze hier vorbei war.
In gemessenem Abstand hatte er die lange Schnauze des LKWs hinter sich gelassen und kam nun auf Höhe der Fahrertür.
„Hey!“ Versuchte er das Quäken der Hupe zu übertönen, deren Nerv tötendes Monotongeräusch langsam in den Ohren zu schmerzen begann.
Keine Reaktion. Dort wo die Tür mit dem Rahmen der Kabine abschloss, tropfte es rot heraus. Auf dem Trittbrett hatte sich bereits eine kleine Lache gebildete, auf der sich Staubkörner von gleicher Farbe abzeichneten. Darrel war versucht noch ein Magazin durch die Tür zu jagen, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Ließ es dann aber. Er wollte in seinem Bericht nicht mehr Protokollbrüche verschleiern müssen als nötig.
Langsam näherte er sich der Seite, Schritt für Schritt. Wäre in diesem Moment das Hupen verstummt, er hätte die Kabine trotz aller Überlegungen zersiebt. Aber das geschah nicht. Quälend dröhnte das Signalhorn vor sich hin. Halb um es endlich hinter sich zu bringen, halb um das Geräusch abzuwürgen, setzte er einen Fuß auf den untersten Tritt, riss die Tür auf und sprang im selben Moment zurück.
Die Tür schwang auf, etwas zögerlich, da sie durch ihr Alter und das eigene Gewicht schräg in den Angeln hing. Aus dem Inneren der Kabine drang ein erbärmlicher Gestank. Ein Geruch nach altem Schweiß, verbrauchter Luft, Fäkalien, Blut und undefinierbarer, schwerer Süße. Der Fahrer hing zusammengesackt auf dem gewaltigen Lenkrad. Doch nicht sein vornübergebeugter Körper hatte die Hube ausgelöst, wie Darrel es vermutet hatte. Vielmehr war der rechte Arm des Truckers nach oben verrenkt und hing schlaff im Seilzug des Signalhorns. Richtig, diese Wüstenschiffe hatten meist Zughupen der alten Art. Diesen Irrtum seinerseits nahm Darrel jedoch nur am Rande wahr. Zu sehr war er von dem Toten eingenommen. Was war das für ein Typ?
Der Kerl trug eine Art Schutzanzug, oder eher noch eine Rüstung. Metallplatten schützen den Körper. Rot mit goldenen Applikationen, alles verschnörkelt und verziert. Er wusste nicht woher, doch das Wort „Barrock“ trieb durchs Darrels Geist. Kunstvoll und verspielt, dabei doch aggressiv, wie ein bösartiges Insekt, dessen schillernder Panzer nicht über die Zangen des Kiefers hinwegtäuschen können. Der Tote, dass er tot war verrieten die Einschusslöcher in der Seite, aus denen dunkles Blut träge hervor sickerte, hatte eine Atemflasche auf dem Rücken. Unmöglich sich damit bequem im Sitz zurückzulehnen, er musste permanent vorgebäugt und verkrampft hinter dem Lenkrad gehockt haben. Schwarze Schläuche führten zu einer Maske, die in ihrer Gestaltung an die Fratze irgendeines Fabelwesens oder Dämons gemahnte.
„Was zur Hölle bist du denn für einer?“ Fragte er den Leichnam durch das dämpfende Tuch vor seinem Gesicht hindurch. Die Leiche blieb ihm die Antwort schuldig. Dass der Fahrer nicht nur den Toten spielte um seinen Angreifer zu täuschen war ziemlich eindeutig. Die abstruse Rüstung hatte der panzerbrechenden Munition des Polizisten keinen wirklichen Widerstand leisten können. Vier der abgegebenen Schüsse hatten ihr Ziel gefunden und da das Blut nur mehr aus den Wunden tröpfelte, stand kein funktionierendes Herz mehr dahinter, welches die Zirkulation vorantrieb. Darrel steckte die Waffe in das Halfter zurück und setzte erneut einen Fuß auf den Tritt. Er drückte sich hoch und lehnte den Oberkörper in die Kabine. Wenn der Tote dieses Atemgerät benutzt hatte um dem selbst fabrizierten Gestank zu entgehen, dann hatte er gut daran getan. Darrel würgte ob der Dünste, die die Kabine beherrschten. Er zerrte am Arm des Toten herum, um ihn aus der Leine des Signalhorns zu befreien. Der leblose, gepanzerte Arm war schwer aber letztlich gelang es ihm und nach Motoren, Schüssen und Hupe war die einsetzende Stille ohrenbetäubend.
Seine Bemühungen hatten zur Folge, dass der Tote zur Seite kippte und auf ihn zu rutschte. Da Darrel darauf aus war so wenig Körperkontakt wie möglich mit diesem stinkenden Verrückten in Kauf zu nehmen, schwang er sich wie ein Affe zur Seite und ließ den Körper an sich vorbei ins Freie sacken. Hart schlug die Leiche auf und wenn er nicht schon hinüber gewesen wäre, jetzt wäre er es vermutlich gewesen. Denn sein Kopf wurde unnatürlich zur Seite genickt, als er mit dem gesamten Gewicht seiner abstrusen Rüstung darauf landete. Es knirschte unschön. Darrel blickte von Oben auf den Toten und hätte sich gewünscht grimmige Befriedigung zu verspüren, den Mörder der Jugendlichen so entwürdigt zu seinen Füßen zu sehen. Doch die ganze, surreale Situation und das langsam abflauende Adrenalin in seiner Blutbahn, ließen ihn im Augenblick gar nichts fühlen. Das würde heute Abend kommen, wenn er auf der Sache bei einem Whisky herumdachte. Doch bis dahin würde er noch einiges zu tun haben und noch mehr erklären müssen. Er wandte den Blick ab und konzentrierte sich wieder auf die Fahrerkabine. Vielleicht ließen sich Hinweise auf die Herkunft des LKWs finden. So etwas wie Frachtpapiere oder eine Routenliste. Doch seine diesbezügliche Hoffnung schwand schnell. Der Fahrer war ganz eindeutig des Wahnsinns Beute gewesen. Die gesamte Fahrerkabine war mittels Fettkreide mit kantigen, irgendwie bösartig aussehenden Symbolen beschrieben. Jeder noch so kleine Freiraum war damit beschmiert wurden. An der Decke hing ein funktionsuntüchtig aussehendes Funkgerät, von dessen Halterung ein abartiger Fetisch aus Federn, dem verwachsenen Totenkopf eines kleinen Vogel und… Darrel würgte… einem menschlichen Ohr hing. Darum schwirrten Fliegen. Der Wüstencop spuckte bittere Galle in den Fußraum, in dem sich der Müll stapelte. Verpackungen von Notrationen, irgendwelche Buchseiten, Getränkedosen und Essensreste. Nur um die Pedale waren Mulden in diesen Teppich aus Abfall gescharrt wurden. Es bedurfte einiges an aufgebrachter Willenskraft sich weiter nach vorn zu beugen um das Handschuhfach zu begutachten. Dabei fiel ihm die Puppe auf, die ordentlich auf dem Beifahrersitz saß. Absonderlich, dass es bei der wilden Fahrt nicht in den Fußraum gefallen oder wenigstens zur Seite gekippt war. Es war eines dieser billigen Dinger, wie sie Kinder für ein paar Schekel auf dem Rummel gewinnen konnten. Sie war nackt, es fehlte ein Arm und man hatte ihr mit Lippenstift ein breites Grinsen auf das Gesicht gemalt. Irgendwie zog das für Darrel einen dicken Strich unter das Urteil es mit einem komplett Irren zu tun gehabt zu haben. Mehr noch als selbst der Mehrfahrmord und die durchgeknallte Aufmachung des Toten. Er ignorierte das entstellte Spielzeug angestrengt und langte nach dem Handschuhfach, in dem der letzte Funken Hoffnung irgendeine Art von Identifizierung glomm. Das sich der Vorhang bewegte, der die Fahrerkabine von der schmalen Schlafkabine hinter den Sitzen abtrennte, registrierte er zwar, doch seine geschundenen Nerven sahen darin seine eigene Schuld. Zu sehr hatten Körper und Geist sich darüber geeinigt, dass der Kampf erledigt war und dass es nun galt die Scherben aufzufegen. Erst als er das Unendlichzeichen des stummeligen Flintenlaufes sah, blitzte Ärger über die eigene Nachlässigkeit auf. Seine Hand zuckte zur Waffe, der Donner der Entladung kam schneller.
Die abgefeuerten Läufe spien ihren Inhalt auf den Polizisten und trafen in an Hals und Brust. Seine halb aufgerichtete Haltung, gepaart mit dem Hammerschlag des Treffers, warf ihn zurück und schleuderte ihn aus der Kabine. Schmerzen explodierten in seiner Brust und er bemerkte den harten Aufprall auf der Leiche des Fahrers gar nicht. Er wusste nur, dass er plötzlich im Freien war, in einer Wolke aus Staub und sich mit den Beinen von dem Toten abstieß, was ihn ein paar kümmerliche Meter von der Zugmaschine weg brachte. Er tastete nach seinem Hals und fasste in ein breiiges Schlamassel, dass feucht und sämig an seinen Fingern klebte. Er konnte nicht atmen, als ob er unter Wasser wäre, als ob er Wasser schluckte. Aber das war doch albern, er war in der Wüste. Er wollte etwas sagen, wollte Fluchen, um Hilfe rufen oder seine Verwunderung über alles hier äußern, er wusste es selbst nicht. Doch dem was von seiner Kehle noch übrig war, entrang sich nur ein gurgelndes Stöhnen. Mit verschwimmenden Blick konnte Darrel ausmachen, wie sich im Halbdunkel der Fahrerkabine eine Gestalt abmühte sich zwischen den Sitzen hindurch aus der Schlafnische hervorzuschieben. Diese Person trug auch so einen merkwürdigen Schutzanzug, auch wenn die Verzierungen und die Maske nicht eins zu eins der des Toten glichen. Auch war diese Person zierlicher und etwas kleiner als der leblose Fahrer. Vielleicht eine Frau. Darrel spekulierte darüber, auch wenn ihm klar war, dass er sich eher darüber Gedanken machen sollte, dass er nicht mehr richtig atmen konnte und dass seine Beine kalt und taub zu werden begangen. Er ließ von seinem Hals ab und schob sich halb liegend, halb auf dem Hintern rutschend, ein weiteres Stück von dem LKW und seiner tödlichen Fracht weg. Dabei musste er Blut von dem erschossenen Fahrer mit sich gezogen haben. Es war doch unmöglich, dass die rote Schleifspur von ihm stammte.
Die Tür der Kabine quietschte, als der Beifahrer sich an ihr fest hielt und mit den schweren Stiefeln Halt auf dem blutnassen Tritt suchte. In der anderen Hand hielt sie eine rostige, noch rauchende Schrotflinte mit abgesägtem Lauf. Als letzte Stufe nutzte sie den Körper ihres leblosen Kameraden. Darrel hatte seine eigene Waffe ziehen und die Frau erledigen können. Doch in seiner Situation kam er gar nicht auf den Gedanken. Er war zu sehr damit beschäftigt dem Tod ein paar weitere, feucht keuchende Sekunden abzuringen.
Die Frau in der Rüstung versuchte die Schrotflinte zu öffnen, scheiterte aber an dem schlechten Pflegezustand der Waffe. Sie drehte den Oberkörper ein wenig und warf sie zu dem restlichen Müll im Fußraum der Kabine. Ohne Hast machte sie zwei Schritte auf den Polizisten zu, der seinerseits versuchte von ihr fort zu kriechen. Gleichwohl ein reichlich aussichtsloses Unterfangen. Jetzt konnte er den Atem der Frau hören, der vernehmlich durch die Schläuche ihrer Maske rasselte und seine eigenen Bemühungen, Luft in die Lungen zu ziehen, zu verspotten schien. In ihrem hastlosen Schritt ging sie leicht in die Hocke und zog eine lange, boshaft gezähnte Klinge aus ihrem Stiefelschaft. Diese Waffe war ebenso braun von Rost wie die Flinte. Doch die Schneide glänzte in geschliffener Schärfe. Dieses oxidierte Stück Stahl verhieß kein erlösend schnelles Ende und brachte Darrel dazu sich nun doch seiner Waffe zu entsinnen. Er nestelte mit tauben und schlüpfrigen Fingern am Holster herum, bekam den Druckknopf jedoch nicht auf. Eine Tätigkeit, die ihm ansonsten keine bewusste Wahrnehmung mehr wert gewesen war. Es war ohnehin zu spät. Die Frau war heran und kniete sich neben ihn. Ihre behandschuhte Hand ging ebenfalls zum Halfter. Sie drückte seine Hand fast sanft beiseite, schlug sich dann etwas energischer fort, als er seinen Versuch nicht aufgeben wollte. Nicht brutal. Eher wie bei einem störrischen Kind, das die Dummheit der eignen Handlung nicht einsehen wollte. Mit frustrierender Leichtigkeit zog sie Darrels Pistole, besah sie sich kurz und warf sie dann weg. Die Waffe landete etwa zwei Meter weiter im Staub und hätte damit auch am anderen Ende der Wüste liegen können. Die Frau, dass es definitiv eine war konnte Darrel erkennen, wenn er in die Augen hinter den schmierigen, runden Sichtgläser der Maske sah, betrachtete ihn nur. Blickte ihn ausdruckslos an, atmete aufreizend schwer durch den Filter. Selbst ohne das Messer in ihrer Hand hätte Darrel nun keinen Angriff mehr auf sie unternehmen können. Alle Kräfte hatten ihn verlassen, sein Leib war nur noch ein kalter Klumpen Fleisch, die Ränder seines Sichtfeldes wurden bereits grau, die Farbe schien aus der Welt zu tropfen wie der Lebenssaft aus ihm ran.
„Wa…“ Mehr ein krächzender Laut als ein wirkliches Wort, doch die Frau schien zu verstehen. Sie legte den Kopf schräg und ihr Blick lächelte. Darrel konnte sehen, dass eines ihre Augen rot war, weil Äderchen darinnen geplatzt sein mussten.
„Warum?“ Ihre Stimme war angenehm, wenn auch durch das Material ihrer Maske gedämpft wie durch Watte. Der Polizist konnte bereits nicht mehr tun, als mit zunehmender Entrückung zu ihr aufzublicken. Alle verbleibende Kraft floss in die Bemühung neben Blut auch etwas Luft einzusaugen.
Sie blickte auf, als überlege sie oder horche auf ein fernes Geräusch. Dann sah sie flüchtig über die Schulter und zu dem LKW. Das Monster stand stumm da, warf einen scharf geschnittenen Schatten und sein Schiebeschild ließ es grinsen.
Die Frau sah wieder zu Darrel, hob das Messer und tippte sich mit der Spitze zwei Mal gegen das Sichtfenster über dem blutigen Auge. Das leise Klicken, mit dem der Stahl das Glas berührte, hörte Darrel sogar über dem auffrischenden Wind.
„Auf roten Rössern bringen wir euch den Wahnsinn.“ Die Worte klangen verträumt, als spräche sie mehr zu sich selbst als zu dem Mann. Letztlich stimme das auch, denn der Verwundete hatte aufgehört zu atmen und lag nun still. Sie lauschte wieder, während ihr Gesagtes vom Wind in die Wüste getragen wurde und sich roter Flugsand an dem Toten fing und seine Konturen bereits dem Land anglich. Die Frau ließ das ungebrauchte Messer wieder im Schaft ihres Stiefels verschwinden und erhob sich. Ohne den Kopf noch einmal nach dem toten Grenzer umzudrehen ging sie zurück zum LKW. Sie nutzte die Leiche wieder um auf deren ursprünglichen Platz zu klettern. Ihre Hand griff nach der Tür und der LKW verschluckte sie.
Schwarze Abgaswolken aus den aufragenden Auspuffrohren begleiteten das Erwachen des Motors. Der Schlepper ruckte an und beschrieb einen Bogen. Das Hinterrad der Zugmaschine überrollte die ausgestreckten Beine der gepanzerten Leichte und zerquetschte sie, ohne dass sich der Reifen auch nur spürbar hob. Dann passierte der LKW das Polizeiauto, auf dessen Dach noch immer Lichtsignale Aufmerksamkeit einforderten.
Langsam sein Tempo steigernd, richtete sich die Bestie wieder auf die Stadt aus, die irgendwo hinter dem Horizont liegen musste.
Story by Kogan und mit Erlaubnis gepostet
Nein nicht geboren.
Ausgespuckt!
In Gedanken revidierte Darrell die erste Assoziation, die sich eingestellt hatte, als er den LKW am Horizont entdeckte.
Man sagte zwar „so hässlich, dass nur eine Mutter es lieben kann“, doch was da aus der Staubhose hervorgebrochen kam sah mehr aus wie etwas, was eine Mutter angewidert von sich stoßen würde, wenn es ihr der Geburtshelfer hinhielt.
Auf den Punkt gebracht, das Fahrzeug sah aus wie etwas, dass die Einöde loswerden wollte.
Er strich mit dem Zeigefinger über das kleine Rädchen an der Oberseite des Sichtgeräts und der elektronische Zoom holte ihm den LKW heran.
Unmöglich die Farbe auszumachen.
Rot vielleicht, aber das konnte auch auf die Schicht aus Staub zurückzuführen sein.
Seine aufblitzende Abneigung und die blumigen Vergleiche waren natürlich Unsinn. Ein einsamer Springer auf dem Weg nach Golga, na und? Nichts Alltägliches, aber auch nichts Ungewöhnliches. Und waren nicht alle diese LKWs, die Versorgungsgüter zu den Außenposten oder Schrott aus der Wüste zu den Verwertstationen am Stadtrand brachten, ausnehmend hässliche Fahrzeuge?
Wer durch die Ödnis fuhr musste seiner Maschine sein Leben anvertrauen und da galt Funktionalität mehr als ästhetische Gesichtspunkte.
Dennoch...
Darrell vertraute seinen Instinkten nicht blind. Das war Blödsinn, der bei Tieren und in Groschenheften funktionieren mochte, aber nicht im wirklichen Leben. Wie oft stellten sich vermeintliche Instinkte als schlichte Vorurteile oder Irrtümer heraus?
Ganz zum Schweigen konnte man seine Intuitionen dann aber doch nicht bringen und so flüsterte sie leise aber penetrant, dass irgendetwas an diesem Wagen es wert war nicht gemocht zu werden.
Der LKW war bei weitem nicht das größte Exemplar, das Darrel jemals gesehen hatte. Nichtsdestotrotz ein gottverdammtes Monster.
Die langgezogene Schnauze war auf Fahrbahnhöhe mit einem Gitterräumschild bewährt, wie man ihn sonst nur an Zügen zu sehen bekam. Dieser Rammsporn, dazu gedacht Sandwehen und Steine aus dem Weg zu schieben, zeichnete ein zähnefletschendes Grinsen in das Gesicht der Maschine. In Verbindung mit den schrägen Sehschlitzen, welche die Scheibenwischer in die Dreckkruste auf den Fenstern gefressen hatten, verlieh es dem Antlitz des Vehikels eine unangenehme Fratze. Das mochte es sein was Darrel den LKW nicht gefallen lassen wollte.
Natürlich abergläubischer Unsinn.
Ein Lastwagen war ein Ding und irgendwelche Charakterzüge, die man ihm aufgrund seines Aussehens andichtete, sprachen allein dafür, dass der Beobachter etwas zu lange in der Sonne gewesen war. Allerdings gab es andere Aspekte, die sich weniger leicht von der Hand weisen ließen. Etwa die Geschwindigkeit, mit der der Schlepper unterwegs war.
Springer waren chronisch darauf bedacht so sparsam wie möglich zu fahren, jeden Tropfen Kraftstoffverbrauch gegen die Gewinnspanne der Fracht aufzurechnen. Keiner von ihnen würde das Gaspedal bis zum Bodenblech durchtreten, wenn dazu nicht absolute Notwendigkeit bestand.
Noch merkwürdiger wurde dieser Umstand durch die Tatsache, dass der LKW bis eben durch eine Staubhose gefahren war. Die Sicht in diesen unberechenbaren Wetterphänomenen betrug gleich Null und die gängige Methode war anzuhalten und die Sache auszusitzen. Weiterzufahren, dazu noch mit diesem Tempo, war nackter Irrsinn. Räumschild und mannsdicke Reifen hin oder her, eine ungünstige Bodenwelle und der Karren gesellte sich zu den ungezählten, rostigen Wracks, die von Unterschätzung der Wüste kündeten.
„Warum so eilig, mein Freund?“
Murmelte Darrel, an dessen Ohr jetzt auch das entfernte Geräusch des Motors klang. Ein seltsames Echo verzerrte den Laut zu einem Winseln, welches nicht recht zu der bulligen Maschine passen wollte. Das leicht krisselige Bild des Sichtgerätes wanderte über die Karosserie. Zeichen langer Benutzung und entbehrungsreicher Dienstjahre im Transit zwischen den Bastionen der Zivilisation. Wie bei einem uralten Meeresungeheuer zeichneten sich Narben und Dellen auf der metallenen Haut ab. An einigen Stellen deuteten hellere Teile darauf hin, dass hier nachgebessert und ausgetauscht wurde. Helle Flecken, wie Pockennarben, mochten geflickte Einschusslöcher sein. Ein Firmenlogo konnte er ebenso wenig auf der Flanke des LKWs erkennen, wie sich die Fracht eindeutig identifizieren ließ. Ein länglicher Auflieger vielleicht, aber mehr als eine Vermutung ließ der wirbelnde Staub nicht zu. Darrel tastete den LKW noch einmal mit den Augen ab und schwenkte das Sichtgerät dann nach Süden. Er vermutete, dass der Kurs des LKWs etwa zwei Kilometer an der Position der Stadtbälger vorbei führen würde.
Er hatte die Kids vor etwa einer Stunde kontrolliert. Zwei junge Burschen und ihre Freundinnen. Dezent aufgespritzte Lippen, makellose Brüste und kleine weiße Perlmuttzähnchen die Mädesl, Muskeln und künstlich gebräunte Haut die Typen.
Gottverdammte Hochglanzmagazinmenschen!
Sie waren freundlich zu ihm gewesen. Hatten ihm die Papiere des Fahrzeugs gezeigt, ihre ID und die Besitzerlaubnisse für die Jagdgewehre und Pistolen. Auf Mutanten waren sie aus, so hatten sie Darrel erklärt und tatsächlich war an der Ladefläche ihres chromglänzenden Pickups eine Kranwinde befestigt gewesen. Wie so ein Teil mit dem man Fische aus dem Wasser hieven und sich grinsend neben dem zur Schau gestellten Kadaver ablichten lassen konnte. Nur das es eben keine Fische, sondern mutierte Menschen waren, auf die Mamas und Papas Lieblinge da zum Halali bliesen.
Nicht das ihre Aussichten auf Erfolg besonders überwältigend gewesen wäre. Der Sinn stand ihnen wohl eher danach ihre Nobelkarosse ein bisschen mit Staub einzusauen, sich die Stürme anzusehen, zu trinken und vielleicht ein bisschen rumzumachen. Bevor die Nacht über das Land kam würden sie wieder in der oberen Etage der Stadt sein und auf irgendwelchen Stimulanzpartys Designerdrogen einwerfen.
Darrel konnte nicht aus eigener Anschauung bestätigen, dass so was wirklich in den Türmen abging. Die Aussicht, dass ein Grenzer wie er jemals mehr von der Oberstadt sehen würde, als die hell erleuchteten Türme, die nachts wie Nadeln in den Sternenhimmel stachen, war doch eher gering. Also verließ er sich auf das was er von anderen hörte, die es möglicherweise besser wussten, wahrscheinlich aber nicht.
Bei der Kontrolle waren sie höflich gewesen. Die Jungen hatten ihn mit „Herr Grenzpolizist“ angesprochen, die Mädchen artig die Augen niedergeschlagen und nichts gesagt. Ganz so wie es die Etikette der feinen Leute verlangte. Aber seine Mutter hatte keinen Idioten großgezogen und Darrel wusste sehr genau wann er verarscht wurde. Unter der Oberfläche dieses zuvorkommenden Getues schwamm herablassender Spott. Er konnte sich vorstellen wie sie losgeprustet hatten, kaum dass er sich an den Hut getippt und von dannen gezogen war. Der verschwitzte Grenzhauser, der sich toll dabei vor kam vier besseren Herrschaften aus der Oberstadt zu befehlen ihm ihre Papiere zu zeigen.
Alles in Ordnung Freunde, schönen Tag noch.
Er hatte den Wagen der Vier entdeckt und zoomte heran. Das Fahrzeug stand hinter einer kleinen Anhöhe, wo sie den schlimmsten Auswirkungen des Staubsturms entkommen waren.
Seine Vermutungen waren in die richtige Richtung gegangen, denn rings um das Auto brach sich das Sonnenlicht auf weggeworfenen Bierdosen. Eine dieser Büchsen sprang in die Höhe und keine Sekunde danach drang auch der Schussknall an Darrels Ohr. Einer der Burschen stand auf der Ladefläche und feuerte auf die vorher geleerten Dosen. Schön wenn man so verschwenderisch mit Munition umgehen konnte. Seine Vorhersage war korrekt gewesen. Um diesen Kids zum Opfer zu fallen musste ein Muti schon selten dämlich sein, was sich mit dem Überleben in der Wüste ausschloss. Während einer der Wochenendhelden seine Schießkünste an dem selbst produzierten Müll ausließ, stand eines der Mädels bei ihm und himmelte ihn an.
Die anderen beiden trieben es auf der Motorhaube.
Was?
Er zoomte noch einmal heran und befeuchtete sich die Lippen, während das Bild langsam die Schärfe nachjustierte.
Nein, soweit waren die beiden da unten dann doch noch nicht. Sie schienen zu tanzen. Wenn man das denn so nennen wollte. Er hing halb auf der Motorhaube und sie rieb sich an ihm wie eine rollige Katze. Das sie dabei ihr Oberteil ausgezogen hatte und ihre Verrenkungen nur im BH oder einem Badeoberteil absolvierte sah zugegebenermaßen ansprechend aus, würde ihr jedoch morgen einen Sonnenbrand und wenn sie Pech hatte, in ein paar Jahren Hautkrebs einbrocken.
Wie dem auch sei, für den Moment genoss Darrel die Show.
Er fragte sich, ob denen da unten bewusst war, dass er sich beobachtete und ob die beiden vielleicht nur deswegen so loslegten. Nun vermutlich nicht und wenn doch, machten sie sich entweder einen Spaß daraus oder es war ihnen schlicht egal, ob so ein verstaubter Leguanfresser wie er sie bei ihrem Treiben begaffte. Sein schlechtes Gewissen jedenfalls hielt sich in Grenzen und er war tatsächlich enttäuscht, als sich die blonde Ballkönigin ihr Shirt wieder überwarf. Ihre Haut würde es ihr danken, aber es war trotzdem schade.
Als er mit einer weiteren Drehung an der Justierung das Bild wieder etwas weiter fächerte, sah er warum die kleine Darbietung so rüde unterbrochen wurde. Das andere Mädchen hatte sich auf der Ladefläche auf die Zehenspitzen gestellt und konnte damit über die kleine Felsformation spähen, hinter der sie geparkt hatten. Aufgeregt deutete es nach Westen.
Auf den hässlichen LKW.
Für eine angenehme Minute oder zwei, hatte Darrel den Springer schon wieder völlig vergessen und es stieß ihm umso saurer auf, dass er nun wieder an ihn erinnert wurde. Kurz zuckte sein Blick zu dem Fahrzeug. Immer noch nicht mehr, als ein herandonnernder Komet aus aufgewirbeltem Dreck. Die Augen wieder auf die Jugendlichen gerichtet, war nun zu sehen, dass sich alle Vier auf der Ladefläche versammelt hatten und in Richtung des LKWs spähten, die Augen durch beschirmende Hände an der Stirn gegen die unbarmherzige Sonne schützend. Eines der Mädels hüpfte auf und ab und winkte dabei euphorisch, was ihre Brüste anschaulich in Bewegung versetzte. Der Kerl mit dem Gewehr riss plötzlich seine Waffe an die Schulter und zielte.
Darrel zog scharf die Luft ein und legte seine Linke instinktiv auf den Griff seiner Pistole.
Eine gleichsam unbewusste, wie unnütze Geste.
Der Junge wurde vom Rückstoß seiner Waffe leicht in die Knie gedrückt, der Lauf ruckte hoch.
Der Knall jedoch blieb aus und der Klaps, dem ihm eines der Mädchen auf den Oberarm versetzte, ließ erkennen dass der Bursche nur so getan hatte als ob.
Die vier schienen sich zu beraten und als Darrel schon dachte, sie hätten das Interesse an dem LKW verloren, kam plötzlich Bewegung in die Truppe.
Ein Pärchen blieb auf der Ladefläche, die anderen beiden kletterten nach vorn und bestiegen die Kabine. Staub spritze auf, als sich die Räder des schweren Geländewagens durchdrehten und das Auto dann mit einem Satz nach vorn sprang. Die beiden auf der Ladefläche mussten sich an dem Scheinwerferaufbau festklammern, ihr Gebaren deutete jedoch nicht darauf hin, dass sie sich an der holprigen Fahrt störten. Vielmehr ließen die aufgerissenen Münder und in die Luft boxenden Fäuste darauf schließen, dass sie sich königlich amüsierten und ihren Kumpel zu mehr Geschwindigkeit und höherer Wahrscheinlichkeit einer selbst verschuldeten Katastrophe anspornten.
„Tut das nicht Freunde!“
Springer waren an sich keine schlechten Kerle, jedenfalls nicht die, die Darrel bisher kennengelernt hatte. Aber sie waren auch oftmals durch die lange Einsamkeit und die Bedrohungen der Wüste verschroben und eigenbrötlerisch. Wer permanent mit Wetterkapriolen und Mutantenangriffen rechnen musste, der hatte für gewöhnlich nichts übrig für dumme Streiche. Das konnte schief gehen, aber er konnte auch niemanden davon abhalten neben einem Lastwagen herzufahren, der in Richtung Stadt rollte.
Er hoffte inständig, das die Kids es nicht übertrieben und das der Springer besonnen genug war, sich nicht irgendwie provozieren zu lassen und allzu schnell mit der Schrotflinte bei der Hand war.
Der Pickup hielt seitlich auf den Lastwagen zu. Dieser war gewiss schnell, konnte sich aber kaum mit der Höchstgeschwindigkeit des überzüchteten Nobelspielzeugs messen. Immerhin schien sich der Fahrer, so er die Aktion in seinem Kosmos aus brüllendem Motorenlärm und Staub überhaupt bemerkt hatte, nicht von seinem Tun abbringen zu lassen. Er wurde weder langsamer, noch versuchte er Abstand zu gewinnen oder die Halbstarken auch nur durch das Betätigen des Horns auf die Dummheit ihres Tuns aufmerksam zu machen.
Die Kids waren dem Sattelschlepper entgegen gefahren und ließen Darrel dadurch genug Zeit sein weiteres Vorgehen zu überdenken. Viel mehr als den stillen Beobachter zu spielen konnte er im Augenblick freilich nicht tun. Sich wie Arschlöscher zu benehmen und anderen Leuten auf die Eier zu gehen war hier draußen genauso wenig verboten wie seine leeren Bierdosen wegzuwerfen. Das war schließlich die verdammte Wüste.
Den Pickup zu beobachten war schwierig, denn die Sonnenreflektionen auf den verchromten Teilen des Autos stachen in den Augen.
Darrel klappte den Filter über die Linse. Damit war es erträglich.
Ah, sie hielten sich jetzt auf gleicher Höhe mit dem LKW, inzwischen ungefähr auf gerader Linie mit seiner eigenen Beobachtungsposition. Der Pickup war ein wuchtiger Wagen, nahm sich neben dem Koloss aber geradezu lächerlich klein aus. Der jugendliche Fahrer ließ das Auto zwei, drei Mal hin und her schlingern, wobei er jedoch keineswegs hinter dem Sattelzug zurück blieb.
Das Mädchen auf der Ladefläche hielt sich mit beiden Händen am Aufbau fest und hüpfte dabei wie irre auf und ab. Es sah aus als schrie sie etwas zum LKW rüber. Darrel fragte sich, ob sie irgendetwas eingeworfen hatten, was sie so die Gefahr missachten ließ. Das man sich in jungen Jahren für unsterblich hielt war ihm schon klar, schließlich war es ja bei ihm auch noch nicht so lange her. Das da unten aber war glatter Irrsinn. Eine unebene Stelle, eine Sekunde, in welcher der Fahrer die Kontrolle über den Pickup verlor und das Pärchen auf der Ladefläche machte einen Abgang. Wenn sich nicht gleich der ganze Wagen überschlug.
Jetzt setzen sie sich vor die Schnauze des LKWs, scheinbar frustriert darüber ignoriert zu werden. Der Bursche auf der Ladefläche leerte eine Bierdose und warf sie nach hinten.
Das funkelnde, sich überschlagende Objekt wurde von der Staubbestie verschluckt.
Das Mädchen riss ihr Shirt hoch und zeigte dem Springer was sie hatte.
Keine Reaktion, kein Hornsignal, kein Langsamerwerden oder Versuch auszuweichen.
Der Sattelzug wirkte geradezu stoisch.
Eigentlich machte der Typ am Steuer dieses hässlichen Wüstenschlachtschiffs genau das Richtige. Er ignorierte diese Gören, so wie ein geduldige Vater seine überdrehten Kinder ignorieren würde, in dem Wissen, dass er ihnen dadurch die Lust an ihrem Unsinn mehr nahm, als es jedwede Reaktion tun konnte.
Oder wie ein Alligator, der sich nicht um kleine Vögel kümmerte, die auf seinem tödlichen Maul herum hüpften.
Welchen Vergleich man auch bemühte, es schien jedenfalls tatsächlich zu funktionieren. Der Pickup verließ seine Position vor der Front des LKWs, fuhr auf einer Höhe mit der Zugmaschine, ließ sich langsam aber sicher zurückfallen, genauso wie die Kapriolen der hinteren Passagiere an Elan verloren.
Darrel entspannte sich.
Ein weiteres Zeugnis dafür, was er über Leute, gerade wohlhabende, junge Leute, aus der Stadt wusste und gehört hatte. Man konnte nur hoffen, dass sie daraus lernten, dass nicht jeder Mensch gewillt war auf ihre Launen einzugehen. Es stand zwar zu bezweifeln das...
Der LKW zog nach rechts!
Darrel blinzelte, mehr erstaunt als erschrocken und drückte das halb abgesetzte Sichtgerät wieder gegen die Nase.
Der schwere Lastwagen hatte nur einen kleinen Schlenker zur Seite gemacht. Für den Fahrer sicherlich kaum mehr als ein leichter Zug am Lenkrad, doch die Wirkung war nichtsdestotrotz fatal. Die Maschine touchierte das Auto, welches sich neigte und zur Seite ausbrach. Jetzt war überall Staub und für einen furchtbaren Augenblick glaubte Darrel das schreckensverzerrte Gesicht des Mädchens ausmachen zu können, als sie über die Umrandung der Ladefläche fiel.
„Verfluchte Scheiße!“
Er kämpfte den Drang nieder direkt zu seinem eigenen Wagen zu laufen und um Hilfe zu funken. Das würde er natürlich tun, doch er musste sich die Sekunde zurücknehmen, die er brauchte um die Situation besser einschätzen und entsprechend melden zu können.
Der LKW- Fahrer, dieser miese Bastard, fuhr weiter als wäre nichts gewesen. Egal, den würde er sich schnappen wenn er bei den Kids gewesen war, oder man brachte ihn spätestens an einem Einfahrtstoren der Stadt zur Strecke. Es war schließlich nicht so, dass sich dieses Monster großartig verstecken konnte und die Stadt war der einzige Anlaufpunkt im Umkreis von tausenden Rundmeilen.
Aber eins nach dem anderen.
Er fokussierte seinen Blick auf den verunfallten Pickup und stellte mit einiger Erleichterung fest, dass das Auto wenigstens nicht umgekippt war.
Das Gefährt hatte Schlagseite. Vielleicht war bei der kleinen Schleuderpartie ein Reifen von der Felge gesprungen. Auf der rechten, nun tiefer liegenden Seite, hatte der Pickup eine Sanddüne vor sich aufgeschoben. Diese hatte das ausbrechende Fahrzeug nicht nur gebremst, sondern wohl auch vor dem Umkippen bewahrt.
Das Pärchen stieg aus der Fahrerkabine. Sie hielt sich den Arm, er massierte seinen Nacken.
Aber alles in allem schienen sie mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Nun erkannte Darrel auch, dass der Junge von der Ladefläche noch genau dort war. Es hatte ihn von den Beinen geholt und er war der Länge nach hingeschlagen, doch auch ihm waren wohl einfach nur die Knochen ein bisschen zum Klappern gebracht wurden. Naja vielleicht ein wenig mehr als das, denn der Zoom zeigte einen Blutstrom, der im von der Nase abwärts das Gesicht verschmierte.
Blieb noch das Mädchen.
Er hoffte inständig, dass sie nur in den Staub gefallen war.
In diesem Moment hoffte er dies nicht einmal um seiner selbst Willen, nicht aus Furcht vor dem Zorn des Papas, der sicherlich weniger Himmel und mehr Hölle in Bewegung setzen würde um ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass er sein Töchterlein zwar der Ausweise wegen kontrolliert, sie aber nicht vor einem wahnsinnig gewordenen Springer bewahrt hatte. In diesem Moment hoffte er um des Mädchens Willen, dass sie sich nur die gemachte Nase im Staub etwas verbogen hatte, dass im schlimmsten Fall ein Arm gebrochen war. Allein, er konnte sie bei den Schwaden aus feinem Staub in der Luft nicht entdecken. Also setzte er das Sichtgerät ab und spurtete zu seinem eigenen Wagen, dabei das Bild verdrängend, was passiert sein mochte, wenn sie bei ihrem Sturz noch so nah am LKW gewesen war das...
Darrel riss die Tür auf und griff nach dem Funkgerät, alle fruchtlosen Spekulationen so gut als möglich verbannend. Das Sprechgerät wechselte in die Linke, damit er den Motor starten konnte.
„Randposten Fünfzehn Drei an Zentrale, kommen!“
Er ließ die Sprechtaste im gleichen Moment los, in dem der Wagen zum Leben erwachte. Der Motor kündete mit einem Brüllen von den vierhundert PS, die ihm innewohnten und blies den Staub aus den vier Ansaugstutzen, als blähe er die Nüstern in Freude darüber die eigene Kraft einmal mehr erproben zu können. Der Wagen schoss vorwärts, während im Inneren eine automatisierte Stimme aus dem Empfänger knisterte.
„Momentan sind alle Kanäle überlastet oder aufgrund von wetterbedingten Störungen nicht verfügbar. Hinterlassen sie eine Nachricht. Diese wird schnellstmöglich an die zuständigen Stelle weitergeleitet.“ Derartiges war so üblich, dass Darrel sich nicht einmal die Mühe machte darüber zu fluchen. Wer am Rand war, der war allein, auf sich gestellt. Alles andere waren Ausnahmen von der Regel. Ein Signalton ertönte und er drückte erneut die Sprechtaste.
„Diese Nachricht muss an die zentrale Einsatzleitung der Wüstenausläuferüberwachung weitergeleitet werden.“ Er wartete kurz um eine klare Trennung zu haben. „Hier spricht Fünfzehn Drei, ich befinde mich bei Markstein Fünfzehn, Ringkilometer Vierzehn.“ Kurz huschten seine Augen von der Piste auf den kleinen Positionsbestimmer, der wie wild in seinem flüssigkeitsgefüllten Gehäuse schwamm und die holprige Fahrt auszugleichen versuchte.
„Über Vierzehn mit drei Strich. Unfall mit erwartetem Personenschaden, möglicherweise Verursacherflucht. Beschreibung Verursacher folgt nach Erstversorgung. Benötigt wird ein Rettungsflieger zu angegebener Position.
Fünfzehn Drei Ende.“
Er hängte das Sprechgerät wieder in die Gabel, nahm sich Zeit hochzuschalten und legte dann beide Hände auf das Lenkrad. Er hatte jetzt die natürliche Rampe passiert, welche den Zugang zu seinem Beobachtungshügel darstellte und trat das Gaspedal durch. Kurz blickte er aus dem Seitenfenster und stellte erleichtert fest, dass der Staubsturm von ihnen weg zog.
Wenigsten etwas!
Während er noch einen Gang höher schaltete, nahm er auf der anderen Seite des kleinen Ausschnitts Wüste, welchen ihn die verdreckte Windschutzscheibe zu sehen gestatte, wahr, dass der LKW keineswegs floh um sich seiner Verantwortung zu entziehen. Vielmehr hatte der Springer in einem weitläufigen Bogen gewendet und kam nun zurück. Dafür gab es zwei mögliche Erklärungen.
Nummer Eins, der Kerl hatte gar nicht mitbekommen was passiert war, weil seine Maschine durch das Rammen des Autos nicht mehr tangiert wurde, als führe sie über einen größeren Stein oder durch eine Bodenwelle. Bei der Fahrweise des Springers war beide sicher keine Seltenheit. Jetzt hatte der Bursche einen Blick in den Rückspiegel geworfen und das Schlamassel gesehen. Dann kam er vielleicht zurück um zu helfen. Wie gesagt, diese Typen waren verschroben und vierschrötig, ließen für gewöhnlich aber auch niemanden in der Wüste zurück ohne zu helfen.
Das wäre die angenehmere Variante.
Version Nummer Zwei war weniger vom Hauch der Nächstenliebe umweht und beinhaltete einen skrupellosen Wichser, der nicht nur einen Unfall verursacht und den Tot von vier Menschen billigend in Kauf genommen hatte, sondern der auch nicht gedachte Zeugen für seine Tat zu hinterlassen.
Darrel legte einen Kippschalter um, woraufhin die Lichtsirenen auf dem Dach seines Wagens zum Leben erwachten. Sie sandten in kurzen Intervallen weißes Gleißen nach allen Seiten. Die Intensität dieses Signals war stark genug, dass man es selbst bei hochstehender Mittagssonne bis zum Horizont zu erkennen vermochte. Der LKW musste es sehen und realisieren, dass hier ein Wüstenbulle Zeuge der ganzen Sache gewesen war. Kein Springer war so dumm sich mit einem aus dem Corps der Randposten anzulegen.
Die Kids hatten ihn auf jeden Fall gesehen. Einer der Jungs stand auf der Motorhaube und winke wild in seine Richtung. Der Sattelschlepper drehte derweil nicht ab, was eigentlich ein gutes Zeichen hätte sein müssen. Trotz der Anwesenheit eines Ordnungshüters schien er helfen zu wollen. Das Darrel dennoch wünschte er wäre näher an der Unfallstelle als der LKW lag daran, dass das rostige Ungeheuer nicht langsamer wurde.
Sein Wagen war schnell, doch der Schlepper war näher dran und jetzt war seine Absicht nicht mehr wegzudenken. Die Abgasfahnen der senkrechten Zwillingsauspuffrohre standen fast waagerecht. Die Jugendlichen winkten immer noch wie irre in seine Richtung, deuteten auf die Stelle wo der LKW sie gerammt hatte. Sahen oder hörten sie dieses heranstürmende Gebirge aus Metall etwa nicht? Waren sie denn blind?
Nein, jetzt drehte sich der Bursche auf der Ladefläche um und auch wenn er für einen Moment so aussah, als wäre er wie vom Donner gerührt regte er sich doch plötzlich.
Was er tat war freilich die größte Dummheit, die ihm hätte einfallen können. Unvermittelt hatte er wieder das Jagdgewehr in der Hand und schien es auch zu benutzen. Genau konnte Darrel das nicht erkennen, da seine eigene kleine Welt aus Motorenlärm Vibration, Geruckel und einem kleinen, verdreckten Sehschlitz von Windschutzscheibe bestand. Alles in Allem nichts, was ihm die Umgebung in Brillanz wahrnehmen ließ. Dennoch meinte er über den Krach seiner eigenen Maschine das Astknacken entfernter Schüsse zu hören. Gut möglich, dass der Junge sogar Glück hatte und den Fahrer erwischte. Die ganze Sache würde dadurch zwar auch nicht weniger kompliziert werden, aber vielleicht verhinderte der Bursche damit, dass er und seine Freunde ihr Leben in dieser unsterbenswerten Gegend ließen.
Das verbliebene Pärchen ließ sich zu einer weniger heldenhaften, aber wie Darrel fand, sehr viel verständlicheren Reaktion hinreißen. Sie rannten, er sie dabei an der Hand hinter sich herziehend.
Der LKW traf den Pick-Up!
Der Wagen zerplatze regelrecht. Als das Schiebeschild und dann die hässliche Schnauze durch das Fahrzeug brachen, als sei es nicht viel mehr, als eine weitere Sanddüne. In einer Kaskade aus Lichtreflexen flogen Teile nach allen Seiten, Der Motorblock, oder besser der verdrehte Schrott, der er einmal gewesen war, segelte als brennender Brocken Schlacke davon. In dem Chaos des Aufpralls sah Darrel für einen Herzschlag ein rotes Aufblühen, welches sich sogleich mit der Staubwand vereinte. Er musste unwillkürlich an einen fetten Käfer denken, der auf die Windschutzscheibe klatschte. Sein Magen schlug einen Salto und das lag nicht am Tempo seiner Fahrt.
Der LKW hupte mit dem Triumpfgebrüll einer urzeitlichen Bestie. Brachial und gleichzeitig fröhlich.
Die beiden Flüchtenden hatten ebenso wenig eine Chance auf Überleben, wie Darrel eine Chance hatte sie rechtzeitig zu erreichen.
Sie blickten sich immer wieder nach dem Monstrum in ihrem Nacken um, welches den Abstand spielerisch schrumpfen ließ. Der Grenzer brüllte vor Frustration, hieb zornig gegen den Wagenhimmel, als wolle er ein störrisches Reittier zu mehr Geschwindigkeit anspornen. Sein Dienstwagen arbeitete an der Leistungsgrenze und die Temponadel des Tachometers zitterte im roten Bereich. Das Paar starb in keinster Weise so, dass es für eine romantische Erzählung als Stoff hätte dienen können. Dafür war nicht nur die Art des Verhängnisses verantwortlich, sondern auch der Umstand, dass der Bursche die Hand seiner Freundin abschüttelte und dem Tod so einige Meter abtrotzte. Das war keine schöne Sache, auch wenn Darrel es auf beschämende Art und Weise nachvollziehen konnte.
In den letzten Sekunden waren sich vermutlich die meisten Menschen selbst der Nächste.
Das Mädchen wurde von dem LKW regelrecht verschluckt. In einem Moment war sie noch da, dann kam die Bestie über sie und tilgte sie schlicht und unspektakulär vom Angesicht dieser Welt. Kein Blut, keine fliegenden Gliedmaßen, zumindest nicht so das man sie ausmachen konnte. Was sich in der Bugwelle aus Staub abspielte sah gewiss anders aus.
Der Junge drehte sich vor dem Ende noch einmal um, blickte seinem Verfolger in die hässliche Fratze. Dann war auch er an der Reihe. Das schnelle Ableben seiner Gefährtin war ihm nicht vergönnt. Darin mochte eine Ironie, ausgleichende Gerechtigkeit liegen, oder schlichtes Pech. Der LKW nahm ihn auf die Hörner und für schrecklich lange Sekunden konnte der heranrasende Polizist mit ansehen, wie der Bursche schreiend auf dem Räumschild der Zugmaschine hing. Wie er den Aufprall überlebt hatte blieb Darrel schleierhaft, aber das kreideweiße Gesicht in dem Wirbel aus rotem Staub lebte definitiv noch.
Sekunden, die sich zu Ewigkeiten zu strecken schienen, hing der Junge zwischen den rostigen Zähnen der Bestie, wie eine grausige Kühlerfigur oder eine Jagdtrophäe. Dann rutschte er langsam. Er wurde Stückchenweise unter den Stahl gezogen und verschwand schließlich ganz.
Der LKW wurde ein wenig langsamer, Darrel nicht.
Er hielt direkt auf das Fahrzeug zu, steuerte mit einer Hand und zog mit der anderen seine Pistole. Es war eine schwere Waffe, dazu bestimmt dem Gesetz auch in den gesetzlosesten Gegenden Geltung zu verschaffen. Trotzdem, nicht einmal die Hohlspitzgeschosse würden bei dieser Geschwindigkeit eine Wirkung auf die Reifen des LKWs haben. Noch so ein Groschenheftmythos. Das Zerschießen von Reifen in voller Fahrt war alles andere als ein Leichtes. Die Kugeln prallten von den sich schnell drehenden Rädern ab. Außerdem hatten diese Lastzüge oftmals verstärkte Doppelreifen. Doch selbst wenn er all diese Fakten nicht gewusst hätte, Darrel hatte nicht die Absicht dem Bastard nur die Reifen zu zerschießen.
Die jungen Städter hatte er nicht retten können, blieb also nur sie zu rächen.
Er ging vom Gas, trat die Bremse und ließ den Wagen herumschleudern. Die Fliehkraft war so groß, dass sich sein Gefährt fast einmal um die eigene Achse drehte. Darrel ließ es geschehen, senkte den Fuß wieder auf das Gaspedal und verfolgte den LKW jetzt auf gerader Linie, schloss schnell auf. Der Mordwagen ließ sich von seinem Verfolger nicht stören. Er lenkte leicht ein, um im weiten Bogen auf seinen ursprünglichen Kurs zurück zu finden. Der Mord an den vier Jungendlichten kaum mehr als ein kurzes Intermezzo, eine heitere Unterbrechung einer ansonsten langweiligen Fahrt durch die Wüste.
Darrel tauchte in den Schweif aus Staub ein. Spielerisch kam er auf eine Höhe mit der Fahrerkabine. Dieser Vorteil war umso schmerzlicher, da er nicht schnell genug gewesen war um den Kids beizustehen. Das Protokoll sah vor, dass er den Schlepper über den Lautsprecher auf dem Dach anrufen und zum Anhalten auffordern sollte. Doch das würde nicht geschehen. Ein Knopfdruck an der Lenkradarmatur ließ die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter gleiten. Heulend brach der Fahrtwind ins Wageninnere ein und brachte roten Staub, Hitze und brüllenden Motorenlärm mit sich. Mit Zeigefinger und Daumen schob Darrel sich die Schutzbrille vor die Augen, das Halstuch vor Mund und Nase. Die Pistole legte er dabei nicht aus der Hand. Vielmehr klickte er den Sicherungshebel um und die verchromte Schutzkapsel an der Front der Waffe teilte sich und gab den Lauf frei.
Der LKW stieß nach ihm! Er schwenkte träge aus, ein halbherziger Versuch den Polizeiwagen zu rammen, kaum mehr als ein Büffel, der mit dem Schwanz nach lästigen Fliegen schlägt. Dem Angriff zu entkommen war ein Leichtes, ein kleines Rucken am Lenkrad und das Auto entzog sich dem Stoß. Darrel musste ohnehin etwas Abstand gewinnen um die hoch liegende Fahrerkabine ins Visier zu bekommen.
Er hob den Arm, zeigte mit der Mündung auf Tür und Seitenfenster des LKWs.
Er feuerte!
Die Pistole bockte in seiner Faust, einmal, dreimal, fünfmal, dann ein siebtes Mal. So schnell wie Darrel befähigt war den Finger zu krümmen spuckte sie ihre tödlichen Insassen auf den Schlepper. Ein kleiner Kreis aus silbernen Stanzlöchern entstand dort, wo der Polizist den Fahrer vermutete, dann zeichneten zwei Kugeln Spinnennetze in die dreckverkustete Scheiben. Das Glas zersprang nicht, auch wenn Darrel sicher war, dass seine Munition selbst durch das kugelsicheres Glas gedrungen sein würde.
Was Folgte untermauerte seine Vermutung.
Der LKW bremste abrupt ab. Die Kaskaden aus Staub steigerten sich noch einmal. Der Polizeiwagen schoss weiter, während der Laster langsamer wurde. Kreischende Bremsen, in der alles umhüllenden Wolke brach der Auflieger unvermittelt aus, schwenkte nach einigen Metern wieder hinter der Zugmaschine ein, schlingerte in die andere Richtung, drohte für einem Moment zu kippen und fing sich dann. Der Bremsweg war lang doch schließlich kam der LKW tatsächlich zum Stehen. Auch Darrel wurde langsamer, fuhr eine Kurve und näherte sich dem gefällten Monster im Schritttempo. Träge verzog sich die rote Wolke und gestatte nun erstmals einen ganzheitlichen Blick auf das waidwunde Ungeheuer. Die Fracht des Fahrzeuges stellte ein Konstrukt dar, das an einen Tank gemahnte, aber keinerlei Deckel oder Befüllungsöffnungen aufwies. Unter als dem verharschten Schmutz war eine Farbe schwerlich auszumachen, auch wenn Darrel auf irgendetwas in Richtung weißlich tippte. Nun, wo der Motor seines eigenen Wagens, mit dem Langsamerwerden etwas weniger brachial röhrte, konnte er hören, dass von dem LKW ein durchgehender Hupton ausging. Ansonsten zeigte das Vehikel keinerlei Aktivität mehr.
Der Wagen hielt knirschend auf dem steinigen Boden. Ohne den Blick von der durchgehend hupenden Bestie zu nehmen, schob er ein neues Magazin in die Waffe und wartete auf das kurze Doppelpiepen, welches den korrekten Ladezustand bescheinigte. Dann öffnete er die Tür und stieg aus.
Er näherte sich zügig aber nicht überhastet, die Waffe in die Armbeuge der angewinkelten Linken gelegt. Sein Blick zuckte zu dem Räumschild, in dessen verbeulter unterer Hälfte Steine steckten. Weiter oben hatte sich etwas verfangen, was von der Größe her auch ein Stein hätte sein können, ihn aber aus entsetzten, wenngleich leblosen Augen anstarrte. Darrel gönnte sich keinen Moment des Ekels. Auskotzen konnte er sich, wenn das ganze hier vorbei war.
In gemessenem Abstand hatte er die lange Schnauze des LKWs hinter sich gelassen und kam nun auf Höhe der Fahrertür.
„Hey!“ Versuchte er das Quäken der Hupe zu übertönen, deren Nerv tötendes Monotongeräusch langsam in den Ohren zu schmerzen begann.
Keine Reaktion. Dort wo die Tür mit dem Rahmen der Kabine abschloss, tropfte es rot heraus. Auf dem Trittbrett hatte sich bereits eine kleine Lache gebildete, auf der sich Staubkörner von gleicher Farbe abzeichneten. Darrel war versucht noch ein Magazin durch die Tür zu jagen, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Ließ es dann aber. Er wollte in seinem Bericht nicht mehr Protokollbrüche verschleiern müssen als nötig.
Langsam näherte er sich der Seite, Schritt für Schritt. Wäre in diesem Moment das Hupen verstummt, er hätte die Kabine trotz aller Überlegungen zersiebt. Aber das geschah nicht. Quälend dröhnte das Signalhorn vor sich hin. Halb um es endlich hinter sich zu bringen, halb um das Geräusch abzuwürgen, setzte er einen Fuß auf den untersten Tritt, riss die Tür auf und sprang im selben Moment zurück.
Die Tür schwang auf, etwas zögerlich, da sie durch ihr Alter und das eigene Gewicht schräg in den Angeln hing. Aus dem Inneren der Kabine drang ein erbärmlicher Gestank. Ein Geruch nach altem Schweiß, verbrauchter Luft, Fäkalien, Blut und undefinierbarer, schwerer Süße. Der Fahrer hing zusammengesackt auf dem gewaltigen Lenkrad. Doch nicht sein vornübergebeugter Körper hatte die Hube ausgelöst, wie Darrel es vermutet hatte. Vielmehr war der rechte Arm des Truckers nach oben verrenkt und hing schlaff im Seilzug des Signalhorns. Richtig, diese Wüstenschiffe hatten meist Zughupen der alten Art. Diesen Irrtum seinerseits nahm Darrel jedoch nur am Rande wahr. Zu sehr war er von dem Toten eingenommen. Was war das für ein Typ?
Der Kerl trug eine Art Schutzanzug, oder eher noch eine Rüstung. Metallplatten schützen den Körper. Rot mit goldenen Applikationen, alles verschnörkelt und verziert. Er wusste nicht woher, doch das Wort „Barrock“ trieb durchs Darrels Geist. Kunstvoll und verspielt, dabei doch aggressiv, wie ein bösartiges Insekt, dessen schillernder Panzer nicht über die Zangen des Kiefers hinwegtäuschen können. Der Tote, dass er tot war verrieten die Einschusslöcher in der Seite, aus denen dunkles Blut träge hervor sickerte, hatte eine Atemflasche auf dem Rücken. Unmöglich sich damit bequem im Sitz zurückzulehnen, er musste permanent vorgebäugt und verkrampft hinter dem Lenkrad gehockt haben. Schwarze Schläuche führten zu einer Maske, die in ihrer Gestaltung an die Fratze irgendeines Fabelwesens oder Dämons gemahnte.
„Was zur Hölle bist du denn für einer?“ Fragte er den Leichnam durch das dämpfende Tuch vor seinem Gesicht hindurch. Die Leiche blieb ihm die Antwort schuldig. Dass der Fahrer nicht nur den Toten spielte um seinen Angreifer zu täuschen war ziemlich eindeutig. Die abstruse Rüstung hatte der panzerbrechenden Munition des Polizisten keinen wirklichen Widerstand leisten können. Vier der abgegebenen Schüsse hatten ihr Ziel gefunden und da das Blut nur mehr aus den Wunden tröpfelte, stand kein funktionierendes Herz mehr dahinter, welches die Zirkulation vorantrieb. Darrel steckte die Waffe in das Halfter zurück und setzte erneut einen Fuß auf den Tritt. Er drückte sich hoch und lehnte den Oberkörper in die Kabine. Wenn der Tote dieses Atemgerät benutzt hatte um dem selbst fabrizierten Gestank zu entgehen, dann hatte er gut daran getan. Darrel würgte ob der Dünste, die die Kabine beherrschten. Er zerrte am Arm des Toten herum, um ihn aus der Leine des Signalhorns zu befreien. Der leblose, gepanzerte Arm war schwer aber letztlich gelang es ihm und nach Motoren, Schüssen und Hupe war die einsetzende Stille ohrenbetäubend.
Seine Bemühungen hatten zur Folge, dass der Tote zur Seite kippte und auf ihn zu rutschte. Da Darrel darauf aus war so wenig Körperkontakt wie möglich mit diesem stinkenden Verrückten in Kauf zu nehmen, schwang er sich wie ein Affe zur Seite und ließ den Körper an sich vorbei ins Freie sacken. Hart schlug die Leiche auf und wenn er nicht schon hinüber gewesen wäre, jetzt wäre er es vermutlich gewesen. Denn sein Kopf wurde unnatürlich zur Seite genickt, als er mit dem gesamten Gewicht seiner abstrusen Rüstung darauf landete. Es knirschte unschön. Darrel blickte von Oben auf den Toten und hätte sich gewünscht grimmige Befriedigung zu verspüren, den Mörder der Jugendlichen so entwürdigt zu seinen Füßen zu sehen. Doch die ganze, surreale Situation und das langsam abflauende Adrenalin in seiner Blutbahn, ließen ihn im Augenblick gar nichts fühlen. Das würde heute Abend kommen, wenn er auf der Sache bei einem Whisky herumdachte. Doch bis dahin würde er noch einiges zu tun haben und noch mehr erklären müssen. Er wandte den Blick ab und konzentrierte sich wieder auf die Fahrerkabine. Vielleicht ließen sich Hinweise auf die Herkunft des LKWs finden. So etwas wie Frachtpapiere oder eine Routenliste. Doch seine diesbezügliche Hoffnung schwand schnell. Der Fahrer war ganz eindeutig des Wahnsinns Beute gewesen. Die gesamte Fahrerkabine war mittels Fettkreide mit kantigen, irgendwie bösartig aussehenden Symbolen beschrieben. Jeder noch so kleine Freiraum war damit beschmiert wurden. An der Decke hing ein funktionsuntüchtig aussehendes Funkgerät, von dessen Halterung ein abartiger Fetisch aus Federn, dem verwachsenen Totenkopf eines kleinen Vogel und… Darrel würgte… einem menschlichen Ohr hing. Darum schwirrten Fliegen. Der Wüstencop spuckte bittere Galle in den Fußraum, in dem sich der Müll stapelte. Verpackungen von Notrationen, irgendwelche Buchseiten, Getränkedosen und Essensreste. Nur um die Pedale waren Mulden in diesen Teppich aus Abfall gescharrt wurden. Es bedurfte einiges an aufgebrachter Willenskraft sich weiter nach vorn zu beugen um das Handschuhfach zu begutachten. Dabei fiel ihm die Puppe auf, die ordentlich auf dem Beifahrersitz saß. Absonderlich, dass es bei der wilden Fahrt nicht in den Fußraum gefallen oder wenigstens zur Seite gekippt war. Es war eines dieser billigen Dinger, wie sie Kinder für ein paar Schekel auf dem Rummel gewinnen konnten. Sie war nackt, es fehlte ein Arm und man hatte ihr mit Lippenstift ein breites Grinsen auf das Gesicht gemalt. Irgendwie zog das für Darrel einen dicken Strich unter das Urteil es mit einem komplett Irren zu tun gehabt zu haben. Mehr noch als selbst der Mehrfahrmord und die durchgeknallte Aufmachung des Toten. Er ignorierte das entstellte Spielzeug angestrengt und langte nach dem Handschuhfach, in dem der letzte Funken Hoffnung irgendeine Art von Identifizierung glomm. Das sich der Vorhang bewegte, der die Fahrerkabine von der schmalen Schlafkabine hinter den Sitzen abtrennte, registrierte er zwar, doch seine geschundenen Nerven sahen darin seine eigene Schuld. Zu sehr hatten Körper und Geist sich darüber geeinigt, dass der Kampf erledigt war und dass es nun galt die Scherben aufzufegen. Erst als er das Unendlichzeichen des stummeligen Flintenlaufes sah, blitzte Ärger über die eigene Nachlässigkeit auf. Seine Hand zuckte zur Waffe, der Donner der Entladung kam schneller.
Die abgefeuerten Läufe spien ihren Inhalt auf den Polizisten und trafen in an Hals und Brust. Seine halb aufgerichtete Haltung, gepaart mit dem Hammerschlag des Treffers, warf ihn zurück und schleuderte ihn aus der Kabine. Schmerzen explodierten in seiner Brust und er bemerkte den harten Aufprall auf der Leiche des Fahrers gar nicht. Er wusste nur, dass er plötzlich im Freien war, in einer Wolke aus Staub und sich mit den Beinen von dem Toten abstieß, was ihn ein paar kümmerliche Meter von der Zugmaschine weg brachte. Er tastete nach seinem Hals und fasste in ein breiiges Schlamassel, dass feucht und sämig an seinen Fingern klebte. Er konnte nicht atmen, als ob er unter Wasser wäre, als ob er Wasser schluckte. Aber das war doch albern, er war in der Wüste. Er wollte etwas sagen, wollte Fluchen, um Hilfe rufen oder seine Verwunderung über alles hier äußern, er wusste es selbst nicht. Doch dem was von seiner Kehle noch übrig war, entrang sich nur ein gurgelndes Stöhnen. Mit verschwimmenden Blick konnte Darrel ausmachen, wie sich im Halbdunkel der Fahrerkabine eine Gestalt abmühte sich zwischen den Sitzen hindurch aus der Schlafnische hervorzuschieben. Diese Person trug auch so einen merkwürdigen Schutzanzug, auch wenn die Verzierungen und die Maske nicht eins zu eins der des Toten glichen. Auch war diese Person zierlicher und etwas kleiner als der leblose Fahrer. Vielleicht eine Frau. Darrel spekulierte darüber, auch wenn ihm klar war, dass er sich eher darüber Gedanken machen sollte, dass er nicht mehr richtig atmen konnte und dass seine Beine kalt und taub zu werden begangen. Er ließ von seinem Hals ab und schob sich halb liegend, halb auf dem Hintern rutschend, ein weiteres Stück von dem LKW und seiner tödlichen Fracht weg. Dabei musste er Blut von dem erschossenen Fahrer mit sich gezogen haben. Es war doch unmöglich, dass die rote Schleifspur von ihm stammte.
Die Tür der Kabine quietschte, als der Beifahrer sich an ihr fest hielt und mit den schweren Stiefeln Halt auf dem blutnassen Tritt suchte. In der anderen Hand hielt sie eine rostige, noch rauchende Schrotflinte mit abgesägtem Lauf. Als letzte Stufe nutzte sie den Körper ihres leblosen Kameraden. Darrel hatte seine eigene Waffe ziehen und die Frau erledigen können. Doch in seiner Situation kam er gar nicht auf den Gedanken. Er war zu sehr damit beschäftigt dem Tod ein paar weitere, feucht keuchende Sekunden abzuringen.
Die Frau in der Rüstung versuchte die Schrotflinte zu öffnen, scheiterte aber an dem schlechten Pflegezustand der Waffe. Sie drehte den Oberkörper ein wenig und warf sie zu dem restlichen Müll im Fußraum der Kabine. Ohne Hast machte sie zwei Schritte auf den Polizisten zu, der seinerseits versuchte von ihr fort zu kriechen. Gleichwohl ein reichlich aussichtsloses Unterfangen. Jetzt konnte er den Atem der Frau hören, der vernehmlich durch die Schläuche ihrer Maske rasselte und seine eigenen Bemühungen, Luft in die Lungen zu ziehen, zu verspotten schien. In ihrem hastlosen Schritt ging sie leicht in die Hocke und zog eine lange, boshaft gezähnte Klinge aus ihrem Stiefelschaft. Diese Waffe war ebenso braun von Rost wie die Flinte. Doch die Schneide glänzte in geschliffener Schärfe. Dieses oxidierte Stück Stahl verhieß kein erlösend schnelles Ende und brachte Darrel dazu sich nun doch seiner Waffe zu entsinnen. Er nestelte mit tauben und schlüpfrigen Fingern am Holster herum, bekam den Druckknopf jedoch nicht auf. Eine Tätigkeit, die ihm ansonsten keine bewusste Wahrnehmung mehr wert gewesen war. Es war ohnehin zu spät. Die Frau war heran und kniete sich neben ihn. Ihre behandschuhte Hand ging ebenfalls zum Halfter. Sie drückte seine Hand fast sanft beiseite, schlug sich dann etwas energischer fort, als er seinen Versuch nicht aufgeben wollte. Nicht brutal. Eher wie bei einem störrischen Kind, das die Dummheit der eignen Handlung nicht einsehen wollte. Mit frustrierender Leichtigkeit zog sie Darrels Pistole, besah sie sich kurz und warf sie dann weg. Die Waffe landete etwa zwei Meter weiter im Staub und hätte damit auch am anderen Ende der Wüste liegen können. Die Frau, dass es definitiv eine war konnte Darrel erkennen, wenn er in die Augen hinter den schmierigen, runden Sichtgläser der Maske sah, betrachtete ihn nur. Blickte ihn ausdruckslos an, atmete aufreizend schwer durch den Filter. Selbst ohne das Messer in ihrer Hand hätte Darrel nun keinen Angriff mehr auf sie unternehmen können. Alle Kräfte hatten ihn verlassen, sein Leib war nur noch ein kalter Klumpen Fleisch, die Ränder seines Sichtfeldes wurden bereits grau, die Farbe schien aus der Welt zu tropfen wie der Lebenssaft aus ihm ran.
„Wa…“ Mehr ein krächzender Laut als ein wirkliches Wort, doch die Frau schien zu verstehen. Sie legte den Kopf schräg und ihr Blick lächelte. Darrel konnte sehen, dass eines ihre Augen rot war, weil Äderchen darinnen geplatzt sein mussten.
„Warum?“ Ihre Stimme war angenehm, wenn auch durch das Material ihrer Maske gedämpft wie durch Watte. Der Polizist konnte bereits nicht mehr tun, als mit zunehmender Entrückung zu ihr aufzublicken. Alle verbleibende Kraft floss in die Bemühung neben Blut auch etwas Luft einzusaugen.
Sie blickte auf, als überlege sie oder horche auf ein fernes Geräusch. Dann sah sie flüchtig über die Schulter und zu dem LKW. Das Monster stand stumm da, warf einen scharf geschnittenen Schatten und sein Schiebeschild ließ es grinsen.
Die Frau sah wieder zu Darrel, hob das Messer und tippte sich mit der Spitze zwei Mal gegen das Sichtfenster über dem blutigen Auge. Das leise Klicken, mit dem der Stahl das Glas berührte, hörte Darrel sogar über dem auffrischenden Wind.
„Auf roten Rössern bringen wir euch den Wahnsinn.“ Die Worte klangen verträumt, als spräche sie mehr zu sich selbst als zu dem Mann. Letztlich stimme das auch, denn der Verwundete hatte aufgehört zu atmen und lag nun still. Sie lauschte wieder, während ihr Gesagtes vom Wind in die Wüste getragen wurde und sich roter Flugsand an dem Toten fing und seine Konturen bereits dem Land anglich. Die Frau ließ das ungebrauchte Messer wieder im Schaft ihres Stiefels verschwinden und erhob sich. Ohne den Kopf noch einmal nach dem toten Grenzer umzudrehen ging sie zurück zum LKW. Sie nutzte die Leiche wieder um auf deren ursprünglichen Platz zu klettern. Ihre Hand griff nach der Tür und der LKW verschluckte sie.
Schwarze Abgaswolken aus den aufragenden Auspuffrohren begleiteten das Erwachen des Motors. Der Schlepper ruckte an und beschrieb einen Bogen. Das Hinterrad der Zugmaschine überrollte die ausgestreckten Beine der gepanzerten Leichte und zerquetschte sie, ohne dass sich der Reifen auch nur spürbar hob. Dann passierte der LKW das Polizeiauto, auf dessen Dach noch immer Lichtsignale Aufmerksamkeit einforderten.
Langsam sein Tempo steigernd, richtete sich die Bestie wieder auf die Stadt aus, die irgendwo hinter dem Horizont liegen musste.
Story by Kogan und mit Erlaubnis gepostet
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