40k Vendetta - Die Flegeljahre des Flavion Conari

Nakago

Eingeweihter
Auch wieder ein sehr schickes Kapitel. :)
Allerdings frag ich mich wieso die Herrin des Hauses bei dem gehobenen Niveau und den geldschweren Kunden billigen gestreckten Schaumwein ausschenkt statt das gute Zeug. :p
Und das mit diesem Verhüllten imperialen Engel mit flammendem Schwert riecht nach einem schweren Fall zur Untersuchung durch die Ekklesiarchie & Co. , im Imperialen Kult gibt es und darf es nur einen Engel geben und das ist nun mal Sanguinius. Zudem hat unser guter Flavius sich hier grade einer Blasphemie schuldig gemacht, die richtige Reihenfolge ist wenn schon Imperator, die neun heiligen Söhne, Sebastian Thror und wenn überhaupt ansatzweise an letzter Stelle dieses verdächtige Subjekt namens Verhüllter Engel. Würde man ihn als Ketzer verurteilen wäre das ein Verbrechen des falschen Glaubens, ganz zweifelsfrei. 😄 Der Ordo Häreticus muss ihn offenbar dringenst noch mal für eine Vernehmung ranholen, eine kleine intime, (hochnot)peinliche Befragung durch den örtlichen Inquisitior & Interrogator des öffentlichen Vertrauens; es ist nur zum Besten seiner Seele. 😁

Die Prostituierten trinken den billigen gestreckten Schaumwein, den ihre Gönner teuer bezahlen. Die wiederrum trinken den guten Stoff. Wir wissen ja, dass Flavion recht großzügig mit der imperialen Religion umgeht. :p

Dennoch immer wieder ein cooles Kapitel aus der Feder eines Meisters!
Vielen Dank für dieses Lob!

Sehr cool, gefällt mir besser als die andere Geschichte wo Flavion vorkommt muss ich sagen.
Man merkt der Char gefällt dir.

Ja, Flavion ist mir im laufe der Jahre durchaus ans Herz gewachsen.

Kapitel X

Ich schaue etwas müde durch die Fingerdicken kugelsicheren Seitenscheiben der schwarz roten Limousine nach draußen auf die eisverkursteten Fassaden der Anwesen des wirklich wichtigen Adels von Tarsus, der zweitgrößten Makropole von Scintilla. Jedes Gebäude hat seinen eigenen Stil, da steht pompös ein mit Zierrat überladenes Lustschlösschen neben einem unverzierten Bunker, gefolgt von einem wuchtigen gotischen Schloss. Wer hier an der vierspurigen Angevin Promenade wohnt, gehört zu den mächtigsten, reichsten und angesehensten Familien des Calixis Sektors. Hier ist die unterste Ebene von Tarsus, exklusiv für die Häuser der Ersten Welle des Kreuzzuges.

Drei gepanzerte Vierachser fahren uns voraus, je zwei flankieren uns und vier weiteren folgen uns. Die von einem Elektromotor angetriebenen Radpanzer des Types "Faustkämpfer" sind mit einem Multilaser im Turm bewaffnet, die über ein Co-axiales leichtes Maschinengewehr im gängigen Kaliber 8.25mm verfügt. Alle sind in meinen Hausfarben Rot und Schwarz gehalten. Der schwarze Rabe befindet sich einem roten Kreis.

"Ist das nicht etwas zu viel des Guten?", frage ich Caine, der neben mir sitzt.

"Das ist wohl der Preis, den man bezahlen muss, wenn man den Erben eines mächtigen Hauses erschlägt", belehrt mich mein Lebenswart sicherlich nicht zu unrecht in einem ruhigen Tonfall, bar jeden Vorwurfs oder Ironie.

"Tja, daran kann ich nichts mehr ändern", erwidere ich und denke, dass ich daran auch nichts ändern würde, selbst wenn ich könnte. Crestus hatte eine Linie überschritten, er hat mich gefordert, nach dem ich ihn provoziert habe und ich habe ihn legal getötet. In den meisten Fällen wäre dies das Ende der Geschichte, hier dürfte es sich um den Anfang handeln. Kleists Zustand ist inzwischen stabil, seine Schulter konnte gerettet werden und er ist auf dem Weg der Besserung. Aber der Doktor hatte mir davon abgeraten, Kleist jetzt schon zu verlegen. Auf einem befestigten Anwesen meines Hauses in Sibellus Spitze war er in Sicherheit und sobald die Wogen sich etwas geglättet hätten, würde ich ihn nach Tarsus nachholen.

Anschließend habe ich persönlich die geschmackvoll verzierte Urne aus Messing mit Asas Asche bei ihrer Mutter abgeliefert. Da ich mich für den Tod der jungen Frau mitschuldig fühle, habe ich Caine ein Schriftstück aufsetzen lassen, welchen allen Geschwistern eine gute Ausbildung finanziert. Das bin ich Asa einfach schuldig. Ihre Mutter sank auf ihre Knie und küsste meinen Siegelring voller Dankbarkeit, was mir doch etwas peinlich war.

Nun erreichen wir das Hauptanwesen des Hauses Conari, dass einen ganzen Block von etwa einen Kilometer Kantenlänge einnimmt. Die wuchtige Fassade ragt zehn Stockwerke hoch bis zur gewölbten Decke. Sie ist komplett mit Ornamenten im gotischen Stil verziert. Der Rabe, unser Wappentier ist omnipräsent in den Ornamenten und als Statuen zu sehen. Zwei schwere Kampfpanzer des Typs "Streifenkatze" am Eingang tun so, als wären sie gar nicht da, als wir in die über ein Dutzend Meter hohe Einfahrt einbiegen. Der Flankenschutz reiht sich am Schluss der Kolonne ein. Nicht ganz dreißig Schritt geht es durch den engen Eingangsbereich, flankiert von Geschützen verschiedener Kaliber, dann erreichen wir einen Hof, mit weiteren offenen Toren links und rechts. Wir fahren durch das linke. Hier befinden sich Fahrzeughallen und Garagen. Überall brennt Licht und es herrscht eine hektische Aktivität in den Hallen, wo Panzer gewartet oder schon mit scharfer Munition aufmunitioniert werden. So sieht wohl eine Mobilmachung aus. So was kostet einiges an Thronen und ich denke, mein Vater wird mir die konkrete Summe um die Ohren hauen.

Unsere Eskorte bleibt hier zurück, während wir zwischen zwei Fassaden weiter fahren. Über den Fahrzeugen wohnen die Soldaten, alles Vasallen des Hauses, mit ihren Familien. Nach drei weiteren Einfahrten und langen Zwischenpassagen erreichen wir den repräsentativen Innenhof des Anwesens. Im Zentrum steht ein Springbrunnen, dessen heißes Wasser dampft, da es in der Eiseskälte sonst innerhalb kürzester Zeit einfrieren würden. Mit immensen Energieaufwand wird die gesamte unterste Ebene auf Minus Achtzehn Grad abgekühlt. Das soll Ungeziefer draußen halten. Und damit ist primär zweibeiniges Ungeziefer gemeint. Deswegen gibt es hier auf den unteren Ebenen keine Bettler oder anderes Gesindel, weil die innerhalb kürzester Zeit erfrieren, während Adlige sich in dicke Pelze hüllen, wenn sie auf den Tunneln und Gängen dieser Ebene flanieren.

Die Limousine rollt aus und eine Ehrenformation unserer Haustruppe ist angetreten. Schließlich bin ich ein Mitglied der Kernfamilie und war lange zu Hause weg. Die Schwarz Rot Uniformierten in versiegelter schwerer Gardistenrüstung präsentieren ihre Hochenergielasergewehre mit aufgepflanzten Bajonett. Als ich aussteige, bleibe ich kurz stehen und salutiere durchaus respektvoll meinen Leuten zu. Dann setze ich mich in einen dicken Pelzmantel gehüllt in Bewegung. Der Innenhof ist darauf ausgelegt, zu beeindrucken. Mächtige Leuchtgloben an der Decke Sorgen für eine Taghelle Beleuchtung. Die gotische Fassaden ragen hier über zwanzig Stockwerke hoch. Ein gläserner Skyway führt quer über den Hof in einiger Höhe. In einer Ecke spielen drei Mädchen, welche in Pelzmäntelchen gehüllt sind, Seilhüpfen. Die mittlere dürfte eine meiner vielen Nichten sein, die anderen beiden Mädchen sind ihre zukünftigen Hausdamen und damit ihre persönlichen Vasallen.

Eine breite Treppe führt hoch zu einem gewaltigen Eingangsportal, auf das manche Kathedrale neidisch wäre. Oben thront ein gigantischer Rabe mit ausgebreiteten Flügeln. Aber ich nehme einen viel kleineren Seiteneingang, passiere eine Schleuse, welche die kalte Luft draußen und die Wärme drinnen hält. Ich komme nun in eine Empfangshalle. Gerade aus geht es zum großen Saal, wo Empfänge, Bälle und Feste gefeiert werden. Links und rechts geht es in die Seitenflügel und zwei ausladende Treppen verbinden die Stockwerke miteinander. Natürlich gibt es auch einen Fahrstuhl. Ein Diener nimmt mir den Pelzmantel ab.

"Soll ich dich begleiten?", fragt mich Caine, als ich kurz nach oben blicke, wo es zu meinem Vater geht. Gerade aus geht es zum gewaltigen Ballsaal, wo rauschende Feste abgehalten werden.

"Nein, Caine. Danke für das Angebot, aber das schaffe ich alleine. Warte bitte in meiner Unterkunft auf mich und bereite alles für die Ankunft von Lady Augusta vor", wiegle ich ab, da meine Kurtisane erst im Laufe des Tage zu uns stoßen wird.

"Wie du wünscht", bestätigt Caine mit einem kurzen nicken und ich beginne meinen langen Marsch zu meinem Vater. Zuerst geht es die gewaltige Treppe aus dunklen Marmor nach oben, vorbei an weiteren schwer gerüsteten und ebenso bewaffneten Gardisten der Hauswache. Früher dachte ich, nur herum zu stehen wäre eine lässige Art die Zeit tot zu schlagen. Aber seit meiner Grundausbildung und dem Wache stehen am Eingangstor der Akademie hat mich gelehrt, dass stramm still zu stehen ein verdammt anstrengender Job ist. Inzwischen habe ich einen ziemlichen Respekt vor den Gardisten meines Hauses und grüße sie entsprechend mit großem ernst.

Dann folgt die große Halle, die sich über dem Ballsaal befindet. Hier endet auch der gläserne Gang von draußen, der von hier zu dem Fahrstuhl führt, mit dem man bis hoch an die Oberfläche zu einem weiteren Anwesen meines Hauses fahren kann. Die meisten Fahrstühle verbinden sonst nur maximal hundert Stockwerke miteinander. Hat was mit Statik und der Reißfestigkeit gewisser Materialien zu tun. Dieser durchgängige Fahrstuhl ist mit Zahnrädern geführt und verläuft schräg.

Die große Galerie muss jeder Besucher durchschreiten, welcher zu meinem Vater möchte. Egal ob Familienmitglied, Besucher oder Bittsteller. Ganz am Ende ragt eine zwölf Meter Hohe Statue vom Stammvater unseres Hauses auf, der breitbeinig auf zwei Sockeln steht, so dass man unter ihm durchlaufen muss. Die Statue ist bemalt, zeigt die blaue Admiralsuniform der Flotte des Segmentum Obskurus. Die gigantischen Orden an seiner Brust bestehen aus den gleichen Materialien wie auch die Originale. In der einen Hand hält er ein übergroßes Energieschwert, dessen Klinge ein zuckendes blaues Energiefeld umgibt. Rabenklaue heißt das Schwert, dessen Knauf ein angedeuteter Rabenkopf bildet, während die Parierstange wie Klauen geformt sind. In der anderen Hand hält er Rabenschwinge, eine Plasmapistole, deren Kühlrippen auch hier blau leuchten. Verwegen scheint er damit auf einen zu zielen, wenn man die Galerie betritt. Auch in der Mündung scheint sich gerade das Plasma zu entleeren, dass einem gleich verdampfen wird. Manch einfache Seele hat sich hier schon zu Tode erschrocken und das ist nicht metaphorisch gemeint.

An den Wänden zieht sich mein Stammbaum entlang. Angefangen von unserem Stammvater links der Statue über den ganzen Saal entlang und dann wieder zurück. Inzwischen sind wir in der Mitte angelangt. Da steht auch irgendwo mein Name. Auf Kopfhöhe hängen dann Portraits einzelner herausragender Vorfahren. Praktisch das Beste meiner Familie der letzten Jahrtausende. An der gewölbten Decke kann man eine Raumschlacht sehen. Eine imperiale Flotte beim Gefecht gegen eine der verdammungswürdigen Xenosreiche, die einst diesen Sektor beherrschten und die dann ihrem gerechten Schicksal zugeführt wurden, ihrer vollständigen Auslöschung.

In der Mitte erheben sich mehrere Sockel, auf denen Modelle unserer Warpfähigen Raumschiffe in einem Maßstab von eins zu tausend zu sehen ist. Deswegen sind die meisten mindesten anderthalb Meter lang. Dass der "Audacia" sogar über vier Meter, einen halben Meter hoch und ebenso breit. Besonders der leichte Kreuzer im Monitorschema der Drehbänke fängt meinen Blick. Einst war das ein Schiff des Mechanicum, gebaut in der zweiten Hälfte des neununddreißigsten Jahrtausend eben auf den Drehbankwelten. Da deren Farben auch Rot und Schwarz sind, musste es noch nicht einmal umlackiert werden. Wobei das Schiff im Dienste eines Exploratorkapitäns mit dem Namen Zathor Rak schließlich verloren ging und vor fünfhundert Jahren in der Koronusweite von Xenos zurück erobert wurde. Das Schiff ging durch viele Hände, bis es vor knapp zweihundert Jahren einer meiner Vorfahren äußerst günstig kaufte, da es als verflucht galt. Viele Vorbesitzer fanden ein unrühmliches Ende. Nun ist mein Onkel Ravion seit einigen Jahren der Lordkapitän des Schiffes und wenn man so den Jahresbericht des Familienrates zwischen den Zeilen richtig las, liefen die Geschäfte hinter dem Schlund nicht wirklich gut.

Trotz des kleine Rückschlages wegen Crestus habe ich noch immer die Hoffnung eines Tages auf dem Thron des Schiffes zu sitzen, weit weg vom Familienrat und mein eigener Herr. Während ich die Details der Aufbauten des Schiffes bewundere und um den Sockel herum gehen will, höre ich auf einmal einen spitzen hohen Schrei und dann spüre ich Nässe an der Vorderseite meiner Hose. Ich blicke nach unten und sehe ein dürres Putzmädchen in einer schon Fadenscheinigen Dienstmädchenuniform, die ihr eigentlich zu klein ist. Ihr rotes Haar lugt struppig unter ihrer Haube hervor. Mit einem zu ein O geformten Mund, in dem die oberen Schneidezähne fehlen, starrt sich mich aus schreckgeweiteten grünen Augen flehentlich an. Ihre bloßen Beine sind deutlich mit Striemen in verschiedenen Farben gezeichnet. Offensichtlich hat diese kleine Magd gerade einen Eimer mit Putzwasser über meine Hose gelehrt, als ich in sie hinein gelaufen bin. Erst jetzt nehme ich die kleine Putzkolonne in der Halle wahr, die aus sehr jungen und sehr alten Schuldmägden besteht. Eine verhärmt aussehende Frau Anfang Fünfzig stürzt regelrecht auf mich zu und geht dann demutsvoll in die Knie.

"Bitte verzeiht dem dummen Kind ihre Ungeschicklichkeit! Ich bitte Euch, meldet das nicht, schickt sie nicht zum Zuchtmeister oder sortiert sie aus!" Die Frau hat deutlich genau so viel Angst vor mir wie das kleine Kind, dass jetzt bitterlich anfängt zu weinen.

"Ich werde sie selber hart bestrafen! Lasst es damit gut sein, Herr! Ich bitte Euch von ganzem Herzen, lasst doch bitte Gnade walten!", fleht die Frau weiter, während ich noch versuche, aus der ganzen Situation schlau zu werden. Als Adliger hat man natürlich nie an einem Malheur der Dienerschaft schuld, besonders wenn es sich offensichtlich um die niedrigsten Bediensteten handelt, um Schuldmägde und Putzmädchen. Diese bedauernswerten Wesen arbeiten die Schulden ab, die einst ein Vorfahr angehäuft und nicht begleichen konnte. Manche Schulden waren so hoch, dass seine Nachfahren viele Generationen damit beschäftigt sind, diese abzutragen. Jetzt sehe ich auch die tätowierte Inventarisierungsnummer auf den Armen des Mädchens, da sie ihre Ärmel hochgekrempelt hat.

Ich habe genau so viel Schuld an dem Umstand, dass meine Hose höchst unvorteilhaft feucht ist wie das dürre Putzmädchen. Aber natürlich kann ich das vor so niedrigen Bediensteten nicht zugeben. Die Kleine sieht mir ziemlich mickrig aus. Da ihr die Schneidezähne fehlen, muss sie sechs oder sieben sein. Aber von der Größe her, würde ich sie deutlich jünger schätzen. Wahrscheinlich ist die Kleine obendrein eine Waise und ist so relativ Schutzlos den anderen ausgeliefert. Ich sehe nicht nur Striemen, sondern auch viele Hämatome. Wenn ich das Mädchen hier lasse, wird sie entweder bald eingehen oder zu einem ziemlich gemeinen Wesen heranwachsen. Wenn man einen Hund zu lange prügelt, wird er irgendwann einen beißen. Mein in die Jahre gekommener Leibkoch Lungini hat vor einigen Wochen die Bemerkung fallen gelassen, dass er es begrüßen würde, wenn ich ihm eine Küchenhilfe genehmigen könnte, um diese dann als seinen Nachfolger oder Nachfolgerin auszubilden. Eine Zeitlang hatte er einen Küchenjungen gehabt, aber der war versetzt worden, als er mich auf die Akademie begleitete. Bis jetzt habe ich diesen Umstand in keinster weise Rechnung getragen, da ich mit der Organisation der Großen Jagd beschäftigt war. Ich beschließe, diese Angelegenheit hier gleich in Ordnung zu bringen.

"Nein, ich werde diese kleine infame Kreatur für ihre Missetat selbst bestrafen. Mein unverschämter Leibkoch benötigt eine Küchenhilfe. Ich denke, die beiden haben sich verdient. Schickt diese ungeschickte Magd unverzüglich zu meinem Lebenswart Caine und sagt ihm, dass sie die zukünftige Assistentin für meinen Koch Lungini ist. Ist das verstanden worden?", weise ich mit ruhiger Stimme an. "Wie ist übrigens der Namen von diesem Subjekt?"

"Ich habe Eure Anweisungen verstanden, Meister Conari. Ihr Name lautet Colette."

"Colette? Der Name ist aber Nett", reime ich dazu mal frei heraus und da alles gesagt ist, wende ich mich ab, ohne mich weiter um diese Subjekte zu kümmern. Das meine Hose gerade in der Höhe des Schrittes besonders Nass ist, hat natürlich eine gewisse Pointe, aber momentan nicht zu ändern. Das nächste Schiffsmodell ist das der "Himmlischen Faust", einem Cobra Zerstörer, die "großzügige" Dreingabe zum Freihändlerbrief. Die Cobra ist dafür bekannt mit ihren mächtigen Torpedowerfer im Bug selbst einem Großkampfschiff massivem Schaden zufügen zu können. Und sehr schnell weg zu fliegen, wenn der Feind danach immer noch kampffähig sein sollte. Dieses Schiff operiert in diesem Sektor, beschützt unsere Transporter oder macht aktiv Jagd auf Piraten. Im Sockel sind Abschüsse aus zweieinhalb Jahrtausenden akribisch dokumentiert.

Ein weiteres Schiff ist die Fregatte "Eiserner Regen" im Sturmklassenschema, die als mobiler Truppentransporter dient. Die kam vor knapp sechshundert Jahren in unserem Besitz, eine Prise aus dem Meritech Krieg. Knapp dahinter steht die "Rutengänger", eine Fregatte der Schwertklasse, die seit zweitausend Jahren im Dienst meines Hauses steht. Ursprünglich war sie ein Schiff des Angevin Kreuzzuges, ging bei einer Aufklärungsmission verloren und wurde fünfhundert Jahre später schwer beschädigt im Raum treibend verlassen aufgefunden. Die Flotte hatte kein Interesse mehr an dem vollkommen ausgeplünderten Wrack, so verblieb es im Besitz meiner Familie und wurde in den Drehbänken vollständig wieder repariert und dabei zu einem Forschungsschiff umgebaut. Eine Expedition mit diesem Schiff war es, was schließlich ein Technisches Schemata für die Riegelproduktion auf einer Welt am Hecaton Abgrund zu Tage förderte, für die meine Familie bekanntlich so berühmt ist. Auch operierte dieses Schiff lange Zeit in der Koronusweite, bis sie dann von der deutlich größeren und leistungsstärkeren "Audacia" abgelöst wurde.

Dann kommt ein etwas über zwei Schritt langer Transporter im Karackeschema. Ein recht fortschrittliches Schema, welches in großer Stückzahl von der Imperialen Flotte als Truppentransporter oder Nachschubtransporter eingesetzt wird. Die Karacke ist in keinem Punkt überragend, aber auch nirgendwo unterdurchschnittlich. Dazu verfügt sie über eine recht gute Bewaffnung für einen Transporter und kann auch mal einen Treffer wegstecken. Die Stärke dieses Schemas aber ist, dass es auf Reede liegend schnell be- und entladen werden kann. Ein weiterer Vorteil war, dass diese Schiffe steuerlich begünstigt sind, könnten aber im Falle eines Kreuzzuges zur Teilnahme verpflichtet werden. Aber da Nahrungslieferungen immer oberste Priorität hatten, war es unwahrscheinlich, dass unsere Familie diese Schiffe jemals zur Verfügung stellen musste. Immerhin besaß mein Haus eine Flotte von mindestens zwölf Schiffen davon, welche unablässig die Agrarwelten des Sektors mit den Makropolwelten verbanden. Eine stetige und äußerst wichtige Einnahmequelle meines Hauses.

Endlich bin ich am Ende der Galerie angelangt und ein Diener öffnet mir die Tür, die zu einem Empfangszimmer führt. Es gibt mehrere abgehende Türen, einen breiten Tresen und vier Sitzgruppen aus Leder in jeder Ecke. Eine davon haben meine Brüder okkupiert. Jedenfalls drei davon, da mein vierter Bruder Tellus bei der Imperialen Flotte Dienst tut und sich viele Lichtjahre von hier mit Piraten, Schmugglern, Xenos und Renegaten beschäftigen darf.

"Wenn das mal nicht der Held der Stunde ist!", begrüßt mich Novus etwas spöttisch. Der freche junge Mann ist mein drei Jahre älterer Bruder, der einen feschen Anzug nach der neusten Mode trägt. Momentan ist er als einer unserer Schiedsmänner vor Gericht tätig. Er ist minimal kleiner als ich, aber genau so trainiert. Es heißt, er wäre der bestaussehende von uns Brüdern. Keine Ahnung, ob das stimmt. Auf alle Fälle hat er schon einige Liebschaften hinter sich und auch einige Duelle deswegen austragen müssen.

"Hast du dir in die Hose gemacht?", fragt Gallus in seiner prächtigen Uniform als Oberkommandierender der Haustruppen auf mein Malheur anspielend. Wie ich seit neustem trägt er den Adamantenen Ring mit dem Blutstropfen der St. Drusus Militärakademie. Wenigstens den Ring und ein Patent habe ich bekommen. Zur Strafe für mein "ungebührliches" Verhalten, hat man mich von der feierlichen Zeremonie der Übergabe, dem Abschlussball und der offiziellen Verabschiedung ausgeschlossen. Selbstredend brauche ich gar nicht versuchen, mich für die nächste Stufe einzuschreiben. Nicht in diesem Jahr und auch nicht in tausend Jahren. Da war man sehr deutlich. Wäre mein Nachname nicht Conari, hätte man mich hochkant ohne Ring und Patent heraus geworfen.

"Nein, dass war Colette", wiegele ich ab, ohne die Umstände weiter zu präzisieren.

"Da hast du dir aber mächtigen Ärger eingehandelt", meldet sich nun mein ältester Bruder Quintus, der gerade seinen Vierzigsten Geburtstag gefeiert hat. Er ist der Erbe des Hauses, die zukünftige Nummer Eins. Er ist genau so groß wie ich, aber deutlich schlanker und leichter. Momentan hat eine Miene aufgesetzt, als hätte er gerade in eine marinierte Groxzunge roh essen müssen.

"Wie sauer ist Vater? Auf einer Skala von eins bis zehn? Wobei zehn für wirklich stinke sauer steht?"

"Zwölf!", antworten alle drei im Chor und selbst Quintus muss beim allgemein ausbrechenden Gelächter kurz grinsen, bevor er wieder seine sauertöpfische Miene aufsetzt.

"Die Cascandor toben wegen dem Tod von Crestus. Für die Güldenhand existieren wir momentan nicht. Ist jetzt noch nicht schlimm, da gerade keine Lieferungen außer unsere Riegel rein kommen, die davon nicht betroffen sind. Aber auf längere Sicht wird uns dein närrisches Verhalten einiges kosten", fasst Quintus die Lage zusammen.

"Wird mit einem Angriff gerechnet?", wende ich mich an Gallus wegen den ganzen aufgefahrenen Kampffahrzeugen.

"Reine Vorsichtsmaßnahme. Das Haus Cascandor hat nur wenige Männer unter Waffen, aber sie könnten andere Häuser oder einen Haufen Söldner auf uns hetzen. Ist zwar nicht wahrscheinlich, aber ein Angriff ist ein Umstand, den man nie ausschließen sollte", erklärt Gallus.

"Komm setz dich kurz, bevor Vater dir den Kopf abreißt und erzähl, was wirklich passiert ist", lädt Novus mich zu einem Plausch ein. Da auf dem Tisch eine noch gut gefüllte Flasche mit meinem Liebelingsamasec steht, sage ich nicht nein. Auch ist das eine gute Ausrede, die Konfrontation mit meinem Vater heraus zu zögern und ich kann eine neue Hose für mich herbestellen. Also erzähle ich knapp, wie sich das mit Crestus hoch geschaukelt hat.

"Ich kapier jetzt nicht ganz, warum Crestus sich an deiner Lieblingshure vergriffen hat, wenn er gar nicht wusste, dass du ihn da unten mit einem Steinbrocken ausgeknipst hast", meint Novus nach dem Ende der Erzählung.

"Ich bin nicht ganz sicher. Es geht möglicherweise um die Karte, welche uns in den Hinterhalt geführt hat. Crestus hat allen erzählt, er hätte die Karte von der "Verbotenen Zone" der Großen Jagd von mir, aber er hatte sie sich selber besorgt. Um mich als lästigen Zeugen auszuschalten wollte er mich in ein Duell zwingen, in dem er meine Favoritin tötet. Dann hätte er seinen Onkel Alphonsus den Herzensbrecher als Schiedsmann bestellen können und der hätte mich legal erledigt", erkläre ich meine Einschätzung von Crestus Motiven.

"Eine Schande, dass so ein Haufen Groxdung auf der St. Drusus Akademie aufgenommen wurde", ereifert sich Gallus. "Zu meiner Zeit hat es keine Rolle gespielt, wie Reich die Familie des Kadetten war. Seine Leistungen waren entscheidend."

Ich bin sicher, dass auch damals schon der Nachname der Aspiranten eine große Rolle gespielt hat. In meinem Jahrgang waren das zu mehr als der Hälfte Sprösslinge der mächtigsten Häuser von Scintilla. Es gab sicherlich auch einige Kadetten mit Stipendium, aber die hat Crestus zum größten Teil ermorden lassen, weil er nicht Adlige einfach verachtet hat.

"Nur zum allgemeinen Verständnis. Du hast Crestus Cascandor letztendlich deswegen tot geschlagen, weil er deine Lieblingshure gefoltert und dann ermordet hat?", fragt Quintus und ich kann ihm ansehen, dass er an meinem Verstand zweifelt.

"Das hat das Fass zum überlaufen gebracht. Aber es gab viele gute Gründe, ihn aus der Galaxis zu entfernen. Dieser Groxhaufen war eine Schande für die St. Drusus Akademie. Er war ein nicht zu tolerierender Makel für unseren Stand und er hat unsere Mutter beleidigt."

"Aber ihre Ehre zu verteidigen war dir nicht so wichtig wie deine kleine Hure zu rächen?", reitet mein ältester Bruder weiter darauf herum. Da mein Vater und er ziemlich gleich denken, bekomme ich schon mal einen Vorgeschmack vom nächsten Gespräch ab. Und mich dünkt, dass wird nicht erquicklich werden.

"Wir kennen alle die Neigungen unserer Mutter und wir wissen, dass alle anderen von Stand das auch wissen, weil sie niemals irgend einen Hehl aus ihrer Neigung gegenüber Frauen gemacht hat. Das ist in diesem Sektor auch nicht verboten. Also warum sollte ich wegen einer Tatsache eine Vendetta vom Zaun brechen?", erkläre ich mich.

"Eine Vendetta wegen einer kleinen Hure vom Zaun zu brechen ist natürlich viel eloquenter", merkt Quintus säuerlich an.

"Falsch, ich habe eine Vendetta wegen meiner kleinen Hure losgetreten", stelle ich richtig. Und betone das "meiner" deutlich.

"So hört sich das natürlich schon sehr viel elaborierter an", merkt Novus sarkastisch an und kippt sich seinen Amasec hinter die Binde.

"Wie gesagt, dass war nur der Tropfen, der den Damm hat bersten lassen. Duelle sind legal, er hat mich gefordert, ich habe angenommen, wir haben es unter äußerst chaotischen Verhältnissen ausgefochten und er hat verloren. Wenn seine Familie damit nicht klar kommt, kann ich letztendlich nichts mehr daran ändern."

"Wenn du dich da mal nicht verkalkuliert hast, mein lieber Flavion", unkt Quintus düster und trinkt sein Glas mit einem Zug aus.

"Wie geht es inzwischen deinem Vasallen?", wechselt Novus das Thema.

"Die Wunde sah schlimmer aus als sie war. Kleist wird für die nächsten Wochen etwas eingeschränkt sein, aber die Experten sind der Meinung, dass er vollständig genesen wird", erwidere ich und bin Froh, dass meinem Freund nichts schlimmeres passiert ist.

Nakagos wirre Gedanken

Nun kommen wir zu der Einführung von einigen Familienmitgliedern. Auch fand ich es eine gute Gelegenheit, die Familienflotte vorzustellen. Und es findet die Schicksalshafte Begegnung zwischen Colette und Flavion statt. Wer "Die Fahrten der Audacia" gelesen hat, wird sich vielleicht noch an sie erinnern. Vielen Dank für die Likes und Rückmeldungen.​
 

Nakago

Eingeweihter
Kapitel XI

Endlich wird mir eine neue Hose vorbeigebracht und ich ziehe mich kurz um.

"Wünscht mir Glück", wende ich mich an meine Brüder und will zum Fahrstuhl gehen.

"Viel Glück! Nicht das dies dir nutzen würde. Vater besteht übrigens darauf, dass du die Treppe der tausend Bußen nimmst", merkt mein ältester Bruder Quintus an.

"Das war jetzt ein schlechter Scherz, oder?", frage ich nach, da ich mir nicht vorstellen kann, wie ein Bittsteller behandelt zu werden.

"Nein, Flavion, dass ist bitterer Ernst und ich denke, die Treppe zu nehmen, dient dazu, dir das klar zu machen", erklärt Quintus im normalen Tonfall. Keine Spur von Häme ist da raus zu hören, aber auch kein Mitgefühl.

"Na dann, wir sehen uns", verabschiede ich mich zu meinen Brüdern und nehme schicksalsergeben die Tür zur Treppe. Natürlich könnte ich den "Wunsch" meines Vaters einfach ignorieren, aber ich schätze mal, ich habe ihn schon genug verärgert. Satte einhundertacht Stufen erwarten mich. Keine gleicht der anderen in Höhe und Länge. Die Wände des Aufganges sind von wuchtigen Gemälden aus der imperialen Geschichte geschmückt. Oder besser gesagt, von den Legenden. Da fliegt schon mal ein blonder Engel mit blau leuchtender Rüstung vom Himmel und mäht ganze Armeen von Renegaten mit ihrem flammenden Schwert nieder. Andere sind real, wie der Imperator, welcher die Schlange Horus mit seinem flammenden Speer aufspießt. Letztendlich geht es in den meisten Gemälden um Allegorien. Ich komme mir vor wie ein kleiner Scholajunge, der zum Zuchtmeister muss, weil er frecherweise Mädchen an den Haaren gezogen hat.

Schließlich stehe ich vor der Tür und betrete den Vorraum, der eher die Ausmaße einer Turnhalle hat. Hier arbeiten emsig einige Buchhalter an Cogitatoren, Lexikanuseinheiten sind teilweise direkt mit Speicherbänken verbunden. Die Luft wirkt wie elektrisch aufgeladen und auch etwas überhitzt für meinen Geschmack. Ständig ist ein klacken vom Anschlagen von Tasten zu hören, ebenso ein ständiges Gemurmel, weil einige Angestellte mit Außenstellen telefonieren. Eine junge dunkelhaarige Schuldmagd mit Rundungen an den richtigen Stellen fährt mit einem Servicewägelchen durch die Reihen und reicht den Angestellten frisch aufgebrühten Kaf oder durchaus lecker aussehende Snacks. Hinter einem Podest steht einer der direkten Vasallen meines Vaters, ein breitschulteriger Mann in den Mitte Sechzigern in einem Anzug, der eher im Schnitt einer Uniform gleicht.

"Ah, der junge Sünder hat sich endlich hier her bequemt. Dein Vater erwartet dich schon sehnsüchtig." Sein Tonfall hat durchaus etwas verärgertes an sich. Als würde er mit einem Lausbuben schimpfen, den er beim ausspähen der Mädchenumkleide erwischt hat. Ich könnte jetzt einen auf dicke Hose machen und ihn an seinen Vasallenstand erinnern, erachte dies aber als eher Kontraproduktiv.

"Kann ich mir vorstellen", meine ich kurz angebunden und gehe auf die gegenüberliegende Tür zu, die eher ein massives Panzerschott ist. Auf dem Weg dahin stibitze ich mir noch einen Snack vom Servicewägelchen, was die durchaus attraktive Schuldmagd mit einem süßen lächeln quittiert. Links und rechts stehen wie Stauten je vier Gardisten aus der persönlichen Leibwache meines Vaters, welche ihre reich verzierten Bolter, Melter, Plasmawerfer oder leichtes Maschinengewehr zum Gruß präsentieren. Ich grüße sie respektvoll zurück. Fast lautlos gleitet das Schott auf und ich betrete einen kurzen Gang. Ein weiteres Schott öffnet sich erst, als sich das hintere geschlossen hat. Dieser Gang ist eine Todesfalle, welche jederzeit mit wirklich effektiven Giftgas geflutet werden kann.

Nun betrete ich das Arbeitszimmer meines Vaters. Ein gewaltiges gotisches Buntglasfester ragt hinter dem wuchtigen Schreibtisch meines Vaters bis zur zwanzig Schritt hohen Decke hoch. Dies zeigt wieder den Gründer unseres Hauses mit gezogenen Schwert, auf das er sich wie der imperiale Engel stützt. Die anderen Wände sind voll mit Bücherregalen, welche die Familiengeschichte beinhalten. Und wo akribisch vermerkt ist, wer welche Apanage bekommt. Mein Vater hockt auf einem massiven Thron hinter seinem wuchtigen Schreibtisch, der auf einem massiven Podest steht und schaut äußerst missmutig zu mir herab. Links und rechts stehen Bildschirme auf dem Schreibtisch und ich kann das reflektierende flackern von ihnen im Gesicht meines Vaters sehen. Ja, er ist wirklich sauer.

"Schön, dass du es hast einrichten können, hier zu erscheinen", begrüßt mich mein Vater in einem betont ruhigen Tonfall.

"Womit kann ich dienen?", frage ich ihn einfach mal frei heraus.

"Erleuchte mich!" Vater macht eine ausholende Geste nach oben, als wäre er ein Schauspieler in einem Drama, der um den Beistand des Imperators fleht.

"Ich kann nicht ganz folgen?", frage, ich da ich nicht weiß, auf welchen Punkt er nun genau anspielt.

"Genau das ist dein Problem, mein lieber Sohn. Was war meine oberste Order, als du in die St. Drusus Akademie eingetreten bist?" Sein Tonfall hat etwas lauerndes.

"Keine Vendetta anfangen oder hochkochen lassen?", antworte ich verhalten.

"Wie ich sehe, funktioniert wenigsten der Teil deines Gehirns noch rudimentär, welches für das Langzeitgedächtnis zuständig ist. Und darf ich fragen, warum du diese simple Anweisung ignoriert hast?" Seine Tonfall ist ziemlich schneidend, schon beinahe ätzend.

"Crestus Cascandor hat es darauf angelegt und es ist durchaus etwas komplexer als es den Anschein hat", verteidige ich mich etwas lahm.

"Mag sein, aber du hättest nur zur Tür hinaus gehen müssen, nicht wahr?" Offensichtlich hat einer seiner Emissäre oder Vasallen schon mit Kleist geredet. Oder mit Zeugen des Vorfalls.

"So einfach war das nicht", stelle ich klar.

"Einen Schritt nach dem anderen, dass hattest du, wenn mich mein durchaus noch funktionierendes Langzeitgedächtnis nicht täuscht, schon mit zwei Jahren ziemlich gut drauf. Tür auf, Flavion durch, Tür zu. Kein Duell, keine Vendetta, alle haben einen guten Tag. Also erleuchte mich, was war daran nun nicht so einfach?" Die Stimme meines Vater ist schneidend und ich denke, wir sind bei der Dreizehn angelangt, was den Grad seines Zornes anbelangt.

"Crestus hat es provoziert, weil er mich wegen gewissen Dingen bei der Großen Jagd loswerden musste." Ich selbst finde meine Entschuldigung ziemlich lahm, besonders da ich mich nicht gerade eloquent wiederhole.

"Dein ganze bisherige Existenz habe ich dich auf ein Leben an den Adelshöfen vorbereiten lassen. Provoziert zu werden ist da etwas ganz normales. Also mein Sohn, warum hast du eine Vendetta mit dem Haus Cascandor vom Zaun gebrochen. Von denen du wusstest, wie sehr sie die Güldenhand kontrollieren und damit einige nicht ganz so unwichtigen Einnahmequellen dieses Hauses, von dem übrigens auch deine überaus üppige Apanage bezahlt wird." Besonders die Worte "deine" und "Apanage" betont mein Vater mit ungewöhnlicher Schärfe.

"Crestus hat eine Grenze überschritten und ich musste reagieren", rechtfertige ich mein handeln ein weiteres mal und komme mir vor wie eine Schallplatte mit einem Knacks.

"Ah, der junge Crestus hat eine Grenze überschritten. Welche denn bitte schön, wenn ich fragen dürfte, mein lieber Sohn."

"In der "Goldenen Dose" gab es eine Dienstleisterin, die mir sehr zugetan war. Die ich sehr schätzte und die ihre neun Geschwister materiell unterstützte. Diese hat er nur aus dem Grund brutal gefoltert und heimtückisch ermordet, um mich in ein Duell zu zwingen, um mich so zum schweigen zu bringen, dass er diese verdammte Karte von der Verbotenen Zone selbst besorgt hat und nicht ich. Diesen Frevel konnte ich ihn nicht durchgehen lassen."

"So so, diesen Frevel, irgend ein vollkommen unwichtiges Habmädchen totzuschlagen, konntest du dem designierten Erben des Hauses Cascandor nicht durchgehen lassen. Ich wusste ja schon immer, dass du zu Größenwahn neigst, aber ich hätte nie gedacht, dass du es darauf anlegst, deine Schwester Zethania in Sachen Exzentrik zu überflügeln. Genau genommen hast du wohl auch gerade deine Tante Megera übertroffen und die ist wirklich verrückt mit ihren vollkommen abstrusen Ideen über Menschenrechte und Demokratie! Wenn du noch so weiter machst, erreichst du noch deinen Cousin Oliviero und der hat als stichhaltige Ausrede immerhin noch eine massive Kopfverletzung." Die Stimme meines Vaters ist deutlich lauter geworden. Besonders die Worte "Menschenrechte" und "Demokratie" speit er förmlich aus. Das er von einem "Habmädchen" spricht, zeigt, dass mein Vater schon einiges aus anderen Quellen von den Ereignissen in der Goldenen Dose erfahren haben muss. Wahrscheinlich hat mein Lebenswart schon einen Bericht verfasst oder gar mit meinem Vater direkt gesprochen.

"Wie schon gesagt, Vater, es ist durchaus etwas komplizierter", versuche ich mich zu rechtfertigen und setze ihm grob von dem Hinterhalt, in die uns diese verdammte Karte geführt hat, den daraus folgenden Kämpfen und was danach gekommen ist, ins Bild. Auch erwähne ich ausdrücklich, dass Kleist versucht hat, mich von dem ganzen Schlamassel abzuschirmen, was nicht geklappt hat. "Deswegen hat Crestus mich in ein Duell zwingen wollen und ich habe ihn dazu gebracht, dass er mich fordert. Ebenso habe ich im Vorfeld schon zwei von Crestus Vasallen von ihm selbst neutralisieren lassen. Also hat Crestus dann seine zwei verbliebenen Vasallen vorgeschickt, die Kleist und ich dann ausgeschaltet haben. Das anschließende Duell war sicherlich aufgrund seines Verhalten nicht konform, aber letztendlich war das alles noch im Rahmen des Gesetzes. Crestus hat mich gefordert, dann gefoult, Kleist wurde schwer verletzt und ich habe den Erben des Hauses Cascandor dafür tot geschlagen."

"Das war taktisch klug, aber strategisch gesehen war das die reine Katastrophe. Was hast du dir dabei nur gedacht? Du hast den Mistkerl doch neutralisiert und am Boden. Aber anstatt ihn zu fragen, woher er die thronverdammte Karte und wer ihn zu dieser Intrige angestiftet hat, schlägst du ihn einfach nur tot. Beim goldenen Thron von Terra, mein Sohn! Warum hast du diesen Groxdung nicht einfach verhört, bis er dir alle offenen Fragen beantwortet hat?", fragt nun mein Vater und schaut mich anklagend an.

"In dem Moment wollte ich ihn nur noch vernichten. An das habe ich gar nicht gedacht, dass war wohl ein Fehler", gebe ich zu, da ich von rechtschaffenen Zorn erfüllt gewisse Aspekte durchaus vernachlässigt habe.

"Ein Fehler mit großen Folgen für und alle und nicht nur für dich! Ich habe so viel mehr von dir erwartet und dann so was." Seine Stimme ist nun eher traurig und ich fühle mich durchaus von seinen Worten getroffen.

"Eventuell habe ich die Konsequenzen meiner Tat etwas unterschätzt", lenke ich durchaus zerknirscht ein.

"Ah, eventuell hast du das, ja, eventuell hast du das wirklich", mein Vater seufzt tief, fährt sich durch die Haare und hebt dann ein offiziell wirkendes Dokument hoch. "Eine Vorladung für eine Gerichtsverhandlung, dich betreffend."

"Aha, und was wirft man mir vor?", frage ich perplex.

"Lass mich mal kurz nachsehen", dabei schaut mein Vater mich zuerst prüfend an und mustert dann die Vorladung, als gebe etwas äußerst wichtiges dort zu entdecken. Ich denke, er hält mich für einen kompletten Idioten. "Ah, da steht es ja. Es geht da um so eine nichtige Kleinigkeit. Die behaupten doch tatsächlich vollkommen unverfroren, dass du ganz infam den zweiten Erben des Hauses Cascandor tot geschlagen hast. Wie kommen die nur auf eine solche Absurdität?" Ich hasse es wirklich, wenn mein Vater so mit Sarkasmus um sich wirft. Ich komme mir vor, als wäre ich Sieben und nicht schon fast neunzehn Jahre jung.

"Das war ein Duell, wenn auch sicherlich ein chaotisches, da Crestus mir zuerst seine Vasallen, so weit noch möglich, auf den Hals gehetzt hat. Dann hat er eine Digitalwaffe auf mich abgefeuert, die Kleist beinahe getötet hätte. Also habe ich ihn entwaffnet und anschließend mit dem Korb meines Breitschwertes tot geschlagen. Das war die von mir bestimmte Waffe, auch wenn ich sie wohl etwas ganz klein wenig zweckentfremdet habe."

"Ich sehe schon, ein Duell, dass wird sich ja dann klären lassen, wer Recht hat und wer nicht. Und zwar vor Gericht!" Die letzten Worte sind ziemlich leise und so langsam realisiere ich, was das Haus Cascandor hier versucht.

"Ich trete gegen Alphonsus den Herzensbrecher als deren Schiedsmann an", stelle ich fest. Genau das, was ich eigentlich hatte vermeiden wollen.

"Wie ich sehe, ist mein jüngster Sohn noch nicht gänzlich verblödet. Genau, du bist des Mordes angeklagt und ein Gottesurteil durch ein Duell wird entscheiden, ob du schuldig bist oder nicht. Und Mord an einen Adligen wird auch bei einem Adligen mit dem Tod oder im besten Fall, mit dem Eintritt in ein Strafbataillon geahndet. Es spielt also keine Rolle, ob ich einen unserer Schiedsmänner opfere, am Ende bist du früher oder später tot!" Den letzten Satz schreit man Vater heraus und hämmert mit der geballten Faust auf den Tisch.

"Selbstverständlich werde ich selbst kämpfen", stelle ich gleich mal klar, dass ich keinen Schiedsmann brauche.

"Gratulation zu deinem Tod, du thronverdammter Narr!", schimpft nun das Oberhaupt meiner Familie und zum ersten mal sehe ich ihn nun ohne seine Maske. Er wirkt müde, resigniert und traurig. Sieht so aus, als hätte er mich schon abgeschrieben.

"Ich habe den Rekord bei der Großen Jagd gebrochen und in beiden Jahrgängen das Fechtturnier der St. Drusus Akademie gewonnen. Auch habe ich schon vier andere Ehrenhändel siegreich überstanden. Noch ist nichts verloren", wiegle ich mit mehr Optimismus in der Stimme ab als ich wirklich habe. Mein Vater fährt sich wieder durch die Haare und schüttelt dann den Kopf.

"Da gratuliere ich dir, dass du in der Lage bist, ein paar ungezogenen Jungs etwas Manieren beizubringen und Muties im großen Stil abzuschlachten. Alphonsus Cascandor gilt nicht nur als der Beste Schwertkämpfer von Scintilla, sondern des ganzen Calixis Sektor. Seit gut fünfundzwanzig Jahren ist er ungeschlagen. Er hat vor Gericht 187 Duelle auf Leben und Tod absolviert. Daneben heißt es, er hätte so etwa zwei bis dreihundert weitere Ehrenhändel für sein Haus außergerichtlich geklärt und damit meine ich nicht die zum ersten Blut oder Aufgabe." Mein Vater stockt, nimmt einen Schluck Amasec aus einem geschliffenen Kristalglas mit dem Raben als Wappen und fährt dann mit müder Stimme fort. "Ich habe einen Bruder, einen Neffen und einen Cousin gegen ihn verloren. Dazu noch zwei wirklich fähige Schiedsmänner, jeder davon galt ihm seinerzeit als Ebenbürtig. Sie sind alle tot, alle! Und jeder einzelne von ihnen war ein sehr erfahrener Schwertkämpfer mit mindestens fünf Jahren Duellerfahrung vor Gericht. Ich habe einen imperialen Todeskult angeworben, um Alphonsus zu töten. Und sie sind ebenfalls gescheitert! Und jetzt willst du mir erzählen, du hättest eine Chance? Du dummer Junge! Was glaubst du, wer du bist. Der Auserwählte? Der eine unter einer Milliarde? Eine Romanfigur, welche die Schwachstelle entdeckt, die alle Deppen bisher übersehen haben? Thronverdammt! Ich hätte dich für klüger gehalten, Flavion. Für so viel klüger!" Er schüttelt den Kopf und fährt sich ein weiteres mal durch das Haar. Ich kann ihm jetzt durchaus ansehen, wie Nahe ihm das alles geht.

"Ich war auch mal jung, ich war auch mal dumm und ich habe auch einen Haufen Groxdung produziert. Menschen machen Fehler. Menschen haben Schwächen. Deine sind Stolz, eine überzogene Loyalität zu denen, die du meinst beschützen zu müssen und deine offensichtliche Unfähigkeit, die Folgen deiner Taten abzuschätzen. Dazu noch die Arroganz der Jugend zu glauben, all das auch überleben zu können. So ist bist du eben. Du bist mein Sohn. Und ich liebe dich, auch wenn du offensichtlich ein vollkommener Narr bist. Was soll ich sagen, Flavion. Wenn du vor Gericht antrittst, bist du tot! Da brauchen wir uns keine Illusionen zu machen. In zwei Tagen geht ein Transfer nach Wandererhafen. Von dort nimmst du eine Passage durch den Schlund, triffst dich auf Bruch mit deinem Onkel Ravion und dienst unter ihm als Offizier auf der "Audacia". Hinter dem Schlund hört der Arm der Imperialen Rechtsprechung auf und du bist in Sicherheit. Verabschiede dich von der Familie, dann bringt dich einer unser Guncutter zum Schiff", erklärt mir mein Vater nun in einem ruhigen Tonfall, der mir zeigt, dass das Strafgewitter nun vorbei ist.

"Nein!", erwidere ich mit fester Stimme. Das ist nicht mein Weg. Ich will zwar eines Tages genau diese Route nehmen, aber als designierter Lordkapitän der "Audacia". Wenn ich jetzt gehe, werde ich niemals das Kommando übernehmen können, außer durch Meuterei.

"Nein, was?", fragt mich mein Vater perplex.

"Diesen Weg werde ich nicht gehen, Vater. Ich werde nicht fliehen, denn ich habe Crestus vollkommen legal getötet. Auch wenn ich mich wiederhole, er hat mich vor Zeugen gefordert. Ich habe, wie es mein Recht ist, Ort, Zeit und Waffe bestimmt. Das er dann gefoult hat, dafür kann ich nichts. Auch das dieses Duell so chaotisch ablief, ist nicht meine Schuld. Ich bin des Mordes nicht Schuldig und ich werde notfalls mit dem Schwert in der Hand bei einem Gottesurteil beweisen. Ganz abgesehen davon, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist. Ich bin nicht sicher, was auf der Großen Jagd passiert ist, aber ich denke, Crestus wurde von irgend jemand zu etwas angestiftet, dessen Komplexität ich nicht verstehe."

"Das wiederholen von Fakten ist in diesem Kontext nicht zielführend, Flavion. Wir beide wissen die Wahrheit. Aber aufgrund der chaotischen Umstände könnte ein neutraler Außenstehender durchaus zu dem Schluss kommen, dass du aus reiner Rache Crestus Cascandor totgeschlagen hast. Und du hast grandios die Möglichkeit verpasst, Licht ins Dunkel zu bringen. Natürlich ist da im Hintergrund etwas gelaufen. Was genau werden wir so wohl nicht erfahren, da du ja Crestus, ja ich wiederhole mich, tot geschlagen hast! Die einzige weitere Person, die in dieser Angelegenheit involviert ist, euer Jahrgangslehrer Oberst York ist seit Tagen verschwunden. Entweder ist er so gut untergetaucht, dass man ihn niemals finden wird oder er ist längst tot, weil auch er nur ein Mittelsmann war", erklärt mir mein Vater ruhig und zeigt, dass er sich nicht nur schon Gedanken über die Ereignisse gemacht hat, sondern schon einiges in Erfahrung gebracht hat. Ich frage mich, ob ich meinem Familienoberhaupt und Vater überhaupt was Neues habe sagen können.

"Und was meinst du, was dahinter steckt?", frage ich einfach mal neugierig.

"Wie ich schon sagte, dank dir ist die Faktenlage momentan sehr dünn. Aus dem Bauch heraus würde ich meinen, dass das Haus Cascandor versucht, einen offenen Krieg gegen das Haus Conari zu führen und dies durch die Ereignisse um die Große Jagd rechtfertigen wollte. Aber genau so gut kann irgend ein anderes Haus dahinter stecken, welches von einem Krieg zweier mächtiger Häuser profitieren würde. Oder die Celestische Allianz will uns wegen der Dominanz unseres Hauses auf dem Agrarsektor schwächen, um höhere Preise für ihre Produkte durchzusetzen. Aber wie gesagt, darüber zu spekulieren ist müßig, da zu viele Häuser, Gruppierungen und Parteien von diesen Ereignissen profitieren würden."

"Da habe ich wohl ziemlichen Mist gebaut, Vater", gebe ich zerknirscht zu, da ich viele Faktoren in dem Moment gar nicht bedacht habe und es dummerweise im Blutrausch unterlassen habe, die richtigen Fragen zu stellen. Diese Chance habe ich grandios vertan. "Es tut mir leid, Vater!"

"Mir auch, mein Sohn, mir auch. Manchmal muss man seinen Stolz herunterschlucken und akzeptieren, dass man sich im rückwärtigen Raum neu formieren muss. Sei kein Narr, wirf dein Leben nicht weg gegen einen Gegner, der seit fünfundzwanzig Jahren unbesiegt ist", versucht mein Vater mich mit Worten zur Vernunft bringen.

"Genau seit fünfundzwanzig Jahren. Alles hat ein Ende, auch ein Alphonsus Cascandor wird nicht jünger. Ich möchte zuerst noch meine Chancen selber analysieren", meine ich mit mehr Optimismus in der Stimme, als wie ich wirklich empfinde.

"Wenn du bleibst, brichst du deiner Mutter das Herz."

"Das ganze war ihre Idee, nicht wahr?"

"Es war unsere gemeinsame Idee, dich weit weg in Sicherheit zu schaffen. Aber du bist erwachsen, du bist volljährig. Noch ist Zeit, überlege es dir in Ruhe."

"Gut, ich werde mir zuerst ein eigenes Bild von der Situation machen, Vater!"

"Nun gut, dann sage das deiner Mutter auch selber. Sie ist im Wintergarten", sagt mein Vater nach einem tiefen Seufzer. Vielleicht hat er die Hoffnung, dass meine Mutter mich umstimmen kann. "Komm dann wieder her, dann besprechen wir alles weitere, so oder so."

"Gut, Vater, wir sehen uns", erwidere ich und bin entlassen.

Im Wintergarten, quasi der zentrale Innenhof hinter dem Arbeitszimmer, finde ich meine Mutter auf einem Liegestuhl, umgeben von mehreren eher leicht bekleideten Frauen, von denen ihr eine die bloßen Füße massiert.

"Hallo Mutter", begrüße ich die schwarzhaarige Frau, die nicht älter als fünfundzwanzig aussieht. Sie trägt skandalös wenig, aber das bin ich von ihr gewohnt.

"Meine Lieben, seid doch so lieb und geht doch eine kleine Runde in diesem schönen Garten spazieren und bringt mir einen Strauss wohlriechender Blumen mit." Die Damen knicksen artig und schweben von dannen, wo sie zwischen den Pflanzen des weitläufigen Wintergartens verschwinden, der sich über mehrere Ebenen zieht. Ein Wasserfall, der über jede Ebene fließt, ist neben den Treppen das landschaftlich verbindende Element des Gartens, den meine Mutter selbst entworfen hat. Es riecht wenig überraschend nach Dschungel in dieser grünen Oase. Meine Mutter verbringt meistens hier ihre freie Zeit mit ihren "Hofdamen". Man könnte meinen, wir wären unter freiem Himmel, dabei sind wir mehrere Kilometer unter der Oberfläche.

"Ich werde erst wieder ruhig schlafen, wenn ich dich in der Koronusweite weiß", fängt sich mir auch gleich an ein schlechtes Gewissen einzureden.

"Momentan werde ich mich vor dem Duell nicht drücken, Mutter", meine ich mit fester Stimme.

"Du willst dich doch nicht allen ernstes diesem brutalen Tier stellen!" Ihre Tonlage ist viel zu hoch.

"Ich werde meinen Kontrahenten erst einmal in aller Ruhe analysieren und wenn der Gottimperator will, werde ich einen Weg finden, ihn zu besiegen."

"Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, deine Schwester Zethania in puncto Exzentrik zu übertreffen. Sei ein kluger Junge und hör auf deine Mutter. Gehe zu deinem Onkel Ravion und auf der "Audacia" bist du in Sicherheit!", ihre Stimme hat etwas sehr entschiedenes.

"Nein, dass ist nicht die Lösung dieses Problems. Ich habe diese Vendetta reaktiviert und ich werde es zu Ende bringen."

"Beim Licht des Imperators! Du musst in der Untermakropole giftige Dämpfe eingeatmet haben, die deinen Sinn für die Realität vollkommen eintrüben. Das einzige, was in der Arena des hohen Gerichtes passieren wird, ist dein Tod!"

"Dinge können sich ändern, Mutter. Hab etwas vertrauen in meine Fähigkeiten. Ich weiß, was ich tue."

"Nein mein Sohn, dass weißt du nicht. Ich habe schon viele gute Männer vor Gericht sterben sehen. Und sie waren alles sehr erfahrene Kämpfer. Es gibt immer einen, der stärker als man selbst ist. Und steht in deinen vielen Büchern über Krieg nicht irgendwo, dass man keine Schlachten schlagen soll, wenn man weiß, dass man nur verlieren kann?"

"Doch, so was steht unter anderem drin. Aber auch, dass man die Schwachstellen seines Feindes suchen und ausnutzen muss."

"Das haben schon andere versucht und alle sind gescheitert. Ich frage mich, was mit dir passiert ist, mein lieber Junge. Du warst früher so ein liebes Kind. Das macht mich jetzt richtig traurig." Damit zündet meine Mutter ihre letzte Waffe, ihre Tränen. Ich habe gerade meine Mutter zum weinen gebracht.

"Helden sterben jung, Feiglinge sterben tausende Tode. Ich werde mich vor meiner Verantwortung nicht drücken! Bete für lieber für einen Weg zu meinen Sieg, Mutter!" Ich küsse sie auf die Stirn und lasse sie zurück. So leicht lasse ich mich jetzt doch nicht manipulieren.

Nakagos wirre Gedanken

Dieses mal ein ziemlich langes Kapitel, da ich es nicht sinnvoll habe trennen können. Vielen Dank für Likes!​
 

Nakago

Eingeweihter
Kapitel XII

"Autsch, dass hat jetzt bestimmt weh getan!", kommentiert mein drei Jahre älterer Bruder Novus den Ausgang von Duell 177. Auf dem Televid in meinem großen Studienzimmer ist zu sehen, wie Alphonsus Cascandor einem armen Tropf aus dem Haus Horne sein Schwert durch das Herz rammt. Der Kampf hat ganze siebzehn Sekunden gedauert. Davon war der oberster Schiedsmann von Cascandor fünfzehn Sekunden lang damit beschäftigt, seinen Kontrahenten quer durch die Arena auf die Tür zu treiben, wo er ihn nun mit "Herzensbrecher" festnagelt, in dem er das Schwert durch das Herz des bedauernswerten Mannes treibt. Für ein paar Sekunden zuckt der Körper im Todeskampf noch wie ein mit einer Nadel aufgespießter Käfer, dann erschlafft der Leichnam.

"Je mehr ich von diesen Kämpfen anschaue, desto mehr schlechte Befürchtungen habe ich über den Ausgang", merkt Gallus an. Zwei meiner Brüder schauen sich mit mir die gesammelten Werke unserer Familie über Alphonsus Cascandor an. Auf einem Wägelchen von unsere Hausbibliothek sind alle Medien ordentlich aufgereiht, was wir zu diesem Thema haben. Bücher, Journale, Zeitungen und Speicherkristalle.

"Macht mir doch nur Mut!", rufe ich theatralisch aus.

"Vielleicht solltest du dir das mit dem Exil in der Koronusweite noch einmal überlegen", mahnt Gallus an.

"Dienst auf einem leichten Kreuzer wäre vielleicht nicht das schlechteste, was dir passieren könnte", haut Novus in die gleiche Kerbe.

"Würdet ihr an meiner Stelle den Rückzug antreten?", frage ich meine beiden Brüder. Quintus hat sich nicht blicken lassen, ist angeblich damit beschäftigt, den Schlamassel aufzuräumen, den ich angerichtet habe.

"Ehrlich gesagt würde ich an deiner Stelle ernsthaft über diese Alternative nachdenken", erwidert Novus und ich denke, er meint es wirklich ehrlich.

"Du lässt keine Frau oder Kinder hier zurück. Du hat ein Offizierspatent von der angesehensten Militärakademie des Calixis Sektors, du würdest sofort einen Zug Marineinfanterie kommandieren, in einem Jahr als Hauptmann eine Kompanie und in fünf als Major eine Abteilung. Onkel Ravion ist zwar jetzt nicht gerade mein Lieblingsonkel, aber er wäre sicherlich froh, einen fähigen Neffen an seiner Seite zu haben", versucht Gallus mir die Sache schmackhafter zu machen.

"Es muss ja auch nicht unbedingt für immer sein. In ein paar Jahren könnten andere Umstände dafür Sorgen, dass die Anklage fallen gelassen wird und du zurück kehren kannst", argumentiert Novus weiter.

"Und die Audacia ist nicht Moruf, wo nie etwas passiert." Moruf ist eine Agrarwelt, dessen gesamte nördliche Hemissphäre im Besitz meiner Familie ist. Die erste Erwerbung meines Vorfahren. Eine Agrarwelt, wo man tausend Klicks weit laufen konnte, ohne eine einzige Wildblume zu sehen, weil alles bewirtschaffbare Land von gewaltigen Feldern bedeckt ist. Das System befindet sich am Ende einer Route, die nach Scintilla führt und es gab das geflügelte Sprichwort: So aufregend wie die Nachrichten von Moruf. Weil es eben keine aufregenden Nachrichten von dieser Welt gab. Exzentrische Verwandte und solche, die über Gebühr unangenehm aufgefallen waren, fanden sich recht schnell auf einem unwichtigen Posten auf dieser Welt wieder. Unter anderem verwaltete meine exzentrische Tante Megera dort eine Insel im nördlichen Meer, wo sie mit ihren wahnsinnigen Ideen niemanden sonst auf dumme Gedanken bringen konnte.

"Seid ihr hier, um mir zu helfen, oder mich in eine Richtung zu treiben, die unseren Eltern genehm ist?", beschwere ich mich über die mangelnde Unterstützung.

"Beides. Wir haben jetzt zwölf Kämpfe angesehen und ich kann keine Schwachstelle erkennen", meint Novus. "Ich habe schon fünf Duelle auf Leben und Tod als Schiedsmann unserer Familie vor Gericht bestritten und ich weiß, ich würde genau so schnell sterben wie der arme Kerl da. Ich weiß, dass du ein guter Fechter bist, vielleicht sogar etwas besser als ich, aber das hier ist mehr als eine Nummer zu groß für dich, wie für Gallus und auch für jeden anderen unserer Schiedsmänner."

"Vielleicht ist es an der Zeit der Realität ins Auge zu blicken, kleiner Bruder. Du hast die Wahl zwischen einem Thronverdammt sicheren Tod in der Arena und einer Karriere als Offizier auf einem Freihändlerschiff unserer Familie in der Koronusweite." Die Stimme von Gallus hat etwas beschwörendes an sich.

"Ich bin unschuldig! Ich habe keinen Mord begangen, da wir uns duelliert haben! Und ich werde das vor Gericht beweisen!", erwidere ich leicht aufgebracht. Ich kann sehen, wie die beiden sich bezeichnend anschauen. Ohne das meine Brüder es aussprechen weiß ich, dass sie mich für Größenwahnsinnig halten und mir keine Chance geben, den Kampf zu überleben.

"Unser Cousin Oliviero hätte vielleicht inzwischen das Potential entwickelt, Alphonsus zu töten. Dumm nur, dass er seinen 700 Groxstarken Herausforderer zu Schrott gefahren hat", merkt Gallus an.

"Wie gut das Quintus nicht hier ist. Allein die Erwähnung des Namen Oliviero lässt ihn in die Luft gehen. Deswegen hat er heute noch schlechtere Laune gehabt als sonst", gibt Novus seinen Senf dazu.

"Was hat den Cousin Oliviero wieder angestellt?", frage ich durchaus neugierig und mir kommt ein Themawechsel gerade durchaus gelegen, da ich mich momentan etwas von der für äußerst deprimierenden Realität ablenken will. Was Crestus für das Haus Cascandor in Sachen Schwarzes Schaf war, ist Cousin Oliviero das meines Hauses. Er ist der jüngste Sohn des Zwillingsbruders meines Vaters, wenige Wochen nach dessen Niederlage in der Arena geboren. Schon früh wurde mein Cousin auf eine Kariere als Schiedsmann eingestimmt. Es kann durchaus sein, dass mein Vater seinen Neffen als Rächer aufbauen wollte. Aber vielleicht ist das zu weit hergeholt, da niemand damals hat ahnen können, dass Alphonsus fünfundzwanzig Jahre lang die Gerichtsarena dominieren würde. Ich kenne ihn gut, hatte mehrmals exklusive Fechtstunden bei ihm, was in meinem Haus damals für jeden Spross als absolute Belohnung galt. Oliviero war nicht nur ein überaus fähiger Fechter, sondern damals die Art Mensch, mit der man gerne zusammen war. Locker drauf, nie um einen coolen Spruch verlegen und durchaus in der Lage, äußert trockene Lektionen interessant zu gestalten. Es gab eine Zeit, da war er mein absolutes Vorbild und versuchte mich sogar wie er zu kleiden, was bei einem Zwanzigjährigen Fesch aussieht, sieht bei einem Dreizehnjährigen nur lächerlich aus. Meine Gouvernante schimpfte mich wegen meines Kleidungsstils mehr als einmal aus und änderte auch genau so oft meine Garderobe nach ihren Vorstellungen. Damals war mir das zuwider, aber inzwischen bin ich ihr dankbar, da sie durch ihre Intervention verhindert hat, dass ich mich vor aller Welt lächerlich machte.

Die Damenwelt lag Oliviero zu Füßen. Schneidig, amüsant, gebildet, schlagfertig, reich, trainiert, einfühlsam und Thronverdammt gutaussehend. Die Art Mann für die jede Dame von Welt für ein amouröses Abenteuer zu haben war. Er löste dadurch einige Verwicklungen und Duelle aus. Aber das war alles im akzeptablen Rahmen unseres Standes. Alles änderte sich vor etwas mehr als zwei Jahren, als er einen schrecklichen Unfall mit seinem Selbstfahrer hatte. Die meisten Adligen haben einen Chauffeur oder Leibwächter, der ihr Fahrzeug steuert. Aber manche Adlige haben die Faszination des Selbstfahrens entdeckt und einige Manufakturen bieten wohlhabenden Kunden schnelle, leistungsstarke Fahrzeuge an, die absurd Übermotorisiert sind. So ein Fahrzeug steuerte Oliviero, als er seinen schrecklichen Unfall erlitt. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit raste mein Cousin nach durchzechter Nacht durch das morgendliche Tarsus, kurz bevor die Schola begann. Kleine Kinder überquerten in großer Zahl eine Straße, die von Lotsen abgesperrt war. Im Suff umfuhr Oliviero die wartende Kolonne und bahnte sich mit unverminderter Geschwindigkeit durch die Schulkinder. Eines soll weit über hundert Meter geschleudert sein, eines landete im dritten Stock und ein weiteres wurde vier Klicks weiter geschleift, bis Oliviero in einen Vierachser krachte. Spötter bezeichnen den Herausforderer als Crashkäfig mit Motor auf vier breiten Rädern. Jedes andere Fahrzeug hätte es bei einem Aufprall bei einer solchen Geschwindigkeit einfach zerrissen. Trotzdem wurde Oliviero sehr schwer verletzt. Die zersplittert Glasscheibe zerschnitt sein Gesicht und ein Splitter drang in sein linkes Auge ein und blendete ihn. Dazu erlitt er ein massives Schädeltrauma und mehr als ein Dutzend Knochenbrüche.

Es dauerte ein Jahr, bis er halbwegs wieder hergestellt war. Trotz mehrerer Operationen konnte nichts die mechatronische Gesichtsprothese kaschieren. Auch war sein linkes Auge ein offensichtlicher kybernetischen Ersatz. Auch konnte er nur noch sehr langsam und stockend sprechen, obwohl er auch dafür einen kybernetischen Ersatz implantiert bekam. Mit seinem strahlenden Äußeren war es vorbei und damit auch mit dem Erfolg bei den Damen. Er konnte bald wieder fechten und nahm seinen Dienst als Schiedsmann auf. Bei seinem ersten Duell auf das erste Blut tötete er bei einer Gerichtsverhandlung wegen einer Bagatelle einen alten Schiedsmann des Hauses Machenko, dann einen des Hauses Horne und so ging es weiter. Nach zehn solcher Fouls wurde er dann Lebenslang vom Schiedsgericht gesperrt. Seitdem ging es immer weiter Bergab mit ihm.

"Oliviero ist einem Zimmermädchen unakzeptabel zu Nahe gekommen", erzählt Gallus und schüttelt missmutig den Kopf.

"Das ist ja nichts neues", meine ich dazu, da es im Haus allgemein bekannt ist, dass er sein weibliches Personal für seine sexuellen Bedürfnisse benutzt.

"Zum einen hat das Zimmermädchen nicht zu seinem Haushalt sondern dem von Quintus gehört, zweitens ist die Kleine erst Vierzehn und drittens war das wohl eine ziemlich brutale Vergewaltigung. Es ist fraglich, ob sie durchkommt", erklärt mir Novus durchaus aufgebracht.

"Beim Goldenen Thron! Das ist wirklich Thronverdammt übel! Kein Wunder, dass Quintus so sauertöpfisch aus der Wäsche schaut", meine ich dazu. "Ist es sicher, dass es Oliviero war?"

"Er hat selbst den Medicus mit den Worten verständigt: Ich glaube, ich hab da was kaputt gemacht!" Ich kann Novus ansehen, dass ihm das ganze ziemlich Nahe geht.

"Und was gedenkt Vater nun zu tun?", bohre ich weiter.

"Quintus wäre dafür, Oliviero in die Grünen Gemächer zu verbannen, da unleugbar sein Hirnschaden immer deutlicher zu Tage tritt. Aber Vater ist ja dafür bekannt, dass er sehr nachsichtig zu den Kindern seines Zwillings ist...", erklärt Gallus.

"Lass mich raten, Vater schickt unseren Cousin stattdessen nach Moruf?"

"In der Tat, kleiner Bruder, in der Tat!" Ich kann Novus ansehen, dass er ebenfalls die Grünen Gemächer favorisiert hätte.

"Wenn ich die Herren kurz unterbrechen dürfte, Lady Augusta ist gerade angekommen und wartet im kleinen Saloon", unterbricht Caine unsere "Sitzung" gerade im richtigen Moment.

"Ich werde sie umgehend begrüßen. Ich denke, wir sind hier fertig", meine ich zu meinen Brüdern, die nicht hier sind, um mich zu unterstützen, sondern, um mir klar zu machen, dass ich in der Arena sterben werde. Und das schlimmste ist, dass sie mit dieser Einschätzung richtig liegen könnten.

"Nun gut, sehen wir uns deine kleine Neuerwerbung mal an", meint Gallus vom Themawechsel nicht enttäuscht.

"Ein Jammer, dass sie in einer Woche einen neuen Gönner suchen muss", nervt Novus weiter. Ich weiß, dass beide es eigentlich gut mir meinen, aber etwas mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten wäre vielleicht die größere Hilfe. Wobei eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf meint, dass sie durchaus mit ihrer Einschätzung recht haben könnten. Momentan habe ich wirklich keine Ahnung, wie ich diese schier unbesiegbare Kampfmaschine erledigen soll. Auf einem Zettel habe ich mir schon fleißig Notizen gemacht, aber ich werde selbst nicht mehr schlau daraus. Vielleicht ist es auch schon zu spät, um klar zu denken. Ich war den ganzen Tag unterwegs und die Zeitverschiebung hat mir noch nie gut getan.

"Das ist nicht lustig, Novus", meine ich und gebe ihm einen Knuff auf den Oberarm.

"Au, nicht schlagen!" Theatralisch reibt er die Stelle, wo ich ihn geknufft habe. Wir gehen nach unten in den kleinen Salon, wo meine etwas füllige Haushälterin Rosetta gerade Lady Augusta einen frischen Kaf serviert. Meine Mätresse hat ganz rote Wangen und ein rotes Näschen wegen der für sie sicherlich ungewohnten Kälte da draußen.

"Willkommen in meiner bescheidenen Unterkunft, Augusta", begrüße ich sie und hauche einen Kuss auf ihren wohlriechenden Wangen.

"So bescheiden ist die gar nicht", meint sie lächelnd. "Und wer sind deine gutaussehenden Begleiter?"

"Darf ich vorstellen, mein Bruder Gallus, General unserer Haustruppen." Gallus kommt nach vorne und haucht einen Kuss auf ihren Handrücken.

"Angenehm", meint sie huldvoll lächelnd einen Knicks ausführend.

"Und das ist mein Bruder Novus, einer der fünf Schiedsmänner meiner Familie", stelle ich meinen anderen Bruder vor, der ebenfalls galant einen Handkuss haucht.

"Ebenfalls angenehm."

"Meine Brüder waren gerade dabei zu gehen", meine ich zu ihnen, als sie immer noch auf meine Konkubine glotzen. Ich kann ihnen ansehen, dass sie sich überlegen, sie darauf anzusprechen, was sie zu tun gedenkt, wenn ich in einer Woche tot bin.

"Einen vergnüglichen Abend noch", wünscht mir Gallus mit einem breiten Grinsen im Gesicht, dass mehr als nur anzüglich ist.

"Meine Empfehlung", meint Novus und verbeugt sich noch einmal galant. Ich sehe mich genötigt, die beiden nach draußen zu eskortieren, bevor es peinlich wird.

"Da hast du aber eine wirklich süße Kurtisane an Land gezogen", merkt Novus an.

"Die ist garantiert jeden Thron wert!", meint auch Gallus.

"Das ist sie sicherlich und nun ab mit euch!" Endlich habe ich sie raus komplimentiert und zeige nun Lady Augusta ihr persönliches Zimmer. Es liegt zwar im Gesindeflügel, gehört aber zu den größten Gesindezimmern und hat meiner Gouvernante gehört, von denen noch einige Dinge hier herum stehen. Auch hat es einen direkten Zugang über mein Ankleidezimmer zu meinem Schlafzimmer.

"Wohnt hier noch jemand?", fragt Augusta deswegen nicht zu unrecht.

"Hier wohnte bis vor zwei Jahren meine Gouvernante Samaria. Sie ist leider verstorben und da ich sehr an ihr hing, habe ich es nicht über das Herz gebracht, alle ihre Dinge zu entfernen. Ich hoffe, es stört dich nicht allzu sehr, dass hier noch ein paar Erinnerungsstücke an sie herumstehen."

"Du hast sie sehr geliebt", merkt Augusta an und dirigiert einen der Hausdiener, wo er ihren schweren Schrankkoffer hinstellen soll. Sonst hat ist nur noch eine schwarze Handtasche, eine Reisetasche und eine Umhängetasche dabei. Für eine Frau also sehr leichtes Gepäck. Auch hat sie keine eigene Zofe mitgebracht, von dem ich eigentlich ausgegangen bin.

"Ja, dass habe ich", bestätige und huste einen Klos aus dem Hals.

"Ist schon in Ordnung", meint sie mitfühlend und legt mir tröstend eine Hand auf die Schulter. Ich schätze diese kleine Geste durchaus. Dann schaut sich das Bad an, dass aus einer Badewanne, Nasszelle, Toilette und Waschbecken besteht. Dann den begehbaren Wandschrank, der bis auf ein paar Dinge ausgeräumt ist. "Das ist Nett hier."

"Schön, dass es dir gefällt. Willst du erst auspacken?"

"Nein, dass mache ich später. Ich habe gehört, du hast ein ernstes Problem am Hals." Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

"Schlechte Nachrichten verbreiten sich offensichtlich schnell", merke ich dazu an.

"In der Tat. Die Verhandlung ist in sieben Tagen. Schon eine Strategie entwickelt, Alphonsus Cascandor zu besiegen?", fragt die junge Kurtisane mich und ich bin überrascht, dass sie so gut informiert ist.

"Ich bin noch am sichten des Materials", erwidere ich etwas lahm, straffe mich dann und fahre erklärend fort: "Wenn ich alle notwendigen Informationen habe, werde ich meinen Gegner analysieren und dann eine hoffentlich erfolgreiche Strategie entwickeln. Dann werde ich alles mobilisieren und organisieren was dafür notwendig ist, um Alphonsus Cascandor zu besiegen."

"Zeigst du mir, was du schon hast?", fragt sie mit einem so lieblichen Lächeln, dass ich nicht Nein sage. Also führe ich sie in mein großes Studierzimmer. Sie nimmt ihre Umhängetasche mit. Interessiert lässt sie ihren Blick durch den Raum schweifen, dessen Glanzstück sicherlich der gewaltige zwei Meter Breite Televid Schirm mit seiner wuchtigen Multimediaeinheit ist, an der mehrere Reinheitssiegel für gute Laune beim Maschinengeist sorgen. Vor dem Fenster zum großen Saal steht mein Schreibtisch mit meinem Cogitator. An den Wänden ziehen sich Regale bis zur Decke mit meinen Büchern. Ich kann sehen, wie sie einige der Titel ließt. Besonders die Bücher, von denen man ansieht, dass ich sie gelesen habe, da ich viele mit herausstehenden Zeichen markiert habe, um schnell etwas nachschlagen zu können.

"Bis jetzt habe ich das", meine ich und zeige ihr meinen Zettel mit Notizen.

"Aha? Kannst du mir erklären, was diese kryptischen Zeichen bedeuten?" Unentschlossen dreht sie den Zettel mehrmals hin und her, weil nicht klar ersichtlich zu sein scheint, wo oben und unten ist.

"Na ja, wie gesagt, ich bin noch am sichten", erwidere ich ziemlich lahm, da bis jetzt noch nicht wirklich etwas handfestes heraus gekommen ist.

"Mhmhm", meint die Kurtisane dazu nur. "Gibt es in diesen Werken oder Speichersteinen eine Aufschlüsselung der Kämpfe?" Sie zieht eines der Hochglanzjournale heraus und blättert durch die Abbildungen von Alphonsus Cascandor, der dort in knapp sitzender Hose und offenem Hemd posiert, wo man gut seinen gut modellierten Oberkörper sehen kann. Wobei ich denke, in einem Modellkontest hätte ich vielleicht eher eine Chance ihn zu besiegen als im Schwertkampf. Dies ist eher ein Propagandawerk für weibliche Verehrerinnen, was eigentlich nicht wirklich irgend etwas aufschlussreiches bietet. Sie schient zum gleichen Schluss zu gelangen und stellt es wieder zurück.

"Kann schon sein...", meine ich dazu, da ich keine Ahnung habe.

"Gut, wie wäre es damit, ich durchsuche die Speicherkristalle nach verwertbaren Tabellen, du die gedruckten Medien?", fragt sie mich und zieht aus ihrer Umhängetasche einen sehr stabil und doch sehr kompakt wirkenden Cogitator hervor. Das Gehäuse ist aus gebürstetem Adamantium und beginnt sofort hochzufahren, als sie es aufklappt. Das Gerät ist auch Innen so gut wie nicht verziert. Die Lüfter sind recht laut und damit sehr Leistungsfähig. Das Symbol für Windows 40 000 Ultra erscheint, damit hat sie eines der teuersten Betriebssysteme überhaupt auf ihrem Cogitator.

"Meine Stimme ist mein Schlüssel. Gamma Ito Delta Alpha Zwo Drei Zero. Der Imperator beschützt!", sagt sie in eine Öffnung am Bildschirmrand und haucht hinein. Mit Spracherkennung, Code und ihrem Atem ist ihr Cogitator ziemlich gut geschützt. Nun ploppt die Bedienoberfläche auf und sie legt den ersten Speicherstein hinein.

"Hast du nicht Angst den Maschinengeist zu verärgern, so ganz ohne Rituale des Hochfahrens?", frage ich sie etwas perplex über ihr rüdes Verhalten gegenüber dem Cogitator, der bar jeden Reinheitssiegels ist.

"Dieser ganz liebe Maschinengeist mag mich einfach", erklärt sie schelmisch grinsend das Gehäuse zärtlich streichelnd und schon wischt sie sich durch die Dateien hindurch. Ich besinne mich darauf, dass ich ja die Bücher, Journale und Zeitschriften nach brauchbaren Aufschlüsselungen der einzelnen Kämpfe durchforsten soll. Das meiste dürften Propagandawerke sein. Aber es gibt ein dickes Journal, welches die hundert ersten Kämpfe analysiert, geschrieben von einem Meister der Schwertkampfkunst mit dem Namen Alantos Bligh. Das Papier wie die Aufmachung ist äußerst einfach gehalten, aber es bildet auf einer Doppelseite jedes Duell detailliert ab. Angefangen von der Streitsache, die vor Gericht ausgetragen wurde und eine Biographie der Gegner. Als ob die Hand des Imperators mich leiten wollte, habe ich den Kampf Nummer siebzehn aufgeschlagen, Thomas Conari, der Zwillingsbruder meines Vaters, einst General der Haustruppen und oberster Schiedsmann des Hauses. Neununddreißig Duelle hatte er damals schon gewonnen gehabt. Dreiundvierzig Jahre alt, so alt wie Alphonsus heute. Ein Bild von ihm ist zu sehen, in seiner schnieken Generalsuniform in Rot Schwarz. Optimistisch lächelt er in die Kamera, in der Hand hält er Rabenklaue, dass Schwert, dass einst der Große Flavion Conari höchst selbst führte. Immerhin hat er Zweiundneunzig Sekunden überlebt. Einen Schnitt konnte er seinem Kontrahenten zufügen. Ein anderes Bild zeigt sie während des Kampfes, dass dritte und letztes wie er aufgespießt an der Tür lehnt. Stehend verendet wie die meisten Kontrahenten.

"Was gefunden?", fragt Augusta neugierig ins Journal schauend.

"Das ist der jüngere Zwillingsbruder meines Vaters", meine ich erklärend. Ihr Blick huscht über die Seite.

"Das Journal könnte nützlich sein", meint sie dazu lakonisch und legt einen neuen Speicherstein ein. Mich macht das ganz fuchsig, dass sie dazu keine dafür vorgeschriebene Litanei singt. Jeder den ich kenne macht das, um den Maschinengeist nicht zu verärgern. Wobei manchmal auch eine inbrünstige Litanei nichts an der garstigen Laune eines Maschinengeistes zu verändern mag.

"Ah, schau an, hier haben wir ja was!", meint sie schon fast fröhlich. "Eine detaillierte Auflistung bis Kampf 180. Damit können wir schon mal was anfangen." Sie scrollt so rasant durch die Daten, dass ich kaum was erkennen kann. Offensichtlich kann sie ziemlich schnell lesen.

"Das ist äußerst praktisch und macht meine Liste obsolet", meine ich durchaus erfreut, da ich keine Zeit mehr darauf aufwenden muss, aus meinem eigenen Geschreibsel schlau zu werden.

"Anhand dieser tabellarischen Liste können wir gewisse Anomalien herausfiltern. Welche Kämpfe waren besonders lang, wo war er besonders grausam und wo war er wegen was mal in Bedrängnis. Anhand dieser Daten können wir diesen Alphonsus analysieren und ihn verstehen. Wenn wir wissen, wie er tickt, können wir einen Gegenstrategie entwickeln", erklärt sie mir ihren Ansatzpunkt.

"Hast du so was schon mal gemacht?", frage ich sie etwas misstrauisch, da dies nicht unbedingt das Aufgabenfeld einer Kurtisane abdeckt. Oder sie analysiert auf diese Weise ihre potentiellen Gönner. Ich frage mich, ob es in ihrem hochwertigen Cogitator irgendwo eine Datei und Listen mit unter anderem meinem Namen gibt. Nach einer Sekunde des Nachdenkens komme ich zum Schluss, dass es so sein muss. Ich hoffe nur, dass ich die Nummer Eins in der Kategorie: gutaussehend, vermögend und amüsant bin und nicht in: leicht auszunehmen, berechenbar und total blöd.

"Sozusagen", bleibt sie äußerst vage. Mein Blick wandert von dem Hochleistungscogitator und ihr hin und her. Sie trägt den gleichen hochwertigen Schmuck wie vor ein paar Tagen im Bordell und ich denke, der ist Echt. Der Schmuck und der Cogitator dürften einiges Wert sein. Der Erlös dürfte reichen, um sich ein Zimmer in einer gehobenen Pension mit Vollpension zu leisten und zwar für eine verdammt lange Zeit. Die Not an Throne an sich haben sie definitiv nicht zur Kurtisane werden lassen. Sie hat ihren Cogitator im Griff und kommt mit den Anwendungsprogrammen in einer Geschwindigkeit klar, die mich schwindeln lässt. Wieder wird mir klar, dass ich recht wenig über Augusta weiß. Wer ist sie? Oder besser gesagt, was ist sie? Ich habe keine Ahnung, aber eines ist mir inzwischen klar, eine Adlige die ihr Hobby zum Beruf gemacht hat ist sie definitiv nicht.

Nakagos wirre Gedanken

Wieder ein etwas längeres Kapitel, wo Flavion etwas orientierungslos versucht, der Situation Herr zu werden. Fand leider keinen Ansatzpunkt, es sinnvoll zu teilen. Vielen Dank für die Likes!​
 

Unwissennder

Codexleser
Ich bin zwar immer noch der Meinung die Frau is ne Inquisitionsagentin, aber angesichts dessen dass da so gar keine Rituale bezüglich des Maschinengeists kommen und auch kein Reinheitssiegel vorhanden ist kommt mir grade der leise Verdacht auf ein Mitglied der Logiker.
Windows 40 000 Neinneinnein! XD
 

Rudolfinus

Aushilfspinsler
Hallo! Ich gehör ja eher zu den Geistlesern aber ich habe gerade gesehen dass nach längerer Abwesenheit meinerseits mein Lieblingsautor wieder Suchtmittel zur Verfügung stellt! Juhu wieder suchten auf maximalen Niveau..... Da kommt Slaanesh bedenklich in Reichweite -----
 

Nakago

Eingeweihter
Ich bin zwar immer noch der Meinung die Frau is ne Inquisitionsagentin, aber angesichts dessen dass da so gar keine Rituale bezüglich des Maschinengeists kommen und auch kein Reinheitssiegel vorhanden ist kommt mir grade der leise Verdacht auf ein Mitglied der Logiker.
Windows 40 000 Neinneinnein! XD
Unkraut vergeht eben nicht! :LOL: Tja, und was Lady Augusta betrifft, die Geschichte wird es zeigen, was sie ist oder auch nicht.
Hallo! Ich gehör ja eher zu den Geistlesern aber ich habe gerade gesehen dass nach längerer Abwesenheit meinerseits mein Lieblingsautor wieder Suchtmittel zur Verfügung stellt! Juhu wieder suchten auf maximalen Niveau..... Da kommt Slaanesh bedenklich in Reichweite -----
Ja, hab nach längerer Pause auch mal wieder zwei Geschichten hier reingestellt.
Der erste Schritt in die Verdammniss wird getan, bald ist die Reise in die Koronus Weite dran.
Das dauert wohl noch ein Jahrzehnt, bis Flavion in der Koronus Weite aufschlägt.


Kapitel XIII

Aber letztendlich ist es eigentlich egal, was Augusta ist, da sie mir immerhin helfen will und nicht versucht, es mir wie alle anderen auszureden. Ich konzentriere mich nun lieber darauf Material zu sichten und weitere Tabellen zu finden. Ein Leitsatz der Tactica Imperialis lautet: Kenne deinen Feind, denn nur wenn du ihn und dich kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Letztendlich ist das Journal noch die beste Quelle, da das meiste mehr oder weniger Propagandawerk ist. Bei einigen Publikationen bin ich mir ziemlich sicher, dass die Autoren bewusst das Haus Cascandor verherrlichen. Aber wirklich übertreiben müssen sie bei den Kampfkünsten des besten Schiedsmannes dieses Planeten nicht.

"Gut, schauen wir uns mal ein paar Kämpfe an, fangen wir doch mal mit dem fünften Kampf an", sagt sie an. So wie sie sich hier gibt, scheint Augusta es gewohnt zu sein, zu führen.

"Warum Kampf fünf?", frage ich einfach mal nach, um zu sehen, nach welchen Gesichtspunkten sie vorgeht.

"Der ist interessant, weil der über drei Minuten gedauert hat", erklärt sie mir mit einem herzlichen lächeln auf den Lippen. Da muss ich sie einfach mal küssen. Unsere Lippen treffen sich und unsere Zungen umzüngeln einander. Meine rechte Hand wandert in Richtung ihres Dekolletees. Wir schmusen etwas, dann löst sie sich von mir, bevor es richtig heiß wird.

"Kampf fünf, wenn du so lieb wärst?", beharrt sie auf ihrer Forderung und schiebt leicht, aber doch bestimmt meine Hand zur Seite.

"Natürlich, meine Liebe", meine ich und kämpfe mich durch mehrere Menüs, bis ich mit einer Litanei auf den Lippen die entsprechende Datei aufrufe. Ich schlage auch gleich das Journal auf und überfliege die Hintergrundinformationen. Sein Gegner galt damals noch als der Beste Kämpfer von Scintilla, der Schiedsmann des Hauses Gaius, mit dem Namen Cornelius Vanderbelt. Dreißig Jahre jung, Elf Jahre Erfahrung, Neunundvierzig Siege vor Gericht, Vasall des Hauses mit jährlich fünf Apanagen bis zum Lebensende bei freier Logis im Stammhaus. Ein sicherlich angemessenes Gehalt für so einen geschätzten Vasallen. Hier ist er noch siegesgewiss, vollkommen überzeugt den jungen aufstrebenden Schiedsmann der Cascador in die Schranken zu weisen. Der Güldenhand, bzw. dem entsprechenden Sacharbeitern aus dem Hause Cascandor wurde die absichtliche Verschleppung eines Termingeschäftes vorgeworfen und es ging um eine Milliardensumme als Schadensersatz.

Beide Kontrahenten nehmen Aufstellung und Alphonsus explodiert regelrecht aus dem Stand heraus. Der Angriff erfolgt so unglaublich schnell, dass ich kaum mit den Augen folgen kann. Der Schiedsmann pariert gerade so noch und ist jetzt schon im sogenannten "Nach". Die Schwertkampfkunst kennt drei Zeitabläufe, das Vor, wenn man die Initiative hat, das Indes, wenn man gleichzeitig mit dem Gegner handelt und das Nach, was genau das bedeutet. Man reagiert nur noch und der Gegner diktiert den Ablauf des Kampfes. Der Schwertmeister gelingt es die Stählerne Wand zu errichten, sprich seine Paraden sind unüberwindlich. Vanderbelt ist erfahren, versucht durch Distanz etwas Zeit zu gewinnen. Seine Bewegungen sind sicher, knapp und akkurat. Man sieht ihm an, dass der Vasall genau weiß, was er da tut. Keine überflüssigen Bewegungen, alles bleibt im Fluss. Allerdings gelingt es ihm nicht, aus dem Nach auszubrechen, da der Gegner an ihm dran bleibt, egal was er auch versucht. Mit schnellen Kreuzschritten versucht er seitlich auszubrechen, aber Alphonsus bleibt an ihm dran. Nach zwei Minuten sieht man deutlich, wie schwer es Cornelius nun fällt, das unglaublich schnelle Tempo durchzuhalten. Die Selbstsicherheit von Vanderbelt bekommt sichtbar Risse, Schweiß läuft ihn in Strömen von der Stirn und sein Hemd ist Klatschnass. Dann kommt Alphonsus zum ersten mal durch, verwundet ihn am linken Arm. Und dann geht es recht schnell. Cornelius geht tödlich getroffen zu Boden und Alphonsus rammt ihm das Schwert "Herzbrecher" eben durch sein Herz. Einer der wenigen Gegner, den er nicht an die Tür genagelt hat.

"Der legt ja ein ganz schönes Tempo vor", merkt Augusta an.

"Kein Mensch sollte so schnell sein", merke ich an, nachdem ich mich frei geräuspert habe.

"Sind Kampfdrogen, Kybernetics und Bionics im Schiedsgericht erlaubt?", fragt Augusta mich.

"Leider ja."

"Schlecht, dann schauen wir uns mal Kampf Nummer siebzehn an", meint sie nun.

"Das ist der Kampf mit meinem Onkel", merke ich an.

"Ich weiß", meint sie dazu nur. Nun gut, ich rufe diesen Kampf auf. Es tut weh, dass mit ansehen zu müssen und so langsam wird mir klar, wie schmerzhaft das für meinen Vater sein muss, dass ich nun gegen den "Herzensbrecher" antreten soll. Der Kampf läuft wieder nach dem gleichen Muster ab. Onkel Thomas wird sofort ins Nach gedrängt. Er kontert mit der Stahlmauer und nach knapp anderthalb Minuten ist er tot. Auch wenn es ihm nach sechsundsechzig Sekunden gelingt seinem Gegner einen oberflächlichen Schnitt zu verpassen, weil mein Onkel eine etwas größere Reichweite hat. Dann geht es schnell bergab mit ihm und wird nur noch die letzten fünfzehn Sekunden zum Tor getrieben wurde. Wieder ein Stich durch das Herz, an die Tür genagelt wie ein Insekt auf einem Schaubrett. Das ist nicht schön anzusehen und ich stelle mir vor, wie es ist, wenn man einen Schwert durch das Herz gerammt bekommt. Auf alle Fälle geht es schnell. Aber irgend was sagt mir, dass dieses Monster sich Zeit bei mir lassen wird, weil es was persönliches ist, da ich seinen Neffen buchstäblich totgeschlagen habe.

"Sei ein Schatz und zeig mir mal Kampf Vierundvierzig", meint Lady Augusta in einem vorschlagenden Tonfall nun und die Horrorshow geht weiter. So langsam verlässt mich durchaus der Mut und beginne mir ernsthaft zu überlegen, ob eine Flucht auf unser Freihändlerschiff in die Koronusweite nicht doch eine akzeptable Alternative für mich ist. Augusta schaut sich das ganze äußerst ungerührt an. Hier und da tippt sie etwas, sonst ist sie ganz auf den Schirm fokussiert. Wir schauen uns zwanzig Kämpfe an, die alle nach dem gleichen Muster ablaufen. Dann sehen wir uns drei Kämpfe an, die komplett aus dem Ruder gelaufen sind. Zwar sterben die Kontrahenten alle durch einen Stich ins Herz, aber Alphonsus lässt sie vorher ziemlich leiden. Diese "Kämpfe" gehen recht lang, da er sich Zeit lässt und seine "Opfer" regelrecht abschlachtet. Sie buchstäblich ausweidet und damit demonstriert, wie sehr er es liebt, seine Kontrahenten zu vernichten.

"Die drei haben den Herzensbrecher ziemlich wütend gemacht. Leider kann man nicht hören, was sie vorher zueinander sagen", fasst Augusta das Geschehen trocken zusammen.

"In der Tat, dass ist äußerst bedauerlich. Es ist bestimmt eine Erfolgs versprechende Strategie ihn so wütend zu machen, dass er mich vorher in Stücke schneidet und nicht einfach an die Tür nagelt", meine ich durchaus sarkastisch. Ich könnte noch nicht mal darüber lachen, wenn es nicht ich wäre, um den es hier geht.

"Nur wenn du deinen Gegner wirklich in allen Facetten begreifst, wirst du ihn besiegen können", meint sie weise ein Zitat aus den Anmerkungen des Macharius bringend. Band IV der kommentierten Version der Tactica Imperialis, wenn mich nicht alles täuscht.

"Momentan begreife ich nur, dass sich die Sache etwas zu optimistisch gesehen habe", seufze ich, da mich nun die Realität eingeholt hat. Die Kämpfe, die ich mit meinen Brüdern angesehen habe, waren zwar ähnlich, aber gegenüber meinen Geschwistern konnte ich wohl meine Fehleinschätzung nicht einfach so zugeben.

"So schnell schon entmutigt? Der schneidige Anführer der erfolgreichen Jagd ist jetzt schon gebrochen?", stichelt sie in meine Richtung.

"Ist es nicht die Aufgabe einer Kurtisane ihren Gönner aufzumuntern? Was du von dir gibt, ist nicht wirklich aufbauend", beschwere ich mich.

"Was ist dir lieber, Flavion. Soll ich dich anlügen und sagen, dass schaffst du schon, weil du jung und knackig bist? Oder willst du lieber die Wahrheit hören, dass Alphonsus zu besiegen ein wirklich harter Akt werden wird, der alles von der abverlangen wird?"

"Ich schätze die Wahrheit, frage mich aber, ob du den notwendigen Sachverstand in diesen Dingen hast", beantworte ich ihre Frage.

"Sagen wir es so, ich bin eine erwachsene Frau mit nützlichen Talenten, die schon einiges erlebt hat." Ihre Stimme ist ruhig und Augusta wirkt auch nicht verärgert, dass ich ihre Qualifikation anzweifle. Wahrscheinlich hat sie damit durchaus gerechnet.

"Gut, was hast du bis jetzt herausgefunden, was mir hilft, am Leben zu bleiben? Momentan bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich so richtig im Schlamassel sitze", gebe ich nun ehrlich zu.

"Die Analyse ist noch nicht abgeschlossen, aber ich kann dir jetzt schon sagen, Alphonsus Cascandor ist schneller, als ein Mensch sein dürfte."

"Dir dürfte doch sicherlich klar sein, dass er hochwertige kybernetische und bionische Implantate besitzt, die das bewerkstelligen dürfte. Auch kann er sich die besten Kampfdrogen leisten, die es auf dem Markt gibt."

"Diese Tatsachen sind mir durchaus bewusst. Und ich kann auch sagen, dass es solche Implantate in den entsprechenden Tempeln in dieser Form nicht zu kaufen gibt. Äußerlich sieht man nichts und bei diesen massiven Effekten ist das schon äußerst verdächtig. Kampfdrogen haben die Tendenz im laufe der Zeit stark an Effektivität einzubüßen. Man kann zwar eine sich entwickelnde Resistenz mit immer stärken Dosen kompensieren, aber nicht fünfundzwanzig Jahre lang. Wenn ich mir so seine Biographie anschaue, denke ich, dieser Alphonsus wurde gezielt für diese Aufgabe in einem Labor heran gezüchtet. Schon früh hat jemand ihm mitwachsende bionische Implantate von höchster Güte eingepflanzt. Diese Stärke in Verbindung mit seiner unglaublichen Geschwindigkeit lässt keinen anderen Schluss zu. Vor sechzehn Jahren ist er ein halbes Jahr von der Bildfläche verschwunden, während drei andere Schiedsmänner wichtige Kämpfe für das Haus Cascandor verloren. Ich denke, er hatte einen Herzinfarkt, weil selbst sein natürliches Herz mit dieser gewaltigen Belastung nicht länger klar kam. Wer auch immer hat ihm bestimmt ein künstliches Hochleistungsherz verpasst. Wenn man sich die Kämpfe danach ansieht, tötet er seine Gegner sofort nach dem er eine Wunde erlitten hat. Das kommt meiner Ansicht daher, dass er während dem Hochfahrens des künstlichen Herzens einen Blutverdünner dazu geben muss, um einen Hirnschlag zu vermeiden. Seit seinem Dreiunddreißigsten Lebensjahr hängt sein Mundwinkel auf der linken Seite nach unten. Das ist für mich ein Indiz für einen leichten Schlaganfall", erklärt mir sie sachlich und ich glaube ihr das auch.

"Woher weißt du soviel über Kybernetik?", stelle ich die Frage, die mir auf der Zunge brennt.

"Meine Familie hält Anteile an einem Tempel, der Kybernetik und Bioniks herstellt. Ich habe meine Apanage früher dadurch aufgebessert, in dem ich Werbung in meinem Bekanntenkreis für gewisse Implantate gemacht habe. Konnte ich einen Vertrag abschließen, bekam ich ein paar Throne extra auf meine Apanage. Deswegen habe ich ein fundiertes Wissen darüber, was möglich ist und was nicht. Und das, was wir hier sehen, ist definitiv nicht mit Ware aus einem offiziellen Tempel des Mechanicus möglich."

"Deutest du damit an, dass diese Implantate von einem abtrünnigen Techpriester, also einem Heretec stammen?"

"Würde durchaus Sinn ergeben."

"Wenn wir das dann noch beweisen können, verpetzen wir Alphonsus Cascandor an das Adeptus Mechanicus oder an die Inquisition", schlage ich zwischen Sarkasmus und Ernst schwankend. Es wäre schön, wenn das so einfach wäre. Aber wir wissen Beide, dass ein so mächtiges Adelshaus wie das der Cascandor über dem Gesetz steht. Ganz abgesehen davon, dass es auch gut möglich ist, dass diese Modifikatoren der Spezifikation des Omnissiah entsprechen. Nur weil eine Kurtisane behauptet, diese Bionics und Kybernetik die Alphonsus eingebaut hat, dass sehe ich durchaus als Fakt an, wären aus der Quelle eines Heretecs, heißt das noch lange nicht, dass die Cascandors durch gute Beziehungen legal an diese Implantate gekommen sind. Manche Häuser haben eben sehr gute Kontakte zu den entsprechenden Tempel, andere weniger. Das Haus Conari steht solchen Modifikationen eher ablehnend gegenüber, andere haben keine Scheu, sich alles mögliche einzubauen.

"Kein Grund Sarkastisch zu werden, ich versuche nur zu helfen, Flavion", rechtfertigt sich Augusta.

"Dafür bin ich dir auch ehrlich dankbar", erwidere ich bar jeder Ironie. "Aber mir war schon bewusst, dass eine solche Geschwindigkeit nicht natürlich ist. Gut, jetzt weiß ich, er hat ein künstliches Herz, bionisch verstärkte Muskeln und einen Drogenspender implantiert. Gibt es dafür Gegenmaßnahmen?"

"Künstliche Herzen sind normalerweise genau aus diesem Grund komplett gegen drahtlose Übertragungen abgesichert. Ich würde sagen, er steuert ihn über eine interne GIE, ebenso den Drogenspender, der Wahrscheinlich irgendwo unter seiner Gürtellinie angebracht ist."

"Wäre es hilfreich, wenn ich ihm in den Hintern trete?", frage ich scherzhaft und Augusta lacht auf.

"Wir sammeln erst Informationen, aber wenn wir ein Gesamtbild haben, finden wir gemeinsam auch eine Lösung", versucht mir Augusta ihre Methode zu vermitteln und mir etwas Mut zu machen. Sie kommt wieder etwas näher, ergreift die Initiative, in dem sie ihren Arm um meine Schulter legt und küsst mich kurz. Das hat durchaus etwas tröstend rührendes an sich.

"Gut, irgend eine Idee, warum Alphonsus seine Gegner an die Tür nagelt, wenn er die Möglichkeit dazu hat?", wechsele ich das Thema, nachdem wir uns gelöst haben.

"Das ist eine gute Frage. Die Tür ist gegenüber der Richterloge, darunter ist eine Statue des Imperators. Links und rechts neben der Tür stehen Statuen von Golgota Angevion und Drusus. Das ganze hat schon fast etwas von einem Blutopfer, dass er so dem Imperator bringt, ohne dass die zwei Gründer des Sektors etwas davon mitbekommen."

"Das Haus Cascandor ist relativ neu und deswegen bei den alten Familien gering angesehen. Ich könnte mir vorstellen, dass er damit seine Verachtung der alten Häuser zur Schau stellt", bringe ich mal mein Fachwissen mit ein.

"Durchaus möglich, dass ist eine durchaus schlüssige Erklärung. Was ist dir sonst noch aufgefallen?"

"Er kämpft linear. Ob das nun damit zu tun hat, dass er seine Gegner bevorzugt in Richtung Tür treibt oder weil er es so gewohnt ist, kann ich nicht sagen."

"Der berühmte Balken, entweder man hasst ihn oder liebt ihn", merkt Augusta an.

"Ich habe ihn gehasst. Einmal bin ich so unglücklich drauf gefallen, dass ich den restlichen Tag mit einer Eispackung im Schritt im Bett lag. Das hat vielleicht mal Weh getan. Meine Vasallen Kleist und Mikael kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu Sorgen."

"Ja, so zu stürzen tut verdammt weh, auch einem Mädchen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Und bei Mädchen ist der Balken immer schmaler, das tut dann richtig weh", erzählt sie mir mal was von sich, ohne das ich nach bohren muss.

"Mein Balken steht noch unten im großen Saal. Zeig mal, ob du es noch drauf hast", vordere ich sie auf.

"Klar, sehen wir mal, was du so drauf hast", foppt sie mich.

Unten im großen Saal steht an der Wand der lange Balken. Sorgfältig poliert und die vielen Macken, die er in den Jahrhunderten Dienst abbekommen hat, sind nicht alle überschliffen. Ich habe keine Ahnung, wie viele Generationen von Kindern meines Hauses hier ihre Lektion über Balance bekommen haben, aber unten sind Initialen und Jahreszahlen eingeschnitzt und die älteste ist über siebenhundert Jahre alt. Der Saal, eigentlich es eine Halle, wird von drei gewaltigen Kronleuchtern erhellt, die mit fortschrittlichen elektrischen Leuchgloben bestückt sind. Die ganzen Fenster meines Wohnbereiches zeigen auf diesen Bereich. Primär habe ich ihn immer als Traingsraum benutzt. Hier habe ich das Fechten, den Waffenlosen Nahkampf in drei Stilen und das Pistolenschießen erlernt. An einer Wand hängen unzählige Trainingsschwerter, alle sehen aus, als wären sie gerade eben gesäubert worden. Schließlich habe ich ein Mädchen, dass den ganzen Tag nichts anderes tut, als hier für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. Augusta schaut sich um und schält sich dann aus ihre Kleidung, bis sie Barfuß in dunklen Leggins und einem Spagetti Top da steht. Darin sieht die Kurtianse ziemlich Sexy aus. Mit einem roten Haarband bändigt die junge Frau ihre Mähne. Sie nimmt ein zweihändiges kurzes Krummschwert aus schwarzen Holz an sich. Mehrmals schlägt sie Probehalber damit zu. Dann wirbelt sie das Trainingsschwert locker von einer Hand in die andere, bevor sie mehrmals auf und abhüpft, wahrscheinlich um ihre Muskeln zu lockern. Das Hüpfen ihrer Brüste hat einen deutlichen Schauwert, den ich zu genießen weiß.

"Dann schauen wir mal, ob ich die Balkenkata noch drauf habe", meint sie und springt mit einem kurzen Anlauf gewandt auf den Balken. Mühelos hält sie nach der Landung die Balance.

"Ich hab mit vier angefangen, ernsthaft mit einem hölzernen Schwert zu trainieren und mein Lebenswart Caine war mein erster Fechtmeister. Mit Sechs habe ich dann zum Geburtstag mein erstes scharf geschliffenes Schwert bekommen und hatte dann einen extra Fechtlehrer. Wann hast du angefangen, zu trainieren?", frage ich sie mal aus.

"Ich mit Sechs. Eine für mich damals uralte Fechtlehrerin von dreißig Jahren war unsere Meisterin. Sie sah immer aus, als hätte sie gerade eine Ladung bitteren Sperma schlucken müssen", erzählt sie mir lächelnd und beginnt dann auf dem Balken zu wirbeln. Da sie "unsere" sagt, heißt, dass sie nicht allein trainiert hat. Ich muss gestehen, was sie da abliefert, ist überaus beeindruckend. Sie wirbelt, schlägt Rad, macht einen Salto und das alles mit einem Schwert in der Hand auf einem schmalen Balken. Und dabei sieht sie nicht nur gut aus, sondern das ganze wirkt fast schwerelos, als würde sie diese Kata noch jeden Tag üben. Die Frau kann in der Beziehung wirklich was.

"Ta da", meint sie durchaus zufrieden grinsend ihre Arme nach Beifall heischend nach oben ausstreckend, als sie die Kata beendet, bevor sie sich meinen Applaus huldvoll entgegennehmend vor mir verbeugt.

"Das war Thronverdammt gut!", zolle ich ihrer Leistung ehrlichen Respekt. Als nehme ich mein übliches Trainingsschwert aus Holz und springe auf den Balken. Mit meine ersten Erinnerungen sind auf diesem Gerät. Damals hat mich Caine noch trainiert. Ich sehe Caine, wie er mir streng, aber wohlwollend zusieht, meine Haltung hier und da leicht mit einem zärtlichen stupsen seines Stockes korrigiert und mir zeigt, wie es Richtig geht. Meine damaligen Vasallen Kleist und Mikael schauen mir zu, ebenso die dunkelhaarige Frau in ihrem zugeknöpften dunkelroten Kleid mit dem Namen Samaria, die damals für mich einfach nur Mama war. Ihr Blick voller Stolz, Liebe und Zuneigung. Das ist einer der Momente, wo mir schmerzlich bewusst wird, wie ich meine Gouvernante vermisse. Wenn ich ehrlich bin, wird sie in meinem Herzen immer meine wahre Mama sein, die mir die notwendige emotionale Wärme gegeben hat. Die neben meinem Bett saß, wenn ich einen Albtraum hatte und mich dann geduldig in den Schlaf sang. Die mich getröstet hatte, wenn ich mich verletzt oder einen Fehlschlag hatte. Die neben mir saß und mir geduldig das schreiben beibrachte.

Nakagos wirre Gedanken

Das ist ein eher ruhiges Kapitel mit ein paar Informationshäppchen. Anfangs war das Kapitel deutelich länger, hab es dann aber geteilt, weil es einfach zu lang wurde. Vielen Dank für für die Likes und Kommentare.​
 
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