Der Bruch des Schleiers
Die Schatten von Caer Thryng lagen längst hinter ihm, doch das Licht, das Elizar dort berührt hatte, brannte wie eine Narbe in seinem Geist. Als er zurückkehrte in die Hallen seines Vaters, König Elior, da wusste er nicht, was ihn erwarten würde. Doch der Empfang war keine Umarmung, kein willkommener Blick – es war Eisen.
Eiserne Ketten rasten über seine mageren Arme, als die Palastwächter auf ihn zustürmten. Ihre Stimmen klangen wie grollende Trompeten, doch Elizar hörte nur das Flüstern der Wahrheit in seinem Inneren. Widerstandslos ließ er sich niederzwingen. Der Hunger nagte an ihm, doch er hielt ihn zurück – gerade noch.
„Verräter! Ketzer!“ brüllte König Elior von seinem fauligen Thron aus, Speichel schäumte in seinen fahlen Mundwinkeln. „Du hast dich der Wahrheit entzogen! Du hast das Licht berührt, das uns verbrennt!“
Die Höflinge, in Lumpen gehüllte Kannibalen mit vergilbten Kronen und gierigen Augen, kreischten zustimmend. Ihre Stimmen vermischten sich zu einem Chor aus Irrsinn.
„In den Kerker mit ihm!“
Elizar wurde gestoßen, getreten, hinab in die modrigen Tiefen unter dem Palast – das Gewölbe, in dem einst die ‘Feinde des Hofes’ gelagert wurden. Jetzt roch es nach alter Galle, nach Blut und gebrochenem Willen.
Dort saß er. Allein. Stunden? Tage?
Bis der Schatten Wisals kam.
Der General der Ossiarch Bonereaper trat aus der Dunkelheit, als sei er schon immer dort gewesen. Seine leeren Augenhöhlen starrten Elizar an, durchdrangen ihn.
„Ich habe ihm geholfen, zu sehen, was er sehen sollte,“ sagte Wisal ruhig. „Ein wenig Nekromantie, ein Schimmer alter Magie – und der große König sieht in seinem Sohn einen Dämon. Ironisch, nicht wahr?“
Elizar rang mit dem Zorn. „Warum?“
„Weil du zu nah an die Wahrheit gekommen bist. Und Wahrheit ist eine Waffe, die schwer zu kontrollieren ist. Deine Rebellion ist gefährlich – nicht wegen eurer Klingen. Sondern wegen deiner Klarheit.“
„Ich werde dich vernichten,“ flüsterte Elizar, doch selbst seine Stimme war müde.
Wisal neigte den Kopf. „Vielleicht. Aber nicht heute.“
Dann war er fort, wie Nebel, der sich auflöst.
Und kurz darauf – kam der Lärm.
Ein Schrei, dann das Grollen eines Aufpralls. Metall traf auf Metall. Elizar roch den beißenden Gestank brennender Talgkerzen und hörte den Hall von Klingen. Dann, durch die Gitterstäbe, stürmte ein Mann – Goril, sein treuester Begleiter aus den alten Tagen. Doch jetzt waren seine Augen klarer, seine Bewegungen zögerlicher.
„Majestät!“ rief Goril. „Wir haben nicht viel Zeit!“
Die Tür sprang auf. Elizar taumelte heraus, sein Körper geschwächt, doch sein Wille war eine Flamme.
Gemeinsam kämpften sie sich durch die verrotteten Korridore des Palasts. Die Ghule in ihren phantastischen Rüstungen – Reste von Spielzeugrüstung, Tierknochen, Gold aus Gräbern – stürzten sich auf sie mit kreischender Wut. Doch Elizars Klinge war präzise, seine Schläge durchdrungen von bitterer Klarheit. Er wusste, wo zu schneiden war, um das Fleisch schnell zum Schweigen zu bringen.
Goril brüllte, während er einem Feind den Unterkiefer abschlug. Ragna, die ehemalige Hofköchin, wirbelte mit einem Hackbeil durch die Reihen, ihre Schläge wild, doch wirkungsvoll. Einer der Rebellen zündete mit gestohlenem Hexenfeuer eine ganze Galerie an – die Flammen leckten über die Wandteppiche aus Haut, und der Schrei der Wahnsinnigen darin mischte sich mit dem Echo der einst so majestätischen Halle.
Blut spritzte. Knochen krachten. Und Stück für Stück bahnten sie sich den Weg durch das Chaos, während über ihnen der König tobte und brüllte, bis seine Stimme zu einem Tierlaut wurde.
Endlich – draußen. Der bleiche Mond über Sorrowmere warf sein kaltes Licht auf die Rebellen, die sich keuchend und blutbedeckt in einer alten Krypta sammelten, weit entfernt vom Hofe.
Sie waren sicher. Vorerst.
Elizar stand mit geschlossenen Augen, die Klinge noch blutgetränkt in der Hand. Um ihn herum – Stille. Doch nicht jene, die von Frieden zeugt.
„Etwas… ist anders,“ murmelte Ragna. Ihre Stimme zitterte.
Goril starrte auf seine Hände. „Was… ist das?“
Elizar drehte sich langsam zu ihnen. Seine Augen – klarsichtig, hart wie Stein – blickten in ihre Seelen. Und es war, als ob ein Schleier zerfiel. Einer nach dem anderen begannen sie zu zittern.
„Warum… rieche ich das Fleisch an deiner Haut?“ stieß Goril hervor, seine Stimme zerbrach. „Warum… habe ich den Knochensplitter in meinen Zähnen…?!“
„Weil ihr keine Ritter seid,“ sagte Elizar leise. „Ihr seid Ghule. Wahnsinnige, fleischverzehrende Kreaturen, gebunden an ein Märchen. Und jetzt – seht ihr es.“
Die Erkenntnis traf wie ein Meteorit. Gesichter verzogen sich zu Grimassen des Grauens. Hände tasteten über Körper, fanden Wunden, Reste von Fleisch, noch warm. Einer der Männer – Maleth, ein junger Ghul, kaum drei Jahre im Dienste Elizars – fiel auf die Knie und kratzte sich das Gesicht auf.
„Ich kann das nicht… ich kann das nicht…!“
Ragna schrie. „WIR WAREN EDEL! WIR WAREN REIN!“
„Nein,“ flüsterte Elizar. „Wir waren nie mehr als Schatten mit Hunger.“
Maleth zog einen rostigen Dolch aus seinem Gürtel. Ein letztes, winselndes Gebet an einen nicht existenten Gott – dann ein Schnitt. Der Körper zuckte, sackte in sich zusammen. Ein anderer folgte ihm. Dann noch einer.
Goril starrte Elizar an, Tränen in den Augen. „Was hast du getan…?“
„Ich habe euch gezeigt, was ich gesehen habe.“
Stille. Nur noch das Knacken des Feuers und das Schluchzen der wenigen, die überlebten.
Elizar stand zwischen ihnen – nicht mehr ihr Prinz, nicht mehr ihr Erlöser. Sondern ein Wanderer auf einem Weg ohne Karte, ohne Ziel. Nur mit einer Wahrheit, die schnitt wie ein Schwert.
Die Rebellion war nicht gestorben. Aber sie war gebrochen – neu geboren in Schmerz und Klarheit.
Elizar hob den Blick zum Himmel.
„Wenn das Licht uns verbrennt… dann soll es mich ganz verzehren. Aber ich werde hindurchgehen. Und jenseits der Flamme – werde ich sein, was ich wirklich bin.“
Die Nacht schwieg. Doch irgendwo, in der Ferne, begann etwas zu erwachen.