Hallo zusammen - nach längerem Päuschen eine weitere Geschichte aus dem Subsektor Adolan, in dem mein Homebrewd-Orden, die Amber Lions, gegen alles Kämpfen, was Warhammer40k gegen das Imperium zu bieten hat. Ich hoffe, es gefällt euch ;-)
Severans Opfer
Die Mauern von Taxaros waren alt.
Nicht alt im Sinne imperialer Register oder Administratum-Siegel, sondern alt auf jene Weise, die nur Stein kennt, der zu viel Blut gesehen hat. Der graue Wall zog sich wie eine Narbe durch die Landschaft, erhoben über den kalten und staubigen Ebenen von Kahelis Welt und fing den Wind ab, der aus dem Osten kam – trocken und schwer vom fernen Donner der Geschütze.
Prime-Apothekarius Severan Kord stand reglos auf dem Wehrgang.
Seine Rüstung war vom Staub der Schlacht stumpf geworden, das einstige Knochenweiß nun von Graubraun durchzogen. Leise summte und klickte sein Narthekium an seinem Unterarm, der Servo-Operator an seinem Rückenmodul drehte langsam seinen Werkzeugkopf. Der bernsteinfarbene Waffenrock an seiner Hüfte schlug im kühlen Wind, aufgebauscht wie eine erstarrte Flamme, die rote Helix der Apothecarii darauf von getrocknetem Blut verdunkelt – Orkblut, Menschenblut, Löwenblut. Kord unterschied nicht mehr zwischen ihnen. Und er zählte nicht - er erinnerte sich.
Bröckliger Gneis und Betonputz knirschten unter seinem Servohandschuh, als er die gepanzerte Hand auf die Brüstung vor ihm legte. Einen Augenblick dachte er über die Seele dieser Welt nach. In beinahe regelmäßigen Ereignissen wurde der Planet von den Ausläufern orkischer Waaagh’s! bedroht – vor allem im Norden und Nordosten jenseits der Grenzen des Subsektors, waren die garstigen Grünhäute aktiv. Hauptsächlich führten sie ihre sinnlosen Schlacht-Akte untereinander, doch immer wieder erhob sich einer von ihnen und formte einen Waaagh!, den er dann bis nach Adolan und in die Heimat der Amber Lions führte. Kahelis Welt, als eine der reichsten in diesem Teil des Subsektors, stets als Ziel auserkoren. Ein planetarisches Zentrum gab es nicht, der Reichtum des Planeten war über mehrere Kontinente verstreut.
Doch der wahre Reichtum sammelt sich nun hier, dachte der Amber Lion und senkte den Blick.
Unter ihm lag die Stadt.
Taxaros breitete sich wie ein verletztes Tier aus, dicht gedrängte Türme, Landeplattformen und Kuppelbauten, deren Lichter immer brannten. Rauch stieg in schmutzigen Säulen auf, wo Einschläge die äußeren Bezirke bereits erreicht hatten. Sirenen heulten, manchmal unterbrochen vom scharfen Knall orbitaler Abfangraketen, wenn das Dreiundsechzigste Zophranische Regiment eine weitere orkische Landung zerriss, noch bevor sie den Boden berührte.
Kord sah hinab – und sah Gesichter.
Nicht einzeln, nicht klar, viel mehr sah er Muster. Bewegungen. Fluchtlinien. Die Wege, auf denen Leben sich rettete oder endete. Sein Helm hing an seiner Seite, den Kopf entblößt; er wollte den Wind hören, die Stadt riechen. Er wollte wissen, wofür er hier stand.
Hinter ihm klangen schwere Schritte über den Stein. Servomotoren, gedämpft, diszipliniert, stark. Einer der Brüder seines Ordens trat an ihn heran, die brachiale Schlachtenrüstung tragend wie leichtes Leinen. Er hatte das rote Helmvisier kampfbereit geschlossen und den Kopf zu ihm geneigt.
„Prime-Apothekarius. Die Orks sammeln sich jenseits der östlichen Hügel. Unsere Vorposten melden gepanzerte Elemente... Viel zu viele.“
Kord nickte langsam.
„Sie werden kommen“, sagte er ruhig. Seine Stimme war tief, unbewegt, als spräche er über den Lauf der Sonne. „Und sie werden sterben. Aber nicht schnell genug, um diese Stadt zu retten, wenn wir falsch stehen, Rawee.“
Er legte seine gepanzerte Hand flach auf die Brüstung der Mauer. Der Stein war rau, abgebröckelt, die Zeichen eines Ortes, der bereits zu viel erdulden musste. Der massive Stein vibrierte leicht vom Feuer der Makrogeschütze weiter südlich. Dort kämpften zwei der vier Trupps der Amber Lions, beweglich, kontrolliert, immer auf Rückzugslinien bedacht. Keine heroischen Ausfälle, kein sinnloser Tod – und dennoch...
„Die Zophranischen halten ihre Panzerjäger bereit“, fuhr der Bruder fort. „Ihre Luftstaffeln fordern Koordinaten.“
Kord hob den Blick zum Himmel. Weit oben zogen die dunklen Silhouetten imperialer Jäger ihre Bahnen, wie Raubvögel über einem Schlachtfeld, das sie nicht betreten durften.
„Sie bekommen ihre Koordinaten“, sagte er. „Aber zuerst bekommen sie unsere Linie.“
Er drehte sich um, sah über den Wehrgang hinweg zu den Amber Lions, die dort Stellung bezogen hatten – Knochenweiß, blasses Blau und Bernstein im grauen Licht, ruhig, unbeweglich, als seien sie Teil der Mauer selbst. Sie waren Wächter, nicht Eroberer. Sie würden nicht weichen.
Er atmete tief ein.
„Wir hüten nicht nur die Gensaat unserer Brüder“, murmelte er leise, doch die Worte trugen auf einer Bö weit über den Stein. „Wir hüten ihr Opfer, ihren Schwur und die Welten, für die sie fielen.“
Der Wind trug seine Stimme davon, hinaus über die Ebenen, dorthin, wo die Orks sich sammelten.
„Wo andere den Tod zählen, messen wir den Wert des Lebens, das bewahrt wurde. Solange ein Herz schlägt und ein Atemzug Hoffnung trägt, werden die Amber Lions nicht weichen.“
Kurz schloss er die Augen.
Dann öffnete er sie wieder und sah in Richtung Osten, wo Staubwolken am Horizont aufstiegen wie das Vorzeichen eines Sturms.
„Zwischen der Menschheit -“, murmelte Severan Kord.
„- und der Dunkelheit“, ergänzten seine Brüder wie ein einziger Mann den Schwur der Löwen und ihre kraftvollen Stimmen sollten in seinen Ohren noch lange nachhallen.
Und dann begann die Schlacht.
Der erste Einschlag kam nicht mit einem Knall, sondern mit einem Beben.
Die Mauern der geschundenen Stadt erzitterten, feiner Staub rieselte aus den Fugen des uralten Wehrbaus, während irgendwo jenseits der östlichen Hügel etwas Schweres auf den Boden schlug. Einen Herzschlag lang war alles still – dann folgte das Heulen. Roh, triumphierend, vielstimmig. Der Schlachtruf einer Horde, die glaubte, leichte Beute vor sich zu haben.
Severan Kord bewegte sich.
Nicht überhastet, nicht einmal eilig. Er schritt gemessen über den Wehrgang, sein Blick glitt über Anzeigen, Körperhaltungen, Waffenstellungen. Er sah, wo die Linien fest waren, und wo sie brechen würden. Apothecarii lernten früh, Schwächen zu erkennen. Nicht um sie auszunutzen, sondern um sie zu stützen.
„Erster Trupp, linker Abschnitt“, befahl er über den offenen Voxkanal. „Haltet euch beweglich, keine Fixierung. Ihr seid der Riegel, nicht das Tor.“
Eine knappe Bestätigung. Keine Fragen.
Unterhalb der Mauer erwachte die Verteidigung zum Leben. Hydrabatterien des Dreiundsechzigsten spien Feuer in den Himmel, ihre Geschosse zeichneten helle Linien durch den Rauch, während die ersten orkischen Flieger – zusammengeflickte Ungetüme aus Schrott und Hass – brennend auseinanderbrachen. Wrackteile regneten auf die Ebenen nieder, begleitet von triumphierendem Gegröle, selbst im Tod.
„Sie lernen nicht“, murmelte ein Bruder neben Kord.
„Doch“, antwortete der Prime-Apothekarius und verengte die Augen. „Aber zu langsam.“
Der Boden jenseits der Stadt begann sich zu bewegen. Staubwolken wuchsen, verdichteten sich, wurden zu einer Front. Kord konnte die Formen bereits erkennen: Kampfpanzer, schwer, brutal, auf Geschwindigkeit und Masse ausgelegt. Dazwischen wogende Massen aus Grünhäuten, dicht gedrängt, angetrieben von etwas, das man kaum Intelligenz nennen konnte – eher ein kollektiver Hunger.
„Zophranisches Dreiundsechzigstes“, sprach Kord ruhig in den taktischen Kanal. „Hier Prime-Apothekarius Kord. Übertrage Zielraster. Priorität: schwere Fahrzeuge, Achse Ost-Südost. Haltet die Linie vor den Evakuierungskorridoren frei.“
Ein Moment Stille. Dann die Stimme eines Menschen, rau, angespannt, aber gefasst.
„Verstanden, Prime-Apothekarius. Für die Stadt.“
Kord nickte unbewusst. Für die Stadt. Nicht für Ruhm. Nicht für Siege, die in Berichten glänzten. Sondern für Mauern, Straßen, Leben, die sich hinter ihnen duckten.
Der erste Ork erreichte die Schussweite.
Bolterfeuer riss die vordersten Reihen auseinander, Körper zerplatzten, wurden von den nachdrängenden Massen niedergetrampelt. Die Amber Lions feuerten kontrolliert, ohne Hast. Jeder Schuss saß, jede Salve war ein Schritt Zeit. Zeit für Zivilisten. Zeit für Verwundete. Zeit für Hoffnung.
Dann schlug die Horde gegen die Mauer.
Haken, primitive Leitern, gestohlene Technologie – und rohe Gewalt. Grünhäute kletterten über ihre eigenen Toten hinweg, schrien, lachten, und starben. Kord war mitten unter ihnen, als der erste Bruder fiel – nicht tot, aber schwer getroffen. Ein geborstener Beinschutz, die Hüfte zerrissen, überall Blut, viel zu viel Blut.
Der Prime-Apothekarius kniete sich ohne Zögern neben ihn, während um sie herum die Schlacht tobte. Seine Hände arbeiteten schnell, präzise. Reduktor, Injektoren, versiegelnde Chemikalien. Kraft und Effizienz eines erfahrenen Veteranen, der dem Leben seines Bruders nicht gestattete, zu gehen.
„Bleib bei mir“, befahl Kord ruhig, während eine Explosion die Luft erzittern ließ. „Du wirst hier noch gebraucht.“
Der Bruder keuchte, dann nickte er schwach und griff nach seiner Waffe.
Kord stand wieder auf. Mit einem Gedankenimpuls sandte er einen Befehl an seine Trupps in der Nähe und eine Salve Boltgeschosse fegte Donner gleich von den hintergelagerten Wehrpunkten über seine Position hinweg und ließ Orks in Massen explodieren.
Über der Mauer brannte der Himmel. Unter ihr brannte die Welt. Und zwischen beidem standen die Amber Lions – unbeugsam, still, wachsam, und die grüne Flut brach sich an ihnen wie Wasser an Fels.
Hauptgefreiter Jarek Holt hasste den Geruch.
Nicht den von Promethium oder Schmieröl, daran war er gewöhnt - es war der andere. Der süßliche, metallische Gestank von Blut, der sich selbst durch die Filter der Maske fraß und sich mit Staub und Rauch zu etwas verband, das man nicht mehr aus der Lunge bekam.
„Zielerfassung steht“, rief er, ohne den Blick vom Visier der Hydra zu nehmen. „Höhe drei, Geschwindigkeit... – Imperator, das Ding lacht uns aus!“
Der Schütze neben ihm lachte nicht.
Der Himmel über Taxaros war kein Himmel mehr. Er war ein Schlachtfeld aus Rauchfahnen, Leuchtspuren und brennenden Wracks. Orkische Flieger stürzten, trudelten, explodierten – und für jeden, der fiel, kamen zwei nach. Längst konnten die imperialen Abfangjäger ihre kruden, orkischen Äquivalente nicht mehr von der Stadt fernhalten. Ihre Zahl schwand.
„Feuer frei!“
Die Hydra bebte unter ihnen, als die Läufe zu hämmern begannen. Holt spürte jede Vibration in den Zähnen, im Brustkorb und im Rücken. Einer der garstigen Ork-Flieger riss auseinander, schleuderte Trümmer über die Ebene. Jubel brandete kurz auf – dann schlug etwas Schweres nur hundert Meter entfernt ein.
Eine Staubfontäne erhob sich und der Boden riss auf.
„Panzer! Ostachse!“
Holt drehte den Kopf. Durch den Qualm sah er sie: Orkpanzer, unförmig, brutal, mit gezackten Platten und viel zu großen Geschützen. Sie kamen nicht in Formation, sie kamen wie Tiere - Und sie waren schnell.
„Panzerabwehr, jetzt!“, voxte er, das Kommunikee krampfhaft an den Schädel gepresst, die Stimme schriller als er wollte.
Surrend erwachte die Stellung des Dreiundsechzigsten zum Leben: Abwehrgeschütze kalibrierten sich auf ihren Basen, Raketen zischten los, schlugen ein, rissen einen der vorderen Panzer auf. Er blieb brennend stehen – und wurde von den nachfolgenden einfach gerammt und beiseite geworfen.
„Sie halten nicht an…“, murmelte jemand.
„Natürlich nicht“, knurrte Holt. „Das sind Orks!“
Ein mächtiger Einschlag traf die linke Stellung. Erde, Feuer und Schreie stoben auf wie ein Wirbelwind. Holt duckte sich instinktiv, spürte Splitter gegen die Panzerschilder seiner Hydra prallen. Als er wieder aufsah, war der Geschütz-Trupp neben ihm verschwunden. Einfach weg. Wo eben noch Menschen gewesen waren, klaffte ein Krater.
Sein Atem ging flach.
„Hydra Drei meldet Ausfall links“, sagte er ins Vox, die Hand am Ohr zitternd, die Stimme paradox ruhig. „Wir… wir sind dünn besetzt hier draußen.“
Die Antwort kam, aber nicht von einem Offizier.
„Bestätigt“, erklang stattdessen eine tiefe, ruhige Stimme im Kanal. „Haltet durch.“
Holt schluckte.
Er hatte die Space Marines gesehen, jeder hatte das: Giganten auf der Mauer, lebende Statuen des Krieges. Aber diese Stimme klang nicht wie ein Held aus den Rekrutierungs-Vids. Sie klang… nur wachsam. Als hätte jemand die ganze Lage im Blick und als bedeuteten die gewaltgierigen Horden nichts.
„Zwei Minuten“, fuhr die Stimme fort. „Mehr müsst ihr nicht halten.“
„Zwei Minuten?!“ Holt lachte kurz und hysterisch. „Klar. Zwei Minuten...“
Ein Orkpanzer brach durch die Rauchwand, viel zu nah. Holt riss den Steuergriff herum, zielte, feuerte. Der Treffer schlug frontal ein, riss Metall auf, aber der Panzer kam weiter.
„Lader!“
„Nachladen!“
„Schei—“
Dann traf etwas den Orkpanzer von der Seite.
Ein massiver Einschlag, präzise und tödlich. Der Panzer kippte, explodierte, schleuderte grüne Körper in alle Richtungen. Holt starrte einen Moment durch Feuer, Qualm und Tod – dann sah er sie: Amber Lions.
Vier von ihnen brachen auf unglaublich brutalen Warbikes aus dem Rauch heraus, ihre Bewegung irrsinnig schnell, ihre Effizienz so kühl wie aus Stein gehauen. Bolterfeuer fuhr von den Seiten der Maschinen in heranstürmende Orks, gezielt, brutal – eine Sprache, die selbst die grünhäute verstehen mussten. Raketenträger am Heck der Bikes zischten und rasende, mit Blut bemalte Panzerfahrzeuge lösten sich auf. Die Linie brach – der Ansturm stockte.
Einer der Löwen trug das Knochenweiß der Apothecarii, sein Waffenrock bernsteinfarben, zerrissen, aber noch immer im Wind flatternd.
Der Riese riss sein Bike in eine weite Kurve und sah zu ihnen herüber.
Nicht hochmütig oder gleichgültig.
Er hob die Faust – eine einfache Geste.
Haltet.
Und zum ersten Mal seit Beginn der Schlacht hatte Holt etwas, das er längst verloren geglaubt hatte: Ein bisschen Zeit.
Severan Kord hatte keine Zeit mehr. Er wusste, dass sie zu spät waren.
Nicht, weil die Berechnungen falsch gewesen wären. Nicht, weil jemand versagt hätte. Sondern weil der Krieg niemals fair verhandelte. Er nahm sich, was er wollte, und ließ den Rest bluten.
„Evakuierungsstatus!“, forderte der Krieger über das Vox, während er den Wehrgang entlangstürmte. Der Boden war rutschig. Blut – orkisches, aber auch menschliches, und das seiner Brüder. Er achtete nicht darauf, wessen es war.
Alle Leben wiegen gleich. Nur der Zeitpunkt entscheidet.
„Landezone blockiert!“, kam die Antwort der Raumhafenaufsicht, panisch und übersteuert. „Atmosphärische Turbulenzen, Trümmerfeld! Zwei Fähren abgedrängt, eine beschädigt – sie brauchen Zeit, Prime-Apothekarius!“
Zeit - Das eine Gut, das ihnen aus den Händen glitt.
Kord erreichte den südlichen Abschnitt der Mauer in dem Moment, als sie brach.
Nicht vollständig, zumindest noch nicht. Aber die erste Bastion war gefallen. Ein orkischer Rammbock – ein groteskes Ding aus Panzerplatten und zusammengeketteten Bestien aus vernietetem Metall – hatte sich in das Tor gefressen. Dahinter quoll die Horde hervor, schreiend, lachend, rasend vor Blutdurst.
„Zweiter und dritter Trupp, Rückzug auf Linie Theta!“, befahl Kord. „Erster Trupp, mit mir!“
Orks schwemmten die Verteidigungsanlagen.
Die Amber Lions warfen sich in die Bresche, Schulter an Schulter. Bolter feuerten, Kettenschwerter kreischten, Rüstungen prallten gegen rohe Masse. Es war kein sauberer Kampf mehr, kein geordneter. Es war halten – nur noch halten.
Bruder Aken fiel als Erster.
Eine rostige Energieklaue riss ihm die Brust auf, brannte durch Ceramit und Fleisch. Er taumelte, versuchte noch, den Bolter zu heben – dann ging er zu Boden. Kord war bei ihm, bevor der Körper aufschlug.
„Nein“, knurrte Kord, während seine Hände arbeiteten. Er riss seinem Bruder den Helm herunter, damit er nicht an seinem Blut erstickte. Reduktor. Stimulatoren. Versiegelung, doch es war zu spät.
Aken sah ihn an. Seine Augen waren klar, als er etwas Undeutliches flüsterte.
Kord nickte einmal.
Dann starb sein Bruder in seinem Arm.
Der nächste Einschlag schleuderte Kord zur Seite. Ein Ork traf ihn frontal, rammte ihn gegen die Mauer. Warnrunen explodierten über sein Sichtfeld. Schmerz flackerte – gedämpft, fern.
Ignorieren, verdammt!
Er kam hoch, riss dem Biest mit einem gezielten Schuss den Kopf weg, drehte sich – und sah, wie Bruder Helior unter der schieren Masse begraben wurde. Drei Orks, Vier. Immer mehr warfen sich auf ihn. Sein Kettenschwert verschwand, seine Stimme im Vox brach ab.
„Helior, Status!“
Keine Antwort.
Die Linie wankte.
Unterhalb der Mauer brach Panik aus. Letzte Zivilisten drängten zu den Sammelpunkten und weiter zum tief in der Stadt liegenden Hafen, doch die Fähren kamen nicht. Rauch, Wind, Wrackteile, die dumpfe Energie des Waaagh! – der Himmel war ein Feind geworden. Sirenen heulten überall. Menschen schrien.
„Wir verlieren sie!“, meldete ein hochrangiger menschlicher Offizier mit schriller Stimme über den Kanal. „Wenn die Fähren nicht landen können—“
„Dann werden sie landen!“, unterbrach Kord ihn kalt und zerschmetterte einem Ork das Rückgrat. Sein Servo-Operator stach hinter seinem Rücken hervor wie ein Stachel und durchbohrte mit einem reißenden Geräusch den Schädel eines weiteren, graue Hirnmasse spritzte in alle Richtungen.
„Wie?“, antwortete die Stimme zitternd. „Sie brechen durch, mein Lord, sie...“ Gekreische und Gebrüll überlagerte den Kanal, der Kontakt riss ab.
Kord sah auf das Schlachtfeld, auf die Landezone. Auf die dichte orkische Konzentration, die wie ein schnellwachsendes Geschwür zwischen Stadt und Himmel wucherte.
Er öffnete einen anderen Kanal.
„An alle Amber Lions“, sagte er bewusst ruhig. „Hier Prime-Apothekarius Kord. Neue Priorität.“
Ein kurzer Moment Stille. Alle Brüder hörten zu, ihre Signalrunen leuchtend grün, doch kontinuierlich erlöschend, da der Feind seinen Tribut forderte.
„Wir bilden einen Korridor. Keine Rückzugsbewegungen mehr. Wir drücken sie aus der Landezone – oder wir sterben dort.“
Einige bestätigten sofort. Andere, bedrängtere, zögerten kaum eine Sekunde.
„Für den Imperator“, knurrte ein Bruder.
„Für Shimbah“, sagte ein anderer.
Kord selbst bestätigte stumm, denn er wusste auch so, wofür er kämpfte.
Dann setzten sie sich in Bewegung. Sie ließen Posten fallen, ließen Raum zu, füllten ihn mit Granaten – und den Leichen derer, die ihnen nach drängten.
Sie bewegten sich nicht geschlossen, nicht geordnet, sondern hart und entschlossen, keinen Ork an das Flugfeld zu lassen, wo die Bewohner von Taxaros in der Angst vor ihrem Schicksal kauerten und den Himmel anschrien, er möge die erlösenden Fähren landen lassen.
Die Bernsteinlöwen kämpften. Jeder Schritt ein Preis, jeder Meter ein Opfer. Bolter klickten leer, Klingen stumpften ab, Rüstungen barsten. Bannerträger Caleos war es, der dem Ork-Sturm voran ging, als er das Banner verlor. Es verfing sich im Wrack eines orkischen Trikes, riss, und blieb hängen, während Caelos weiterging, scheinbar ohne es zu bemerken. Das handgeflochtene Tuch mit der edlen, bernsteinfarbenen Stickerei flatterte, von dunklem Orkblut besudelt, noch einen Moment im Rauch, dann verschwand es unter den Stiefeln der Horde.
Kord sah es.
Sein Löwenherz weinte tief in seiner Brust - er wollte etwas sagen. Ein Befehl, eine Korrektur. Irgendetwas, das die Ordnung wiederherstellte.
Doch dann sah er, dass Caelos nicht mehr lebte. Der Bruder ging weiter, ohne Zeichen, ohne Banner, ohne Erinnerung – nur himmelblaues Ceramit, Bernstein und rotes Blut unter Ruß, den Rumpf zerrissen von einer Granate. Als er einige Schritte weiter fiel, geschah es lautlos. Kein Voxruf, kein letzter Schwur – kein Zurückweichen.
Kord registrierte den Verlust - Und ging weiter.
Bruder Skarn verlor einen Arm, doch er stand aufrecht. Sergeant Amora kämpfte weiter, bis ihn ein Geschoss zerriss. Zwei Apothecarii fielen beim Versuch, verwundete Brüder zu retten.
Der Himmel über ihnen aber blieb leer.
„Prime-Apothekarius“, kam eine zitternde Stimme aus dem Vox der Hafenaufsicht. „Wir… wir verlieren die Kontrolle. Wenn sie nicht landen können—“
Kord sah auf die Leichen seiner Brüder. Auf die lebenden, die kaum noch standen. Auf die Menschen hinter ihnen.
„Dann“, sagte er leise, während er die letzte Granate an seinem Gürtel löste und das Kettenschwert hob, „werden wir mehr Zeit kaufen.“
Er stürmte vor, der Horde entgegen.
Hauptmann Elira Voss hielt ihre Marauder-Bomber auf exakt dreitausend Metern. Nicht höher, nicht tiefer – genau dort, wo die Turbulenzen der brennenden Stadt begannen, die Sensoren zu verwirren und die Sicht in schmutzige Schlieren aus Rauch und Asche zu zerreißen.
„Staffel - halten“, befahl sie immer wieder, obwohl niemand in ihrem Verband auch nur daran dachte, auszubrechen. „Triebwerke gedrosselt, Waffen gesichert.“
Ihre Stimme klang ruhig und sie hasste sich dafür.
Weit unter ihr lag Taxaros.
Nicht mehr die Stadt, die sie kannte – die einst weißen Bastionen mit goldenen Bannern, die geordneten Straßen mit dem Duft frischer Backwaren, der Hafen, der wie ein Versprechen am Rand des Meeres lag... Jetzt war es ein grausames, langsames Sterben, sichtbar selbst aus dieser Höhe. Die Mauern waren noch intakt, ja. Aber Elira sah die Muster. Sie hatte sie hundertmal studiert, in Simulationen, in Schlachtberichten, in den Geschichten alter Veteranen.
Die Orks belagerten immer auf die gleiche Weise: scheinbar dumm und einfallslos stürmten sie vorwärts, keine Finesse, nicht einmal eine Strategie – nur blutgierige Massen, die langsam über das Land rollten und mit der stumpfen und endgültigen Gewalt, mit der auch die Flut jeden Tag den Strand nahm, alles auf ihrem Weg verschlangen. Sie brauchten keine raffinierten Pläne und keine schnellen Schläge – sie nahmen sich Zeit. Die grüne Horde fraß sich vor, Abschnitt für Abschnitt, wie ein Feuer, das wusste, dass es niemand mehr zu löschen vermochte.
„Imperator, steh uns bei…“, murmelte jemand auf dem internen Kanal.
Elira schwieg.
Sie ließ die Sensoren am Rumpf ihres Bombers den Nebel des Krieges verdrängen und sah die Amber Lions - kleine, unbeugsame Punkte aus Blau und Bernstein, die sich bewegten, wo sich nichts mehr hätte bewegen dürfen. Sie sah, wie sie in langsam reißenden Breschen verschwanden, wie Explosionen dort aufflammten, wo sie standen – und wie die Linien trotzdem hielten.
Ihr Blick glitt zu den taktischen Overlays. Zu den markierten Evakuierungsrouten, dann zu den berechneten Zeitfenstern.
Sie las die Daten, vielleicht zum hundertsten Mal und sie rechnete fest damit, dass sie ihr so surreal vorkommen würden wie die anderen Male, doch nun, da es soweit war, sah sie es - und in diesem Moment begriff sie, dass der Befehlshaber am Boden es von Anfang an gewusst haben musste: Die Mauern waren nie dazu bestimmt gewesen, zu halten.
Nicht lange genug, um zu siegen.
Nur lange genug, um etwas Zeit zu erkaufen.
„Hauptmann“, meldete ihr Bordschütze leise, fast flüsternd. „Wenn wir jetzt zuschlagen, könnten wir die Vorhut brechen... Vielleicht die Druckwelle umkehren.“
Elira schloss für einen Augenblick die Augen.
„Negativ“, sagte sie dann und blickte hinaus in den grauen, kalten Himmel. „Wir bleiben in Reserve.“
„Aber—“
„Das ist ein Befehl!“
Sie öffnete einen weiteren Kanal. Verschlüsselt, hochprioritär – für nur einen einzigen Zweck offen gehalten. Die Signatur eines einzelnen Mannes glomm auf und sein Name erschien flüchtig, wie eine Randnotiz auf der Anzeige ihres Vox-Dekoders: Prime-Apothekarius Severan Kord.
Kein Flehen. Kein Drängen. Nur eine einzige Nachricht, die er ihr Stunden zuvor geschickt hatte, als die ersten Orks den Horizont verschluckten. sie schloss erneut ihre Lider und rief sich die Worte dieses Mannes ins Gedächtnis:
Halten Sie Ihre Staffel zurück.
Nicht früher.
Nicht aus Mitleid oder aus Zorn.
Warten Sie, bis sie sicher sind, dass sie gewonnen haben.
Elira öffnete die Augen wieder.
Unter ihr starben Menschen; Zivilisten, Soldaten und Astartes.
Sie sah Jagdflieger abstürzen, brennende Spuren, die in die Stadt schlugen. Sie sah Panzerstellungen verstummen. Sie sah, wie die Orks sich sammelten – nicht chaotisch, sondern gierig, selbstsicher, fast ihre gesamte Masse nun innerhalb der zerbrochenen Stadtmauern.
Sie bewegten sich in Richtung Landezone, nur noch gebremst von den letzten Söhnen Dorns.
„Er hat sie verurteilt“, sagte jemand in ihrer Staffel tonlos.
Elira schüttelte den Kopf – sie verstand nun.
„Nein“, antwortete sie. Ihre Hände umklammerten den Steuerknüppel, bis die Servos der Feuermechanik leise protestierten. „Er hat eine Entscheidung getroffen.“
Zeit. Leben. Opfer. - Sie erkannte die Wahrheit nun mit einer Klarheit, die ihr den Atem nahm: Kord hatte akzeptiert, dass die Verteidiger sterben würden.
Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil ihr Tod das einzige war, was die benötigte Zeit für die Evakuierung erkaufen konnte.
Ein letztes Fenster, das sich öffnete, für einen einzigen Schlag.
Ein einziger Schlag...
Die Orks strömten nun offen auf den Hafen zu. Dicht gedrängt, unvorsichtig... Sie hatten den Himmel vergessen.
„…Hauptmann?“, kam es zögernd. „Zielkonzentration ist erreicht.“
Elira sah auf den roten Kreis, der sich über Tausende Lebenszeichen gelegt hatte.
Sie aktivierte den offenen Kanal und atmete hörbar aus.
„Bomberstaffel“, sagte sie leise. Dann lauter, hart: „Primärziel markiert - Waffen scharf.“
Ein Moment Stille, schwer wie ein Urteil.
„Auf meinen Befehl.“
Unten kämpften die Amber Lions weiter, ohne zu wissen, ob der Himmel sie noch sah.
Elira flüsterte, so leise, dass nur sie es hörte: „Vergebt uns.“
Dann machte sie sich bereit für das eine Wort, das all das Blut rechtfertigen musste.
Severan Kord kämpfte nicht mehr als Apothekarius der Amber Lions, nicht mehr als edler Hüter der Gensaat – nicht einmal mehr als Offizier;
Er kämpfte wie ein Stein, der beschlossen hatte, nicht zu weichen.
Sein Reduktor hing nutzlos an seiner Seite, das Gehäuse gesplittert, die Klinge stumpf vom vergeblichen Versuch, noch Ordnung in dieses Sterben zu bringen.
Er hatte aufgehört, zu zählen, wann er zuletzt einem Bruder die Augen geschlossen hatte.
Aufgehört, Namen zu registrieren.
Aufgehört, in Voxkanäle zu sprechen, die längst nur noch aus Rauschen bestanden.
Zeit war zu Blut geworden - Und Blut zu Boden.
Neben ihm stand ein einzelner Bruder, wie eine Insel in einem Meer des Untergangs.
Ein Amber Lion aus einem fremden Trupp, dessen Namen Kord erst in dieser Stunde gelernt hatte – nicht einmal sicher, ob er ihn richtig verstanden hatte, als der Krieger ihn schreiend durch das Kampfgetöse gebrüllt hatte.
Teral. Oder Kerel...?
Er wusste es nicht, und es spielte auch keine Rolle mehr.
Seine Rüstung war aufgebrochen, das Bernsteinblau kaum noch zu erkennen unter Kratzern, Ruß und grün-rotem Schmier. Sein Helm war zerstört, ein Auge tot, aber das andere brannte vor unbeugsamem Hass. Er führte ein Kettenschwert, dessen Zähne längst unregelmäßig liefen, aber es schnitt noch.
Sie sagten nichts zueinander.
Sie standen einfach.
Zwei Gestalten auf einer zerfetzten Rampe nahe der Landezone, während um sie herum die Welt unterging. Orks brandeten heran, schrien, lachten, stolperten über ihre eigenen Toten. Es war kein Sturm mehr. Es war ein Meer – kochend, endlos, sicher seines Sieges.
Kord schlug zu. Immer wieder.
Er spürte Treffer, hörte Warnsignale, ignorierte sie. Ein Hieb riss ihm den Schulterpanzer auf, ein anderer zerschmetterte einen Servomotor im Bein. Er fiel auf ein Knie, kam wieder hoch. Sein Bolter war leer, er benutzte ihn trotzdem – als Keule, als Schild, als Verlängerung seines Willens.
Sein Bruder fiel direkt vor ihm.
Kord sah es.
Er sah die Brust zerreißen, das Licht in seinem verbliebenen Auge verlöschen – das Visier leblos zum Himmel gerichtet, als würde er ihn anklagen.
Kord versuchte nicht, ihn zu erreichen. Er kniete nicht, wie er es Zeit seines Dienstes getan hatte, und er entnahm auch keine Gensaat mehr.
Zum ersten Mal seit Jahrhunderten ließ ein Apothekarius der Söhne Dorns einen Bruder absichtlich ungeerntet sterben.
Die Schande traf ihn hart, das Bedauern brannte tiefer als jede Wunde.
Verzeiht mir, dachte er – und kämpfte weiter.
Der letzte Bruder an seiner Seite, nun gefallen, tot und halb unter der drückenden Masse begraben, lachte plötzlich – Kord hörte es in seinem Vox.
Ein in Blut ersticktes, gebrochenes Lachen.
„Prime…“, keuchte er. „Ich glaube… wir haben es geschafft.“
Severan Kord wollte antworten, da veränderte sich die Welt über ihnen.
Zuerst war es nur ein Schatten... Dann waren es viele. Der Himmel bewegte sich.
Ein tiefes, vibrierendes Donnern rollte über das Schlachtfeld, anders als alles zuvor. Kein orkisches Gebrüll, keine Explosion - sondern Ordnung. Masse. Unaufhaltsame Berechnung.
Kord hob den Blick. Er sah sie - Die Bomber.
Schwarz gegen den Rauch, mit dem Sigel des Imperiums, der kalten Präzision des Todes. Für einen Herzschlag war alles still, als hielte selbst der Krieg den Atem an.
Dann antwortete der Himmel und Feuer fiel wie Regen auf die Welt.
Nicht chaotisch, nicht blind... Gezielt - Endgültig.
Die Horde wurde ausgelöscht, wo sie stand. Körper verschwanden, der Boden riss auf, die Erde selbst schrie, der Todesschrei einer Stadt, die sich auflöste. Die Druckwelle schleuderte gegen Kord wie ein Raumschiff, riss ihm den letzten Halt unter den Füßen weg und trug ihn fort.
Er landete hart, spürte nichts mehr unterhalb der Brust.
Neben ihm lag der Bruder, reglos, nun für immer still.
Sein Körper war zerschmettert, sein Löwenblut verließ ihn in Sturzbächen. Kord drehte den Kopf, so gut er konnte.
Über dem Hafen sah er sie landen - Evakuierungsfähren, eine nach der anderen.
Menschen, die rannten, lebten, nun, da die Vorhut der Horde zu Asche zerfallen war mit genug Zeit, um von dem Planeten zu fliehen.
Er sah Panik – und Hoffnung.
Er sah, dass der Korridor offen war.
Es hatte gereicht.
Sein Atem ging flach. Die Welt wurde leise. Er dachte an Shimbah. An das wogende Savannengras und die Löwen, die im Morgenlicht wachten.
Ein Lächeln zog über sein blutiges Gesicht.
„Zwischen der Menschheit, …“, flüsterte er, die Stimme kaum mehr noch als ein Hauch.
Und in der Dunkelheit, die ihn zu sich nahm, vollendete jemand anders den Schwur.
…und der Dunkelheit.
Severans Opfer
Die Mauern von Taxaros waren alt.
Nicht alt im Sinne imperialer Register oder Administratum-Siegel, sondern alt auf jene Weise, die nur Stein kennt, der zu viel Blut gesehen hat. Der graue Wall zog sich wie eine Narbe durch die Landschaft, erhoben über den kalten und staubigen Ebenen von Kahelis Welt und fing den Wind ab, der aus dem Osten kam – trocken und schwer vom fernen Donner der Geschütze.
Prime-Apothekarius Severan Kord stand reglos auf dem Wehrgang.
Seine Rüstung war vom Staub der Schlacht stumpf geworden, das einstige Knochenweiß nun von Graubraun durchzogen. Leise summte und klickte sein Narthekium an seinem Unterarm, der Servo-Operator an seinem Rückenmodul drehte langsam seinen Werkzeugkopf. Der bernsteinfarbene Waffenrock an seiner Hüfte schlug im kühlen Wind, aufgebauscht wie eine erstarrte Flamme, die rote Helix der Apothecarii darauf von getrocknetem Blut verdunkelt – Orkblut, Menschenblut, Löwenblut. Kord unterschied nicht mehr zwischen ihnen. Und er zählte nicht - er erinnerte sich.
Bröckliger Gneis und Betonputz knirschten unter seinem Servohandschuh, als er die gepanzerte Hand auf die Brüstung vor ihm legte. Einen Augenblick dachte er über die Seele dieser Welt nach. In beinahe regelmäßigen Ereignissen wurde der Planet von den Ausläufern orkischer Waaagh’s! bedroht – vor allem im Norden und Nordosten jenseits der Grenzen des Subsektors, waren die garstigen Grünhäute aktiv. Hauptsächlich führten sie ihre sinnlosen Schlacht-Akte untereinander, doch immer wieder erhob sich einer von ihnen und formte einen Waaagh!, den er dann bis nach Adolan und in die Heimat der Amber Lions führte. Kahelis Welt, als eine der reichsten in diesem Teil des Subsektors, stets als Ziel auserkoren. Ein planetarisches Zentrum gab es nicht, der Reichtum des Planeten war über mehrere Kontinente verstreut.
Doch der wahre Reichtum sammelt sich nun hier, dachte der Amber Lion und senkte den Blick.
Unter ihm lag die Stadt.
Taxaros breitete sich wie ein verletztes Tier aus, dicht gedrängte Türme, Landeplattformen und Kuppelbauten, deren Lichter immer brannten. Rauch stieg in schmutzigen Säulen auf, wo Einschläge die äußeren Bezirke bereits erreicht hatten. Sirenen heulten, manchmal unterbrochen vom scharfen Knall orbitaler Abfangraketen, wenn das Dreiundsechzigste Zophranische Regiment eine weitere orkische Landung zerriss, noch bevor sie den Boden berührte.
Kord sah hinab – und sah Gesichter.
Nicht einzeln, nicht klar, viel mehr sah er Muster. Bewegungen. Fluchtlinien. Die Wege, auf denen Leben sich rettete oder endete. Sein Helm hing an seiner Seite, den Kopf entblößt; er wollte den Wind hören, die Stadt riechen. Er wollte wissen, wofür er hier stand.
Hinter ihm klangen schwere Schritte über den Stein. Servomotoren, gedämpft, diszipliniert, stark. Einer der Brüder seines Ordens trat an ihn heran, die brachiale Schlachtenrüstung tragend wie leichtes Leinen. Er hatte das rote Helmvisier kampfbereit geschlossen und den Kopf zu ihm geneigt.
„Prime-Apothekarius. Die Orks sammeln sich jenseits der östlichen Hügel. Unsere Vorposten melden gepanzerte Elemente... Viel zu viele.“
Kord nickte langsam.
„Sie werden kommen“, sagte er ruhig. Seine Stimme war tief, unbewegt, als spräche er über den Lauf der Sonne. „Und sie werden sterben. Aber nicht schnell genug, um diese Stadt zu retten, wenn wir falsch stehen, Rawee.“
Er legte seine gepanzerte Hand flach auf die Brüstung der Mauer. Der Stein war rau, abgebröckelt, die Zeichen eines Ortes, der bereits zu viel erdulden musste. Der massive Stein vibrierte leicht vom Feuer der Makrogeschütze weiter südlich. Dort kämpften zwei der vier Trupps der Amber Lions, beweglich, kontrolliert, immer auf Rückzugslinien bedacht. Keine heroischen Ausfälle, kein sinnloser Tod – und dennoch...
„Die Zophranischen halten ihre Panzerjäger bereit“, fuhr der Bruder fort. „Ihre Luftstaffeln fordern Koordinaten.“
Kord hob den Blick zum Himmel. Weit oben zogen die dunklen Silhouetten imperialer Jäger ihre Bahnen, wie Raubvögel über einem Schlachtfeld, das sie nicht betreten durften.
„Sie bekommen ihre Koordinaten“, sagte er. „Aber zuerst bekommen sie unsere Linie.“
Er drehte sich um, sah über den Wehrgang hinweg zu den Amber Lions, die dort Stellung bezogen hatten – Knochenweiß, blasses Blau und Bernstein im grauen Licht, ruhig, unbeweglich, als seien sie Teil der Mauer selbst. Sie waren Wächter, nicht Eroberer. Sie würden nicht weichen.
Er atmete tief ein.
„Wir hüten nicht nur die Gensaat unserer Brüder“, murmelte er leise, doch die Worte trugen auf einer Bö weit über den Stein. „Wir hüten ihr Opfer, ihren Schwur und die Welten, für die sie fielen.“
Der Wind trug seine Stimme davon, hinaus über die Ebenen, dorthin, wo die Orks sich sammelten.
„Wo andere den Tod zählen, messen wir den Wert des Lebens, das bewahrt wurde. Solange ein Herz schlägt und ein Atemzug Hoffnung trägt, werden die Amber Lions nicht weichen.“
Kurz schloss er die Augen.
Dann öffnete er sie wieder und sah in Richtung Osten, wo Staubwolken am Horizont aufstiegen wie das Vorzeichen eines Sturms.
„Zwischen der Menschheit -“, murmelte Severan Kord.
„- und der Dunkelheit“, ergänzten seine Brüder wie ein einziger Mann den Schwur der Löwen und ihre kraftvollen Stimmen sollten in seinen Ohren noch lange nachhallen.
Und dann begann die Schlacht.
Der erste Einschlag kam nicht mit einem Knall, sondern mit einem Beben.
Die Mauern der geschundenen Stadt erzitterten, feiner Staub rieselte aus den Fugen des uralten Wehrbaus, während irgendwo jenseits der östlichen Hügel etwas Schweres auf den Boden schlug. Einen Herzschlag lang war alles still – dann folgte das Heulen. Roh, triumphierend, vielstimmig. Der Schlachtruf einer Horde, die glaubte, leichte Beute vor sich zu haben.
Severan Kord bewegte sich.
Nicht überhastet, nicht einmal eilig. Er schritt gemessen über den Wehrgang, sein Blick glitt über Anzeigen, Körperhaltungen, Waffenstellungen. Er sah, wo die Linien fest waren, und wo sie brechen würden. Apothecarii lernten früh, Schwächen zu erkennen. Nicht um sie auszunutzen, sondern um sie zu stützen.
„Erster Trupp, linker Abschnitt“, befahl er über den offenen Voxkanal. „Haltet euch beweglich, keine Fixierung. Ihr seid der Riegel, nicht das Tor.“
Eine knappe Bestätigung. Keine Fragen.
Unterhalb der Mauer erwachte die Verteidigung zum Leben. Hydrabatterien des Dreiundsechzigsten spien Feuer in den Himmel, ihre Geschosse zeichneten helle Linien durch den Rauch, während die ersten orkischen Flieger – zusammengeflickte Ungetüme aus Schrott und Hass – brennend auseinanderbrachen. Wrackteile regneten auf die Ebenen nieder, begleitet von triumphierendem Gegröle, selbst im Tod.
„Sie lernen nicht“, murmelte ein Bruder neben Kord.
„Doch“, antwortete der Prime-Apothekarius und verengte die Augen. „Aber zu langsam.“
Der Boden jenseits der Stadt begann sich zu bewegen. Staubwolken wuchsen, verdichteten sich, wurden zu einer Front. Kord konnte die Formen bereits erkennen: Kampfpanzer, schwer, brutal, auf Geschwindigkeit und Masse ausgelegt. Dazwischen wogende Massen aus Grünhäuten, dicht gedrängt, angetrieben von etwas, das man kaum Intelligenz nennen konnte – eher ein kollektiver Hunger.
„Zophranisches Dreiundsechzigstes“, sprach Kord ruhig in den taktischen Kanal. „Hier Prime-Apothekarius Kord. Übertrage Zielraster. Priorität: schwere Fahrzeuge, Achse Ost-Südost. Haltet die Linie vor den Evakuierungskorridoren frei.“
Ein Moment Stille. Dann die Stimme eines Menschen, rau, angespannt, aber gefasst.
„Verstanden, Prime-Apothekarius. Für die Stadt.“
Kord nickte unbewusst. Für die Stadt. Nicht für Ruhm. Nicht für Siege, die in Berichten glänzten. Sondern für Mauern, Straßen, Leben, die sich hinter ihnen duckten.
Der erste Ork erreichte die Schussweite.
Bolterfeuer riss die vordersten Reihen auseinander, Körper zerplatzten, wurden von den nachdrängenden Massen niedergetrampelt. Die Amber Lions feuerten kontrolliert, ohne Hast. Jeder Schuss saß, jede Salve war ein Schritt Zeit. Zeit für Zivilisten. Zeit für Verwundete. Zeit für Hoffnung.
Dann schlug die Horde gegen die Mauer.
Haken, primitive Leitern, gestohlene Technologie – und rohe Gewalt. Grünhäute kletterten über ihre eigenen Toten hinweg, schrien, lachten, und starben. Kord war mitten unter ihnen, als der erste Bruder fiel – nicht tot, aber schwer getroffen. Ein geborstener Beinschutz, die Hüfte zerrissen, überall Blut, viel zu viel Blut.
Der Prime-Apothekarius kniete sich ohne Zögern neben ihn, während um sie herum die Schlacht tobte. Seine Hände arbeiteten schnell, präzise. Reduktor, Injektoren, versiegelnde Chemikalien. Kraft und Effizienz eines erfahrenen Veteranen, der dem Leben seines Bruders nicht gestattete, zu gehen.
„Bleib bei mir“, befahl Kord ruhig, während eine Explosion die Luft erzittern ließ. „Du wirst hier noch gebraucht.“
Der Bruder keuchte, dann nickte er schwach und griff nach seiner Waffe.
Kord stand wieder auf. Mit einem Gedankenimpuls sandte er einen Befehl an seine Trupps in der Nähe und eine Salve Boltgeschosse fegte Donner gleich von den hintergelagerten Wehrpunkten über seine Position hinweg und ließ Orks in Massen explodieren.
Über der Mauer brannte der Himmel. Unter ihr brannte die Welt. Und zwischen beidem standen die Amber Lions – unbeugsam, still, wachsam, und die grüne Flut brach sich an ihnen wie Wasser an Fels.
Hauptgefreiter Jarek Holt hasste den Geruch.
Nicht den von Promethium oder Schmieröl, daran war er gewöhnt - es war der andere. Der süßliche, metallische Gestank von Blut, der sich selbst durch die Filter der Maske fraß und sich mit Staub und Rauch zu etwas verband, das man nicht mehr aus der Lunge bekam.
„Zielerfassung steht“, rief er, ohne den Blick vom Visier der Hydra zu nehmen. „Höhe drei, Geschwindigkeit... – Imperator, das Ding lacht uns aus!“
Der Schütze neben ihm lachte nicht.
Der Himmel über Taxaros war kein Himmel mehr. Er war ein Schlachtfeld aus Rauchfahnen, Leuchtspuren und brennenden Wracks. Orkische Flieger stürzten, trudelten, explodierten – und für jeden, der fiel, kamen zwei nach. Längst konnten die imperialen Abfangjäger ihre kruden, orkischen Äquivalente nicht mehr von der Stadt fernhalten. Ihre Zahl schwand.
„Feuer frei!“
Die Hydra bebte unter ihnen, als die Läufe zu hämmern begannen. Holt spürte jede Vibration in den Zähnen, im Brustkorb und im Rücken. Einer der garstigen Ork-Flieger riss auseinander, schleuderte Trümmer über die Ebene. Jubel brandete kurz auf – dann schlug etwas Schweres nur hundert Meter entfernt ein.
Eine Staubfontäne erhob sich und der Boden riss auf.
„Panzer! Ostachse!“
Holt drehte den Kopf. Durch den Qualm sah er sie: Orkpanzer, unförmig, brutal, mit gezackten Platten und viel zu großen Geschützen. Sie kamen nicht in Formation, sie kamen wie Tiere - Und sie waren schnell.
„Panzerabwehr, jetzt!“, voxte er, das Kommunikee krampfhaft an den Schädel gepresst, die Stimme schriller als er wollte.
Surrend erwachte die Stellung des Dreiundsechzigsten zum Leben: Abwehrgeschütze kalibrierten sich auf ihren Basen, Raketen zischten los, schlugen ein, rissen einen der vorderen Panzer auf. Er blieb brennend stehen – und wurde von den nachfolgenden einfach gerammt und beiseite geworfen.
„Sie halten nicht an…“, murmelte jemand.
„Natürlich nicht“, knurrte Holt. „Das sind Orks!“
Ein mächtiger Einschlag traf die linke Stellung. Erde, Feuer und Schreie stoben auf wie ein Wirbelwind. Holt duckte sich instinktiv, spürte Splitter gegen die Panzerschilder seiner Hydra prallen. Als er wieder aufsah, war der Geschütz-Trupp neben ihm verschwunden. Einfach weg. Wo eben noch Menschen gewesen waren, klaffte ein Krater.
Sein Atem ging flach.
„Hydra Drei meldet Ausfall links“, sagte er ins Vox, die Hand am Ohr zitternd, die Stimme paradox ruhig. „Wir… wir sind dünn besetzt hier draußen.“
Die Antwort kam, aber nicht von einem Offizier.
„Bestätigt“, erklang stattdessen eine tiefe, ruhige Stimme im Kanal. „Haltet durch.“
Holt schluckte.
Er hatte die Space Marines gesehen, jeder hatte das: Giganten auf der Mauer, lebende Statuen des Krieges. Aber diese Stimme klang nicht wie ein Held aus den Rekrutierungs-Vids. Sie klang… nur wachsam. Als hätte jemand die ganze Lage im Blick und als bedeuteten die gewaltgierigen Horden nichts.
„Zwei Minuten“, fuhr die Stimme fort. „Mehr müsst ihr nicht halten.“
„Zwei Minuten?!“ Holt lachte kurz und hysterisch. „Klar. Zwei Minuten...“
Ein Orkpanzer brach durch die Rauchwand, viel zu nah. Holt riss den Steuergriff herum, zielte, feuerte. Der Treffer schlug frontal ein, riss Metall auf, aber der Panzer kam weiter.
„Lader!“
„Nachladen!“
„Schei—“
Dann traf etwas den Orkpanzer von der Seite.
Ein massiver Einschlag, präzise und tödlich. Der Panzer kippte, explodierte, schleuderte grüne Körper in alle Richtungen. Holt starrte einen Moment durch Feuer, Qualm und Tod – dann sah er sie: Amber Lions.
Vier von ihnen brachen auf unglaublich brutalen Warbikes aus dem Rauch heraus, ihre Bewegung irrsinnig schnell, ihre Effizienz so kühl wie aus Stein gehauen. Bolterfeuer fuhr von den Seiten der Maschinen in heranstürmende Orks, gezielt, brutal – eine Sprache, die selbst die grünhäute verstehen mussten. Raketenträger am Heck der Bikes zischten und rasende, mit Blut bemalte Panzerfahrzeuge lösten sich auf. Die Linie brach – der Ansturm stockte.
Einer der Löwen trug das Knochenweiß der Apothecarii, sein Waffenrock bernsteinfarben, zerrissen, aber noch immer im Wind flatternd.
Der Riese riss sein Bike in eine weite Kurve und sah zu ihnen herüber.
Nicht hochmütig oder gleichgültig.
Er hob die Faust – eine einfache Geste.
Haltet.
Und zum ersten Mal seit Beginn der Schlacht hatte Holt etwas, das er längst verloren geglaubt hatte: Ein bisschen Zeit.
Severan Kord hatte keine Zeit mehr. Er wusste, dass sie zu spät waren.
Nicht, weil die Berechnungen falsch gewesen wären. Nicht, weil jemand versagt hätte. Sondern weil der Krieg niemals fair verhandelte. Er nahm sich, was er wollte, und ließ den Rest bluten.
„Evakuierungsstatus!“, forderte der Krieger über das Vox, während er den Wehrgang entlangstürmte. Der Boden war rutschig. Blut – orkisches, aber auch menschliches, und das seiner Brüder. Er achtete nicht darauf, wessen es war.
Alle Leben wiegen gleich. Nur der Zeitpunkt entscheidet.
„Landezone blockiert!“, kam die Antwort der Raumhafenaufsicht, panisch und übersteuert. „Atmosphärische Turbulenzen, Trümmerfeld! Zwei Fähren abgedrängt, eine beschädigt – sie brauchen Zeit, Prime-Apothekarius!“
Zeit - Das eine Gut, das ihnen aus den Händen glitt.
Kord erreichte den südlichen Abschnitt der Mauer in dem Moment, als sie brach.
Nicht vollständig, zumindest noch nicht. Aber die erste Bastion war gefallen. Ein orkischer Rammbock – ein groteskes Ding aus Panzerplatten und zusammengeketteten Bestien aus vernietetem Metall – hatte sich in das Tor gefressen. Dahinter quoll die Horde hervor, schreiend, lachend, rasend vor Blutdurst.
„Zweiter und dritter Trupp, Rückzug auf Linie Theta!“, befahl Kord. „Erster Trupp, mit mir!“
Orks schwemmten die Verteidigungsanlagen.
Die Amber Lions warfen sich in die Bresche, Schulter an Schulter. Bolter feuerten, Kettenschwerter kreischten, Rüstungen prallten gegen rohe Masse. Es war kein sauberer Kampf mehr, kein geordneter. Es war halten – nur noch halten.
Bruder Aken fiel als Erster.
Eine rostige Energieklaue riss ihm die Brust auf, brannte durch Ceramit und Fleisch. Er taumelte, versuchte noch, den Bolter zu heben – dann ging er zu Boden. Kord war bei ihm, bevor der Körper aufschlug.
„Nein“, knurrte Kord, während seine Hände arbeiteten. Er riss seinem Bruder den Helm herunter, damit er nicht an seinem Blut erstickte. Reduktor. Stimulatoren. Versiegelung, doch es war zu spät.
Aken sah ihn an. Seine Augen waren klar, als er etwas Undeutliches flüsterte.
Kord nickte einmal.
Dann starb sein Bruder in seinem Arm.
Der nächste Einschlag schleuderte Kord zur Seite. Ein Ork traf ihn frontal, rammte ihn gegen die Mauer. Warnrunen explodierten über sein Sichtfeld. Schmerz flackerte – gedämpft, fern.
Ignorieren, verdammt!
Er kam hoch, riss dem Biest mit einem gezielten Schuss den Kopf weg, drehte sich – und sah, wie Bruder Helior unter der schieren Masse begraben wurde. Drei Orks, Vier. Immer mehr warfen sich auf ihn. Sein Kettenschwert verschwand, seine Stimme im Vox brach ab.
„Helior, Status!“
Keine Antwort.
Die Linie wankte.
Unterhalb der Mauer brach Panik aus. Letzte Zivilisten drängten zu den Sammelpunkten und weiter zum tief in der Stadt liegenden Hafen, doch die Fähren kamen nicht. Rauch, Wind, Wrackteile, die dumpfe Energie des Waaagh! – der Himmel war ein Feind geworden. Sirenen heulten überall. Menschen schrien.
„Wir verlieren sie!“, meldete ein hochrangiger menschlicher Offizier mit schriller Stimme über den Kanal. „Wenn die Fähren nicht landen können—“
„Dann werden sie landen!“, unterbrach Kord ihn kalt und zerschmetterte einem Ork das Rückgrat. Sein Servo-Operator stach hinter seinem Rücken hervor wie ein Stachel und durchbohrte mit einem reißenden Geräusch den Schädel eines weiteren, graue Hirnmasse spritzte in alle Richtungen.
„Wie?“, antwortete die Stimme zitternd. „Sie brechen durch, mein Lord, sie...“ Gekreische und Gebrüll überlagerte den Kanal, der Kontakt riss ab.
Kord sah auf das Schlachtfeld, auf die Landezone. Auf die dichte orkische Konzentration, die wie ein schnellwachsendes Geschwür zwischen Stadt und Himmel wucherte.
Er öffnete einen anderen Kanal.
„An alle Amber Lions“, sagte er bewusst ruhig. „Hier Prime-Apothekarius Kord. Neue Priorität.“
Ein kurzer Moment Stille. Alle Brüder hörten zu, ihre Signalrunen leuchtend grün, doch kontinuierlich erlöschend, da der Feind seinen Tribut forderte.
„Wir bilden einen Korridor. Keine Rückzugsbewegungen mehr. Wir drücken sie aus der Landezone – oder wir sterben dort.“
Einige bestätigten sofort. Andere, bedrängtere, zögerten kaum eine Sekunde.
„Für den Imperator“, knurrte ein Bruder.
„Für Shimbah“, sagte ein anderer.
Kord selbst bestätigte stumm, denn er wusste auch so, wofür er kämpfte.
Dann setzten sie sich in Bewegung. Sie ließen Posten fallen, ließen Raum zu, füllten ihn mit Granaten – und den Leichen derer, die ihnen nach drängten.
Sie bewegten sich nicht geschlossen, nicht geordnet, sondern hart und entschlossen, keinen Ork an das Flugfeld zu lassen, wo die Bewohner von Taxaros in der Angst vor ihrem Schicksal kauerten und den Himmel anschrien, er möge die erlösenden Fähren landen lassen.
Die Bernsteinlöwen kämpften. Jeder Schritt ein Preis, jeder Meter ein Opfer. Bolter klickten leer, Klingen stumpften ab, Rüstungen barsten. Bannerträger Caleos war es, der dem Ork-Sturm voran ging, als er das Banner verlor. Es verfing sich im Wrack eines orkischen Trikes, riss, und blieb hängen, während Caelos weiterging, scheinbar ohne es zu bemerken. Das handgeflochtene Tuch mit der edlen, bernsteinfarbenen Stickerei flatterte, von dunklem Orkblut besudelt, noch einen Moment im Rauch, dann verschwand es unter den Stiefeln der Horde.
Kord sah es.
Sein Löwenherz weinte tief in seiner Brust - er wollte etwas sagen. Ein Befehl, eine Korrektur. Irgendetwas, das die Ordnung wiederherstellte.
Doch dann sah er, dass Caelos nicht mehr lebte. Der Bruder ging weiter, ohne Zeichen, ohne Banner, ohne Erinnerung – nur himmelblaues Ceramit, Bernstein und rotes Blut unter Ruß, den Rumpf zerrissen von einer Granate. Als er einige Schritte weiter fiel, geschah es lautlos. Kein Voxruf, kein letzter Schwur – kein Zurückweichen.
Kord registrierte den Verlust - Und ging weiter.
Bruder Skarn verlor einen Arm, doch er stand aufrecht. Sergeant Amora kämpfte weiter, bis ihn ein Geschoss zerriss. Zwei Apothecarii fielen beim Versuch, verwundete Brüder zu retten.
Der Himmel über ihnen aber blieb leer.
„Prime-Apothekarius“, kam eine zitternde Stimme aus dem Vox der Hafenaufsicht. „Wir… wir verlieren die Kontrolle. Wenn sie nicht landen können—“
Kord sah auf die Leichen seiner Brüder. Auf die lebenden, die kaum noch standen. Auf die Menschen hinter ihnen.
„Dann“, sagte er leise, während er die letzte Granate an seinem Gürtel löste und das Kettenschwert hob, „werden wir mehr Zeit kaufen.“
Er stürmte vor, der Horde entgegen.
Hauptmann Elira Voss hielt ihre Marauder-Bomber auf exakt dreitausend Metern. Nicht höher, nicht tiefer – genau dort, wo die Turbulenzen der brennenden Stadt begannen, die Sensoren zu verwirren und die Sicht in schmutzige Schlieren aus Rauch und Asche zu zerreißen.
„Staffel - halten“, befahl sie immer wieder, obwohl niemand in ihrem Verband auch nur daran dachte, auszubrechen. „Triebwerke gedrosselt, Waffen gesichert.“
Ihre Stimme klang ruhig und sie hasste sich dafür.
Weit unter ihr lag Taxaros.
Nicht mehr die Stadt, die sie kannte – die einst weißen Bastionen mit goldenen Bannern, die geordneten Straßen mit dem Duft frischer Backwaren, der Hafen, der wie ein Versprechen am Rand des Meeres lag... Jetzt war es ein grausames, langsames Sterben, sichtbar selbst aus dieser Höhe. Die Mauern waren noch intakt, ja. Aber Elira sah die Muster. Sie hatte sie hundertmal studiert, in Simulationen, in Schlachtberichten, in den Geschichten alter Veteranen.
Die Orks belagerten immer auf die gleiche Weise: scheinbar dumm und einfallslos stürmten sie vorwärts, keine Finesse, nicht einmal eine Strategie – nur blutgierige Massen, die langsam über das Land rollten und mit der stumpfen und endgültigen Gewalt, mit der auch die Flut jeden Tag den Strand nahm, alles auf ihrem Weg verschlangen. Sie brauchten keine raffinierten Pläne und keine schnellen Schläge – sie nahmen sich Zeit. Die grüne Horde fraß sich vor, Abschnitt für Abschnitt, wie ein Feuer, das wusste, dass es niemand mehr zu löschen vermochte.
„Imperator, steh uns bei…“, murmelte jemand auf dem internen Kanal.
Elira schwieg.
Sie ließ die Sensoren am Rumpf ihres Bombers den Nebel des Krieges verdrängen und sah die Amber Lions - kleine, unbeugsame Punkte aus Blau und Bernstein, die sich bewegten, wo sich nichts mehr hätte bewegen dürfen. Sie sah, wie sie in langsam reißenden Breschen verschwanden, wie Explosionen dort aufflammten, wo sie standen – und wie die Linien trotzdem hielten.
Ihr Blick glitt zu den taktischen Overlays. Zu den markierten Evakuierungsrouten, dann zu den berechneten Zeitfenstern.
Sie las die Daten, vielleicht zum hundertsten Mal und sie rechnete fest damit, dass sie ihr so surreal vorkommen würden wie die anderen Male, doch nun, da es soweit war, sah sie es - und in diesem Moment begriff sie, dass der Befehlshaber am Boden es von Anfang an gewusst haben musste: Die Mauern waren nie dazu bestimmt gewesen, zu halten.
Nicht lange genug, um zu siegen.
Nur lange genug, um etwas Zeit zu erkaufen.
„Hauptmann“, meldete ihr Bordschütze leise, fast flüsternd. „Wenn wir jetzt zuschlagen, könnten wir die Vorhut brechen... Vielleicht die Druckwelle umkehren.“
Elira schloss für einen Augenblick die Augen.
„Negativ“, sagte sie dann und blickte hinaus in den grauen, kalten Himmel. „Wir bleiben in Reserve.“
„Aber—“
„Das ist ein Befehl!“
Sie öffnete einen weiteren Kanal. Verschlüsselt, hochprioritär – für nur einen einzigen Zweck offen gehalten. Die Signatur eines einzelnen Mannes glomm auf und sein Name erschien flüchtig, wie eine Randnotiz auf der Anzeige ihres Vox-Dekoders: Prime-Apothekarius Severan Kord.
Kein Flehen. Kein Drängen. Nur eine einzige Nachricht, die er ihr Stunden zuvor geschickt hatte, als die ersten Orks den Horizont verschluckten. sie schloss erneut ihre Lider und rief sich die Worte dieses Mannes ins Gedächtnis:
Halten Sie Ihre Staffel zurück.
Nicht früher.
Nicht aus Mitleid oder aus Zorn.
Warten Sie, bis sie sicher sind, dass sie gewonnen haben.
Elira öffnete die Augen wieder.
Unter ihr starben Menschen; Zivilisten, Soldaten und Astartes.
Sie sah Jagdflieger abstürzen, brennende Spuren, die in die Stadt schlugen. Sie sah Panzerstellungen verstummen. Sie sah, wie die Orks sich sammelten – nicht chaotisch, sondern gierig, selbstsicher, fast ihre gesamte Masse nun innerhalb der zerbrochenen Stadtmauern.
Sie bewegten sich in Richtung Landezone, nur noch gebremst von den letzten Söhnen Dorns.
„Er hat sie verurteilt“, sagte jemand in ihrer Staffel tonlos.
Elira schüttelte den Kopf – sie verstand nun.
„Nein“, antwortete sie. Ihre Hände umklammerten den Steuerknüppel, bis die Servos der Feuermechanik leise protestierten. „Er hat eine Entscheidung getroffen.“
Zeit. Leben. Opfer. - Sie erkannte die Wahrheit nun mit einer Klarheit, die ihr den Atem nahm: Kord hatte akzeptiert, dass die Verteidiger sterben würden.
Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil ihr Tod das einzige war, was die benötigte Zeit für die Evakuierung erkaufen konnte.
Ein letztes Fenster, das sich öffnete, für einen einzigen Schlag.
Ein einziger Schlag...
Die Orks strömten nun offen auf den Hafen zu. Dicht gedrängt, unvorsichtig... Sie hatten den Himmel vergessen.
„…Hauptmann?“, kam es zögernd. „Zielkonzentration ist erreicht.“
Elira sah auf den roten Kreis, der sich über Tausende Lebenszeichen gelegt hatte.
Sie aktivierte den offenen Kanal und atmete hörbar aus.
„Bomberstaffel“, sagte sie leise. Dann lauter, hart: „Primärziel markiert - Waffen scharf.“
Ein Moment Stille, schwer wie ein Urteil.
„Auf meinen Befehl.“
Unten kämpften die Amber Lions weiter, ohne zu wissen, ob der Himmel sie noch sah.
Elira flüsterte, so leise, dass nur sie es hörte: „Vergebt uns.“
Dann machte sie sich bereit für das eine Wort, das all das Blut rechtfertigen musste.
Severan Kord kämpfte nicht mehr als Apothekarius der Amber Lions, nicht mehr als edler Hüter der Gensaat – nicht einmal mehr als Offizier;
Er kämpfte wie ein Stein, der beschlossen hatte, nicht zu weichen.
Sein Reduktor hing nutzlos an seiner Seite, das Gehäuse gesplittert, die Klinge stumpf vom vergeblichen Versuch, noch Ordnung in dieses Sterben zu bringen.
Er hatte aufgehört, zu zählen, wann er zuletzt einem Bruder die Augen geschlossen hatte.
Aufgehört, Namen zu registrieren.
Aufgehört, in Voxkanäle zu sprechen, die längst nur noch aus Rauschen bestanden.
Zeit war zu Blut geworden - Und Blut zu Boden.
Neben ihm stand ein einzelner Bruder, wie eine Insel in einem Meer des Untergangs.
Ein Amber Lion aus einem fremden Trupp, dessen Namen Kord erst in dieser Stunde gelernt hatte – nicht einmal sicher, ob er ihn richtig verstanden hatte, als der Krieger ihn schreiend durch das Kampfgetöse gebrüllt hatte.
Teral. Oder Kerel...?
Er wusste es nicht, und es spielte auch keine Rolle mehr.
Seine Rüstung war aufgebrochen, das Bernsteinblau kaum noch zu erkennen unter Kratzern, Ruß und grün-rotem Schmier. Sein Helm war zerstört, ein Auge tot, aber das andere brannte vor unbeugsamem Hass. Er führte ein Kettenschwert, dessen Zähne längst unregelmäßig liefen, aber es schnitt noch.
Sie sagten nichts zueinander.
Sie standen einfach.
Zwei Gestalten auf einer zerfetzten Rampe nahe der Landezone, während um sie herum die Welt unterging. Orks brandeten heran, schrien, lachten, stolperten über ihre eigenen Toten. Es war kein Sturm mehr. Es war ein Meer – kochend, endlos, sicher seines Sieges.
Kord schlug zu. Immer wieder.
Er spürte Treffer, hörte Warnsignale, ignorierte sie. Ein Hieb riss ihm den Schulterpanzer auf, ein anderer zerschmetterte einen Servomotor im Bein. Er fiel auf ein Knie, kam wieder hoch. Sein Bolter war leer, er benutzte ihn trotzdem – als Keule, als Schild, als Verlängerung seines Willens.
Sein Bruder fiel direkt vor ihm.
Kord sah es.
Er sah die Brust zerreißen, das Licht in seinem verbliebenen Auge verlöschen – das Visier leblos zum Himmel gerichtet, als würde er ihn anklagen.
Kord versuchte nicht, ihn zu erreichen. Er kniete nicht, wie er es Zeit seines Dienstes getan hatte, und er entnahm auch keine Gensaat mehr.
Zum ersten Mal seit Jahrhunderten ließ ein Apothekarius der Söhne Dorns einen Bruder absichtlich ungeerntet sterben.
Die Schande traf ihn hart, das Bedauern brannte tiefer als jede Wunde.
Verzeiht mir, dachte er – und kämpfte weiter.
Der letzte Bruder an seiner Seite, nun gefallen, tot und halb unter der drückenden Masse begraben, lachte plötzlich – Kord hörte es in seinem Vox.
Ein in Blut ersticktes, gebrochenes Lachen.
„Prime…“, keuchte er. „Ich glaube… wir haben es geschafft.“
Severan Kord wollte antworten, da veränderte sich die Welt über ihnen.
Zuerst war es nur ein Schatten... Dann waren es viele. Der Himmel bewegte sich.
Ein tiefes, vibrierendes Donnern rollte über das Schlachtfeld, anders als alles zuvor. Kein orkisches Gebrüll, keine Explosion - sondern Ordnung. Masse. Unaufhaltsame Berechnung.
Kord hob den Blick. Er sah sie - Die Bomber.
Schwarz gegen den Rauch, mit dem Sigel des Imperiums, der kalten Präzision des Todes. Für einen Herzschlag war alles still, als hielte selbst der Krieg den Atem an.
Dann antwortete der Himmel und Feuer fiel wie Regen auf die Welt.
Nicht chaotisch, nicht blind... Gezielt - Endgültig.
Die Horde wurde ausgelöscht, wo sie stand. Körper verschwanden, der Boden riss auf, die Erde selbst schrie, der Todesschrei einer Stadt, die sich auflöste. Die Druckwelle schleuderte gegen Kord wie ein Raumschiff, riss ihm den letzten Halt unter den Füßen weg und trug ihn fort.
Er landete hart, spürte nichts mehr unterhalb der Brust.
Neben ihm lag der Bruder, reglos, nun für immer still.
Sein Körper war zerschmettert, sein Löwenblut verließ ihn in Sturzbächen. Kord drehte den Kopf, so gut er konnte.
Über dem Hafen sah er sie landen - Evakuierungsfähren, eine nach der anderen.
Menschen, die rannten, lebten, nun, da die Vorhut der Horde zu Asche zerfallen war mit genug Zeit, um von dem Planeten zu fliehen.
Er sah Panik – und Hoffnung.
Er sah, dass der Korridor offen war.
Es hatte gereicht.
Sein Atem ging flach. Die Welt wurde leise. Er dachte an Shimbah. An das wogende Savannengras und die Löwen, die im Morgenlicht wachten.
Ein Lächeln zog über sein blutiges Gesicht.
„Zwischen der Menschheit, …“, flüsterte er, die Stimme kaum mehr noch als ein Hauch.
Und in der Dunkelheit, die ihn zu sich nahm, vollendete jemand anders den Schwur.
…und der Dunkelheit.
