40k SECRET HERETIC - Der Teufel im Innern //Eine Exorcists-Geschichte//

Lasirius Borealis

Aushilfspinsler
09. März 2025
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Banish
SECRET HERETIC - Der Teufel im Innern //Eine Exorcists-Geschichte//

Die Exorcists stehen seit Jahrtausenden am Rande der Häresie. Sie sind Dämoenjäger, die den Kräften der ruinösen Mächte auf eine Weise trotzen, wie es kein anderer Orden vermag. Doch wie jede Space Marine Bruderschaft, birgt auch diese ein düsteres Geheimnis: Um von ihnen aufgenommen zu werden, muss jeder Initiant einem Dämon in seinem eigenen Körper gegenübertreten und diesen verbannen.

Bruder Lasirius, dem die Hypnoindoktrination übel mitgespielt hat, sieht sich dabei einem Dämon gegenüber, dessen Mächtigkeit er nicht einmal in der Lage ist, zu begreifen. Die Lage spitzt sich zu, als eine ferne Bedrohung aus dem Auge des Schreckens bricht, um den an einem seidenen Faden hängenden Orden heimzusuchen. Um die Katastrophe abzuwenden, wird sich der bis aufs Blut treue Lasirius nicht nur den vielfältigen Warpmanifestationen am Ende seiner Klinge, sondern auch den Schatten seiner Vergangenheit tief in seinem Inneren stellen müssen. Das alles während die Inquisition ihm dicht auf den Fersen ist.

Notiz des Autors:

Ich habe dieses Projekt begonnen, weil ich den Orden der Exorcists für einen der spannendsten im gesamten Universum halte. Inspiriert haben mich vor allem die Bücher von Aaron Dembski-Bowden (Black Legion Novels) und John French (Ahriman-Reihe). Ich habe versucht, es so einsteigerfreundlich wie möglich zu schreiben, auch wenn die Geschichte natürlich besser funktioniert, wenn man die Welt bereits etwas besser kennt. Die Kapitel werden rund 8-12 Seiten umfassen und monatlich erscheinen, insofern die Zeit es zulässt. Außerdem bin ich gerade dabei, eine Audiobuchversion für YouTube einzusprechen.

Ich wünsche viel Spaß mit der Geschichte!



Lasirius Borealis
 
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Secret Heretic - Der Teufel im Innern - //Eine Exorcists-Geschichte//

von Lasirius Bolrealis


Kapitel 1: Schicksalskreuzung


"Der ganze Strudel strebt nach oben; Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben."

Es war mucksmäußchen still.
Der Regen prasselte wie eine Sintflut, doch er vermochte es, weder mich noch den runenbesetzten Boden auch nur um einen Hauch zu benetzten. Es war, wie als würden sie sofort wieder verschwinden, sobald die rabenschwarzen Tintentropfen ihr Ziel erreichten.
Mein Kopf war, wie als hätte man ihn aufgebläht, nur um dann sämtliche Luft wieder abzulassen. Ich war die Iris in dem Auge eines wild tobenden Sturmes aus widersprüchlichen Farben, Konzepten und Erinnerungsfetzen. Die Luft knisterte und roch nach versengtem Kupfer, Zimt und altem Pergament. Blitze aus unwirklichem, arhythmischem Licht erhellten das Innere zerfetzter Wolken, die mich wirbelnd umkreisten und dabei dauerhaft ihre grundlegenden geometrischen Eigenschaften zu verändern schienen. Sie flackerten auf und ab, wie die tanzenden Schatten, die ein loderndes Feuer an eine Höhlenwand wirft. In meinem Augenwinkel nahmen sie die Formen von Gedanken, Gefühlen und Gesichtern an; von denen, die ich kannte, denen, die ich vergessen hatte, und von denen, die ich noch kennen lernen würde.
Meine Augen zuckten rastlos umher.
Jedes Mal, wenn ich versuchte, die Schemen direkt in mein Blickfeld zu bekommen, zerstoben sie zu astralen Bruchstücken, verschwommen und lösten sich auf; Sowie Träume, die einem nach dem Aufwachen wie Sand durch die Finger rinnen.
Endlich fanden sie einen Fokuspunkt: Von dem steinernen Altar, der mir gegenüber Stand, starrte mich ein höhnisches Zerrbild meines eigenen Gesichtes an.
Beide Augen waren verschlossen. Trotzdem spürte ich, wie sich die Pupillen unter den Liedern in meine Richtung bewegten. Oder imitierten sie etwa die meinen? Frische Operationsnarben zogen sich über die von den Muskeln straff gespannte Haut, die sich immer noch an ihre neue Form gewöhnen musste. Die Gestalt war fremd und groß. Viel zu groß um ein natürlicher, oder um überhaupt ein Mensch zu sein; Es war der Körper einer lebendigen Waffe.
Er schwebte einen Fuß breit über dem verwitterten Opferstein, wie eine Puppe, die von unsichtbaren Fäden gehalten wird. Doch wo war ihr Spieler?
Ich blinzelte; gleichzeitig zuckte ein Blitz über die verdorbene Szenerie und ein Donner erklang, der sich anhörte wie eine Voxaufnahme, die man mehrfach gleichzeitig und falsch herum abgespielt hatte. Ich bekam, für den Bruchteil der Sekunde, in welcher es hell wurde, die Illusion, durch seine Augen zu mir selbst herunterzusehen, anstatt zu ihm herauf.
Meine Nackenhaare sträubten sich auf. Meinem Instinkt folgend, drehte ich mich um: In einem perfektem Radius, zu mir und meinem Doppelgänger, stand ein vogelartiger, alter Mann mit freundlichen Augen und schlug ein altes, dickes Buch zu. Der mit blinzelnden, wild durch die Gegend zuckenden Augen besetzte Ledereinband fing sofort Feuer, zitterte und verbrannte, mit einem erstickten Schrei, binnen Sekunden zu Asche. Der Greis trug feine seidene Roben in tiefem Magenta. Seine Hutkrempe zierte das häretische Symbol des jüngsten Götzen und die komplette Kluft war mit unheiligen Runen übersäht, deren Bedeutung ich nicht kannte. Dennoch ging eine düstere Aura von ihnen aus. Er war in etwas mehr als halb so groß wie ich und hätte fast menschlich gewirkt, wären seine Umrisse, sowie seine Schatten, welche die Blitze für einen winzigen Augenblick enthüllten, kein sich windendes, groteskes Etwas gewesen.

"Da bist du also, Dämon! Wie lautet dein Name?"

knurrte ich, mit einer mir immer noch fremden und viel zu tiefen Stimme. Unterbewusst nahm ich eine gebeugte Kampfhaltung ein, von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie überhaupt erlernt hatte. Nun aber kam sie mir so natürlich vor wie das Atmen.

"Ich bin Teil von jener Kraft, die stets das böse will und stets das Gute schafft! Ich bin ein Knecht von der, die Dürstest, Teil des Prinz der Finsternis. Ich bin Adon Hisparim Yuda Kel und ich habe dich gerufen."

Das war eine Lüge. Das wusste ich. Das war eines der wenigen Dinge, die ich wusste. Aber wie war ich überhaupt hierhergekommen? Ich hatte meditiert… Der Aufnahmeritus. Das Ritual. Die Beschwörung!
Der Nimmergeborene lächelte. Hatten sich seine Fänge bereits in meinen Verstand gegraben? Und wenn ja, wie tief? Ich musste Zeit gewinnen und vorsichtig meinen eigenen Verstand abtasten:

„Nein! Ich habe dich gerufen! Und ich werde dich zerbrechen, um mit deinem Blut meine Seele schwarz zu färben.“

Ich ballte meine übermenschlichen Fäuste mit der Kraft eines industriellen Dampfhammers, um meine Drohung zu untermauern. Der alte Mann betrachtete mich mit der Belustigung, die vermutlich ein Ordensbruder einem wütendem Kaninchen zuteilwerden lassen würde:

„Nein nein, mein Junge. Fühle dich geehrt! Du… wirst mein Meisterstück werden. Wir werden großes erreichen! Ja, ich verspreche dir feierlich: Es wird der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden!“

Er lachte schallend und wohlklingend, wie jemand, der einen alten Freund begrüßt. Aber Dämonen Lügen. Dämonen lügen immer. Dennoch sprach er mit einer Selbstverständlichkeit, die fast an Naivität grenzte. Er bemerkte die steigende Feindseligkeit in meinen künstlich geschärften Augen. Sich auf diese Art über mich lustig zu machen, würde ich ihm kein zweites Mal erlauben. Weitere Blitze knisterten durch den unwirklichen Raum, wie als wollten sie die stumme Drohung bestätigen. Der Unreine machte einen Schritt nach vorne, erhob eine knorrige Hand und deutete auf die Gestalt hinter mir. Die andere kreiste um ihr eigenes Handgelenk. Alles verschwamm, drehte sich um hundertachtzig Grad und dann stand der Dämon zwischen mir und meinem schlafendem Wechselbalg. Ich keuchte und ließ ihn nicht aus den Augen.

„Kommen wir gleich zum Punkt. Wir haben nicht viel Zeit: Ich werde dich brauchen. Vor allem aber deine willentliche Kooperation. Sowie deinen Körper und deine Seele. Beides jedoch immer noch frei und intakt.“

Ich spukte ätzendes Gift auf den Boden. Es verschwand genau wie der Regen: Ohne eine Spur. Ein dreckiges Grinsen umspielte meine Lippen:

„Und warum sollte ich dir das so einfach überlassen, Scharlatan? Du bist ein Sklave der Dunkelheit. Du hast keinen freien Willen.“

Der alte Mann war geradezu erheitert. Ja, er freute sich dem Anschein nach sogar aufrichtig über meine Verhöhnungen.

„Und doch bin ich meiner Selbst bewusst. Cognito. Ergo. Sum. So rechtfertigt sich euresgleichen doch vor der Welt, nicht wahr? Und doch… Ich kann deine Zweifel verstehen. Es geziemt sich nicht, nur zu nehmen und nicht zu geben. Da stimme ich dir zu...“

Das hatte ich nie behauptet. Die Aussage war eher der Schatten eines flüchtigen Gedankens gewesen, den mein eiserner Wille sofort aus meinem Unterbewusstsein gebrannt hatte.

„Was ich dir geben kann ist, neben natürlich Macht, Einfluss, et cetera pp…“

Das Schauspiel wirkte halbherzig, gehetzt und grob, wie als wollte man es so schnell wie möglich hinter sich bringen: Die schwebende Gestalt wurde noch größer und die Muskeln schwollen weiter an. Die Narben verblassten und wurden kaum noch sichtbar.

„… Dinge, die dich wirklich interessieren: Und zwar…“

Er sah mir nun direkt in die Augen. Ich hielt seinem quellwasserklarem Blick trotzig stand, auch wenn ich dadurch ein tonloses, lauter werdendes Flüstern an den Rändern meines Verstandes wahrnahm.

„…Deine Vergangenheit…

Die schwebende Gestalt öffnete ihr linkes Auge.

"…deine Zukunft..."

Sie öffnete das rechte Auge.

"…und dein wahres Selbst…“

Die Gestalt öffnete ein drittes Auge. Alle drei begannen zu leuchten.

„…Den Teil deiner Seele, den sie dir genommen haben... und der dich sonst auf ewig von deiner wahren Größe abhalten wird: Die Emotionen, die du meinst, nie gekannt zu haben. Die man kaltherzig, unter dem Trugschluss der Schwäche, in dir versiegelt hat. Die dich zu einem bockigen Kind im Körper eines Monsters machen: Deine Furcht. Deine Empathie. Deine Leidenschaft.

Mein mutierter Zwilling strahlte jetzt eine innere Macht aus, von der ich nicht in der Lage war, sie zu begreifen. Sie ging von ihm aus, wie warme Sonnenstrahlen, die nach einem harten Winter durch die Wolken brachen. Ich konnte sie nicht nur sehen, ich konnte sie auch fühlen, riechen, schmecken. Es war nicht vergleichbar mit körperlicher Stärke. Es war eine innere Vollständigkeit: Das Gefühl, etwas zu finden, von dem man nicht wusste, es so sehnlichst vermisst zu haben. Die Gesichtszüge der Gestalt wurden menschlicher und ausdrucksstärker. Die Augen füllte mit einem Male eine freundliche, sanftmütige Ruhe aus, die dem vertrauten Schatten glich, der sich versuchte, durch eine Dicke Wand in mein primäres Bewusstsein zu kämpfen und den ich einfach nicht greifen konnte. Sie kam mir vertrauter vor als zu zuvor. Auf eine groteske Art und Weise… Das war Falsch! Es musste falsch sein. Widerwillig wandte ich meinen Blick zurück auf die Warpkreatur. Diese fuhr unbeirrt fort:

„Doch wie alles im Leben fürchte ich, dass das leider seinen Tribut fordern wird…“

Sein Bedauern wirkte zu echt, um gespielt zu sein; selbst für einen Dämon. Die Gestalt veränderte sich erneut; diesmal stumpfer und brachialer: Sie krümmte sich vor Schmerzen. Lange, symmetrisch gebogene Hörner wuchsen aus den Schläfen und große, ledrige Fledermausschwingen brachen mit einem feuchten Knirschen aus seinem Rücken hervor. Tintenschwarzes, dickes Blut benetzte den Boden und blieb als einziges dort liegen. Sie wand sich, öffnete die Flügel und wurde von ihren unsichtbaren Fesseln befreit. Die Metamorphose war vollendet. Das Monstrum landete, viel zu Elegant für seine Masse, auf dem Boden. Aller Logik zum Trotze wirkte es auf mich… menschlicher als zuvor. Es keuchte kurz, atmete dann entschlossen aus und richtete sich zu seiner vollständigen Größe auf. Es überragte mich nun. Seine Pupillen glühten in hellem Orange, das mich jedoch eher an eine Kaminflamme, als an ein loderndes Inferno erinnerte. In ihnen spiegelte sich die weise, verschmitzte Freundlichkeit der Augen des Dämons wider. Das Monster zuckte. Sein Kopf verschwamm, wie als würde er aus dem Fokus einer Linse geraten. Der Mund schloss sich gewaltsam und verschwand. Die Muskeln des mundlosen Gesichtes verzogen sich zu einem Lächeln. Ein Anblick, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Was hat das alles zu bedeuten? Meine Vergangenheit? Meine Zukunft? Meine Seele? Ich bin ein Astartes…. Ein Engel des Todes! Was ist diese grausame Parodie meiner Ideale, die du mir da vor meine Füße stellst?

Die Gedanken rasten wie ein Mahlstrom durch meinen Kopf, während dieser versuchte, all diese Geschehnisse zu verarbeiten, zu sortieren und zu analysieren. Selbst mein junger, transhumaner Verstand wurde von ihnen an seine Grenzen gebracht. Er war nicht dafür konzipiert worden, um sich über solche Banalitäten, wie die Gefühle eines sterblichen Wesens, den Kopf zu zerbrechen. Der alte Mann legte geduldig den Kopf schief. Er betrachtete meinen Doppelgänger, verzog überrascht das Gesicht, wippte mit dem Kopf hin und her und gab ihm einen Klaps. Das Drittes Auge zwinkerte mir belustigt zu, schloss sich dann und verschwand. Sein Gesicht zerfloss wie Wachs und noch bevor es vollständig, und leicht gealtert, wieder erstarrt war, wandte er sich mir zu:

„Lass mich mit einer Gegenfrage antworten, um es dir näher zu bringen: Wie… fühlst du dich? Wie lautet der Name deiner Mutter? Ihr Gesicht… wer bist du?“

Ich fletschte die Zähne:

„Ich bin…“

Meine Stimme erstarb. Ich durchsuchte meine Gedanken: In meinem Kopf befanden sich taktische Pläne, Kampfdoktrine und Meditationsriten: Alles Wissen, mit dem keine Erinnerungen verknüpft war. Meine eigenen Erinnerungen, vor der Zeit in der Festung, waren nicht dort. Mein Name war nicht dort. Es war eigentlich gar nichts dort, was nicht unmittelbar mit Kriegsführung oder Ordenskultur zusammenhing. Der Dämon nickte.

„Ich bin Lasiurus Borealis! Kampfbruder des ehrbaren Ordens der Exorcists. Captain der 1. Kompanie; ungebrochen im Dienste des heiligen Gottimperators!“

Antworte meiner statt die Gestalt, die mich jetzt, fertig geschmiedet, mit einer heiteren Belustigung betrachtete. Ihr Mund war wieder da, doch er hatte sich nicht bewegt, als sie gesprochen hatte. Ihre Stimme hallte stattdessen in meinem Kopf wider. Der Name bewegte etwas in mir. Er setzte ein langsames, rostiges Zahnrad in Gange… Wissen! Wissen, das nicht hohl war. Ich verstand es mit einem Mal. Dies war eine Erinnerung. Eine Echte. Mit ihr kamen der Blick in einen klaren Sternenhimmel. Lächelnde Gesichter, Träume, Hoffnungen… Es waren zu viele Eindrücke, um auch nur eine Hand voll davon greifen zu können. Waren sie etwa von mir? Von der Person, die damals das erste Mal durch die Festungstore trat; bevor sie unter die Messer der Apothecarii gekommen war?

„Ich habe nicht gelogen, als ich sagte, dass ich deine Seele reparieren muss, um zu erreichen, was ich will… Was wir beide wollen. Es ist alles noch in da. Ich kann es wieder hervorholen. Du hast Fragen. Ich habe die Antworten. Das Angebot lautet also wie Folgt: Du bist eine Waffe. Geschaffen, um Meinesgleichen vom Angesicht der Welt des Fleisches zu tilgen. Ich habe Feinde, die nach dem Untergang von uns beiden trachten und für die eine Präsenz im Immaterium nicht ausreicht, um sie vernichten zu können; Sie sind längst Teil der Reiche der Sterblichen. Ich gebe dir die Möglichkeit, deine verstümmelte Seele wieder ganz zu machen und umso die Kräfte zu entfalten, die in ihr verborgen liegen. Im Austausch nehme ich mir deine Worte, binde mich an deine Seele und forme dein Fleisch in meinem Namen neu.“

Die Stürme wurden intensiver. Ich dachte nach. Der Moment kam mir wie eine Ewigkeit vor. Mein Verstand fühlte sich nun klein und leer an; Wie ein Cogitator, dem man Teile seiner Speicherspulen entwendet hatte und dessen Maschinengeist sich gerade dessen bewusstwurde. Es war mir unmöglich, zu sagen, wo die Manipulation der Hypnoindoktrination aufhörte und wo die des Dämons anfing. Gab es überhaupt noch einen Unterschied? Wie sollte ich ihn überhaupt verbannen? Er hatte in dem Moment die Oberhand gewonnen, indem er meinen wahren Namen erfahren hatte. Damit hätte er sofort von meinem Körper Besitz ergreifen, oder mich gar auslöschen können. Warum sollte er mir trotz allem eine Wahl lassen? Das machte hinten und vorne keinen Sinn. Ich ließ mich in die künstliche, brennende Wut fallen, die mich auffing wie ein Kissen und deren Ursprung ich nicht zu erklären vermochte:

„Ich diene einzig und allein dem Gottimperator!“

Keuchte ich.

‚Abgesehen davon: Sie würden es bemerken.‘

Dachte ich.

„Du gehst nirgendwo hin. Du wirst entweder vernichtet oder eingesperrt, Doppelzüngiger!“

Fauchte ich.

Der alte Mann runzelte die Stirn:

„Ich bitte um Verzeihung: Ich habe mich nicht klar genug ausgedrückt. Deine Loyalität ist etwas, über das ich weder Macht haben will noch kann, ohne deine Seele zu beschädigen. Sie verbleibt allein deine Sache. Was das Aufspüren dieser Seele jedoch angeht… Das lass mal meine Sorge sein.“

Bei den letzten Worten begann er zu lächeln und entblößte dabei kurz spitze Reißzähne.

Dann wurde meine Seele abrupt aus meinem Körper gerissen. Alles verschwamm für einen Augenblick. Mein Geist schwebte formlos zwischen den Monstern, die sich Auge um Auge gegenüberstanden. Eines ungebrochen, aber entstellt, das andere unversehrt, aber leer.

„Wähle nun, Lasirius. Und wähle Weise…“​
 
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von Lasirius Bolrealis


Kapitel 2: Erwachen



Ich schlug keuchend die Augen auf.
Siedendes Blut pochte durch meine Adern, während sich meine verwirrten Sinne nach und nach neu entfalteten und begannen, sich scharfzustellten. Dieser Ort musste das schmucklose Apothecarium der Basilica Malefex sein. Es war ein altes Gemäuer; zugig und unerbittlich kalt. Durch die gebogenen, spitz zulaufenden Fenster brach die klare Nacht herein. Die gotische Festung wurde nur von dem matten Licht einzelner Kerzen und dem fahlen Schein der emsig arbeitenden Maschinen erhellt.
Schmerzen zuckten gedämpft durch einen Körper, der sich anfühlte, wie als hätte man ihn angezündet und dann brennend durch eine viel zu enge Öffnung gepresst. Ich spürte, dass sich in meiner geistigen Abwesenheit Eiskristalle unter meinen Augen gebildet hatten, deren Splitter nun lautlos an mir herunterrieselten.

„Sechs Tage. Sechs Stunden und Sechs Minuten. Wenn das mal kein Omen ist…“

Ich richtete mich auf und suchte die Quelle der Stimme, die klang, wie als würde man einen Felsbrocken in ein Mahlwerk werfen. Sie gehörte zweifelsfrei einem Astartes. Metallisches Werkzeug fiel scheppernd zu Boden und ein leises Fluchen ertönte in meiner Nähe. Dann bahnte sich der alte, humpelnde Krieger seinen Weg in meine Richtung und passierte eine Vielzahl von komplex verkabelten Maschinen, die surrten, piepten, klickten und blinkten. Der Medizintrakt glich eher dem Labor eines irren Wissenschaftlers als dem eines analytischen Heilers; Es war eine Werkstatt des Fleisches: Kein unnützes Gerümpel, keine Dekoration; Alles erfüllte einen Zweck. Auf der Pritsche neben mir lag ein grausam entstelltes Geschöpf, dessen ausgezehrter Körper hinter einem dünnen Sichtschutz verborgen war. Die Lichter auf der anderen Seite projizierten seine verdrehten Umrisse auf die Fläche zwischen uns; Eine Szenerie, die einem verkommenen Schattentheater gleich kam. Ich fokussierte das Zerrbild: Scheinbar hatte man das Wesen mit einem Tuch zugedeckt. Seine mutierten Umrandungen ließen seine Ähnlichkeit mit dem, was es einst wohl gewesen war, nur erahnen. Mein Blick glitt noch näher an das Ding heran. An manchen Stellen hatten lange, unkontrollierte Knochenauswüchse das Tuch durchstoßen, es besudelt und es rot gefärbt.

Moment, Woher wusste ich das?

Ich schreckte zurück, während meine schmerzenden Augen nach einem neuen halt suchten: Irgendwie hatte ich das Gefühl, das Wesen berührt zu haben, ohne es anzufassen. Ein wahrhaft widerwärtiger Gedanke. Die Missgestalt stöhnte rasselnd und feucht. Das unnatürliche Geräusch hörte sich an, wie als würde etwas bei jedem Atemzug seine eingefallenen Lungen zerstechen. Es stank so erbärmlich, wie es aussah.

Tat mir das Wesen etwa leid?

Ich löste meinen Blick von der geschundenen Kreatur und richtete ihn stattdessen auf den Neuankömmling: Die massige Gestalt ächzte leise und trat hinter dem ratterndem Cogitator hervor, der meine Vitalfunktionen überwachte. Die dicken Kabel der Maschine waren an meinen Carapax-Anschlüssen angebracht, die eigentlich für die Verschmelzung mit einer Servo-Rüstung konzipiert worden waren. Der Apothecarius wischte eine riesige Säge an seiner ebenfalls blutverschmierten Schürze ab. Ihre Tropfen hatten eine dünne Spur hinter seinem Träger zurückgelassen. Er legte sie zur Seite, drückte einen Knopf und die Kabel sprangen zischend aus meinen Handgelenken heraus. Neben dem Space Marine schwebte ein Servoschädel, der gerade seine letzten Werkzeuge reinigte und einklappte, wie ein Insekt nach einem ausgedehnten Mahl. Er erbrach ununterbrochen knisternden Maschinencode, der zu dem immer länger werdendem Pergament passte, das unermüdlich aus seinem Oberkiefer quoll. Das restliche schwarze Blut in den Kabeln floss aus den sich windenden künstlichen Adern und verteilte sich auf dem Boden, wo es sofort verklumpte und dann gefror. Ein Servitor würde sich wohl bald darum kümmern müssen.

„Ich bin Bruder Asklepios, Apothecarius der 8. Kompanie. Dich hat es ganz schön zerlegt da unten, Bruder Lasirius.“

Er betonte das Wort mit einer gewissen Feierlichkeit, die mir gegenüber bestätigte, dass das Aufnahmeritual wohl erfolgreich gewesen war. Wir umgriffen unsere Handgelenke; Ein terranischer Kriegergruß, der so alt war, wie die Zeit selbst. Ich wollte ihn ebenfalls verbal begrüßen, doch mein Körper verweigerte den Versuch. Etwas stimmte nicht. Ich griff erschrocken an meinen Hals.

„Du hast keine Stimmbänder mehr. Sie sind einfach… weg. Das habe ich noch nie gesehen... Des Weiteren habe ich eine kraniale Exostose, unzählige Muskel- und Faserrisse, sowie zwei symmetrische Knochenwucherungen unter den Schulterblättern festgestellt. Selbst dein Skelett hat der Bastard durch die Mangel genommen… Siehst hübsch aus, kleiner.“

Sein Tonfall ließ offen, ob er den letzten Satz ernst meinte, oder nicht. Ich nickte gequält, wie als ob ich auch nur die Hälfte der Worte verstanden hätte und machte mir Gedanken, wie ich selbige nun meinem Gegenüber vermitteln konnte.

Ich entschied mich für die Schlachtfeld-Zeichensprache unseres Ordens, die ich nun beherrschte, ohne sie je aktiv gelernt zu haben. Meine ersten Worte waren eine wüste Geste, die sich scherzhaft auf den Dämon und das Hinterteil meines von ihm gepeinigten Körpers bezog. Asklepius, der mit einem solch derben Humor nicht gerechnet hatte, brach in schallendes Gelächter aus und schlug mit der flachen Hand eine Delle in den Cogitator, an den er sich prustend anlehnen musste, um nicht umzufallen:

„Ich mag dich mein Bursche! Aber lass das mal lieber nicht die Plutonianer sehen… Die ziehen dir die Hammelbeine lang.“

Ich schaute nervös an mir herab. Mein Unterkörper schien, von den Schmerzen abgesehen, noch relativ normal zu sein. Lediglich meine Muskeln waren auf unerklärliche Weise gewachsen.

„Weißt du, die meisten verlieren irgendwie ihren Sinn für Humor bei dem Ritus, aber du scheinst ihn ja behalten zu haben.“

Ich lächelte und fühlte, wie sich viel zu spitze Zähne in die Lippen bohrten. Er bemerkte meinen fragenden Blick:

„Um genauer zu sein, reagieren die meisten auf zwei Arten: Sie werden entweder extrem still oder extrem komisch… nicht wenige sogar beides um ehrlich zu sein. Möchtest du einen Spiegel?“

Ich nickte, fasste mir an den dröhnenden Kopf, und bereute diese Entscheidung sofort wieder, als ein scharfer Schmerz durch meine Hand zuckte. Ich blickte ungläubig auf den Schnitt, der binnen Sekunden verheilte.

„Ein üblicher Fehler der neuen.“

Murmelte der alte, vernarbte Krieger und nahm mich genauer in Augenschein. Mir fiel auf, dass sein Atem zu dicken Nebelschwaden wurde, die sich wenig später in der kalten Luft aufzulösen begannen. Mein Atem tat dies nicht. Er war kalt. Mein Gegenüber holte einen ovalen, mit Runen verzierten Spiegel hervor, der achtlos in eine Ecke gestellt worden war. Es war der einzige seiner Art in der gesamten Festung. Ich betrachtete die verzerrte Fratze, die mir nun an Stelle meines Gesichtes entgegenstarrte: Meine Haut war gräulich und fahl, mir wuchs eine kleine Krone aus Elfenbeinfarbenen Hörnern aus dem Haupt und meine kompletten Augen hatten jetzt den dunklen Schimmer von blankem Obsidian. Die Pupille und die Iris waren auf den ersten Blick kaum noch zu unterscheiden, aber sie waren da. Diese Augen irritierten mich am meisten. Mehr noch als die fledermausartigen Fangzähne. Der alte Krieger ging um mich herum und zeigte mir meinen Rücken. Hinter meinen Schulterblättern waren zwei eigenartige, hervorstehende Hubbel, wie als hätte man mir dort Flügel abgetrennt.

„Dein Geist und dein Körper haben erbitterten Widerstand geleistet und letzterer tut es immer noch. Trotzdem wird es mit der Zeit wahrscheinlich schlimmer werden. Vor allem, wenn du viel Zeit im Kampf verbringst. Ganz umkehren wirst du‘s nich können, aber vielleicht n bisschen im Zaum halten.“

Ich nickte stoisch. Verglichen mit dem stöhnenden Haufen Elend neben mir, war ich geradezu glimpflich davongekommen. Als ich Bruder Asklepios erneut ansah, bemerkte ich, dass er, abgesehen von dem bionischen Bein, der beispielhaften Blaupause eines Astartes entsprach: Er war vollständig befreit von dem Makel des Immateriums; den inneren Sünden, die der Warp nach außen kehrte und uns anderen so bildlich auf die Haut schrieb. Diese abnormale Gewöhnlichkeit machte ihn besonders.

„Hörma, Ich würde gerne noch weiter mit dir plaudern, aber es gibt wichtigere Leute, die dich gern sprechen wollen.“

Ich stand auf und bemerkte, dass ich meinen Ordensbruder jetzt um einen halben Kopf überragte. Er nahm diese Tatsache mit einem Hauch von Skepsis zur Kenntnis.

‚Mit wem habe ich die Ehre?‘

Er las meinen Blick anscheinend wie ein Buch, antwortete aber zögerlich:

„Captain Echnaton von der 8. Kompanie… und der oberste Scriptor Goetos. Weiß der Deibel was der von dir will. Vielleicht biste ja n Zauberer, Bruder Lasirius?“

Er lachte erneut und reichte mir meine Roben. Ich schmunzelte, nickte ihm dankend zu und machte mich unverzüglich auf den Weg zu meinen neuen Befehlshabern.

Das Strategium war unterhalb der Festung; Tief in seinem Herzen um genau zu sein. Sie war aufgebaut wie ein gewaltiges Pentagramm, in dessen fünf spitzen Ausläufern sich, unter anderem, das Apothecarium, die Schmiede und der Sitz der Inquisition befanden. Um den zackigen Stern herum, dessen obere Spitze gen Norden zeigte, hatte man vor Urzeiten eine gewaltige, runde Mauer errichtet, dessen Wehrgang von unzähligen Wachtürmen und Sendeanlagen unterbrochen wurde. Ich durchquerte das „Kloster der Narben“, das sich genau in der Mitte der Anlage erstreckte und das somit alle anderen Teile verband. In dessen bedeutungsvollem Atrium begrüßte mich bereits das opulente, blutorange Ordensbanner: Unter dem weißen, gehörnten Totenschädel, der uns stetig an unsere Aufgabe erinnerte, und der gleichzeitig das Siegel des Librariums in anderen Orden darstellte, befand sich eine goldene Stickerei, auf der akribisch jeder bedeutende Sieg der Exorcists verewigt worden war. Es war nicht alt; Scheinbar war es erst kürzlich erneuert worden. Seit dem 13. schwarzen Kreuzzug und dem Warp-Riss, der die Hälfte der Galaxie vom restlichen Imperium abgetrennt hatte, kam dies häufiger vor. Ich ließ meinen Blick durch die fünfeckige Halle wandern, deren Inneres einer gewaltigen, grob gemauerten Kathedrale mit fein gearbeiteten Verzierungen glich. Die steinernen Totenschädel, welche die turmhohen Wände zierten, hatten kunstvolle Steinmetze in minutiöser Handarbeit in den sedimenthaltigen Fels gehauen. Der Geruch von duftenden Ölen und geschmolzenem Wachs drängte sich in meine empfindliche Nase. Ich musste blinzeln. Dieser Ort war heller als jeder andere Ort im Kloster. Das lag daran, dass für jeden gefallenen Bruder, dessen Überreste hier zur letzten Ruhe gebettet lagen, eine immer brennende Kerze angezündet wurde. Der warme Schein des leuchtenden Orchesters wiegte sich sanft und tanzte melancholisch zu den heiligen Litaneien, die ein paar meiner Brüder mit ihren Dienern zusammen angestimmt hatten. Scheinbar betrauerten sie gerade einen frischen Verlust. Sie befanden sich allesamt noch in voller Rüstung, die vernarbt, verbeult und immer noch verschmiert von getrocknetem, unheiligem Blut war. Ein Ordenspriester in ihrer Mitte erwies dem Toten seine letzte Ehre und hatte sein Zepter, das heilige Crozius Arcanum, zu den von den Monden beleuchteten Buntglasfenstern emporgereckt. Auch in ihnen waren die bedeutendsten Meilensteine unseres Ordens verewigt worden: Rote, blaue, grüne und violette Nimmergeborene duellierten sich dort mit ihren Schlächtern, deren Häupter strahlende Heiligenscheine zierten. Ihre bunten Schatten bedeckten gleichzeitig in verschiedenen Winkeln den Boden. Weitere, vereinzelte Kampfbrüder befanden sich in den schummrigen, abgelegenen Ecken und waren im stillen Gebet versunken, nur von dem sanften Schein weniger Kerzen erhellt. Sie hatten das Keramit bereits gegen Roben der gleichen Farbe getauscht und wurden von den gigantischen Statuen der heiligen bewacht, die als die tragenden Säulen des Saales fungierten.
Ich schritt durch einen abzweigenden Gang in Richtung des Kommandozentrums. Der Geruch von Weihrauch und Schwefel wallte mir jetzt schleichend entgegen. Die Luft wurde feuchter, der Weg breiter und mein Gang verlangsamte sich. Die von mystischem Licht erhellten, schiefergrauen Seiten der Halle säumten lebensgroße, steinerne Gargoyles, von denen jeder einzelne einst ein mächtiger Dämon gewesen war, dessen unheimliche Schatten nun die dunklen Wände der Halle peinigten. In ihnen allen steckte ein schimmerndes Abbild von genau dem Relikt, mit dem ein nun legendärer Krieger sie einst endgültig zu Fall gebracht hatte. Das heilige Silber war an exakt der Stelle angebracht worden, an welcher es den Nimmergeborenen tödlich getroffen hatte. Hinter Ihnen, von der Dunkelheit halb verborgen, standen die riesigen, gerüsteten Abbilder ihrer Bezwinger, die überlebensgroß und stolz über ihre Beute wachten. Ich schlenderte ehrfürchtig an ihnen vorbei und las dabei die wahren Namen der Unheiligen. Man hatte sie in leuchtenden Runen, und zu ihrem Spott, in die Steinsockel unter ihnen gemeißelt. Ein Kribbeln durchfuhr meinen Geist. Ich fühlte mich mit einem Male beobachtet und schaute mich um: Um einige der Statuen waren gewaltige, geschmiedete Ketten gelegt worden, die über und über mit Reinheitssiegeln und Schutzrunen versehen worden waren. Von den angeketteten Niegeborenen ging eine unerklärliche, bedrohliche Präsenz aus… Ich hatte sie schon immer latent wahrgenommen: Leise, wie ein Flüstern, das größtenteils von einem statischen Rauschen überlagert wurde. Nun aber war es so klar, wie als hätte man den Kanal eines alten Voxempfängers auf die gleiche Frequenz, mit der eines nahen Senderelais gebracht.

Es kündete unaufhörlich von Gefahr.

Ihre toten Augen glühten vor unterdrückter Gewalt, die Wände und der Boden um sie herum bedeckte formloser Ruß, wie als würde man sie verkohlen; So machtvoll war ihr immer noch verhallendes Echo. Ich betrachtete sie genauer: Namen und Bilder zuckten für einen Sekundenbruchteil durch meinen Geist:

Ein paar der Gestalten kamen mir mit einem Male auf groteske Weise vertraut vor…

Doch woher? Ich hatte lediglich mal hier und da von ihnen gelesen...

Ich spürte, wie ein Teil meiner Seele sich weigerte, sich den grausigen Statuen noch weiter zu nähern. Ich blickte wieder zu den Dämonenschlächtern auf: Langsam, wie rostige Zahnräder, die knirschend ihren Dienst wieder aufnehmen, erweckte sich in mir, genau wie beim ersten Mal als ich diesen Ort erblickt hatte, der kindliche Traum, einmal meine eigene Statur in diesen heiligen Hallen zu verdienen: Einmal Selbst ein Ungeheuer von einer so gewaltigen Bösartigkeit zur Strecke zu bringen, dass es auf ewig in die Annalen des Ordens eingehen würde.

Wie lang war es her, dass ich diese Bilder das letzte Mal vor meinem geistigen Auge gesehen hatte?

Ich bleib schließlich vor der letzten und größten bezwungenen Götzenstatue stehen. Sie thronte zwischen den zwei riesigen Türen, die beide weiter in das Innere des Heiligtums führen würden. Es war eine gewaltige, vogelhafte Kreatur mit einem kunstvoll gebogenem Schnabel und weit gespreizten Flügeln. Sie überragte mich um fast das Dreifache. Jemand hatte sich bei ihrem Erschaffen besonders Mühe gegeben und das hatte auch seinen Grund: Sie war unserem ersten Ordensmeister, dem sagenhaften Enoch Trismegistus gewidmet. Er war der erste Exorcist gewesen, welcher der unfreiwilligen Besessenheit durch einen mächtigen Dämon des Wandels, mit aller Tapferkeit, Würde und Entschlossenheit, die ein Space Marine aufbringen konnte, standgehalten hatte. Auf seiner schicksalhaften Erfahrung gründete sich nun die namensgebende Tradition des Aufnahmerituals unseres Ordens. Über seinem heroischen, steinernen Ebenbild prangte, in blank poliertem Gold, das weise Antlitz des göttlichen Imperators und schaute, eingerahmt von einem riesigen Heiligenschein aus goldenen Stäben, mit väterlicher Güte zu mir hinunter. Unter ihm befand sich ein nicht minder prunkvolles Banner, das in feierlichem Hochgotisch verkündete:

„Imperator Protegit“

Der Imperator beschützt.

Ich schaute zu ihm herauf und bedankte mich für seinen Beistand bei meiner eigenen Prüfung. Ich schlug das Zeichen der Aquila als Ehrerbietung und schritt durch die linke Tür. Auf meinem Weg durch den Irrgarten aus verzweigten Gängen, die von Fackeln, Kerzen und Maschinen erhellt wurden, betrachtete ich meine Umgebung genauer. Ich hatte mich noch nie so tief in die Eingeweide meiner Heimatfestung gewagt… bis jetzt.

Das Strategium, oder zumindest der Teil indem ich mich nun befand, war ein verdunkelter, ebenfalls fünfeckiger Raum. Seine Enden, die vollständig in den Schatten verborgen lagen, verband ein in den Stein eingelassenes Pentagramm. Der Raum glich aufgrund der Vielzahl an Schriftrollen und Büchern in den hohen Regalen schon fast einer kleinen Bibliothek. In seiner Mitte befand sich ein kreisrunder Tisch, dessen schwere Platte ebenfalls diverse Runen und Bannkreise zierten. Auf ihm standen genau fünf Kerzen in einem rituellen Muster. An seinem Ende saß eine einzige, hoch dekorierte Gestalt, gekleidet in die heilige Kriegerrüstung des Adeptus Astartes. Ein Engel des Todes, der einem Dämon in seinem eigenen Fleisch getrotzt hatte. Bei genauerem Hinsehen war er Bruder Asklepius nicht ganz unähnlich. Seine antike Rüstung war unzählige Male repariert, geflickt und neu lackiert worden. Dicke Narben zierten das Keramit, in das ebenfalls unzählige Bannkreise, heilige Verse und Schutzrunen geritzt, geätzt und gemeißelt worden waren. Ferner war sie mit dutzenden Talismanen geschmückt worden, die aus Steinen, Knochen und Schwur-Pergamenten bestanden.

„Setze dich, Bruder. Mein Name lautet Charon Echnaton. Ich bin der Captain der 8. Kompanie.“

Er hatte sich weder bewegt noch in meine Richtung gesehen. Seine Stimme war leise und dennoch so kraftvoll, wie als hätte er mich angebrüllt.

„Wisse dies, junger Akolyth: Der erste Schritt ist getan. Du bist nun ein Eingeweihter; einer der unseren und doch... befindest du dich gerade erst am Anfang deiner Reise.“

Er zögerte kurz und intelligente, tiefe Augen wandten sich den meinen zu, ohne auch nur im Geringsten von ihrer vom Warp berührten Verdorbenheit überrascht zu sein:

„Darf ich dir eine Frage stellen, Bruder?“

„Natürlich Captain!“

Versuchte ich zu antworten, abermals ohne Erfolg. Ich seufzte kaum merklich und wiederholte den Gedanken erneut, diesmal in Gebärdensprache.

„Wie hat es sich angefühlt? Es kommt nicht oft vor, dass jemand, dessen Körper so beschädigt wurde, so schnell wieder auf den Beinen ist. Nicht so stark. Nicht so… gefasst.“

Ich hielt seinem eisernen Blick stand, während meine Seele sich an einen Horror erinnerte, der meinem Geist dankenswerterweise verborgen blieb. In seine Augen zu blicken war, wie als würde man versuchen, etwas auf dem Boden eines beinahe unendlichen Abgrundes zu erspähen. Er nickte in einer Weise, deren Bedeutung ich nicht auszumachen vermochte.

Dies war ein verhör. Ich war der verdächtige.

Der Kommandant lehnte sich auf dem knarzenden Stuhl zurück und starrte gedankenverloren nach oben:

„Ich erinnere mich noch genau an meinen eigenen Aufnahmeritus… Es war… unbeschreiblich. Das Immaterium hat all meine schlimmsten Albträume aus meiner Seele gelesen, sie offenbart und sie dann anschließend wie ein Deck von Tarotkarten vor mir ausgebreitet. Es hat mir einen Arm genommen und mich verhöhnt, indem es mir die Fähigkeit gegeben hat, die Toten sprechen zu hören… Es hat mich für mein Leben lang verflucht, hat meine Seele und mein Fleisch geschändet... Was hat es dir angetan?“

Er spuckte aus und die aggressive Säure ätzte ein rauchendes, brodelndes Loch in den arkanen Stein. Er bemerkte, wie sich etwas in mir regte, als ich an die unerwünschten Veränderungen an meinem eigenen Körper dachte.

‚Es hat mir meine Stimme genommen… mein Skelett wie auf einer Streckbank gedehnt und meine Muskeln auseinandergerissen.“

Es war jenseits von einfach, diese Metapher mit Handzeichen zu verdeutlichen, die nicht für eine solche Art der Poesie geschaffen worden waren. Dennoch war es die zutreffendste Weise, die mir einfiel. Es war die einzig richtige Weise.

Hasst du uns dafür, dass wir dir das angetan haben?“

Der Captain legte interessiert den Kopf schief und ließ seinen Blick über mein entstelltes Gesicht wandern. Ich zögerte verdutzt:

Nein! Ihr habt lediglich die ehrenwerte Tradition unseres Ordens befolgt. Ja, es war der Dämon, der mir dies antat, aber euch trifft keine Schuld. Es war meine Entscheidung!‘

Ich gestikulierte nun deutlich energischer. Captain Echnaton schüttelte den Kopf.

„Du solltest uns dafür hassen. Es wäre schlau, uns dafür zu hassen. Der Hass macht uns stark.“

Seine vorher so ruhige Stimme glich nun dem bedrohlichen Donnergrollen eines nahenden Sturmes. Ich saß senkrecht vor Schock bei dem Verhalten, das einem Manne solchen Ranges, so gänzlich unwürdig war: Er hatte wahrscheinlich mehr über die auf kalter Logik basierenden Doktrine des Codex vergessen, als ich Jeh wissen würde. Blinder Hass war auf keiner seiner vielen Seiten zu finden. Ich versuchte dennoch die Fassung zu behalten, ja bloß keine Miene zu verziehen. Er sprach weiter:

„Was siehst du, wenn du an die gebrochenen auf der fernen Reise denkst?“

Ich dachte zurück an das zerschmetterte Etwas und es kroch mir kalt den Rücken herunter, als ich an diejenigen dachte, denen es noch schlimmer ergangen war:

Denen, die ihre Dämonen nicht loslassen konnten und nun, auf ewig, ein Dasein als fleischlicher Kerker für die Biester in ihrem Innern in fristeten. Erst der Tod ihres Wirtes würde sie wieder in das Reich schicken, aus dem sie gekommen waren.

Wieso…? Dieses Wissen fühlte sich fremd an. Niemand im Orden hatte mir dies erzählt. Es war geheim. Es musste geheim sein. Das war nicht gut…

Ich hatte zu lange gezögert, um Unwissenheit vorzutäuschen. Der Captain grinste jetzt. Dann wurde er mit einem Male sehr ernst:

Ich sehe Waffen. Waffen, die man entfesseln und auf den Feind werfen muss.“

Das hatte ich nicht erwartet. Der Satz traf meinen unvorbereiteten Geist wie ein Energiehammer den Kopf eines Häretikers auf der Schlachtbank der Ketzerei:

Das ist Häresie!‘

Brüllte ich so laut in meinen Gedanken, dass der Satz in meinem eigenen Kopf widerhallte. Echnaton schien die blanke Abscheu aus meinen unwirklichen Augen triefen zu sehen und schaute mich weiter belustigt an:

„Wir sind tote Männer, Bruder. Geister, die es nicht geben sollte. Jeder von uns steht mit einem Fuße schon im Grabe, sobald er überhaupt von unserer Existenz erfährt... Was bedeutet da noch ein weiterer Schritt auf einem unausweichlichen Weg, der so oder so in unsere Verdammnis führen wird? Der Orden muss stärker werden. Mächtiger. Größer. Wir dürfen keine Mittel scheuen! Kein Trick darf zu schmutzig sein, kein Opfer zu groß! -“

‚Was wollen Sie von mir?‘

Gestikulierte ich mit der plötzlichen Ruhe eines Totenpriesters, der gerade die letzte Messe für einen verstorbenen liest.

„Ich… will eine neue Ära erschaffen! Ich will Feuer mit Feuer bekämpfen! Ich will Blut für den Imperator, Schädel für den goldenen Thron! Der Feind muss mit allen Mitteln ausgelöscht werden! Ich brauche starke Krieger, wenn ich das durchsetzen will! Leute, die schlau sind; Jene, die die Wahrheit verstanden haben, die die Schwachen nicht akzeptieren wollen. Bist du einer von Ihnen?“

Ich schüttelte langsam den Kopf und spannte meine schmerzenden Muskeln an: Ich hatte genug. Sobald sich die Gelegenheit ergab, würde ich ihm seinen gotteslästerlichen Hals auf links drehen und seinen gebrochenen, zappelnden Körper höchstpersönlich zum nächsten Ordenspriester schleifen, damit er das Werk vollenden konnte. Mir war egal, dass er eine Rüstung trug und ich nicht. Es war keine blinde Wut, die meine Geist überrannte, es war ein zielgerichteter, klarer Zorn, der wie eiskaltes Wasser durch meine Adern pumpte. Lieber würde ich bei dem Versuch ihn zu überwältigen sterben, als vor ihm das Knie zu beugen. Die Luft bebte förmlich vor Anspannung. Er zog schweigend sein Energieschwert, aktivierte es bedrohlich und richtete seine knisternde Klinge direkt auf meine Brust. Durch meinen Geist zuckten mechanisch sämtliche Kampfdoktrine, die man mir für eine genau solche Situation in den Schädel gebrannt hatte. Keiner von uns beiden bewegte sich. Dann blitzte das Schwert auf und sauste, in einem für menschliche Gelenke unmöglichem Winkel, genau auf meinen Hals zu. Ich verlagerte kampfbereit mein Gewicht und ließ meine Arme nach vorne schnellen, um die mechanische Hand, die das Schwert umklammerte, noch irgendwie abzufangen.

Doch ich sollte sie niemals berühren.

Mein Körper erstarrte urplötzlich; Er gefror. Der Körper meines Kontrahenten tat das gleiche. Mit einem Mal war es kalt um uns herum geworden. Die dampfende Luft roch nach Ozon. Das knisternde Schwert flog in hohem Bogen durch den Raum und blieb zischend in einem der Bücherregale stecken; Wie ein warmes Messer, das man in einen weichen Block Butter geworfen hatte. Das schwere Holzregal fing sofort an zu qualmen, bevor der Geist der Waffe die Energiezufuhr kappte und das heilige Schwert mit einem schweren Scheppern auf dem Boden aufschlug.

„Du gehst wirklich immer aufs Äußerste, Bruder Echnaton. Irgendwann wird dich das deinen hitzigen Kopf kosten!“

Ein Astartes in langen Roben gab sich in den Schemen der Dunkelheit zu erkennen.

Wie hatte ich ihn nicht bemerken können; War er die ganze Zeit schon da gewesen?

Ein langer Stab, dessen Ende der Kopf einer silbernen Schlange zierte, wurde als erstes von dem flackernden Kerzenlicht berührt, als er langsam und bedächtig nach vorne schritt. Die Reflektionen in den Augen des leblosen Tieres, die aus glatten Opalen bestanden, ließen es fast so aussehen, als ob in ihnen ein loderndes Feuer glühen würde. Es war der Stab des Sabazius. Das heilige Relikt, das den psionisch talentiertesten Krieger des Ordens verfolgte… Ob dieser es nun wollte oder nicht. Im Moment war es der Besitz des obersten Librarius, das wusste ich. Ich blinzelte irritiert, als er näher kam: Etwas stimmte nicht mit dem Psioniker: Obwohl er jetzt vollständig beleuchtet und eindeutig vor mir stand, fühlte es sich so an, wie als würde ich geradewegs durch ihn hindurchsehen. Als er meinen verwirrten Blick bemerkte, nickte er kurz. Mit einem Mal spürte ich eine gewaltige Aura den Raum ausfüllen; So, wie als hätte man das Schleusentor zu einer elementaren, unbekannten Macht geöffnet, um ihn vollends zu fluten. Gleichzeitig zog der mysteriöse Psioniker seine Kapuze von seinem Gesicht und entblößte ein zerfurchtes Relief, dass aussah, wie als hätten sich grobe Steinmetze und unzählige Witterungen abwechselnd daran zu schaffen gemacht. Ich hatte noch nie einen so alten Space Marine gesehen. Die Allerwenigsten hatten das.

„Ich nehme an, das heißt, der Bursche ist sauber?“

Der Magier hatte den Mund des Captains anscheinend wieder frei gegeben.

„Ja, in der Tat. Das heißt es. Ich konnte keine Korruption in ihm wahrnehmen.“

Mit diesen Worten löste er den mystischen Bann vollständig. Der Captain fing sich geschickt aus seiner Bewegung, während mein eigener Schwung mich stolpern ließ und fast auf den Boden katapultierte.

„Dann herzlichen Glückwunsch, Jungspund! Willkommen in der 8. Kompanie!“

Echnaton reichte mir die Hand zum Kriegergruß, den ich zögerlich erwiderte. Er klopfte mir auf die Schulter und baute sich vor mir auf. Er war ebenfalls kleiner als ich. Ich sah verwirrt zu dem alten Zauberer, der das Schauspiel mit offensichtlicher Belustigung betrachtete.

„Du warst einer der Kandidaten, wo wir uns nicht ganz sicher waren. Deswegen der Zirkus, verstehst du?“

Ich nickte, immer noch leicht skeptisch. Echnaton neigte sich zu mir herüber und flüsterte mir zu:

„Aber ich hatte keine Zweifel um ehrlich zu sein! Ich erkenne das sofort.“

Ich spürte, wie der Librarius kaum merklich den Kopf schüttelte. Das verbesserte Gehör eines Astartes konnte, auf einem tobenden Schaltfeld, eine Stecknadel in einem benachbarten Gebäude fallen hören. So vernahm ich zum Beispiel, dass das Voxrelais an Echnatons Kragen leise klickte, als er eine Nachricht erhielt:

„Hey Meister, leiste dem Burschen noch etwas Gesellschaft. Ich werde leider grad dringend woanders gebraucht.“

Der Magier nickte und Echnaton wandte sich stattdessen mir zu:

„Weitere Befehle folgen in Kürze. Halte dich bereit und nutze die Zeit für dein persönliches Studium... Ich persönlich würde dir ja ein Wörterbuch nahelegen!“

Er verließ in Windeseile den Raum, während sein schallendes Gelächter über seinen eigenen Witz im Gang verhallte. Der alte Skriptor hielt sich eine Handfläche vor das Gesicht und stöhnte leise. Ich starrte ihn erwartungsvoll an. Wie als hätte er meine Gedanken gelesen, sprach er mit langsamer, trockener Stimme:

„Du hast viele Fragen nehme ich an. Die einfachste davon will dir zuerst beantworten: Ich bin Goetos, der oberste Librarius des Ordens. Meister des Kultes des zerbrochenen Turms.“

Mir bleib die Luft weg. Wenn das stimmte, war er über Sieben Tausend Jahre alt. Das sollte ihn eigentlich zu einer Berühmtheit im in der gesamten Armee des Imperiums machen! Auch wenn Astartes rein biologisch so gut wie unsterblich sind, so kam es doch höchst selten vor, dass ihre Lebensspanne eine einstellige Anzahl an Jahrhunderten überschritt… Geschweige denn sieben Jahrtausende. Hatte er die gesamte Geschichte unseres Ordens miterlebt?

„Alles zu seiner Zeit. Lass mein Alter erst mal meine Sorge sein… Das bringt uns gleich zum nächsten Punkt: Wie du sicher bemerkt hast, ist dein Potential für die Kunst seit deinem Ritual exponentiell gestiegen. Du hast es wahrscheinlich noch gar nicht richtig gemerkt, aber deine Gedanken sprudeln förmlich aus deinem astralen Körper, obwohl deine Seele beinahe schwarz ist. Das ist sehr… ungewöhnlich. Zeig mir, was du hier siehst.“

Er streckte seine gepanzerte Hand aus und ein regenbogenfarbener Feuerball erschien darin. Anders als die Kerzen warf er keine Schatten in seiner Umgebung. Es war, wie als wäre das Licht nur in meiner eigenen Vorstellung da. Ich spürte einen sanften Druck auf meinem Geist und hinter meinen Augen. Das Feuer war geradezu hypnotisierend.

„Du kannst nicht nur das Feuer, sondern sogar die einzelnen Farben sehen… Faszinierend.“

Ich schaute überrascht zu ihm auf. Ich bemerkte jetzt erst, dass der Librarius seinen Mund seit der Flucht von Captain Echnaton nicht bewegt hatte, obwohl er sich schon eine ganze Weile mit mir unterhielt.

„Ich möchte dich gerne Unterweisen. Selbstverständlich steht es dir Frei, selbst zu wählen, welchem Kult, du dich anschießt. Ich denke jedoch, dass der gebrochene Turm wohl die spannendste Wahl seien dürfte…“

Ich konnte kaum fassen, welche Ehre man mir hier zu Teil werden ließ: Der gebrochene Turm verwahrte die dunkelsten Schriften des Ordens und bildete die fähigsten Psioniker aus. Wissen ist Macht; Und dieser Kult besaß am meisten von beiden; Das Librarium war angesehen, geschätzt, Bewundert. Mittlerweile war mir klar, dass er meine Begeisterung spüren konnte. Er nickte zustimmend:

„Triff mich um Mitternacht im Atrium des Librariums. Dort werde ich dir deine erste Lektion zuteilwerden lassen.“
 
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Secret Heretic - Der Teufel im Innern - //Eine Exorcists-Geschichte//

von Lasirius Bolrealis


Kapitel 3: Ruhe vor dem Sturm


„Wir erreichen in Kürze das Zel-System. Notwendiges Personal bereit machen!“


Die sprunghafte Unruhe im Warp, die das quietschende und knirschende Schiff bei seinem Ausbrechen aus den reißenden Fluten des Unlichts verursachte, riss mich aus meiner tiefen Meditation. Die Kerzen in den fünf Ecken des Bannkreises um mich herum erloschen, obwohl sie nie wirklich im chemischen Sinne gebrannt hatten. Die Einzelteile der Boltpistole wurden mit einem Male aus der Schwebe befreit, die sie in der Luft gehalten hatte, und sie stürzten lauthals zu Boden. Um mich herum bebten und ächzten immer noch die Knochen des Kreuzers. Seit dem Beginn meines Trainings war kaum ein Monat vergangen; Vor circa einer Woche hatte ich den Befehl erhalten, mit dem Rest meines Trupps nach Zel Primus zu aufzubrechen, um dort einer marodierenden Rotte aus häretischen Astartes den blutigen Richtspruch des Imperators zu überbringen. Diese Zeit hatte für mich und Goetos gerade mal gereicht, um an den Grundlagen der Schutzzauber, der psionischen Wahrnehmung, sowie an denen der Telepathie und der Pyromanthie, zu kratzen. Es war viel zu wenig Zeit, obwohl ich zweiundzwanzig Stunden am Tag durchgehend trainierte. Für einen Astartes grenzte eine solch ausgedehnte Pause fast an Faulheit. Ich habe mich auch nur um Bruder Asklepios Willen darangehalten. Manchmal zumindest. Seltenst.

Das Schiff beruhigte sich langsam wieder. Mein Blick wanderte durch das dunkle Quartier, das in den letzten Tagen in ein perfektes Chaos aus Pergamenten, Büchern und arkanen Siegeln verwandelt worden war. Die Wände zierten exakt nachgezeichnete Symbole, hastig gemalte okkulte Zirkel und die Bruchstücke magischer Formeln. Aus der linken oberen Ecke schauten mich zwei neugierige, winzige Augen an. Sie gehörten einer kleinen Fledermaus, deren Art normalerweise auf Banish beheimatet war. Irgendwie hatte sich das Tier in mein Quartier verirrt und in einem seiner vielen Winkel Wache bezogen. Aus einem mir unerfindlichem Grund hatte ich dem Quartiermeister befohlen es nicht entfernen zu lassen.

War es vielleicht, dass sie mich beruhigte; oder erinnerte sie mich an etwas?

Dem menschlichen Diener war bei der Vorstellung, dass ein Engel des Todes sich über ein anderes Lebewesen Gedanken machen könnte, die Kinnlade heruntergeklappt. Hätte er dazu mein grauenerregendes Gesicht gesehen, hätte er wahrscheinlich bei dieser Ironie glatt einen Herzinfarkt bekommen. Es war ebenso ungewöhnlich, dass wir unsere Quartiere überhaupt dekorierten. Der Codex selbst sagte nichts zu solch unbedeutenden Lappalien. Das hieß aber auch, dass es nicht explizit verboten war. Der Boden bebte erneut, während die „Beelzebubs Rachefluch“ ihr noch mehrere Stunden andauerndes Bremsmanöver einleitete. Ich schloss meine Augen, die sich sofort an die Dunkelheit gewöhnt hatten, und begab mich wieder in Trance. Abseits vom Immaterium war sie klarer und nicht mehr von psionischen Störgeräuschen, oder sich durchziehenden Farben und Gerüchen überlagert. Dafür schienen meine Kräfte im Realraum etwas schwächer geworden zu sein. Ich streckte zur Übung meinen Geist aus und konnte in einem kleinen Radius um mich herum, die Hektik der kleinen Leuchtfeuer spüren, die durch das Schiff wuselten, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Die Seelen meiner Brüder konnte ich immer noch nicht wirklich sehen. Sie waren wie Geräusche am Rand des Hörspektrums, von denen man sich nicht sicher sagen konnte, ob sie nun tatsächlich da waren, oder ob man sie sich nur einbildete. Goetos hatte mir versichert, dass dies für einen Anfänger normal sei. Den anderen Adepten war es genauso ergangen. Ich versuchte meine Wahrnehmung noch weiter zu schärfen, aber es fühlte sich an, wie als würde sich die Last auf meinem Geist geradezu exponentiell vergrößern. Dann fühlte ich einen stechenden Schmerz und ließ den reißenden Strom des Immateriums ruckartig los, wie eine viel zu schwere Hantel. Ich schüttelte mein vor Kälte brennendes Haupt und widmete mich wieder den anderen Disziplinen, die mir mehr Kopfzerbrechen bereiteten. Die Kerzen flammten zögerlich wieder auf, was ein tadelndes Quieken des Fledertieres zur Folge hatte und die Waffenteile erhoben sich nacheinander wieder in die Lüfte. Ich schloss meine eigenen Augen und betrachtete mich stattdessen durch die der Fledermaus. Um so effizient wie möglich zu sein, versuchte ich so viele Aspekte wie ich konnte gleichzeitig zu trainieren. Es dauerte zwar viel zu lange für meinen Ehrgeiz, doch es gelang mir wenigstens diesmal, die Waffe vollständig wieder zusammenzusetzen.

"Bruder Lasirius! Magos Chrom erwartet dich in der heiligen Rüstkammer!"

Ich schreckte hoch, wie als hätte mich eine Klinge durchstoßen. Ich war so tief in meiner Meditation versunken, dass ich nicht bemerkt hatte, dass Bruder Balthasar in voller Rüstung den Raum betreten hatte. Ich notierte diese Schwäche und beschloss, dass ich in Zukunft aufmerksamer seien musste. Ich betrachtete ihn durch meine Spektralsicht, konnte aber auch seine Seele kaum erkennen, obwohl er direkt vor mir stand. Sie war dunkel, wie als läge sie hinter steinernen Schatten verborgen.

‚Ich werde unverzüglich eintreffen.‘

Sprach eine tonlose Stimme in seinem Kopf. Die Telepathie war die wohl nützlichste der wenigen Fähigkeiten gewesen, die ich in der kurzen Zeit erlernt hatte. Es war die einzige, für die ich überhaupt so etwas wie ein natürliches Talent besaß. Vielleicht war es auch einfach nur die blanke Notwendigkeit gewesen, um mich verständigen zu können. Einige Brüder hatte dies am Anfang irritiert, die meisten hatten sich mittlerweile daran gewöhnt. Bruder Balthasar gehörte nicht dazu. Um seine Missbilligung zu spüren, musste man nicht die dunkle Kunst Hexerei studiert haben. Ich zog mir die blutrote Kapuze tief ins Gesicht und wir schritten durch die Gänge der Quartiere, die den Ordensbrüdern zugeteilt waren. Hektische menschliche Diener, sowie Servitoren und Techadepten, hechteten uns aus dem Weg und um uns herum. Diejenigen, die uns das erste Mal sahen, verneigten sich ehrfürchtig und schienen von einer archaischen Furcht gepackt zu werden. Die Erfahrensten Diener und die Techadepten sahen uns eher als sperriges Hindernis, dass ihre Aufgabe erschwerte. Ihren lobotomierten Sklaven waren wir egal.

"Ihr habt Ungeziefer in eurem Quartier. Dort sieht es aus, wie als hätte ein ganzes Regiment an Cadianern eine Übung für den Einsatz von Sprenggranaten abgehalten. Kümmert euch darum, bevor ich es dem Chaplain melde!"

Ich nickte gleichgültig. Meine Gedanken waren gänzlich woanders und der gute Ordenspriester hatte im Moment wirklich andere Sorgen: Die geifernden Diener des Blutgottes marodierten gerade durch das Zel-System und tränkten jeden Planeten und jeden Mond, der ihnen in ihre stachelbesetzten Klauen fiel, in das unschuldige Blut seiner in Panik kreischenden Bevölkerung. Dass ihr verzweifelter Hilferuf uns überhaupt erreicht hatte, grenzte an ein Wunder. Man hatte rund die Hälfte der 8. Kompanie nach Zel-Primus beordert, um dort der vor Blut triefenden Hydra endgültig den Rumpf zu versengen. Es sollte meine erste Schlacht werden; Das erste Mal, dass ich das heilige Ceramit in den blutroten Farben meines Ordens anlegen sollte. Dies war ein feierlicher Ritus, der es verlangte, minutiös vorbeireitet, exakt nach Protokoll durchgeführt, und von den Ordensdienern und Techpriestern gleichermaßen zelebriert und gepriesen zu werden.

Ich konnte ihre extatischen Chöre schon hören, bevor die voluminöse Enklave des Maschinenkultes überhaupt in Sichtweite kam. Unter den hochgotischen Litaneien befanden sich Verse in unverständlichem Maschinencode, dessen Rhythmus und Tonhöhe von reinster Perfektion war. Sie ergänzten das Lied wie ein anachronistisches Orchester. Vor den riesigen Türen verneigten sich zwei schwer augmentierte, geflügelte Diener mit stachelbesetzten, goldenen Totenkopfmasken und rot glühenden Augenlinsen. Sie arretierten die ebenfalls goldenen Energie-Hellebarden mit ihren groben, mechanischen Gliedern und nahmen Haltung an. Zwischen ihnen befand sich, auf viel zu vielen Beinen, ein in die Farben des Mars gehüllter Techpriester höheren Ranges. Sein siebter und einzig menschlicher Arm, der nekrotisch an einer unpassenden Stelle aus seiner zerlumpten Robe ragte, wiegte einen Weihrauchschwenker vor uns hin und her, während seine künstliche, metallische Stimme heiligen Binärcode rezitierte. Dies musste wohl Magos Chrom sein. Sein Gesicht war unter einer zerfransten, tiefroten Kapuze verborgen. Das helle Licht der vielen grünen Augenlinsen konnte sie jedoch nicht verbergen. Ich betrachtete ihn verstohlen durch meine zweite Sicht: Seine Seele hatte eine eigenartige Form. Sie war an manchen Stellen heller als die der Diener, an anderen war sie fast vollständig verdunkelt und abgestorben. Sie war unglaublich alt und zerrüttet, trotzdem jedoch Scharf wie ein Skalpell. Erst nachdem der unförmige Diener des Maschinenkultes seinen Ritus beendet hatte, verneigten sich seine Wachen erneut und öffneten mir das Tor. Mein Bruder würde draußen warten müssen.

Ich schritt würdevoll und bedächtig in das Heiligtum. Die Kapelle war ein perfekter Kreis, erleuchtet durch einen ungleichen Chor an Kerzen. Ihr flackernder Schein versuchte fast schon vergeblich, den dicken Dunst aus Schweiß, Maschinenöl und heiligen Kräutern zu durchdringen. Letztere verteilten biomechanische, fliegende Engel mit weiteren Weihrauchbehältern überall in der Umgebung. Die Luft knisterte von den Entladungen der vielen Anlagen und Apparaturen, deren Kabel und Rohre sich in einem dichten Wurzelgeflecht verloren. Die Priester und Knechte, an den Maschinen und Steuerpulten, waren in einem solchen koordinierten Durcheinander verstrickt, dass es schwer war zu sagen, wo der eine aufhörte und das andere begann. Ich marschierte stur nach vorne. Alles an diesen Ort war um eine kleine erhöhte Plattform in der Mitte zentriert, auf der stolz das heilige Siegel des Adeptus Mechanicus prangte: Ein Totenschädel, der zur Hälfte menschlich und zur anderen Hälfte Maschine war. Er teilte sich auf, pneumatischer Dampf zischte hervor und heraus kam ein Gestell, in dem die Magi meinen Körper befestigten, bevor sie ihn erneut zu weihen begannen. Der Gesang schwoll an und wechselte die Tonart, als erst das Chassis, und anschließend die schweren Rüstungsplatten, nacheinander mit massiven Stahlgreifern an mir befestigt wurden. Ohne die Servomotoren wäre es selbst für einen Astartes eine Herkulesaufgabe, sich in einer solchen Panzerung überhaupt fortzubewegen. Die Szenerie verstummte vollständig, als mein neuer Helm über mein gehörntes Haupt gesenkt wurde. Dunkelheit. Ein letzter Moment der Ruhe. Lediglich mein Atem störte noch die perfekte Stille. Ich spürte das schwere Einrasten von Energiekupplungen und Haltebolzen, als der Reaktor des Rückenmoduls sich mit seinem Unterbau verriegelte. Nach einer undefinierbaren Zeitspanne ruckte dieser kurz auf. Langsam verebbende Vibrationen durchschüttelten meine Rüstung, während er immer lauter und höher zu surren begann. Dann kam ein weiterer schmerzhafter Stoß, als die unzähligen Nadeln der Rüstung gleichzeitig in die dafür passenden Anschlüsse in meiner Haut schossen. Der Maschinengeist der Rüstung erwachte brüllend zum Leben, während die massive Schale mit einem Mal zu meiner zweiten Haut wurde. Die Helmsysteme fuhren hoch, kalibrierten sich und zeigten Zielmatriezen, Reaktorwerte und weitere Subroutienen, die die Rüstung überwachten. Sie teilten mir mit, dass die sich zischend justierenden Triebwerke meines Sprungmodules sich noch in der Aufwärmphase befanden. Das Voxrelais klickte und ich nahm den Gesang nun durch meine Autosinne wahr; deutlicher und detaillierter als zuvor. Ich neigte meinem Helm, dessen sensorgestütztes und von Runen durchzogenes Sichtfeld mein normales nun deutlich überstieg, und hörte das leise Schnurren frisch geölter Servomotoren in meinem Nacken. Ich ballte eine Faust und spürte die mechanische Macht durch meinen gesamten Körper fließen, als die künstlichen Muskeln knurrend meine Bewegung zu unterstützen begannen. Einige Techpriester knieten nun vor mir, insofern ihre stark mechanisierten Körper eine solche Bewegung überhaupt zuließen. Ich wusste, dass ihre Anbetung nicht mir galt, sondern der Maschine, mit der ich nun zu einer Einheit verschmolzen war. Der Gesang veränderte sich erneut, als ein weiterer Priester mir andächtig meine erste Waffe reichte: Es war eine moderne Plasmapistole. Ich nahm sie in die Hand und sie synchronisierte sich sofort mit meiner Rüstung. In meinem Sichtfeld erschien eine grüne Munitionsanzeige. Ein dünnes Fadenkreuz leuchte auf und zeigte an genau die Stelle, wo auch der Lauf der Waffe hindeutete. Als letztes brachte man mir meine Hauptwaffe: Das heilige Kettenschwert. Es war eine brutale und martialische Waffe, deren vor Kraft nur so strotzender Motor sich sklavisch dem Willen meiner Gedanken beugte. Die blank polierten Zähne, die zuvor mit heiligen Ölen gesalbt worden waren, bestanden aus hochreinem Silber. Sie spiegelten blitzend die blutrote Farbe meiner Rüstung wider. In die seitliche Panzerplatte war der gehörnte Schädel des Ordens eingelassen. Unter ihm befand sich eine der 666 hochgotischen Verse des Liber Exorcismus, der die Waffe und ihre künftigen Opfer gleichermaßen segnen sollte. Ich hatte den Vers selbst gewählt: Er kündete davon, dass wir fühlenden Wesen es sind, die unsere eigenen Dämonen erschaffen. Allein dieses Wissen konnte einem normalen Sterblichen den Kopf im Imperium kosten. Es war eine Warnung; Eine Erinnerung an eine Sentimentalität, deren schemenhafter Ursprung ich immer noch zu ergründen versuchte. Vielleicht gefiel mir auch einfach die Ironie, mit einem solchen Vers einem Niegeborenen den Garaus zu machen.

„Worte haben Kraft. Heilige Worte haben Macht. Teuflische Worte können korrumpieren und beschwören. Wählt eure Worte also mit Bedacht…“

Das war das Erste gewesen, was uns Meister Goetos gelehrt hatte. Obwohl es dem Priester, trotz oder gerade wegen seiner drastischen Augmentationen, sichtliche Mühe bereitete, die Waffe würdevoll emporzuheben, war sie in meiner gepanzerten Hand so leicht, wie ein Holzschwert in der eines starken, ausgewachsen Menschen. Der Gesang glitt in die letzten Verse seines tobenden Kanons. Ich bewegte mich nicht, während die rot gewandeten Diener des Maschinenkultes routiniert die letzten Riten, Diagnosen und Kalibrierungen vornahmen. Meine Helmsicht ging alle Modi, von Nachtsicht, über Wärmesuche, bis hin zu zwanzigfacher Vergrößerung durch. Die Triebwerke fauchten kurz auf und erloschen dann wieder. Die Injektoren für Schmerzsuppressoren und Kampf-Stimulanzien wurden justiert und mit meinen Vitalfunktionen synchronisiert. Dann fuhr das Gestell zurück und ich war tat meine ersten, den Boden erschütternden Schritte als vollständiger Krieger des Adeptus Astartes.

Als ich aus dem sich hastig wieder schließendem Tor trat, sah ich, wie sich der Ordenspriester der 8. mit Bruder Balthasar unterhielt. Von außen sah es so aus, als würden sie lediglich stumm Spalier stehen, doch das Klicken ihrer Voxrelais verriet ihre geheime Unterhaltung. Der Chaplain grüßte mich feierlich, gratulierte mir kurz, und ging dann seiner Wege.

"Bruder Lasirius und Bruder Balthasar: Kommt auf die Brücke, sobald diese buckligen Zahnradfi-"

Ein verdächtiges, kurzes rauschen hatte das Vox unterbrochen, als Bruder Echnaton bemerkt hatte, wer noch alles im Kanal war.

"...Sobald die ehrenwerten Diener des allmächtigen Omnissiahs mit ihrer heiligen Arbeit fertig sind."

Ich konnte mir ein tonloses Lachen nicht verkneifen. Ein Glück, dass es stumm war: Denn Bruder Balthasar hätte mich für diese unseriöse Handlung sicher getadelt, die er weder verstand noch je selber ausgeführt hatte. Das leise Surren seiner Nackenservos verriet mir, dass er kaum merklich den Kopf schüttelte. Auch wenn er als talentiertestes Mitglied unserer Scoutkompanie das Vorzeigebeispiel eines Space Marines war, beschlich mich der häretische Gedanke, dass er der einzige war, bei dem es mich nicht wunderte, dass ich seine Seele nicht spüren zu konnte. Wahrscheinlich war dies der Ursprung seiner Kraft. Die Sergeants hielten große Stücke auf ihn, und viele sahen ihn schon bald in der Enochianischen Garde der 1. Kompanie. Doch vorher würde er sich beweisen müssen. Echnaton schien seine humorlose Art ebenfalls etwas seltsam zu finden, doch hatte den Anschein erweckt, bereits an solche Kaliber gewöhnt zu sein.

"Komm endlich, Bruder."

Knurrte Balthasar, obwohl ich die ganze Zeit neben ihm gelaufen war.

"Und behalte deine häretische Hexerei für dich! Die Diener kriegen schon Albträume deswegen."

Ich wandte mich irritiert zu ihm um:

'Ich glaube ja eher, dass die Fluten des Warp dafür verantwortlich sind. Das ist nichts Ungewöhnliches… Ich habe auch irgendwie besseres zu tun, als unsere Besatzung zu terrorisieren, Bruder.'

Das war die falsche Antwort.

"Geh aus meinem Kopf, Hexer!"

knurrte die Stimme in meinem Helmvox, deren ohnehin schon harscher Klang nun von sprudelnder Abscheu noch weiter verzerrt wurde. Ich konnte sein Misstrauen gegenüber Psionikern bis zu einem gewissen Grad zwar verstehen, sein Verhalten jedoch war… wirklich kindisch. So ein Verhalten konnte nur von jemandem kommen, der keine Ahnung über die Funktion der Telepathie hatte: Für gewöhnlich sendete man seine Gedanken einfach durch die Leere; Man drang nicht in den Geist des anderen ein, sondern streifte ihn lediglich sanft. Ab diesem Punkt würde es an ihm liegen, das Empfangene zu interpretieren. Vermutlich klangen die Eindrücke bei jedem anders, vielleicht sahen sie sie auch oder spürten sie vielleicht sogar. In jedem Falle konnte ich mich jedoch verständlicher ausdrücken, wie mit dem begrenzten Vokabular der Zeichensprache. Dennoch erkannte ich den Fehler, den ich gemacht hatte. Ich beschloss lieber zu schweigen, und später den Chaplain zu fragen, was er von der Sache hielt.

Sonst wird es früher oder Später noch zu Problemen kommen.

Der runde Tisch des Strategiums wurde von den flimmernden Holoprojektionen der taktischen Anzeigen in ein unheimliches grünes Licht getaucht, das in der Nähe der brennenden Fackeln an der Wand endete. Der Raum war genauso eingerichtet, wie das dunkle Gemäuer von Banish. Man hätte fast vergessen können, dass man immer noch auf einem Schiff war.

"Ihr werdet die 4. Kompanie beim Sturm auf die Festung unterstützen. Bruder Balthasar übernimmt das Kommando. Die Einzelheiten erfahrt ihr im Thunderhawk. Wegtreten!"

Die Befehle von Leutnant Taediosus waren so knapp, wie sie präzise waren. Sie passten zu seiner viel zu ernsten, viel zu geradlinigen Gestalt. Seine einschläfernde Sprechweise wurde von seiner makellosen Sauberkeit unterstrichen: Nicht nur hatte seine Rüstung keinerlei Kratzer oder Dellen, sie war auch komplett frei von jeglichen Verzierungen oder unnötiger Heraldik. Selbst seinen Rang stellte er, im Vergleich zu jedem anderen Ordensbruder, nicht offen und stolz zur Schau. Drei Köpfe nickten, drei stählerne Fäuste donnerten gegen das glänzende Gold des geflügelten Totenkopfes auf unserer Brust. Sechs Herzen konnten die Aufregung der Schlacht kaum erwarten.
 
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von Lasirius Bolrealis


Kapitel 4: Feuertaufe



Das gepanzerte Landungsschiff rüttelte, als wir schweigend in seinem Bauch zu unserem Abwurfpunkt befördert wurden. Die Projektionen ließen das Abteil in heller Jade erstrahlen, während ein Servoschädel monoton die taktischen Einzelheiten herunterplärrte: Wir würden bei voller Fluggeschwindigkeit aus der Maschine stürzen und über einem Gebiet in der Nähe der Festung aufschlagen. Nach der Landung würden wir uns unseren Weg durch die feindlichen Truppen in Richtung unseres Ziels kämpfen, in welchem sich die Rotte aus Verrätern verschanzt hatte. Mit ihm würde die letzte Verteidigungslinie vor der Hauptstadt fallen. Unser Ziel war es, so viel Chaos und Verwüstung wie möglich anzurichten, während die Infiltratoren einen Weg in die Festung suchten, um dort die Koordinaten für einen Teleportangriff vorzubereiten. Ein orbitales Bombardement hatte nicht zur Debatte gestanden, da das gigantische Umspannwerk von einem dichten Energiefeld geschützt wurde. Diese Stellung war ungewöhnlich weitsichtig von den Berserkern gewählt worden: Sie war nämlich ebenfalls für die primäre Energieversorgung der Schilde der Hauptstadt verantwortlich.

Ich betrachtete mit heimlichen Seitenblicken meine Mitstreiter, während der surrende Schädel uns weiter mit Informationen beschallte. Balthasars makellose Gestalt war so ruhig wie die See. Der letzte im Bunde unserer dreiköpfigen Kampftruppe war ein Krieger, den ich nur flüchtig kannte. Ich hatte ihn lediglich ein paar Mal zuvor in meiner Scout-Kompanie gesehen, wo er nie sonderlich viel Aufsehen erregt hatte. Obwohl sein Ceramit von derselben Baureihe war wie das von Balthasar, hätten die beiden Rüstungen nicht unterschiedlicher sein können: Die von Bruder Herodon, so verriet es mir meine taktische Helmanzeige, war bis in den letzten Winkel mit religiösen Mantras des Liber Exorcismus und den sakralen Versen des Lectitio Divinitatus übersäht. Selbst hergestellte Talismane und Fetische waren mit größter Sorgfalt daran angebracht worden. Der fromme Zelot umklammerte eine goldene Gebetskette mit heiligen Insignien und Amuletten, die allesamt dem Gottimperator der Menschheit gewidmet waren. Ich vermutete, dass er unter seinem auffälligen, goldenen Helm gerade heilige Litaneien rezitierte. Sein Körper zuckte kurz; Mir war aufgefallen, dass er dies häufiger tat.

Welcher Dämon hatte wohl von ihm Besitz ergriffen, wenn er es geschafft hatte, ein solch unerschütterliches Wesen in einen derart religiösen Wahn zu treiben?

Mich beschlich wieder das Gefühl, beobachtet zu werden.

War es Bruder Balthasar?

Nicht wichtig. Ich schloss die Augen und ging noch einmal alle psionischen Fähigkeiten durch, die ich eher schlecht als recht beherrschte. Dann begann ich, meine Seele für den Kampf einzustimmen und meinen Geist für das Kommende zu wappnen. Ich schob, so wie Meister Goetos es mir gezeigt hatte, sämtliche Zweifel und Nervosität in eine dunkle Ecke meines Bewusstseins, und schloss sie hinter einer pechschwarzen Wand aus Eisen weg. Furcht kannte ein Space Marine nicht. Nicht einmal im übertragenen Sinne.

"Unterstützungstruppe Hasatan, Vox check! Könnt ihr mich hören?"

Captain Echnatons gefasste Stimme wurde von den Interferenzen der Kampfgeräusche überlagert. Da wir in seiner Vox-Reichweite waren, dürften wir uns bereits in der Nähe unseres Ziels befinden. Bruder Balthasar antwortete zuerst:

"Judex Imperatoris, Vox check!"

Bruder Herodon folgte als Nächstes:

"Sanctus Acolythus, Vox check!"

Da wir es mit Mächten zu tun hatten, die sich von der Kraft von Symbolik nährten, trug kein Kampfbruder seinen echten Namen in die Schlacht. Es war stattdessen Tradition geworden, dass man sich die Titel oder Namen imperialer Heiliger zulegte, um allein damit dem Feind ein Unbehagen zu bereiten. Die Ausnahme bildeten die ehrwürdigen Veteranen, die sich die Namen ihrer besiegten Dämonen zu eigen machten, um so ihren Gegner zu demütigen. Die erfahrensten unter ihnen hatten genug Namen beisammen, um Ganze Pergamente damit auszufüllen.

„Angelus ex Machina. Vox check.”

Die metallene Stimme, die durch den Kanal kratzte, war nicht meine Eigene. Um mit meinen Brüdern auf dem Schlachtfeld kommunizieren zu können hatte ich, zusammen mit unserem Ordenspriester, eine Idee ausgeheckt, die uns auf dem Mars vermutlich auf das Schafott der Technohäresie gebracht hätte: Der Chaplain hatte heimlich einen vertrauten Techpriester mit ihrer Umsetzung betraut: Für Magos Talos Chrom waren die eisernen Dogmen des Adeptus Mechanicus, die sie eigentlich an die technologische Stagnation banden, eher nett gemeinte Ratschläge als undiskutierbare Axiome. Das Konzept war denkbar einfach: An meiner Hüfte befand sich ein zweckentfremdeter Servoschädel, dessen organisches Gehirn ich mir zu Nutze machte, um mit dem eingebauten Voximplantat auf das Netz zugreifen zu können. Der ihm verbliebene menschliche Geist war so schwach, dass es ein leichtes war, ihn mit meinen Gedanken zu übernehmen.

Die Flut an strategischen Erklärungen an der stoppte so abrupt, wie sie angefangen hatte. Die kurze Stille, die darauf folgte, wurde bald unter dem Summen und Zischen unserer hochfahrenden Triebwerke begraben, die sich auf den Absprung vorbereiteten. Gleich würde es so weit sein.

Der Pilot gab die Freigabe und öffnete die Rampe im Heck. Verkohlte Luft und Asche schossen sofort in den schmucklosen Laderaum, und entfesselten einen peitschenden Sturm auf dem Deck. Ein gemartertes Licht brach herein, das fast denselben Schimmer wie unsere blutroten Rüstungen besaß. Bruder Herodon ließ einen Kampfschrei los, der so enthusiastisch war, dass das Vox seine übersteuerte Stimme runterregeln musste. Dann preschten wir nach vorne, sprangen gleichzeitig aus der Landefähre und begaben uns in den freien Fall. Zwei andere Trupps neben uns taten das Gleiche aus ihren Fliegern. Mein Visier adaptierte sich sofort, als wir durch die rußgeschwärzte Wolkendecke brachen. Unter uns bot dich der Anblick eines Kataklysmus:

Ich ließ meinen Blick aufmerksam durch die mutierte, sich windende Wüste schweifen, deren Boden vor aufgewirbeltem Schmutz kaum noch zu erkennen war: Unzählige zuckende Laserstrahlen durchschnitten die unförmigen Staubwolken, wie ein helles Nadelgewitter. Kriechende Berge aus Knochen und Fleisch wuchsen zwischen ihnen empor. Ihre tentakelartigen Auswüchse pulsierten abartig, während sie mit ihren vielen Augen und Mäulern an dem verkommenen Himmel leckten, wie als wollten sie ihn nach unten ziehen, um ihn dort zu verschlingen. Ein Unlicht aus sich überlagernden Farben peitschte die violetten Wolken am Horizont in die Formen dunkler Omen, und in die von lachenden Dämonenfratzen. In sie ergossen sich unregelmäßige Ströme aus glühender Lava, die wie umgekehrter Regen in die Höhe stiegen, nur um anderer Orts wieder als Gift und Schlacke herabzufallen.

Dies war buchstäblich die Hölle auf Erden.

Ich erkannte die ernüchternde Wahrheit sofort:

Diese Welt war bereits verloren.


Wir waren nicht hier, um sie zu beschützen; Unsere Aufgabe war es weder, den Feind zu bekämpfen, noch um ihn zurückzudrängen. Wir waren hier, um ihm mit einem harten und schnellen Schlag das Rückgrat zu brechen, bevor sich seine Korruption auf die umliegenden Systeme ausbreiten konnte.

Eines der wichtigsten Maxime des Kodex schoss mir durch den Kopf:

…Der Schlange so schnell wie möglich den Kopf abschlagen.

Die Menschlichen Verteidigungstruppen des Astra Militarums hatten tapfer gekämpft, und ihre verstreuten Überreste taten dies noch immer. Trotzdem würde ab jetzt jede ihrer Missionen ein Himmelfahrtskommando im Namen des Imperators darstellen. Wenn die Dämonen sie nicht holten, würde es die Inquisition tun; Insofern es nicht die Plutonianer waren, die sogar unserer Existenz duldeten. Das war zumindest meine Hoffnung, aber damit würden sich ranghöhere Ordensbrüder herumschlagen müssen.

Der Boden kam näher. Wir griffen so an, dass wir die Sonne im Rücken hatten; Nicht, dass es in dem Chaos jemand bemerkt hätte, in das wir uns stürzen. Wir dreht uns so, dass die Nachbrenner unserer Sprungmoduldüsen geradlinig auf den Boden zeigten. Dann zündeten wir unsere Triebwerke gerade so weit, dass uns der Einschlag nicht töten würde. Drei Engel des Todes stürzen sich mit brennenden Flügeln vom Himmel und schmetterten in einen Sumpf, von dem ich nicht mehr sagen konnte, ob er jetzt aus Fleisch, Blut oder Matsch bestand.

Das war unwichtig.

Der Boden erhob sich wellenförmig um mich herum, während meine beschleunigte Masse seine zähflüssige Oberfläche verdrängte. Die menschlichen Kultisten regneten noch als rote Klumpen durch die Lüfte, während die wütenden Schreie der pulverisierten Dämonen leise in meinem Geist widerhallten. Meine Helmlinsen brannten die klebrigen Verunreinigungen sofort weg, noch während ich den Kopf hob.

Ich brauchte weniger als einen Herzschlag, um mich zu orientieren, und noch bevor mein zweites Herz gepocht hatte, fand der Zorn meiner aufjaulenden Kettenklinge auch schon sein erstes Ziel: Das rote, ziegenbeinige Etwas fluchte in einer dunklen Sprache, während sich seine in drei Hälften geviertelten Bruchstücke in schwarzem Rauch auflösten. Er würde nicht der letzte sein.

Unsere Einheit mähte sich durch unsere Feinde, wie eine Sense durch das Korn. Unser Radius vergrößerte sich stetig, und bald zerfielen wir in unsere ursprünglichen, dreiköpfigen Kampftruppen.

"Zusammenbleiben!"

bellte Bruder Balthasar durch das Vox, während wir uns durch eine dicht bewucherte Savanne schnitten. Wir waren mittlerweile am Rande einer Kulisse aus halb eingestürzten, vom Kampf gezeichneten Ruinen angelangt. In der Ferne konnte man bereits die ersten Zinnen der Festung, und die bläulichen Entladungen des belagerten Energiefeldes sehen.

Es lief gut. Zu gut.

In mir kroch steigend der häretische Gedanke hoch, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. Ich atmete rhythmisch durch, um meine Meditation wieder zu festigen. Wir metzelten weiter eine blutige Schneise aus Tod und Vernichtung in die Linien des Feindes, bis weitere Häuser um uns herum erschienen. Sie standen nun dichter gedrängt und stammten vermutlich aus einem verlassenen Wohnkomplex. Das ungute Bauchgefühl kam zurück und pochte nun stärker als zuvor durch meine Adern.

Die letzten Zielanzeigen meines Helmes erloschen, als Bruder Herodon seine Klinge aus dem Befehlshabenden Dämonen einer Horde zog, die sich besonders verbittert an ihr sündhaftes Leben geklammert hatte. Meine eigene, von verkrustetem Blut bedeckte Klinge bockte beunruhigend im Torso eines feindlichen Leichnams, bevor sie vollständig verstummte.

Die plötzliche Stille war ohrenbetäubend.

Wir waren auf einmal alleine in einem Berg aus verdrehten Leichen und den rasch verwesenden Resten reiner Warpenergie. Ich schaute mich das erste Mal seit der Landung genauer in meiner Umgebung um: Scheinbar war dies einst eine Art Marktplatz in einem abgelegenen Außenposten gewesen, um den sich ein kleines Dorf gebildet hatte. Schlechte, und grob gearbeitete Statuen imperialer Heiliger zierten jede Ecke und jeden Winkel des Ortes. Wie es aussah hatte man sie unter größter Hast und Not zusammengezimmert. Dennoch waren viele von ihnen, trotz ihrer schäbigen Handwerkskunst, auf grausamste Weise mit den verstümmelten Leichen derer entweiht worden, die bis zuletzt an sie geglaubt hatten. Bruder Herodon betete leise für sie, während ich und Balthasar unsere Pistolen durchluden. Ich sah auf und inspizierte meine Brüder genauer: Wir alle waren braun vor Schlamm, schwarz vor Asche und Rot vor Blut. Letzteres überdeckte die vielen Schrammen und Kratzer in den Panzerplatten und gab unseren Rüstungen eine widerwärtige, spiegelnd-klebrige Oberfläche, deren Farbe sich dadurch jedoch nur geringfügig änderte. Bruder Herodons Sprungmodul war im Kampf beschädigt worden und spuckte gelegentlich Funken, aber es würde trotzdem noch funktionieren; wenn auch mit Einschränkungen. Ich meldete Bruder Balthasar, dass ich die Kette meines Schwertes wechseln musste. Als ich es mit einem feuchten Schmatzen aus dem mutierten Kadaver herauszog bemerkte ich, dass sie mittlerweile vollständig mit organischen Überresten und Knochensplittern verstopft war. Ich betrachtete sie durch meine vergrößernde Helmsicht: Die geweihten Zähne waren durch die kontinuierliche Benutzung entweder blank geschliffen, wurden stumpf, oder fehlten gar komplett. Bruder Balthasar sprach in der kurzen Zeit, die die Wartung in Anspruch nahm, mit unseren Befehlshabern, um uns neu zu koordinieren. Ihm selbst hatte man ein selteneres Energieschwert als Rangabzeichen anvertraut.

Wir gingen weiter in die Mitte des Platzes, und versammelten uns vor einem Podest mit mehreren Galgen, die mit Knochen verziert worden waren. Von ihren Stricken und Ketten baumelten noch weitere ausgeweidete Körper und abgetrennte Gliedmaßen. In ihrer Mitte stand eine grausame Opferstädte, von deren Seiten, wie aus einer verfluchten Quelle, immer noch unablässig Tränen aus frischem Blut herabliefen. Davor waren Acht menschliche Schädel zu einem kleinen Haufen gestapelt worden. Vermutlich handelte es sich hier um die ehemaligen imperialen Stadthalter des Ortes. Bruder Herodon trat, mit aller Verachtung, die er aufbringen konnte, den triefenden, dunklen Altar kaputt. Das dunkle Gebilde kreischte und wimmerte gequält, während es unter der massiven Wucht in Fetzen barst. Die rauchenden Steinsplitter wanden sich wie Würmer auf dem Boden, bevor der Akolyth sie ebenfalls zerstampfen konnte. Ihr dickes Blut verschmierte einen großen, dunklen Bannkreis, der geradezu nach ihrem Lebenssaft zu dürsten schien. Ich trennte ihn lediglich mit einem Wischen meines Fußes auf, und widerstand damit der Neugier, ihn durch mein körperloses Auge zu betrachten. Es wäre aus vielen Gründen unklug gewesen, meinen Geist an einem solchen Ort zu öffnen. Dennoch brannte sich ein Echo der hier begangenen Gräueltaten, gegen meinen Willen, in den stählernen Schild, den ich um meine Seele gelegt hatte.

Wir marschierten zügig weiter zum Sammelpunkt und passierten eine Straße, die uns durch ein plötzliches Dickicht führte. Die Frequenz der Hütten begann langsam abzunehmen, als die Natur wieder das Ruder übernahm. Wir kamen an eine abgelegene Lichtung, die spärlich von zerstörten Fabrikgebäuden umrandet war. Vermutlich der Vorplatz einer ehemaligen Tempelanlage des Mechanicus am Rande des Dorfes. Zerschmetterte Ikonen mit künstlichen Gliedmaßen und tiefen Kapuzen säumten den Platz, seine ehemals majestätische Vegetation nicht mehr als ein verbrannter Schatten seiner selbst. Eine Statue fiel mir besonders ins Auge: Sie war als einziges von hoher Qualität und auch wenn sie nun kopflos dastand; Ihr goldener Rapier zeigte immer noch stolz nach vorne auf unser Ziel. An ihrem Fuße trafen wir ein einige andere Trupps, von denen ein paar bereits nicht mehr vollständig waren. Ihre Verfassung glich in etwa der unseren. Es waren viel zu wenige für einen Großangriff.

Wo waren die anderen?

Wir salutierten vor Captain Echnaton, der sich an unserer Spitze befand und unablässig Befehle in die Reihen brüllte. Wir schritten ins Glied und formierten uns neu. Die Erde begann zu beben. Es war wie der Donner eines anschwellenden Sturms, der sich genau in unsere Richtung bewegte. Der Captain verstummte mit einem Mal und wir hielten inne. Das Gefühl von drohender Gefahr brannte jetzt wie Eis auf meiner Seele.

Dann hörten wir alle geschockt das lauter werdende, bedrohliche Mahlen unzähliger Kettenäxte, die sich kreischend durch Holz, Metall und Stein bissen. Sie kamen von überall: Aus dem Unterholz, aus den zerstörten Gebäuden, aus den nahen Bunkeranlagen, und sogar aus dem Boden selbst. Wir begannen, auf Captain Echnatons Befehl hin, eine rudimentäre Verteidigungshaltung einzunehmen, doch es war zu spät:

Die Falle war zugeschnappt.

Wir waren umzingelt.

Es waren keine Kultisten und keine niederen Dämonen, die uns auflauerten. Es waren Astartes. Verdreht und verschandelt von unzähligen Kämpfen, jahrhunderter langer Verwahrlosung, und ihrer eigenen, inneren Verdorbenheit, die der Warp nun in unterschiedlicher Intensität nach außen kehrte. Ihre karmesinroten Rüstungen zierte schmutziges Messing, aus den teilweise fehlenden Panzerplatten barsten unmögliche Muskelpakete, und ihre Waffen waren einem grausamen Götzen geweiht, der genauso nach ihrem Blut trachtete, wie er es nach unserem tat. Sie alle schmückten sich mit finsteren Trophäen, die von den zahllosen Massakern kündeten, die sie in ihrem sündhaften Unleben begangen hatten. Das schlimmste waren jedoch ihre Gesichter; nur wenige von ihnen trugen noch ihre Helme: Es waren vernarbte, grob gehauene Abscheulichkeiten, in deren kleinen Augen sich der Schmerz des blanken Wahnsinns spiegelte. Sie alle hatten die gleichen Schädelimplantate, deren Ausläufer, wie die grausame Parodie menschlicher Haare, aus ihren Köpfen ragten. Sie knurrten, geiferten und zuckten unkontrolliert, wie ausgehungerte Bestien, die sich ihrer wehrlosen Beute gegenübersahen.

"Beim Imperator, das ist ein Hinterhalt!"

stellte Bruder Balthasar endlich das offensichtliche fest.

"World Eaters!"

fauchte Bruder Herodon.

Sie preschten ohne Vorwarnung los. Mein Trupp, der einzige mit Sprungmodulen, erhob sich sofort in die Lüfte und jeder von uns wählte das Ziel, wo er am meisten Schaden anrichten konnte. Die ersten Bolterschüsse donnerten durch die Luft, und der Platz versank augenblicklich in eine Kakophonie aus Blut, Schreien und Staub. Da beide Seiten gleichermaßen rote Rüstungen trugen, musste ich mich vollständig auf mein internes Zielsystem verlassen, das deutlich mehr Ziele in dem Chaos markierte, als mir lieb war. Um Captain Echnaton war bereits nach wenigen Sekunden ein beachtlicher Berg aus zersägtem, häretischem Fleisch entstanden. Ich wich einem herannahenden Querschläger aus. Mein Blick wanderte unter Hochdruck weiter, und entschied sich für einen nahen Dreiertrupp am Rande des Gemetzels. Ich krachte mit der Gewalt eines kleinen Meteoriten in die unvorbereitete Kriegerschaar, und der Schlamm barst in einer nassen Welle auseinander. Die Anzeige meines Sprungmoduls wechselte auf Rot, doch ich nahm sie kaum wahr. Mein primäres Ziel zerfetzte ich, noch bevor sein massiger Körper auf dem Boden aufschlagen konnte. Die anderen beiden hatten schneller reagiert, und der Einschlag hatte sie lediglich zurückgedrängt. Der Ketzer zu meiner rechten richtete seine röhrende Axt in den Himmel und brüllte über den Lärm hinweg:

"BLUT FÜR DEN BLUTGO-"

weiter kam er nicht, da ein sengend heißes Geschoss aus ionisiertem Gas seinen grotesken Schädel, wie einen überreifen Kürbis, zerplatzen ließ. Die Zielmarkierung, die sich immer noch mit meinem Fadenkreuz überlagerte, erlosch augenblicklich, als der vom rotem Nebel seiner letzten Gedanken umgebene Leichnam knirschend in sich zusammensackte. Meine Pistole knisterte leise von der elektrischen Entladung.

Es schien wohl zu stimmen, was man über ihren Gott sagte; Vielleicht besaß er ja auch einen sehr dunklen Humor, der das missglückte Husarenstück bestrafte, sich ohne kraniale Panzerung in ein Schlachtfeld werfen zu wollen, das genauso von Fernkampfwaffen, wie von Klingen regiert wurde?

Meine Aufmerksamkeit galt nun demjenigen, den ich als den ältesten und erfahrensten unter ihnen ausgemacht hatte: Er trug eine gepanzerte Halbmaske, und wartete gar nicht erst auf eine Einladung meinerseits. Er schoss mit einer Geschwindigkeit auf mich zu, die ich seinem bulligen Kaliber niemals zugetraut hätte. Währenddessen blockte er, mit der breiten, gepanzerten Seite seiner messingverzierten Kettenaxt, routiniert die bläulich leuchtenden Plasmageschosse aus meiner Waffe. Das grausame Artefakt heulte auf, als es wie eine Guillotine auf mich herabfuhr. Es war mehr mein Instinkt als mein Können, der mir in diesem Moment das Leben rettete. Ich parierte ächzend die rasch aufeinander folgenden Hiebe. Jeder einzelne von ihnen barg eine Wucht in sich, die der von vom Himmel herabstürzenden Granitblöcken gleichkam. Meine Rüstung vibrierte jedes Mal, wenn die kreischenden Servos und Muskeln gleichermaßen beim Versuch versagten, die Einschläge vollständig zu dämpfen. Mein Konterhieb ging ins Leere. Das Monstrum setzte eine rasche Finte und holte zum Vernichtungsschlag aus. Ich ließ in einem letzten Akt der Verzweiflung meinen Geist in ihn fahren, und konnte, für den Hauch eines Wimpernschlages, tatsächlich seine Bewegungen vorrausehen. Dann brach auch schon eine brennende Flut aus Wahnsinn und Schmerz über mich herein. Ich kappte sofort die mentale Verbindung, deren Rückkopplung dabei war, mir Hören und Sehen zu nehmen. Ich schmeckte Blut und fühlte etwas Klebriges aus meinen dröhnenden Ohren laufen. Meine Wahrnehmung kippte unter meinen Füßen weg und nur die geballte Anstrengung meines gesammelten Willens konnte sie noch zusammenhalten. Ich riss verbissen meine Klinge empor, doch es hatte nicht gereicht: Die hungrigen Zähne der Axt bissen sich an meinem viel zu hastig gehobenen Schwert fest. Ich versuchte es wegzureißen, doch es gelang nicht. Im Gegenteil: wie als wollten sie sich rächen, säbelten die schartigen Messingzähne meine eigene Waffe gnadenlos entzwei. Gleißender Zorn überschrieb für einen kurzen Moment meine Kampfmeditation und ich schmetterte den rauchenden Stumpf der heiligen Waffe würdelos in das verzerrte Gesicht des World Eaters.

Das hatte er nicht erwartet.

Auch wenn der ehrenwerte Robute Guilliman höchst persönlich auf ein solch billiges Manöver gespuckt hätte, so erkaufte es mir doch die wenigen Millisekunden, die ich brauchte, um mein Sprungmodul erneut zu zünden, und mich außerhalb der Reichweite seiner aufkreischenden Dämonenwaffe zu katapultieren. Ich kam nach einer hastigen Rolle wieder auf die Beine und las mit meinem psionischen Willen eine weitere Dämonenaxt vom Boden auf, während ich den abgeschlagenen Kopf ihres ursprünglichen Besitzers in den Schlamm trat. Die Waffe flog mit einem schweren Klacken in meine Hand, wie als wäre sie magnetisiert worden. Als ich mich umsah, erblickte ich zu meinem Schock, dass Captain Echnaton unter einer gewaltigen Flut aus Angreifern begraben wurde. Ich wollte ihm zur Hilfe eilen, doch mein eigener Kampf war noch nicht vorüber. Ich ballte die Faust um meine gerade erstandene Kriegsbeute: Die grobe, ölige Waffe bockte widerwillig in meiner Hand, doch sie gehorchte. Ich bemerkte, dass mein Gegner, der sich die ganze Zeit in meinem Augenwinkel befunden hatte, nun langsam und umso wütender auf mich zu stampfte. Seine vom Warp verdrehte Kettenaxt strahlte mittlerweile eine Aura purer Bösartigkeit aus. Er ließ sie als stumme Provokation an seiner Armschiene herabgleiten, und viel zu rote Funken regneten herab. Dann verschwamm er für einen Augenblick und ich fing seinen nächsten Schlag nur durch mein Gehör ab, welches das leise Sirren der Luft wahrnahmen, die das barbarische Mordwerkzeug vor meinem Körper zerschnitt. Sein klirrender Schlag prallte von meiner Waffe ab, schrammte erst über meinen Helm und dann über meinen Schulterpanzer. Ich trat ihn rund einen Meter zurück und nun war es an ihm, meine ihm an Wildheit um nichts nachstehenden Hiebe zu blocken. Ich brauchte Zeit. Mit reiner Körperkraft würde ich ihm nicht ewig standhalten können. Ich beschloss, das Kunststück von vorhin noch einmal in leicht abgewandelter Form zu wiederholen: Ich vergrößerte in einem letzten Kraftakt die Distanz zwischen uns, und schleuderte den widerwertigen Metallklumpen in meiner Hand geradewegs auf meinen Gegner. Er schlug die verwunschene Klinge diesmal fast schon beiläufig aus ihrer psionisch manipulierten Flugbahn. Ich ballte meine Fäuste, hob meine Deckung, und fixierte stur seine Augen; Die Seinen sprachen Bände bei dem unerwarteten Manöver: Es kommt nicht oft vor, dass ein blutrünstiger Berserker derjenige ist, der einen für verrückt hält. Doch ich hatte keine Wahl; Ich musste alles auf eine Karte setzen.

Ich konzentrierte mich so sehr auf seinen Schlag, dass die umliegende Welt fast verschwand und ihre Farben beinahe grau wurden. Ich schaffte es, mit beiden Händen den Griff der Waffe zu packen und den Todesstoß immerhin in ein Tauziehen zu verwandeln. Ich arretierte meinen rechten Arm und blockierte die unter der enormen Last stöhnenden Servos so gut ich konnte. Mein kompletter Körper verkrampfte sich bei der Anstrengung, während sich die rotierenden Schneiden langsam der Vorderseite meines Helmes näherten. Mit der frei gewordenen Hand griff ich nach meiner glühenden Plasma-Pistole, der ich bei meinem vorangegangenen Wurf bereits befohlen hatte, sich aufzuladen. Der Schuss, dessen Macht die Waffe komplett in ihre Bestandteile zerlegte, erreichte genau dann ihr Ziel, als die ersten Zähne der verfluchten Axt an meiner vorderen Helmpanzerung zu nagen begannen. Da ich meinen Gegner aus diesem Winkel unmöglich direkt treffen konnte, zielte ich stattdessen direkt auf den Motor seiner Kettenwaffe. Er explodierte zusammen mit meiner eigenen und wir beide wurden von dem sich rasch ausdehnendem Gasball zurückgeworfen. Der World Eater nutzte jedoch den Schwung, und fuhr in der Drehung schwarze Krallen aus seiner Hand aus. Ich hob überrascht die Deckung, doch sie kam zu spät: Die Klaue schnitt seitlich durch meinen Helm, und die längste seiner Klauen zerkratzte mir die Stirn. Funken stoben in mein ungeschütztes Gesicht, als sämtlich Filter auf einmal versagten, und die Sinneseindrücke der Schlacht mich auf einmal mit ihrer gesamten Härte trafen. Ich lächelte ein blutiges Lächeln und fixierte meinen Stand. Die grüne Rune, die noch am Rande meiner fragmentierten Helmanzeige blinkte, verriet mir, dass ich gewonnen hatte. Die aufgeladenen Triebwerke brannten auf, als sie ihren geballten Zorn auf einmal entluden. Mein Körper schnellte nach vorne und ich packte den World Eater, dessen ausladender Schwung ihn immer noch auf seiner Laufbahn fesselte. Er wandte sich verzweifelt, und ich spürte einen stumpfen Schmerz in meinem Unterleib.

Ich ignorierte ihn.

Mein unbeugsamer Wille peitschte meine brennenden Flügel zu einer Leistung an, die sie eigentlich nicht zulassen sollten. Die zunehmende Beschleunigung ließ sich flatternd aufspaltende Winde durch meine zerstörte Helmfront zischen, während die Welt um mich herum zu Rot durchsetzten Streifen verschmierte. Eine kochende Hitze übertrug sich durch die äußeren Panzerplatten meiner Rüstung, während ihre Lackierung Blasen warf, und die ersten Fetzen begannen, als glühende Funken abzublättern. Ich spürte, wie mir der Schweiß von der Stirn lief, als die integrierten Kühlsysteme an ihr Limit stießen. Eine Kaskade aus Warnsirenen schallte mittlerweile durch meine Helmruine; Das Dröhnen des Reaktors wurde zu einem grellen Kreischen. Die Schubdüsen verabschiedeten sich in einem letzten, trotzigen Brüllen, bevor sie endgültig unter dem Gewicht ihrer Last durchbrannten und wegschmolzen. Ich konnte mich jetzt nur noch auf die Hilfsdüsen an meinen Beinen und das schmale Leitwerk an meinem Rücken verlassen, um mich an mein Ziel zu bringen. Ich flog geradewegs darauf zu. Der Körper des World Eaters entglitt mir bei der ruckartigen Wucht, mit der unser Schwung ihn an das heilige Schwert der Statue spießte. Ich blickte zurück, während mein Körper sich zu drehen begann, und sah zufrieden, dass der bewegungslose Torso blutend an seiner neuen Befestigung verweilte. Dann kam mir der Gedanke, dass ich das alles besser hätte durchdenken sollen, als die Häuserwand in meiner Nähe mit wahnsinniger Geschwindigkeit auf mich zu rauschte.

 
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von Lasirius Bolrealis


Kapitel 5: Gnade



Helles Sonnenlicht durchflutete die kleine Hütte. Ich reckte meine Nase in die Luft und vernahm den Duft eines schmackhaften Eintopfes, dessen würziges Aroma wie eine sanfte Melodie aus vertrauten Genüssen durch den Raum waberte. Die Frau, die ihn zubereitete, summte ein fröhliches altes Arbeiterlied, das man um diese Zeit überall auf den unendlichen Kornfeldern hören konnte. Vor mir lag ein Pergament, dessen Zeichen ich mühevoll zu entziffern versucht hatte. Es passte nicht hierher. Ich betrachtete die fremden Hieroglyphen, die sich schlichtweg falsch anfühlten, und gab schließlich auf. Ich stand auf und verließ den Raum, um zu meinen Freunden in die warme Mittagssonne zu schlendern. Die Welt war so riesig… Nein, mein Körper war geradezu winzig. Ich schaute an mir herab und versuchte aus dieser ungewohnten Anatomie schlau zu werden. Aus weiter Ferne vernahm ich die sanfte Stimme der Frau aus dem Zimmer:

“Geh nicht zu weit weg, mein Schatz.”

Ich schritt über die Schwelle der behelfsmäßigen Behausung und stand auf einmal alleine in der Mitte eines grenzenlosen Feldes. Die instinktive Vertrautheit der Stimme hatte mir fast das Blut im den Adern gefrieren lassen. Ein eigenartiger Schmerz, den ich nicht verstand pochte durch meine Brust; fast so, wie als würde meine Seele mehr wissen als mein Geist.

Als ich zum Horizont blickte, merkte ich, dass etwas nicht stimmen konnte: Die Linie in der Ferne war eigenartig faserig und unscharf, sowie als wäre sie aus dem Fokus geraten, oder durch einen untalentierten Künstler ergänzt worden. Ich drehte mich um, und stellte erschrocken fest, dass die Hütte verschwunden war. Der wachsende Knoten in meinem Magen zog sich zu, als ich auf das Plätschern einer nahe Pfütze blickte: Das Wasser kräuselte sich und stieg in dicken Tropfen nach oben in den wolkenfreien Himmel. Es sah aus, wie als wären sie die von einer Art umgekehrten Gravitation erfasst wurden. In dem verzerrten Spiegelbild der Lache konnte ich eine dunkeläugige Fratze mit kleinen Auswüchsen an der Stirnseite ausmachen. Ich blickte in eine andere Pfütze: Dasselbe Gesicht, jedoch mit einem goldenen Schimmer in den Augen, Narben und viel längeren Hörnern. Panisch wich ich zurück und sah ich mich erneut um: Auf der Oberfläche einer dritten Pfütze spiegelte sich das Gesicht eines alten Mannes wider, dass sich zu einem grausigen Lächeln verzog. Ich blinzelte und zuckte zusammen, als mir ein Schauer über den Rücken lief. Das fremde Gesicht war verschwunden und an seiner Statt sah mich der ratlose Blick meiner aktuellen Gestalt an. Sie war der gehörnten Fratze nicht unähnlich…

“Du warst ein glückliches Kind. Das hatte ich nicht erwartet… Bleibt nur die Frage, was wohl passiert ist?”

Die Stimme gehörte einem Bauern, dessen Gesicht vollständig in den nicht zu dem Licht passenden Schatten eines tiefgezogenen Strohhutes verborgen lag. Er war zu einem mir unbekannten Zeitpunkt neben mir aus dem Nichts erschienen. Die unmögliche Wasseranomalie schien ihn nicht im Geringsten zu stören, oder auch nur zu verwundern. Ein weiterer plötzlicher Schmerz durchzuckte meine Magengegend. Dieser fühlte sich anders an. Realer. Tödlicher. Blut quoll unter meinen Händen hervor, die ich in einem Anfall instinktiver Panik auf die Wunde presste. Der Stoff meines einfachen Leinenhemdes wurde klebrig und nass. Der Himmel flackerte, wie defekte Bühnenscheinwerfer. Das Korn verdarb, wurde braun und ließ die Köpfe hängen.

“Du bist viel zu früh… Wir werden noch ein anderes Mal sprechen müssen. Die Zeit ist beinahe um. Halte sie fest…



Als ich erwachte, war es stockfinster. Ich richtete meinen Oberkörper verdächtig mühsam auf und riss mir die letzten losen, verbeulten Fetzen meines Helmes herunter. Sein finales Opfer hatte wohl auch gleich mein Leben gerettet.

War das ein… Traum?

Ich hatte noch nie geträumt. Nicht seit der Zeit, an die ich mich erinnern konnte. Ich klammerte mich verzweifelt an das schwindende Bild der summenden Frau, das warme Sonnenlicht und den herrlichen Geruch. Unter ihn mischte sich bereits der dreckige Gestank von Pulverdampf, Eisen und das süßliche Aroma von frischer Verwesung. Mein Gesicht klebte vor getrocknetem Blut. Meine Sinne waren noch vollständig funktionsfähig, auch wenn sie etwas stumpfer waren, als mir lieb war. Vielleicht war es auch einfach ein Nachhall der nun versiegten Autosinne. In meiner Magengegend pochte immer noch der stechende Schmerz einer verheerenden Wunde. Ich sah zu ihr herunter und begutachtete, wo die Folgen dieses Abschiedsgeschenkes durch meine durchstoßene Rüstung geflossen waren. Das war wohl der wahre Grund für mein künstliches Koma gewesen. Zu meiner Überraschung bedeckte ein provisorischer Druckverband, bestehend aus einem Leinentuch, die zaghaft verheilende Stelle.

Ich wandte mich ungewöhnlich schwerfällig in die Richtung des klaffenden Loches hinter mir, das mein gewaltsamer Einschlag in dem Raum hinterlassen hatte. Ich sah den fahlen Schein des Mondlichtes am Ende der Schneise und kombinierte, dass ich bei meiner Bruchlandung wohl durch gleich mehrere Häuserwände gebrochen war.

Dann bemerkte ich, dass neben mir ein Feuer brannte. Die Flammen spiegelten sich in einem bekannten, goldenen Helm wider, den jemand unbekanntes neben ein paar nicht zusammenpassende Rüstungsteile gelegt hatte. Mir war sofort klar, was das zu bedeuten hatte, und ich ahnte das Schlimmste. Als ich versuchte, mein sekundäres Vox an meinem Kragen zu öffnen, wurde mir endlich der wahre Grund für meine klobigen Bewegungen bewusst: Die Haupttriebwerke des Sprungmoduls hatten den Reaktor der Rüstung mit in ihr feuriges Grab gezerrt.

Ich hörte Schritte, die von einem fernen Mahlen begleitet wurden, und zwang den Warp, mir mit seiner Macht auf die Füße zu helfen. Ein paar letzte Funken stoben aus den blockierten Motoren meines rechten Armes, als ich vergeblich versuchte, das defekte Rüstungsteil zu bewegen; Es war, wie als hätte man die Gelenke zusammengeschweißt.

Die Schritte kamen näher. Herein stolperte ein einziges Menschlein, dass ächzend und mit beiden Händen, ein viel zu schweres Kettenschwert hinter sich her wuchtete. Der Techpriester, der diese heiligen Waffe geschaffen hatte, wäre bei dem Anblick der traurig über den Boden schabenden Klinge sicherlich implodiert; höchst wahrscheinlich sogar buchstäblich. Der Kraftakt brachte das so fremde und doch so vertraute Wesen an die äußersten Grenzen seiner geringen Belastungsfähigkeit. Als es zu mir aufsah und bemerkte, dass ich wieder bei Bewusstsein war, schreckte es zusammen und salutierte mit einem vor Anstrengung zitternden Arm:

"Ehre... dem... Imperator!"

keuchte es außer Atem in einer Stimme, die deutlich höher war als alle, die ich bis jetzt vernommen hatte. Ich nickte, versuchte vergeblich den Gruß zu erwidern, und starrte es dann ratlos an. Das Wesen strich sich unsicher die zerzausten langen Haare aus dem Gesicht und mich überkam mit einem Male ein seltsames Gefühl, das verdächtig nahe an Furcht grenzte.

Furcht wovor?

Nicht wichtig.

‚Wie lautet dein Name?‘

versuchte ich in Gebärdensprache die unangenehme Stille zu brechen.

Welch Ironie.

Die Gestalt bedachte mich unsicherer Verwirrung, als sie versuchte, einen Sinn in meinem wirren Gefuchtel zu finden.

'Wie heißt du?'

Zu meiner Überraschung verwirrte sie die fremde Stimme in ihrem Kopf von allem bisher am wenigsten.

"Ich bin... Penélope, ich habe als Technikerin in der Relaisstation gearbeitet bevor..."

ihre fiepsige Stimme erstarb. Ich wartete geduldig darauf, dass sie ihren gestammelten Satz vollendete, doch sie tat es nicht. Wie Eigenartig.

'Wo sind meine Brüder?'

Fuhr ich fort und wies mit einer Kopfbewegung auf die Grabesstille an diesem Ort hin.

"Ich weiß es nicht... Es gab eine furchtbare Schlacht… I-Ich habe mich versteckt. Draußen sieht es aus, wie auf einer Schlachtbank!"

'Sie müssen den Rückzug befohlen haben.'

dachte ich. Das Wesen... der… nein… die Penélope zuckte zusammen. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich laut gedacht hatte. Ich betrachtete sie genauer. Sie trug eine an den Ärmeln zerrissene Arbeiteruniform, die voller Staub, Öl und fremden Blut war. Letzteres stammte vermutlich von ihrer letzten Plündertour... oder aus meinem Bauch. Sie sah unglaublich müde und abgekämpft aus. Mehr wie ein gehetztes Tier als eine Dienerin des Maschinenkultes. Ihre hellen Augen zuckten immer wieder ängstlich in die Richtung kleinster Geräusche aus den Ecken. Ich begann mich zu fragen, wie sie so lange überlebt hatte. Für ihren zerbrechlichen Geist und Körper musste die gesamte Situation einer Götterdämmerung gleichkommen. Alles was sie kannte war nun von einem Mahlstrom an nicht enden wollender Gewalt fortgerissen worden...

Die Wand neben uns brach auf und ein Riese in dunkelrotem Ceramit Schritt durch die herabregnenden Trümmer neben der offenen Tür. Penélope schrie auf und flüchtete sich zitternd hinter meinen Rücken. Ich stöhnte genervt, als das bedrohlich aussehende Monster seinen Helm abnahm. Warum hatte gerade er überlebt.

"Bruder Lasirius. Schön dich wohlauf zu sehen."

Ich begann mich zu fragen, ob ich nicht der einzige war, dessen Kopf bei der Schlacht in Mitleidenschaft gezogen worden war. Dann begrüßte ich ihn in zögerlicher Zeichensprache. Das Vox an seinem Kragen klickte und er begann zu sprechen:

"Ich habe ihn an seinen letzten Koordinaten gefunden. Er lebt, ist aber nicht Einsatzbereit."

'Ich kann kämpfen, die Rüstungsteile sind da! '

Protestierte ich, doch Balthasar ignorierte diese Information. Seine Miene verfinsterte sich; Dadurch sah er irgendwie wieder normaler aus.

"Du bist verletzt… Was ist das hinter deinem Rücken, Bruder?"

Penélope kroch zitternd hinter mir hervor, richtete sich ungeschickt auf und salutierte abermals, diesmal noch nervöser:

"E-Ehre d-dem... I-Imperator!"

ihre nun beinahe tonlose Stimme stotterte bei den Worten. Balthasar ignorierte auch dies und zückte gleichgültig seine geladene Boltpistole. Ihr zerkratzter Lauf zeigte der zitternden Frau genau über den Nasenrücken. Penélope zuckte zusammen und schloss die Augen.

Es ist die Aufgabe der Engel des Imperators die Menschheit zu beschützen.

Der Knall hallte in dem zerstörten Gemäuer wider. Die Waffe flog unverrichteter Dinge aus Balthasars Hand, und schmetterte gegen die spröden Ziegel an der Wand, aus der kleine Stücke herausbrachen.

„Bruder-!“

‚Ich brauche sie noch.‘


Ich ignorierte das Unbehagen, das die telepathische Kommunikation meinem Bruder bereitete.

"Wir können niemanden am Leben lassen, der sich auf dieser Welt befindet. Die Inquisition wird uns lebendig ins Feuer werfen! Wir können uns nicht sicher sein, dass-"

Ich hielt es nicht einmal für nötig, ihn diesen Stuss bis zum Ende ausführen zu lassen:

'Dafür müsste die Inquisition erst mal hierherkommen. Abgesehen davon sind Rüstdiener keine Zivilisten.'

"Ich glaube Bruder, der Sturz ist dir nicht gut bekommen, oder?"

'Wo ist das Landungsschiff?'

fragte ich, ohne auf seine Frage einzugehen, obwohl ich die Antwort bereits vermutete. Bruder Balthasar knirschte mit den Zähnen und bestätigte meinen Verdacht, bevor er erneut zu Penélope schielte:

"Wir haben die Lufthoheit in diesem Gebiet verloren… Hör zu, der Captain wird…"

'Dann erkläre mir Bruder, wie du oder ich mit unseren Händen die kleinen Schrauben unter den Platten lösen sollen. Seit der Zeit des großen Bruderkrieges können wir unsere Rüstungen nicht mehr selbst an, oder ablegen. Hast du das vergessen? Abgesehen davon...'

Ich schaute zu dem rot lackierten Durcheinander, aus dem immer noch der goldene Helm hervorstach:

'...hätte sie mich töten wollen, hätte sie mehr als genug Zeit dafür gehabt.'

Ich fasste mir dabei an den schmerzenden Bauch und Ich wandte mich zu Penélope:

'Sie ist eine Technikerin. Mit unserer Hilfe wird sie die Rüstung notdürftig reparieren können.'

Sie nickte eifrig, noch bevor ich ihr einen psionischen Wink geben konnte. Balthasar schwieg, als er im Kopf alle verfügbaren Optionen durchging. Schlussendlich gewann der pragmatische Exorcist in seinem Inneren die Oberhand:

"…In Ordnung. Aber ich werde das Ding auf keinen Fall aus den Augen lassen. Ein Fehltritt und..."

Er blickte auf seine staubige und verschrammte Boltpistole, die immer noch in einem Loch in der Mauer steckte. Mir fiel eifersüchtig auf, dass seine Rüstung in dem Sturm des Schlachtgetümmels auffällig wenig gelitten hatte. Zumindest nicht die wichtigen und funktionalen Komponenten. Ich beschloss jedoch still und heimlich, dass ich diese Bewunderung lieber mit ins Grab nehmen würde, anstatt sie laut auszusprechen.

'Ich übernehme die Verantwortung und bringe sie auf die Rachefluch. Bis dahin bleibt sie am Leben.'

Sandte ich zur Bestätigung an Balthasar und versuchte, die letzten Worte so tief ich konnte, in seinen Geist zu einzubrennen.

Penélope und Balthasar schafften es tatsächlich, mich mit gemeinsamen Kräften aus meiner alten Rüstung zu schälen, auch wenn sie hin und wieder verschwanden, um in den umliegenden Trümmern nach dem passendem Werkzeug zu suchen. Zu meinem Glück war der Tempel, den die beiden Streitkräfte in ein zerbrochenes Schlachtfeld verwandelt hatten, dem Aspekt der heiligen Antriebskraft geweiht. Ich war dem Omnissiah aus tiefstem Herzen dankbar für die Tatsache, dass sämtliche Technologie des Adeptus Mechanicus auf standardisierten Konstrukten fußte, die allesamt minutiös genormt und gnadenlos einheitlich waren. Balthasar übernahm die Rolle der schweren Kräne, indem er die massiven Panzerplatten durch die Gegend wuchtete, während Penélope die feinmechanischen Arbeiten der Techpriester übernahm, für die nur ein Wesen mit menschlichen Proportionen, oder eine speziell gefertigte Maschine in der Lage war.

Nachdem sie mich aus den zerstörten Resten meiner alten Rüstung geschält hatten, bewegte ich unter Schmerzen meine fleischliche Hülle und überprüfte die Funktionen meiner bis zum Zerreißen überanstrengten Muskeln und Gelenke: Mein Körper war übersäht mit Prellungen, Quetschungen und Blutergüssen. Die Haut um die Carapax-Anschlüsse war wund und juckte fürchterlich. Die Wunde in meinem Bauch war bereits provisorisch am Zuwachsen, würde aber in naher Zukunft einen chirurgischen Eingriff benötigen. Der Kratzer an meiner Stirn hingegen war vollständig verheilt…

Alles in allem war ich Mal wieder geradezu glimpflich davongekommen.

Als Penélope die letzte Schraube verankerte und sich erschöpft den Schweiß abwischte, begann der Himmel sich bereits leicht damit, sich rot zu färben. Meine neue Rüstung war ein Sammelsurium aus geradeso kompatiblen Teilen, die unterschiedlich abgenutzt und unpassend dekoriert waren. Den Schluss bildete Herodons Helm, den mir Balthasar mit einer gleichgültigen Geste reichte. Ich schaute für einen Moment in die purpurfarbenen Augenlinsen, so sie starrten lediglich ausdruckslos zurück.

'Möge der Imperator über ihn wachen.'

segnete ich meinen gefallenen Bruder. Ein größeres Ausmaß an Trauer ließ die Situation nicht zu. Der Helm rastete ein, klickte und die Rüstung fuhr stockend hoch, wie als hätte man sie aus einem tiefen Schlaf gerissen. Dutzende Fehlermeldung erschienen auf meinem flackernden Helmdisplay, als sich rund zwanzig verschiedene Rüstungsteile darum stritten und ausmachten, welche Version und Ausführung einer Servorüstung sie nun tatsächlich darstellten. Ich blinzelte sie alle weg. Die roten Warnungen meiner Vitalanalyse wischte ich ebenfalls zur Seite, ohne sie zu lesen. Ich hatte ohnehin keine Wahl:

Ich konnte mich bewegen. Das hieß: Ich konnte kämpfen. Das war das Einzige, was zählte.

Ich spürte, wie die unzähligen Schmerzen dank der injizierten Chemikalien bereits begannen, zu verschwimmen. Ohne die zahllosen und aufwändigen religiösen Riten der Technosekte war die Prozedur beeindruckend schnell verlaufen. Während des Vorgangs hatte mir Balthasar berichtet, was geschehen war, während ich mein unfreiwilliges Nickerchen auf dem Dachboden vollzogen hatte.

Es war wie ich mir gedacht hatte: Echnaton hatte mit seinen letzten Atemzügen den Rückzugsbefehl erteilt. Seine Brüder hatten große Mühen auf sich genommen, um seine sterbenden Überreste zu einer der wenigen Landungssphären zu retten. Balthasar selbst war auf der Flucht von der Gruppe getrennt worden, konnte den Kontakt jedoch sporadisch aufrechterhalten. Seine neue Aufgabe war es, hinter den Linien des Feindes heimlich nach Überlebenden zu suchen. Dieser hatte eiligst das gröbste, darunter hauptsächlich Waffen und Gensaat, geplündert und war dann schnurstracks der fliehenden Meute hinterhergeeilt, um den immer wallenden Blutstrom ja nicht abreißen zu lassen. Mir entging die Ironie nicht, dass der Blutgott somit widerwillig mein Leben gerettet hatte.

‚Wie lauten unsere Befehle?‘

fragte ich Balthasar, als ich sein Vox klicken hörte.

„Der Orden wird in Kürze eine Rückeroberung starten. Wir sollen uns bereit halten, bis die Sammelpunkte und Rückzugskorridore stehen.”

Ich blickte erneut durch das Einschlagsloch in der Wand und begann zu grübeln, während ich die gelegentlichen Entladungen des Energiefeldes der gegnerischen Festung beobachtete.

‚Oder wir könnten versuchen, die Verräter zu sabotieren, um die Sache zu beschleunigen. ’

schlug ich vor, nachdem ich ein paar Momente nachgedacht hatte.

“Willst du sie kaputtzaubern, Bruder?”

Humor stand meinem ernsten Ordensbruder nicht.

‘Mensch! ’

Penélope zuckte wie von der Tarantel gestochen zusammen. Ich merkte, dass ich meine telepathische Kraft falsch eingeschätzt hatte, und versuchte es sanfter. Dies bereitete mir mehr Mühe als ich erwartet hatte:

‚Penélope… sage mir, wo du so lange überlebt hast. Wie bist du hierhergekommen?”

Sie zögerte kurz und biss sich auf die spröde Unterlippe.

“…Die Katakomben. Es sind nicht kartografierte Fluchttunnel, die direkt in die Relaisstatio-”

„Dieser dilettantische Haufen vom Imperator verdammter Hurensöhne!“

Ich hatte Balthasar auch noch nie so außer sich gesehen.

„Warum hat uns der Gouverneur das verheimlicht? Zel Primus hätte schon vor Tagen fallen können!“

Balthasar trat wütend gegen eine Mauer die ihm wenig entgegenzusetzen hatte, und sein Schwung sorgte beinahe dafür, dass er sich in dem hinterlassendem Loch verhakte. Penélope hatte im Angesicht dieses Wutausbruches wieder zu zittern begonnen:

“Er w-wusste es s-selbst nicht. Die A-Anlage ist älter als das Imperium. N-Nur wir hatten es durch Zufall am Selben Tag bei außerplanmäßigen Wartungsarbeiten entdeckt: Uns wurde befohlen, darüber zu schweigen… Ich habe mich auch darüber gewundert.”

Ich würgte sie mit einem kurzen Nicken ab und sah dann zu Balthasar:

‚Das heißt, dass wir das übernehmen werden.‘



Um zu dem versteckten Eingang zu gelangen, mit dem wir das Energieschild umgehen konnten, mussten wir das Imme noch erkaltende Schlachtfeld überqueren. Die ersten Ausläufer der fahlen Morgendämmerung senkten sich über das Bild des blanken Horrors, das sich uns unter dem violetten, vom Warp versuchten Sternenhimmel bot:

Die Häuser, die sich im unmittelbaren Radius zum Epizentrum des aus Sturmes aus Messing und Silber befunden hatten, waren fast vollständig eingeebnet worden. Überall, wo noch brennbares Material übrig war, brannten letzte Feuer aus. Die Flammen spiegelnden sich in den roten Pfützen auf der Erde. Die Spuren an Wänden und Boden erzählten die Tragödien verzweifelter letzter Gefechte. Der massive Stein, der sich zu Schlachtbeginn noch unter unseren Füßen befunden hatte, war vollständig zerschmettert und umgepflügt worden.

Der gesamte Platz war mit Blut, Asche und Fleisch besudelt. Letzteres schmolz langsam wie Wachs, bis es schließlich von dem entweihten Boden aufgesogen und verdaut wurde. Die entstellten Leichen unzähliger Krieger lagen reglos auf dem Boden verteilt; Manche waren kaum mehr als Astartes zu identifizieren. Es war das grausame Bild zweier diametral unterschiedlicher Kriegerschaaren, die nur im Tod friedlich zueinander finden konnten. Winzige Dämonen labten sich nun gleichermaßen an den zerfetzten Überresten von Freund und Feind: Ihre groteske Schönheit kam der kleiner schwarzer Motten gleich, deren Flügel auch ohne Lichteinfall noch bunt schimmerten.

Ein neues, ungutes Gefühl, dessen Name ich noch nicht kannte, kroch wie dickflüssiger Teer durch meinen Körper. Obwohl ich meinen Geist eigentlich auf diese Situation vorbereitet hatte, nahm ich die immer lauter werdenden Echos der vielen Seelen wahr, die dieser Ort gefordert hatte. Sie äußerten sich als ein leises Flüstern am Rande meiner Wahrnehmung.

Ich berührte den Helm eines toten Bruders zu meinen Füßen und bruchstückhafte Eindrücke der Schlacht offenbarten sich ungefragt vor meinem Dritten Auge: Die Not war allem Anschein nach so groß gewesen, dass ihre Kameraden die leblosen Körper ihrer Brüder als Deckung hatten benutzen müssen. Zwischen, auf, unter und neben den Exorcists lagen diejenigen unserer Feinde, die den Fehler gemacht hatten, die Kampfkraft unseres Ordens zu unterschätzen. Mir fiel auf, dass sie ihre beschädigten Waffen aus irgendeinem Grund nicht wieder aufgelesen hatten.

Ich musste meinen Blick abwenden, und er wanderte nach oben: Der riesige, rubinfarbene Mond rahmte gespenstisch die Leiche des World Eaters ein, der immer noch schlaff von der Klinge des Degens herabhing, der ungebrochen auf die Festung zeigte. Unter ihm hatte sich eine dicke, getrocknete Pfütze aus schwarzem Blut gebildet. Aus ihr wuchsen spitz zulaufende Stacheln, die wie Stalagmiten zu der Spitze der Statue emporstiegen. Ich ballte die Faust, als ich Balthasars Blick in meinem Rücken spürte.

„Komm Bruder. Diese Schlacht ist beendet. Wir haben eine andere zu schlagen.”

Die Worte fühlten sich noch hohler an, als sie klangen. Ich sah von der Seite, dass Penélope versuche, zu verstecken, wie sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Irgendwie faszinierte mich diese menschliche Geste.

Was wohl ihr Zweck seinen mochte?

Ihr Ursprung war vermutlich die Erkenntnis, dass die Engel des Imperators doch nicht unsterblich, doch nicht unbesiegbar waren. Dass sie fallen konnten und ihre Eide brachen… Dass sie der Grund für ihre Misere waren. Ich fragte Balthasar stumm, was er davon hielt und wurde mit dem ersten Anblick eins Achselzuckens von einem Space Marine in voller Rüstung belohnt.



Wir drangen an einer scheinbar unscheinbaren Stelle direkt in das Dickicht ein und schnitten uns einen Weg durch das verdrehte Gehölz. Die korrumpiertesten Pflanzen schrien leise vor Schmerz. An der Stelle, die uns Penélope zeigte, hackten wir auf das schnell wieder zugewachsene Unterholz am Boden ein, bis eine massive, matt lackierte Tür zum Vorschein kam. Es war ein leichtes, sie aufzubrechen.

„Die Festung wimmelt nur so von Kriegern.“

raunte Penélope und konnte die Zweifel nicht ganz aus ihrer Stimme verbannen.

„Das wissen wir.“

Antworteten zwei ungleiche Stimmen im Chor, von denen nicht wirklich existierte.

„Wir werden in den Infiltrationsmodus wechseln.“

murmelte Balthasar. Währenddessen blinzelte Ich mich bereits durch die Befehlsleisten meiner Helmanzeige. Das Surren des Reaktors und der Kühlturbinen wurde leiser und leiser, als dieser in den Notbetreib wechselte. Unsere Augenlinsen erloschen, die Nachtsicht schaltete sich ein und das laut klickende Langstreckenvox wurde zusammen mit allen unnötigen Sensoren deaktiviert. Nicht, dass ich es ohne meinen Relaisschädel sinnvoll hätte gebrauchen können. Die Hauptservos koppelten sich ab, um ihre Aufgabe an die schwächeren, aber dafür stillen Unterstützungsservos aus künstlichen Muskeln zu übergeben. Die Kolben an unseren Beinen justierten ihre Druck- und Zugstufen neu und dämpften unsere Schritte nun, anstatt sie verstärken. Es würde nicht reichen, um uns komplett geräuschlos oder gar unauffindbar zu machen, doch es würde die Distanz, in der man uns hören und sich auf uns vorbereiten konnte, um eine erhebliche Spanne verkleinern. Wir mussten jeden noch so kleinen Vorteil ausnutzen, den wir hatten.

‚Wir werden alleine gehen. Versteck dich wieder und nimm das hier, falls dich jemand von unsern Leuten findet.‘

Ich reichte Penélope ein Reinheitsiegel des Ordens, das ich von meiner alten Rüstung entfernt hatte. Die Bewegung war schwerfälliger, aber geschmeidiger und ließ das typische Knurren der Motoren vermissen. Das hochgotisch auf dem handgeschriebenen Schwurpergament verkündete den Vers des Codex, den ich still zu meiner persönlichen Maxime erhoben hatte:

„Beschütze den Menschen; Beschützt die Menschheit.“

Sie salutierte dankbar und wuselte flink durch das Wirrwarr davon.

“Ihr habt wirklich ein Herz für Haustiere, kann das sein?”

‘Nein. Ich habe nur nicht vergessen, was unsere Aufgabe ist. ’
 
Secret Heretic - Der Teufel im Innern - //Eine Exorcists-Geschichte//

von Lasirius Bolrealis


Kapitel 6: Totentanz Unter Feinden


Die langen, tiefen Gänge wandten sich wie modrige Ranken durch einen Schleier aus Dunkelheit, klammer Luft, und abgestandener Feuchtigkeit. Ich und mein Bruder mussten leicht gebückt und hintereinander hergehen, um den verwahrlosten Weg überhaupt beschreiten zu können. Risse zogen sich an unzähligen Stellen durch spröden Permabeton, viele Abzweigungen waren entweder bereits eingestürzt oder vor langer Zeit verschüttet worden. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto stärker wurden die rhythmischen Vibrationen unter unseren Füßen; Zusammen mit dem fernen Grollen der schweren Generatoren, das sie wie ein unheilvoll anschwellendes Orchester begleitete. Verseuchtes Ungeziefer flüchtete hastig vor unseren Schritten, die nicht lauter als die eines gewöhnlichen, hochgewachsen Menschen waren. Verblasste Markierungen, Warnhinweise und Wegweiser zierten angekratzt und abgeschabt die Wände.

Wir waren jetzt seit rund zwei Stunden unterwegs. Meinen Berechnungen nach mussten wir das Energieschild vor kurzem passiert haben. Mir entging nicht, dass sich der desolate Zustand des Labyrinthes ab hier schleichend zu bessern begann: Die Decke in diesem Teil erweckte den Eindruck, jünger als der Rest der Umgebung zu sein. Scheinbar hatte man die neue Anlage einfach auf ihren Vorgänger gepflanzt und sie anschließend vergessen.

Nach einer weiteren Stunde wurden die Abzweigungen breiter und knickten in sämtliche Richtungen ab. Ich beobachtete die Umgebung genauer und schaltete dabei der Reihe nach meine Autosinne durch: Der Wärmesensor schlug als erstes aus. Aus einer künstlichen Senke hinter einem nahen Korridor kroch uns ein seichter Strom aus warmer Luft entgegen. In den Beton begann sich mehr und mehr Spuren von rostigem Eisen zu mischen.

Das musste es sein.

Wir marschierten rund eine halbe Stunde weiter, während die Frequenz der fremdartigen Geräusche sich zunehmend zu häufen begann. Der Gang endete abrupt in einem Abschnitt, dessen Ausgänge man wohl vor langer Zeit zugemauert hatte. Hoch über unseren Köpfen befanden sich rostige Metallplatten, über deren klappernde Oberfläche immer wieder hektische Stiefel donnerten. Wir warteten eine kurze Weile, bis wir ein Muster in den periodischen Wachgängen gefunden hatten: Neun Mann alle neun Minuten. Wir nutzten die Zeit bis zur nächsten Patrouille um unsere Waffen zu überprüfen: Balthasars Energieschwert hatte deutlich Federn gelassen, während meine eigene Ausrüstung fast ausschließlich aus häretischem Diebesgut bestand.

Ich bildete mir ein, dass das dornige Kettenschwert in meiner Hand vibrierte, obwohl es nicht eingeschaltet war.

Eine Minute. Die Kolben an unseren Beinschienen zogen sich zusammen und spannten sich langsam wie Bogensehnen, bis wir uns unter dem mechanischen Druck zusammenkrümmen mussten.

Dann gab Balthasar das Zeichen: Mit einer einzigen Bewegung schmetterten wir nach oben in Richtung der losen Abdeckung und befanden uns fast im selben Moment auch schon in dem Gang über uns. Das schwere Metallstück verbog sich bei dem gewaltsamen Aufschlag unserer Rüstungen, knirschte feucht bei seinem Weg in die Höhe, und blieb abrupt an der Decke kleben, während eine Welle frischer Blutspritzer den umliegenden Permabeton besprenkelte. Die zwei verbleibenden Wachen sackten beinahe gleichzeitig in sich zusammen, noch bevor wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Keiner von ihnen hatte die Zeit gehabt, einen Notruf abzusetzen.

Ich konnte mich zuerst auf einen der äußeren Absätze retten und zog sogleich Balthasar mit zu mir nach oben. Er hatte sich lediglich hilflos an die vordere Kante krallen können, als das Momentum unseres Aufstiegs nachgelassen hatte. Ich ging ohne Zeit zu verlieren zu meinem letzten Opfer, fischte die abgebrochenen Zähne meines alten Kettenschwertes aus seiner sprudelnden Kehle, und klemmte sie wieder zwischen meine gepanzerten Finger.

Alles war tödlich, wenn man es nur schnell genug werfen konnte.

Balthasar nahm sich wortlos einen der Voxstecker und klinkte ihn in seine eigene Rüstung ein, während ich notdürftig den Tatort wieder versiegelte.

Etwas Blut war an einem Ort wie diesem verhältnismäßig unauffällig, wenn ich unseren Feind richtig einzuschätzen vermochte.

Wir folgten weiter der aufwallenden Wärmesignatur und dem versetzten Kanon der archaischen Maschinen. Eine Warnsirene blinkte in meinem peripheren Sichtfeld auf. Trotz des Abluftschachtes aktivierten sich ab hier die aktiven Kühlsysteme meiner Rüstung mit einem leisen surren. Ich sah zu Bruder Balthasar: Die seitlichen Düsen seines Rückenmoduls spien ebenfalls flimmernde, verbrauchte Luft aus. Selbst ein mutierter oder augmentierter Mensch wäre durch die mittlerweile sengende Hitze nach kurzer Zeit in die Knie gezwungen worden.

Es war eine lange Strecke bis hierhin gewesen, doch seltsamerweise waren wir auf keine Wachen mehr getroffen. Vielleicht suchten sie in dem Labyrinth, das uns hier hergeführt hatte nach uns. Vielleicht gingen sie auch davon aus, dass die Mitglieder des Trupps sich in einem typischen Anfall von Barbarei gegenseitig vernichtet hatten…

Die ausgetrockneten Wände um uns herum wurden abermals brüchig und zunehmend von mehr und mehr Rissen durchzogen, bis sie schließlich vollends in Schächten für Leitungen und Erkern für Wärmetauscher übergingen. Gleichzeitig machte die Decke einen gewaltigen Sprung und verschwand schließlich in den Schatten zwischen zahllosen Gestellen für diverse Rohrleitungen. Ruß begann sich vereinzelt an Kanten und Vorsprüngen zu sammeln. In unseren Sichtfeldern aktivierten sich Strahlungsmesser, um uns blinkend vor einer unsichtbaren Gefahr zu warnen

Es konnte nicht mehr weit sein.

Wir schlichen um eine Ecke und kamen an eine Schlucht, die unsere fest verankerte Seite von dem meterdicken Tor zu dem abgekapselten Inneren des schwebend gelagerten Reaktorraumes trennte. Wir erstarrten, als wir das fahle blaue Licht erkannten, dass seinen langen, gespenstischen Schatten auf der Schmalen Brücke vor uns ausbreitete: Das Tor stand sperrangelweit offen; seine Steuerkonsole war zerstört worden. Wir hielten Ausschau nach Sprengfallen, kamen aber zu dem Ergebnis, dass der Weg sicher war.

Kein gutes Zeichen.

Unsere Helmsicht kämpfte um Klarheit, als wir der grellen Lichtquelle entgegenschritten. Vor uns erstreckte sich eine Halle in der Größe einer Kathedrale, die über und über mit elektrischen Kabelkanälen, magnetischen Plasmaleitspulen und tropfenden Rohrleitungen vollgestopft war. Der stetige Fluss der Chemikalien wurde unermüdlich von schweren Pumpenanlagen aus stampfenden Kolben, zischenden Ventilen, und ineinander verzahnter Mechanik durch die siedenden Adern der Kühlkörper gepeitscht. Der Turmartige Hauptreaktor stand vor seinen zwei kleineren Ebenbildern und leuchtete sanft pulsierend mit der Kraft einer sterbenden Sonne. Ein erhöhtes Gerüst Verband die oberen Teile der Maschine, auf denen stolz das mächtige Siegel des Maschinenkultes prangte. Der übersetzte Binärcode auf meinem Analysebildschirm teilte mir mit, dass jeder Reaktor einem anderen Aspekt der heiligen Dreifaltigkeit gewidmet war: Der größte dem allwissenden Maschinengott, der der zweite der heiligen Antriebskraft, und schließlich der kleinste seinem fleischlichen Avatar: dem Omnissiah. Wir zogen unsere Meltergranaten. Auf dem Boden lagen in geometrisch komplexen Formen die den dunklen Göttern geopferten Leichen einiger Techpriester verteilt, die sich anscheinend den Besetzern verweigert hatten. Man hatte sie so angeordnet, dass es so aussah, wie als würden sie immer noch in stiller Andacht die verzweigten Apparaturen anbeten.

Ein Lachen durchschnitt die brennende Luft:

"Das hat ja ganz schön lange gedauert! Ein Verräter des Fleisches und ein Verräter des Geistes; Beide nicht, was sie zu seien scheinen… So sprach es das Orakel des Blutes."

Die sonore, vor Pathos nur so schallende Stimme hallte aus jeder Ecke und jedem Winkel der gesamten Maschinenhalle wider, bis ihr Echo schließlich in meinem eigenen Kopf versiegte. Die Augen von Bruder Balthasar und mir suchten hektisch unsere Umgebung ab: Direkt vor uns, aus dem blendend grellen Licht des Hauptreaktors, trat eine massive, gepanzerte Silhouette hervor, deren langer gehörnter Schatten immer länger wurde, bis er fast zu unseren Füßen hinüberreichte. Der Chaos-Hexer hielt inne, und schmetterte seinen langen, von einem Wolfskopf gekrönten Stab auf die Stahlplatten, um rückwirkend seine Begrüßungsrede zu untermauern: Bläuliche Flammenzungen brachen aus den Augen des Tieres. Gleichzeitig stob eine Kaskade aus gleichfarbigen Funken aus dem unteren Ende des Stabes und ging in ein tiefes Rot über. Sie trafen neben einem paar okkulter Schicksalsknochen und einem brodelndem Blutfleck dämonischen Ursprungs auf dem entweihten Boden auf. Beides hatte er vermutlich zuvor benutzt, um unsere Ankunft aus den unzuverlässigen Nebelwindungen des Warps vorherzusehen. Ihr unheimlicher Schimmer erhellte für einen Moment die Gestalt und verlieh dem Umriss mit einem Mal eine furchteinflößende Tiefe: Das matt schimmernde Ceramit der verdrehten antiken Rüstung sah aus, wie als hätte man es mit schwerem Öl übergossen und anschließend angezündet. Seine rot glühenden Augenlinsen wurden von einem zeremoniellem Tuch bedeckt, das er an seine vordere Helmfront gekettet hatte. Das Symbol auf dem seidenen Stoff bestand aus einem Dreieck an dessen Spitzen sich jeweils ein Auge befand. Um seine Hüfte war eine dicke Ledertasche mit unheiligen Tarotkarten geschnallt, neben der Schriftrollen, Fetische, Talismane und Trophäen baumelten.

Der Astartes musterte uns eindringlich und ich konnte spüren, wie sich die Krallen seines Geistes nach den unseren Austreckte. Währenddessen begann er, mit aller Seelenruhe einen grünlich glitzernden Schlangendolch abzuwischen, den er bis dato in der anderen Hand gehalten hatte. Hinter ihm glänzte ein provisorischer, von Kerzen bedeckter Opferaltar, auf dem frisch zerteilte Gliedmaßen die Launen der dunklen Götter bestochen hatten. Blutverschmierte, schwebende Bücher qualmten noch immer mit einem unheimlichen Glimmen. In dem rhythmischen Rauch, der aus ihnen aufstieg, spiegelten sich die die dunklen Wortfetzen und Symbole wider, die sich bis zuvor in ihren widerwärtigen Leibern befunden hatten. Die Luft knisterte noch immer von den Resten der psionischen Entladung des Rituals.

'Wenn du uns erwartet hast, wo bleibt denn dann unser Begrüßungskomitee, du Hellseher?'

höhnte ich um meiner Rüstung heimlich die Zeit zu erkaufen, wieder in den normalen Kampfmodus zu wechseln. In ausnahmslos allen Schriften, die ich je über die dunklen Hexer der Verräter Legionen gelesen hatte, befand sich eine Anmerkung über die ausschweifende Redeseligkeit dieser Kreaturen.

Ich fragte mich, ob ich eines Tages auch so werden würde…

Meine Sinne begannen unterdessen, so unauffällig wie möglich die Umgebung abzutasten und zu kartographieren.

"Es steht bereits hier!"

donnerte die Stimme des Hexers und er schwang, mit einer gleichermaßen humoristisch gemeinten wie ausladenden Geste, seine gepanzerte Klauenhand durch die leere Halle und sah dann gespielt theatralisch an sich selbst herunter. Ich drehte meinen Kopf surrend in die Richtung zwischen den flimmernden Maschinen:

'…Also ein Haufen heiße Luft. Wie passend.'

Die Trockenheit meiner Feststellung ließ unseren Gegner in schallendes Gelächter ausbrechen:

"Oooh! Wann habt ihr neumodisches Primaris-Geschmeiß denn bitte angefangen, euch so etwas wie einen Sinn für Humor zuzulegen? Das letzte Mal, als ich Euresgleichen getroffen habe, konntet ihr stiefelleckendes Pack nicht einmal selbstständig kacken, wenn es euch niemand befohlen hat!"

Ich verbot mir selbst, über dieses bedeutungslose Geschwafel eines offensichtlich Wahnsinnigen nachzudenken: Was die korrosive Natur der ruinösen Mächte betraf, war die Ignoranz immer noch das einzige Gift, gegen das immer noch kein Kraut gewachsen war.

Balthasar beschloss ebenfalls, dass er genug gehört hatte und eröffnete das Feuer. Ich hob meinen Boltkarabiner und stimmte gleichgültig in das donnernde Stakkato mit ein. Der Hexer hielt es nicht einmal für nötig seinen Stab zu erheben, um die gnadenlos auf ihn einhämmernden Geschosse aus ihrer Laufbahn zu werfen. Jedes einzelne davon hätte einen menschlichen Körper binnen Millisekunden in eine Wand aus roten Nebel verwandeln können. Der Magier jedoch ließ sie noch in der Luft mit Zungen aus unreinem Warpfeuer zu Asche verglühen.

Um ganz ehrlich zu sein, hatte ich auch nichts anderes erwartet.

"Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könntet den mächtigen Nok'dral Zuul, den gefürchtetsten dunklen Magier der namenlosen Legion, den Brecher der sieben Siegel, den Adepten der drei Konzepte mit so einer primitiven Waffe wie einem Bolter zu Fall bringen?!"

Die Frage war berechtigt, wenn auch nur ein Teil von ihr. Was bei den Zähnen des Imperators machte die namenlose Kriegerschaar, die wir aufgrund ihrer Rüstungen die Black Legion nannten, an einem Ort wie diesem? Es erklärte zumindest, warum die blutige Meute der die Zauberei und List am meisten hassenden Berserkern so überraschend strategisch vorgegangen war: Es waren nicht sie, die das Zepter in der Hand hatten. Sie waren lediglich die Schachfiguren.

Ich beschloss, meine Taktik anzupassen und ließ als Antwort auf seine Frage mein zwielichtiges Kettenschwert aufheulen. Der Stein unter mir gab knackend nach, als ich aus dem Stand zum Sprint ansetzte. Ich preschte auf ihn zu und spürte, wie der Wind an den Kanten meiner Rüstung entlangschoss. Ich rannte und rannte und rannte… Doch etwas stimmte nicht: Der Hexer kam nicht näher. Er wurde immer größer, mit jedem Schritt, den ich auf ihn zumachte.

Ich blieb entsetzt stehen und schaute gelähmt zu dem grotesken Riesen hinauf, der sich zu mir herunterbeugte und seine Hand ausstreckte.​
 
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von Lasirius Bolrealis


Kapitel 7: Schrei der Tausend Seelen



Für eine Sekunde wurde alles Schwarz. Dann schmetterte ein fremder Geist mit der Macht eines einstürzenden Gebäudes auf mich herunter.

Schmerz. Licht. Kälte.

Es war gerade noch rechtzeitig gewesen: Mein durch die Meditation und die Kampfdrogen geschärfter Instinkt hatte mich gerettet, als er mich im letzten Moment alle meine geistigen Kräfte in einen psionischen Schild um meinen Astralkörper hatte legen lassen. Um ein Haar hätte er meinen Geist wie ein dünnes Stück Pergament in der Luft zerfetzt. Nun aber hielt ich die gewaltige, tosende Flutwelle aus in dunklen Sprachen fauchenden Worten, fremden Erinnerungen, und brennendem Hass zurück, wie ein Fels einen reißendem Strom: Der rasende Todesstoß hatte sich in ein mentales Armdrücken verwandelt. Die Art der Anstrengung glich einem verzweifelten Gewichtheber, oder einem Seemann, der ein klaffendes Leck in einem sinkenden Boot zudrücken muss. Mein Physischer Körper ächzte und verkrampfte, während mein Geist in einer anderen Dimension um sein nacktes Überleben kämpfte. Durch die flackernden Ströme aus Farben, Geräuschen und Gerüchen, die sich im Nanosekundentakt überlagerten, blitzte immer wieder kurz die Realität hindurch, die meine weit entfernten körperlichen Augen wahrnahmen. Der Hexer schien, trotz seiner Macht, Mühe damit zu haben, gleichzeitig mich anzugreifen, und sich selbst, sowie die Reaktoren, vor den unablässig brüllenden Salven aus Balthasars Waffe zu schützen. Psionische Blitze zuckten zwischen mir und meinem Gegner hin und her; Sie kräuselten sich, prallten an unseren Rüstungen ab, aber warfen keine Schatten. Meine astrale Stimme schrie unter der Last auf meinen Gedanken in meinem Kopf, und ich spürte, wie ich wieder an Boden im Realraum gewann. Dann setzte mein Gegner mit einem Mal ungeahnte, verborgene Machtreserven frei, und meine Seele wurde wieder in den reißenden Strom des Warps gedrückt. Mein Fokus kam aus dem Gleichgewicht, und wurde in gewaltsamer Langsamkeit aufgebogen wie ein Metallstab. Die ersten Klauen des Immateriums begannen aus dem Äther zu brechen und an der empfindlichen Oberfläche meiner Seele zu kratzen. Ich biss krumme Reiszähne aufeinander und hielt ihnen nur umso entschlossener Stand. Die Folgen dieses ruinösen Kraftaktes begannen, meine komplette Seele unter Schmerzen zu verbiegen, aber er dämmte das asymmetrische Machtverhältnis schlussendlich zu einem Equilibrium ein. Unter die zahllosen Stimmen, die wie ein Regen aus heißen Nadeln auf mich einprasselten, mischte sich ein bekanntes Flüstern, das von einem kehligen Lachen begleitet wurde. Es war meiner ehemaligen Stimme erschreckend ähnlich:

“Ich dachte, dass wir uns viel früher wiedersehen. Du bist weit gekommen alleine. Lass mich dir zur Belohnung etwas unter die Arme greifen…”

Die ungeheure Last, die sich bis dato nicht getraut hatte eine Seite zu wählen, wurde mit einem Mal ein winziges Stückchen leichter. Es war nicht viel, aber gerade genug, um meinen Fokus für einen Moment zu festigen, und damit den Strom für einen einzigen Wimpernschlag meinem Willen zu unterwerfen; Ein einziges Staubkorn hatte ausgereicht, um die Waage endgültig zum Kippen zu bringen:

Ein gewaltiger lichtloser Blitz, der aus dem reinen Konzept der Vernichtung bestand, schoss geradewegs auf den Hexer zu. Er schrie auf und zuckte zusammen, als sich die psionische Rückkopplung in den weit ausgestreckten Ausläufern seiner Seele zu entladen begann. Schwarzer Rauch stieg von seiner ohnehin schon von Ruß verdunkelten Rüstung auf, als er rückwärts stolperte und ins Taumeln geriet. Der Boden um uns herum glühte noch vor sengenden Warpfeuer, dass uns beide während des Duells umspielt hatte. Der Psistoß, der durch meine Befreiung aus seinem eisernen Griff entstanden war, hatte gleichzeitig auch die unnatürlichen Flammen gelöscht, die unser Inneres nach außen getragen hatte. Der Hexer richtete sich in einer unnatürlichen Bewegung wieder auf, und lachte erneut sein scheußliches lachen, während er sich bedrohlich und betont elegant auf mich zubewegte:

“Jetzt verstehe ich, wer von euch beiden welcher Verräter ist! Wie amüsant! Die frommen Doktrine des bröckelnden Imperiums gehen anscheinend wirklich vor die Hunde… Ich muss zugeben, ich habe euch unterschätzt! Lob an deine vertrockneten Meister; Sie haben dir ihr mickriges, mangelhaftes Wissen wirklich gut in den Schädel gehämmert!”

Schweißperlen liefen an meinen Schläfen herunter. Ich keuchte, während mein vor Anstrengung brennender Körper langsam wieder ins Gleichgewicht kam. Der Hexer stand jetzt direkt vor mir. Ich riss in einer plötzlichen Finte mein kreischendes Kettenschwert hoch, als seine freie Klauenhand auf meinen Helm zufuhr. Die Zähne sprühten grüne Funken, während ihre Spitzen der Reihe nach an der mit warpenergie verseuchten Glevenklinge entlang ratterten, die der Magier blitzschnell aus dem psionisch reaktiven Metall seines Stabes geformt hatte. Ich spürte das Geräusch knackenden Ceramits. Er hatte den Hieb nicht nur pariert, sondern mich auch gleich mit einer eleganten Drehung zurückgeschmettert. Die subtile telekinetische Unterstützung seiner Bewegungen hatten den gewaltigen Schlag geradezu mühelos aussehen lassen.

Eine interessante Technik.

Während ich zurückschlidderte versuchte ich mein Sprungmodul zu zünden, nur um daran erinnert zu werden, dass der Flickenteppich meiner neuen Rüstung keines mehr besaß.

Ob ich mir die gleiche Macht, wie der Hexer zu Nutze machen konnte?

Bis jetzt hatte ich die mich umgehende Macht immer nur auf andere Objekte angewandt, nie auf meinen eigenen Körper. Ich berührte den Warp, klammerte mich wie ein Schraubstock an die Erinnerung, wie ich vom Boden abhob und ließ die Kraft meiner Vorstellung durch meinen gesamten Körper wallen. Dann sprang ich nach vorne und schoss mit einem Schwung auf mein Ziel zu, der mit reiner mechanischer Muskelkraft nie zu bewerkstelligen gewesen wäre. Es war nicht das gleiche, doch es kam ihm nahe genug.

Ein metallenes Klingen, wie das von einer gewaltigen Kirchenglocke erfüllte den Raum, als der magische Stab die kinetische Energie meines Schlages aufnahm und sie in konzentrische Schallwellen verwandelte. Die raschen, mathematisch präzisen Schläge des Hexers zogen eine dünne Lichtspur hinter ihrer Klingenspitze her, als sie tanzend durch die brennende Luft wirbelte. Sie waren das exakte Gegenteil zu den groben, schmucklosen Hieben des World Eaters, die ihre Macht allein aus der reinen Muskelkraft bezogen hatten. Was ihm an primitiver Brutalität fehlte, machte er durch Tücke und Geschwindigkeit wieder wett. Immer wenn ich glaubte ihn am Wickel zu haben, verbog er entweder die Realität, oder teleportierte sich in einen neuen Hinterhalt, um aus einem unverbrauchten Winkel wieder anzugreifen.

Ein Teil meiner Konzentration hatte sich jedoch bei unserem geistigen Scharmützel so in ihm festgebissen, dass ich seine Anwesenheit mehr spürte, als dass ich sie mit meinen weltlichen Sinnen erfasste. Echos von nie erlernten Angriffsmustern und Schlagabfolgen schoben sich flüchtig in mein Unterbewusstsein und gingen in vorrauseilendem Gehorsam in mein Muskelgedächtnis über. Ich erhöhte die Intensivität langsam während mein Körper zunehmend wieder zu Kräften kam, und feuerte jedes Mal zischende Boltgeschosse auf ihn ab, wenn er versuchte die Distanz zu vergrößern. Mehr als nur einmal musste ich den Retourkutschen meiner eigenen Kugeln ausweichen, die ihre Flugbahn mühelos und auf magische Weise änderten. Jeder ihrer Einschläge ließ den Boden zu unseren Füßen erzittern.

Ein ohrenbetäubender Knall zerfetzte die Luft um uns herum. Rauch und Staub stoben auf, während der kochende Wind der Druckwelle sich mit ionisiertem Gas mischte und bläulich zu leuchten begann. Strahlungsmesser schlugen aus, Warnsirenen heulten auf, und chemisches Löschwasser regnete von der Decke. Der Boden vibrierte, als panische, mechanische Systeme verzweifelt versuchten, eine totale Kernschmelze zu verhindern.

Ich und Nok´dral Zuul waren so in unseren Kampf vertieft gewesen, dass wir beide Bruder Balthasar vollständig aus den Augen verloren hatten. Dieser hatte die Gunst der Stunde genutzt, um mit unseren Melterbomben die Kühlmittelzufuhr der beiden Unterstützungsreaktoren zu sprengen.

Der Hexer, den es ebenfalls von den Füßen gerissen hatte, teleportierte sich wieder auf die Beine, und fluchte in sieben mir unbekannten Sprachen gleichzeitig, während ich mich ebenfalls wieder aufrichtete. Seine vor Wut aufblitzenden Augenlinsen nahmen sofort den heimlichen Sprengmeister ins Visier.

Dieser kurze Moment der Unaufmerksamkeit reichte aus, um seine Abwehr zu durchdringen: Er schaffte es zwar, die rasende Klinge mühelos zu stoppen, fiel aber auf meinen vorher zurechtgelegten Finte herein: Ich verlagerte mein Gewicht, und kippte meine Waffe genau so, dass die rotierende Zahnschiene wie Kimme und Korn auf sein Gesicht zielte. Dann packte ich den Rücken des Schwertes fest mit der freien Hand. Die Haltung erinnerte mich an die des Boltkarabiners. Der Hexer hatte ein so unlogisches Manöver nicht erwartet und zögerte einen Augenblick zu lange, in welchem er versuchte alle meine möglichen nächsten Bewegungen vorauszuberechnen. In dieser Zeit packte ich die auf ihn zurasenden Zähne, mit aller psionischen Gewalt, die ich aufbringen konnte und beschleunigte sie bis ins unermessliche. Sie rissen am Ende ihrer Führungsschiene ab, und schossen funkensprühend auf den Helm des Hexers zu, während sie nacheinander knallend die Schallmauer durchbrachen.

Sein kraftvoller Kinetschild ließ die ersten Paare zu einer an der Luft herunterlaufenden Schlacke zerschmelzen, während er begann nach hinten über den Boden zu rutschen.

Die nächsten paar prallten rot glühend an seiner Rüstung ab und brachten ihn aus dem Gleichgewicht.

Die letzten paar schmeckten Blut.

Eine Stimme lachte leise in meinem Kopf, ohne dass ich daran Anteil hatte. Der mächtige Nok’dral Zuul schwankte und hielt sich eine gepanzerte Hand vor die durchschlagende Helmfront, zwischen deren klauenartigen Fingern zähes blaues Blut hervorquoll. Er ließ einen Markerschütternden Gedankenschrei los, der mich und Bruder Balthasar für einige Sekunden an Ort und Stelle fesselte, und zog mit der blutgetränkten Hand eine Karmesinrote Tarotkarte aus seinem Deck. Sie leuchtete sofort auf, und weinte zischend dampfenden Lebenssaft, der dickflüssig vor ihr auf den Boden klatschte.

Der Raum wurde schlagartig kalt und die bis eben noch vor Hitze sirrende Luft erstarrte augenblicklich zu Eis. Die Kerzen auf dem Opferaltar gingen in blauen Feuersäulen auf und schmolzen zu gefrorenen Pfützen. Lichter flackerten, die nicht da waren.

Ich wusste welcher Karte er gespielt hatte, ohne sie lesen zu müssen:

Der Daemon

Blitze psionischer Entladungen zuckten durch Zeit und Raum. Ein dampfendes, gehörntes Haupt richtete sich auf und zerstörte dabei das hohe Geländer über ihm. Glühende Kohlen in denen sich der konzentrierte Hass der Massaker ganzer Städte spiegelte, fokussierten meinen Geist aus weit aufgerissenen Augenhöhlen. Das Monstrum trat einen derart gewaltigen Schritt nach vorne, dass der Boden unter der Last aufbrach wie morsches Holz. Dann spreizte es seine zerrissenen Flügel, aus denen die ledrigen Narben von eintausend gebrochenen Klingen hervorstachen. Sein Schrei war der gequälte Chor von abertausenden Seelen, die gleichzeitig von alles zersetzender Rache verzehrt wurden.

Sie kamen nicht aus seinem geifernden Maul; Sie kamen von Überall.





Als der Imperator die Space Marines erschaffen hatte, war es sein Ziel gewesen, das unmenschliche zur Bekämpfung des noch unmenschlicheren zu nutzen. Um jede Bedrohung zu vernichten, die ein von unendlichem Hass erfülltes Universum auf seine Schützlinge werfen konnte, mussten Menschen zu Monstern werden. Niemand außer die absolute Speerspitze der wissenschaftlichen Elite wurde mit dieser Aufgabe betraut, entweder eines dieser Monster zu werden oder derjenige zu sein, der es auf die Galaxis loslässt. Trotzdem gingen Jahrzehnte ins Land, bis es vollendet war. Nachdem er diese Büchse der Pandora geöffnet hatte, betrachtete der Imperator sein Werk und sprach die heute jedem bekannten Worte:

“...Und sie sollen keine Furcht kennen.”






So wahr dies auch seien mochte, so recht er auch gehabt haben mag, so nah war ich ihr doch noch nie gekommen. Das Ungetüm war mehr als nur eine Manifestation von Gewalt.

Es war das Konzept von Gewalt.

Vom Immaterium selbst in eine Form gepresst, die dem brennenden Schmiedeofen seiner Essenz nie gerecht werden sollte. Sein Anblick alleine hätte einen normalen Menschen in den blanken Wahnsinn gerissen, und ihn sich krümmend und windend seine eigenen Augäpfel herausreißen lassen; nur, um es nie wieder sehen zu müssen.

Der gebrochene Hexer lachte ein sprudelndes, zerstörtes Lachen, das sich begann, in den nun blutenden Augen des Dämons zu spiegeln. Dabei verschwammen die Umrisse des Beschwörers zunehmend wie Tinte im Wasserglas. Am Ende blieb lediglich eine weitere Karte zurück, die dahin schwebte, wo er gestanden hatte.

Der Gehängte.

Die Leichen der Techpriester begannen sich zu erheben, wie an Fäden gehaltene Marionetten. Die Erkenntnis war so elementar, wie sie vernichtend war:

Das war also seine wahre Fähigkeit.

Alles andere war nur Zier gewesen. Ich und Bruder Balthasar wichen gleichzeitig zurück und gingen unsere wenigen Optionen durch… Das hieß, wir entschieden, auf welche Weise wir lieber sterben wollten. Ich warf meinem Bruder meine Pistole zu und er tauschte gegen sein Energieschwert. Dann uns nahm das Ungetüm in unserem Angesicht selbst diese Wahl, als es ein schwarzes Runenschwert manifestierte und über sein schuppiges Haupt erhob. Es war ein scheußlicher, grober Klumpen aus verkrusteten, rohen Eisen; Geschwärzt in den Feuern der Hölle selbst. Mehr eine Keule als Klingenwaffe. Ein Mordwerkzeug, geschaffen, um primitive Götter und dunkle Dynastien gleichermaßen mit einem Streich zu zerschmettern. Ihre monumentale Talfahrt war so schwerfällig, dass sich die Sekunden begannen, wie eine Ewigkeit anzufühlen. Bruder Balthasar hechtete zur Seite und eröffnete das Feuer auf die besessenen Techpriester, deren aufgedunsene Körper rasch zu mutieren begonnen hatten, um ihren neuen Wirten Platz zu schaffen. Meine Herzen pochten blankes Adrenalin durch meine Adern, während ich mich geradewegs auf das Monstrum zustürzte. Meine Muskeln barsten fast unter der Spannung. Das Fallbeil kam näher. Ich sprang in blinder Hoffnung nach vorne, rollte mich zwischen seinen Beinen ab, und kam zu meiner eigenen Überraschung wieder auf die Füße. Meine Beinschienen verloren mehrfach den Kontakt zum Boden, als das verbastardisierte Monstrum eines Schwertes hinter mir den Boden zerbrach und die ganze Halle in Schwingung versetzte. Das Glühen heißer Magma reflektierte sich ausgehend von der Einschlagstelle in der Umgebung. Mehrere Kühlkörper an den Seiten explodierten augenblicklich und nahmen einige der Nimmergeborenen mit sich. Ich fuhr herum, um die Bewegung des Dämonen erfassen zu können und hackte gleichzeitig mit dem gesegneten Energieschwert in den dicken Schweif der Kreatur. Hoffentlich würde es reichen, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Klinge drang in das verfluchte Fleisch der Kreatur ein.

Sie blutete. Doch sie blutete keine Flüssigkeit:

Aus der Wunde traten kein Serum oder Fleisch… sondern Gefühle, Gedanken und Ängste in ihrer reinsten Form. Sie sprudelten hervor, nahmen die Formen von gepeinigten, verbrannten Fratzen an, und lösten sich schließlich in schwarzem Rauch auf. Das Ungeheuer brüllte abermals aus tausend Kehlen und begann sich schwerfällig in Bewegung zu setzen. Ich stand direkt hinter seinen gekrümmten Beinen: Zwischen seinem Rücken und dem Hauptgenerator, der sich nun glühend hinter mir befand. Der Dämon begann sich mit einem gewaltigen Schwung nach rechts zu drehen, und beschleunigte dabei seine Waffe in einem Halbkreis genau in meine Richtung. Ich musste mich flach auf den Boden werfen, um nicht von der heranfahrenden Klinge zerquetscht zu werden. Der Boden bebte erneut und der Einschlag raubte mir sämtliche Orientierung.

Ich schlug die Augen auf: Dass ich noch lebte hieß, dass das Risiko sich ausgezahlt hatte. Ich sah nach hinten: Das unheilige Metall hatte eine quietschende, glühende Schneise in die Seite des Reaktors gegraben, vor dem ich gestanden hatte. Dessen Farbe hatte zu einem besorgniserregendem violett gewechselt, als die arkane Macht begann, seine Essenz mit unwirklich verseuchter Energie zu korrumpieren. Die restlichen Kühlaggregate gingen in Flammen auf und sprengten große Stücke aus der kollabierenden Umgebung. Weitere Warnsirenen stimmten in den Chor mit ein. Durchsagen in harschem Maschinencode plärrten durch das Getöse. Die Strahlungswerte stiegen rasch an. Ich beschloss, dass der perfekte Zeitpunkt zum Rückzug gekommen war, und rollte mich unter der feststeckenden Klinge hervor, bevor mich der austretende Inhalt des Reaktors zu schlacke verarbeiten konnte. Ich betrachtete für einen Wimpernschlag die Lage: Ich würde im toten Winkel des Dämonen über seinen Rücken zu springen, um seinen stampfenden Beinen zu entgehen.

Ich erhob mich in die Lüfte.

Dies sollte sich als fataler Fehler herausstellen, als der Schlächter vor mir ins Leere griff, seine monströsen Pranken ausstreckte, und sie gleich wieder um meine Rüstung schloss. Ich rollte mich so gut es ging zusammen und begann zum Imperator zu beten, dass mein Schild lang genug standhalten würde. Die Hand beschleunigte sich. Motoren und Gelenke begannen unter der Last zu knirschen.

Oder waren es meine Knochen?

Mein Atem stockte, als meine über das Limit steigende Konzentration mir nach und nach die Sinne raubte.

Das Nächste was ich wahr nahm war Schmerz. Schmerz und das Splittern von Ceramit, als mein Körper eine Wand aus geplatzten Kühlmittelrohren passierte und kurz darauf einen rund halben Meter tiefen Krater in uralten Permabeton schlug. Meine Helmsicht musste sich bei der Macht des Einschlages neu kalibrieren; Den Flug hatte ich nicht einmal wahrgenommen. Ich vermutete, dass es die Wand gewesen war die ich getroffen hatte, weil mein Körper wenig später wie ein Felsbrocken erneut auf eine feste Oberfläche krachte. Ich meinen Kopf und sah, wie Balthasar mit Siebenmeilenstiefeln über die wegbrechenden Reste der Brücke spurtete. Ihm folgte eine Flammenwand aus mit Warpfeuer verseuchtem Plasma. Das war das Vorbeben. In der Ferne brüllte wütend der Dämon und wuchtete das gewaltige Schwert wieder aus der brodelnden Furche. Etwas explodierte und ein Schauer aus blauem und roten Funken brach zusammen mit fliegenden Trümmern aus der Hülle hervor. Die Strahlungswerte erreichten einen neuen Höhepunkt und der Reaktor begann sich in sich schnell steigernder Frequenz in sich selbst zu verwinden, während seine austretenden Gaswolken ein zuckendes Gewitter im Raum verursachten.

“Zustand überkritisch. Kernschmelze unvermeidbar. Evakuierungsritual initiieren. Möge der Omnissiah unser Versagen vergeben.”

Beim zweiten Mal sprach die Durchsage eine Sprache, die ich verstehen konnte. Es war Zeit zu fliehen. Auf unserem Weg wichen wir einigen der herunterfahrenden Schotttüren aus und hielten fieberhaft nach weiteren Abdeckungen im Boden Ausschau. Als wir endlich eine gefunden hatten, hob ich sie hoch, noch bevor wir sie erreicht hatten und wir schlidderten in den Gang unter ihr. Die Platten krachten wieder auf die Senke und wir flüchteten uns in die Winkel zweier Seitengänge. Keine Sekunde zu früh: Ein Beben und Donnern rauschte durch den Komplex. Eine gewaltige Feuerwand folgte ihm auf dem Fuße. Die Platten an der Decke begannen zu glühen und schmolzen augenblicklich weg. Wir drehten uns instinktiv weg, um der peitschenden Feuersbrunst zu entgehen, die zwischen uns vorbeijagte.



Die ersten Landungskapseln schlugen durch die Decke, noch bevor wir überhaupt das Ende des rußgeschwärzten Labyrinthes errichtet haben. Das Echo ihrer Einschläge hallte überall in dem künstlichen Stein wider. Auf unserem Weg stießen wir immer wieder auf halb verbrannte Skelette, die es nicht geschafft hatten, rechtzeitig eine Deckung zu finden, oder die zwischen den gesenkten Brandschotts gefangen gewesen waren, bevor diese von der letzten Druckwelle durchbrochen worden waren. Als Bruder Balthasar seinem Energieschwert die letzte Tür durchschweißte, bot sich uns hinter ihr ein der Anblick chaotischen Gemetzels: Veteranen duellierten sich mit blutrünstigen Verräter-Astartes, die vergeblich ihre eigene Festung wieder zu erstürmen versuchten, während die Terminatoren der Enochianischen Garde unter den Häretikern Amok liefen. Anders ließ sich nicht beschreiben, mit welcher Effizienz diese lebenden Panzer atmende Lebewesen in ihre biologischen bis atomaren Bestandteile zerlegten. Nach und nach fielen mehr Droppods in die Anlage und durchlöcherten oft gleich mehrere Stockwerke auf ihrem Weg nach unten.

Der gesamte Angriff dauerte keine zwei Stunden. Als sich die Schlauen und Feigen schon längst auf dem Rückzug befanden, ereilte mich und Bruder Balthasar der Befehl, in den Kontrollraum zum Captain der ersten Kompanie zu kommen. Als wir den halb aufgesprengten Raum betraten, krochen uns schon die ersten Strahlen der Morgensonne entgegen. Wir marschierten geradewegs zum Captain, dessen eindrucksvoll geschmückte Gestalt wie eine glänzende Nadel aus der Masse herausstach. Uns begrüßte uns jedoch kein feierlicher Enthusiasmus und auch kein Schulterklopfen.

“Helme abnehmen!”

bellte der Meister Enochianischen in einem Ton, der kein Zögern dulden würde. Wir taten wie vom Donner gerührt, wie uns geheißen. Der Captain nahm ebenfalls den Helm ab und aktivierte das Vox an seinem Kragen:

“Er ist hier.”

Die Blicke von mir und meinem Bruder trafen sich. Er war genauso ratlos wie ich. Das Vox des Captains klickte erneut.

“Verstanden.”

bestätigte der hoch dekorierte Kriegermeister. Mit diesem einzelnen Wort zog er ohne zu zögern seine Boltpistole und sprengte Balthasar den Schädel weg.
 
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von Lasirius Borealis


Kapitel 8: Verrat




Der kopflose Körper meines Bruders; fiel würdelos in sich zusammen. Frisches Blut besudelte den goldenen, geflügelten Totenkopf auf meiner Brust, doch ich nahm es kaum wahr. Schock und Wut trafen mich nahezu gleichzeitig und rangen brodelnd um Vorherrschaft.

Letztere gewann schließlich die Oberhand.

“Wenn du nicht sofort die Waffe sinken lasst, werde ich davon ausgehen müssen, dass du ebenfalls ein Verräter bist.”

Die Terminatoren hatten gleichzeitig die Köpfe gedreht, um mich ins Visier nehmen zu können. Es brauchte lediglich das dunkle Grollen ihrer Nackenservos, um mich davon zu überzeugen, den Worten eines der ranghöchsten Mitglieder der Exorcists Folge zu leisten; Meine immer noch vor Zorn zitternden Hände gestikulierten nur eine einzige Frage:

“Warum musste mein Bruder sterben?”

Zu meiner Überraschung beantwortete der Captain meine Frage mit steinerner Miene:

“Dein Bruder ist nicht tot. Barbastella Balthasar ist am Leben. Er befindet sich gerade in der Obhut der Apothecarii, nachdem er die letzten Stunden damit verbracht hat, ohne Rüstung in einer nahen Schlucht seine Organe auszuhusten.”

Ich versuchte zu begreifen, wie das alles zustande gekommen war. Mir wurde das Ausmaß der Exkremente, in denen ich nun steckte, geradezu schmerzhaft-elementar bewusst. Ich ließ betont langsam die gesenkte Waffe fallen, und klinkte mein nutzloses, magnetisiertes Kettenschwert zur Sicherheit gleich mit aus. Das alles noch, bevor man mich dazu auffordern musste. Der Captain nickte stoisch und wirkte fast schon dankbar. Scheinbar hatte ich irgendeine seiner Vermutungen bestätigt.

Stellte sich nur die Frage welche.

Das Vox klickte weiter. Der Captain konnte ein gewisses Zähneknirschen bei seinen nächsten Befehlen, die er nach einem kurzen Zögern an uns weitergab, nicht vollständig verbergen. Sein Tonfall eine Klangfarbe der schlecht gespielter Geschäftigkeit an:

“Ihr werdet auf das Schiff des Puritaners gebracht, das sich jetzt im Orbit befindet. Dort werdet ihr verhört werden. Bis dahin werden Azmodan und Andras sich eurer Annehmen.“

Bei der Erwähnung der Inquisition konnte ich förmlich spüren, wie einigen Brüdern die Luft entwich, und vor Schreck fallengelassene Dämonenwaffen auf den Boden schepperten. Die beiden Terminatoren, die in der Zwischenzeit ihrerseits die Waffen gesenkt hatten, nickten synchron.

Die Inquisition…

Es waren keine guten Neuigkeiten, dass sie hier im System waren, und noch schlechtere, dass sie sich nun sogar in unsere regulären Schlachten einmischten. Noch viel schlechter war die Neuigkeit, dass es sich um Puritaner handelte. Sie waren die helle, scheinende Seite der Medaille der Inquisition, während die Plutonianer, die eigentlich mit unserer Überwachung betraut worden waren, die ruhmlose, stehts im Schatten verborgene war. Ihre Denkschule, die der der Puritaner Fundamental gegenüberstand, brachte ihnen den Spitznamen „Die Radikalen“ ein. Das was die Verschiedenen Ideologien am meisten unterschied, war das Ausmaß an Pragmatismus und das Ausmaß an Häresie, dass sie bereit waren, vor sich selbst und dem Imperator zu rechtfertigen, um den Feind zu bezwingen. Ein interessanter Trend ist, dass die meisten Puritaner eher jung, die meisten Radikalen eher erfahrene Semester sind. Ein berühmter Inquisitor hatte einmal ein Gleichnis aufgestellt, welches mir Zeit Lebens im Kopf geblieben ist:

„Die Häresie ist für den Inquisitor wie eine Brücke. Es ist nicht eine Frage, ob er sie beschreiten wird; Die Frage ist, wie weit er bereits gegangen ist.“

Bruder Azmodan nickte mit einen dunklen Grollen seiner Rüstungsgelenke auf ein herannahendes Landungsschiff. Dass sie auf Ketten verzichtet hatten, war schonmal ein schmaler Vertrauensbeweis. Neben den hünenhaften, gebeugten Gestalten der Elitekrieger, die mir gegenüber in dem Thunderhawk kauerten, fühlte ich mich bemerkenswert klein und unbedeutend, obwohl ich meine volle Kampfrüstung trug. Aus ihren fremdartigen Namen schloss ich, dass es wohl Brauch bei ihnen war, die Namen der Dämonen anzunehmen, über die sie triumphiert hatten. Es war ein weit verbreitetes Gerücht, dass die letzte Tat war, die man vollbringen musste, um in die Garde aufgenommen zu werden. Trotz Niedergeschlagenheit über die Misere in die gerutscht war, und der Vorahnung eines herannahenden bösen Omens, mischte sich ein seltsames Gefühl von Bewunderung in das emotionale Meer der Widersprüchlichkeiten, als ich die Krieger genauer betrachtete: Die Farben ihrer Rüstungen wichen leicht von denen der normalen Ordensbrüder ab: Ihre Schulterpanzer waren von dunklem Grau, der geflügelte Schädel auf ihrer Brust weiß wie Schnee. Die Siegel gleich mehrerer Orison-Kulte schmückten ihre Heraldik, die genauso prunkvoll wie individuell war. Sie einte lediglich das Weiß der ersten Kompanie, dass an den Rändern der Schulterpanzer, sowie an Helm und Knie aufgetragen war. Im diametralen Gegensatz dazu standen ihre Trophäen, die überraschenderweise denen der World Eaters nicht unähnlich waren: Gehörnte Schädel, blaue Federn und sogar geschändete Ikonen der dunklen Götter waren an ihren Hüften befestigt worden. Ein paar Ihrer Waffen-, und Rüstungsteile strahlten einer Aura in Ketten gelegter dunkler Entropie aus.

Dir ist klar, was du für Ärger an den Hacken hast, oder? Und das, nachdem du dem Orden eine solche Ehre erbracht hast…“

Ohne seinen Helm Klang die Stimme des rechten Riesen deutlich sanfter, ja fast mitleidig. Sein unerwartet feines Gesicht wurde von grausamen Narben entstellt. Seine Eckzähne waren ungewöhnlich lang.

„Du hast Eier, Bürschlein! Dem obersten Captain der Enochianischen ohne das geringste Zucken eine Bleispritze vor die Rotzbremse zu halten… Ich dachte solche Typen werden heute nicht mehr gebaut!“

Der linke lachte dreckig wie eine alte Kettensäge und klopfte sich donnernd auf die Schenkel. Mir blieb nicht nur wegen meiner vokalen Behinderung das Lachen im Halse stecken. Es war eindeutig ein Fehler gewesen: Ich hatte gehandelt bevor ich überhaupt nachgedacht hatte, wer mir da gegenüber gestanden hatte. Ich spürte, wie mein ohnehin schon blasses Gesicht jeglichen letzten Rest an Farbe verlor. Die Terminatoren nahmen dies mit einem belustigten Haifischgrinsen zur Kenntnis. Durch meine Gedanken waberten wieder die Worte des Hexers:

„Ein Verräter des Fleisches und ein Verräter des Geistes…“

‚Wisst ihr, wer der Wechselbalg war?‘

versuchte ich das Thema von meiner zahnlosen Drohung abzuwenden.

„Nun, du wusstest es auf jeden Fall schon mal nicht… Das steht fest.“

Der linke Terminator war gnadenlos. Ich senkte gedemütigt den Kopf. Ich hatte mich sklavisch an Goetos Befehle gehalten, meinen Geist nicht zu weit zu öffnen; Zumindest bis der Hexer meinen Geist direkt angegriffen hatte. In diesem Moment wäre es mir jedoch unmöglich gewesen, zusätzlich noch in Balthasars Seele zu sehen. Dennoch beschlich mich das Gefühl, dass ich es eigentlich hätte erkennen müssen…

Der rechte Terminator war schon eher um eine sinnstiftende Antwort bemüht:

„Ich vermute es war ein Hexer der Alpha-Legion. Wahrscheinlich wollte er sich bei uns einschleusen. Unser Glück, dass er so stümperhaft war. Arrogante Säcke.“

„Willst du ihm auch noch den Schlüssel zur Ordensfestung geben?!“

Fragte der linke Terminator sarkastisch, der nun sichtlich genervt war.

„So etwas kommt öfters vor, als man meinen sollte… Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Orden mindestens ein Spitzel von ihnen in seinen Reihe hat. Wenn unser Bruder hier jedoch wirklich ein Agent der ruinösen Mächte wäre, hätte er ihnen heute keinen größeren Bärendienst erweisen können.“

Stellte sein Kamerad mit der Geduld eines alten gelehrten fest.

Die Alpha Legion also. Ich begann, die mentale Bibliothek meines eidetischen Gedächtnisses zu durchstöbern: Die 20.; Man nannte sie die Geisterlegion. Sie tauchten immer da aus den Schatten auf, wo man sie am wenigsten erwartete, und immer dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte. Ihre geheimniskrämerischen Spione, die laut den Vermutungen des Skriptoriums fast die gesamte Legion ausmachten, hatten dem Imperium ebenso oft geholfen, wie sie es verraten hatten. Nicht einmal die imperialen Agenten wussten mit Sicherheit, welcher Seite sie nun tatsächlich die Treue geschworen hatten. Fest stand nur, dass die Inquisition selbst das alleinige Recht für sich beansprucht hatte, konsequenzfrei das Feuer auf ebenfalls Imperiale Schiffe und Soldaten zu eröffnen. Aus diesem Grund hatten sie die widersprüchliche Legion sicherheitshalber als „Excommunicate Traitoris“ gebrandmarkt und verfolgt.







Auf dem Schiff des Puritaners wurde ich bereits von einer unverhältnismäßig ausufernden Armada von Soldaten und Kampferservitoren empfangen, die so viele blendend helle Ziellaser auf uns richteten, dass ich es bereute, zuvor meinen Helm abgenommen zu haben. Die Terminatoren nahmen diesen Umstand wahlweise mit Belustigung oder mit Gleichgültigkeit zur Kenntnis.

Ich wurde ohne viel Federlesen abgeführt, meiner Rüstung entledigt und in einem schmucklosen Quartier unter schwerbewachten Hausarrest gestellt.

Ich lag auf der harten Pritsche und starrte geräuschlos an die Decke. Die plötzliche Stille war geradezu erdrückend. Ohne meine Rüstung und die von ihr injizierten Schmerzhemmer spürte ich das Ausmaß meiner Wunde in seinem vollen Umfang: Die stechenden Schmerzen ließen mir bei jedem Zug den Atem stocken. In meinem Kopf hallten immer noch die knarzenden Schüsse der Bolter und die kreischenden Motoren der Klingen nach. Immer wieder sah ich Echnaton, der unter einer Welle aus wütendem Fleisch begraben wurde. Ich sah Herodons leeren Helm. Ich sah den vermeintlichen Tod von Bruder Balthasar.

Wie hatte alles so schief gehen können?

Ich blinzelte als ich aus der unvollständigen Trance erwachte. Am Ende meine Pritsche saß seelenruhig der Ordenspriester meiner Kompanie. Das schummrige Licht der gedämpften Lumen verlieh seinem Totenschädel-förmigen Helm eine Aura der gespenstischen Ehrfurchtgebietung. Ich hatte nicht gehört, wie er den Raumbetreten hatte.

„Hast du etwas zu beichten mein Sohn? Ich versichere dir, bei der Ehre unseres Ordens und der des Imperators, dass es keine dritten Ohren erfahren werden.“

Das war eine Lüge.

Der Priester besaß im Gegenteil zu seiner rauen Gestalt eine sonore, wohlklingende Stimme. Sie machte den Eindruck, dass sie bereits seit Jahrzehnten auf dem Wetzstein unzähliger heiliger Litaneien und Verse geschliffen wurde. Mir fiel auf, dass der Stimmvokalisator seines Helmes mit ungewöhnlicher Klarheit gesegnet war; fast so, wie als würde er ihn gar nicht tragen.

Ich nickte betroffen und versuchte vergeblich mich aufzurichten. Der Schwere Streitkolben, der sich sachte übermeine Brust legte bedeutete, dass ich liegen bleiben konnte. Ich keuchte vor Erleichterung und ließ angestrengt meine Hände sprechen:

‚Ich war unaufmerksam Pater. Ich hätte den Verräter an meiner Seite bemerken müssen. Ich hätte…‘

Der Rest des Satzes weigerte sich, in meinen Händen zu formen. Das Ausdruckslose Gesicht der Schädelmaske drehte sich mit einem langsamen Surren in meine Richtung:

„Was fühlst du im Angesicht dieses Fehlers?“

Ich zögerte. Mein Kopf fühlte sich eigenartig gläsern an; fast so wie als würde mein Verstand wie ein offenes Buch gelesen werden. Eine leise Stimme am Rande meiner Gedankenwelt teilte mir mit, dass es keine Sinn gehabt hätte zu lügen.

‚Scham.‘

War meine ebenso kurze, wie zerknirschte Antwort.

„Scham?“

Hakte der schwarze Kaplan nach. Ich hielt abermals inne und versuchte die Eindrücke meines aufgepeitschten Geistes in die Schubladen einfacher Emotionen zu einzusortieren:

‚Ja… Scham, das ich dem Orden Schande gebracht habe… aber auch… Trauer. Trauer über den Tod meiner Brüder. Ich habe weder Herodon noch Echnaton retten können. Ich fühle viel zu viele Dinge, aber das ist was mich am meisten… beschäftigt.‘

Diese viel zu ehrliche Aussage schien den Priester zu überraschen:

‚Du bist ein junger Adept des Skriptoriums, nicht wahr?‘

Seine Gedankenstimme unterschied sich kaum von der seines physischen Körpers. Ich stutzte kurz und sendete dann hastig einen Impuls der Bestätigung. Dann begann er mich mit väterlicher Ruhe telepathisch über die Geschehnisse auf Zel Primus auszufragen. Ich schilderte alles genauso, wie ich es in Erinnerung hatte, ließ jedoch die seltsame Stimme aus, die mir zu Hilfe gekommen war…

Technisch gesehen war das Schweigen keine Lüge.


Als ich fertig war, nickte die Grimme Gestalt und erhob sich:

'Ich verstehe. Lass mich dir als Dank ein Geheimnis anvertrauen. Vermutlich bestätigt es, was du ohnehin schon vermutet hast: Jeder Ordenspriester ist talentiert darin, die Lügen seines Gegenübers zu enttarnen. Ich jedoch… bin ein wahrer Meister darin. Ruhe dich nun aus; Ich sehe, dass du verletzt bist. Der Orden hat dich nicht vergessen, Lasirius. Möge der Imperator dich segnen.'

Mit diesen Worten verschwand er aus meinem Sichtfeld und der Raum wurde wieder still.

Die berühmt berüchtigte Gastfreundschaft der Inquisition war, im Vergleich zu der meines Ordens, geradezu ein Fest der neuen und unvergesslichen Erlebnisse: Sie kamen plötzlich mit genug Wächtern um eine imperiale Kleinstadt einzunehmen, schnallten mir einen Psiblocker um den Hals und legten meine Handgelenke in runenbesetzte Ketten. Ich spürte, wie meine Verbindung zum Immaterium begann zu flackern, bis sie schließlich vollständig erlosch. Ich fühlte mich mit einem Male seltsam orientierungslos, nackt und blind. Um das Bild abzurunden, stülpten sie mir eine Sack über den Kopf und führten mich durch ein unnötig kompliziertes Labyrinth. Zum Trotz prägte ich mir den kompletten Weg ein, den sie mich langzerrten, wie ein gefährliches Raubtier zu einer blutigen Arena. Ich wurde unsanft in einen Stuhl gepresst und hörte das Klacken und Rasseln, als meine Fesseln ebenfalls dort befestigt wurden. Als sie mir meinen ersten Sinn zurückgaben, blendete mich ein Scheinwerfer, der direkt auf mein Gesicht gerichtet wurde. Selbst meine verbesserte Augen hatten Mühe damit, mehr als nur die Umrisse der Personen zu sehen, die hinter ihm standen. Es dürften etwa vier Stück gewesen sein. Um meinen Kopf kreiste ein Servoschädel, der eifrig darauf wartete, Worte zu Pergament zu bringen, die nie aus meinem Munde fallen würden. Eine der Silhouetten löste sich aus der verdunkelten Masse und trat in das helle Scheinwerferlicht:

„Guten Abend, Ketzer. Mein Name ist Lord Inquisitor Mann Krauthebel, seit einhundertfünfzig Jahren im Dienste des Ordo Haereticus; Geschickt vom Lord Kommandanten des glorreichen Imperiums der Menschheit, Robute Guilliman persönlich. Kannst du dir vorstellen, warum ich hier bin?“

Knarzte eine alte Stimme, in deren knorrigem Tenor die zahlreichen Narben unzähliger bitterer Entscheidungen nachhallten. Der biedere Mensch, dem sie gehörte, sah tatsächlich noch älter aus, als es das biologisch bereits ohnehin schon viel zu hohe Alter prophezeit hatte: Der Inquisitor war klein, hager und ging gebückt. Hellstechende Falkenaugen musterten mich wie Suchscheinwerfer, in die sich im Laufe der Jahrzehnte ein immerwährendes Misstrauen gebrannt hatte. Ich hätte ihm gerne auf seine Frage geantwortet, konnte ihm aber in meiner aktuellen Lage nicht mehr als einen hilflosen Blick zuwerfen. Leider schien er mein unfreiwilliges Schweigen jedoch als Provokation zu werten:

„Antworte, Ketzer!“

Er machte eine Schritt nach vorne und trat mir beherzt in meine unbehandelte Bauchwunde. Sterne blitzten synchron zu den Schmerzen durch meinen geschundenen Körper und meine Atmung setzte röchelnd aus. Er bohrte seine Hacke noch tiefer in das empfindliche Gewebe.

„Beim Thron, er ist stumm! Hören Sie mir nicht zu?“

Eine zweite Gestalt trat eilig aus den Schatten hervor: Sie war fast doppelt so groß, und fast dreimal so breit wie der Inquisitor. Als sein Körper näher an den Rand des Scheins trat, erkannte ich den Hünen als einen Bruder des Ordens.

„Was er kann und was er nicht kann, das liegt an mir zu beurteilen.“

Schnarrte Krauthebel mit gleichgültiger Stimme und zog betont langsam seinen Stiefel zurück. Ich konnte mahlende des Zähneknirschen des Scriptors bis hierhin hören. Es stoppte, als er vor mir stand und eine ganze Oktave tiefer zu knurren begann:

„Der gebrochene Turm zieht es vor, seine Mitglieder in einem Stück zurückzuerhalten!“

Als ich wieder aufsehen konnte, bemerkte ich erleichtert den kleinen Schild an seiner Brustplatte, dessen Heraldik das Siegel unseres gemeinsamen Orison-Kultes zierte: Er war ein hoher Scriptor des Ordens; Ein Wächter der verbotenen Bibliothek. Als ich weiter oben in sein Gesicht blickte, fiel mir auf, wie müde und abgekämpft er aussah: Dunkle Ringe hingen schlaff unter den intelligenten Augen und sein Stirnrunzeln schien mittlerweile mit ihm verwachsen zu sein. Sein langes, fettiges Haar hing zerzaust an seinen Schläfen herab. Das alles, obwohl seine Kompanie, meines Wissens nach, nicht an der Schlacht um Zel teilgenommen hatte. Er sah jung aus, aber das hatte unter unseresgleichen wenig zusagen. Wir alle alterten unterschiedlich, die meisten jedoch sehr langsam, manche fast gar nicht. Oft bestimmte die Anzahl unserer Narben und kybernetischen Prothesen unser Alter zuverlässiger, als es unsere blanke Haut vermochte. Was also hatte der kauzige Inquisitor in der kurzen Zeit mit dem Astartes angestellt? Der Puritaner musste seinen Kopf tief in den Nacken legen, um seinem Gegenüber in die Augen sehen zu können. Trotzdem erweckte er auf mich irgendwie den Eindruck, auf den Space Marine herabzuschauen:

„Sie bekommen das zurück, was ich von ihm übrig lassen werde.“

Dieser Satz reichte aus, um den ohnehin schon bis zum Zerreißen gespannten Geduldsfaden des Scriptors endgültig zum Durchbrennen zu bringen:

„Muss ich Sie daran erinnern, dass sich mehrere unserer Kriegsschiffe in-“

Für gewöhnlich reichte der Anblick eines wütenden Space Marines aus, um bei normalen Menschen einen archaischen Fluchttrieb zu wecken. Inquisitor Krauthebel hingegen war nicht normal. Er wischte die verzweifelte Drohung des Scriptors weg, wie als wäre es eine lästiges Insekt gewesen:

„Sparen Sie sich den Atem, Hexer. Ich trage das heilige Siegel von Terra und den Segen von Ultramar. Wenn hier jemand mit leeren Drohungen um sich werfen kann, dann bin ich das.“

Die große Gestalt sackte förmlich in sich zusammen:

“Bei den Zähnen des Imperators… Dann bringt ihm wenigstens ein Pergament, damit er schreiben kann.”

Krauthebel schüttelte den Kopf und verengte die Augen:

“Ich soll seine Fesseln lösen? Soll ich ihm auch gleich noch einen Freifahrtschein zum goldenen Palast geben? Terra soll wirklich schön sein um diese Jahreszeit...”

Der Scriptor wirkte schon fast gebrochen und stöhnte um Fassung ringend:

Er wird Ihnen irgendwie antworten müssen… Ich werde ihn die ganze Zeit überwachen. Sobald er eine falsche Bewegung macht, töte ich ihn auf der Stelle, einverstanden?”

Krauthebel wägte langsam das Risiko ab, während er sich mit seinem schwarzen Lederhandschuh über das weit fliehende Kinn fuhr. Am Ende willigte er ein:

“Einverstanden… aber Lithany wird ihm Gesellschaft leisten.”

Weitere Schritte näherten sich und metallene Stiefel klackten über den rostigen Stahlboden. Dieses Mal konnte ich das Wesen spüren bevor ich es sah; trotz der Psiblocker und der Ketten: Es war ein widerwärtiges, überwältigendes Gefühl, wie das eines herannahenden Unheils. Der unheilvolle Schatten trat in das Licht: Rein optisch schien sie zunächst ein ganz normaler Mensch zu sein. Die uralte Reliquienrüstung, die ihren Körper umgab, erinnerte an die heroischen Mythen längst vergangener Zeiten Terras. Lediglich ihre Haare ließen sie hervorstechen, deren schneeweiße Farbe für ihr junges Alter mehr als unüblich war. Als sie die Nackenmuskeln lockerte erkannte ich, dass die andere Hälfte ihres Haarschopfes so schwarz wie Asche war. Sie strich sie sich aus dem Gesicht und enthüllte sonderbare, saphirblaue Augen: Sie funkelten kalt und scharf, wie herabhängende Eiskristalle an einem Gletscherberg in der Morgensonne. Das steigendes Unwohlsein schlug in erstickende Übelkeit um, als sie direkt vor mir stehen blieb und neugierig zu mir herabsah: Die glänzenden Saphire fuhren über mein Gesicht und blieben interessiert an jedem Makel hängen, den mein Aufnahmeritual und die Zeit auf dem verderbten Planeten hinterlassen hatten. Mich überkam das Gefühl zu ertrinken, obwohl meine Atemwege frei wahren.

Sie musste ein Paria sein, eine unberührbare. Das Gegengift, dass die Natur gegen uns Psioniker geschaffen hatte.

Sie lächelte mir zu und ich musste mich zusammenreißen, ihr nicht meinen Mageninhalt vor ihren gepanzerten Füßen auszubreiten. Das schien sie jedoch nur umso mehr zu belustigen.

Ich wurde von Krauthebel aufgefordert, die ganze Geschichte ab meinem Absprung noch einmal zu wiederholen. Alle ließen mich, während die Chronik zu Pergament brachte, für keine Sekunde aus den Augen. Der Inquisitor brauchte genau eine Sekunde, um den Bericht zu lesen, und eine weitere, um ihn zu analysieren.

Der Scriptor war schon vor ihm fertig:

„Die Aussagen decken sich mit denen der anderen Verhöre. Auch die der Zivilistin.”

„Die, die ein Siegel eures Ordens entwendet hat?”

Ich habe es ihr gegeben. Sie hat mir Sie hat uns geholfen.

kritzelte ich mit der Geschwindigkeit eines übertakteten Servoschädels auf das Schreibpapier. Krauthebel schien das nicht zu besänftigen:

Ach ja? Was stand denn auf dem Siegel? Wie sah es aus?”

Ich zeichnete es aus meinem fotographischen Gedächtnis, zusammen mit einem Portrait der Frau, die es erhalten hatte. Krauthebel beäugte das Bild kritisch und nickte, fast schon überrascht. Ich würde auch noch den Hexer und den gewaltigen Dämon zeichnen müssen. Harscher Maschinencode unterbrach den Inquisitor aus den Schatten, als er gerade im Begriff war, den Mund aufzumachen. Dieser schluckte seine Rede herunter und öffnete stattdessen eine Holotafel, die den Raum in kaltem Smaragd erstrahlen ließ. Die Pictaufnahmen meines Helmes waren ausgelesen worden. Ich durchlebte die komplette Schlacht noch einmal von vorne; Diesmal jedoch durch Herodons Augen. Ich bemerkte die individuellen Abweichungen in seinem Kampfstil; Seinem Eifer. Seinen Zorn. Sein Ende.

Es waren fünf World Eater gewesen: Herodon hatte tapfer gekämpft, und drei davon hatte er getötet. Den vierten konnte er verletzen. Der letzte hatte seinen Torso mit den unerbittlichen Salven einer schweren Maschinenkanone in blutige Fetzen gehämmert. Der Helm fiel zu Boden und filmte von da an nur noch blutverschmiert den vibrierenden Untergrund. Irgendwann wurde es still. Dann wurde es dunkel. Nach einer undefinierbaren Zeitspanne erhob sich der Helm erneut. Penélopes verdrecktes Gesicht blickte mir kummervoll entgegen. Es fühlte sich eigenartig an, sie so nahe und aus diesem Winkel zu sehen. Dann kam der Teil, der mir bereits bekannt war. Bei Balthazars erscheinen stoppten sie die Aufnahme und verglichen sie mit verschiedenen Pictaufnahmen aus dem Archiv. Nicht einmal mein geschärftes Auge konnte einen Unterschied ausmachen. Ich sah noch einmal die Schatten des Hexers und des Dämonen. Die Aufnahme fragmentierte ab dem Punkt wo ich in die Mauer einschlug, doch sie lief durch. Am Ende ergriff der Scriptor das Wort:

“Damit wäre alles gesagt. Alle Aufnahmen stimmen mit den Aussagen aller Beteiligten überein. Er hat durch seine Mühen in der Station unzähligen Männern das Leben gerettet und dem Feind eine empfindliche Wunde verpasst. Meister Goetos und Captain Echnaton haben ihn durchleuchtet und bürgen für ihn. Ich sehe keinen Grund, um Bruder Lasirius der Häresie zu beschuldigen... Er ist unschuldig.”

Krauthebel zeigte sich wenig beeindruckt:

“Unschuld beweist gar nichts.”

betete er den Wahlspruch der Inquisition herunter, den er so oft benutzt hatte, dass es die Leiterbahnen in seinem Nervensystem vollständig blank geschliffen hatte. Er gab dem Space Marine nicht einmal die Chance etwas zu erwidern, sondern fuhr unbeirrt fort:

“Er hat das Imperium Verraten, indem er selbst an der Seite eines Verräters gedient hat. Ich werde ich mich vor der Vollstreckung des Urteils noch einmal mit dem Ordensmeister kurzschließen, wie genau wir mit der Hinrichtung verfahren werden. Seht es als seltene Gnade meinerseits. Ich werde mir bei der Gelegenheit auch gleich eure ominöse Festung und eure heidnischen Begräbnisriten zu Gemüte führen.”

Der Scriptor brodelte jetzt vor Zorn. Sein Körper war kampfbereit angespannt und es wirkte, wie als hätte er Mühe, dem Inquisitor nicht umgehend an die Gurgel zu gehen:

Ein Scheiß wird hier hingerichtet! Ihre Anschuldigungen sind so hanebüchen, dass ich mich ernsthaft zu fragen beginne, ob man Sie nicht mal selbst auf den Einfluss des hellen Wahnsinns überprüfen lassen sollte! Meister Vasaphon wird keinen seiner treuen Krieger töten lassen, nur weil Ihrem paranoiden Arsch der Sinn danach steht!”

Krauthebel zog fragend die Augenbrauen hoch, blinzelte, und zückte in aller Seelenruhe sein Energiesäbel. Dann beschrieb die dünne Klinge einen schnellen Halbmond und kam wenige Millimeter vor meinem Hals zum Stehen:

“Dann wäre es also sinnvoller, es gleich zu tun?”

Der Scriptor hatte die Hände mittlerweile zu knirschenden Fäusten geballt. Die Klinge begann zu vibrieren und bog sich langsam von mir weg, bis Krauthebel sie energisch zurückzog. Die blutunterlaufenen Augen strahlten jetzt ein gefährliches Glühen aus.

“Wenn Sie wollen, dass ich Ihren zugeschissenen Schädel-”

Eine riesige Erschütterung donnerte durch das Schiff und alles, was nicht Niet und Nagelfest war, wurde ruckartig auf die Backbordseite befördert. Mein Stuhl fiel zur Seite und rutschte mitsamt meinem Körper über das Deck, bis die Wand krachend die Fahrt beendete. Warnsirenen heulten auf und das Vox der Anwesenden explodierte.

“Werden wir beschossen?!”

fragten Krauthebel und der Scriptor gleichzeitig in ihre eigenen Sprechgeräte. Ein scharfes Knistern ertönte, das in eilige Wortfetzen übersetzt wurde. Beide Anfragen wurden verneint. Die Erklärung ging jedoch in dem allgemeinen Getöse und der Statik unter. Ich bezweifelte, dass die anderen mehr verstanden.

“Wenn ich einen Vorschlag unterbreiten dürfte…”

Lithany hatte sich zu Wort gemeldet, während sie erneut ihre unpassenden Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte. Ihre Stimme war nun so kalt und emotionslos, wie die eines Servitors. Wir alle sahen sie mit großen Augen an. Aus meinem seltsamen Winkel wirkte sie um einiges größer als zuvor.

“...Es wird eine Weile dauern, bis wir auf Banish ankommen. Ich schlage dem Orden vor, diese Galgenfrist zu nutzen, um noch einmal sämtliche Beweise zu überprüfen und zusammenzutragen. Als Zeichen unseres Vertrauens gegenüber dem Ordo Malleus werden wir sie den erst den Plutonianern, und dann dem Kommandostab vortragen. Sie werden unabhängig voneinander das Urteil sprechen. Die Mehrheit wird im Namen des heiligen Gottimperators entscheiden.”

“Also wird es effektiv von meinen dreckigen Kollegen abhängig sein?”

schlussfolgerte der alte Inquisitor uns konnte seine Verachtung kaum im Zaum halten.

“Gibt es eine andere Lösung, die nicht unvermeidlich zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen dem Adeptus Astartes und der Inquisition führen wird?”

fragte Lithany beinahe naiv in die Runde, deren dicke Luft man beinahe schneiden konnte. Krauthebel begann zu brüllen, wie ein in die Ecke gedrängtes Tier:

“Überschreiten Sie nicht ihre Kompetenz, Fräulein Lithany! Robute Guilliman-”

Lithany unterbrach den Inquisitor, wie als wäre er ein aufmüpfiger Arbeitssklave, ihre Stimme so scharf wie eine Laserschneide:

“Der dreizehnte Sohn des Heiligen hat Sie ermahnt, auf den freundlichen Rat ihrer Interrogatorin zu hören. Sie werden ihr Urteil gleichermaßen vor ihm wie vor mir rechtfertigen müssen…”​
 
Secret Heretic

von Lasirius Borealis


Kapitel 9: Verlust

„Heute werden wir Abschied von einem geschätzten und respektierten Bruder unseres Ordens nehmen: Nektarios Herodon hat bis zum letzten Tropfen seines edlen Blutes das heilige Schwert des Imperators geführt und seinen Richtspruch in blanke Tatsachen verwandelt. Nun wird seine Seele in die sanften Fänge seiner Umarmung zurückgehen. Er wird ein Teil von ihm werden..."

Ich schaute mich um: Wir alle, selbst der Ordenspriester, waren in voller Rüstung vor Ort. Selbst auf unsere Helme hatten wir nicht verzichtet. Dies war jedoch nicht, weil ein neuer Einsatz bevorstand: Es war ein Zeichen des Respektes gegenüber unserem gefallenen Bruder. Es war das Begräbnis eines Soldaten: Wir verabschiedeten ihn in der Form, in der wir zusammen mit ihm gekämpft und geblutet hatten. Auch wenn ein Großteil des wilden Sammelsuriums meiner improvisierten Kampfrüstung wieder durch zusammenpassende Module ersetzt worden war, so hatte ich doch darauf bestanden, dass der auffällige, goldene Helm in meinem Besitz bleiben würde, und auch seine Farbe nicht verändert werden sollte. Ich trug ihn auch jetzt, vielleicht gerade wegen der Symbolkraft, die er nun in sich barg.

Warum die anderen ihre Helme trugen?

Vielleicht verbargen sie etwas: Vielleicht war es ihre Trauer, vielleicht war es ihre Gleichgültigkeit. Wer wusste es schon? Es kamen mehr Brüder zu der schwarzen Feier, als ich erwartet hatte: Neben mir und dem verbliebenen Leutnant waren auch noch einige Mitglieder seines Kultes gekommen. Ich erkannte sie an den einheitlichen Markierungen an ihren Rüstungen.

Meine verheilende Wunde schmerzte immer noch. Bruder Asklepios hatte sich um sie gekümmert, nachdem ich auf der Schwelle seines improvisierten Apothecariums endgültig das Bewusstsein verloren hatte. Insgeheim war ich dankbar für diese Ohnmacht gewesen, denn für gewöhnlich blieb ein Space Marine bei Operationen dieser Art bei vollem Bewusstsein. Bruder Balthasar hatte ich noch nicht wieder gesehen. Er befand sich nach meinen Informationen immer noch im örtlichen Apothecarium. Was mich jedoch am meisten verwunderte war, dass es keine Informationen zu Captain Echnatons verbleiben gab. Kein Name auf einem toten Stein, der seinen Verlust beklagte, keine Erwähnung in Bannern oder Schwüren. Nicht einmal ein Bericht. Es war fast, wie als hätte er nie existiert. Ich hatte überlegt, meine Vorgesetzten zu fragen, den Gedanken jedoch verworfen, da immer noch das Damoklesschwert meines eigenen Urteils über meinen Haupt pendelte. Jeder Orden hat seine Geheimnisse, und wenn unser Orden Geheimnisse birgt, dann hatte das für Gewöhnlich auch seine Gründe… Denn in der Regel durfte man als Mitglied offen sprechen und Fragen zu stellen war hoch angesehen. Das plötzliche Anschwellen des Pathos aus dem Mund des Priesters riss mich aus meinen Gedanken:

Doch wie sollen wir die Rechnung seines Blutes nun begleichen? Mit feierlichen Racheschwüren? Mit Blinder Wut? NEIN sage ich, meine Brüder! Ich sage euch, seht seine außerordentliche Tapferkeit und seinen unangefochtenen Heldenmut! Aber seht auch seine Torheit und seine Sturheit. Lernt klug abzuwägen und noch weiser zu entscheiden. Tötet bestimmt, aber ohne Stolz. Kämpft als Einheit, nicht als Egomanen. Die Lorbeeren werden bitter werden, wenn man sie nur noch auf eure Gräber legen kann. Tragt diesen unseren Bruder in euren Herzen, damit ihr gehen könnt, wo er gefallen ist!"

Einige Brüder nickten zustimmend. Alle schlugen mit der Faust auf ihre Brustpanzer. Alle bis auf eine. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf neugierig schief gelegt:

„Eine ungewöhnliche Rede für einen Ordenspriester."

Stellte eine unpassende Gestalt mitten in der Trauergemeinde fest, nachdem sie einen privaten Voxkanal geöffnet hatte.

Inwiefern?

Gestikulierte ich bemüht unauffällig in die Richtung des schwarzen Loches in der Astralebene. Lithanys erdrückende Gesellschaft war, dank Krauthebel, der Preis, den ich zahlen musste, um mich frei im Kloster bewegen zu dürfen. Der Inquisitor selbst hatte zumindest ganze Arbeit geleistet, und es sich anscheinend zum Ziel gemacht, jedes einzelne Ordensmitglied, das ihm vor die Flinte lief, zu seinem persönlichen Todfeind zu erklären. Lediglich Asklepios und Taediosus schien er geduldet zu haben. Lithany hingegen hatte es meinen Brüdern gleich getan und war in voller Kriegsmontur erschienen. Ich fragte mich, ob das ein Friedensangebot, oder eine Entschuldigung für Krauthebels Benehmen darstellen sollte. Vielleicht wollte sie auch einfach eine alte Tradition ihrer Gastgeber ehren, ohne sie verstehen zu müssen. Jedoch schien es Entweder nicht zu funktionieren, oder ihre seelische Mutation hatte auch einen Effekt auf psionisch weniger empfindliche Wesen. Offensichtlich war zumindest, dass die anderen sie auf Abstand hielten, obwohl sie ihre Anwesenheit grundsätzlich duldeten. Lithany selbst war es anscheinend egal, oder sie war es schlichtweg gewohnt. Denn sie ignorierte es, legte kaum merklich den Kopf in den Nacken und schien ihre nächsten Worte mit Bedacht zu wählen. Da sie immer noch schwieg, warf ich ihr einen unbemerkten Seitenblick zu:

Ich sah aus dem Augenwinkel, wie die Farben der Bundglasfenster sich auf den zu Hochglanz polierten Flächen ihrer Servorüstung spiegelten und schillernd reflektiert wurden: Sie war das exakte Gegenteil zu der unseren: Wo unsere Rüstung rund und klobig waren, gingen bei ihr elegant geschwungene Formen in kunstvoll verzierte, filigrane Ausläufer über. Ihr weiß und Gold stand in scharfem Kontrast zu unserem Blutrot und Silber. Über ihrem Rückenmodul, dessen Leitwerk zwei kleine Andeutungen von Flügeln zierten, war ein aufrecht stehender, goldener Heiligenschein mit Stacheln angebracht worden, der ihr Haupt vollständig einrahmte, wenn man sie von vorne betrachtete. Es war mehr als nur Zier; Es war ein Schildgenerator, der symbolisch für die Hand des Imperators stand, die schützend über sie wachte. Wir Astartes waren es, die von der Menschheit oft „die Engel des Imperators“ genannt wurden, doch wenn ich sie so ansah, kam mir der Gedanke, dass sie und ihre Schwesternschaft diese Bezeichnung viel eher verdient hatten…

„Ordenspriester mahnen selten zur Mäßigung. Sie stellen sicher, dass der Glaube an den Imperator ungebrochen bleibt; Meistens indem sie den Hass ihrer Schützlinge schüren und auf unsere Feinde lenken."

Für eine Schwester des Adepta Sororitas, der den militärischen Arm der dogmatischen Ekklesiarchie darstellte, war das eine ungewöhnlich neutrale Beobachtung. Ich deaktivierte die Servos in meiner rechten Hand, damit das Geräusch meine Gesten nicht verraten würde:

Unser Orden funktioniert anders: Unsere Gefühle, mit welcher Intention auch immer man sie auf ihre Ziele richtet, sind das, was uns anfällig für die Korruption durch die ruinösen Mächte macht. Das ist die schmerzhafte Lektion, die jeder Exorcist am eigenen Leib erfährt. Nur ein wissender und reflektierter Geist, klar und ruhig wie Felsquellwasser, kann dem dauerhaft widerstehen.

Versuchte ich, Meister Goetos zu zitieren. Vermutlich würde bei dieser Barriere eh weniger als die Hälfte meiner Gedanken bei ihr ankommen.

„...oder ein zutiefst fanatischer."

ergänzte Lithany seufzend und mehr zu sich selbst. Sie schien es zu meiner Überraschung tatsächlich entziffern zu können. Eine leise Stimme in meinem Kopf widersprach dieser Aussage. Sie fragte sich, ob Fanatismus nicht hieß, schon längst an das Chaos gefallen zu sein, während man gleichzeitig die Weitsicht verlor, dies zu bemerken:

Dämonen lieben die reinen und unreflektierten Emotionen am meisten: Sie muss man nicht erst mühsam verdrehen, blocken oder brechen. Man muss lediglich ihr gewaltiges Momentum gegen sie nutzen, indem man sie von der Seite in eine günstige Richtung lenkt; Dämonen sind nicht das Monster, an dem der Pfeil zerschellt, sie sind der Windstoß, der den Pfeil vom Kurs abbringt.

Ich spürte, wie sich ihr Helm bei den Gebärden kaum merklich in meine Richtung neigte. Mir wurde etwas schwindelig, als ihre seltsamen Augen direkt durch meinen Helm zu starren schienen.

Ich war der letzte der Bruderschaft der, zusammen mit dem Ordenspriester, schweigend an dem kleinen Grab stand. Das Atrium leuchtete nun einen Kerzenschein heller. Ich versuchte noch immer die vielen Puzzlestücke zusammenzusetzen und zu ordnen, die das Echo von Nektarios Herodon gewesen waren. Ich dachte zurück an den unauffälligem Jungen in der Scoutkompanie, mit dem ich nur selten ein Wort gewechselt hatte. Ich hatte ihn kaum gekannt; Das meiste über ihn hatte ich im Nachhinein erfahren.

„Möchtest du mich einen kurzen Weg begleiten?"

fragte der Chaplain sanft, ebenfalls über einen privaten Kanal.

Wir schritten nebeneinander durch einen der verzweigten Gänge des Atriums. An seinem Ende verbarg sich ein versteckter Innenhof mit einem herrlichen Garten, der von dem seltenen Sonnenlicht der Mittagshitze von Banish durchflutet wurde: Weite, ausladende Rosenbeete in den Farben unseres Ordens reihten sich an streng gestutzte Hecken, die gerade von Dienern und Servitoren zurechtgeschnitten wurden. Zwischen ihnen wiegten sich unzählige Sträucher aus Heilpflanzen im sanften Wind, die in jeder möglichen Form und Farbe erblühten. Sogar ein paar Obstbäume zierten vereinzelt die Landschaft und warfen lange Schatten auf die frisch duftende Erde, die von gewundenen Pfaden aus alten Holzbrettern durchzogen war. Sie knackten und ächzten unter unserem Gewicht, als wir über sie schritten. Sie trafen sich in der Mitte des Gartens, wo ein mit Totenschädeln verzierter Brunnen plätscherte, dessen kanalförmiger Ablauf in einen kleinen Teich überging. Das geschäftige Brummen von unzähligen Insekten schwirrte durch die sirrende Luft. Auf einem Sockel in der Mitte des Klostergartens thronte eine Statur von einem Apothecarius mit einem goldenen Stab, um den sich eine einzelne, zischelnde Schlange Wand. Wir waren die einzigen Astartes an diesem Ort.

„Dieser Bereich ist leider nur wenigen bekannt… Schade eigentlich. Es ist einer der schönsten auf ganz Banish.“

Das mechanische Surren von Lithanys Nackenservos verriet mir, dass sie ebenfalls den Kopf drehte, um die unerwartete Schönheit des Ortes einzufangen. Er stand im kompletten Kontrast zu dem bedrückenden Rest des sonstigen Gemäuers und wollte irgendwie nicht hierher passen. Die entweichende Luft zischte leise, als sie den Helm abnahm, um die frische Luft zu schnuppern.

„Sagt Bruder Lasirius: War Bruder Herodon ein Freund von euch?“

Ich hatte beinahe mit der Frage gerechnet. Aber nur beinahe:

‚Nein. Er war ein geschätzter Bruder aus meinem Angriffstrupp, aber ich habe zuvor kaum mit ihm zu tun gehabt. Er war damals in der Scoutkompanie schon distanziert und ruhig. Ich war jedoch von seinem neuen… religiösen Eifer überrascht.‘

Antwortete ich nach einem kuren zögern. Bei meinen letzten Worten warf ich, unter meinem Helm, einen Seitenblick auf Lithany, deren schillernde Augen gedankenverloren einen schwarz-roten Schmetterling verfolgten. Der Priester ließ sich schwer auf eine massive Steinbank fallen, die auf das ungeheure Gewicht eines Astartes ausgelegt war und schaute in den klaren Himmel:

„Ihr wart in derselben Scout-Kompanie, richtig? Sag… erinnerst du dich noch an deine Zeit als Neophyt?”

Während er sprach, drehte er eine Schatulle mit einem vergilbten Pergament zwischen den schwarz gepanzerten Fingern, die er nachdenklich von seiner Hüfte genommen hatte. Ich schüttelte etwas betrübt den Kopf.

„Verstehe… Weißt du, ich… kannte ihn sehr gut tatsächlich. Ich habe viel Zeit mit ihm verbracht, nach seinem Aufnahmeritual, das ihm…“

Er schien nach den richtigen Worten zu ringen, während sein Satz in der Leere der Ungewissheit erstarb.:

„…das ihn verändert hat. Er kam oft zu mir, um nach Rat zu fragen und ich habe oft mit ihm hier über die verschiedensten Dinge gesprochen... Er war ein neugieriger Bursche; Vielleicht hat er auch einfach jemanden zum Reden gebraucht. Das brauchen wir alle…“

Sein Kopf neigte sich mit einem Surren nach unten:

„Einmal hat er mir Gegenüber sogar erwähnt, dass er selbst einmal Ordenspriester werden möchte. Es… ist schade, dass ich ihn so früh schon zu Grabe tragen musste.“

Ich fragte mich, ob er unter seinem Helm, dessen eigentümliche Front dem Betrachter eine immer finster dreinblickende Totenkopfmaske zeigte, gerade aufrichtige Tränen der Trauer vergoss. Ich wusste nicht, wie ich mit diesem Anblick umgehen sollte: Es gab keine Doktrine, kein Wort im Kodex, das mich darauf hätte vorbereiten können. Lithany schien seine Körpersprache, trotz der massiven Rüstung und den rituellen Gewändern, wie ein Buch lesen zu können und legte ihm still, mit einem dumpfen Klingen von Metall auf Metall, eine gepanzerte Hand auf die Schulter. Ich konnte ihn nur hilflos anstarren:

‚Es… ist nicht einfach ein Ordenspriester in unseren Reihen zu sein… Wie heißt ihr eigentlich?‘

Versuchte ich ungeschickt das Eis zu brechen, dessen erdrückende Last mich beinahe zu zerquetschen drohte. Die finstere Gestalt musste lachen, als sie bemerkte, dass sie sich mir gegenüber tatsächlich noch nie vorgestellt hatte. Dann schüttelte sie den Kopf:

„Ich bin Adeodatus, auch wenn Namen in diesen Breitengraden nicht mehr als Schall und Rauch sind. Aber ja… Es ist die Aufgabe von mir und den Kultmeistern, sich um die zerrütteten Seelen zu kümmern, die die Hallen der dämonischen Schmiede ausspucken: Ich komme zu ihnen, hebe meinen Stab und führe meine Schäfchen zum heiligen Lichte des Imperators. Dort lasse ich sie an seinem unergründlichen Quell der göttlichen Weisheit trinken…“

Mein Vox begann zu knistern:

„Bruder Lasirius, finden sie sich sofort im Strategium ein! Ordensmeister Vasaphon persönlich möchte Sie sprechen!“

Ich unterbrach Adeodatus, sobald die Nachricht geendet hatte:

‚Es tut mir leid; Die Pflicht ruft, ehrenwerter Bruder. Ich hoffe, dass wir uns nicht das letzte Mal gesehen haben.‘

Ich konnte spüren, dass er Ordenspriester unter seiner Helmmaske lächelte:

„Das hoffe ich auch, Bruder. Möge der Imperator dir beistehen.“

Erwiderte Adeodatus und reichte mir respektvoll die Hand zum Kriegergruß. Nachdem ich sie ergriffen hatte, machte ich mich zügig auf den Weg zu dem Ort, an dem sich nun mein Schicksal entscheiden würde. Obwohl ich gerade mal zügig ging, musste Lithany fast rennen, um mit mir Schritt zu halten. Den gesamten Weg zum Strategium dachte ich über die Worte des Kaplans nach: Für mich waren die Ordenspriester immer mehr unerschütterliche Bollwerke, fühlende Entitäten gewesen. Die Maske war so furchteinflößend, dass man leicht vergessen konnte, dass ein ursprünglich menschliches Wesen hinter ihr steckte.

Vor den schweren Eichentüren standen bereits die Terminatoren der Enochianischen Garde. Lithany wurde zuerst und alleine durchgelassen. Ich stand einige Sekunden vor dem schweren Tor und versuchte, meine pochenden Herzen zu beruhigen, während die latente Übelkeit ihrer Präsenz langsam abebbte. Die Schläge hallten dumpf in der Stille meines Helmes wider. Sie wurden lauter und lauter. Eine Meldung meines Vitalsystems, das Stresshormone und Adrenalin überwachte, blinkte auf und merkte an, dass meine Rüstung ebenfalls dachte, dass ich mich in einer Schlacht befände. Dann endlich schwang die gewaltige Pforte auf. Ich atmete aus, schritt hindurch und bemerkte, dass sich neben der Inquisition auch der gesamte Kommandostab mir gegenüber um einen steinernen, runden Tisch versammelt hatte. An seiner Spitze funkelte ein prunkvoll verzierter Astartes, dessen gewaltige Rüstung über und über mit filigranen Dekorationen verziert worden war. Da keiner von ihnen einen Helm trug, tat ich es ihnen gleich, setzte den meinen ab und salutierte. Alle Augen im Saal waren auf mich gerichtet. Man konnte das Klicken und Surren von künstlichen Linsen hören, als die mechanischen Geschenke des Omnissiahs sich alle auf denselben Brennpunkt scharfstellten.

„Der Kommandostab des heiligen Ordens der Exorcists, unter der Leitung des ehrenwerten Ordensmeisters Aymir Vasaphon, sowie die Vertreter der heiligen Inquisition in Form von Mann Krauthebel, seines Zeichens Inquisitor des heiligen Ordo Haereticus, im Auftrag des 13. Sohnes des Imperators-“

Beim heiligen Thron, sparen Sie sich das Geschwafel! Wenn wir alle Titel sämtlicher Anwesenden verlesen, dann sitzen wir morgen noch hier!“

Den dringlichen Worten des Ordensmeisters war Folge zu leisten. Krauthebels Augenbraue zuckte missbilligend, bei dieser offensichtlichen und scharmlosen Unterbrechung des Protokolls. Der Protokollant, den Vasaphon so unwirsch unterbrochen hatte, nickte unterwürfig und fuhr fort:

„Verzeihung. Wir haben uns eingefunden, um das Urteil über Ordensbruder Lasirius der 8. Kompanie der…“

Der mahnende Blick des Ordensmeisters beschleunigte abermals den Redefluss seines Dieners:

„…zu sprechen. Ihm wird zur Last gelegt, an einer Häresie infernalen Grades mitgewirkt zu haben, indem er willentlich einen Verräter in die eigenen Reihen eingeschleust hat.“

Jetzt waren alle Augen auf Krauthebel gerichtet, der diesen Umstand lediglich mit eisernem Stoizismus zur Kenntnis nahm. Seine ohnehin schon strengen und tief hängenden Mundwinkel erreichten dabei einen neuen Tiefpunkt in den Gräben des faltigen Gesichts-Reliefs.

„Das Urteil des Ordo Haereticus verbleibt unverändert.“

Ergriff er so knapp wie möglich das Wort. Einige Blicke verhärteten sich.

„Das Urteil der Plutonianer, stellvertretend für den Ordo Malleus lautet, nach der mehrmaligen Sichtung aller Beweise, Unschuldig in allen Punkten!“

Leierte ein hagerer, nicht minder alter Inquisitor herunter.

„Das Urteil der Untersuchungskommission der Exorcists kommt zum selben Ergebnis.“

Bestätigte der Ordensmeister. Ein Stein fiel mir von den Herzen.

„Der Lordkommandant wird davon in Kenntnis gesetzt werden…“

Drohte Krauthebel mit einer Stimme, die zischte, wie eine Energieklinge, die gerade durch frisches Fleisch schnitt.

„Er wird Ihre beweislastige Schlussfolgerung sicher äußerst amüsant finden.“

Spottete trocken einer der Plutonianer mit einem künstlichen Auge, dessen Fassung über sein halbes Gesicht ragte, bevor ihn der mahnende Blick seines Vorgesetzten zum Schweigen bringen konnte. Lithany konnte sich ein schelmisches Lachen nicht ganz verkneifen und hustete auffällig. Krauthebel murrte etwas unverständliches in die feuchte Kellerluft und zog mit wehendem Mantel von dannen. Die Plutonianer folgten ihm plaudernd. Jetzt waren nur noch Space Marines im Raum.

“Kommen wir gleich zur Sache…”

ergriff Vasaphon das Wort, kaum war das Echo der zufallenden Tür verhallt:

“…Sie haben Ihrem Orden einen großen Dienst erwiesen: Ein Duell mit frei feindlichen Astartes, ein weiteres mit einem dunklen Hexer samt eines beschworenem Erzdämonen und die Zerstörung der Reaktoren nach erfolgreicher Infiltration einer besetzten Stellung... Das alles bei Ihrem ersten Einsatz! Für ihre Mühen werden Sie mit sofortiger Wirkung zum Leutnant befördert!

Der Ordensmeister schwieg für eine Sekunde, um die gewaltigen Worte im Raum sacken zu lassen. Ich war wie vom Donner gerührt, so wenig konnte ich fassen, was ich da hörte: Für gewöhnlich dauerte es Jahrzehnte, um in eine solche Position aufzusteigen. Einige der anderen raunten und schienen mein Unverständnis zu teilen. Aber Vasaphon sprach weiter, wie als ob er nichts davon bemerkt hätte:

Jedoch! Da Sie den Verräter nicht erkannt, den ersten Captain mit einer Waffe bedroht, und zu allem Überfluss uns auch noch die Puritaner auf unsere heilige Feste gehetzt haben, werden sie sogleich wieder zum Sergeant degradiert.”

Ich salutierte unsicher, schluckte und schaute noch verwirrter als zuvor in die Runde: Einige der anwesenden, die Vasaphon schon länger kannten, mussten schmunzeln und kichern. Scheinbar war dies nicht das erste Mal gewesen, dass eine solch widersprüchliche Situation unter seiner Führung aufgekommen war. Meine Enttäuschung hingegen hielt sich in Grenzen, da dies im Netto immer noch eine Beförderung darstellte, wenn auch eine deutlich geringere. Als Sergeant würde ich zwei Trupps von je drei Marines unter meinen Kommando haben. Das war genug, um eine komplette Makropole einzunehmen.

“Nehmen Sie sich diese Lektion zur Kenntnis. Wir erwarten großes von Ihnen.”

schloss der Ordensmeister seine Rede und sah mir nun direkt in die Augen. Zustimmendes Nicken und Salute folgten. Einige trommelten sich auf die Brustpanzer, um ihren Respekt zu zollen.

“Eine weitere Sache noch…”

Auf einen Wink von Vasaphon hin wurde die Tür erneut aufgestemmt und ein bekanntes Gesicht lugte vorsichtig hindurch. Dann schritt der hagere Mensch in den Raum, bis er neben mir Haltung annahm und ebenfalls vor den hohen Tieren salutierte. Um ein Haar hätte ich Penélope nicht erkannt: Die Frau, die nun gepflegt, aufrichtig und stolz neben mir stand, hatte wenig mit der verängstigten und zerzausten Gestalt gemeinsam, die unter großen Mühen viel zu schwere Rüstungsteile durch die unwirkliche Gegend eines verfluchten Planeten geschleppt hatte. Manche Gewohnheiten schienen jedoch nur schwer zu sterben, da ihr kaum merkliches Zittern ihre vergeblichen Bemühungen verriet, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen.

“Der Mensch, den Sie aus den Trümmern gefischt haben, wird als leitende Technikerin in die Obhut Ihrer Kompanie überstellt. Sie wird sich ab jetzt um ihre Rüstungen und Waffen kümmern. Die Freigabe der Inquisition ist bereits erfolgt. Das wäre alles.”

Penélope salutierte bestätigend. Die Versammlung löste sich auf und verstreute sich in der Festung. Ich war ebenfalls auf dem Weg zur Bibliothek des Librariums. Doch dann merkte einen plötzlichen Widerstand an meinem Handgelenk und wandte mich um:

“Habt ihr einen Moment?”

Ich nahm den Helm ab und nickte, als ich die Stimme und ihr passendes Gesicht erkannte. Dann beugte ich mich herunter, um den Sprecher genauer in Augenschein zu nehmen:

“Was gibt es Penélope?”

Die letzten Nachzügler rauschten an uns vorbei und schauten etwas irritiert un meine Richtung. Ich betrachtete Penélopes Gesicht genauer: Die dunklen Schatten unter ihrem aufmerksamen, gagatfarbenen Augen waren immer noch da und sie waren sogar noch dunkler geworden. Über ihre linke Gesichtshälfte zog sich eine dünne Narbe, deren Heilungsprozess künstlich beschleunigt worden war. Ihr glattes Haar, dessen eigentlicher Farbton von einem glänzenden Walnuss war, hatte sie in ihrem Nacken zusammengebunden und ihr Haupt zierte eine auf dem Kopf abgelegte Schutzbrille mit dunklen Gläsern. Ein etwas zu großer Overall hing müde und schlaff an ihr herab. Sie musterte mich ebenfalls und ihre Augen blieben an meinen geringfügig gewachsenen Hörnern, meinen schwarz gefärbten Augen, und meinen Fangzähnen hängen.

“Ich bin froh, dass ihr wohlauf seid, Sergeant.”

‘Sergeant …’

Der Klang war so süß, wie er neu war. Dennoch kam er mir vor ihr irgendwie komisch und unpassend vor:

‘Ich bin ebenfalls froh, dich wiederzusehen. Spar dir die Förmlichkeiten… Ich bin einfach nur Lasirius. ’

Ich streckte vor ihr die Hand zum Kriegergruß aus, der eigentlich nur für Space Marines vorbehalten war. Sie zögerte kurz, betrachtete sie, und schien irgendetwas abzuwägen. Ich verstand das Problem, als sie ungeschickt versuchte, meine massige Hand mit der ihren zu umgreifen.

‚Du bist von jetzt an Meister unserer Rüstkammer? ’

Fragte ich sie, als mir die folgende, eigenartige Stille zu schwer wurde. Penélope schreckte kurz zusammen. Scheinbar hatte sie noch Schwierigkeiten, sich an meine unangekündigte Astralstimme zu gewöhnen.

“Ja… so in etwa. Ich bin hauptsächlich für die Reparatur und Wartung unter der Aufsicht von Magos Chrom zuständig. Wenn ihr irgendwelche Wünsche oder Probleme habt, dann zögert nicht zu Fragen, Lasirius.”

Tatsächlich kamen mir so einige Ideen, was die Zierde meiner Rüstung anging, jetzt da ich eine neue Form von Autorität besaß, und ich musste erneut an die charakteristische Lackierung der Terminatoren denken, die leicht von dem Standard der Kompanie abwich.

‘Mein Helm drückt etwas…’

murmelte ich schließlich, insofern eine Gedankenstimme murmeln kann. Tatsächlich merkte ich nun ziemlich deutlich, dass meine schleichende Metamorphose begann, meine Kopfpanzerung aus ihrer vorgesehenen Fassung zu bringen. Ich begann den Umstand zu verfluchen, dass es in der gesamten Basilica keine Spiegel gab, auch wenn ich die Gründe durchaus nachvollziehen konnte.

“Ich werde mir was einfallen lassen!”

frohlockte sie fast eine Oktave höher. Ihre Augen und Lippen umspielte ein Lächeln, das in mir eigenartige Erinnerungen hervorrief, die starben, noch bevor sie den dichten Schleier meines Geistes durchdringen konnten. Es war mehr als das. Es war, wie als würde ich mich an ein lang vergessenes Gefühl erinnern.

Wieder der Geruch von frisch gemähtem Korn…

“Ich hätte auch noch eine Sache.”

sagte Penélope, während sie ein kurzer Anflug ihrer alten Schüchternheit überkam:

“Danke… dafür, dass ich noch am Leben bin.”

Mit diesen Worten machte sie einen Schritt nach vorne und versuchte, ihre ausgebreiteten Arme um meinen gepanzerten Körper zu legen. Es brauchte meine gesamte Willenskraft, um mein künstlich geschaffenes Muskelgedächtnis im Zaum halten, das versuchen wollte, einen angreifenden Feind im Clinch, mit einem tödlichen Manöver abzuwehren. Natürlich war mir klar, dass dem nicht der Fall war. Dennoch war diese Geste so überraschend wie fremd… Vor allem da ich durch die neurosensitive Rüstung fühlte, wie durch meine eigene Haut. Ich würde zu einem späteren Zeitpunkt noch lange darüber grübeln, was genau in diesem wenigen Wimpernschlägen mit mir geschehen ist, und wie ich das, was ich empfunden hatte, schlussendlich einordnen sollte. In diesem Augenblick jedoch unterbrach den Moment ein nachdenkliches Summen, von dem ich mich rückblickend fragte, ob sich nicht ein Funken Neid in ihm befunden hatte:

“Hmmmmmm…”

Lithanys Metallklauen krächzten leise, als ihr Zeigefinger und Daumen über die Panzerung an ihrem Kinn schabte, an der sonst der Fortsatz ihres Helmes befestigt war. Ich hätte eigentlich bemerken müssen, dass sie noch da war: Das Unwohlsein, das die Interrogatorin ausstrahlte, war nie ganz verschwunden gewesen. Sie registrierte Penélopes fragenden Blick und antwortete schon fast verträumt:

“Der Imperator hat meinen Gedanken die Freiheit geschenkt, aber die Sittlichkeit und der gute Geschmack verbieten es mir, manche davon auszusprechen.”

Penélopes ratlose Miene verdüsterte sich kurz zu einem vernichtenden Starren, das dem der Cadianischen Kriegsgeneräle, bei der fehlgeschlagenen Verteidigung ihres Planeten, beträchtliche Konkurrenz gemacht hätte. Lithany hingegen ignorierte es vollständig. Ich war so verwirrt wie zuvor.

“Meister Vasaphon hat einen erfrischend… eigenen Humor, meint ihr nicht?”

fuhr Lithany munter fort, fast so, als ob nie etwas gewesen wäre. Ich und Penélope nickten hölzern.

“Sie und Krauthebel geben in Ihrer Ausstrahlung wirklich ein passendes Paar ab.”

bemerkte Penélope und tarierte dabei aus, wie weit sie ihren Tonfall mit Gehässigkeit gerben konnte, bevor die unterschwellige Beleidigung zu offensichtlich wurde. Irgendetwas schien bereits zwischen ihnen vorgefallen zu sein. Lithany wurde für einen kurzen Moment tatsächlich ernster:

“Ich habe nichts gegen Sie persönlich, Frau Belladonna. Ich habe nur meine heilige Pflicht getan. Genau genommen sollten Sie mir dankbar sein, dass ich mich Ihrer angenommen habe! Wenn Krauthebel Sie verhört hätte, dann…”

Sie begann eine beachtliche Liste an immer kreativer, und auch immer hanebüchener werdenden Foltermethoden herunterzurattern, die vermutlich so manchen Dämonen in ein entzücktes Kreischen versetzt hätte. Am Ende dieser zunehmend extatisch vorgetragen Aufzählung war Penélopes Gesicht so bleich wie Lithanys Haare. Letztere grinste bei diesem Anblick zufrieden, wie ein Haifisch, dessen Beute in seine Falle getappt war. Penélope murmelte mit gesenktem Kopf etwas in Lithanys Richtung, das nicht einmal ich verstehen konnte. Dann nickte sie mir kurz entschuldigend zu und entschwand hastig in einem der dunklen Gänge. Ich konnte das Echo leiser Würgelaute und das Platschen von Flüssigkeit auf blankem Stein aus der Ferne vernehmen.

Auf dem Weg zur Bibliothek grübelte ich noch weiter über das kürzlich vergangene nach: Ich hatte mich während dieser gesamten Konversation seltsam deplatziert gefühlt; Wie Jemand, der zwei Leute in einer Sprache streiten hörte, die er nicht verstand. Die Art, wie Menschen miteinander redeten war so erschreckend anders, dass ich Mühe hatte, dem wilden hin und her aus fremden Worten, Tonfällen und Pointen zu folgen. Lithany riss mich schließlich aus meinen Gedanken:

“Ich mag Penélope. Sie ist ein lustiger Mensch.”

Ich sah sie ratlos an, blinzelte und gab schließlich die Hoffnung komplett auf, aus ihr noch irgendwie schlau zu werden. Sie hingegen fand das anscheinend nur umso lustiger und lächelte mich mit strahlenden Zähnen an.

Auf dem Weg zurück an die Oberfläche dachte ich wieder an die Konversation mit Adeodatus und der Gedanke ließ mich nicht wieder los. Ich wechselte wieder in Zeichensprache:

Darf ich Euch eine Frage stellen?

“Schießen Sie los, Sergeant.”

ich zögerte um Angesicht ihres spöttischen Untertones, doch festigte dann meine Entschlossenheit:

Woher wusstet Ihr, wie Ihr mit der Trauer des Ordenspriesters umgehen solltet?

Lithany blickte mich erst ertappt, dann genervt und dann ratlos an, als sie merkte, dass die Frage ernst gemeint war.

“...Es kam mir… richtig vor. Das ist Alles. Wollt Ihr mich etwa der Sünde der Empathie beschuldigen?!”

...Sünde?

fiel es aus meinen nicht minder ratlosem Händen heraus. Von den vielen Doktrinen des Hasses, die zugegebenermaßen für mich zunehmend an Bedeutung verloren, kam mir diese am sinnlosesten vor. Lithany hielt inne und schaute mich jetzt mit einem interessierten Funkeln in ihren großen, blauen Augen an. Sie betrachtete mein Gesicht das erste Mal genauer und sah in meine Augen, anstatt nur schief auf meine Mutationen zu schielen:

“Vergesst es.”

sagte sie mir einer plötzlichen Sanftheit, die ich ihr niemals zugetraut hätte. Sie zögerte Kurz und kratzte sich am Nacken:

“Mein Name ist Lithany. Diese Höflichkeitsfloskeln kosten nur unnötig Zeit, oder?”

Ich nickte bestätigend.​