Hallo, ein weiteres Stück meines Fanprojekts für Euch. Zugegeben, weniger Schießen und Killen, mehr Hintergrund - Aber von den Amber Lions ;-)
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Die Lange Wacht
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Die Lange Wacht
„Bah“, machte Severin und wandte sein Gesicht ab, als eine erneute Böe kühle Abendluft durch das geöffnete Fenster presste und Schmutz in seinen Augen rieb. Auf Shimbah waren die Winde immer voller kleiner Partikel, mochten es nun ausgetrocknete Pflanzenteile oder der feine Sand aus den Steppen sein, den sie aufnahmen, wenn sie über die endlosen Ebenen der Savannen an Geschwindigkeit zulegten und sich schließlich an den Hängen der Gebirgsausläufer empor schraubten.
Hinter Severin schnaubte es. „Ich bitte Euch erneut, Abgesandter – schweigt still!“, schimpfte eine Frauenstimme in gesenktem Ton. Etwas weniger scharf warf sie hinterher: „Wenn Ihr es nicht schafft, an euch zu halten, dann kann ich Euch dem Fest nicht beiwohnen lassen.“
Der schlanke, hochgewachsene Mann verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln.
„Das wäre aber schade, Teuerste“, sagte er spöttisch, „Ich bin schließlich zu genau diesem Zweck hier her gesandt worden!“
„Dann schlage ich vor, Ihr zeigt endlich den Respekt gegenüber unseren Gebräuchen und unserer Kultur den wir verdienen, und zeigt ein Abbild der Ehrbarkeit, derer sich Euer Meister rühmt, sonst fürchte ich, müsst Ihr ihn enttäuschen, Abgesandter“, hielt die Frauenstimme leidenschaftslos dagegen.
Severin, der aus dem zugigen Fenster hoch oben in der Westflanke der Ordensfestung blickte, bekam große Augen ob dieser Frechheit, verkniff sich aber eine bissige Antwort – schließlich hatte Dinaela nicht Unrecht.
„Ihr wisst schon, wen Ihr vor Euch habt, Frau? Und welche Macht mein Meister zu entfesseln vermag?“, fragte er nach einem Moment, wobei er sich halb zu ihr umdrehte. Seine Stimme hatte er nun aber doch deutlich gesenkt.
„Vergebt mir, Abgesandter der Inquisition“, entgegnete Dinaela dagegen ganz und gar nicht unterwürfig. „Doch sagt mir eins: Was GENAU versteht der große Inquisitor Schlendrian Powl unter dem Begriff Macht?“
Severins Gesichtszüge spiegelten nun doch sein Missfallen wieder und er ließ einen abschätzigen Blick über die Frau hinter ihm wandern.
Dinaela war, so schätzte er, vielleicht Fünfundvierzig und von eher kleiner, stämmigerer Statur. Ihre Haut war sonnengebräunt und dunkel, wie bei allen Vertretern ihrer Heimatwelt. Das Haar, in der Farbe von goldenem Savannengras, war nicht ganz schulterlang, zu einem strengen, kurzen Pferdeschwanz gebunden. Sie trug eine weite Robe in blassem Himmelblau, mit goldenen und bernsteinfarbenen Akzenten, ihre Kapuze und die weiten Ärmel zurückgeschlagen. Ihr rechtes Handgelenk zierte eine Spange in der Form eines Löwenkopfes. Sie hatte ein unauffälliges Gesicht und trug keine Schminke, doch faszinierten Severin ihre Augen, seit er sie am Morgen des Vortages zum ersten Mal gesehen hatte: Sie leuchteten in mattem Bernstein, so wie bei fast allen Menschen aus der langen Linie des Volkes von Shimbah.
Diese genetische Veränderung war bereits Bestand einer gründlichen Genetik-Untersuchung gewesen, bei der der Verdacht der Mutation im Raum gestanden hatte, jedoch konnten die Biologii des Mars das nach mehreren Tests gänzlich ausschließen. Vielmehr war es eine natürlich entstandene genetische Veränderung, zurückzuführen auf unbekannte, aber unbedenkliche Umstände. Insgeheim fand Severin diese Augen speziell bei Dinaela sogar schön. Wenngleich es ihn auch trotz seiner Stellung mit Unbehagen erfüllte, einem Schlachtenbruder in die Augen zu sehen – denn die Augen eines Amber Lion, eines Space Marines von Shimbah, waren noch einmal etwas ganz anderes.
Als könnte sie seine Gedanken lesen, lächelte die Ordensdienerin und kam einen Schritt auf den zwei Köpfe größeren Abgesandten zu, wobei sie ihn direkt ansah. „Nun?“, fragte sie, beinahe herausfordernd.
Severin schluckte den Köder. „Wie würdet Ihr es bezeichnen, mit einem Befehl einen Planeten vernichten und seine ganze Bevölkerung aus der Geschichte tilgen zu können?“, fragte er mit hochgerümpfter Nase. „Oder per Dekret den Orden Eurer geliebten Amber Lions aufzulösen? Nun? Ich denke, die Inquisition weiß besser als jeder andere, was Macht ist, meint Ihr nicht, Hof-Zofe?“
Siegessicher sah er von oben auf die untersetzte Frau herab doch die beabsichtigte Reaktion blieb aus. Stattdessen senkte Dinaela den Blick von seinem Gesicht über ihr und sah geradeaus, aus dem geöffneten Fenster. Dabei Lächelte sie, nicht verhalten oder ausweichend, sondern auf eine ganz bestimmte Art, die Severin genau kannte – sein Meister lächelte so, wenn er mit seinem Interrogator und Schüler debattierte und, ohne dass Severin es merkte, gewonnen hatte.
Die Frau trat zielstrebig an das Fenster und seine Position davor heran, bis Severin sich genötigt fühlte, einen halben schritt zur Seite zu gehen, da die beiden sonst zusammengestoßen wären. Die untersetzte Ordensdienerin sagte immer noch nichts und er wusste, dass er in der Falle saß. Dinaela schien noch einen Trumpf im Ärmel zu haben und er hatte, in blinder Siegesgewissheit, sein bestes Pulver verschossen. Als hochrangiges Mitglied der Inquisition war Severin es gewohnt, Macht zu zeigen und andere Zappeln zu lassen – jetzt lies sie ihn zappeln und er konnte nichts anderes tun, als auf sie zu zu gehen – noch weiter ins Messer.
„Sagt mir, Frau“, begann er, mit den Zähnen knirschend und sich zu gedämpftem Tonfall zwingend, während weiter böiger Wind durch das Fenster blies und an seinen dunklen, aristokratischen Kleidern zog. „Was macht die Amber Lions weiser als die Großmächtigen der Inquisition? Was habe ich übersehen?“
Dinaelas Lächeln wurde breiter, doch sie lies ihn einen weiteren Moment schmoren.
Starker Wind wehte herein und Sand, Staub und ein verdorrtes Laubblatt bildeten einen kleinen Wirbelwind in der von Stein und Plaststahl gerahmten Kammer, ehe das Blatt gegen Severins Wange flog und er es sich mit einem pustenden Geräusch aus dem Gesicht wedelte.
Dinaela blickte ungerührt hinaus in die Nacht, während der Windstoß ihre weiten Roben blähte und ihr kurzer Pferdeschwanz an ihrem Hinterkopf tanzte. Sand in ihren Augen störte sie nicht – sie lebte mit ihm, seit sie geboren worden war.
„Welche Macht ist das auslöschen zahlloser Leben oder das verfügen über irgendwelche Erlasse, verglichen mit der Lebenskraft einer Welt?“, fragte sie unvermittelt, den Blick weiter aus dem Fenster gerichtet.
Severin, sich sein Gewand glättend und den hohen Stehkragen richtend, starrte sie fragend an. „Ich verstehe nicht...“
„Das tun sie nie“, lächelte Dinaela weiter. „Aber das macht nichts – kommt, und seht es, Abgesandter des mächtigen Inquisitors.“
Severin verengte die Augen, schluckte seine Antwort aber hinunter.
In den Zwei Tagen, die er nun in der der Ordensfestung der Aber Lions zu Gast war, hatte er bereits einen ersten Eindruck davon bekommen, wie ursprünglich und tief die Verbindung dieser Menschen zu ihrer Heimatwelt war und auch, wenn die Macht der Inquisition beinahe allumfassend war, so sträubte sich doch etwas in ihm, weiter respektlos zu sein. Zumal er damit offenbar nicht wie gewohnt ans Ziel kommen würde.
Langsam schritt er an Dinaela heran und drehte sich wieder dem geöffneten Fenster zu, bis sie wortlos Seite an Seite standen.
Sein Blick folgte dem Ihren, zunächst weit in die Ferne, wo das letzte Licht der schwindenden Sonne hinter den schroffen Berggipfeln des Blauen Gebirges erlosch. Die Nacht war von böigen Winden aufgebracht, und Heulen und Pfeifen tränkte die Dunkelheit, doch die Welt vor ihm war keineswegs völlig dunkel – tief unten, im weitläufigen, kreisrund angelegten Talkessel am Fuß der Ordensfestung, den die Amber Lions stolz den „Rock of Prag“ nannten, leistete das Licht der Menschheit entschieden Widerstand.
Dort unten waren sie versammelt, alle Brüder der Amber Lions, in einem stummen Kreis um die Mitte des großen Platzes.
Ein starkes, prasselndes Feuer brannte in einer riesigen, arkanen Feuerschale genau im Zentrum und ein Ordenspriester in voller Schlachtenrüstung stand mit ausgebreiteten Armen am Rand der Flammen.
„Seht genau hin, Abgesandter“, wiederholte Dinaela und ihre Augen leuchteten, als sie den Feuerschein der großen Flammen reflektierten.
Severin reagierte mit einem wortlosen Schnauben, gehorchte aber und fasste sich an die Schläfe. Mit leisem Klicken, das nur er in seinem Kopf hören konnte, aktivierte sich sein bionisches Auge. Die subtil verborgene Augmetik in seinem Kopf schob eine Vergrößerungsprojektion vor seine künstliche Netzhaut und lies das Gesehene viele Hundert Meter unter ihm so nah erscheinen, als befände es sich auf der anderen Straßenseite.
Er konnte nun alles wahrnehmen: Das Lodern der Flammen, die stillen Gesten des Ordenspriesters, wie sich der Feuerschein in den auf Hochglanz polierten Panzerplatten seiner Nachtschwarzen Rüstung spiegelten und kräuselten und wie sie über die Löwenschädelmaske glitten die er trug und ihr etwas unheilvolles, fast bestialisches gaben, als würde aus den toten, schwarzen Augenhöhlen heraus etwas zusehen, etwas mit Augen aus beißend hellem Bernstein, das zurückblickte, wie das kraftvolle, dunkle Wesen einer Welt.
Unwillkührlich lief dem sonst gewohnt selbstsicheren Interrogator ein Schauer über den Rücken. Severin versteifte seinen Körper und räusperte sich, dabei ignorierte er Dinaelas erneut aufflammendes Grinsen und regulierte seine bionische Spähsicht etwas herunter. Er blickte wieder auf den großen Platz, mit etwas mehr Abstand diesmal.
Der Ordenspriester an der großen Feuerschale, den Severin an seiner prächtigen Rüstung und der Bernsteinfarbenen Schärpe mit der einzigartigen Stilisierung als den obersten Geistlichen der Amber Lions, Reclusiarch Abbas Roarion persönlich, erkannte, stand noch immer mit ausgestreckten Armen da, als wolle er die Flammen umarmen.
Der Interrogator lies den Blick ausschweifen und über die Reihen der versammelten Krieger ziehen. Dort unten standen sie, die größten Kämpfer der Menschheit, in einem stummen Kreis und scheinbar reglos.
„Erklärt es mir noch einmal“, sagte Severin zu Dinaela, doch die Ordensdienerin reagierte nicht.
„Bitte, Dina“, fügte er hinzu, die Stimme respektvoll gedämpft.
Die Ordensdienerin lies sich zeit, doch schließlich atmete sie tief ein, als ein weiterer Windstoß durch das Fenster pfiff und shimbasische Nachtluft, den Atem der Welt auf der sie lebten, herein trug.
„Es heißt Die lange Wacht“, sagte sie, ihre eigene Stimme nun ebenfalls gedämpft und ehrfurchtsvoll, ganz anders als sie klang, wenn sie sonst mit ihm redete.
Severin nickte langsam. „Das ist mir bekannt, Ordensdienerin – es ist ein heiliges Spektakel, welches an den Stand des Primarchen Rogal Dorn auf den Mauern Terras erinnern soll. Doch was bedeutet es?“
Dinaela sah hoch und ihre Blicke trafen sich. Severin fühlte sich auf einmal unwohl und erregt zugleich, als er die Schwere und die Kraft in den wunderschönen Augen von Dinaela sah, und er verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere.
„Das könnt ihr nicht verstehen, wenn Ihr nicht von dieser Welt stammt, Abgesandter“, antwortete sie leise. Fast flüsternd fügte sie hinzu: „Aber Ihr könnt es dennoch sehen.“
Sie wandte den Blick ab und starrte wieder wie gebannt auf den Platz unter ihnen.
Das ungewohnte Gefühl in Severin erstarb und er räusperte sich erneut. Dann folgte er ihrem Blick auf den Platz.
„Es ist ein uralter Schwur“, setzte Dinaela schließlich zu einer Erklärung an. „Seht hinunter – Sie stehen nicht einfach herum oder gegen etwas an – sie stehen zusammen. Sie sind eine Einheit, ein Schutzwall, zwischen dem Licht der Menschheit und des Imperators – und der Dunkelheit. Sie stehen, wo andere wanken oder die Flucht ergreifen, sie stehen, wo die Hoffnung keinen Stand mehr hat – sie stehen, wo sie stehen müssen: Zwischen Überleben und Untergang der Menschheit, wie einst der erhabene Dorn und die glorreichen Primogenitoren.“
Severin konzentrierte sich und sah wieder mit seiner verbesserte Sicht, die es ihm erlaubte, Dinge in vielen Hunderten Metern Entfernung hautnah zu erleben, hinab auf den Platz.
Dort standen sie – Die Wächter der Menschheit. Die Amber Lions, die Löwen von Shimbah, die Engel des Imperators.
Sie standen stumm, aufrecht und unbeugsam, Seite an Seite, Schulter an Schulter in einem Weiten Kreis und bildeten einen unüberwindlichen Wall des Schutzes. Jeder Space Marine auf Shimbah war gekommen und sie alle waren gleich – Name und Rang waren bedeutungslos an diesem Abend. So kam es, dass der Meister des Ordens, Rioal Truth, in seiner prächtigen Terminatorrüstung seinen Nebenmann, einen gewöhnlichen Scout der Zehnten Kompanie, der noch nicht einmal den Rang eines vollwertigen Schlachtenbruder erreicht hatte, um fast drei Köpfe überragte. Dennoch standen sie beide mit gleichem Stolz, aufrecht still und stumm da, wie ein Wall, der der Dunkelheit trotzte.
Severin lies sein Bionisches Auge langsam die Reihe entlang wandern.
Der Skriptor Magister viel ihm auf, der mit seinem langen Psi-Stab und seiner glänzenden Rüstung mit den Akzenten aus leuchtendem Bernstein aufrecht stand, flankiert von einem gewöhnlichen Schlachtenbruder und einem mit Ehrenzeichen geschmückten Veteranen gleichermaßen.
Er blickte weiter, doch der Kreis der Amber Lions zeigte überall das gleiche Bild: Helden standen neben Feldsoldaten, Führungspersonen neben Anwärtern, Spezialisten neben gewöhnlichen Brüdern. Sie alle, bis zum letzten Scout, hatten ihre Panzerung und Ausrüstung bis aufs Äußerste poliert, sodass sich das Licht der Flammen in den glatten himmelblauen und bernsteingoldenen Oberflächen brach. Die Rüstungen der Versammelten reflektierten den Feuerschein so stark, das kein Schatten zwischen ihnen fallen konnte – Innerhalb des Schutzwalls der Menschheit gab es keinen Platz für die Dunkelheit.
Die Amber Lions standen stumm und reglos, ihre Helme tragend, ihre Visiere geschlossen. Winde fuhren brausend in den Talkessel und zerrten an den Bannern der Ordensstandartenträger und an den Waffenröcken mit den Emblemen der Bernsteinlöwen oder den Mänteln der Hauptmänner, Skriptoren und dem Umhang des Ordensmeisters.
Severin schluckte unwillkürlich. Diese Mauer die er sah, sie war nicht tot und steif, wie viele Orden sie repräsentierten, sondern auf eine starke, unbeugsame Art lebendig, von unheimlichem, doch mächtigem Leben erfüllt.
„Ihr seht es“, stellte Dinaela lächelnd fest. Severin reagierte nicht, doch sie wartete nicht auf eine Reaktion. „Das dort unten, geehrter Interrogator, ist nicht einfach ein stummes Anstehen gegen etwas – es ist das Einstehen für etwas.“
Severin wollte nicken, doch die Ordensdienerin fuhr fort: „Um zu verstehen, was Sie sind, muss man erst verstehen, wofür sie stehen. Es geht nicht um den Erhalt von Land oder die Eroberung von Gebieten. Es geht auch nicht um Ehre oder die Bezeugung von Macht – es geht einzig um den Schutz und den Erhalt des Lebens selbst: Das Imperium definiert sich nicht durch eine bestimmte Anzahl von Schiffen, Schlachten oder Planeten, das Imperium sind die Menschen, die in ihm leben – Sie sind es, wofür die Bernsteinlöwen stehen.“
Dinaela blickte kurz zu ihm auf und stellte zufrieden fest, dass der Interrogator den Blick fest auf den Platz und den Amber Lions gerichtet hatte, anstatt zu ihr zu sehen.
„Ihr müsst verstehen“, fuhr sie fort, „Diese Krieger würden ohne zu zögern einen aussichtslosen Ehrenkampf abbrechen, einer Edelmütigen Konfrontation aus der Gewalt Selbstwillen aus dem Weg gehen, einen Unüberwindbaren Feind gewähren lassen, wenn er sonst nur Verluste bedeuten würde… doch sind sie deshalb feige? Ich sage Euch, werter Abgesandter des Inquisitors, sie sind die tapfersten von allen. Denn sie sind die wenigen, die eine aussichtslose Lage erkennen können, ihren Stolz hinter sich lassen und abziehen – um das einzige zu Retten und zu schützen, was in ihren Augen Schutz und Rettung wert ist: das Leben selbst.“
Sie rutschte etwas näher und ihr Ellbogen berührte seinen Unterarm, was ihn reflexartig zurückweichen ließ.
„Seht hin, Severin“, drängte sie und lächelte stolz. „Seht und erkennt es, was es bedeutet, nicht der Ehre oder einem Ideal zu dienen, sondern dem Leben selbst.“
Der Interrogator hörte weiter Dinaelas Stimme, doch er konnte den Blick nicht von der schieren Kraft des Moments lösen.
Er hatte sich natürlich vor seiner Ankunft informiert, hatte sich belesen, was zu dem Brauch, der den Amber Lions als Die lange Wacht bekannt war, festgehalten wurde. Es gab auf dem heißen Savannenplaneten Shimbah nichts, was einem Winter gleich kam. Der natürliche Jahreszyklus der unbarmherzigen Sonne des Planeten verzeichnete trotzdem an einem bestimmten Tag, dem Einundzwanzigsten Dezember nach terranischem Kalender, die kürzeste Sonnenphase und die darauffolgend längste Nacht des Jahres.
Ab diesem Wendepunkt begannen die Tage wieder deutlich länger zu werden und der Sommer zog ins Land, doch in dieser Nacht zeigten sich oft besonders starke Wetterphänomene: Die kühlen Stunden der Dunkelheit reichten unter dem Jahr oft nicht aus, die stehende Hitze in den Steppen und Savannen des Kontinents Levos am sonnigen Äquator Shimbahs abzukühlen. In dieser Nacht jedoch blieb die Sonne lange genug verborgen, um die drückende Hitze aus den flachen Landen mit kalter Luft aus den höheren Schichten der Atmosphäre zu vertreiben. Die warmen Winde folgten dann ihrem natürlichen Weg nach oben und bestürmten die Hänge des Blauen Gebirges, in dessen Zentrum die Ordensfestung lag. Das Ergebnis waren starke, unstete Böen, die heulend und brausend wie dunkle Geister zwischen den Berghängen hin und her jagten und die Hundert Meter langen Banner an der Front der Feste der Amber Lions peitschten.
Seit je her glaubten die Einheimischen, diese Nacht war Sinnbild des Angriffs der Dunkelheit auf die Welt der Menschen, und überall auf Levos kamen die Bewohner der Welt zusammen, entzündeten Feuer und standen Wache, bis am nächsten Morgen das Licht der Sonne die Dunkelheit bezwang und der neue Jahreszyklus seinen Anfang nahm.
Die Amber Lions hatten diesen Brauch seit ihrer Gründung übernommen. Sie entzündeten ein großes Feuer, den Bernsteinbrand, der das Astronomican, das Licht der Seele des Imperators auf dem heiligen Terra symbolisierte, und hielten stumm Wache an diesem Feuer, bis die Dunkelheit bezwungen war und das Licht des Herrn der Menschheit erneut am Horizont aufstieg. Diese eine Nacht entschied über Überleben und Vernichtung, diese eine Nacht spiegelte den Kampf zwischen Licht und Dunkelheit wieder wie nichts anderes.
Sie war eine Hommage an die geschichtsträchtige, dunkelste Stunde der Menschheit, als das Böse vor den Toren Terras stand und ein Mann, Rogal Dorn, der heilige Primarch der Legion der Imperial Fists und Gen-Vater der Amber Lions, stumm und unbeugsam gegen die Dunkelheit stand und den letzten Wall zwischen dem Herzen der Menschheit und ihrer völligen Auslöschung hielt.
Es war an den Amber Lions, dieses Erbe aufrecht zu halten, und sie, das konnte Severin in der Haltung eines jeden einzelnen der versammelten Marines erkennen, würden nicht wanken, gleich, was da kommen würde. Es war etwas tiefes, etwas heiliges und kraftvolles, was die Bernsteinlöwen an ihren alten Schwur und ihren Geist an das Leben dieser Welt band.
Je länger er die stumm stehenden Krieger betrachtete, die der Dunkelheit trotzten und nicht wankten, so sehr die Winde an ihnen zerrten, umso mehr hatte er das Gefühl, die Kraft zu spüren, die diesen Momenten inne lag.
„Und sie stehen dort die ganze Nacht?“, fragte er gedankenverloren.
Dinaela schüttelte den Kopf. „Sie stehen nicht“, berichtigte sie ihn, „Sie halten die Wacht.“
Wilde Böen sausten in den Talkessel und rissen an Schärpen und Bannern, doch die Flammen in der Feuerschale, genährt vom Sauerstoff des Windes und den gesegneten Harzen aus dem heiligen Kronenhain, loderten hell auf und verzehrten die Dunkelheit. Knisternd stieben Funken weit in den dunklen Himmel, ritten auf den kalten Böen und kämpften gegen die Finsternis.
„Morgen, wenn die Wacht zu Ende geht, wird der edle Reclusiarch eine Phiole mit der Essenz des Lebens in die Flammen werfen und das Ritual damit beenden“, sagte Severin zu der Ordensdienerin neben ihm. „Was ist das, diese Essenz?“, fragte er.
Dinaela lächelte und hob den Blick, ihre Augen spiegelten die seinen und umgekehrt. „Das, mein lieber Abgesandter, ist eines der Geheimnisse von Shimbah“, zwinkerte sie ihm zu.
„Ich wurde hier her gesandt, um genau diese Geheimnisse zu lüften, Dina“, beharrte Severin, doch in seiner Stimme lag kein Groll – er hatte nicht mit einer Klärung seiner Frage gerechnet.
„Das ist mir bewusst, Interrogator“, entgegnete sie. „Doch ich kann Euch nichts erzählen, was ich nicht weis. Es ist ein Geheimnis des Ordens, der Beschützer der Menschheit. Es mag ein Tropfen heiligen Blutes sein, das Blut eines Bernsteinlöwen aus dem Blauen Gebirge, oder der Saft eines geheiligten Infinity-Baumes aus dem Kronenhain, in dem seit je her die Helden und Herrscher dieser Welt ihre ewige Ruhe finden – doch was macht das für einen Unterschied?“
Severin presste die Lippen aufeinander und wirkte nachdenklich, sagte aber zunächst nichts.
„Ich habe noch nie etwas in einem Bericht unerwähnt gelassen, Ordensdienerin“, murmelte er schlißlich, doch Dinaela schüttelte den Kopf.
„Ich verlange nichts von Euch, Schüler des Inquisitors – berichtet ihm, was immer Ihr zu berichten gedenkt. Doch ich bitte Euch: wenn es jemanden gibt, der zwischen uns und der grenzenlosen Dunkelheit da Draußen steht… lasst ihn stehen. Nicht um meiner oder Euretwillen, sondern für das Überleben der Menschheit.“
Die kleingewachsene, kräftige Ordensdienerin wandte sich vom Fenster ab und schritt langsam zur Tür, die aus der Kammer führte.
Überrascht drehte sich Severin um und hielt sie am Ärmel fest.
Dinaela hielt inne und ihr Blick viel auf seine Hand, der Interrogator zog sie sofort zurück, denn er wollte keine Grenze übertreten.
Ihre Bernsteinaugen sahen gütig, aber auch siegessicher zu ihm auf.
„Ich denke, Ihr braucht mich nicht, um zu zu sehen, Interrogator“, lächelte sie und nickte Richtung Fenster. „Wohnen sie der langen Wacht bei und zwar bis zum Ende, wenn das Ritual der Heimkehr die Nacht beendet und die rhythmischen Klänge stumm-schlagender Fäuste die Seelen all derer verabschieden, die gefallen sind, um das Überleben der Menschheit zu schützen. Hört genau hin und wenn die ersten Strahlen des neuen Tages den Kessel fluten und der Bernsteinbrand feierlich erlischt, dann schließt die Augen und Hhr werdet den Pulsschlag von Shimbah spüren – und Ihr werdet erkennen, was wahrlich machtvoll ist.“
Damit zwinkerte Sie ein letztes Mal und verließ die Kammer, ohne sich noch einmal umzusehen.
Severin stand einen Moment wie versteinert da und blickte ihr hinterher. Etwas in ihm fand es schade, sie nicht länger in seiner Nähe zu haben. Sein Pflichtbewusstsein rang mit seiner Neugier, doch beides war sich in einem Punkt einig: Es zog ihn zurück ans Fenster.
Interrogator Severin zog den Kragen seines Gewandes etwas hoch und rieb sich die Hände, dann zog ihn die stumme Wache der Amber Lions wieder in seinen Bann. Still stand er am Fenster, lies die Winde der Nacht an seinen Kleidern zerren und seinen Blick über die versammelten stummen Wächter gleiten.
Er war hier her gesandt worden, Antworten zu finden und das hatte er auch vor.
Welche er seinem Meister und dem Ordo weitergeben würde, war er sich nun aber nicht mehr sicher.