„Jenes Selbstbewußtsein dringt sich nicht auf, und kommt nicht von
selbst; man muß wirklich frei handeln, und dann vom Objekt abstrahieren, und
lediglich auf sich selbst merken. Niemand kann genötigt werden, dieses zu tun,
und wenn er es auch vorgibt, kann man immer nicht wissen, ob er richtig und, wie
gefordert werde, dabei verfahre. Mit einem Worte, dieses Bewußtsein kann keinem
nachgewiesen werden; jeder muß es durch Freiheit in sich selbst hervorbringen."
Fichte, a. a. O . Bd. 1, 429
Die Line kann man mit Fichte, Schelling, Hegel und auch Marx verfolgen, Entwicklung des Selbst durch die Freiheit eigenes zu schaffen und über diese Arbeit zu sich selbst bewusst werden.
Lieber Vespeisian,
Uiui, das triggert jetzt aber den Philosophen.
😀 Bitte nicht falsch verstehen, ich fand den Post sehr süß, zumal er als Kompliment gemeint war. Aber dazu muss ich jetzt wirklich etwas sagen, auch wenn's komplett Off-Topic ist.
Ich bin kein Fan des klassischen idealismus, auch wenn ich natürlich seine historische Bedeutung anerkenne. Mein Problem mit dieser Denkrichtung ist, schon bei Kant und erst recht bei Fichte, dass sie die ganze Welt aus dem Ich-Bewusstsein heraus zu konstruieren versucht. Demgegenüber bin ich knallharter Materialist und glaube, dass das Bewusstsein lediglich ein
Organ ist und - wie andere Organe auch - der Bewältigung von Problemen in der Außenwelt, also letztlich dem Überleben dient. Das heißt: Wo die Idealisten das Ich als etwas Primäres und Unableitbares voraussetzen, ist es für mich etwas Abgeleitetes, Sekundäres; ein "Derivat" der Evolution. Es würde kein Bewusstsein entstehen, wenn nicht immer schon eine objektiv existierende Außenwelt da wäre, die den Bedürfnissen der Lebewesen Widerstände entgegensetzt und sie zur Entwicklung von Bewältigungsstrategien nötigt, wobei das Bewusstsein lediglich
eine von vielen solcher Strategien ist. Insofern wäre ich näher bei Marx in dem Sinne, dass das Sein das Bewusstsein schafft.
Speziell mit dem Begriff der
Freiheit bei Kant und Fichte habe ich erhebliche Probleme. Beide setzen die Freiheit letztlich als Postulat und als etwas Primäres, nicht weiter Erklärungsbedürftiges voraus. Bei Kant ist Freiheit
"die Unabhängigkeit der Willkür von der Nötigung durch Antriebe der Sinnlichkeit" (KdrV AA 534), aber er gibt selbst an anderer Stelle zu, dass gar keine empirische Sicherheit über die Existenz einer solchen Freiheit besteht. Sie existiert nur in der "intelligiblen" Welt, und das heißt im Grunde: Nicht in der erfahrbaren Wirklichkeit. Fichte wiederum identifiziert zwar die Freiheit mit der
Tat, was sehr modern ist und bis zu Sartre vorausweist, aber auch er hält einen empirischen Nachweis für unnötig. Da liegt für mich die Schwierigkeit, denn ich würde empirisch zunächst einmal immer von der
Unfreiheit ausgehen (ähnlich wie Hegel, der Freiheit als "
erkannte Notwendigkeit" beschreibt; Werke Bd 8, 348). Zunächst einmal ist niemand wirklich frei. Vollkommene Freiheit wäre ein Willensakt ohne Motiv, also das Gleiche wie eine Wirkung ohne Ursache (womit ich Schopenhauer recht gebe). Tatsächlich aber formt sich der Wille aus einem komplexen Motivgeflecht, in dem sich innere (Genetik, Struktur des Nervensystems, Lebenserfahrung, Psychologie) und äußere (natürliche und gesellschaftliche) Bedingungen zu einem undurchschaubaren Konglomerat verdichten, das dem Bewusstsein gar nicht zugänglich ist. Einen wirklich "freien" (im Sinne von: unbedingten) Willen kann es daher meines Erachtens nicht geben. Vielmehr würde ich an dieser Stelle den Ausspruch Pascals gelten lassen, dass es "
Gründe des Herzens [gibt], die der Verstand nicht kennt", oder vielleicht noch besser von Thomas Mann: "
Unsere Wünsche und Unternehmungen gehen aus gewissen Bedürfnissen unserer Nerven hervor, die mit Worten schwer zu beschreiben sind".
Das kann ich ohne weiteres auch auf mein Gebastel anwenden. Auch das mache ich letztlich nicht aus "Freiheit". Es ist eine Form der Selbst-Therapie, mit der ich meinen schwachen Dopamin-Spiegel pushe - was ich daran erkennen kann, dass ich jedes Mal nach dem Abschluss eines größeren Geländestücks in eine depressive Phase abrutsche. Dennoch kann ich dir in einem abstrakteren Sinn recht geben, insofern Kunst in gewissem Sinn immer ein Ort der "Freiheit" ist. Warum? Weil in ihr andere Gesetze gelten als in Natur und Gesellschaft (also der "zweiten" Natur im Sinne Hegels). Der Sinn künstlerischen Schaffens besteht darin, etwas herzustellen, das weder den Zwängen des Überlebens (=Natur) noch denen des Marktes (=Gesellschaft) gehorcht, sondern seinen Sinn in sich selbst hat. Das ist die künstlerische Freiheit. Dennoch ist die Tätigkeit als solche niemals frei, denn der Wunsch nach künstlerischer Betätigung - meines Erachtens zu unrecht als "Eskapismus" gescholten - speist sich letztlich aus dem Leiden an den Zwängen, die uns von Natur und Gesellschaft auferlegt werden. Keine Gegenwelt wäre nötig, wenn in der realen Welt sich wirklich leben ließe - und wenn das jetzt nach Adorno klingt, dann ist das kein Zufall.
😉
Lieben Dank für deinen großartigen Post.
😀
@Moderation: Wenn ihr das löschen wollt, weil es klar Offtopic ist, respektiere ich das natürlich.