Hallo, hier ein neues Projekt von mir für euch zu lesen: Eine Novelle über die Zehnte Kompanie (Scout-Kompanie) der Space Marines der Amber Lions. Ich habe bewusst nur den ersten Akt eingestellt - Ich würde mich, wie gehabt, über euer Feedback freuen.
Das Blut der Zehnten
Prolog
Der Blick hätte ihn erfreuen sollen, doch durch den Schwindel aus Blut und Schmerz verschwamm die kunstvoll bemalte Sandsteinkuppel über ihm zu verwaschenem Beige. Diese Farbe mochte er dennoch – sie erinnerte ihn an seine Heimatwelt.
Kurz sah er die Sonne durch die zerbrochenen Fenster noch ihre Strahlen herab werfen und goldenes Licht spenden, doch der Moment verging. Etwas Dunkles hob sich über ihn. Askar sah die Klaue kommen, aber er fürchtete sie nicht – er fürchtete Garnichts mehr.
„Ich zaleg‘ dich, Schnabl!“, brüllte Boss Greifafinga triumphierend, während er seine Energieklaue auf seinen Gegner niederfahren ließ.
Der Boss hatte ein Rudel seiner Ork-Boys um sich versammelt und sie schlugen sich brüllend und johlend auf die Brust – oder einfach auf den Nebenmann. Ihr Gegröle hallte durch die verwüstete Halle.
Greifafinga hatte mit seinen Kriegern eine kleine Gruppe der Space Marines in die Enge treiben und schließlich überwältigen können, auch wenn es ihn einen ganzen Haufen Boys und zwei Killa-Bots gekostet hatte. Doch das war es wert, denn die Schnabels waren zäh und sie zu zerquetschen war ruhmreich, denn die gerüsteten Menschen lieferten stets einen guten Kampf, auch wenn sich diese hier scheinbar davonstehlen wollten.
Doch nicht mit Greifafinga – seine Mannschaft hatte die Space Marines quer durch die ganze Stadt gejagt und sogar ihren sinnlosen Panzer umgeworfen. Danach hatten sie die Weichlinge in den Gebäudekomplex gedrängt und hier besiegt. Schließlich besiegte ein Boss wie er immer alles. Und von den Schnabels, deren Kadaver um ihn herum lagen, würden sicher ein paar schöne Trophäen abfallen, auch wenn seine Boys die meisten getötet hatten, aber das wusste ja keiner. Ein gerissener Boss machte schließlich die Drecksarbeit nicht selbst - Den letzten, der noch stand, hatte er sich aber aufgehoben.
Er lachte laut und hart und Handteller-große klumpen Speichel regneten aus seiner aufgerissenen Schnauze. Er war ein Monster von Ork und in seiner Kamfpanzerung beinahe doppelt so groß wie der hellblaue Schnabel, aber der war dafür flink gewesen. Hatte versucht, ihn mit seinem Messer zu pieken.
Gerade deshalb lachte er, denn er hatte es zugelassen.
Danach hatte er dem Schnabel mit seiner Energieklaue erst einen Arm und dann ein Bein abgezwickt. Immer noch hatte der sich gewehrt – also hatte er ihm den anderen Arm auch noch abgerissen.
Greifafinga hatte das Energiefeld seiner Klaue deaktiviert und ließ sie nun zum wiederholten Mal auf den Torso des Space Marines fallen. Jedes Mal, wenn er das tat, schoss ein schwall Blut aus den Armstümpfen des Schnabels und jedes Mal bewegte er sich danach ein bisschen weniger.
Dafür grölten seine Jungs immer lauter.
Mit schwerem „Klonk“ traf das Gewicht der groben Klaue den Brustpanzer des Space Marine, der hilflos in einem See aus seinem Blut lag.
„Haste genug, blauer Mensch?“, fragte der Ork-Boss hämisch und ließ das Gewicht der Klaue einen Moment auf der Brust seines Opfers liegen.
Der schwerverwundete Space Marine aber sagte nichts und knurrte ihm nur trotzig ins Gesicht.
Greifafinga zog die fleischigen Mundwinkel nach hinten und bleckte die fingerlangen gelben Zähne hinter den Stahlkiefern seiner Rüstung. „Gut – Ich auch nich‘.“
„Ja Boss, zaquetsch‘ da Schnabl!“ grölte Ogratz, ein vorschneller Ork aus Greifafingas Gefolge.
Der Boss hörte sofort auf zu grinsen.
Die schwere Klaue, die seinen rechten Arm bildete, und selbst ohne Kraftfeld eine mörderisch starke Waffe und so schwer wie ein halber Ork war, schnellte vor.
„Sag‘ mia nich‘ wat ich zu tun hab‘, du Grot!“, brüllte der Boss und Ogratz‘ Gesicht verschwand zwischen den Zangen-artigen Greifgliedern der Klaue.
Ogratz strampelte und hieb mit seiner Axt zu, doch Greifafinga warf den stämmigen Ork von sich als wöge er nichts.
„Ich bin da Boss hier, vagesst‘ dat nich‘!“, rief er und schleuderte Ogratz durch die Reihen seiner Boys, die lachten und mit ihren Waffen auf den Boden schlugen, um zu applaudieren und ihren vorlauten Gefährten zu verspotten.
Ogratz landete, benommen, den Schädel gebrochen und halb zerdrückt, ein paar Meter weiter auf dem verdreckten Boden der Halle. Der Ork drehte sich ächzend auf den Rücken und murmelte etwas, als sich sein verschwommener Blick klarte und er etwas Unförmiges, Kantiges sah, das näher zu kommen schien, weil es irgendwie ziemlich schnell dunkel wurde.
Mit einem schmatzenden Geräusch verschwand sein zerdrücktes Gesicht unter einem rechteckigen Eisenklotz – dem Fuß eines Killabots.
Eine Woge des Jubels ging durch die versammelten Orks und sie feierten ihren Boss.
Aber Greifafinga war noch nicht fertig.
Er hob seine Klaue hoch über seinen Kopf und wandte sich herum, sodass alle seine Boys ihn sehen konnten – In der Klaue hielt er den Askars verstümmelten Körper.
Schwach und kraftlos hing der Krieger in Greifafingas Griff, wie eine Puppe, der man Arme und ein Bein ausgerissen hatte.
Er starb, begleitet vom Jubelgerufe und Applaus der Grünhäute.
„So - Wat sin‘ wa, Jungz?“, rief der Boss Beifall haschend, während sich sein stacheliger Panzer rot färbte vom herabtropfenden Blut des Space Marine.
„Wir sin‘ da Orks!“, brüllten seine Boys und ihr Schlagen mit den Waffen und Stiefeln auf den Boden schwoll zu einem Donnern an. Selbst die beiden Killabots, die die Mannschaft begleiteten und deren blecherne Silhouetten aus dem Pulk herausragten, hoben ihre Waffenarme mit den Knarren, Sägen und Zangen und schepperten voll hasserfüllter Freude.
Greifafingas fieses Lächeln kehrte zurück in sein mit Blut besudeltes Gesicht.
„Genau.“
Mit einem Geräusch, als würde eine Blechschere durch Kupfer fahren, schloss sich die Energieklaue.
Askars Körperhälften vielen vor und hinter Boss Greifafinga zu Boden, doch das Scheppern hörte man gar nicht – vielmehr bebte die gesamte Halle unter dem Brüllen und Stampfen hunderter Orks, die Trophäen wie erbeutete Helme und Rüstungsteile in die Höhe warfen, oder einfach in die Luft schossen.
Greifafinga hielt die mit Blut und Gedärmen besudelte Klaue hoch in die Luft der halb zerstörten Kirche des Imperators, und dann auf einmal spürte er es, das, nach dem er sich so sehnte. Er hatte solange darauf hin gearbeitet, hatte so sehr dafür gekämpft – jetzt war er an seinem Ziel.
Durch die geborstenen, zerschossenen Buntglasfenster zog heißer Wind, doch der war es nicht, der die angesengten Banner der Menschen-Gläubigen wehen ließ.
Es war Macht.
Es war das Wohlwollen von Gork und Mork persönlich.
Die Luft flirrte und im Rausch der immer lauter werdenden Klänge des Kampfes und der Gewalt, stieg Wahn in Greifafingas wild geäderte Augen.
Er holte Luft, sog die Energie förmlich in sich auf, bis seine riesigen Lungen prall gefüllt waren.
Dann, als hätten die finsteren Götter der Orks nur auf diesen Moment gewartet, rissen die schwirrenden Energien eines der imperialen Banner von den Deckenhaltern und unter dem zu Boden wehenden Sinnbild des Imperiums übertönte Greifafingers Schlachtruf das Tosen der gesamten Horde:
„Waaaaaaaaaaaaaaaagh!“
Das Hämmern und Dröhnen schwoll reflexartig zu einem ohrenbetäubenden Crescendo an und alle Grünhäute in der Umgebung hörten und spürten es zugleich, wie die Energien ihrer finsteren Götter in ihren Körpern pulsierten.
Beinahe augenblicklich vielen sie ein und Greifafinga hatte seine Bestätigung.
Es war soweit.
Nach all der Anstrengung kam nun seine große Stunde.
Der Lärm war so gewaltig, dass die Luft in der entweihten ekklesiarchischen Kirche zu zittern begann. Weitere Scherben lösten sich aus den zerschossenen und zerbrochenen Buntglasfenstern und klirrten wie ein gestorbener Regenbogen auf das zertrampelte Pflaster um die Kirche, wo sich marodierende Horden von Orks grölend durch die Straßen bewegten, letzte Barrikaden der PVS überwältigten oder ziellos schießend und lachend versprengte Zivilisten vor sich her trieben, die das Ministratum nicht mehr hatte evakuieren können.
Die Flut des Lärms breitete sich einer Welle gleich durch die verdreckten, mit Einschlagskratern übersäten Straßen aus und erreichte sogar die große Meerwasser-Raffinerie am Hafen der sandigen Wüstenstadt. Jeder einzelne Ork in Dogos End spürte, dass etwas Großes geschah.
Und Kardi spürte es auch.
„Imperator, steh uns bei“, murmelte er und kniff grimmig das gesunde Auge zusammen. Mit dem anderen, einer rot-leuchtenden Scooper-Bionik, fokussierte er den weit entfernten Punkt, den er angestrengt beobachtete.
Ein Kratzen in seinem Kom scharrte wiederholt in seinem Kopf und er nahm den Funkspruch widerwillig an, da er nicht riskieren wollte, laut zu sein. Sein Chamäleon-Umhang und die überraschende Gabe, sich als bulliger Krieger in leichter Astartes-Rüstung quasi unsichtbar zu machen, wurden die letzten Stunden genug auf die Probe gestellt.
Seit er und sein Späh-Team auf dem Gelände der Raffinerie abgesetzt worden waren, wurden es alle paar Augenblicke mehr von den Grünhäuten. Jetzt gerade lag er auf dem Mittleren dreier Abluftrohre, bäuchlings und im Schatten des darüber liegenden Salz-Silos.
Das Dach der riesigen Hafen-Fabrik, deren unförmiger Leib und die von ihr abgehenden Hauptpipelines den Eindruck erweckten, ein Seeungeheuer käme aus dem Meer und wolle die Stadt verschlingen, stellte den höchsten Punkt der Ansiedlung dar. Darüber hinaus boten Schlote und Rohre unzählige Versteckmöglichkeiten.
Die drei Scouts konnten sich dennoch nur mit Mühe auf dem Dach halten, bereits zweimal hatten Orks sie entdeckt, Lorin war bereits verwundet. Sie würden sich sehr bald aus der Stadt zurückziehen müssen.
„Bevor du fragst“, flüsterte Kardi fast lautlos ins Kom und unterbrach damit den Gesprächspartner gleich zur Begrüßung. „Die Mission ist nicht erfüllt – Der Bischof ist tot, das Dogonische Tarot zertrampelt unter Orkstiefeln.“
„Wo ist der Trupp von Sergeant Lorint?“, kratzte es im Kom.
„So tot wie der Bischof, Bruder“, antwortete Kardi bitter.
„Du solltest dich melden, beim Thron!“, ertönte die Stimme zur Antwort in seinem Ohr, für seine Umgebung unhörbar. „Was ist mit deinem Ziel? Exekutiert?“
Kardi blinzelte einen Herzschlag lang, dann konzentrierte er sich noch einmal. Er hatte alles ein Dutzend Mal genau berechnet, seine verbesserten Organe und die Hightech, die ihm als erfahrenem Scout der Amber Lions bereits zur Verfügung standen, arbeiteten auf Hochtouren. Er hatte alles bedacht und mehrfach überprüft, den Wind, den Luftdruck, die über der Stadt kreisenden, umherschießenden Ork-Flieger, jeden einzelnen der Dreitausendsiebenhundertsechsundzwanzig Meter, die sein Ziel laut seiner Bionik von ihm entfernt war. Es hätte nur eine Bewegung seines Fingers gebraucht. Nur einen kurzen Ruck. Die panzerbrechende Titamit-Munition, die sein Langstreckengewehr aus seinem lautlos gedämpften Schlund verschoss, hätte Greifafingas Kopf zerlegt, so dick der Schädelknochen auch sein mochte.
Zuhause, in den Steppen Shimbas, galt Kardi als einer der besten Jagdschützen seiner Einheit. Doch das Glück war ihm heute nicht hold gewesen - Und jetzt war es zu spät, das wusste er instinktiv.
„Negativ“, zischte er, durch zusammengebissene Zähne.
Seine Beute war schnell unterwegs gewesen, an vielen Stellen seines Körpers selbst für die Munition seines Gewehrs zu dick gepanzert und irgendwie hatte es der hässliche Ork die letzten zwei Stunden immer geschafft, das verwundbare Gesicht hinter Häusern, Bäumen, Fahrzeugen oder einfach seinem schweren Rückenpanzer zu verbergen. Die nun um ihn pulsierende Energie ließ die Luft flirren, machte das Ziel unscharf, konnte vielleicht sogar die Flugbahn geringfügig ändern... Und Kardi wusste, ein Fehlschuss, und der ungeschlachte Ork würde untertauchen. Seine Position wäre zudem verraten.
„Präzisieren!“, verlangte die Stimme im Kom.
„Ziel nicht erreichbar“, fügte der Scout gereizt und möglichst lautlos hinzu, da er schon wieder Kampflärm und Orks schräg unter seiner Position hörte.
„Kein freies Schussfeld, keine guten Bedingungen. Es schien die ganze Zeit, als würde etwas dieses Monster schützen – Und ich hatte recht.“
„Womit hattest du recht?“, fragte es in seinem Kom, den enttäuschten Unterton unter Grimmigkeit nur halb verborgen.
„Etwas hat diesen Ork beschützt“, flüsterte Kardi weiter. „Und jetzt brauchen wir Hilfe.“
„Wie ist der Status deines Teams?“, bekam er zur Antwort.
„Thron verdammt, ich rede von San Dogo, Bralan!“, zischte der Scout, lauter als beabsichtigt.
Der Lärm der randalierenden Orks kam näher und ein gedämpfter Ping auf seinem verdunkelten Auspex signalisierte geräuschlos, dass Lorin oder Zartel, seine Rückendeckung, erneut zu Kampfhandlungen gezwungen waren.
„Präzisieren“, verlangte Bralans Stimme barsch.
Das Auspex signalisierte mehr Pings, einige die sich seiner Position nun deutlich näherten. Kardi ließ die Zielsuchung nach einem allerletzten Blick fallen. Seine okulare Bionik vom Zielfernrohr nehmend, formulierte er seine letzte Antwort, bevor er seinen Posten verlassen und fliehen würde müssen.
„Greifafinga ist mächtig geworden. Er hat die Grünhäute lange und weit genug geführt – Er hat den Ruf gebrüllt.“
„Den Ruf, Scout?“, fragte die Stimme.
„Ja“, bestätigte Kardi und starrte grimmig über die Stadt, die die Orks unter ihren Stiefeln zertrampelt hatten. „Ein Waaagh! Ist geboren.“
Kapitel 1: Der Schatten des Waaagh!
Voller Missfallen ballte Mangar die in tiefblaues Ceramit gehüllte Faust.
„Ich sagte bereits, dass ich es nicht beschleunigen kann“, bekräftigte er erneut. „Und selbst wenn es schneller ginge, wäre das Ergebnis womöglich umso verzerrter.“
„Dennoch könntet Ihr es zumindest erneut versuchen, Bruder“, hielt Sardahn seufzend dagegen.
Der Scout-Sergeant war – für einen Astartes – ein diplomatisches Genie, doch an dem so leidenschaftlich pessimistischen Skriptor würde er sich, imperatorweis, eines Tages noch die Löwenzähne ausbeißen.
„Ich möchte mir nicht anmaßen, über den Warp oder Euch zu urteilen, edler Skriptor“, setzte Sardahn wiederholt an und begann, den ovalen Taktiktisch zu umrunden, während die Holo-Projektionen zwischen ihnen lautlos ihre Bahnen zogen.
„Aber jede Anstrengung, die wir noch unternehmen können, sollte den Versuch wert sein. Ein Bodeneinsatz wäre jederzeit möglich und wir brauchen Eure Kampfkraft - San Dogo braucht sie. Wenn Ihr aber erst dort unten seid, könnt Ihr vielleicht überhaupt keine Nachrichten mehr versenden.“
Mangar verschränkte langsam die Arme. Der harte, unfreundliche Blick des alten Librarians bekam etwas Nachdenkliches, während er einen langen Augenblick auf die schwebenden Holo-Anzeigen starrte. Dennoch wirkte es auf Sardahn nicht, als betrachte der Psioniker tatsächlich die Darstellung des Schlachtfeldes. Vielmehr schien sein Blick durch die flimmernden Projektionen hindurch zu gleiten, als sähe er etwas, das keinem anderen auf dieser Brücke zugänglich war.
„Meister Mangar, bitte ...“, versuchte es Sardahn erneut. „Bedenkt – Ihr ward es, der uns hier her geführt hat, Eure Träume... Wer immer sie Euch sandte, wollte vielleicht, dass wir alles unternehmen, was möglich scheint, um diese Welt zu retten.“
Ein müdes, vollkommen freudloses Lächeln legte sich für einen Augenblick auf die alten Mundwinkel des Skriptors. Entfremdet blickte er auf den Sergeant herab.
Mangar war bedeutend älter. In seiner vollwertigen Servorüstung mit der mächtigen Psi-Haube und dem schweren Flechtwerk auf den Schulterpanzern war er gut einen Kopf größer als der untersetzte Scout-Anführer in seiner leichten Späh-Rüstung und strahlte eine unfreundliche, aber greifbare Erhabenheit aus. Dabei war auch Sardahn weit mehr als ein einfacher Scout.
Hauptmann Loigor persönlich hatte ihn nach seiner Erhebung zum vollwertigen Schlachtenbruder in der Zehnten Kompanie behalten und ihm das Kommando über einen größeren Entsatz-Trupp angeboten. Loigor hatte damals gesagt, er wolle keinen guten Marine verlieren, nur weil dieser noch besser geworden war.
Sardahn hatte die Ehre ebenso bescheiden angenommen wie die Verantwortung.
Jetzt, viele Jahre später, zeigte sich Loigors Weitsicht - Sardahn führte mittlerweile nicht nur einen taktischen Scout-Trupp, sondern bereits mehrfach erfolgreich ganze Kampfverbände. Darüber hinaus koordinierte er auch die Jagdgleiter- und Aufklärungspanzerstaffeln der Zehnten Kompanie im Feld. Faktisch machte ihn das trotz Mangar’s Rang zum amtierenden Befehlshaber sämtlicher Amber-Lions-Streitkräfte im San-Dogo-System.
Und genau darin lag ihr akutestes Problem - Sie waren zu wenige hier.
„Du denkst, wir werden San Dogo nicht halten können?“, fragte Mangar unvermittelt.
Sardahn blieb stehen.
Er hasste es, wenn der alte Skriptor das tat. Nicht etwa, weil er Gedanken lesen konnte – vielmehr deshalb, weil der Librarian dafür seine psionischen Fähigkeiten gar nicht gebraucht hätte. Sardahn wusste selbst, dass ihm diese Sorge mittlerweile ins Gesicht geschrieben stand.
„Ich denke, unsere Probleme dort unten sind noch einmal größer geworden“, erwiderte er schließlich und deutete auf die Holo-Darstellung des Systems.
San Dogo schwebte als blau schimmernde Kugel über dem Taktiktisch. Rings um den Planeten bewegten sich zahllose taktische Runen in langsamen, beinahe gemächlichen Bahnen. Für einen Außenstehenden mochte die Darstellung friedlich wirken, fast als beobachte man den lautlosen Tanz ferner Gestirne.
Sardahn wusste es besser.
Jede verblassende imperiale Rune stand für ein Schiff, das brannte oder bereits dem kalten Vakuum anheimgefallen war. Mit jeder neuen grünen Signatur erreichten weitere Orks das System, und mit jedem Kilometer Orbit, den das Imperium verlor, schwand zugleich die Möglichkeit, den Kampf auf San Dogo wirksam zu beeinflussen.
Während Sardahn auf die Holo-Projektion blickte, vibrierte die Brücke der Tegans Rest kaum merklich unter seinen Stiefeln. Tief im Leib der alten Fregatte entluden die Makrobatterien erneut ihre gewaltigen Salven, deren dumpfes Grollen selbst durch meterdicke Deckplatten und Ceramit hindurch bis auf die Kommandobrücke drang. Für einen kurzen Augenblick flackerten einige der Holo-Projektionen, ehe sich ihre Konturen wieder beruhigten.
Der Krieg tobte längst um sie herum; die Karten über dem Taktiktisch zeigten Sardahn lediglich das geordnete Abbild eines Chaos, das draußen zwischen den Sternen bereits Wirklichkeit geworden war.
„So wie unsere Probleme hier oben stetig größer werden“, ergänzte Mangar ungefragt.
Der Sergeant wollte antworten, doch der kratzige, in Worten gesprochene Kampfbefehl Techmarine Tobames lenkte Sardahn für einen Augenblick vom missmutigen Skriptor ab.
Stoisch stand der rot gepanzerte Tech-Kapitän an seiner General-Konsole inmitten der größtenteils volltechnisierten Kommandobrücke.
Space Marine-Schiffe konnten mit einem Bruchteil der lebenden Besatzungsmitglieder kämpfen, die ein imperialer Kreuzer gebraucht hätte. Ganz ohne menschliche Offiziere kam jedoch selbst ein Techmarine nicht aus – eine Tatsache, die Tobame innerlich ebenso missfiel wie das gesprochene Wort, auf das er sich ihretwegen immer wieder einlassen musste. Das wusste Sardahn und er hörte es auch in der Stimme seines Bruders vom Mars.
Warnsirenen schwollen an und tauchten die Brücke in pulsierendes Rot, während sich die Beleuchtung merklich abschwächte. Tief im Inneren der Tegans Rest lenkte der Maschinengeist gewaltige Energieströme um, speiste die Deflektorschilde und entzog dafür weniger wichtigen Systemen ihre Kraft. Ein dumpfes Zittern ging durch den Rumpf der Fregatte, als ihre Makrobatterien erneut das Feuer eröffneten.
„Ein Kräscha-Kreuza nähert sich“, stellte Mangar mit jener eigentümlichen Ruhe fest, als spräche er nicht über ein heranstürmendes Kriegsschiff der Orks, sondern über einen Wetterumschwung.
Sardahn folgte seinem Blick.
Auf der Holo-Darstellung löste sich das schimmernde Symbol eines orkischen Schiffes aus einem unübersichtlichen Pulk zahlloser Signaturen und nahm direkten Kurs auf die Position der Tegans Rest.
Die Darstellung war kaum länger als ein Finger und wirkte winzig neben der kreisrunden Welt San Dogo, doch selbst in dieser Miniatur glaubte Sardahn, den wahnsinnigen Charakter der Grünhäute erkennen zu können.
Das Schiff mochte einst der Rumpf eines imperialen Kreuzers gewesen sein. Heute bestand es hauptsächlich aus einem grotesken Gebilde aus übereinandergenieteten Panzerplatten, absurd überdimensionierten Geschütztürmen, Stacheln, Schrott und einer schier beleidigenden Menge roter und schwarzer Farbe. Es wirkte weniger wie ein Raumschiff als wie die Verkörperung orkischen Irrsinns.
Sardahns Blick verfinsterte sich.
„Wie lange können wir unsere gegenwärtige Position noch halten, Bruder-Kapitän?“, fragte er und strich sich nachdenklich mit den Fingern über das Kinn.
Tobame hob den Blick nicht einmal von seiner Konsole.
„Bis zum Eintreffen.“
Nicht mehr - Nicht weniger.
Eine Zeitangabe war für den wortkargen Techmarine überflüssig. Sardahn verstand dennoch sofort.
Leise mahlte der Scout-Sergeant mit den Kiefern. Im Gegensatz zum schwermütigen Mangar arbeitete Tobame ausschließlich mit Zahlen, Berechnungen und Tatsachen. Ausgerechnet diese nüchterne Präzision machte seine Antwort jedoch kaum erträglicher.
Der Kräscha-Kreuza raste mit höchster Geschwindigkeit auf sie zu, um genau das zu tun, wofür ein solches Schiff gebaut worden war: den Gegner durch schiere Masse und Gewalt zu vernichten.
Mehr oder weniger alle imperialen Schiffe des Systems waren mittlerweile in immer wieder aufflammende Gefechte verwickelt. Von den drei kleineren Begleitschiffen der Astartes-Flottille waren nur noch zwei übrig geblieben – die Hyena's Eye und die Wind of Levos. Die Trümmer des Spähschiffes Dromedia wurden bereits von Träsh-Booten der Orks umkreist, die das Wrack ausschlachteten, noch während seine Überreste durch die Leere trieben. Die beiden anderen hatte er aufgrund der verzweifelten Lage fortschicken müssen, um außerhalb der Warp-Turbulenzen, die die Geburt des Waaagh auslöste, astrophatisch Hilfe zu holen. Warp-Fahrt war im Bereich des Systems extrem gefährlich, Ork-Schiffe purzelten durch immaterielle Strudel und verwirbelte Strömungen rissen an den Gellerfeldern. Die Hyenas Ey war trotzdem ihre einzige Chance - Sie war das schnellste Schiff unter seinem Kommando und er setzte alle Hoffnung in das Gelingen der Aktion. Das die bullige Wind of Levos, die das filigrane Schiff aus dem systemnahen Warp geleiten sollte, noch nicht wieder zurück war, dämpfte diese Hoffnung jedoch.
„Der Imperator hat diese Welt verlassen“, stellte Mangar passend dazu fest, als spräche er über eine längst eingetretene Tatsache. Während der Skriptor redete, begann Tobame bereits mit den Rückzugsmanövern. Ohne einen weiteren Befehl abzuwarten, glitten seine Hände über die in Messing und Stahl gefassten Bedienelemente der General-Konsole. Servitoren bestätigten seine Eingaben mit binären Impulsen, während der Maschinengeist der Tegans Rest Kurskorrekturen einleitete und die gewaltige Fregatte träge in die Schwärze des Alls drehte.
„Genug jetzt, Skriptor“, sagte Sardahn und ließ den Librarian entnervt stehen.
Mit wenigen Schritten trat er in die Mitte der Kommandobrücke. Rings um ihn arbeiteten Offiziere, Servitoren und die knappe Brückenmannschaft beinahe lautlos nebeneinander. Nur das dumpfe Grollen ferner Geschützsalven, das unregelmäßige Heulen der Warnsirenen und das gelegentliche Klicken mechanischer Gliedmaßen begleiteten die konzentrierte Geschäftigkeit.
Sardahn gab einem der Vox-Offiziere ein kurzes Zeichen.
„Verbindung zum Kreuzerkapitän der Adolans Pray und zum Stützpunkt der Gouverneurin aufbauen.“
Der Offizier bestätigte augenblicklich.
„Erneute Statusübermittlung der Wind of Levos – Ich will eine Antwort, ob das Auge wieder sieht.“
Ein kommunikationstechnischer Bediensteter salutierte und nahm wenig optimistisch Verbindung zur Astrophatie-Sektion ihres Schiffs auf.
„Meldung an die Bellon 3 und die Transportschiffe Hast und Carpenting Smith – Flankenschutzkurs zu unserer gegenwärtigen Position.“
Ay, Lord Astartes“, bestätigte eine taktische Offizierin an einer Servitorenkonsole und machte sich, von ihren festgestöpselten Cyborgs unterstützt, ans Werk. Sardahn wusste, Umschlagfrachter und Transportschiffe waren wenig mehr als Kanonenfutter und er besiegelte mit solchen Befehlen ihr Schicksal, doch abgesehen von der handvoll Schiffe der imperialen Flotte hatte er nichts sonst, das er den Orks entgegenwerfen konnte.
Es knackte plötzlich und ein blaues Lumen glitzerte an der Decke über ihren Köpfen. Nur wenige Sekunden später bauten sich zwei Holo-Projektionen vor Sardahn auf.
Die eine erschien scharf, ruhig und beinahe makellos.
Die andere flackerte, zitterte und wurde immer wieder von blaustichigen Interferenzen durchzogen.
„Status Eurer Schiffe, Admiral“, eröffnete Sardahn ohne jede Einleitung.
„Absolut kampffähig, Mylord Astartes“, antwortete Admirälin Lesa Montasis prompt und warf einen kurzen Blick auf das Datenpad in ihrer Hand.
Zu kurz.
Sardahns geschultem Blick entging nicht, dass sie in dieser knappen Bewegung unmöglich Informationen hätte erfassen können. Es war die routinierte Geste einer Offizierin, die Gründlichkeit demonstrieren wollte, ohne es tatsächlich zu sein. Das ärgerte den Sergeant besonders.
Die Admirälin wurde in Lebensgröße übertragen und ihre Uniform saß makellos.
Die zahlreichen Ehrenzeichen an ihrem Revers glänzten selbst im kalten Licht der Projektion, und weder ihre tadellos frisierte Haarpracht noch die sorgfältig gepflegten Hände ließen erkennen, dass sie sich an Bord eines Kriegsschiffes befand, das seit Tagen beinahe ohne Unterbrechung kämpfte.
Frustriert fragte sich Sardahn, ob Montasis überhaupt begriff, in welchem Krieg sie sich befanden.
„Eine Blockade konnten wir am nördlichen Knotenpunkt zunächst halten, wie Ihr befohlen habt, Lord. Wir haben Tausende Grünhäute in die Leere geblasen.“
Die Offizierin sprach den Satz mit unverkennbarem Stolz.
Sardahn nickte lediglich.
Tausende...
Vor wenigen Wochen hätte diese Zahl beeindruckt – bevor die Fehleinschätzungen der Admirälin begannen, ihre Folgen aufzuzeigen.
Heute bedeutete sie kaum mehr als einen Tropfen Wasser in einem Sandmeer aus Orks.
„Langsam verlagern wir nun unsere Hauptkampfschiffe in Richtung des Mondes, um—“
„Astartes! Hier Kalla ... kommen!“
Die verzerrte Stimme durchschnitt Montasis' Vortrag wie ein Schuss.
Für den Bruchteil eines Augenblicks verzog sich das Gesicht der Admirälin zu einem Ausdruck des Missfallens.
„Gouverneurin Kalla, die Tegans Rest hört Sie“, sagte Sardahn sofort und wandte sich der zweiten Projektion zu.
Das Bild der Gouverneurin unterschied sich in beinahe jeder Hinsicht von dem von Montasis.
Vor ihm stand keine geschniegelt wirkende Flottenoffizierin, sondern eine Frau von vielleicht vierzig Jahren, das Gesicht wild entschlossen, gehüllt in sandfarbene, vom Staub und Kampf gezeichnete Uniformteile. Die drahtige Muskulatur ihrer Arme, die umgehängte Flinte und ihre leicht nach vorne gebeugte Haltung ließen keinen Zweifel daran, dass sie sich mitten in einem Gefechtsstand befand. Immer wieder blickte sie an der Projektion vorbei und rief unhörbare Befehle in den Raum hinter sich.
Die Verbindung wurde erneut von heftigen Störungen erschüttert.
Für einen Augenblick zerfiel die Holo-Projektion in tanzende blaue Fragmente, ehe sie sich wieder notdürftig zusammensetzte.
„Hören Sie mich, Gouverneurin?“, fragte Sardahn.
Keine Antwort.
Lediglich das stumme Bild zeigte Kalla, wie sie sich aufrichtete, zur Hüfte griff und offenbar weitere Befehle gab.
„Lord Astartes, wir-“
„Schweigen Sie einen Moment, Admirälin“, unterbrach Sardahn die dazwischen-sprechende Offizierin schroff, ohne den Blick von Kallas Hologramm abzuwenden. Sie verstummte, das Gesicht sichtlich verzogen.
Sardahn konnte diese Frau nicht leiden – Und das schlimmste war, er konnte ihr nichts anhaben. Auch, wenn ihr Hochmut letztlich einer der Gründe war, warum sie alle hier bluteten, während Hilfe noch Tage oder Wochen entfernt war. Doch jetzt brauchte er jede imperiale Seele, und war sie noch so ungeeignet für einen Führungsposten wie dieses imperatorverlassene Frauenzimmer.
„Gouverneurin?“ Er trat einen halben Schritt näher an das wackelige Holo.
„Kalla, hören Sie mich?“
Keine Antwort.
Sardahn wartete noch einen Augenblick. Das flackernde Hologramm zeigte lediglich, wie Gouverneurin Kalla sich über einen Kartentisch beugte und mit knappen Gesten Befehle erteilte. Mehrfach zerfiel ihr Abbild in tanzende blaue Fragmente, ehe der Holo-Projektor es mühsam wieder zusammensetzte. Selbst ihre Stimme schien im tobenden Äther zwischen Planet und Orbit verloren zu gehen.
„Tobame“, wandte sich Sardahn über die Schulter gewandt an den Techmarine, „kann die Übertragung stabilisiert werden?“
Der Bruder-Kapitän reagierte zunächst nicht.
Unablässig glitten seine gepanzerten Hände über die Konsole, während er Feuerleitstände koordinierte, Makrobatterien neu priorisierte, Schildgeneratoren überwachte und den Maschinengeist der Tegans Rest mit einer Flut binärer Impulse fütterte. Mehrere Servitoren bestätigten seine Befehle beinahe gleichzeitig, und tief unter der Kommandobrücke erschütterte das dumpfe Donnern weiterer Breitseiten den alten Rumpf der Fregatte.
Erst nach einigen Sekunden hob Tobame flüchtig den Blick.
„Negativ.“
Mehr sagte er nicht.
Für ihn war die Angelegenheit damit abgeschlossen.
„Seht Ihr?“, sagte Mangar mit bedauernder Ruhe. „Die Energien des Waaagh! beginnen bereits alles zu durchdringen. Maschinengeister spüren sie. Vox-Systeme spüren sie. Selbst der Warp ist unruhig.“
Der alte Librarian trat langsam an den Taktiktisch heran. Sein Blick ruhte nicht auf Sardahn, sondern auf der schimmernden Darstellung San Dogos, als lausche er einer Stimme, die außer ihm niemand hören konnte.
„Entropie ist auf dem Planeten greifbar geworden“, fuhr er leise murmelnd fort. „Ich fühle sie wie kalten Nebel. Sie legt sich auf Maschinen, Gedanken und selbst auf die Pfade des Immateriums. Mit jedem Schiff, das dieses System erreicht, wird sie dichter werden.“
Sardahn schwieg einen Augenblick.
Er wusste, dass Mangar nicht selten übertrieb, doch diesmal brauchte er nichts auszuschmücken. Gerade deshalb waren seine Worte so schwer zu ertragen.
„Dann brechen wir ihren Nachschub eben“, erwiderte er schließlich mit ruhiger Entschlossenheit. „Bevor sie weiter wachsen kann.“
Mangar schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Das können wir nicht.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Dafür ist es bereits zu spät.“
Der Skriptor hob langsam den Blick.
Seine eingefallenen Augen wirkten für einen kurzen Moment älter als jede Festung, älter als jedes Schiff, das Sardahn je betreten hatte.
„Der Warp ist blind geworden...“
Diese Worte blieben zwischen ihnen stehen.
Niemand auf der Brücke sagte etwas.
Selbst die menschlichen Offiziere, die den eigentlichen Inhalt der Unterhaltung kaum verstanden haben mochten, arbeiteten mit einer eigentümlichen Zurückhaltung weiter. Man hörte das leise Surren der Servomotoren, das Ticken mechanischer Gliedmaßen und in regelmäßigen Abständen das ferne Donnern der Makrobatterien, das durch den Rumpf der Tegans Rest wanderte wie das Schlagen eines gewaltigen eisernen Herzens. Sardahn brütete und tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn, während seine Augen fieberhaft Daten lasen. Mangar bewegte sich schwermütig und setzte zu erneuter Dramatik an.
„Epistolarius, bitte“, sagte Sardahn klar, mit hörbarer Beherrschung.
Es war kein scharfer Befehl - Eher die eindringliche Bitte eines Offiziers, der sich seinen klaren Blick auf die Lage nicht nehmen lassen wollte.
Mangar antwortete nicht.
Sein schwermütiger Blick ruhte unverwandt auf ihm, als sähe er bereits eine Zukunft, die Sardahn noch verborgen blieb.
Der Scout-Sergeant atmete einmal tief durch.
Er spürte, wie das wilde Löwenblut seines Ordens in ihm aufwallte – jener unnachgiebige Wille, der den Amber Lions seit den Jahrhunderten ihrer Entstehung bei der Entwicklung zum Space Marine in Form eines Tropfen vom Blut eines der großen Löwen von Shimba eingesetzt wurde, auf-das die, die ihren Namen trugen, auch ihre Stärke erben sollten. Doch Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass Kampfeszorn und Wildheit selten gute Entscheidungen hervorbrachten. Gerade jetzt brauchte die Zehnte keinen wilden Krieger, sondern einen besonnen Anführer.
Langsam richtete er den Blick wieder auf den Taktiktisch. Dort schoben sich die grünen Signaturen der Orks unaufhaltsam weiter auf San Dogo zu. Noch hatte er ein paar Optionen, noch war er nicht besiegt -
Doch der Krieg hatte gerade erst begonnen.
Kapitel 2: Der große Schild
Die Projektion des kleinen Mondes K81/3 glitt langsam über den Taktiktisch.
Sardahn betrachtete den grauen Felsbrocken schweigend. Vor wenigen Stunden hätte er ihm kaum Beachtung geschenkt. Jetzt wurde ausgerechnet dieser unbedeutende Trabant zum wichtigsten Geländestück des gesamten Systems.
„Bruder-Kapitän.“
Tobame hob den Blick nur kurz von seiner Konsole.
„Der Maschinengeist bestätigt eine stabile Feuerstellung. Der Mond schirmt den Raumhafen gegen zweiundsiebzig Prozent der bekannten orkischen Anflugvektoren ab.“
Sardahn nickte kaum merklich.
„Wie lange?“
Der Techmarine ließ sich einige Herzschläge Zeit. Zahlenreihen flimmerten über mehrere Hololithen, während Servitoren binäre Rückmeldungen gaben.
„Bis sich die Anzahl feindlicher Schiffe erneut erhöht.“
Sardahn verzog keine Miene. Das bedeutete nicht lange.
Seit Greifafinga seinen Waaagh! ausgerufen hatte, trafen beinahe stündlich weitere Grünhäute aus dem Warp ein. Zunächst waren es nur vereinzelte Schiffe, doch bald Gruppen, dann ganze Verbände. Jedes einzelne kaum mehr als fliegender Schrott, doch gemeinsam drängten sie die imperiale Verteidigung Schritt für Schritt zurück.
Nicht einmal die Tegans Rest konnte überall zugleich sein.
„Die Gouverneurin?“
„Verliert weiter Boden.“
Sardahn legte bedächtig nickend beide Hände auf den Rand des Taktiktisches.
Die Holoprojektion zeigte den Orbit San Dogos mittlerweile beinahe vollständig grün. Nur ein schmaler Ring aus blauen Symbolen umgab noch den Planeten. Dahinter zog der Raumhafen langsam seine Bahn, wie ein fast zerbrochener Abfangschild. Dabei war die Station nie als Festung gedacht gewesen.
Vor Jahrhunderten hatten die Mechanicus aus den zerstörten Überresten der ehemaligen Orbitalanlage ein Gerüst gebaut, mehrere warpfähige Hangar-Module herangeschafft, alles zusammengefügt und daraus einen schlichten Umschlaghafen geschaffen. Agrarfrachter entluden dort Ersatzteile, Maschinen oder Dünger. Wenige Stunden später verließen Sandschoten, Getreide und Erz den Orbit wieder.
Mehr hatte San Dogo nie gebraucht.
Jetzt schweißten Tech-Priester seit Tagen hastig zusätzliche Makrolaser an die Außenhülle, verstärkten Schotts und errichteten Geschützstellungen auf Wartungsplattformen, die niemals für einen Krieg gebaut worden waren.
Sie hatten aus einem Behelfs-Raumhafen eine Bastion gemacht. Eine Bastion, die irgendwann fallen würde.
Sardahn richtete sich auf.
„Ruft Bruder Ramus.“
Der Vox-Offizier bestätigte knapp.
Wenige Minuten später öffnete sich das schwere Schott zur Brücke. Klonkende Ceramit-Schritte näherten sich.
Ramus Tena trat ein.
Seine Rüstung unterschied sich kaum von jenen anderer Apothekarii. Er trug den Helm am Gürtel, sein weißer Schulterpanzer war mit der tiefroten Helix geschmückt und das Narthecium am linken Arm ließen keinen Zweifel an seiner Aufgabe. Dennoch wirkte er weniger wie ein Krieger als wie ein Gelehrter, der zufällig eine Servorüstung trug.
Seine Bewegungen waren ruhig, bedacht. Fast gemächlich.
„Bruder-Sergeant.“
Sardahn erwiderte die knappe Verneigung.
„Bruder Ramus.“
Der Apothecarius trat an den Taktiktisch. Sein Blick glitt einmal über die Projektion des Systems, lange genug, um die Lage zu verstehen.
„Der Raumhafen.“
Es war keine Frage.
Sardahn nickte.
„Wir werden ihn nicht dauerhaft halten können“, stellte der Apothekarius fest.
„Nein“, bestätigte Sardahn offen, „Aber wir müssen Zeit gewinnen. „Port Solis mag ein fliegender Haufen Weltraumschrott sein, aber nur in seinem Feuerschatten können die Tegans Rest und die imperialen Schiffe weiterhin auf Abfangkurs bleiben. Die Anlage muss noch standhalten.“
Ramus Tena blickte still auf die Anzeigen.
Zwischen beiden Männern entstand für einen Augenblick Schweigen. Es war nicht unangenehm. Sie kannten einander seit vielen Jahrzehnten.
Schließlich hob Sardahn den Blick.
„Ich brauche jemanden dort, der auch dann noch Ordnung hält, wenn alles auseinanderfällt.“
Tena antwortete nicht sofort. Er betrachtete weiter die Projektion des Raumhafens, der sich langsam hinter K81/3 schob.
„Wie viele Männer?“, fragte er schließlich.
„Zwei Scoutzüge – Alles, was ich entbehren kann.“
Sardahn vergrößerte die Darstellung der Station.
„Dazu eine Hundertschaft Ordensdiener. Ein Commander Olmer führt den militärischen Teil der Stationsbesatzung, diesen unterstelle ich Ihnen ebenfalls. Astra Militarum und Mechanicus mobilisieren alles, was sie aufbringen können.“
Ramus nickte langsam.
"Und meine Novizen?“
„Sie begleiten Euch, Apothekarius.“
Zum ersten Mal veränderte sich Tenas Gesichtsausdruck kaum wahrnehmbar.
„Beide?“
„Beide.“ Sardahn begegnete seinem Blick. „Wenn diese Station fällt, werden sie mehr lernen als in zwanzig Jahren Unterricht.“
Tena schwieg. Er wusste, dass Sardahn Recht hatte – vielleicht gerade deshalb missfiel ihm der Gedanke.
Nach einigen Herzschlägen nahm der Apothecarius beide Hände hinter dem Rücken zusammen und richtete sich zu voller Größe auf. Leise summten die Servos seiner Rüstung dabei.
„Dann werde ich sie vorbereiten.“
„Ich danke Ihnen, Bruder“, sagte Sardahn ehrlich. „Nehmen Sie, was sie brauchen und dann halten Sie mir diesen Raumhafen – es ist unsere einzige Chance.“
Ramus Tena sah wieder auf die schimmernde Holoprojektion.
„Den halten wir“, versprach er. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:
„So lange wir können.“
Der Behandlungsraum des Apothecarions lag tief im Bauch der Tegans Rest. Das dumpfe Donnern der Makrobatterien war hier kaum mehr als ein fernes Grollen, das in regelmäßigen Abständen durch Wände und Boden wanderte. Zwischen Instrumentenschränken und Untersuchungstischen herrschte dagegen beinahe vollkommene Ruhe.
Nur das metallische Klicken chirurgischer Werkzeuge war zu hören.
„Wenn du noch länger brauchst, heilt das auch von allein“, knurrte Scout Deren.
Eralo hob den Blick nicht.
„Nein.“
Der junge Scout führte die gebogene Nadel ein weiteres Mal durch die Haut am Unterarm seines Kameraden und zog den Faden gleichmäßig nach. Erst als der Knoten sauber saß, griff er zur Schere.
„Dann entzündet es sich.“
Deren verzog das Gesicht.
„Du bist wirklich eine Freude.“
„Das sagen viele.“
Der ältere Scout schnaubte.
„Nein, das sagen sie bestimmt nicht.“
Ein leises Lachen erklang hinter ihnen. Mahr legte mehrere Instrumente zurück in ihre Halterungen und trat an den Behandlungstisch.
„Zeig mir die Wunde.“
Eralo machte einen Schritt zur Seite.
Der ältere Novize beugte sich über die Wunde. Seine Augen glitten langsam über jede einzelne Naht. Er sagte zunächst nichts, strich lediglich mit einem behandschuhten Finger dicht über die Haut, ohne sie stark zu berühren.
Schließlich deutete er auf den letzten Stich.
„Der hier.“
Eralo runzelte die Stirn. „Was ist damit?“, fragte er.
„Der ist zu straff“, sagte Mahr.
„Die Wunde ist sauber geschlossen“, hielt der jüngere Novize kategorisch dagegen.
„Ja - Heute.“ Mahr hob Derens Arm etwas an.
„In drei Tagen klettert er wieder mit voller Ausrüstung über San Dogos Felsen. Dann arbeitet die Muskulatur.“ Er tippte gegen den letzten Knoten.
„Der hier reißt zuerst.“
Eralo betrachtete seine Arbeit einen langen Augenblick.
„...Verstanden.“
„Gut."
Deren verdrehte die bernsteinfarbenen Augen.
„Ihr dürft gern weiterunterrichten, wenn ihr vorher meinen Arm freigebt.“
Wieder grinste Mahr.
„Er ist fertig – gib ihm einfach Zeit zu heilen und lass‘ dich nicht wieder von den Grünhäuten erwischen.“
Deren setzte sich auf, bewegte vorsichtig die Finger und drehte den massiven Unterarm. Von der tiefen Wunde, die krude Stacheln vom Panzer eines Orks hinterlassen hatten, zeugten nur noch drei lange Nähte.
Scouts waren noch keine vollwertigen Space Marines, physisch ihren reiferen Brüdern aber nur unwesentlich unterlegen. Vor allem ältere Scouts wie er oder Mahr hatten fast alle heiligen Implantate und ihre muskelbepackten Körper steckten spielend Verletzungen weg, die einen gewöhnlichen Menschen das Leben kosten könnten.
„Saubere Arbeit“, murmelte er anerkennend. „Vor zwei Jahren hättest du mir wahrscheinlich die Ellenbogen zusammengenäht, Eralo.“
„Vor zwei Jahren hätte ich dich vorher betäubt“, entgegnete sein jüngerer Gefährte, was Mahr erneut schmunzeln ließ.
Ein Fauchen stob durch den Raum. Die schwere Tür glitt zischend zur Seite. Sofort verstummten die drei Scouts.
Ramus Tena trat ein.
Sein weißer Schulterpanzer mit der roten Helix Apothekarii darauf wirkte im kalten Licht beinahe wie Blut auf silbernem Glas. Ohne ein Wort trat er mit summender Servorüstung an den Behandlungstisch und nahm Derens Arm vorsichtig in die Hand.
Er prüfte jede Naht, drehte den Unterarm, beugte den Ellenbogen.
„Sauber gearbeitet“, befand er ruhig.
Eralos Schultern entspannten sich kaum merklich.
Tena blickte auf den letzten Knoten.
„Zu viel Spannung, mein Junge.“
Mahr sagte nichts.
„Ich weiß“, antwortete Eralo leise.
Zum ersten Mal legte sich ein kaum wahrnehmbares Lächeln auf Tenas Gesicht.
„Gut.“
Er wandte sich Deren zu. „Wie ist die Schulter?“
Der Scout hob sie probeweise und kreiste den vernähten Arm. Kein Jammer, sondern Grimmigkeit zeichnete sein Gesicht.
„Schmerzt noch, Apothekarius.“
Tena Nickte zufrieden. „Das wird sie morgen ebenfalls. Du bist stark – aber noch kein Schlachtenbruder.“
Er griff nach einem Injektor und setzte ihn ohne jede Hast an.
„Aber morgen trainierst du trotzdem. Sergeant Sardahn wird dich brauchen – Du gehst zurück nach San Dogo.“
Mahr und Eralo wechselten einen Blick.
Deren suchte nach einer Antwort, verzog nun aber doch das Gesicht, als der kalt-brennende Wirkstoff in den Muskel lief.
Der Apothekarius zeigte ein seltenes Lächeln. „Aber Vorsicht dort unten - Ich würde dir ungern die Implantate wieder entnehmen, die ich dir so sorgfältig eingepflanzt habe."
Der Scout lachte leise.
„Dann werde ich mich bemühen, Euch nicht zu enttäuschen, Apothekarius.“
Tena klopfte ihm fast väterlich gegen die Schulter.
„Das wirst du nicht.“ Dann wandte er sich vom Behandlungstisch ab und entließ damit den Scout ohne ein weiteres Wort.
Deren salutierte vor seinen beiden Kameraden, indem er die gesunde Faust auf die breite Brust legte.
„Danke“, sagte er, nun etwas ernster. „Der Imperator beschützt.“
Die Tür schloss sich hinter ihm.
Einen Moment sagte niemand etwas. Dann trat Tena an den Instrumententisch und begann, scheinbar beiläufig medizinisches Werkzeug zu sortieren.
„Sardahn hat uns einen Auftrag erteilt“, sprach er fast, als handle es sich um eine Kleinigkeit.
Mahr und Eralo wechselten erneut einen kurzen Blick.
Die Stimme ihres Mentors verriet nichts, doch seine Worte alles: „Der Raumhafen.“
Mehr musste Tena nicht sagen.
Beide Novizen wussten, dass sich die Kämpfe im Orbit zuspitzten und das der Fall ihrer letzten großen Bastion kurz bevor stand.
Auf einen Befehl Tena’s hin aktivierte eine festmontierte Servitoren-Einheit an der Wand eine kleine Holoprojektion. Langsam erschien die zusammengesetzte Silhouette der alten Orbitalanlage.
„Zwei volle Scoutzüge werden die Verteidigung übernehmen. Dazu eine kampffähige Hundertschaft unserer Ordensdiener und die Besatzung des Astra Militarum. Der Mechanicus stellt Tech-Garde und Waffenservitoren.“
„Wir werfen alles in die Waage, was wir noch haben?“, fragte Mahr.
Sein Blick ruhte auf der Projektion.
„Die Anlage muss gehalten werden“, antwortete Tena schlicht.
Wieder entstand Stille.
Schließlich hob der Apothekarius den Kopf.
„Eralo.“
„Meister.“
„Du begleitest mich.“
Der junge Scout nickte ohne Zögern. „Jawohl.“
Tena sah nun zu Mahr. „Du bleibst an Bord der Tegans Rest.“
Zum ersten Mal wich Mahrs ruhiger Gesichtsausdruck einer Spur Überraschung.
„Meister Tena, ich..."
Mehr sagte er nicht, um nicht respektlos zu erscheinen, doch er tat sich sichtlich schwer, seine Fassung zu bewahren. Nach jeder militärischen Überlegung hätte gerade er den Einsatz begleiten müssen. Er war älter. Erfahrener.
Nur noch wenige Prüfungen trennten ihn von seiner Erhebung zum Schlachtenbruder.
Tena hob die Hand. Nicht schroff - Nur gerade weit genug, um jede weitere Frage verstummen zu lassen.
„Das ist meine Entscheidung.“
Mahr schwieg.
Tena trat auf ihn zu.
Einen Augenblick lang betrachtete er den jungen Mann, den er seit Jahrzehnten ausbildete. Sie hatten tatsächlich nie viel miteinander geredet. Mahr war anders als Eralo, ruhiger, bewusster, von Grund auf. Dafür weniger begabt von Natur aus, seine Leistung definierte sich über harte Arbeit und Lernen. Er hatte es Mahr nie gesagt, doch er erkannte manchmal etwas von sich selbst in dem künftigen Apothekarius.
„Bereitet eure Ausrüstung vor“, sagte er zu beiden. „Jeder von euch wird genug zu tun haben.“
Dann wandte er sich zur Tür.
Erst als sie sich hinter ihm geschlossen hatte, sah Eralo seinen älteren Kameraden fragend an.
„Was meinte er damit?“
Mahr blickte lange auf die geschlossene Tür.
Dann begann er schweigend, die restlichen Instrumente aufzuräumen.
„Nichts, worüber du dir heute Gedanken machen musst.“
Doch tief in seinem Inneren wusste Mahr, dass sein Meister ihm gerade keinen gewöhnlichen Befehl erteilt hatte.
Kapitel 3: Nur Halten
Ella würde den Anblick noch lange in ihren Träumen sehen - Die ekelhafte rote Fratze, zu einem gemeinen Grinsen verzogen, mit den schiefen Augen und den überraschend naturgetreu gemalten Zähnen.
Der fette Torpedo sauste auf sie zu, die wie ein lachender Raubfisch bemalte Spitze so groß wie ihr Kopf. Sie spürte ihren Körper schon in tausend Teile zerfallen, als sie etwas an der Schulter packte. Danil brüllte etwas, doch sie hörte ihn nicht. Ihre Welt kam näher, als würde sie rasend schnell auf einen dunklen Tunnel zusteuern,
der ihr hämisch entgegen grinste. Sie wurde nach unten gerissen, doch zu spät - Der Torpedo, so lang wie ihr Arm, war schon da.
Mit einem Geräusch, als würde man zwei Glocken aneinander schlagen, rammte die Unterkante des Projektils ihren Helm am Scheitel. Ihr Kopf kippte nach Hinten als hätte man einen Grashalm umgeknickt. Sie Spürte seltsamen Schmerz, dann nichts mehr. Interessanter Weise schien ihr Gesicht so zu liegen, dass sie der Flugbahn des nun trudelnden Geschosses nachblicken konnte, obwohl es sich jetzt hinter ihr befand. Ein beißend helles Licht brannte in ihren Augen, als sich das fiese Grinsen in einen tosenden Feuerball verwandelte. Sie hörte ihre Kameraden schreien und Metall bersten. Heiß wie Feuer fegte ihr die Druckwelle ins Gesicht. Übelkeit überkam sie, doch als sie würgen wollte, konnte sie ihren Körper nicht dazu bringen.
Dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Als sie wieder aufwachte, sah sie etwas anderes: Eine gummiartige Wulst, die direkt vor ihren Augen lag, anscheinend von einer Wange über den Nasenrücken hoch und zur anderen wieder hinunterlaufend. Sie wollte sie sich vom Gesicht reißen, doch irgendwie kam sie nicht an sie heran. Versuchte sie es überhaupt?
Sie konnte ihre Hände nicht fühlen.
Dumpfe Schreie, Gebrüll und Knallen schälte sich aus der grausigen Taubheit. Suchend schossen ihre Augen umher.
Dunkelheit, Mündungsblitze, die seltsame Silhouette eines Deckenlumens, das ruckartig über sie hinweg zu gleiten schien. Sie wollte den Kopf heben, um sich
umzusehen, doch sie konnte es nicht. Tränen ertränkten die Panik in ihren Augen und sie wollte schreien, aber die Maske auf ihrem Gesicht verhinderte es - zumindest versuchte sie, sich das einzureden. In Wahrheit war sie nicht mehr fähig, etwas zu rufen und langsam sickerte in ihr Bewusstsein, was passiert sein musste.
„...weitere Verletzte!“, drang eine Stimme in ihre sich nun klärenden Gedanken.
Sie sah Schemen, aber nur in den Augenwinkeln, da ihr Hauptsichtfeld gerade nach oben gerichtet war. Weitere Schüsse fielen, etwas weiter weg diesmal.
Plötzlich wurde es beißend hell. Ein Mann in Kampfausrüstung beugte sich über sie, ein starkes Lumen am Helm befestigt.
„Arbitratorin Stalln, hören Sie mich?“, fragte die Stimme.
Ella hörte, doch sie konnte nicht antworten.
„Arbitratorin, was fühlen Sie? Fühlen sie etwas?“, forderte der Mann weiter.
„Genickbruch“, sagte die erste Stimme, gehetzt, da eine weitere Explosion ertönte, sogar für Ella sehr nah klingend. Der Lumen-Träger blickte kurz auf, dann wieder in ihr Gesicht.
„...Atemmechanik eingeschränkt“, murmelte er und in den Augenwinkeln sah sie seine Hände an ihr arbeiten, doch sie konnte es nicht spüren. Es war ein seltsames Gefühl, nicht zu fühlen, was man wusste. Erst, als seine behandschuhten Hände bei ihrem Kopf ankamen, spürte sie Schmerz. Sie hieß ihn beinahe willkommen.
Der Mann packte und bewegte ihren Kopf und Ella durchlief vom Ansatz des Hinterkopfes aus quer durch den Schädel ein Schmerz, den sie niemandem hätte beschreiben können.
Mehr stille Tränen flossen.
„Bringen Sie sie in Abschnitt Delta“, antwortete eine andere Stimme. Sie war kräftig, nicht dröhnend, aber stärker als die der Soldaten, die sie untersuchten.
Sie sah nichts mehr, bekam auch nicht mit, wie ihr ein zentralwirksamer Nervendämpfer in die Schulter injiziert wurde und sich ihre Welt trübte. Nebel umfing sie, Geräusche kamen näher, entfernten sich dann, wurden dumpfer. Die Welt zog sich von ihr zurück. Sie dachte noch, sie höre das charakteristische
schwere Donnern eines Bolters, doch dann verschwamm die Wahrnehmung all ihrer noch lebenden körpereigenen Sinne zu einem wabernden Sumpf von Dunkelheit.
Jardah biss die Zähne zusammen und zog. Seine Muskeln spannten sich, Venen, so dick wie Schläuche, drückten aus seinen massiven Oberarmen und zeichneten sich unter den Himmelblauen Schulterplatten ab.
Etwas bockte und hob ihn beinahe aus, wildes Gebrüll dröhnte in seinen Ohren, während Blut von seiner Stirnwunde in seine Augen lief. Seine Hände brannten, sein Rücken auch, doch er ließ nicht nach. Erneut fanden seine gerüsteten Beine Halt und er zog noch einmal mit aller Kraft. Schließlich hörte er es herzhaft Knacken und mit einem Mal erlosch der Widerstand.
Keuchend öffnete er die Hände. Der speckige Waffengurt aus Squigleder, mit dem er den Ballaboy erdrosselt und ihm das Genick gebrochen hatte, glitt samt der schlaffen Grünhaut hinter ihm zu Boden.
Der Ork war fast anderthalb mal so groß und schwer wie der Scout, doch Jardah war flinker gewesen. Kein Ork konnte es mit den gezüchteten, jahrelang trainierten Reflexen eines Astartes aufnehmen und so sehr sich der Boss der Meute bemüht hatte, Jardah mit seinem Spalter zu zerteilen, der Scout entschied den Kampf für sich.
Als die Leiche des großen Orks mit einem Klatschen auf den blutigen Metallboden des Maschinenraums schlug, schien das ordentlich Eindruck zu machen. Fast alle
Orks der Meute wirkten kopflos, drei wurden es auch, als Laserfeuer sie erreichte.
Zwei irritierte, kleinere Orks direkt vor Jardah zögerten einen Moment - Das war einen Moment zu lange. Der Scout, schnell auf ein Knie gesunken, stieß sich ab. Ein kräftiger Satz brachte ihn sofort mehrere Meter an die Ballaboys heran.
Jardah landete mit versetzten Beinen, senkte Oberkörper und Arme und rollte über die Schulter ab. Dabei fand seine Hand die Scheide an seinem Gurt - eine Klinge blitzte, ein Ork brüllte, weil er sah, wie sein Kollege mit aufgeschlitzter Kehle zu Boden ging.
Der überlebende Ork hob wild seine Wumme, doch noch bevor er den fetten, krummen Finger an den Abzug brachte, zerriss sein Oberkörper. Laserfeuer schälte Muskelfleisch von seinen Rippen und der Ballaboy taumelte. Jardahs Messer beendete die Angelegenheit einen Herzschlag später.
Projektile schlugen um den Scout herum ein, zwei trafen seinen Thoraxpanzer und die linke Schulter. Er nahm die Unterarmschützer vor sein Gesicht und ließ sich mit einer Drehbewegung fallen, als Funken um ihn herum stieben, wo krude Projektile Scharten in Stahl rissen.
„Astartes, Augen nach Oben!“
Jardahs Kopf ruckte herum als er den Ruf hörte. Sein Arm schoss vor und die Hand bekam das Heft einer Laserwaffe zu fassen, die ihn fliegend erreichte.
Etwas klein in seinen Händen wirkte das Gewehr spielerisch, doch Jardah ließ sich noch in der Bewegung bäuchlings auf den Boden gleiten, legte an und schoss mit übermenschlicher Präzision. Zwei der Handvoll Orks, die ihn bedrängten, nachdem sie den Tod ihres Bosses halbwegs verkraftet hatten, starben durch seine Hand. Mehrere weitere starben, als links und rechts neben Jardah geduckte Gestalten auftauchten.
Massierter Beschuss aus einem halben Dutzend Lasergewehren beendeten das orkische Gebrüll im von Projektileinschlägen entstellten Flur.
„Sind Sie in Ordnung?“, fragte Olmer, ohne den Blick vom Zielrohr seines Lasergewehrs zu nehmen.
„Gutes Timing, Commander“, entgegnete Jardah und kam keuchend auf ein Knie hoch. Der Scout reichte das Gewehr einem der Soldaten, die Commander Olmer begleiteten, und erhob sich etwas schwankend.
Olmer sah nun doch zu dem Scout.
„Jardah, Sie bluten aus einem Dutzend Wunden, wenn- “
„Sparen Sie sich ihre Beleidigungen“, grinste Jardah und spuckte einen Klumpen Blut. „Sammeln Sie Ihren Haufen wieder ein und sichern Sie diesen Abschnitt
endlich.“
Commander Olmer nahm die Waffe herunter und wandte sich ihm vollends zu.
„Von meinem Haufen ist nicht mehr viel übrig, Astartes“, knirschte er.
„Gang Zwei? Was ist mit Dem dritten Trupp?“, fragte Jardah, doch Olmer schüttelte den Kopf.
„Wir sind aufgerieben“, sagte er schlicht. Die Stimme war nicht panisch, eher routiniert, wie der Kämpfer der er war. Er war auch Realist - das schätzte Jardah an dem Menschen wohl am meisten, so bitter die Antwort sein mochte.
„Ein weiterer Entertorpedo, laut Auspex zwei Paralellsektionen rechts von uns. In einigen Minuten werden sie hier sein. Wir verlieren den Sektor in jedem Fall“, sprach der Commander weiter und gab Handzeichen während er redete.
Drei seiner Männer, gedrungen gerüstete Elite-Arbitratoren, rückten geschmeidig vor, einer schlich zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
„Imperatorverflucht“, grunzte Jardah und hielt sich die Seite. Atmen bereitete ihm Schmerzen.
In den Stunden, in denen sie nun auf Port Solis kämpften, hatten sie dutzende Wellen an Entermannschaften eliminiert, aber stetig büßten die Verteidiger Ressourcen ein. Lange würden sie den Äußeren Ring der Anlage nicht mehr halten können.
Er selbst hatte den hier von den Orks fast überrannten Soldaten helfen wollen, als er mit seinem Bruder Samsir vor wenigen Minuten eingetroffen war.
Jetzt waren die Orks zurückgeworfen, doch Scout Samsir und drei Dutzend Eliteinfanteristen waren tot, er selbst kurz davor und Olmer hatte ganz einfach recht - Sie hatten nur Minuten gewonnen.
„Dann verminen Sie sie“, sagte Jardah grimmig und entfernte sein Kampfmesser aus dem Schädel des Ballaboys, in dem es steckte.
„Gute Idee, aber auch das wird sie nicht lange bremsen“, erwiderte der Commander, doch Jardahs Blick glitt zurück in den Maschinenraum, an dessen Eingang sie gekämpft hatten und Samsirs Leiche lag.
„Aber lange genug, um in Sicherheit zu bringen, was wertvoll ist“, sagte er und humpelte los.
Commander Olmer sah ihm einen Herzschlag lang nach, dann salutierte er zackig, gab einen gedämpften Pfiff ab und weitere Befehle an die Reste seiner Einheit.
Während die Arbitratoren ihre Gewehre schulterten, Spezialgranaten von ihren Gürteln nahmen und feine, unsichtbare Drähte quer durch den dunklen, verrauchten Gang und den Eingang zum Maschinenraum spannten, ließ sich Jardah bei seinem Bruder nieder.
„Tapfer gekämpft, mein Freund“, sagte er und löste mit schnellen Griffen die schwersten Stücke der blassblauen Plattenpanzerung. Mit einem Schmerzlaut stemmte sich Jardah hoch, seinen leblosen Bruder über der Schulter.
„Scout am Boden“, knurrte er in das kleine Vox, das in seinem Kampf-Headset surrte.
„Fordere Apothekarius an.“
Der Wind roch nach Salz, Öl und Rauch.
Greifafinga stand auf dem Dach eines halb eingestürzten Lagerhauses am Hafen und stemmte beide Klauen in die Hüften. Vor ihm lag das Meer, dessen dunkelblaue Oberfläche von Hunderten Schiffen bedeckt wurde. Nicht Kriegsschiffe - Alles, was halbwegs schwimmen konnte.
In den Fluten dümpelten Frachter und Schlepper. Fischkutter stießen gegen Lastkähne und erbeutete Yachten mit Solarsegeln trieben zwischen rostigen Anlegestellen und Metallpieren. Mehrere gewaltige Tankschiffe lagen längsseits an den Kaianlagen, während Scharen kreischender Grots Leitern hinaufkletterten, Werkzeug schwangen und Taue festzurrten oder lösten.
„Boss!“
Greifafinga drehte den Kopf nur halb.
Hinter ihm stapfte Ugruk heran, ein bulliger Ork mit schiefer Eisenplatte vor der Brust und einem Auge, das längst durch ein rot glimmendes Mek-Linsending ersetzt worden war.
„Da Lasta is’ zalegt... Wat sin'n dat jez‘ für Schiffe?“, fragte der Nob und zeigte auf die endlose Ansammlung.
Greifafinga grinste.
„Bootä.“
Ugruk kratzte sich am Schädel. „Dat seh‘ ich.“
Der Waaaghboss nickte zufrieden.
„Gut. Dann biste nich‘ ganz so blöd, wiest’e aussiehst.“
Einige Boys aus Greifafingas Mob lachten. Einer schubste Ugruk hämisch grinsend gegen die Schulter.
Der grobschlächtige Ork knurrte etwas Unverständliches, tat aber nichts – er mochte nicht schlau sein, aber schlau genug, sich in unmittelbarer Nähe seines Bosses nicht zu sehr aufzuspielen.
Greifafinga wandte den Blick wieder ganz dem Hafen zu.
Überall hämmerten und schraubten seine Meks. Kräne ächzten, Schweißfunken regneten über die Anlegestellen und auf die zerwühlten Straßen.
Mehrere Dutzend Beutepanzer, teils noch sandfarben, teils mit Menschenblut bemalt, zogen riesige Maschinen aus den zerborstenen Hallen der Meerwasserraffinerie.
Pumpengehäuse, Turbinen, Rohrleitungen, dick wie Raumschiffkapseln.
Ein gewaltiger Reaktorkern wurde gerade auf einen rostigen Erzfrachter gewuchtet, dessen Deck unter dem Gewicht bedrohlich knirschte. Ein dicker Mek mit Werkzeuggurt und elektrisch aufgeladenen Zähnen sprang kreischend auf dem Koloss herum.
„Mehr Niet‘n! Mehr Stahl! Dat hält noch nich‘!“
Greifafinga grinste böse und zufrieden.
„Wat woll'n de Meks mit dem ganzen Schrott?“, fragte Ugruk und störte erneut Greifafingas Moment.
Der Boss hob knurrend die Schultern.
Was den vorlauten Ork vermutlich rettete, war, dass in diesem Moment ein stotternder Laster mit kruden Maschinenteilen auf der Straße unter ihnen vorbeiknatterte und einer der Meks von der Ladefläche aus zu Greifafinga empor rief: „Ey Boss - Dat wird riesich!“
„Wie riesich?“, grunzte Greifafinga zurück.
Der Mek breitete beide Arme aus.
„RIESICH!“
Greifafinga lachte.
„Dat is‘ groß genug, Jungz!“
Ugruk ignorierte er. Mehr musste der Depp gar nicht wissen. Er war hier der Boss und es reichte, wenn Er wusste: Wenn Meks genug Schrott bekamen, bauten sie irgendwann etwas, das schoss. Oder stampfte.
Oder beides.
Ugruk, scheinbar überrascht und davon beflügelt, dass ihn sein Anführer nicht gleich zerquetscht hatte, trat neben den Waaaghboss.
„Warum fahr'n wa nich‘ jetz rüba, Boss?“
Die anderen Boys traten unwohl auf der Stelle, einer machte zu seinem Nebenmann eine Geste, als würde er sich mit dem Finger die Kehle durchschneiden.
Greifafinga jedoch blieb ruhig, er antwortete auch nicht sofort. Seine giftig gelben Schweinsaugen blickten hinaus aufs Meer.
Er wusste, irgendwo weit hinter dem Horizont lag der letzte Kontinent. Dort saß die Menschenchefin dieses Planeten. Die mit dem dicken Haus, dem vielen Dakka. Und dem lecker aussehenden Kopf.
Greifafinga leckte sich über die gelben Zähne.
„Weil wa noch wart'n“, sagte er.
Ugruk blinzelte.
„Äh... Un‘ Warum?“
„Weil wa schlau sin‘.“ Er sah zu Ugruk. „Dä meist’n von uns.“
Der Nob schwieg, in seinem Schädel schien es zu rattern.
Greifafinga ließ seine Energieklaue klackend die Fingerglieder bewegen. Er drehte sich halb und deutete mit der Energieklaue nach oben.
Zwischen den Rauchschwaden waren winzige Lichtpunkte zu erkennen.
„Siehste‘ dat?“
Ugruk hob einfältig den Kopf.
„Jeden Tag komm'n mehr – Da Lootas. Da Snakebites...“
Er stieß seinen Untergebenen leicht mit der freien Hand, was den massigen Ork taumeln ließ.
„Alle hör'n meinen Ruf.“
Noch mehr Punkte erschienen zwischen den Wolken.
Greifafinga bleckte die Zähne und sog tief die Luft ein. Fast konnte er das Knistern des Waaagh! in seiner Brust fühlen.
„Wenn ich jez‘ die Menschenchefin zagwetsch‘...“
Er machte eine kurze Pause und sein gehörnter Schädelpanzer nickte abfällig in Richtung des Mobs, der sich um sie versammelt hatte.
„...dann seh'n dat nur die Jungz hier.“
Ugruk nickte langsam, als wäre klar, was sein Boss damit meinte.
Greifafinga grinste immer breiter.
„Aber wenn ich noch wart..." Seine Klaue beschrieb einen großen Kreis über den Himmel. „...dann sin‘ se alle da.“
Er zeigte nach oben.
„Alle Bossä. Alle Boyz... Dann könn' se zuguck'n."
Er gab Ugruk einen Stoß und der Ork wankte zwei Schritte zurück, stieß gegen seine Kumpane, die knurrten und schubsten. Greifafinga wandte sich ihnen zu und schlug sich hämmernd gegen die breite, gerüstete Brust.
„Dann wiss'n se alle, wer da größtä Waaaghboss is‘!“
Ein breites Grinsen erschien auf Ugruks Gesicht, als er verstand.
„Dat bis‘ du, Boss!“
Greifafinga nickte zufrieden. Seine Energieklaue streckte einen der gegliederten Finger aus und zeigte auf den Ork.
„Genau.“
„Und die Menschn?“, fragte der Nob. „Wat is mit den’n?“
„Lass‘ se hoff'n“, grunzte Greifafinga hämisch. Der massige Ork trat bis an den Rand des Daches. Knirschend fielen Steinchen in die Tiefe, da das Gebäude unter seinem Gewicht ächzte.
Unter ihm schleppten Hunderte Grots Kisten voller Munition auf die wartenden Schiffe.
Seine Boys scheuchten zusammengetriebene menschliche Gefangene mit Tritten über das zertrampelte Pflaster der Straßen. Dazwischen rollten fahrbare Wummen auf schiefen Rädern. Killabots stapften blechern zum Hafen. Mehrere Meks schweißten bereits primitive Landungsrampen an die Seiten eines Tankers.
„Wenn se hoff'n…“, fuhr der Boss fort und zeigte mit der Klaue hinaus aufs Meer.
„...dann bau'n se mehr Mauern.“
Er zeigte nach oben. „Dann komm'n noch mehr Boyz.“
Sein Finger wanderte wieder zum Meer. „Dann fahr'n wa rüba.“
Er breitete beide Arme aus.
„Mit allen Jungz hia!“
Ein kehliges Johlen erhob sich unter den Orks.
Der ungeschlachte Waaaghboss lachte so laut, dass einige Grots in den Gassen unter ihnen erschrocken zusammenzuckten.
„Und wat mach‘ ma dann, Boss?“, fragte Ugruk, der sich schon wieder schwer tat, seinem genialen Anführer noch zu folgen.
Greifafinga grinste böse. Er schloss langsam die Energieklaue zu einer brutalen Faust. Das Summen ihres Kraftfeldes wurde lauter und Hitze knackte gefährlich.
„Dann beiß‘ ich da Menschenchefin den Kopp ab.“
Sein Grinsen wurde noch böser.
„Und dann wiss'n se endlich, warum Gork un‘ Mork mich ausgesucht ham’n!“
Das Beifall-artige Gebrüll seines Mobs rollte über das Dach des Lagerhauses und Schlachtrufe aus hunderten grünen Kehlen überall im eroberten Dogos End antworteten ihm, während hinter ihnen erneut ein gewaltiger Kran ächzend eines der riesigen Aggregate der Raffinerie auf einen wartenden Frachter hob.
Der Mek, der den Verladevorgang überwachte, kicherte nur und strich mit ölverschmierten Händen über eine grobe Kreidezeichnung auf einer Stahlplatte. Sie zeigte etwas Tonnenförmiges, mit einem gewaltigen Rumpf, Kanonen auf den Schultern und einem zähnefletschenden Eisenkopf.
„Dat wird richtig riesich“, murmelte er zu sich selbst.
Greifafinga warf der Szene kaum einen Blick zu. Er hatte den Grundstein gelegt, seinen Waaagh! ausgerufen – Jetzt musste er nur noch dafür sorgen, dass er groß genug wurde, damit ihn die ganze Galaxis nie wieder vergaß.
Ramus Tena hob die Faust. Augenblicklich kam die Kolonne zum Stehen.
Die Scouts gingen nahezu lautlos in Deckung. Einer verschwand hinter einer Kabeltrasse, zwei weitere glitten zwischen mannshohen Kühlleitungen in Stellung. Hinter ihnen rückten die Ordensdiener auf. Das Klacken entsicherter Lasergewehre hallte gedämpft durch den Versorgungsgang.
Tena sagte nichts.
Er lauschte.
Die alte Station arbeitete unablässig. Tief in ihren Eingeweiden hämmerten gewaltige Pumpen. Rohrleitungen knackten unter Druckschwankungen, irgendwo summte ein überlasteter Generator. Gedämpft durch viele Meter Stahl brummten einzelne Rückkopplungen von angeschraubten Geschützen auf der Außenhaut. Es dauerte einige Sekunden, bis er das Geräusch fand, nach dem er gesucht hatte.
Schwere Stiefel. Nicht die seiner Männer - Unregelmäßige, harte Schritte.
„Zehn Uhr“, sagte er leise.
Eralo nickte sofort. Er hörte sie inzwischen ebenfalls.
Der junge Scout hob sein Scharfschützengewehr an und legte den Zielpunkt auf den dunklen Quergang.
Tena warf ihm einen kurzen Blick zu.
Der Anschlag war sauber, der Finger lag ruhig am Abzug. Vor einem Jahr hätte Eralo bereits fast geschossen - Heute wartete er geduldig.
Mit einem metallischen Scheppern flog plötzlich ein Werkzeugwagen aus einem Seitengang. Er schlug gegen die gegenüberliegende Wand und verstreute Kisten, Kabelrollen und Werkzeug über den Boden.
Keiner der Scouts feuerte, auch die paar Dutzend Ordensdiener hielten den Atem an. Einige Herzschläge lang geschah Garnichts.
Dann erschien die Grünhaut.
Der Ork war beinahe so breit wie der Gang selbst. Rostige Panzerplatten klapperten bei jedem Schritt. In den Pranken hielt er eine schwere Wumme, deren Lauf noch Rauchte. Das Monster brüllte wie der Weltuntergang und seine gelben Schweinsaugen starrten mordlüstern.
Der Schuss fiel beinahe lautlos.
Die panzerbrechende Munition traf den Ork knapp unterhalb des rechten Auges und mit einem herzhaften Schmatzen zerplatzte der grobschlächtige Schädel. Der massige Körper machte noch zwei taumelnde Schritte, bevor er krachend gegen eine Rohrleitung fiel.
Tena hob zwei Finger zu einem knappen Zeichen.
Sofort wechselten die Scouts ihre Positionen.
„Nicht stehen bleiben“, sagte er. „Sichert alle Flanken – prüft die Schotts.“
„Er war allein?“, murmelte einer der höherrangigen Ordensdiener in naher Position.
„Nein“, sprach Tena kraftvoll und bestimmt und seine Stimme ließ Ordensdiener unsicher ihre Waffen heben. Sein bernsteinfarbener Blick betrachtete prüfend die dunkle Kreuzung hinter der kopflosen Leiche.
„Er war laut.“
Eralo lud mit einem zackigen Klacken durch.
„Vorhut?“
„Auch nicht, Junge.“ Tena schüttelte langsam den Kopf.
„Ablenkung.“
Kaum hatte er das ausgesprochen, heulte das Auspex eines Scouts auf.
„Kontakte, Gang T/9!“
Mehrere grüne Runen erschienen gleichzeitig aber nicht vor ihnen - Hinter ihnen.
Weitere Pings zeigten sie in Gängen seitlich zu ihrer Position.
Tena warf einen Blick auf die Anzeige. Dann auf den verzweigten Wartungsplan der Station, der als Holo über seinem Handgelenk flimmerte.
Die Grünhäute hatten den Versorgungsschacht zum Hauptreaktor erreicht. Sie begannen bereits, die Verteidigung zu umgehen.
„Positionen Ost, Nord-Ost und südwestlich, Apothekarius“, bestätigte Rammar, der Führer von Scout-Zug zwei, dessen Zielsucher-Okular von einem dunklen Wartungsgeländer rechts von ihnen blitzte. „Sie haben diese Position halb umkreist.“
Tena’s ledriges Gesicht verfinsterte sich und seine Hand löste mit geübten Griffen seinen Helm von seinem Gürtel. Mit leisem Fauchen versiegelte sich seine Rüstung und gedämpftes Gold begann in den Thermalglas-Linsen seines Servohelms zu glimmen.
Der ehrwürdige Apothekarius ragte weiß und düster zugleich inmitten des breiten Sammelkorridors auf und seine durch Außenlautsprecher verstärkte Stimme rollte durch den stählernen Raum: „Ordensdiener! Sperrriegel bilden!“
Die Befehle wurden ohne Zögern ausgeführt. Rauschen kam auf, als die halbe Hundertschaft, die Tena und eine große Handvoll Scouts begleitete, zum Leben erwachten.
Lasergewehre gingen hoch. Zwei schwere Waffen wurden auf fahrbare Lafetten gesetzt. Kommandos wurden Gerufen, Feuerstellungen bezogen.
Die Scouts verschwanden dagegen fast vollständig zwischen Leitungen, Kabeln und Wartungsschächten. Nur gedimmte Augmetiken und dunkle Ziellaser zeugten vom Tod, den sie bereit waren zu bringen.
Nur Eralo kniete einsam neben Tena, Das Gewehr fest im Anschlag.
„Können wir diese Position halten, Meister?“, fragte er.
Der Apothecarius blickte mit goldenen Helmlinsen nicht von der Karte auf.
„Nicht sehr lange.“
Der junge Scout runzelte die Stirn.
„Die Orks?“
„Nein-“
Ein Grollen ging durch die Sektion, gefolgt von mechanischem Gekreisch, wie von einer Kreissäge. Tena deaktivierte die Projektion.
„Kontafeua.“
Eralo blickte zu der knochenweißen Gestalt neben sich auf. Er hörte Ramus diesen Namen zum ersten Mal sagen.
„Meister Tena, ich verstehe nicht...“
„Der Boss, der diese Entertrupps führt, Junge“, unterbrach der Apothekarius seinen Novizen.
Er hob den Blick. „Ich hatte schon mit ihm zu tun, im Orbit in der Ramalkon-Enge. Die Orks, die diese Station angreifen, tragen seine Bemalungen. So einfältig die Grünhäute auch sein mögen, er ist gerissen und skrupellos, selbst für einen Ork.“
„Und das macht ihn noch gefährlicher als die meisten seiner Art“, ergänzte Eralo, und Tena nickte schweigend.
In diesem Moment flackerte das Licht.
Ein dumpfer Schlag ließ den gesamten Gang erzittern. Staub rieselte aus den Kabelkanälen.
Diesmal war die Explosion so nah, dass selbst die Plattenrüstungen der Scouts von der Erschütterung klirrten.
Eralo blickte unwillkürlich zur Decke.
„Ein weiterer Brecha?“
Tena antwortete nicht – er hörte zu. Diesmal war es kein fernes Grölen. Es war deutlich, nah. So nah, dass man einzelne Stimmen in dem Kauderwelsch unterscheiden konnte.
Links und rechts in den Gängen ertönten Schüsse und das Trampeln eisenbeschlagener Stiefel.
Ein metallisches Stampfen erklang hinter einem Schott seitlich neben ihnen und anstelle von Hämmern, Klopfen oder dem Fauchen von Schneidbrennern brachen die Schottenflügel mit einem Krachen einfach auseinander.
Die kantige, krude vernietete Gestalt eines Enta-Bots wankte in den Korridor, fettigen Rauch aus einem Auspuffrohr speiend und die Sägeblätter an seinen Greifarmen drohend erhoben. Hinter der fast 3 Meter großen Maschine drängten sich johlende und zähnefletschende Gestalten. Es waren Orks - Viele Orks.
Und sie kamen nicht mehr aus einer Richtung.
Sie kamen von überall.
Kapitel 4: Sand und Hoffnung
Die Sonne hing tief über den Dünen.
Von hier oben wirkte der Krieg beinahe friedlich, weit weg, als ginge er sie Garnichts an. Heißer Wind strich über den scharfkantigen Sandsteinrücken, trieb feine Staubfahnen vor sich her und ließ die ausgebleichten Tarnumhänge der Soldaten flattern. In der Ferne glitzerte das Meer wie flüssiges Messing. Dahinter zog sich die zerklüftete Südwestküste der letzten großen Landmasse San Dogos bis zum Horizont.
Nur der Himmel verriet die Wahrheit.
Ein brennendes Wrack durchschnitt die Atmosphäre. Lange, schwarze Rauchfahnen zogen hinter dem Schiff her, bis dessen Rumpf in mehrere Stücke zerbarst und wie ein glühender Meteoritenschwarm über der Wüste niederging.
Niemand auf dem Dünenkamm sah ihm lange nach. Sie kannten dieses Schauspiel inzwischen.
„Noch einer“, murmelte ein junger Soldat.
„Imperial?“, fragte sein Nebenmann.
Der erste zuckte nur mit den Schultern. Man konnte es längst nicht mehr erkennen.
Gouverneurin Kalla nahm das Fernglas vom Gesicht.
„Nicht unser Problem.“
Ihre Stimme klang ruhig, beinahe trocken.
Vor ihr lagen mehrere Kilometer offene Wüste. Zwischen den Dünen erhoben sich hastig errichtete Schützengräben, Sandsackstellungen und niedrige Bunker aus hellem Felsgestein. Alte Minenbagger waren zu Deckungen umgebaut worden, dazwischen standen vereinzelte Kampfpanzer unterschiedlichster Bauart. Die meisten waren alt. Manche uralt.
Ein Leman Russ mit den verblassten Farben eines Regiments aus dem Nachbarsystem stand neben einem gedrungenen Sandcrawler, dessen Kettenlaufwerke eher an eine Agrarmaschine erinnerten als an ein Militärfahrzeug. Dahinter hatten Soldaten mehrere leichte Geschütze in den Dünen eingegraben.
Keines davon war für einen Krieg gegen Orks gebaut worden.
„Einschläge!“
Der Ruf kam von einem vorgeschobenen Beobachter.
Fast gleichzeitig richteten sich mehrere Ferngläser gen Himmel.
Kalla brauchte keines - Sie sah sie sofort.
Dunkle Punkte, klein, unscheinbar. Doch sie wurden schnell größer. Schließlich erkannte man die lodernden Bremstriebwerke der „Droppa’s“, der orkischen Landungskapseln.
Es waren vier – nein, fünf... Heranbrausende Rotokopter näherten sich mit Klopfgeräuschen, doch die Landungsboote kamen zu schnell, zu steil. Nicht weit entfernt schlug die erste Kapsel mit einer Staubfontäne in die Wüste ein.
Dann eine zweite, viele Kilometer weiter südlich.
Eine dritte bremste nicht richtig und zerschellte im Sand.
Eine vierte zerbarst, von Raketen aus den Arsenalen der Rotokopter noch in der Luft zerrissen, doch es war wie immer: Jeder Angriff, jede Landungsaktion konnte nur teilweise abgefangen werden. Es kamen immer welche durch, immer mehr, immer weiter verstreut.
Nie genug, um eine Armee auf einmal abzusetzen, aber immer genug, um irgendwo eine neue entstehen zu lassen.
Männer riefen, irgendwo schwoll eine Sirene an und südlich von ihrer Position kletterten staubige Soldaten hastig auf zerfledderte Planenlaster und schlecht gewartete Kettenfahrzeuge, um der Bedrohung zu begegnen. So wie jeden Tag – beinah schon jede Stunde.
Kalla sah ihnen nicht nach. Sie wusste, sie würde viele von ihnen nicht wieder sehen. Jeder Ork, selbst ein einzelner, forderte seinen Tribut und die Menschen von San Dogo würden ihn nicht mehr lange bezahlen können.
Sie beobachtete schweigend, wie sich weitere schwarz rauchende Trümmer aus den Wolken lösten. Über ihnen tobte noch immer die Schlacht im Orbit.
Ab und zu blitzte hoch oben grelles Licht auf, wenn Makrobatterien feuerten oder ein Schiff verging. Manchmal stürzten brennende Trümmer herab, meistens gerade noch als die kruden Metall-Monster erkennbar, in denen die Grünhäute das All bereisten.
Und trotzdem kamen immer mehr.
Unaufhaltsam.
„Die Flotte hält sie noch auf...“, murmelte einer der Offiziere.
Kalla nickte kaum merklich.
„Den größten Teil.“
Sie sprach die Worte ohne Hoffnung aus. Jeder einzelne Ork, der den Boden erreichte, war einer zu viel.
Sie wusste längst, dass sie den Krieg dort oben nicht gewann. Sie gewann ihn aber auch hier unten nicht.
Sie verlor lediglich langsamer.
Ein Sandwedler huschte, von einem Soldaten aufgeschreckt, zwischen den Felsen hindurch. Die haarige Echse kreischte schrill und verschwand wuselnd im nächsten Dünenkessel.
Kalla sah ihm nach.
„Schlaues Tier“, sagte sie leise.
Neben ihr schnaubte Hauptfeldwebel Varek.
Sein wettergegerbtes Gesicht wirkte älter, als es wahrscheinlich war. Tiefe Falten hatten sich in die dunkle Haut gegraben, sein grauer Bart war voller Sand und der rechte Ärmel seiner Uniform fehlte vollständig. Stattdessen trug er dort einen notdürftig vernähten Verband.
„Die Echse? Sie rennt davon.“
Kalla senkte den Blick wieder auf das sonnengebleichte Datenpad in ihrer Hand.
„Nicht weil sie feige ist.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Sondern weil sie weiß, wann man einen Kampf nicht gewinnen kann.“
Varek antwortete nicht. Er kannte seine Gouverneurin lange genug. Sie sprach selten in Bildern und wenn, dann gab man ihr besser recht. Vor allem, wenn sie recht hatte.
Hinter ihnen knatterte ein alter Lastwagen heran. Die Ladefläche war voller Staub und darauf saßen Männer und Frauen in Uniformen, die kaum unterschiedlicher hätten sein können.
Einige trugen sandfarbene Kampfanzüge der planetaren Verteidigungsstreitkräfte. Daneben saßen Soldaten in graublauen Mänteln eines Regiments von Hyrkon, die die Schiffe der Admirälin vor Wochen abgesetzt hatten. Kalla sah sie immer seltener.
Zwei Frauen trugen die dunkelroten Halstücher der Wüstenjäger von Kessar. Bis vor kurzem verfeindet, kämpften sie nun der Not wegen schweigend Seite an Seite.
Ein hagerer Leutnant mit gelbstichiger Haut hatte noch immer die frischgrüne Feldmütze seiner Heimatwelt auf, als hätte er tatsächlich noch Hoffnung, diese wiederzusehen.
Varek sah ihnen schweigend nach.
„Noch ein Regiment?“, fragte Kalla ihren organisatorischen Leiter.
„Ein Rest davon“, brummte er in seinen sandigen Bart.
Kalla nickte.
„Wie viele?“
„Vierzig... vielleicht fünfzig.“ Der Feldwebel verzog das Gesicht als wollte er ausspeien, lies es aber in Anwesenheit seiner Gouverneurin. „Das Perro-Archipel. Vernichtet. Die Grünhäute stehen vor unserer Tür, Ma’am.“
„Das war gestern“, korrigierte sie. „Heute sind sie längst in unserem Zuhause.“
„Die Truppen konnten wir zu einem Teil erfolgreich zurückverlegen“, hielt der bärtige Offizier dagegen. Zusammen mit den Einheiten von Slinterkamm und Dogos Path macht das...“
„Keine Armee“, unterbrach sie ihn. „Nur einen größeren Haufen.“
Niemand widersprach. Sie alle wussten es. Seit Tagen sammelte Kalla händeringend jede Einheit ein, die noch kämpfen konnte.
Grenzschützer. Hafenwachen. PVS.
Versprengte Regimenter ohne Führung.
Panzerbesatzungen ohne Panzer.
Artilleristen ohne Geschütze.
Jeder, der noch ein Gewehr tragen konnte, bekam einen Platz in ihren Reihen. Es funktionierte, zumindest gerade noch. Aber jeder neue Verteidigungsring hielt kürzer als der vorherige. Sie feierten keine Siege mehr. Sie mussten sich ständig zurückziehen. Nicht fluchtartig, aber stetig. Meter für Meter, Düne für Düne. Die Orks überrollten sie wie eine Naturgewalt und so viele sie auch abschlachteten, Waaaghboss Greifafinga’s Ruf war gehört worden - Jede Stunde kamen mehr.
Zwei der drei Kontinente der sonnigen Wüstenwelt lagen zertrampelt unter den Stiefeln der Grünhäute. Und nur der Ozean trennte Perrho, die letzte große Landmasse des Planeten, noch vom selben Schicksal. Selbst die taktischen Kartographen ihrer Einheit schafften es kaum, den beständig schrumpfenden Herrschaftsbereich des Imperiums aktuell zu halten.
Da meldete sich der Funker: „Ma'am- “
Kalla drehte sich um.
„Der Scout ist eingetroffen.“
Sie schloss für einen Moment die Augen. Ein unbestimmtes Gefühl stieg in ihr auf.
„Dann schicken Sie ihn her.“
Der Wind frischte auf. Irgendwo in der Ferne schlug eine orkische Kapsel auf, nur fernes Grollen zeugte davon. Dann noch eine...
Als hätte der Planet begonnen, an unzähligen Stellen gleichzeitig zu bluten, quoll grünes, blutrünstiges Leben aus jedem der Krater.
Der Scout wartete, bis der letzte Lastwagen den Gefechtsstand passiert hatte. Erst dann trat er aus dem Schatten eines halb verschütteten Beobachtungsbunkers.
Keiner der weiter unten postierten Soldaten hatte bemerkt, wann er dort Stellung bezogen hatte. Einige der Übermüdeteren erschraken, als sie ihn plötzlich auftauchen sahen.
Selbst nach einigen Tagen an ihrer Seite wirkte ein Astartes für die meisten Soldaten noch befremdlich. Nicht wegen seiner Größe – daran hatte man sich fast gewöhnt.
Es war die Art, wie er sich bewegte. Lautlos, geschmeidig. Als würde die hellblaue Panzerung kaum mehr wiegen als die Kampfjacke eines gewöhnlichen Soldaten.
Kalla musterte ihn einen Augenblick.
Der Amber Lion trug sandfarbene Tarn-Netze wie angepinntes Flechtwerk über den größeren Panzerplatten. Seine Rüstung, mehr Platten-Carapax als Servorüstung, ließ ihn breit und brutal erscheinen – was seine beinahe geschmeidige Art sich lautlos wie eine Raubkatze zu bewegen Lügen strafte.
„Scout Kardi.“
Der Space Marine neigte knapp den unbehelmten Kopf. Leise surrte es, als sich sein bionisches Okular mit einer Drehbewegung justierte. Sein wettergegerbtes Gesicht schätzte sie nicht viel älter als ihres, sie konnte aber unmöglich sagen, ob das stimmte.
„Meine Grüße, Gouverneurin.“
„Ihr seid spät – Hat Euch mein Ruf nicht erreicht?“, fragte sie, kaum bemüht, den Vorwurf in ihrer Stimme zu verschleiern.
„Ich war bereits seit sieben Minuten hier“, entgegnete Kardi trocken wie die Wüste.
Der Mundwinkel der Gouverneurin zuckte kaum merklich.
„Dann wisst Ihr bereits mehr als ich.“
„Nicht mehr- “ Er trat neben sie auf den Dünenkamm. „Nur früher.“
Er blickte auf das Fernglas an ihrer Seite, doch fragte nicht danach. Seine okulare Bionik summte leise, während sie den Horizont abtastete.
„Die Landungen haben sich verändert.“
Kalla antwortete nicht.
Sie wusste, dass der Scout weit mehr sah als jeder ihrer Beobachter.
„Früher schienen sie ungeordnet, konzentrierten sich aber hauptsächlich auf Häfen und Städte“, fuhr Kardi fort. „Jetzt landen sie wahllos – und überall.“
Er deutete grob in Richtung Küste, mitten in die Prärie.
„Dort drüben befindet sich inzwischen eine weitere Ansammlung. Etwa zweihundert Grünhäute... Vor einer Stunde war dort noch nichts.“
Varek runzelte die Stirn.
„Wo kommen die alle her? Die Flotte schießt doch dauernd welche ab“, polterte er.
„Sie schießt die meisten ab.“ Kardi sprach sachlich. „Nicht alle."
Er ließ den Blick über den Himmel wandern.
„Sie haben ein Netz aus Kommunikationsempfängern aufgebaut. Sie lernen, wo die meiste Boden-Luft-Abwehr positioniert ist, und wo sie landen können.“
Kalla stieß hörbar die Luft aus.
„Das höre ich in letzter Zeit ständig.“ Sie verschränkte die Arme. „Erst erzählen mir meine Offiziere, die Orks seien zu dumm, um einen vernünftigen Angriff zu führen. Dann erklärt mir ein Space Marine, sie würden lernen.“
„Beides stimmt.“ Der Scout antwortete ohne jede Ironie.
„Der einzelne Ork ist selten ein guter Stratege, Gouverneurin.“
Er blickte hinauf, wo sich erneut ein heller Lichtblitz zwischen den Wolken zeigte.
„Der Waaagh hingegen schon – Sie sind nicht dümmer im eigentlichen Sinn, nur langsamer im Verstehen als wir.“
Kalla schwieg. Sie mochte diese Antwort nicht. Vor allem, weil sie plausibel klang.
„Was schlagt Ihr also vor, Scout?“, fragte sie schroff.
Kardi aktivierte sein Unterarm-Auspex. Eine einfache Geländekarte erschien als bläuliche Projektion.
„Gebt die vorderste Dünenlinie im Nordwesten auf.“
Varek hob überrascht den Kopf, doch der Scout fuhr unbeirrt fort. „Verlegt die Panzer hierher.“ Sein Finger glitt einige Kilometer Luftlinie zurück.
„Sie sind bereits Viele und werden sich sammeln - die Felsrücken an dieser Stelle zwingen die Orks in einen schmalen Korridor. Dort verlieren sie ihren zahlenmäßigen Vorteil.“
Kalla betrachtete schweigend die Projektion.
„Außerdem sollten sämtliche vorgeschobenen Munitionsdepots geräumt oder gesprengt werden“, fügte der Scout hinzu.
„Damit wir noch schneller ausbluten?“, protestierte sie.
„Damit die Orks nichts erbeuten“, hielt Kardi dagegen.
Kalla schnaubte. „Ihr habt leicht reden.“
Kardi sah sie an.
„Nein“, sagte er schlicht. Seine Stimme blieb ruhig. „Ich weiß, was Ihr verliert.“
Zum ersten Mal trafen sich ihre Blicke länger.
Der Wind trieb Sand zwischen ihnen hindurch. Varek spannte sich, ob der unangenehmen Stille auf dem sandigen Hügelkamm, während über ihnen Raumschiffteile rauchende Spuren in den knallblauen Himmel zeichneten.
Schließlich schüttelte Kalla langsam den Kopf.
„Nein.“
Kardi sagte nichts.
„Jeder Meter, den ich leichtfertig aufgebe, kostet Menschen.“ Sie deutete hinunter auf die verstreuten Stellungen. „Bauern. Fischer. Bergleute... Sie haben ihre Familien dort hinten.“
Ihre Hand wanderte, zeigte nach Westen. „Soldaten haben sich Wochen lang eingegraben, Blut und Schweiß vergossen bei dem Versuch, ihre Heimat und ihre Angehörigen zu verteidigen. Ich kann ihnen nicht einfach befehlen, dass sie ihre letzten Habseligkeiten zurücklassen und ihre Bemühungen aufgeben sollen, weil ein Scout glaubt, das sei taktisch sinnvoll.“
Kardi erwiderte ihren Blick.
„Dann werden sie dort sterben.“
Varek spannte unwillkürlich den Kiefer an. Für einen weiteren Moment wurde es still.
Schließlich trat Kalla einen Schritt auf den Space Marine-Anwärter zu, den Blick nicht voll Hass, aber auch nicht freundlich.
„Wisst Ihr, was mich daran stört?“, fragte sie.
Der Scout antwortete nicht.
„Ihr habt Recht.“ Sie lächelte freudlos. „Aber was Eure Weisheiten nicht hervorbringen, ist das Warum, nicht wahr? Ich weiß sehr gut, warum – Ihr, Astartes, seid zu spät.“
Wieder sah sie zum Himmel.
Noch eine Landekapsel machte sich auf den steilen Weg auf die Oberfläche des Planeten, weiter hinten am Horizont sah sie immer mehr.
„Vor drei Wochen hätte ich diesen Plan umgesetzt...“
Sie schüttelte erneut langsam den Kopf. Frust lag in ihren Worten.
„Heute kann ich nur noch entscheiden, wo wir verlieren.“
Kardi nahm die Worte schweigend hin. Er kannte Verzweiflung. Nicht dieselbe wie sie, aber doch genug, um sie in ihrer Stimme zu hören.
Kalla atmete tief durch. Dann musterte sie den Scout erneut, länger diesmal.
„Ich habe eine Frage an Euch, Scout - Wo sind die anderen?“
Kardi antwortete nicht sofort. Er wusste genau, wen sie meinte.
„Die vollwertigen Brüder.“ Ihre Stimme war hart geworden. „Die Krieger, von denen man uns seit Jahrhunderten erzählt. Die, die man „Engel des Imperators“ nennt.“
Der Scout senkte den Blick nicht einen Herzschlag lang.
„Sie sind gefallen“, sagte er, die Stimme trocken, aber fest.
Kalla nickte. Fast so, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.
„Und mit ihrem Tod hat dieser elende Ork seinen Waaagh! ausgerufen.“
Es war keine Frage.
Kardi widersprach nicht. Auch zustimmen war überflüssig – Die Gouverneurin wusste, was sie wissen musste.
Kalla wandte sich schließlich von ihm ab. Gedankenverloren sah sie wieder hinaus auf die brennend heiße Wüste.
„Dann...“, sie sprach das Wort beinahe tonlos, die Pause zu lang, um nicht unangenehm zu wirken, „...ist das also alles, was uns geblieben ist.“
Der Scout antwortete nicht. Denn zum ersten Mal seit ihrer Begegnung wusste er keine Antwort, die ihr geholfen hätte.
Kalla schwieg lange.
Schließlich nahm sie dem Bärtigen neben ihr wortlos das größere Fernglas aus der Hand und richtete es nach Südwesten.
Zwischen den Dünen erhob sich eine dunkle Rauchsäule, nicht besonders groß.
Aber sie stand dort, wo sie nicht stehen durfte.
„Melden“, kam ihr kurzer Befehl.
Der Funker griff sofort zum Voxgerät. Nur Sekunden später hob er den Kopf.
„Panzerstellung Vierzehn, Ma'am.“
Er blätterte in einem abgegriffenen Datenblock.
„Sie melden einen Orkboss... Mehrere Beutefahrzeuge! Die Geschütze können den Küstenpass kaum noch versperrt halten.“
Kalla reichte das Fernglas zurück.
„Greifafinga?“, fragte sie, doch der Funker schüttelte den Kopf, was Sand von seinem Helm rieseln ließ.
„Nein, Gouverneurin... Unbekannte Kommandoeinheit...“
Sie sah zu Kardi.
„Sie wollten helfen, Astartes.“
„Ja.“ Der junge Amber Lion versteifte sich ein klein wenig, das Gesicht mit festem Blick auf sie gerichtet.
„Dann helfen Sie dort.“ Sie deutete auf die Karte.
Der Scout wartete.
„An der Südwestküste hält eine unserer letzten Panzerstellungen den Pass nach Hadraks Becken.“
Sie deutete auf die Karte weiter, zog eine schnörkelige Spur parallel zum Landesinneren.
„Fällt sie, können die Grünhäute ungehindert entlang der Küste vorstoßen. Dann verlieren wir den gesamten Küstenstreifen innerhalb weniger Tage.“
Kardi betrachtete die Karte.
„Ein Bandenführer?“
Sie nickte mit dem Kopf zu ihrem Funkoffizier. „Davon gehen wir aus.“
„Name?“
Varek schnaubte.
„Wenn die Biester anfangen, Namensschilder zu tragen, wird die Arbeit für uns leichter.“
Für einen kurzen Augenblick verzogen sich sogar Kallas Mundwinkel. Sie verschränkte die Arme, den Blick abwartend auf ihren Funker gerichtet.
Der hagere Mann räusperte sich unbehaglich und kritzelte kaum leserliche Kringel auf ein Papierstück, während er angestrengt die Hörmuschel des Feld-Vox ans Ohr presste. „Groß... Schwarz gepanzert. ...führt ungewöhnlich viele Fahrzeuge.“
Kardi nickte.
„Ich kümmere mich darum.“
„Tun Sie das.“ Die Gouverneurin wandte sich bereits wieder der Front zu. Das Gespräch war für sie beendet.
Der Scout salutierte knapp.
„Der Imperator beschützt, Gouverneurin.“
Kalla erwiderte den Gruß nicht. „Er hatte reichlich Gelegenheit dazu“, murmelte sie bitter.
Kardi sagte nichts mehr.
Mit wenigen Schritten verschwand er den Hang hinab. Schon nach kurzer Zeit hob sich sein Chamäleonumhang kaum noch vom sandfarbenen Geröll ab. Noch ehe er den Fuß der Düne erreicht hatte, war er für die meisten Augen verschwunden.
Varek sah ihm nach.
„Ein guter Mann“, brummte er.
„Bestimmt.“
„Er wird den Boss finden, Gouverneurin.“
„Vielleicht.“
Der Feldwebel blickte zu seiner Anführerin.
„Ihr glaubt nicht daran, nicht wahr?“
Kalla antwortete erst nach einer Weile.
„Ich glaube daran, dass er tut, was er kann.“
Sie verfolgte mit den Augen einen weiteren glühenden Schweif am Himmel.
Eine orkische Landungskapsel. Dann noch eine. Und noch eine.
Sie schlugen weit hinter der Front ein, immer tiefer in ihrem Land.
„Aber das reicht nicht mehr, Varek. Das wissen Sie so gut wie ich.“
Der alte Soldat schwieg.
Schließlich hob er den Blick zum Himmel. Hoch über den dünnen Kondensstreifen blitzten grelle Lichtpunkte auf. Sekunden später erreichte dumpfes Grollen die Oberfläche. Wieder verging irgendwo im niederen Orbit ein Schiff in Feuer und Tod. Trotzdem hielt der Beschuss an.
„Der Raumhafen lebt noch“, sagte Varek schließlich.
Kalla antwortete nicht.
„Solange er schießt, hält die Flotte den größten Teil der Grünhäute von uns fern.“
Er zog die staubige Feldmütze tiefer ins Gesicht.
„Vielleicht reicht das."
„Wofür?“, fragte sie, die Stimme irgendwie leiser.
„Für Hilfe.“
Kalla lachte trocken. Nicht spöttisch, eher müde.
„Hilfe...“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Wenn sie käme, wäre sie längst hier.“
Varek ließ den Blick nicht vom Himmel.
„Nicht unbedingt – Ihr wisst, was der Space Marine gesagt hat: Ihr Spähschiff ist unterwegs, eine Flucht aus diesem Warp-Umfeld, um Hilfe rufen zu können.“
Die Gouverneurin verzog das Gesicht. „Er ist kein Space Marine, Varek – Nur ein Schüler. Sie mögen aussehen wie Männer, aber sie sind alle nur-„
„Astartes, Ma’am“, beendete der alte Offizier ihren Satz.
„Wir müssen auf den Imperator und seine Kinder vertrauen. Der Raumhafen muss nur lange genug durchhalten – dafür werden sie sorgen.“
Er sprach den Satz mit einer Ruhe aus, die Kalla beinahe ärgerte.
„Dann schafft es Hilfe vielleicht doch noch... Mit jedem Tag der vergeht, kommen sie näher“, streute der alte Krieger Hoffnung.
Sie folgte seinem Blick hinauf in die flimmernde Weite.
Dort oben, hinter Rauch, Feuer und den winzigen Lichtblitzen der Raumschlacht, kämpften Männer, die sie niemals sehen würde.
Sie hoffte nicht mehr auf Wunder.
Aber sie wusste eines: Sollte der alte Raumhafen fallen, würde San Dogo ihm sehr bald folgen.
Kapitel 5: Die große Beute
Kulba schrie auf. Seine dicken, fleischigen Finger klammerten sich an die scharfkantige, rußige Strebe, doch das half nichts.
„Komm hea, du hirnlosa Squigg!“
Boss Kontafeuas Gebrüll rauschte durch den Brecha. Alle Boys um ihn wichen einen Schritt zurück. Sie wussten: Wenn ihr Boss wütend war – also oft, und jetzt ganz besonders –, dann war Rückzug ein legitimes Mittel, um die eigene Haut zu retten.
Kulba strampelte, doch der mit Ork-Tech verstärkte Griff seines Bosses packte ihn an den auf dem Rücken gekreuzten Kampfgurten und riss ihn von der Strebe.
Grunzend und fluchend schleifte Kontafeua seinen widerspenstigen Untergebenen zur Schnauze des Brechas.
Funken sprühten, und dicker Rauch wallte in die Maschine, die aus Kontafeuas Sicht wieder einmal irgendein Idiot nicht dümmer hätte landen können.
Dabei war die Stimmung so gut gewesen. Gork und Mork lachten ihren grünen Jungs zu und führten sie geradewegs hierher. Ein großer Ork hatte sich erhoben und rief zu einer legendären Keilerei. Kontafeua war Waaaghboss Greifafinga nie begegnet, doch er spürte die Macht, die vom Planeten aufstieg, und das unbändige Ziehen in seiner breiten Brust, das ihn lockte, Teil seines Waaaghs zu werden. Natürlich hatten er und seine Jungs alles stehen und liegen gelassen, und ihre Götter hatten sie quer durch den Warp und direkt hier ausgespuckt. Kurz darauf fand sich Kontafeua einer Aufgabe gegenüber, die er liebte: Hier gab es eine Raumstation, und er und seine Jungs sollten sie entern.
„Saggat, wie sieht dat aus, da?“, schnautzte Kontafeua einen seiner Untergebenen an, als er mit Kulba im Schlepptau an der eingedrückten, zerschossenen Nase seines Enterschiffs ankam.
Der angesprochene Ork, ein grobschlächtiger Mek, behangen mit einem dritten mechanischen Arm voller Rost und quietschender Schrauben, dessen Halterung er sich um den dicken Wanst geschnallt hatte, spie aus.
„Is' hin, Boss“, antwortete er. Mit der rechten Hand, die einen gewaltigen Schraubenschlüssel hielt, klopfte er zweimal nachdrücklich gegen ein zerdrücktes Paneel. „Dat dacht' ich mia gleich, als ich's gesehn hab.“
Tatsächlich hatten es Kontafeuas Jungs schnell geschafft, trotz des Abwehrfeuers ein halbes Dutzend ihrer Brechas in den Raumhafen der Menschlinge zu schießen. Fast alle hatten gut getroffen, und seine Kämpfer, erprobte Enter-Orks, fluteten die Gänge der Raumstation.
Alle bis auf einen.
Kontafeuas eigener Brecha hatte eine Sektion so unglücklich getroffen, dass die stählernen Gänge der Anlage zusammengeschoben und verbogen worden waren. Ausgerechnet sämtliche Schotten und Durchgänge ringsum waren zerstört oder so verzogen, dass sie sich nicht mehr öffnen ließen. Zusätzlich hatte Zündla, sein zweiter Mek, nicht aufgepasst, und einer ihrer Schweißbrenner war nach einem Leck beim Aufprall explodiert. Das hatte Zündla, gut die Hälfte seines Entertrupps und sämtliche Brenner gegrillt. Entsprechend saßen er und seine verbliebenen Jungs nun unrühmlich in der Falle – wie ein Rudel Squigs in einer Grube.
„Boss, da Kanta sagd, dat se ein'n Knot'npunkt erobat hab'n!“, meldete Voggsa, ein etwas angekokelter, untersetzter Ork mit Fliegerhaube und einem dicken, ledernen Rucksack voller Antennen.
„Halt' die Klappe, Voggsa! Wat soll'ma denn mach'n?“, schnauzte der Mek.
Kontafeua würdigte ihn keines Blickes. Er würde sich bald wieder einem Gerangel um die Spitze seiner Mannschaft stellen müssen, wenn seine Unterführer ruhmreich die Station einnahmen und ihn auf ihrem Siegeszug hier fanden. Orks folgten stets dem stärksten und erfolgreichsten – keinem Unglücksvogel, der irgendwo festsaß.
„Dann geh'ma eb’n ein'n andren Weg.“ Kontafeuas böser Blick richtete sich auf Saggat, Olgat und seine anderen größeren Boys. „Ich hab' noch eine Idee. Sehr orkisch. Wiad euch gefall'n.“
Tatsächlich gab es einen Schacht, der offen war – sehr eng, sehr klein und am anderen Ende von roten Menschlingen mit schweren Laserwerfern bewacht. Sie hatten die etwa dreißig Meter bis zu ihrer Stellung in eine Todeszone verwandelt. Ein ganzes Dutzend seiner Boys lag durchsiebt am Anfang des Gangs, ihr Fleisch rauchte noch von den Lasereinschüssen.
„Wie soll'ma dat mach'n, Boss? Die schieß’n echt gut ...“, knurrte Olgat, ein großer Ork, der hinter einem zerschossenen Metallteil nahe des Korridors in Deckung saß und immer wieder fluchte. Er kauerte halb in einer schwelenden Pfütze Promethium und hatte den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen, nachdem ihm das Laserfeuer bereits den Schopf vom Haupt gebrannt hatte. Seine Deckung war ihm sichtlich zu klein.
„Dat is' alles ne Frage, wie schlau ma’ is', du Idiot“, antwortete Kontafeua, während sich sein dicker grüner Bizeps anspannte. Kulba hing strampelnd in seinem Griff.
„Boss, dat könnt mächtig ins Auge gehn, dat—“
„Schnauze!“, brüllte Kontafeua und schleuderte den kleinen Ork gegen die rußige Metallwand, ohne ihn loszulassen. „Sei ma' n' Ork und tu wat füa dein' Boss!“
„Kommandant! Sie greifen wieder an!“
Stachys sah von seinem Auspex auf. Hustend drang ein gurgelnder Laut aus seinem mechanischen Atemapparat.
„Keine Änderung der Befehle“, sagte er. Seine niedergotische Fleischesstimme kratzte blechern unterlegt. „Auf alles schießen, was sich bewegt, Leutnant. Halten Sie diese primitiven Lebensformen vom Zugang fern.“
Während der ranghöchste Soldat vor ihm salutierte, klickten die handtellergroßen Okulare des Tech-Adepten. Der in rote Roben des Adeptus Mechanicus gehüllte Priester sandte einen kurzen Binärimpuls aus und übermittelte den beiden Waffenservitoren, die seine Tech-Garde unterstützten, erneut den Feuerbefehl. Anschließend wandte er sich wieder seinen Daten zu.
Stachys hatte das Schott, welches die Orks mit ihrem Entertorpedo glücklicherweise um wenige Dutzend Meter verfehlt hatten, mit allem gesichert, was ihm zur Verfügung stand. Er wusste um das Potential der Gefahr, doch er war guter Dinge. Nichts, was auch nur den Kopf in den Korridor vor ihnen steckte, konnte überleben.
Zwei klobige Waffenservitoren bildeten stationäre Waffenplattformen mit je einem Hochleistungslaserwerfer, bedient und geschützt von einem guten Dutzend Techgardisten in rotem Kampfdrillich und genug Lasermunition, um einen verdammten Krieg zu gewinnen. Zusätzlich hatte Stachys Lutbor und Harestik an seiner Seite, zwei weitere Priester des Mars, die fieberhaft an einer Lösung arbeiteten. Sie versuchten, das Schott hinter ihnen zuzuschweißen, um auf keinen Fall—
Heiß zischendes Klopfen zerriss die Luft, als beide Laserwerfer erneut zu feuern begannen und ihn unterbrachen.
„Kommandant! Sie kommen! Sie—“
„Leutnant, Ihre Befehle sind ...“, begann der Tech, doch als er in den Gang blickte, weiteten sich die elektromechanischen Lider seiner künstlichen Augen hinter den Okularen.
Mit sattem Knacken fuhr Mogdals Hacke durch den Kopf des roten Menschlings, der vor ihm am Boden lag. Als er die Waffe wieder herausziehen wollte, hob er den Techpriester gleich mit an.
Mogdal schüttelte die Hacke zweimal, doch der Mek-Menschling bestand innen scheinbar nur aus Kabeln und anderem Mek-Zeug, das sich an den Stacheln seines Spaltas verfangen hatte. Knurrend schüttelte er die Waffe heftiger, dann packte er den Menschling mit der freien Hand und zog. Anstatt ihn jedoch vom Spalta zu lösen, riss er ihn entzwei.
„Vergorkt noch ma'! Wat'n dat füa'n Mek-ling?“, brüllte er und zupfte ärgerlich an den mechanischen Komponenten, die einmal der Kopf von Techpriester Harestik gewesen waren.
„Biste jetz' bald ma’ fertig?“, knurrte Kontafeua und stieß seinen Ork unsanft zur Seite.
„Wat is'? Boss, der hat sich noch bewegt – ich schwör'!“, beschwerte sich Mogdal.
Zwei weitere Orks lachten.
Kontafeua stampfte zwischen ihnen hindurch und ließ Mogdal stehen.
„Voggsa, wat is dahinta?“, fragte der Boss, als er seine beiden Spezialisten erreichte, die bereits am Schott standen. Voggsa hockte auf einem der zerstörten Waffenservitoren, den er kurzerhand als Sitzbank benutzte, und studierte sein krudes, blutverschmiertes Auspex.
„Menschen-Meks“, antwortete er. „Richtig viel davon, Boss.“
„Dat muss'n Maschin'nraum sein. Ich spüa dat“, ergänzte Saggat, der gerade den Gurt um seinen Armstumpf festzog, nachdem er den linken Arm beim Ansturm verloren hatte.
Kontafeua hatte seinen Plan wenige Minuten zuvor umgesetzt – genial, wie er war, hatte der natürlich funktioniert.
Die größeren und kräftigeren Orks seines Trupps hatten ihre kleineren Kollegen kurzerhand zu orkischen Schutzschilden umfunktioniert und waren auf die Stellung der Menschlinge zugestürmt, während sich ihre unfreiwilligen Schilde unter dem massierten Laserfeuer langsam auflösten.
Er selbst hatte Kulba auserwählt, worauf der Grot ruhig stolz sein konnte. Schließlich war Kontafeua der Boss.
Von Kulba war zwar kaum mehr als Matsch und eine Wirbelsäule übrig geblieben, als sie die Stellung der Menschlinge erreicht hatten, doch selbst damit hatte er noch einen der roten Feiglinge niedergeknüppelt.
Seine Boys hatten es ihm gleichgetan – zumindest die meisten. Zwei oder drei hatten stattdessen abgerissene Eisenplatten als Schutz verwendet und keinen Ork. Nicht ganz unpraktisch, wie Kontafeua zugeben musste. Aber auch deutlich weniger orkisch.
Und er war schließlich der Boss.
Das hatte er den Menschen-Meks auch eindrucksvoll gezeigt, als er wie ein Wirbelsturm durch ihre vermeintlich sichere Stellung gewütet hatte.
„Dann macht dat mal auf, Jungz“, befahl der große Ork.
Saggat, mit seiner improvisierten Blutstillung zufrieden, bearbeitete mit seinem mechanischen Arm das Bedienpaneel des Schotts, während Gardog mit seinem Kampfhammer die wenigen Schweißpunkte aufbrach, welche die Menschlinge noch gesetzt bekommen hatten.
„Ich glaub', da sin wa richtig“, lachte Voggsa, als sein Auspex zu blinken begann.
Das knappe Dutzend Orks um Kontafeua packte die Waffen fester und trat grölend die Leichen der Techgardisten zur Seite.
Nur ihr Boss machte keinen Laut. Ein fieses Lächeln zog über seine fleischigen Lippen.
Er würde Waaaghboss Greifafinga nicht mit leeren Händen begegnen.
Er würde ihm die Eroberung einer ganzen Raumstation präsentieren.
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Ich hoffe, bis hier her seit ihr zufrieden ;-)
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Würde mich freuen, von euch zu hören.
P.S: Zweiter Akt ist in Arbeit, coming soon ;-D