Topic 2349

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Die steinerne Bodenplatte ist immern noch lose. Und das schon eine Ewigkeit. Automatisch, aus uralter Gewohnheit, hebt Sekkret ho-Temun seinen Fuss über die aufstehende Kante. Ohne nachdenken zu müssen, schreitet er durch Gänge und Hallen. Es ist sein Reich. Unter tonnenschweren Steinquadern liegt der Tempelbau der heiligen Vipergöttin. Der einzige Tempel der altehrwürdigen Stadt Sephi. Sein Tempel. Auch zu Lebzeiten hatte ihm kein einziger König den Rang des Hohepriesters aberkannt. Und nun, nach der grossen Erweckung, scheint seine Position in Fels gemeisselt. Wie die uralten Reliefs an den Wänden dieser verwinkelten Gänge: Kunstwerke, die seit Jahrhunderten von keinem lebenden Auge mehr betrachtet wurden. Sekkret ho-Temun verschwendet keinen Blick mehr daran, er kennt sie alle. Viele davon hat er selbst in Auftrag gegeben. Er ist mit anderen Gedanken beschäftigt. Mit alten Gedanken. Er trägt sie schon Jarhunderte mit sich herum. Und diese Gedanken machen ihm Sorgen...
Doch plötzlich wird er aus seinen furchteinflösenden Überlegungen geschreckt. Etwas nähert sich der Stadt. Etwas unbekanntes. Kurz erinnert sich Sekkret ho-Temun an die letzte Störung vor wenigen Jahren: Sandräuber, erbärmliche Wilde, die sich an den Schätzen Sephis laben wollten. Sie hatten es nicht einmal bis zur Stadtmauer geschafft. Seine Zuflüsterer hatten ihm ihr Näherkommen gemeldet. Sekkret Ho-Temun erweckte eine Hand voll Stadtgardisten und ihre Vipernpfeile beendeten diese Störung so schnell wie sie gekommen war.
Doch diese Störung ist anders. Niemand flüsterte es ihm zu. Kein Geschöpf der Wüste warnte ihn. Nun macht er sich Sorgen, die ganz dem Jetzt gelten. Beunruhigt dreht er sich um und geht den Gang zurück den er eben hinunterschritt. Worte kriechen über seine trockenen gerissenen Lippen. Worte, die seid Jahrtausenden unverändert geblieben sind. Langsam löst sich sein Körper auf, verwandelt sich in einen Schwarm schwarz glänzender Fliegen. Einen Augenblick noch bleibt der Schwarm in der Form des alten Priesters, dann verschwinden die Konturen in einer sirrenden hundertgeflügelten Wolke.
Bald verlässt der Schwarm den Tempelkomplex durch einen Luftschacht. Eine empfindlich kalte Wüstennacht empfängt ihn. Auf dem staubigen Platz beim Stadttor nimmt Sekkret ho-Temun wieder seine menschliche Form an. Sofort fällt das Gefühl der Kälte weg. Sein toter Körper spürt weder die Kälte der Nacht noch die Hitze des Tages.
Die Störung ist schon beim Stadttor. Eine einzelne Person. Eine Frau. Das schwere Tor schwingt vor ihr auf, ohne dass sie es berührt. Sekkret ho-Temun spürt nun die Kraft die in der Störung gesammelt ist. Arkanes Wissen und die Kunst der Künste: Eine Magierin! Angst kennt Sekkret ho-Temun nicht. Aber er ist besorgt. Kurz denkt er daran den König zu wecken. Er lässt den Gedanken aber schnell wieder fallen. Nur einer einzelnen Person wegen darf die heilige Ruhe des Königs nicht gestört werden. Er würde die Störung beseitigen.
Sie ist schön und jung. Anmutig ihr Gang und rein ihr Antlitz. Sie erinnert ihn an die persöhnlichen Sklavinnen die sein König einmal hatte. Auch ihr Schmuck scheint aus dem Reich von Settra dem Grossen zu stammen. Ihre Gewänder, ein Rausch aus Rot und Gold. Und ihr Haupt ziert ein Goldreif, der das Symbol der heiligen Schlange trägt. Aber es ist keine von uns, ist der Priester überzeugt. Ihre Magie spottet den alten Göttern. Er wird diese Störung beseitigen.

Auf einen lautlosen Befehl hin regt sich eine der schwarzen Statuen neben dem Tor. Das Bildnis des Schakalgottes steigt von seinem Sockel hinunter und bewegt sich langsam auf die Störung zu. Die Frau bleibt stehen, vor Angst wahrscheinlich. Sekkret ho-Temun merkt zu späht, dass er sich hat täuschen lassen. Eine unheilige Kraft aus schwarzen Blitzen umfängt das untote Konstrukt. Die knisternde Energie aus ihrer Hand schlägt in die Statue, lässt sie einfach in sich zusammenfallen.
Sie benutzt das Wissen seines grössten Feindes! Eine Dienerin Nagashs! Sekkret ho-Temun spürt eine Welle aus uraltem Hass aufsteigen. Wieder verlassen alte Wort seinen ausgetrockneten Mund. Ein Schwarm hungriger Heuschrecken soll über die Feindin herfallen, tausend kleine Bisse ihr das weisse lebende Fleisch von den Knochen nagen.
Doch soweit kommt es nicht. Sie kommt ihm zuvor. Noch während er die Worte formt, beugen sich ihr die Winde der Magie und nehmen dem Priester die Kraft, seine Rache auszusprechen. Sie ist zu stark für seine kleinen Beschwörungen. Und eine der grossen Anrufungen würde zu lange dauern. Wieder spricht er die alten Worte die ihm seine Gestalt nehmen. Der Fliegenschwarm erhebt sich von der sandigen Gasse und verschwindet in einem der alten Gebäude. Vorerst muss Sekkret ho-Temun seine Stadt ungeschützt lassen, für das erste mal in seinem langen Unleben. Die Menschenfrau lächelt siegesreich und lenkt ihre Schritte zur Stadtmitte: Die Ruhestätte des Königs.


Fortsetzung folgt
 

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Elegant steigt sie die vielen Stufen zur Grabpyramide hinauf. Es war leichter als sie gedacht hatte. Sie hatte mit einem Wächter gerechnet. Mit einem stärkeren Wächter. Doch so lief es bestens, ihr Plan lief gut. Der wirklich gefährliche Teil kam aber erst noch. Bisher hatte sie kaum Probleme gehabt. Die Reise in den Süden war einfach. Kein Reisender sprach ihr die Bitte ab, mit ihm reisen zu dürfen. Und keiner davon hat jemals noch die Gelegenheit diese Hilfsbereitschaft zu bereuen. In der Menschensiedlung am Rande der Wüste war sie gut informiert worden. Der junge Bursche hatte ihr alles über die verwunsche Stadt Sephi erzählt. Jeder Geschichte darüber hatte sie ihm gelauscht, bevor sie sich von ihm genährt hatte und hierher gereist war. Sie denkt noch einmal kurz an jene gelungene Nacht und taucht dann in das Dunkel der Eingangshalle ein.
Nun sind all ihre Sinne wach. Das wenige Sternenlicht von draussen reicht ihr um sich zu orientieren. Sie hört es sogar als die erste Falle ausgelöst wird, menschliche Ohren hätten das feine Klicken der Bodenplatte niemals wahrgenommen. Aus einer Reihe von Löchern schlängeln die Schlangen auf sie zu. Aber mit Schlangen kennt sie sich aus. Sie gibt einen stummer Befehl und die Schuppenwesen machen kehrt und verschwinden im Dunkeln. Den Giftpfeilen weicht sie aus, über Fallgruben setzt sie mit einem katzengleichen Sprung hinweg. Bald steht sie vor der Grabkammer. Nur noch ein Gang liegt zwischen ihr und dem Raum des Königs. Ein Gang, gesäumt mit dessen Elitekriegern. Sie zweifelt nicht daran, dass diese toten Krieger in dem Moment erwachen werden, in dem jemand den Gang betritt. Sie zweifelt aber auch nicht an ihrer Schnelligkeit. Entschlossen setzt sie sich in Bewegung. Schon bei der ersten Berührung ihrer Zehen auf den Steinplatten schlagen die Grabwächter die Augen auf. Damit rechnete sie. Aber nicht damit, dass sich hinter ihr und am Ende des Ganges die Ausgänge schliessen. Mit unmenschlicher Geschwindigkeit schiesst sie zwischen den Armen der Untoten hindurch, den langen Gang entlang, und kann sich gerade noch durch die schmale Öffnung am Ende des Ganges werfen bevor sich diese gänzlich schliesst.
Auch das ist nicht der gefährliche Teil gewesen. Leichtfüssig landet sie in der Grabkammer. Im selben Moment weiss sie, dass der König sie schon bemerkt hat. Die Fackeln an den Wänden brennen und der Sarkophag in der Mitte des Raumes ist offen. Offen und leer. Langsam geht sie darauf zu. Der tanzende Schein der Fackeln lässt den goldenen Sarkophag funkeln und glänzen. Sie fährt mit ihren feinen Fingern über das warme Metall und die kühlen Edelsteine. Keine Gier liegt in ihren Augen, blos Bewunderung. Ein Schatten steigt hinter ihr auf. Eine gewaltige Klinge wird aufgezogen. Das untote Gesicht des Königs schält sich aus der Dunkelheit, starr vor Grimm über das frevelhafte Eindringen. Kurz bevor er die Klinge niederfahren lässt, dreht sie sich um. Sie fällt auf die Knie und neigt tief ihren Kopf. Ihre helle und klare Stimme formt die Worte der alten Sprache Khemris: "Sephi Hetem, mein König, ich verneige mich vor Euch und werde Euch dienen."

Das ist der gefährlichste Teil ihres Plans.


wird fortgesetzt...
 

Awatron

Tabletop-Fanatiker
Wow, na da bin ich doch mal auf die fortsetzung gespannt.
He, tut mir bitte jemand den gefallen und liest sich meine story im Fantasy Hintergrundforum durch?
Warum will da keiner was dazu sagen.

Aber deine Story ist echt gut, obwohl ich eine gewisse abneigung gegen geschichten im präsens hab.
 

ScrapNuk

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Und weiter im Präsens. Ist mein erster Versuch in dieser Zeitform.


Sephi Hetem, unangefochtener Herrscher über die altehrwürdige Stadt Sephi, zögert.

Sekkret ho-Temun, Hohepriester der Viperngöttin, zögert nicht. Tief im Innern des Tempelpalastes schiebt er die schwere Steintür zur Ruhestätte der anderen Priester auf. Er wird Hilfe benötigen. Acht Sarkophage aufrecht, teils in die Wände eingelassen, drei inmitten des Raumes. Er geht direkt auf den mittleren zu. In gezügeltem Hast hält er die Zeremonie ab, die jeder Graböffnung hervorgehen muss: Er legt seine Hand auf den goldenen Schlangenkopf, die einzige metallene Zier des Steinsarges. In einem langen Gebet zu seiner Göttin und zum Geist des Priesters bittet er um Verzeihung für die Störung des Schlafes. Endlich berührt er mit seinem kupfernen Schlangenstab den Deckel des Grabes. Langsam schiebt sich dieser weg und gibt das Grab frei. Sekkret ho-Temun stellt sich daneben und intoniert das ewig alte Ritual der Erweckung. Der langezogene Sprachgesang hallt durch die Gänge und Hallen des Tempels. Zuerst laut. Bis sich der tote Körper im Grabe regt. Dann plötzlich leise. Sekkret ho-Temun beugt sich hinunter, dicht über die verdorrten, kaum merklich zuckenden Lieder seines untergeben Priesters. Er mumelt trockene, uralte Worte über ihn, sie blättern von seinen rissigen Lippen und sinken in den toten Körper. Der Zweite Priester schlägt die Augen auf. Sekkret ho-Temun befielt im leise was er zu tun hat. Dann richtet er sich auf und verlässt den Raum, in der unerschütterlichen Gewissheit, dass seine Befehle exakt ausgeführt würden.
Rasch hat er ihre Spur gefunden. Es ist die einzige. Nur Sekkret ho-Temun hatte sich in der Zeit vor der Störung in den Gassen Sephis bewegt. Und das schon lange genug nicht mehr, um dem Wüstenwind die Zeit zu geben seine Spuren zu verwehen. So folgt er der frischen Spur der fremden Magierin. Sie schien unsicher gewesen zu sein, nicht in der Richtung, aber in dem Weg zu ihrem Ziel. Die verwinkelten Gassen, die verlassenen Hallen und hohe Mauern machen Sephi zu einem Labyrinth. Doch wirklich die Orientierung kann man nicht verlieren. Die mächtige Grabpyramiede ist von der ganzen Stadt aus sichtbar. Und sie scheint auch das Ziel für die Störung gewesen zu sein. Als diese Erkenntnis in Sekkret ho-Temun hochsteigt fragt er sich, ob er seine Unterpriester zu früh geweckt hat. Kein Mensch, auch kein Zauberer entgeht den tödlichen Fallen, welche die Grabkammer des König schützen.
Doch Sekkret ho-Temun will die Störung nicht noch einmal unterschätzen und steigt vorsichtig die Treppe zum Eingang des Grabmals hoch. Gerade will er die Eingangshalle betreten, da nimmt er unten in den Gassen eine Bewegung war. Die Morgenröte lässt die schmalen Gassen noch in tiefem Schatten. Aber es scheint ihm, als sei dort gerade ein Grabwächter des Königs durch einen Lichtstreifen geschritten. Doch das ist nicht möglich. Die Leibwache des Königs verlässt das Grab nur, wenn dieser erwacht ist. Aber er, Sekkret ho-Temun ist der einzige, der den König aus seinem heiligen Schlaf wecken darf...
Mit wachsendem Unbehagen schreitet der Hohepriester die Gänge zum Grabraum des Königs ab. Nirgends ein zerschundener Körper. Nirgends eine Spur von der Störung. Sekkret ho-Temun betritt den leeren Gang vor der Grabkammer. Die Tür dorthin ist offen, die Nischen der Elitekrieger in den Wänden leer. Gerade betritt er den dunklen Raum am Ende des Ganges als die Stimme seines Königs in seinem Kopf ertönt, laut und dröhnend: "Komm!"Sekkret ho-Temun weiss in diesem Moment wo sein König ist. Seine Fliegengestalt trägt ihn aus der Pyramide, zum Königspalast.
Als er im Tronsaal erscheint, wirft die aufgehende Sonne Khemris gerade seine ersten Sonnenstrahlen durch die hohe Fensterreihe und legt helle Streifen durch den Saal. Doch die Treppe zum Tron liegt noch im Dunkeln. Und dort sitzt sie: Die Störung. Zu Füssen des Königs, im Kleid einer Sklavin. Wütend geht der Hohepriester dem Tron entgegen. "Sephi Hetem, mein König! Dieser Mensch ist ein Feind! Ein schändliche, verfluchte Magierin. Stosst sie aus Eurer Nähe!"
"Ein Mensch?" Die Stimme des Königs ist laut. Eine laute Stimme die einem mahlenden Sandsturm gleich die Gedanken jedes Lebenden einfach hinwegfegen würde. "Dies ist keine Menschenfrau, mein treuer Priester. Schon lange nicht mehr. Sie ist eine Vampirin."
Sekkret ho-Temun bleibt abrupt stehen. Er erinnert sich an die alten Geschichten aus den östlichen Reichen. Die Geschichten über den Varrat einer ganzen Königslinie. Und solch eine Verräterin sitzt nun vor des Königs Tron. Eiskalt schaut sie ihn an. Ihr Blick ist offen herausfordernd, sie anerkennt ihn nicht als höhergestellt. Sekkret ho-Temun spürt wie die Wut in ihm aufsteigt. Das hat noch nieman gewagt. Doch er erwidert nichts. Er weiss, der König spricht noch weiter:
"Sieh sie dir an, schau ihren Körper. Er ist tot, wie meiner. Doch ist er schön geblieben. Das Geheimnis der Lhamia - ich will es haben." Für einen Moment sieht der König stumm auf seinen Hohepriester hinab, dann auf das Nachtwesen zu seinen Füssen. "Und sie wird mir das Geheimnis überlassen. Gib ihr alles was sie verlangt!"
 

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Die Sonne steht hoch über Sephi, als Sekkret ho-Temun aus seinem Tempel tritt. Drei Tage ist die Störung nun schon hier. Sie verlangte die alten Aufzeichnungen über die Geschichte Khemris zu sehen. Schon stundenlang hatte sie sich in die grosse Bibliothek zurückgezogen. Sie trägt Schmuck und Kleider sephischer Sklavinnen. Sie bezog Gemächer im Königspalast. Und was sie letzte Nacht forderte würde Sekkret ho-Temun einige Anstrengung kosten. Die nächste Menschensiedlung liegt meilenweit fort. Er würde den Reitern besser einen Priester mitschicken. Sie sind alle wach, die Priester und Akolythen seines Tempels. Er will sie jetzt um sich haben solange die Fremde in Sephi bleibt. Jeder von ihnen verachtet die Fremde. Sie gehört nicht hierher.
Aber der König hat befohlen und Sekkret ho-Temun würde folgen. Ein Priester tritt aus dem Schatten des Ausganges und bleibt neben Sekkret ho-Temun stehen. Er war noch jung, als ihn der Fluch Nagashs traf. Doch auch sein Körper ist nun ausgetrocknet und verdorrt. Die pergamentene, graue Haut spannt sich über sein Gerippe. Das Pristergewand scheint zu gross für die dünnen Gliedern.
Schweigend gehen sie nebeneinander durch die Gassen Sephis bis zu einer der grossen Totenhallen um die Grabespyramide. Mit einem Wink seines Schlangenstabes öffnet Sekkret ho-Temun den Eingang zu dem grossen Raum. Der Raum ist nicht hoch, kaum drei Mannslängen, der leere Boden loser Sand. Der Priester an Sekkret ho-Temuns Seite tritt vor und beginnt das grosse Ritual des Erweckens. Jahrhundertelang gelernt, ist keine Unsicherheit in seinen Gesängen zu hören. Worte, die seit Ewigkeiten dieselben geblieben sind, erfüllen die Totenhalle.
Langsam gerät der Sandboden in Bewegung. An vielen Stellen stossen Helme durch den Sand. Immer weiter schieben sich die helmtragenden Skelette aus dem Boden, während sie sich auf das Tor zubewegen. Als schon ihre Schulterblätter zu sehen sind stossen auch die Schädel ihrer Skelettpferde durch den Sand. Auch diese erheben sich aus ihrem sandenen Grab und heben ihre toten Reiter in die Luft. Sand rieselt in feinen Linien von den erweckten Toten. Nacheinander reiten die Skelette aus dem Sand, hinaus aus der Halle und auf den Platz davor. Sie sammeln sich in zwei exakten Reihen, jeder mit Bogen und Säbel bewaffnet. Das letze Skelettperd steigt leer aus dem Sand. Mit einem kurzen Blick zu seinem Meister sitzt der Priester auf. Ohne ein Wort reitet er vor die Reihen der Kavallerie. Er braucht nur sein Schwert zu erheben, schon setzen sich seine Reiter in Bewegung. Sekkret ho-Temun sieht dem Trupp nach wie er den Platz verlässt.

Ihmi ärgert sich. Wieder würden ihre beiden Brüder und alle Anderen des Dorfes ein rauschendes Fest erleben. Und wieder darf sie nicht dabei sein. Dabei war sie fast so alt wie Mehmed. Wieso kann sie nicht schneller erwachsen werden. Mit wütenden Schritten verlässt sie die Lehmhütte ihres Vaters und trägt den Krug zu dem einzigen Brunnen des kleinen Wüstendorfes. Zum Glück ist es schon dunkel, denkt sie. Die anderen Frauen würden nicht mehr am Brunnen stehen. Immer wurde sie von ihnen herumgeschupst und gehänselt. Da geht sie lieber im nächtlichen Dunkeln Wasser holen. Überhaupt hatte sie noch nie Angst vor der Dunkelheit gehabt.
Das würde sich diese Nacht ändern.
Ihmi hört es zuerst als ein fernes Donnergrollen, wie man es aus der Wüste öfters hört. Aber dann schwillt das Geräusch an. Etwas kommt auf das Dorf zu. Ihmi spürt wie der Boden erzittert. Ohne zu überlegen lässt sie den Krug fahren und läuft über den Platz. Da sind sie schon heran. Wie aus einem bösen Traum erscheinen die Skelettreiter aus der Finsternis. Um Ihmi herum donnern knöcherne Hufen in den Staub. Sie ist vor Angst wie gelähmt. Sie hört entsetzte Schreie, aber sie selbst bringt keinen Ton über die erstarrten Lippen. Ein harter Schlag trifft ihre Seite und eine gnadenvolle Stille umfängt sie. Sie verliert ihr Bewusstsein bevor sie von einer knöchernen Hand gepackt und hochgehoben wird.
 

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Sekkret ho-Temun steht auf dem hohen Wehrgang des Stadttores. Zufrieden schaut er auf die ankommenden Reiter. Der Vierte Priester hat gute Arbeit geleistet. Wie befohlen hat er vier junge, lebende Menschen zurück gebracht. Und keiner der Reiter fehlt. Einer der Gefangenen wird direkt vor dem Königspalast abgeladen. Zwei Wächter nehmen Ihn in Empfang und tragen ihn in den Palast. Die drei anderen Gefangenen würde der Vierte Priester in den Verliesen verwahren, bis auch sie zur Lhamia geführt würden. Eine Weile bleibt er noch auf dem turmhohen Torgebäude stehen und schaut auf die endlose Weite der Wüste hinaus. Dann geht er zurück zum Tempel.

Pochende Schmerzen lassen Ihmi erwachen. Sie liegt nicht in der Hütte ihres Vaters. Sie weiss nicht wo sie ist. Die kleine dunkle Kammer ist leer. Zumindest hofft sie das. Die Wände sind glattes Mauerwerk, eine Seite scheint durch Eisenstäbe abgegrenzt. Dort ist ganz wenig flackerndes Licht zu sehen. Der Schmerz in den Rippen nimmt ihr den Atem als sie sich aufzurichten versucht. Keuchend bleibt sie liegen bis sie wieder Luft hat. Dann versucht sie sich erneut zu bewegen. Langsam, handbreit für handbreit schiebt sie sich über den kalten Steinboden, bis zu dem Gitter. Sie schaut auf einen Gang, an dem viele solche Räumen liegen. Und sie erschrickt, sie ist immer noch in diesem Alptaum gefangen: Am Ende des Ganges steht aufrecht ein Skelett und schaut sie aus leeren Augenhölen an. Sie wirft sich zurück um es nicht ansehen zu müssen. Sie versucht es zu vergessen. Doch es gelingt ihr nicht. Das zweite mal wünscht sie sich eine Helligkeit. Eine Fackel, eine Kerze, irgend etwas, das den Ecken dieses Raumes die Finsternis nimmt. Aber sie bleiben dunkel und voller skelettener Wesen die Ihmi nicht sehen kann.
Irgendwann hört Ihmi ein Keuchen. In irgend einem dieser Räume muss noch jemand liegen. Sie hört wie die Person sich bewegt. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und presst ein unsicheres "Hallo?" heraus. "Ihmi, bist du es?" ruft es zurück. Sie erkennt diese heissere Stimme nicht. Sie will fragen, aber da hat sich das Skelett schon in Bewegung gesetzt und kommt auf Ihmis Raum zu. Durch die Eisenstangen hindurch stösst es Ihmi mit dem Ende seines Speeres hart in den Bauch. Ihmi schreit vor Angst und Schmerzen auf. Aber sie wagt es nicht weiter ins Dunkle zurückzukriechen. Eine Zeitlang starrt das Skelett mit seinen schwarzen Augenlöchern auf sie hinab. Dann dreht er den Kopf. Ihmi hört eine Türe gehen. Schritte kommen den Gang entlang. Doch niemand kommt in ihr Blickfeld, die Schritte werden wieder leiser. Langsam wird ihr bewusst, dass sie dieses Skelett gefangen hält. Nirgens entdeckt sie eine Tür die aus ihrem Gefängnis herausführt. Ihre Angst steigt weiter. Was ist, wenn sie nie mehr hier herausgelassen wird?

Just als Sekkret ho-Temun den Tempel betritt, kommt ihm ein Akolyth engegen. Er hatte es ihm aufgetragen für die alltäglichen Wünsche der Fremden zu sorgen. Natürlich auch stets zu versuchen in ihrer Nähe zu sein und ihm jede ihrer Schritte mitzuteilen. Und so erzählt ihm dieser nun wie er der Lhamia in der Bibliothek Schrifttafeln zusammensuchen musste. Sekkret ho-Temun schnaupt wütend, ihre verräterischen Hände in dem Stadtarchiv wühlen zu wissen. Der Akolyth erzählt weiter, dass er drei Bronzetafeln nicht habe finden können. Es sei eine alte Aufzeichnung einer Reise in die Südlanden. Nach mühsamen Recherchen habe er herausgefunden, dass die Tafeln einmal zur Abschrift nach Khemri gebracht wurden. Von dort seinen sie nie zurückgebracht worden. Und nun verlange die Fremde jemand müsse diese Tafeln unverzüglich holen.
Sekkret ho-Temun wusste wer dieser Jemand war. Nur er und der König hatten das Recht die Tafeln zu holen. Und der König würde sich dieser unwürdigen Aufgabe niemals anehmen. Die Wut auf die Vampirin schlug bereits dicke Wurzeln des Hasses in sein dürres, vertrocknetes Herz.
Keine Stunde später steht er vor dem König und versucht ihm klar zu machen, dass diese Forderung viel Zeit benötigen, ja verschwenden würde. Doch Sephi Hetem lacht nur. "Zeit? Zeit haben wir alle mehr als genug, Hohepriester. Begib dich zur Hauptstadt und hole die Tafeln!"
Der König befiehlt, er würde folgen.
Noch bevor die rotglühende Sonne die endlosen Sanddünen berührt, verlässt Sekkret ho-Temun die Stadt und überquert auf der riesigen Sephis-Brücke den schwarzen Fluss Mortis.
 

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danke

Sekkret ho-Temun reist allein. Er muss keine Gefahr fürchten, hier im Herzen des Reich Settras. Seit Jahrhunderten hat sich kein lebendes Wesen mehr hierhin getraut. Die Macht Settras ist so gross, dass die Ganze Wüste hier seinem Willen gehorcht. Niemand der nicht sein Segen hat, würde eine Reise so nahe der Hauptstadt überleben: Khemri das güldene Zentrum des Reiches Settra dem Grossen. Sekkret ho-Temun ist noch zwei Tage von den Stadtmauern entfernt, doch schon sieht er die Schwarze Pyramide aufragen, die Zinnen der Mauern in der Sonne glänzen und die stufenartigen Paläste und Hallen des gewaltigen Herrschersitzes den Stadtwall überragen.
Nachdenklich reitet er am Ufer des Mortis entlang, der einmal Vitae hiess und Frucht und Leben brachte, Felder bewässerte wo nun endloser, staubtrockener Sand liegt. Er denkt an die Handelsplätze und Märkte, die damals das Ufer des stolzen Stroms säumten, die vielen Dörfer und kleinen Städte, die schon längst alle vom Sandsturm der Zeit aus der Landschaft geschliffen wurden. Er denkt an das grosse Sterben als dieser Fluss vergiftet wurde. Er denkt an den, der all dies Leid über sein Volk gebracht hat. Er denkt an Nagash! Und seine Gedanken kehren auch zu dessen Dienerin zurück. Zu der fremden Vampirin, die seinem König die Sinne verwirrt.

Ihmi blickt auf. Sie weiss nicht wie lange sie schon hier gesessen hat. Es müssen viele Tage gewesen sein. Knapp hat sie das Wasser und das Essen bekommen um zu überleben. Einmal sind zwei weitere Skelette gekommen und haben den Gefangenen neben ihr geholt. Sie haben ihn nicht wieder gebracht.
Nun kommen sie wieder. Ohne eine Gefühlsregung überlegt sich Ihmi, dass sie wohl auch nicht zurückgebracht wird. Sie hört ein knarrendes Geräusch und die Eisenstäbe heben sich. Sie verschwinden oben in die Decke und die beiden toten Wächter packen Ihmi bei den Armen und heben sie hoch. Ohne Wiederstand lässt sie sich durch den langen Gang führen. In der letzten Zelle liegt auch jemand. Sie kennt ihn.
Sie wird eine lange Treppe hinauf und durch verlassene sandige Räume hindurchgeführt. Am Ende des Ganges sieht Ihmi einmal Sonnenlicht einfallen, doch sie biegen schon vorher wieder ab und steigen eine Treppe hinab. Lange dunkle Gänge, lange dunkle Treppen. Die Angst vor der Dunkelheit ist noch da, aber Ihmi spürt sie nicht mehr, ihr Kopf ist wie leer.
Dann ist plötzlich alles anders. Sie steht in einem Raum, vom Licht der untergehenden Sonne durchflutet. Die skelettenen Krieger sind verschwunden. Grosse Fenster öffnen ihr ein Blick über eine Stadt wie sie es noch nie zuvor gesehen hat. So riesig. Langsam erwacht ihr Geist wieder. Sie blinzelt in das braunrote Sonnenlicht und geht näher an die Fenster. Ein Gewirr von Gassen und verwinkelten Steinhäusern verwirrt sie. Sie dreht sich um und schaut mit staunenden Augen im Raum umher. Der Boden ist glänzend roter Marmor. Die Wände voll unerklärlicher Bilder und Zeichen. Möbel stehen an den Wänden, aus Gold, Silber und Edelsteinen. Jede Türöffnung und Fensterkannte ist mit schwerem weissem Marmor verziert. Samtene Wandbehänge fliesen über glatte Wände und in den Ecken des Raumes stehen Kohlebecken in denen wohlriechende Kräuter verglühen. In tausend Jahren würde alle Menschen in ihrem Dorf nicht soviel Reichtum erarbeiten können. Und durch eine Türöffnung sieht sie noch weitere Räume.
Sie durchquert einen Gang, so breit wie ihr Dorfplatz, stolpert in einen grossen Raum. Schwarzhölzerne Liegen stehen um einen kleinen Elfenbeintisch herum. Darauf Schalen mit Obst, Weinkaraffen, eingelegte Datteln und Gemüse, weisses Brot und dampfender Fisch. Auch vieles was Ihmi noch nie gesehen hat. Lautlos sinkt sie davor auf die Knie und greift sich, was sie erreichen kann.
"Nicht so gierig, meine Kleine, du verdirbst dir den Magen!" Trotz der Sanftheit in der unbekannten Frauenstimme lässt sie Ihmi erschrocken den Kopf drehen. Doch als sie die Unbekannte erblickt vergisst sie jede Angst. Sie sieht nicht viel älter aus als Ihmi selbst. Doch ihr weicher Blick hat etwas Zeitloses. Ihr weisses Kleid fliesst wie Wasser um ihren Körper und verstärkt die Eleganz ihrer Bewegungen. Während Ihmi noch einen Bissen Fisch hinunterschluckt, kommt die Fremde näher und reicht ihr die Hand. "Alahajee, junge Frau, mein Name ist Niha'e Inuris", spricht sie in akzentlosem Arabia.
 

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Also weiter...

Niha'e schaut auf den bewegungslosen Körper der jungen Frau hinab. Sie schläft. Ganz leise hört Niha'e ihren Atem. Sie schläft in der Nacht einen erholsamen Schlaf. Niha'e kann sich nicht mehr daran erinnern wie es war, bevor sie den Blutkuss erhielt. Es muss unendlich schön sein. Wieder schaut sie lächelnd auf die junge Ihmi, wie sie in weichen Decken schlummert. Menschen sind so berechenbar, sie wird ihr eine gute Dienerin sein. Sie hat viel gefragt, wollte wissen wo sie ist, und Niha'e hat ihr die meisten Fragen beantwortet. Vieleicht wird Ihmi ihr sogar nützlicher sein als sie es in ihrem Plan vorgesehen hat.
Dann streicht sie der Schlafenden einmal fein über die Wangen und steht auf. Sie will die Nächte ausnützen, in denen der misstrauische Hohepriester weg ist. Mit raschen Schritten verlässt sie den Palast. Zwischen den beiden skelettenen Wächtern am Ausgang bleibt sie kurz stehen. Sie betrachtet sich die Untoten, wie sie stehen, ob in der Nacht oder am hellen Tage. Sie kennt diese Magie nicht, die diese Toten wachen lässt. Aber eines weiss sie sicher: Nicht die Priester hier geben ihnen die Kraft dazu. Die haben sie nur aus ihrem Totenschlaf geweckt. Nein, es ist eine grössere Kraft. Eine wirklich mächtige Kraft. Dann geht sie weiter, zur Bibliothek.

Kurz bevor die Sonne aufgeht wird Ihmi sanft geweckt. Die Frau die ihr gestern so viel über diese Stadt erzählt hat schüttelt sie leicht an der Schulter. Immer noch müde vom Zuhören und dem feinen Essen schlägt sie die Augen auf.
Die Frau lächelt sie an und sagt leise: "Ich bin heute nicht da, geh' und sieh dir die Stadt an. Du weisst noch was ich dir gesagt habe?" Ihmi versucht sich im Halbschlaf zu erinnern: "...Ich darf nicht zu den Gräber gehen...und auch nicht in den Tronsaal." "Gut, bis heute Abend", meint die Frau nur und geht aus dem Zimmer. Das Zimmer ist immer noch dunkel. Ihmi beschliesst noch ein weni zu schlafen und zieht die Decke wieder über sich.

Einige Stunden später steht Ihmi in einem grossen Gang und betrachtet staunend die Wandbilder. Die Menschen darauf haben die selben Kleider an wie sie jetzt. Sie hat das weisse Gewand mit den feinen Verziehrungen in ihrem Zimmer gefunden, auf einem Stuhl bereit gelegt. Dann war sie auf Entdeckung gegangen. Immer mehr Räume und Gänge erkundet sie, ohne auch nur einmal den Palast zu verlassen. Immer mehr beeindruckt sie der gewaltige Bau. Wie viele Hände müssen daran gearbeitet haben? Wie lange haben sie Steine und Lehm hierhin geschleppt? Aber keiner dieser Menschen lebt mehr hier. Die Hallen sind leer, die Zimmer unbewohnt. Nur ganz selten sieht sie einer der früheren Bewohner als dürres Skelett eine Arbeit erledigen. Sie macht immer einen grossen Bogen um sie.
Sie findet auch dunkle schmucklose Gänge, wo die Fresken und Wandbilder abgebröckelt sind und der steinerne Boden sandig und rauh ist. Dort geht sie nicht hinein, sie machen ihr Angst.
 

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Sekkret ho-Temun ist wieder allein. Er sitzt in einem der schwach erleuchteten Räume der gewaltigen Bibliothek Khemris. Auf langen Papyrusrollen sind die Titel zahlloser Schriftrollen und Tafeln aufgeführt. Er dreht die Rollen durch bis er den Eintrag findet den er sucht. Dieser verrät ihm den Aufbewahrungsort der Abschrift der Bronzetafeln. Er geht an den langen Reihen aus Regalen vorbei, bleibt dann vor einem stehen und zieht eine Rolle hinaus: Die Abschrifft. Und tatsächlich hinten an der Regalwand stehen die Tafeln, die wieder nach Sephi hätten geschickt werden sollen. Er wechselt die Rolle in die andere Hand um die Tafeln hervor zu holen, da rutscht ein loser, schmaler Papyrusstreifen aus der Rolle. Er fällt, sich drehend, durch einen Lichstreifen hindurch, der das Pergament kurz aufleuchten lässt, und dann auf den staubigen Steinboden.
Langsam bückt sich der alte Priester und hebt es auf...

Donnernde Hufen von skelettenen Pferden hallen durch die Gassen Sephis. Angsterfüllt sieht Ihmi den Skelettreiter nach. Sie erinnern sie an die Nacht ihrer Entführung. Aber nur ganz kurz, denn der Zauber der ihre Gedanken umfängt ist stark genug um nicht zu zerreissen. Mit einem Schaudern, wie von einem unerwartet kaltem Windstoss, schüttelt Ihmi die Angst ab, von der sie schon nicht mehr weiss, woher sie gekommen ist. Von Neugier getrieben läuft sie aus dem Palast, den Reitern hinterher. Sie kommt eine ganze Weile nach ihnen am kleinen Platz an. Ihmi merkt plötzlich, das am anderen Ende des Platzes der Stadtteil der Gruftgebäude beginnt. Sie denkt an das Verbot, das die Frau ihr auferlegt hat. Nun, das Grabesviertel fängt erst auf der anderen Seite des Platzes an. Und sie kann von hier aus in die Halle blicken, in der sich die Skelettreiter in Reih und Glied aufgestellt haben. Sie stehen in einem tiefen Becken im Hallenboden. Genaueres kann Ihmi aber nicht entdecken, dazu ist es im Halleninnern zu dunkel. Sie geht über den Platz. Kurz vor der Treppe zur Halle hinauf bleibt sie stehen. Sie findet, das sei auch noch ausserhalb des verbotenen Viertels. Und von hier sieht sie den Sand, der aus der Hallendecke in das Becken fliesst und langsam, Handbreit für Handbreit, die Knochen der Reiter umschliesst, bis sie schliesslich ganz im Sand verschwunden sind.
Ihmi wartet noch. Sie sieht ein toter Priester der aus der Halle heraus kommt, ohne Beachtung an ihr vorüber geht und auf der anderen Seite des Platzes verschwindet. Dann geht sie wieder zurück in den Palast. Sie hat viele Fragen für Niha'e Inuris.
 

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Dann will ich damit beginnen, die zweite Tafel zu schreiben.


Tafel II

Heisser Sand peitscht über die Stadtmauern Sephis, wird von kreischendem Wind durch die Gassen gefegt und verdunkelt als gewaltige Wolke die Sonne. Schon seit Wochen dauern die Sandstürme an. Die wenigen Gestalten in der altehrwürdigen Stadt warten.
Niha'e Inuris und Ihmi warten im Palast des toten Königs Sephi Hetem. Sie warten, bis sich die Stürme legen. Erst dann kann die Lahmia ihre nächsten Schritte tun. Sie mehrt jede Nacht das Wissen ihrer Gehilfin, täglich erfährt diese mehr über sie. Ihmi begreift, nimmt die Geschichte Khemris und deren Sprache schnell auf. Zusammen erforschen sie die Bräuche der alten Zivilisation und werden den Leuten auf den Wandfresken immer mehr zum Ebenbild.
Sekkret ho-Temun und seine Priester warten im Tempel der Viperngöttin. Sie warten, was die Fremde als nächstes tut. Der Hohepriester ist überzeugt ihre nächsten Schritte zu kennen. Er hat sich gut darauf vorbereitet. Er weiss nun wie er die Störung beseitigt ohne sich den Zorn des Königs einzuhandeln.

Es ist noch dunkel als Ihmi geweckt wird. Eine schmale Hand schüttelt sie sanft. Es ist still. Kein Windgebrüll rüttelt mehr an den hölzernen Läden ihres Gemaches. Die Stürme haben sich über Nacht gelegt. Die Lahmia flüstert ihr verheissungsvolle Worte zu: "Steh auf, Ihmi. Du wirst heute Grosses sehen, etwas das mir verborgen bleibt. Geh' hinaus und erwarte das Morgenlicht. Du musst heute meine Augen sein, mir abends alles berichten was geschah. Geh' und sehe, wie Sephi erwacht!"
Ihmi steht auf und streift sich ein weisses Kleid über. Sie schaut ihrer Lehrerin nach, wie sie den Raum verlässt. Dann steckt sie sich eine der gedörrten Datteln in den Mund, die in einer kleinen Schüssel neben ihrem Bett stehen. So süss sie auch sind, Ihmi gehorcht und geht nach draussen.
Kurze Zeit später ist sie schon auf einem Balkon des Palastes und beobachtet wie sich die grosse Sonnenscheibe flimmernd hinter dem weiten Sand emporhebt. Sie beobachtet den Hohepriester, wie er mit seinem Gefolge langsam in Richtung Grabespyramide zieht. Uralte Gesänge auf den Lippen schreiten sie in Prozession zur Stadtmitte. Ihmi schätzt kurz die Höhe zum sandigen Boden unterhalb des Balkons. Dann setzt sie über das Steingeländer hinweg und landet sicher auf dem Gassenboden. Sie braucht sich aber nicht zu beeilen um den toten Priester zu folgen.
Am grossen Platz der Ruhe angekommen, steigen die Priester die Treppe zur Grabespyramide hinauf. Auch diesmal langsam und in ihre Gesänge vertieft. Beim Eingang der Pyramide angkommen, drehen sie sich um und blicken auf die alte Stadt hinunter. Dann beginnen die Prister ihr grosses Ritual. Ihmi versucht sich jede Geste zu merken, sich jedes Wort einzuprägen. Aber sie versteht diese Sprache noch nicht gut genug.
Die langen monotonen Gesänge sind eintönig. Mehr als einmal schweift Ihmis Konzentration in die Ferne und jedesmal ärgert sie sich darüber und reisst sich wieder zusammen. Gegen Mittag verändern sich die Stimmen der Priester plötzlich. Ihre Gesänge werden lauter und die Luft um sie herum scheint sich zu bewegen. Wie von grosser Hitze beginnt sie zu wabern und kriecht langsam die grosse Steintreppe hinunter. Die Stimme des Hohepriesters hat nun einen harten befehlenden Klang und übertönt die der anderen Priester. Mit der wabernden Luft zusammen breitet sie sich aus, fliesst über den Platz und kriecht in die Gassen. Das Wabern und der Gesang breitet sich in der ganzen Stadt aus und umschliesst die Häuser Sephis.
In einem Moment auf den Anderen hören die Priester auf zu singen. Das Wabern bleibt noch ein- zwei Atemzüge, dann legt auch es sich in den Staub. Einige der Akolythen taumeln, einer fällt sogar. Sein Stab schlägt auf und rollt mit hölzernem Klopfen ein paar Stufen hinunter. Dann ist es für kurze Zeit ganz still...
 

Naggi

Hüter des Zinns
wow, du kriegst ja gute Kritiken :-D
wird mal Zit, dassich mir die Gescichte auch mal durchlese......
 

ScrapNuk

Miniaturenrücker
Sephi erwacht. Mit einem einzigen langen metallischen Knarren öffnen sich die grossen Tore der Totenhallen. Lautlos geben deren Sandböden dutzende tote Krieger frei. Sie formieren sich in den Hallen zu Regimenter und marschieren in exaktem Gleichschritt hinaus in die Sonne, auf den Platz der Ruhe. Tote Regimenter von Soldaten aus ferner Vergangenheit, aus ihrer Ruhe erweckt um wieder für den König zu kämpfen, stellen sich in schnurgeraden Linien auf. Berittene Skelette und ein ganzes Regiment goldblitzender Streitwagen nehmen dahinter eine ebenso perfekt ausgerichtete Aufstellung wie die Infanteristen vor ihnen. Dank der trockenen Luft der aranischen Wüste und geschützt in ihrem sandenen Grab ist das meiste ihrer Ausrüstung ebenso erhalten geblieben wie ihre Knochen. Wenig später steht die ganze Armee von Sephi Hetem regungslos da, genauso diszipliniert wie zu Lebzeiten.
Aber nicht nur die Soldaten sind von den Priestern geweckt worden. Dutzende von skelettierten Arbeitern und Sklaven strömen aus verschiedenen Totenhallen und wanken langsam in die Gassen, zu ihren Behausungen zurück, die sie Jarhunderte vorher das letzte mal verlassen haben. Bald werden sie daran gehen die Armee mit allem Nötigen auszurüsten und die Stadt wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen.
Aus wertvollen Hörnern erschallt lauter Ton, als der König von Sephi in einem goldenen Streitwagen auf den Platz fährt. Begleitet von seiner Leibwache zu Fuss, rollt er langsam der langen Front seiner stolzen Armee entlang. Ihmi sieht den Toten Pharao das erste mal. Sie spürt förmlich die Macht die ihm innewohnt. Sofort ist sie überzeugt, einen gottgewählten Herrscher zu erblicken. Das Geschmeide, die gebogene Klinge und die Rüstung die seinen Körper verdeckt ist funkelnd poliert. Ehrfürchtig schaut sie seinem Gang nach, wie er seine Armee inspiziert.
Sephi Hetem lässt seine zwei Skelettpferde antraben, lässt seine Garde hinter sich und umrundet die Armee, bis er am unteren Ende der Treppe seines Grabmals ankommt um zu seinem Hohepriester zu sprechen. Sofort eilt dieser samt Gefolge die Treppe hinab um ja nicht über dem König zu stehen und verneigt sich tief im Sand. "Euer Volk ist bereit, mein König. Eure Söhne erwarten Euren Befehl", Sekkret ho-Temun weisst auf den Palast. Zufrieden fährt Sephi Hetem zurück, zwischen den Reihen seiner Krieger hindurch und verlässt den Platz. Seine Grabwächter schreiten hinter ihm her. Die Priester der Viperngöttin und ihre Akolythen verlassen den Platz in Richtung des Tempels. Ihmi ist zuerst unsicher. Aber dem König wird sie nicht in dessen Gemächer folgen dürfen. Also geht sie den Priestern hinterher während die Soldaten stumm und regungslos auf weitere Befehle warten.
 

ScrapNuk

Miniaturenrücker
Neuigkeiten aus Sephi:

Vor dem Tempel wartet schon eine kleine Schar Skelette. Ihmi weiss mittlerweile genug über die sephische Kultur um sie an ihren Kleidern als Arbeiter zu erkennen. Der Hohepriester weisst diese an mitzukommen und geht mit ihnen weiter die Strasse hinunter. Die restlichen Priester verschwinden im Tempel. Ihmi geht dem Hohepriester nach, der alsbald vor einem kleineren Gebäude halt macht. Er holt einen merkwürdig geformten Schlüssel aus seinem Gewand und sperrt die steinerne Türe auf. Auf einen Wink hin verschwindet ein Skelett nach dem Andern im Gebäude. Der Hohepriester wartet draussen und schaut zu Ihmi hinüber. Sein Schädelgesicht zeigt keinerlei Regung, aber Ihmi ist sich sicher, dass er ihr zu tiefst misstraut. Doch sie ist Gefolge der Fremden und steht somit auch unter dem Schutz des Königs. Sicher, dass es der Prister deshalb nicht wagen würde gegen sie vorzugehen, setzt sie sich auf den Rand eines ausgetrockneten Brunnens und wartet was passiert. Ihre Gedanken schweifen ab und sie überlegt, woher das Essen und Trinken kommt, das sie täglich von Niha'e Inuris bekommt.
Als die Skelette wieder aus dem Gebäude kommen hat sie sich noch keinen Reim darauf machen können, schiebt den Gedanken zur Seite und beobachtet die Arbeiter. Sie tragen grosse Knochen, Balken, Riemen, und Seile aus dem Dunkel des Steinhauses, legen es davor auf den sandigen Boden und beginnen damit es zusammen zu setzen. Jedes Teil scheint seinen bestimmten Platz zu haben, jeder Griff der Arbeiter sitzt - sie haben ihr Werk auch nach den vielen Jahren nicht verlernt. Knochen werden mit Balken verbunden, Riemen halten zusammen. Nach und nach entstehen zwei grosse Konstrukte. Sie überagen die Skelette um mehr als Manneslänge. Ihmi hat so etwas noch nie gesehen. Sie erkennt nicht den Zweck dieser Geräte: schweres Kriegsgerät, grosse Katapulte, die in der Lage sind schwere Brocken zu verschiessen.
Kaum ist ihre Arbeit getan weisst der Hohepriester die Arbeiter an, die Katapulte zum grossen Platz des Schweigens zu bringen. Die Skelette verteilen sich davor und ziehen sie an Seilen in die gewiesene Richtung. Der Priester lässt die schwer arbeitenden Skelette ihre Arbeit tun und geht wieder Richtung Tempel, immer noch gefolgt von Ihmi.

In der folgenden Nacht steht Niha'e Inuris im Kriegszimmer des Königs. Sie ist von Ihmi gut informiert worden was den Tag hindurch passiert ist. Zwei Söhne Sephi Hetems beraten über den nächsten Wunsch von Niha'e Inuris: Eine kleine Siedlung im Süden, besetzt durch eine Handvoll Sandräuber, birgt einen magischen Gegenstand. Dass es sich um ein Fokus für nekromantische Untersuchungen handelt, hat die Vampirin nicht mal dem König erzählt. Des Königs Söhne erachten zwei Regimenter Speerträger und ein Trupp leichter Kavallerie für diese Aufgabe als genug.
Auch Sekkret ho-Temun steht am Kartentisch und beobachtet die Planung der beiden Prinzen, sowie auch die Lhamia. Er fragt sich, nach was sie in diesem verotteten Nest sucht. Doch er weiss, dass dort ihre Suche ein vorzeitiges Ende finden wird. Er denkt an die Tafeln, die er aus Khemri holen musste. Darin ist dieser Ort erwähnt. Und er denkt an die kleine Notiz in der Abschrift, die darauf hinweisst, dass dieser Ort mitnichten nur von einer handvoll Sandräuber besetzt ist. Doch dieses Wissen behält er zurück. Die Prinzen beraten gerade, wer die Truppen kommandieren soll und in dem Moment mischt sich der Hohepriester ein:
"Söhne des Sephi Hetem, Ihr wollt euch ob dieser Kleinigkeit in den Kampf begeben? Lasst die Truppen doch von jemandem anderem anführen. Dieser Kampf geschieht auf Wunsch dieser Fremden, soll sie die Truppen in ihrer Sache zum Sieg führen." Ohne sie abzuwarten kennt Sekkret ho-Temun die Reaktion der Prinzen. Alle Kommandeur in Khemri haben einen gemeinsamen Unwillen, für eine andere Sache als die ihre zu kämpfen. So schaut er zur Lahmia hinüber. Diese erwischt er mit diesem Vorschlag genau an ihrer schwachen Stelle. Sie liebt es, sich durch die Reihen der Feinde zu kämpfen und Schrecken zu verbreiten. Kurz blitzt es in ihren Augen auf. Doch das ist die einzige Gefühlsregung die sie zu erkennen gibt und sie nickt mit gefühlsloser Mine.
 
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