Geschichtenwettbewerb Winter 12/13 — W40K — Alte Narben

SHOKer

Mentor der flinken Federn
03. Februar 2006
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Der massige schwarze Thron im Herzen des Strategiums schien das letzte bisschen Licht zu schlucken. Die von Meisterhand gewebten Wandteppiche, die von glorreichen Schlachten und Heldentaten erzählten, verbargen sich im Zwielicht vor der kurzfristig einberufenen Versammlung der Kompaniecaptains und Sergeants. Die Halle war erfüllt von den dröhnenden Schritten und den hitzig gewechselten Worten der eintreffenden Krieger.
Lord Commander Dorian Oath brachte mit einer knappen Geste die Gespräche zum Erliegen und die gut sieben Dutzend Krieger stellten sich in einem ungeordneten Halbkreis vor ihm auf. Die langen blonden Haare des Astartes fielen bis über die Schulterpanzer seiner dunkelgrauen Servorüstung. Das rote Ordenssymbol prangte stolz auf seinem breiten Brustpanzer. Die leuchtend grünen Augen, umrahmt von seinen weichen Gesichtszügen, strahlten ein großes Maß an Edelmut und Tugendhaftigkeit aus. Doch in den Worten, die er an die zu ihm aufblickenden Marines richtete, schwangen Müdigkeit und Trübsal mit.
„Brüder, einige von Euch haben wohl schon Gerüchte über die Ereignisse gehört, die sich seit ein paar Tagen an Bord der ‚Roter Zenit‘ abspielen. Ihr seid hier, um den bisherigen Kenntnisstand zu erfahren und den Spinnereien über finstere Mächte, die hier wüten sollen, ein Ende zu bereiten. Solches Gedankengut ist der Nährboden für Häresie und Wahnsinn.“ Zustimmendes Raunen ging durch die Reihen.
„Ich hatte Meister Orethar mit den Ermittlungen betraut.“ Dorian Oath nahm mit einem unterdrückten Stöhnen Haltung auf dem enormen Thron an, lehnte sich zurück und legte die Arme auf den breiten Lehnen ab.„Seit Beginn der ungeklärten Todesserie vor zwei Tagen obliegt es ihm Licht ins Dunkel zu bringen. Sein Eintreffen verzögert sich einen Augenblick; warten wir“, fügte er hinzu.
„Mein Lord!“ Ein Astartes mit stählernem Blick und schwarzem Irokesen-Schnitt trat aus den Reihen der Krieger zur Rechten des Lord Commanders. Er reckte sein Haupt, durch dessen Gesicht sich eine lange Narbe zog und Oath erteilte ihm mit einem knappen Nicken das Wort.“Wir haben bisher keine verwertbaren Aussagen der Besatzung erhalten. Wenn ihr mich fragt lügt man uns ins Gesicht! Wir sollten anfangen, es aus ihnen heraus zu prügeln.“
„Schlägereien und Auseinandersetzungen mit Todesfolge sind unter der Besatzung nicht ungewöhnlich“, versuchte ein Sergeant die harten Worte zu beschwichtigen, „doch die Ermordung von siebenundsiebzig Männern und Frauen in so kurzer Zeit übersteigt in der Tat den Zorn eines gesunden Geistes.“
Das Narbengesicht fiel ihm ins Wort: „Ich sage die Täter sind ketzerische Mistkerle und werden von einem Haufen Feiglinge gedeckt!“ Er erntete lautstarke Zustimmung aus seiner Ecke.
Der Lord Commander beendete den Zank: „Ich teile Eure Meinung insofern, dass ich glaube, wir haben es mit mehr als simplen Gewaltverbrechen zu tun. Doch törichte Raserei bringt uns nicht weiter, Captain Targesis. Wir kennen bisher nicht einmal die Todesursachen, sämtliche Schilderungen sind haarsträubend und überzogen.“
Captain May Targesis knirschte mit den Zähnen und schüttelte unverdrossen den Kopf.
„Wir sollten sie alle erschlagen, bevor die Morde um sich greifen! Gebt mir den Befehl und drei meiner Männer und ihr sollt Euren Frieden haben. Abschreckung war schon immer ein gefragtes Mittel.“ Einige aus seiner Riege lachten dreckig. „Keiner meiner Brüder würde rasten, bis das Übel von diesem Schiff getilgt ist, mein Lord.“
Der Captain der siebten Kompanie, ein alter Veteran mit faltigem, kahlem Kopf legte die Hand auf seine Brust und machte seinem Herzen Luft: „Das gleiche gilt für meine Männer, mein Lord! Wir sollten die Erinnerung daran wachrütteln, wer der Herr auf diesem Schiff ist.“
Nach und nach trat jeder ein für die Treue seiner Gefolgsleute und bald darauf war das Strategium erfüllt von Bekenntnissen der Ehre, Wahrhaftigkeit und allem was recht und teuer war. Lord Commander Oath winkte beifällig ab und die Menge beruhigte sich.
„Eure Treue und Euer gerechter Zorn in allen Ehren Captain Targesis, aber ich würde euch den Kopf abschlagen, wenn ich herausfände, dass Ihr auf meinem Schiff die Crew mordet“, beteuerte Oath.
Targesis nahm das Urteil stur und ungerührt zur Kenntnis. Dorian Oath sprach zu allen Versammelten: „Dieses Schiff ist alt, meine Brüder, und ich bin es auch. Doch ich werde es zu seiner Bestimmung lenken und dabei Recht vor Gnade ergehen lassen. Ich bin kein Mann vieler Worte, also seht es mir nach, wenn ich mir Warnungen oder Anschuldigungen über kopfloses Blutvergießen an meine Schwertbrüder erspare.“ Er lächelte schwach. Anspannung und Gewaltbereitschaft wichen sichtbar aus den Gesichtern der meisten Krieger.
Das Kreischen, als die großen eisernen Torflügel zum Strategium aufgestoßen wurden, hallte durch die finsteren Gefilde. Aus dem Dunst des rot erleuchteten Korridors trat ein völlig in Schwarz gerüsteter Astartes. Ein staubiger Umhang war lieblos an den Kragen seiner Servorüstung gekettet worden. In seiner Rechten hielt er einen langen schweren Stab, auf dessen Kopf ein Imperiumsadler thronte. Auf Hüfthöhe trug er einen langen, reich verzierten Dolch, auf dessen Knauf er seine linke Hand stützte. Das Gesicht war verborgen unter einem Helm, der die Form eines Totenschädels hatte; aus kleinen Ventilen trieb unentwegt grauer, bitter riechender Rauch um die grausame Fratze. Er marschierte langsam auf die Schar der Astartes zu, jeder Schritt begleitet vom Krachen des aufsetzenden Stabs. Der Klang hatte etwas Endgültiges an sich. Ohne ein Wort des Grußes trat er durch die Reihen der Krieger, die sich vor ihm teilten, wie das Meer am Bug eines Schiffes. Vor dem schwarzen Thron sank er auf ein Knie herab, legte den Stab auf den Boden neben sich und löste mit beiden Händen den Verschluss seines Helms. Unter lang anhaltendem Zischen, begleitet von noch mehr austretendem Rauch, nahm der Ordenspriester seinen Schädel-Helm ab und klemmte ihn unter seine linke Armbeuge. Das geneigte Haupt, das darunter zum Vorschein kam, war vollständig verbrannt. Die Nase war mit dem Rest seines Gesichts verschmolzen, die kümmerlichen Reste verbrannter Lippen entblößten zwei Reihen dunkelgrauer Zähne, die in braunem Zahnfleisch steckten. Sein Gesicht glich dem Anblick eines Totenschädels mindestens ebenso sehr wie der Helm, der es verborgen hatte.
Lord Commander Oath erhob sich von seinem Thron und zollte dem Ankömmling mit einem knappen Kopfnicken Respekt.
„Erhebt Euch Bruder Orethar.“ Sowie Oath wieder Platz genommen hatte, las der Ordenspriester seinen Stab vom Boden auf und richtete sich wieder zu seiner beachtlichen Größe auf.
„Ihr kommt soeben aus dem Apothecarium. Was habt Ihr zu berichten?“
Die Stimme aus der verbrannten Kehle von Meister Orethar klang wie das Grollen eines Erdbebens in weiter Ferne:
“Mein Lord. Meine bescheidenen Bemühungen tragen nur gemächlich Früchte. Doch ein paar Vermutungen konnte ich in Gewissheit verwandeln. Die Todesursache aller Opfer ist ein und dieselbe. Embolien der Lunge, des Herzens, des Gehirns oder anderer lebensnotwendiger Organe. Keine Spuren eines gewaltsamen Todes durch äußere Gewalteinwirkung.“
Die Grimasse Orethars verformte sich abscheulich, als er den Gesichtsausdruck aufkommender Verständnislosigkeit in manchen Gesichtern las. Die meisten hier, dachte er verächtlich, verstanden nur etwas vom Töten, wenn sie dabei einen Abzug ziehen oder auf etwas einprügeln konnten.
„Entgegen anfänglicher Vermutungen, mein Lord, schließe ich einen Arbeitsunfall aus. Die Opfer wurden in allen Himmelsrichtungen an Bord dieses Schiffes gefunden. Ich habe die Schichtpläne der vergangenen Woche auf Gemeinsamkeiten prüfen zu lassen und auch dort ergab sich kein Zusammenhang.“ Orethar nahm seinen Helm aus der Beuge und klinkte ihn an seinem Gürtel ein. Die Blicke der übrigen Krieger wechselten unstet zwischen ihm und dem Lord Commander. Kaum hörbares Gemurmel und das Rascheln von Stoff untermalten die bedrückende Stille.
„Also ein Gift?“, fragte Oath ohne sein Gegenüber anzusehen; er klang abgelenkt.
Orethar kreiste mit den Schultern und ließ dabei Wirbel und Gelenke knacken.
„Mir sind sehr wohl einige Substanzen bekannt, die für eine nennen wir es natürliche Embolie verantwortlich gemacht werden könnten, aber wir reden hier nicht von Blutgerinnseln, mein Lord. Wenngleich nichts über den Ursprung bekannt ist, so sah ich doch mit eigenen Augen, was in den Leichen vorzufinden war. Unrat, mein Lord!“, spie er aus und fuhr wage gestikulierend fort, „Es hatte den Anschein, als seien die Blutkörperchen verfault, verklumpt und zu organischem Abfall geworden. Laut Bruder Caras Autopsiebericht fand dieser Verfall innerhalb von Sekunden statt und führte wenig später zum Tod. Wenn ich offen sprechen darf, mein Lord, gerade weil die Umstände unüblich scheinen, will ich die Beteiligung eines Astartes entgegen der Meinung anderer nicht ausschließen.“ Dieser Verdacht hing wie eine finstere Wolke über dem Strategium.
Der Lord Commander klangt gefasst: „Ihr behauptet, einer unserer Brüder sei dafür verantwortlich?“
„Vergebt mir mein Lord, aber Ihr habt mich nicht meiner Naivität wegen ausgesucht. Das Mordinstrument, sei es Gift oder“, Orethar gackerte ein gefährliches Lachen „der Einsatz verbotener Kräfte, wird nicht lange unentdeckt bleiben. Ganz gleich, ob der Unbekannte einen Zweck verfolgt oder an simpler Menschenverachtung leidet“, sein Blick wanderte bei diesen Worten zu Captain May Targesis, „dieser Wahnsinn hat den Täter letztlich dazu veranlasst Kompromisse und am Ende Fehler zu machen. Ich glaube gar nicht, dass das Morden erst vor kurzem begann, ich fürchte, es ist uns nur vorher nicht aufgefallen!“
Dorian Oath grübelte einen Augenblick angestrengt über das Gehörte.
„Stellen Sie weitere Nachforschungen an, Meister. Das hier ist beendet. Begeben Sie sich alle zurück auf Ihre Stationen.“ Die Versammlung löste sich auf.
„Eins noch“, fügte er hinzu während er sich einem kleinen Hinterausgang zuwandte. Die im Gehen begriffenen Marines machten auf dem Absatz kehrt. „Konzentriert Euch auf eure Pflichten, Brüder. Ich will keine Ausschreitungen von selbsternannten Rächern.“ Damit durchquerte er die Halle und verschwand.

May Targesis war auf dem Weg zur Bibliothek, als Ordenspriester Orethar ihn einholte.
„Auf ein Wort, Targesis?“ Argerius Orethar klang lauernd.
„Ich habe Euch nichts zu sagen, Hexenmeister“, erwiderte der Captain der zweiten Kompanie und setzte demonstrativ seinen Weg fort. Orethar versperrte ihm den Weg.
„Hütet Eure Zunge, Targesis, oder es wird mir eine Freude sein, sie Euch heraus zu schneiden.“ Er packte den etwa gleich großen Astartes am Kragen und schob seinen verbrannten Schädel ganz dicht vor den seinen, sodass May die widerlichen Ausdünstungen entzündeten Gewebes in die Nase schlugen. „Hat Euch Euer loses Mundwerk nicht einst die da eingebracht?“ Er bohrte mit dem Zeigefinger der anderen Hand in die Narbe, die über Stirn und Wange das Gesicht von May Targesis zierte.
„Und welchem Eurer Charakterzüge“, entgegnete der Captain hämisch, „habt Ihr Euer Aussehen zu verdanken, alter Meister?“
Mit einem verächtlichen Schnauben ließ Orethar vom Captain ab. „Ich habe ein Auge auf Euch, Targesis. Bestellt dem ersten Iterator meinen Gruß, wenn ihr Euch wieder eurer okkulten Literatur zuwendet“, fügte er im Gehen hinzu. May rieb sich die Narbe in seinem Gesicht, als müsse er die Berührung des Ordenspriesters abwaschen.


Die dunkle Gestalt saß auf einem schlichten Schemel in einer Kammer. Der Eingang war von innen dürftig verriegelt. Unter dem fahlen Licht einer Öllampe war sie über ein altes, fauliges Buch gebeugt und kritzelte mit einer Feder, die in blutroter Tinte schrieb, Namen hinein.
„Galen Austin“ … „Remona Whay“ … „Ferdinand“ wie hieß der alte Kerl doch gleich? Kable, Gable, Gouble? Er schrieb alle drei Versionen nieder und hielt inne. Seine Narbe schmerze wieder und er begann daran herum zu kratzen, bis er sich zwingen musste, die Hand weg zu nehmen. Verfluchtes Ding. Ein Grinsen verzerrte sein Gesicht „Argerius Oreth“… - er nahm die Feder vom Papier. Nein, nach der Szene von heute wäre das einfach zu riskant gewesen. Jeder Servitorknecht würde ihn entlarven können. Ihn würde er sich bis ganz zum Schluss aufheben. Er strich den Namen durch und klappte das Buch zu. Eine faulige dämonische Fratze grinste ihn vom ledernen Einband aus an. Die Narbe pochte noch immer, aber er fühlte sich besser. Neue Kraft durchströmte seinen Körper. Vorerst. In ein schmieriges Tuch gewickelt verstaute er das widerliche Buch wieder in seinem Versteck und wischte sich die klebrigen Hände ab. Wie viele Jahre hatte er gewonnen? Zehn, vielleicht zwanzig? Das war nicht genug, bei weitem nicht. Dieses elende Mal ließ das Leben allmählich schneller durch seine Finger rinnen, als er es zu nehmen vermochte.


„Du wolltest mich sprechen Argerius?“ Lord Commander Dorian Oath stand am Geländer einer Aussichtsplattform, von der aus man bis tief in die Eingeweide des Schiffes bis hinunter in die Maschinendecks gucken konnte. Die Luft war erfüllt vom tiefen Summen der gewaltigen Maschinen.
„Dorian, alter Freund. In der Nacht nach der vorgestrigen Versammlung sind fünfzehn weitere Crewmitglieder ums Leben gekommen. Letzte Nacht waren es noch neun. Alle krank oder von hohem Alter mit geringer Lebenserwartung. Die Zahl der Opfer schrumpft beträchtlich und es sind solche, die nicht verdächtig wirken. Man weiß, dass man Staub aufgewirbelt hat!“
„Das lässt den Schluss zu“, bemerkte Dorian traurig, „dass der Täter einer unserer Brüder sein könnte oder zumindest mit einem von ihnen korrespondiert.“
Der Lord Commander sah in das zerstörte Gesicht seines Kameraden. Obgleich so wenig übrig geblieben war, um darin zu lesen, vermochte er zu erkennen, was im Kopf des Ordenspriesters vorging. „Ihr habt einen Verdacht?“
„Nichts was über mein überreiztes Misstrauen hinausgeht. Nicht genug, um einen Schwertbruder des Mordes zu bezichtigen, Dorian.“
„Dein Bauchgefühl ist mir mehr wert, als so mancher Beweis. Aber wenn es ein Astartes ist, der für das Töten verantwortlich ist, sind wir möglicherweise ebenso im Visier wie der Rest der Crew. Du begibst Dich in Gefahr mein Freund. Was, wenn die Opfer weniger werden, weil der Täter sein Ziel fast erreicht hat? Was, wenn wir nur noch ein paar wenige beklagen müssten, bist wir es ausgesessen hätten?“
Orethar wich einen Schritt vor ihm zurück.
„Es betrübt mich, so etwas von Dir zu hören. Es ist nicht Deine Art, ein Problem auszusitzen, Du hast es stets bei der Wurzel gepackt und herausgerissen. Ist es der Möglichkeit wegen, jemanden aus den eigenen Rängen richten zu müssen? Wir haben schon immer unser Leben in die Waagschale geworfen. Ob auf dem Schlachtfeld oder den dunklen Korridoren dieses Schiffes macht für mich keinen Unterschied. Ich finde den Übeltäter, ganz gleich ob Freund oder Feind!“
„Du hast Recht.“ Oath sah angestrengt aus. Er sprach leise, kraftlos, obwohl niemand sonst hier war, der sie hätte hören können.
„Unnachgiebigkeit war schon immer Deine größte Stärke.“ Er rang seinen trockenen Lippen ein anerkennendes Lächeln ab. „Tapferkeit, Ehre, Treue.“ sprach er das Leitmotte des Ordens und verließ das Observationsdeck.
„Tapferkeit, Ehre, Treue.“ murmelte Argerius Orethar in die Stille.


Wie ein Dämon bewegte er sich durch die Schatten. Ordenspriester Meister Argerius Orethar, Diener des Imperators, Bruder und heute Richter. In seiner schwarzen Servorüstung verschmolz er mit den Schatten der schwach beleuchteten leeren Korridore. Die Boltpistole gehalftert, das Kettenschwert am Gürtel, die Hand am Dolchknauf, marschierte er klirrend durch die endlosen Decks der ‚Roter Zenit‘ und wahrte den größtmöglichen Abstand zu seinem Ziel. Er war sicher, dass der Astartes seinen Verfolger bemerkt hatte. Doch der Tölpel hetzte nur noch schneller durch die Decks und Orethar folgte dem Hämmern der Schritte durch die verwaisten Schleichwege in Richtung Strategium. Er würde den räudigen Hund auf frischer Tat ertappen! Als die gerüstete Gestalt die eisernen Tore des Strategiums passierte und sich von dort an hart rechts hielt, überkam Orethar eine fürchterliche Ahnung. Sie steuerten direkt auf die abgeschiedenen Privatgemächer des Lord Commanders zu. Der Ordenspriester bemühte sich, den Abstand zwischen ihm und seinem Ziel zu verringern, er durfte nicht zu spät kommen! An der Ecke vor dem letzten Korridor, einer Sackgasse, stutze er, als sich die Gestalt nicht der Schleuse der Gemächer, sondern dem Ende des Ganges näherte, wo eine korrodierte Stahltür zu einer kleinen Trophäenkammer führte. Ohne inne zu halten sprintete der Rumtreiber die letzten fünf Schritte bis zur Tür und trat sie ein. Keinen Herzschlag später drang er in die Kammer ein. Argerius löste sich aus seiner Erstarrung und rannte den Gang hinab, dem Astartes mit dem unverkennbaren Irokesen-Schopf hinterher, und zog seine Boltpistole.
Von drinnen ertönte ein Schrei. „Der alte Bücherwurm hat es ausgespuckt!“ Ein Schuss, Blut spritze aus der eingetretenen Türöffnung, etwas fiel krachend zu Boden. Stille. Der Ordenspriester stürmte durch die zerstörte Schleuse und erstarrte. Die Kammer war schwach beleuchtet. Die einst prachtvoll ausgestellten Trophäen und Kleinods waren achtlos beiseite geräumt worden. In der Mitte standen ein hölzerner Schemel und ein Tisch, an den sich mühsam ein alter Astartes lehnte. Auf dem Boden vor ihm lag May Targesis. Der Schuss hatte ihm gegolten und ihn mitten ins Gesicht getroffen. Er war tot. Ungläubig starrte Orethar seinen Widersacher an, der ein fauliges Buch an seinen Leib presste und noch immer die Boltpistole, aus deren Mündung die letzten Rauschschwaden wichen, auf den Eingang gerichtet hielt.
Der Ordenspriester fand als erster seine Stimme wieder: „Mit Euch hätte ich nicht gerechnet alter Mann.“ Er machte keine Anstalten seine Waffe zu heben, er würde zu langsam sein. „Lange habt Ihr diesem Schiff gedient, ich hielt Euch für einen der ehrbarsten. Unumstößlich in Überzeugung und Stolz. Welcher Abscheulichkeit habt Ihr Eure Seele verkauft?“
Den fauligen Atem, als der Alte den Mund öffnete, konnte Orethar noch auf diese Entfernung wittern. Die eingefallenen Wangen und die schlaffe, faltige Haut wippten bei jeder Lippenbewegung.
„Manchmal, alter Meister, muss der Stolz überwunden und Ehre über Bord geworfen werden, damit man die Chance hat seine Überzeugungen umzusetzen. Es ist eine erkaufte Chance, doch ich nehme sie wahr und koste es jedes unwürdige Leben auf diesem fliegenden Sarg! Ich wünschte, Ihr hättet noch eine Weile Euren eigenen Schatten gejagt, aber jetzt lasst Ihr mir keine Wahl, richtig?“


Lord Commander Dorian Oath saß auf dem schwarzen Thron im Strategium, das nun von unzähligen Fackeln hell erleuchtet war. Die Offiziere waren versammelt und es herrschte trübe Stimmung. Oath richtete das Wort an die Astartes.
„Meine Brüder, wie sich herumgesprochen hat, sind Meister Argerius Orethar und Captain May Targesis letzte Nacht einem heimtückischen Anschlag zum Opfer gefallen. Sie haben den verräterischen Mörder gemeinsam aufgespürt, doch dieser nahm sich in Ohnmacht gegen diese zwei ehrbaren Astartes das Leben und riss sie in seiner Feigheit mit in den Tod. Ich habe veranlasst, dass der Leichnam des Wahnsinnigen verbrannt wird und unsere heldenhaften Brüder ohne das unehrenhafte Gewühl in ihren sterblichen Überresten im All beigesetzt werden.“ Trotz hängender Köpfe gab man den Schwertbrüdern in kleinem Kreise die letzte Ehre, rezitierte den Ordensleitsatz „Tapferkeit, Ehre, Treue“ und gedachte schweigend der Gefallenen. Der Lord Commander konnte nicht länger bleiben. Die faulige Narbe in seinem Nacken juckte unerträglich, während sie wuchs und er spürte, wie die geliehene Lebenskraft wieder aus seinen gebrochenen Knochen wich. Überzeugung war in der Tat ein teures Gut…
 
Grundsätzlich finde ich die Idee eines Space Marine-Krimis gut. Gleichwohl weist die handwerkliche Umsatzung gewisse Defizite auf. Die ganze Geschichte wirkt auf mich irgendwie unrund, und obwohl sie schöne Elemente hat, verhindert die Holprigkeit, dass sie sich bei mir einen Favoritenplatz erobert. Besonders das Ende lässt mich stirnrunzelnd zurück. Habe ich es richtig verstanden, dass der Lord Commander der Täter ist? Dann verstehe ich allerdings nicht, warum im Augenblick der Konfrontation sowohl er als auch der Ordenspriester einander mit "Ihr" und "Euch" anreden, obwohl sie im Abschnitt zuvor per Du sind. "Alter Meister" wirkt auch irgendwie deplatziert. So würde ein jüngerer Odernspriester seinen Ausbilder anreden, nicht ein Lord Commander den ihm unterstellten Ordenspriester. Am wenigsten begreife ich allerdings, warum der Captain den Ordenspriester als "Hexenmeister" tituliert. Irgendwie beschleicht mich bei alledem das Gefühl, dass hinter der ganzen Geschichte mehr steckt, aber dass es der Autor irgendwie nicht geschafft hat, zu mir durchzudringen. Ich werde nicht schlau draus. Ist der ganze Orden dem Bösen verfallen und alles nur eine Scharade? Fragen über Fragen...
 
1. Eindruck.

Die Idee war für mich mal was Neues. Die Haupthandlungspersonen waren auch recht gut ausgearbeitet - den Ordenspriester fand ich beispielsweise gelungen beschrieben.
Sprachlich waren ein paar Unzulänglichkeiten.
Aber am schlimmsten für mich war als Leser, dass ich am Ende nicht mehr so wirklich folgen konnte. Ich habe es so verstanden, dass der Lord Commander sich irgendwie mit dem Chaos verbundet hat, um weiter Leben zu können. Und dazu braucht er die Lebenskraft von anderen. Ich hoffe das habe ich so richtig verstanden. Weil ich kann mir nicht so recht den Reim auf den "alten Bücherwurm" machen. Die Szene im Trophäenraum ist für mich ein wenig verworren.

Wie gesagt, da fühlte ich mich nicht richtig abgeholt vom Autor. Ist aber auch erstmal nur der erste Eindruck.
 
Gute Handlung, mittelmäßige Umsetzung.
Die Figur des Ordenspriesters gefällt mir, wohingegen ich zu Beginn eine stereotype Space Marine Geschichte befürchtete. Glücklicherweise wurde ich dann doch positiv enttäuscht. Ein Krimi ist dies in meinen Augen nicht, eher eine sogenannte Mystery- Geschichte.
Die Lebenserhaltung des Ordensmeisters hat zweifelsohne Anlehnungen an Death Note (unerheblich, ob der Autor DN jetzt kennt oder nicht). Den jungen Captain als Täter zu nehmen wäre sicherlich zu einfach, dass es letztlich der Ordensmeister ist, war zwar relativ schnell in der Geschichte als eine Möglichkeit aufgetreten, aber es war mitnichten vorhersehbar oder offensichtlich. Das Ende wirft bei mir die Frage auf, ob der Ordensmeister irgendwie einen Köder kontrollieren konnte, oder aber ob es der Ordensmeister war und der Ordenspriester in der verwesenden Gestalt des Ordensmeisters etwas bekanntes erkennen konnte. Die Diskontinuität der Anreden zwischen den beiden wichtigsten Figuren wäre in zweitem Fall zwar ein Kritikpunkt, aber eher ein formaler, als ein inhaltlicher.

Und um der Subjektivität jeder Bewertung gerecht zu werden: Inhalt überwiegt in meiner persönlichen Wertungspraxis der Form etwas im Verhältnis 3/4 zu 1/4.

Demnach eine gute Geschichte, abhängig von der Konkurrenz mit Tendenz zu sehr gut.
 
Diese Geschiche hat tatsächlich etwas von einem Krimi mit Inspektor, Autopsieberichten und Katz-und-Maus Spielen. Leider werden hier dir Zusammenhänge nicht immer ganz klar. Es gibt drei Hauptcharaktere, die sich irgendwie untereinander nicht ganz grün sind und irgendwie doch und dann tauchen noch Begebenheiten auf, die für mehr Verwirrung als Klarheit sorgen.
Was macht der Irokese in der Bibliothek? Welche Rolle hat dieser Iterator dort und ist er der erwähnte "Bücherwurm"? Wer verdächtigt eigentlich wen?
Bei den ganzen wichtigen und unwichtigen Personen ist auch gegen Ende nicht klar, wer nun in dieser Kammer erwischt wurde. Von einem alten Mann ist auch hier
Der Captain der siebten Kompanie, ein alter Veteran mit faltigem, kahlem Kopf
die Rede, doch es scheint klar zu sein, dass der Lord Commander hinter allem steckt. Warum aber spricht der Ordenspriester diesen dann nicht wie gewohnt an?

Die Analogie zu Death Note sticht wirklich ins Auge.

Die Geschichte kratzt ganz schön eng an das 3000 Worte Limit. Etwa 500 mehr hätten vielleicht geholfen, das Chaos zu ordnen. So wirkt die Geschichte wie ein Bild, das in einen zu engen Rahmen gepresst wurde.
 
Öhm... hm... jaa... hmmm...
Kommen wir zu meiner letzten Bewertung...
Ich weiß ehrlich gar nicht so genau, was ich zu der Geschichte sagen soll, weil sie mich ein bisschen hat aufm Pier stehen lassen und ohne mich in die Ferien gefahren ist, aber...
Also zunächst, ich musste auch direkt an Death Note denken, damit wären wir wohl schon drei im Bunde. Sprachlich ist die Geschichte ansonsten gut ausgearbeitet, es gab keine größeren Stolpersteine und Fallgruben, auch wenn sie teilweise vielleicht ein bisschen farblos war.
Der Anfang ist sehr, sehr spannend gestaltet, man fragt sich gleich, was da denn abgeht, mir ist aber schon beim Lesen aufgefallen, dass da die Einführung (als pure Schilderung der Situation) mit gut der Hälfte deutlich zu lang ist. Logisch, dass am Ende kein Raum mehr bleibt, um alles vernünftig auszugestalten. Ich denke, dass hätte man trotz Wortlimit besser umsetzen können.
Ich bezeichne das Konzept jetzt mal als Thriller und da nur drei Charaktere ausgearbeitet waren, war für mich irgendwie im Vorfeld schon klar, dass der Lord Commander der Bösewicht ist. Trotzdem war mir jetzt nicht ganz klar, wieso die irgendwie alle mit okkulten Büchern rumrennen, sich gegenseitig Hexenmeister, Bücherwurm und sonst was schimpfen. Es bleiben sehr viele offene Fragen über und ich stimmte Ominus zu, hier hätten sich 500 Wörter mehr sicher gut gemacht.
Den oft angekreideten Part des Aufeinandertreffens Orethar und Lord Commander muss ich leider teilen... es passt einfach nicht, dass sie untereinander von du zu ihr wechseln und er ihn plötzlich mit alter Mann anspricht, obwohl im Vorfeld irgendein anderer Space Marine mit Alter Mann tituliert wird.
Dennoch ist die Geschichte spannend und gut geschrieben und würde sie nicht so plötzlich abreißen, beziehungsweise so schnell auslaufen, wäre hier auch mehr drin gewesen. Ich bin ja sowieso dafür, den Wettbewerb nächste mal auf 5000 Wörter anzuheben, ich denke mal dann wäre man bei ca. 7 Seiten was auch der Ideallänge einer Kurzgeschichte entsprechen würde. (Habe ich mal gelesen, obwohl ich die Einordnung schwierig finde.)
Wie auch immer. 😉 Ich denke der Autor bekommt von mir für seine Geschichte stabile 4 Punkte, aber ich werde alle anderen noch einmal lesen und dann schauen...
 
Ich glaube, diese Geschichte hat durch das Wortlimit gelitten. Ich würde es absolut begrüßen, wenn der Autor diese Story nochmal in einem längeren Rahmen neu erzählt, auch wenn die Pointe für die Leser des Wettbewerbs natürlich schon verraten ist. Besonders die Stelle mit der dunklen Gestalt, die sich fast dafür entscheidet, den Ordenspriester ins Buch aufzunehmen, ist an der Stelle derart aggressiv offensichtlich zur Irreführung gedacht, dass es wehtut.
Auch wechselt die Höflichkeitsebene mitten in der Geschichte von der Ihr-Ebene auf die Sie-Ebene. Das hat mich total aus der Geschichte gerissen und über die korrekte Form nachgrübeln lassen.
Dennoch war es spannend zu lesen, wer denn letztendlich der Schuldige ist. Mangels Fluffkenntnis konnte ich den Space-Marine-Orden leider nicht identifizieren.
 
Mangels Fluffkenntnis konnte ich den Space-Marine-Orden leider nicht identifizieren.

Auch für mich als Space Marine kundigen fällt hier kein besonderes Ordensmerkmal auf. Könnte jeder Orden sein, wahrscheinlich aus den Linien der Ultramarines oder Imperial Fists. Aber das war dem Autor sicher nicht so wichtig. Letztlich hätte es jeder Orden getan.
(Es könnten allerdings mit etwas Wahrscheinlichkeit Black Templar oder ähnliche Brüder sein, denn sie bewegen sich ja mit einem Raumschiff über lange Zeitperioden durch Imperium und irgendwo in der Geschichte fiel das Wort "Kreuzzug")
 
In der Tat eine sehr schön Geschichte. Hat mir sehr viel Spaß gemacht, da mitzulesen und mitzufiebern.

Dass die Sprache nicht immer ganz glatt war, wurde ja schon bemängelt. Ging aber eigentlich noch. Mir fehlten auch an vielen Stellen klare Hinweise, wer jetzt redet. Vielleicht beabsichtigt, um das Ganze noch verwirrender zu machen, vielleicht auch dem Wortlimit geschuldet. Dennoch schade. Ein bisschen mehr Klarheit an einigen Stellen hätte gutgetan.

Mich stören vor allem zwei Punkte:
1. Das Buch. Mir ist das Ganze als Mordwerkzeug einfach zu übermächtig. Einfach eine beliebige Anzahl Namen in das Buch eintragen und schon fallen die um? Und es gibt keine Möglichkeit, den Täter zurückzuverfolgen, bzw. für die Opfer gibt es keine Chance, sich zu wehren? Mag ja in manchen größeren Ausmaßes Geschichten passen, für einen "Krimi" oder eine Geschichte wie diese ist es einfach zu hart. Da hätte man sich etwas Direkteres einfallen lassen können.
2. Die unmittelbar darauf folgende Frage, wie denn der Irokesen-Typ nun eigentlich dem Commander auf die Spur gekommen ist. Anscheinend hatte der auch irgendwas mit okkulten Büchern am Hut. Nunja, etwas zu merkwürdig für meinen Geschmack. Mir hätte eine richtig schöne Überführung des Mörders besser gefallen, auch wenn das in 3000 Wörtern vermutlich echt schwer wird.

Also alles in allem hat die Geschichte mir trotz vieler Unklarheiten gefallen, besonders da die Auflösung bis zum letzten Satz konsequent unklar gehalten wurde. 4 Punkte.
 
1. Das Buch. Mir ist das Ganze als Mordwerkzeug einfach zu übermächtig. Einfach eine beliebige Anzahl Namen in das Buch eintragen und schon fallen die um? Und es gibt keine Möglichkeit, den Täter zurückzuverfolgen, bzw. für die Opfer gibt es keine Chance, sich zu wehren? Mag ja in manchen größeren Ausmaßes Geschichten passen, für einen "Krimi" oder eine Geschichte wie diese ist es einfach zu hart. Da hätte man sich etwas Direkteres einfallen lassen können.

Ist dir Death Note kein Begriff?
 
Ist dir Death Note kein Begriff?

bisher nicht.
Nach kurzer Aufbesserung meines Kenntnisstandes: Gut, die Idee stammt aus einer Manga-Serie. Das unterstützt aber nur meine Aussage: Für eine Geschichte größeren Ausmaßes (von der Länge und den inhaltlichen Dimensionen) mag das passen, hier ist es zu mächtig und führt ja auch nur dazu, dass die Auflösung recht unspannend vonstatten geht. (indem der Täter von nicht-pov Charakter "irgendwie" erkannt wird)
 
Bei der Geschichte hier würde mich eine finale Stellungnahme des Autors sehr interessieren. Was hat er sich dabei gedacht?
Was ist warum passiert? Der Lord Commander scheint der Böse zu sein, aber warum haben die alle okkulte Bücher und nennen sich gegenseitig Hexenmeister etc. War Ominus tatsächlich von Deathnote inspiriert?
 
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