Das schrille Heulen der Alarmsirene riss ihn unsanft aus dem Schlaf. Er ächzte und murrte etwas vor sich hin, bevor er langsam innerlich bis fünf zählte. Nun begann der Krach auf den Fluren und das laute Brüllen von Befehlen war zu vernehmen. Noch immer trunken vor Schlaf zählte er erneut bis fünf, griff nach seinem Kissen und schleuderte es in Richtung Tür. Wie beinahe jeden Morgen in der vergangenen Zeit traf er seinen Assistenten am Kopf und zwang diesen so zu einem taktischen Rückzug. Kurz nach dem Aufwachen war er ungenießbar, vor allem an Morgen wie diesem. Sie kamen einfach zu häufig vor. Sein Assistent wusste dies nur zu gut, war die Platzwunde an seiner Stirn doch noch immer nicht gänzlich verheilt. Am Ersten dieser unsäglichen Morgen hatte ihm kein Kissen, sondern viel mehr ein Wasserkrug sein stürmisches Eintreten beantwortet. Und doch platzte er jedes mal erneut in das Zimmer seines Chefs, wenn der Alarm losging, um nach dem Rechten zu sehen. Wenigstens war er pflichtbewusst, dachte sich der Schlafende und hatte daher wohl auch auf den Wasserkrug verzichtet. Aber dieser unnütze Alarm, der mindestens vier oder fünf mal die Woche wie eine urbaner Hahn zu den unmöglichsten Zeiten aufjaulte, bereitete ihm im wahrsten Sinne des Wortes stetig mehr und mehr Kopfschmerzen. Doch es half nichts. Er wusste, dass er bereits erwartet wurde. Mühselig und mit steifen Gliedern quälte er sich in eine sitzende Lage und rieb sich die Augen.„Maaaaarcuuuus“, brüllte er mit erwachter Kraft und altem Ärger.
Prompt öffnete Marcus die, aus einem einzigen massiven Stück Nalholz gefertigte, Tür und seine kleine, hagere Gestalt huschte wie ein Schatten hinein in den dunklen Raum.
„Soll ich Licht machen, Herr?“, fragte er leise und versuchte sich dabei so wenig wie möglich zu bewegen, um seine Position nicht zu verraten. Nicht das der Wasserkrug doch noch einmal flog.
„Ja bitte Marcus. Und verzeih mir die erneute Attacke, aber dieser Alarm macht mich noch wahnsinnig. Ich stehe auf, ich gehe zu den anderen in den Saal, sie haben noch vor meiner Ankunft festgestellt, dass es ein erneuter kleinerer Aufstand war und ich bin wieder einmal viele Stunden zu früh aufgestanden für eine Erkenntnis, die jeder noch so primitive Servitor in diesem Haus erbringen könnte.“ Marcus schwieg, wusste er doch, dass keine Antwort erwartet wurde. Stattdessen aktivierte er die Raumbeleuchtung und suchte die Kleidungsstücke seines Herrn zusammen. Wie jeden Morgen lagen sie quer im Raum verteilt und waren teils sehr großzügig mit Alkohol getränkt.
Seit sie auf dieser Welt waren, hatte sich sein Alkoholkonsum drastisch erhöht. Und mit jedem Tag, den sie länger hier blieben, wurde es schlimmer. Marcus fragte sich oft, wie lange der Körper seines Herrn das noch mitmachen würde. Vor allem, da er kaum aß und durch die ständigen Alarme wenig Schlaf bekam. Nur noch ein Schatten seiner selbst, ja seiner einstigen Größe. Marcus dachte daran zurück wie er den großen Gregorian Than kennen gelernt hatte und in seine Dienste getreten war.
Er selbst war ein Architekt mit hervorragendem Abschluss, aber sein Herr und Lehrer blieb unerreicht. Im ganzen Imperium war er bekannt für seine hervorragende Kriegsarchitektur. Ausgebildet von den besten Lehrmeistern auf Terra. Sogar Vertreter der Imperial Fists sollen dazu gehört haben. Und auch wenn man sich viel erzählte, so war sich Marcus doch in jedem Fall der absoluten Kompetenz Than's sicher. Doch dieser Mann schien kaum noch zu existieren, verschwand immer mehr in einem Nebel aus Amasec und Depressionen.
Seit zwei Jahren waren sie nun hier. Zwei verdammte Jahre. Gregorian hatte diesen Planeten so dermaßen satt. Die felsige Einöde durchbrachen nur die Makropolen, die sich wie Oasen aus Beton und Stahl aus dem staubigen Boden erhoben und gen Himmel reckten. Denn unter der roten Erde verbargen sich gigantische Ölvorkommen, die den Planeten nicht nur ungeheuer wichtig für den Sektor und das Imperium, sondern auch zu einem Ziel mit Leuchtreklame für dessen Feinde machten. Und wer könnte diesen Planeten besser befestigen für das, was auch immer kommen möge, als der gefeierte Architekt Gregorian Than. Hätte er doch abgelehnt. Seine Karriere einfach beendet. Unzählige Welten hatte er befestigt. Hatte sie stark gemacht gegen die Feinde des Imperators. Doch nie hatte er erleben können, wie sich seine Bauwerke tatsächlich schlugen. Kaum war er mit den Arbeiten fertig, schleppte ihn das Departmento Munitorum zu einer neuen Welt, die betoniert werden sollte. In ihm erwachte mehr und mehr eine Art Sehnsucht nach Krieg, einer Bewährungsprobe für ihn und seine monumentalen Kreationen aus Beton und Stahl. Er wollte Bestätigung für seine Arbeit, wollte einen Sinn für seine Arbeit. Für was waren Festungen gut, wenn niemand sie belagerte? Und je mehr er sich in dieser Sehnsucht verlor, umso mehr verblasste dabei das Sehnen. Übrig blieb die nur die Sucht nach Bestätigung. Anerkennung hatte er genug, doch wofür? Die meisten seiner Festungen überdauerten die Kriege unangetastet. So sehr hatte er gehofft, dass sich dies in diesem Sektor endlich ändern würde. Doch die Alarmsirene war der einzige Feind den er gefunden hatte.
„Wann hört denn diese verdammte Sirene endlich auf“, brüllte er und erhob sich von seinem Bett.
Gregorian war ein großer Mann, schlank gebaut und sein Gesicht hatte gewisse Züge, die seine Betrachter sofort an einen Adligen denken ließen. In jungen Jahren hatte er viele Frauen gehabt, die sowohl von seiner Prominenz als auch von seinem Aussehen angetan waren. Doch auch dies war mit jeder neuen Welt geschwunden. Jetzt war der Amasec seine Geliebte. Nicht mehr lange und er würde den Lauf einer Laserpistole im Mund stecken haben. Seinen genialen Verstand könnte sie von den Wänden kratzen, seinen leblosen Körper aus den leeren Flaschen ziehen. Das Ende einer Legende, die nie eine seien wollte.
„Herr? Alles in Ordnung mit Euch?“ Mit seiner Stimme riss Marcus ihn aus den Gedanken. Viel zu oft saß er so grübelnd da, befand der Diener. Er reichte dem Architekten frische Wäsche und machte sich daran, dass Zimmer aufzuräumen. So gut es ging versuchte er das Übel vor den anderen im Haus zu verbergen. Niemand sollte sich über den großen Architekten das Maul zerreißen. Das dies bereits der Fall war verdrängte er erneut mit Arbeit. Traurig sah er Gregorian hinterher, als dieser über einige Flaschen stieg und sein Zimmer Richtung Großer Saal verließ. Wie lange konnte das noch gut gehen?
General Mikan Hgan war ein fetter Nichtsnutz. Befördert von befreundeten, bestochenen und ebenfalls nutzlosen Personen, die über zu viel Macht verfügten. Unbekümmert und mit einem großen Pokal voller Amasec saß er da auf seinem Sessel und starrte in die Leere der Wände.
Major Jhun hasste ihn. Er hasste alles, für was er stand. Korruption, Feigheit, Disziplinlosigkeit und noch viele weitere Dinge, für die er ihn am liebsten erschossen hätte. Aber Jhun war ein Soldat und Offizier durch und durch. Er vergaß niemals seine Pflichten, niemals seinen Anstand, niemals verlor er die Beherrschung. Seine Wut kochte innerlich. Von Außen blieb er immer der große, muskulöse Mustersoldat, der wie ein massiver Berg nicht zu versetzen war. Weder psychisch noch physisch. Er hatte seine Karriere als Sergeant bei den Gardisten angefangen und war schnell auf Grund besonderer Leistungen aufgestiegen. Feldbeförderungen hatten ihn dann in die Ränge der Offiziere gebracht. Um mehr Leistung zu bringen wollte er, harte Schweinehunde, wie er einer war, ausbilden und an vorderster Front wichtiger Einsätze stehen. Bei seinen Männern. Wie dumm er doch gewesen war. Der Schreibtisch war sein Schlachtfeld, die Bürokratie sein Feind. Nur selten konnte er wenigstens die Manöver der stationierten Einheiten beobachten. Unzählige Male hatte er den General darum gebeten versetzt zu werden. Viele ungelöste Versprechen hatte er bekommen, wohl wissend, dass Hgan sich nicht einmal darum bemüht hatte. Diesem elenden Fettsack war einfach alles egal. Seine größten Sorgen waren der Nachschub an Alkohol und Essen. Er hatte sogar begonnen zivile Lieferungen umzuleiten. Dabei war die Versorgung ohnehin schon schwierig, da nicht nur das wertvolle Öl, sondern auch die meisten Lebensmittel abtransportiert wurden, um die kämpfenden Einheiten im Nachbarsektor zu unterstützen. Der fast tägliche Alarm bewies, dass die Bevölkerung über diesen Umstand langsam aber sicher verärgert war. Hgan hatte ihm gesagt, er solle den Alarm doch einfach abstellen und auch die anderen Teilnehmer der Krisensitzungen hatten diesem Rat munter zugestimmt. Doch Jhun nahm seine Pflichten ernst und zum Glück war es dem General vollkommen egal, wo er besoffen war.
Gregorian wusste nicht, wer ihn mehr nervte. Der plumpe fette General, dessen Name er sich nicht merken konnte oder vielleicht sogar nicht wollte oder aber die Schrankwand von einem Major, der jeden Morgen so aussah, als er sei mit seiner Uniform frisch aus der Wäscherei gekommen. Und dann war da noch Heresh von Ghun, ein hohes Tier des Departmento Munitorums und damit einer seiner „Reiseleiter“. Von Ghun war ein Mann mittlerer Statur, mit mittlerem Aussehen und mittlerem Charakter. Ein Jedermann und somit ein perfekter Vertreter des Munitoriums. Für ihn hatte der Architekt eine Neigung entwickelt, die von entnervt langsam zu verhasst wanderte und mit jedem Tag stärker wurde. Hin und wieder bevölkerten noch andere Personen den Konferenzsaal, wie der hiesige Vertreter des Adeptus Mechanicus. Vor zwei Wochen war sogar ein Vertreter der Astartes anwesend gewesen, um die Treibstofflieferungen für seine Flotte zu bestätigen, da es in der Logistik zu einer Fehllieferung gekommen war. Das allerdings passierte in letzter Zeit häufiger, da sich die Unruhen innerhalb der Bevölkerung allmählich auch auf die Fabriken und ihre Arbeiter auswirkten. Begonnen hatte es ungefähr vor einem Jahr mit kleineren Aufständen. Danach waren immer wieder Streiks und größere Unruhen ausgebrochen. Dazwischen hatten sich einige kriminelle Banden und kultische Sekten eingenistet und die allgemeine Unzufriedenheit und das Chaos genutzt. Auf letztere machte seit etwa zwei Monaten einen Vertreter des Ordo Hereticus Jagd. War er anfangs noch regelmäßiger Teilnehmer der Konferenzen gewesen, hatte man weder ihn noch jemand aus seinem Team seit drei Wochen überhaupt gesehen. Major Jhun hatte auf eine Frage diesbezüglich seitens von Ghuns lediglich gesagt, der Inquisitor wäre bei einem Einsatz und mehr könne er nicht sagen. Gregorian war dabei nicht verborgen geblieben, dass in der Stimme des Majors eine deutliche Spur von Neid gelegen hatte. Doch wer konnte es ihm verdenken. So wie Gregorian seine Festungen in Aktion sehen wollte, so dürstete es den Major selbst in Aktion zu treten. Er war wie ein Raubtier, das zu lange in einem Käfig saß. Fürchtend, dass er irgendwann glasige Augen bekäme und seinen Antrieb verlieren würde. Es war eine Sehnsucht nach Krieg. Doch auch hier verschwand zunehmend das Sehnen und die Sucht selbst manifestierte sich durch tägliche Routinen, die einen wilden Geist besänftigen sollten, der früher oder später an seinem Gefängnis zerbrechen oder dessen Ketten sprengen würde. Was für alle Beteiligten die bessere Option darstellte, vermochte Gregorian nicht zu sagen.
„Willkommen zur heutigen Sitzung“, eröffnete Major Jhun die Runde, während sein Adjutant, ein gewisser Leuntant Lona, Datentafeln verteilte. „Wie sie den Daten entnehmen können, gab es heute in den frühen Morgenstunden erneute Übergriffe auf die Raffineriekomplexe Vier bis Acht. Die Rebellen, wir haben uns entschlossen an dieser Stelle nicht länger von Aufständischen zu sprechen, haben bei ihrem Angriff massive Schäden an den Systemleitungen hinterlassen und die Komplexe Fünf und Sieben damit für nähere Zeit außer Betrieb gesetzt. Ich muss sicherlich nicht ausschweifend erklären, dass wir uns damit an einem Wendepunkt befinden. Wir müssen härter durchgreifen und die Rädelsführer finden und ausschalten. Begegnen wir diesem Verrat länger mit Diplomatie und Beschwichtigungen, laufen wir Gefahr die Kontrolle zu verlieren. Ich möchte daher nicht nur unsere Einheiten einsetzen, sondern darüber hinaus auch den Inquisitor bitten, sich der Verfolgung der Führungselemente zu widmen.“ Mit Abschluss seiner Rede blickte der Major zum General, da er von ihm zumindest eine kleine Bestätigung erwartete. Hgan hingegen war gerade auf sein üppiges Frühstück vertieft und schaute überrascht auf, als der Major sich bewusst laut räusperte. „Was? Ähm ja natürlich leiten sie alles in die Wege Major. Wie immer vertraue ich ihrem Urteil voll und ganz.“ Die Letzten Worte vergingen in einem Schmatzen und Schlürfen.
Gregorian hätte beinahe aufgelacht auf Grund dieser monumentalen Zurschaustellung von Inkompetenz und Desinteresse. Major Jhun hingegen ballte seine Fäuste und nickte lediglich. Seine Wut musste immens sein, wenn er sich zu solch einer körperlichen Reaktion hinreißen ließ.
„Sie können natürlich mit unserer vollständigen Unterstützung rechen“. Heresh von Ghun stand auf und begab sich zum Major. „Wir sollten vielleicht...“. Das Flackern der Lichter ließ ihn inne halten. Selbst der General sah von seinem Essen auf. Dann brach die Hölle los. Der gesamte Stabskomplex wurde von massiven Erschütterungen durchzogen und verwandelte sich in einen Alptraum aus Explosionen und herabstürzenden Trümmern.
Ächzend kam Gregorian zu sich. Er spie schwarzen Schleim aus und versuchte tief einzuatmen. Qualm durchflutete seine Lungen und ließ ihn erneut röcheln. Der Saal stand in Flammen, in der Decke klaffte ein enormes Loch. „Sie leben ja noch“, hustete eine Stimme neben ihm. Gregorian drehte sich zur Seite und erblickte von Ghun, der auf allen Vieren zu ihm krabbelte. „Kommen sie wir müssen hier raus.“ Hinter von Ghun kämpfte der Major mit der Schaltkonsole der Tür. Vermutlich war sie zerstört worden. Gregorian ließ sich aufhelfen und betrachtete das Chaos.
Unter einem schweren Stahlträger waren die Überreste des Generals und des Adjutanten auszumachen. Ihre leblosen Körper, so weit man noch von Körpern sprechen konnte, wurden langsam von weiß glühenden Flammen verzehrt. „Los kommen sie“, schrie Jhun, der es geschafft die Tür zu öffnen. „ Der Raum kann jeden Moment in sich zusammenfallen“.
„Was ist denn hier los?“, dachte der Architekt laut. „Wollen wir das wirklich wissen?“, entgegnete ihm von Thun.
In der Fernmeldezentrale herrschte absolutes Chaos. Aber nicht auf Grund unzähliger Meldungen, sondern wegen absoluter Stille. „Bericht“, blaffte Major Jhun als er den Raum betrat. Seine Uniform war an dutzenden Stellen zerrissen und verbrannt.
„Die Kommunikation ist vor fünf Minuten vollkommen zusammengebrochen. Wenige Sekunden später wurde der gesamte Stabskomplex scheinbar von Langstreckenartillerie getroffen.“ Der Stabsoffizier wirkte trotz der Informationen, die er geben konnte, planlos. Ihm gingen die selben Gedanken durch den Kopf wie allen Anwesenden. Wer konnte so plötzlich so massiv angreifen.
Gregorian ließ sich auf einen Stuhl nieder sinken und nahm einen tiefen Schluck aus einer Feldflasche.
Ein statisches Knistern durchbrach die chaotische Stille. Eines der Funkgeräte erwachte zum Leben.
Mehr statisches Rauschen. „Filtern sie das“, wies Jhun den Funker an. „Seltsam, das ist eine zivile Frequenz. Gemeldet für die Systemtechniker der Raffinerien.“ „Viellicht die Rebellen“. Alle starrten auf Gregorian, der noch immer mit der Flasche auf dem Stuhl saß. Er hingegen sah ein merkwürdiges Blitzen in den Augen des Majors. Fast war ihm so, als würde Jhun lächeln.
Das Rauschen verschwand und eine klare Meldung fand ihren Weg in die Fernmeldezentrale.
Eine monotone Botschaft war zu hören und sie breitete sich auf alle Frequenzen aus.
„Versammeln sie die Offiziere. Krisensitzung in fünf Minuten in der Offiziersmesse.“ Jhun erwachte zum Leben. Sein inneres glühte quasi vor Freude. Es war ein makaberes und zugleich tief erfüllendes Gefühl. Und Gregorian fühlte das Gleiche. Seine Sehnsucht hatte ein Ende gefunden, seine Sucht einen Katalysator. Seine Nemesis war gekommen. Die Nemesis aller Architekten. Das Credo hatte ihn zunächst erschreckt, doch dann hatte es sich wie eine süße Symphonie in seine Gedanken gebrannt. Längst waren die Funkgeräte auf andere Frequenzen gewechselt, um die Verteidigung zu organisieren. Doch in Gregorians Kopf hallte noch immer diese Botschaft.
"Eisern im Innern, eisern nach außen!"
Prompt öffnete Marcus die, aus einem einzigen massiven Stück Nalholz gefertigte, Tür und seine kleine, hagere Gestalt huschte wie ein Schatten hinein in den dunklen Raum.
„Soll ich Licht machen, Herr?“, fragte er leise und versuchte sich dabei so wenig wie möglich zu bewegen, um seine Position nicht zu verraten. Nicht das der Wasserkrug doch noch einmal flog.
„Ja bitte Marcus. Und verzeih mir die erneute Attacke, aber dieser Alarm macht mich noch wahnsinnig. Ich stehe auf, ich gehe zu den anderen in den Saal, sie haben noch vor meiner Ankunft festgestellt, dass es ein erneuter kleinerer Aufstand war und ich bin wieder einmal viele Stunden zu früh aufgestanden für eine Erkenntnis, die jeder noch so primitive Servitor in diesem Haus erbringen könnte.“ Marcus schwieg, wusste er doch, dass keine Antwort erwartet wurde. Stattdessen aktivierte er die Raumbeleuchtung und suchte die Kleidungsstücke seines Herrn zusammen. Wie jeden Morgen lagen sie quer im Raum verteilt und waren teils sehr großzügig mit Alkohol getränkt.
Seit sie auf dieser Welt waren, hatte sich sein Alkoholkonsum drastisch erhöht. Und mit jedem Tag, den sie länger hier blieben, wurde es schlimmer. Marcus fragte sich oft, wie lange der Körper seines Herrn das noch mitmachen würde. Vor allem, da er kaum aß und durch die ständigen Alarme wenig Schlaf bekam. Nur noch ein Schatten seiner selbst, ja seiner einstigen Größe. Marcus dachte daran zurück wie er den großen Gregorian Than kennen gelernt hatte und in seine Dienste getreten war.
Er selbst war ein Architekt mit hervorragendem Abschluss, aber sein Herr und Lehrer blieb unerreicht. Im ganzen Imperium war er bekannt für seine hervorragende Kriegsarchitektur. Ausgebildet von den besten Lehrmeistern auf Terra. Sogar Vertreter der Imperial Fists sollen dazu gehört haben. Und auch wenn man sich viel erzählte, so war sich Marcus doch in jedem Fall der absoluten Kompetenz Than's sicher. Doch dieser Mann schien kaum noch zu existieren, verschwand immer mehr in einem Nebel aus Amasec und Depressionen.
Seit zwei Jahren waren sie nun hier. Zwei verdammte Jahre. Gregorian hatte diesen Planeten so dermaßen satt. Die felsige Einöde durchbrachen nur die Makropolen, die sich wie Oasen aus Beton und Stahl aus dem staubigen Boden erhoben und gen Himmel reckten. Denn unter der roten Erde verbargen sich gigantische Ölvorkommen, die den Planeten nicht nur ungeheuer wichtig für den Sektor und das Imperium, sondern auch zu einem Ziel mit Leuchtreklame für dessen Feinde machten. Und wer könnte diesen Planeten besser befestigen für das, was auch immer kommen möge, als der gefeierte Architekt Gregorian Than. Hätte er doch abgelehnt. Seine Karriere einfach beendet. Unzählige Welten hatte er befestigt. Hatte sie stark gemacht gegen die Feinde des Imperators. Doch nie hatte er erleben können, wie sich seine Bauwerke tatsächlich schlugen. Kaum war er mit den Arbeiten fertig, schleppte ihn das Departmento Munitorum zu einer neuen Welt, die betoniert werden sollte. In ihm erwachte mehr und mehr eine Art Sehnsucht nach Krieg, einer Bewährungsprobe für ihn und seine monumentalen Kreationen aus Beton und Stahl. Er wollte Bestätigung für seine Arbeit, wollte einen Sinn für seine Arbeit. Für was waren Festungen gut, wenn niemand sie belagerte? Und je mehr er sich in dieser Sehnsucht verlor, umso mehr verblasste dabei das Sehnen. Übrig blieb die nur die Sucht nach Bestätigung. Anerkennung hatte er genug, doch wofür? Die meisten seiner Festungen überdauerten die Kriege unangetastet. So sehr hatte er gehofft, dass sich dies in diesem Sektor endlich ändern würde. Doch die Alarmsirene war der einzige Feind den er gefunden hatte.
„Wann hört denn diese verdammte Sirene endlich auf“, brüllte er und erhob sich von seinem Bett.
Gregorian war ein großer Mann, schlank gebaut und sein Gesicht hatte gewisse Züge, die seine Betrachter sofort an einen Adligen denken ließen. In jungen Jahren hatte er viele Frauen gehabt, die sowohl von seiner Prominenz als auch von seinem Aussehen angetan waren. Doch auch dies war mit jeder neuen Welt geschwunden. Jetzt war der Amasec seine Geliebte. Nicht mehr lange und er würde den Lauf einer Laserpistole im Mund stecken haben. Seinen genialen Verstand könnte sie von den Wänden kratzen, seinen leblosen Körper aus den leeren Flaschen ziehen. Das Ende einer Legende, die nie eine seien wollte.
„Herr? Alles in Ordnung mit Euch?“ Mit seiner Stimme riss Marcus ihn aus den Gedanken. Viel zu oft saß er so grübelnd da, befand der Diener. Er reichte dem Architekten frische Wäsche und machte sich daran, dass Zimmer aufzuräumen. So gut es ging versuchte er das Übel vor den anderen im Haus zu verbergen. Niemand sollte sich über den großen Architekten das Maul zerreißen. Das dies bereits der Fall war verdrängte er erneut mit Arbeit. Traurig sah er Gregorian hinterher, als dieser über einige Flaschen stieg und sein Zimmer Richtung Großer Saal verließ. Wie lange konnte das noch gut gehen?
General Mikan Hgan war ein fetter Nichtsnutz. Befördert von befreundeten, bestochenen und ebenfalls nutzlosen Personen, die über zu viel Macht verfügten. Unbekümmert und mit einem großen Pokal voller Amasec saß er da auf seinem Sessel und starrte in die Leere der Wände.
Major Jhun hasste ihn. Er hasste alles, für was er stand. Korruption, Feigheit, Disziplinlosigkeit und noch viele weitere Dinge, für die er ihn am liebsten erschossen hätte. Aber Jhun war ein Soldat und Offizier durch und durch. Er vergaß niemals seine Pflichten, niemals seinen Anstand, niemals verlor er die Beherrschung. Seine Wut kochte innerlich. Von Außen blieb er immer der große, muskulöse Mustersoldat, der wie ein massiver Berg nicht zu versetzen war. Weder psychisch noch physisch. Er hatte seine Karriere als Sergeant bei den Gardisten angefangen und war schnell auf Grund besonderer Leistungen aufgestiegen. Feldbeförderungen hatten ihn dann in die Ränge der Offiziere gebracht. Um mehr Leistung zu bringen wollte er, harte Schweinehunde, wie er einer war, ausbilden und an vorderster Front wichtiger Einsätze stehen. Bei seinen Männern. Wie dumm er doch gewesen war. Der Schreibtisch war sein Schlachtfeld, die Bürokratie sein Feind. Nur selten konnte er wenigstens die Manöver der stationierten Einheiten beobachten. Unzählige Male hatte er den General darum gebeten versetzt zu werden. Viele ungelöste Versprechen hatte er bekommen, wohl wissend, dass Hgan sich nicht einmal darum bemüht hatte. Diesem elenden Fettsack war einfach alles egal. Seine größten Sorgen waren der Nachschub an Alkohol und Essen. Er hatte sogar begonnen zivile Lieferungen umzuleiten. Dabei war die Versorgung ohnehin schon schwierig, da nicht nur das wertvolle Öl, sondern auch die meisten Lebensmittel abtransportiert wurden, um die kämpfenden Einheiten im Nachbarsektor zu unterstützen. Der fast tägliche Alarm bewies, dass die Bevölkerung über diesen Umstand langsam aber sicher verärgert war. Hgan hatte ihm gesagt, er solle den Alarm doch einfach abstellen und auch die anderen Teilnehmer der Krisensitzungen hatten diesem Rat munter zugestimmt. Doch Jhun nahm seine Pflichten ernst und zum Glück war es dem General vollkommen egal, wo er besoffen war.
Gregorian wusste nicht, wer ihn mehr nervte. Der plumpe fette General, dessen Name er sich nicht merken konnte oder vielleicht sogar nicht wollte oder aber die Schrankwand von einem Major, der jeden Morgen so aussah, als er sei mit seiner Uniform frisch aus der Wäscherei gekommen. Und dann war da noch Heresh von Ghun, ein hohes Tier des Departmento Munitorums und damit einer seiner „Reiseleiter“. Von Ghun war ein Mann mittlerer Statur, mit mittlerem Aussehen und mittlerem Charakter. Ein Jedermann und somit ein perfekter Vertreter des Munitoriums. Für ihn hatte der Architekt eine Neigung entwickelt, die von entnervt langsam zu verhasst wanderte und mit jedem Tag stärker wurde. Hin und wieder bevölkerten noch andere Personen den Konferenzsaal, wie der hiesige Vertreter des Adeptus Mechanicus. Vor zwei Wochen war sogar ein Vertreter der Astartes anwesend gewesen, um die Treibstofflieferungen für seine Flotte zu bestätigen, da es in der Logistik zu einer Fehllieferung gekommen war. Das allerdings passierte in letzter Zeit häufiger, da sich die Unruhen innerhalb der Bevölkerung allmählich auch auf die Fabriken und ihre Arbeiter auswirkten. Begonnen hatte es ungefähr vor einem Jahr mit kleineren Aufständen. Danach waren immer wieder Streiks und größere Unruhen ausgebrochen. Dazwischen hatten sich einige kriminelle Banden und kultische Sekten eingenistet und die allgemeine Unzufriedenheit und das Chaos genutzt. Auf letztere machte seit etwa zwei Monaten einen Vertreter des Ordo Hereticus Jagd. War er anfangs noch regelmäßiger Teilnehmer der Konferenzen gewesen, hatte man weder ihn noch jemand aus seinem Team seit drei Wochen überhaupt gesehen. Major Jhun hatte auf eine Frage diesbezüglich seitens von Ghuns lediglich gesagt, der Inquisitor wäre bei einem Einsatz und mehr könne er nicht sagen. Gregorian war dabei nicht verborgen geblieben, dass in der Stimme des Majors eine deutliche Spur von Neid gelegen hatte. Doch wer konnte es ihm verdenken. So wie Gregorian seine Festungen in Aktion sehen wollte, so dürstete es den Major selbst in Aktion zu treten. Er war wie ein Raubtier, das zu lange in einem Käfig saß. Fürchtend, dass er irgendwann glasige Augen bekäme und seinen Antrieb verlieren würde. Es war eine Sehnsucht nach Krieg. Doch auch hier verschwand zunehmend das Sehnen und die Sucht selbst manifestierte sich durch tägliche Routinen, die einen wilden Geist besänftigen sollten, der früher oder später an seinem Gefängnis zerbrechen oder dessen Ketten sprengen würde. Was für alle Beteiligten die bessere Option darstellte, vermochte Gregorian nicht zu sagen.
„Willkommen zur heutigen Sitzung“, eröffnete Major Jhun die Runde, während sein Adjutant, ein gewisser Leuntant Lona, Datentafeln verteilte. „Wie sie den Daten entnehmen können, gab es heute in den frühen Morgenstunden erneute Übergriffe auf die Raffineriekomplexe Vier bis Acht. Die Rebellen, wir haben uns entschlossen an dieser Stelle nicht länger von Aufständischen zu sprechen, haben bei ihrem Angriff massive Schäden an den Systemleitungen hinterlassen und die Komplexe Fünf und Sieben damit für nähere Zeit außer Betrieb gesetzt. Ich muss sicherlich nicht ausschweifend erklären, dass wir uns damit an einem Wendepunkt befinden. Wir müssen härter durchgreifen und die Rädelsführer finden und ausschalten. Begegnen wir diesem Verrat länger mit Diplomatie und Beschwichtigungen, laufen wir Gefahr die Kontrolle zu verlieren. Ich möchte daher nicht nur unsere Einheiten einsetzen, sondern darüber hinaus auch den Inquisitor bitten, sich der Verfolgung der Führungselemente zu widmen.“ Mit Abschluss seiner Rede blickte der Major zum General, da er von ihm zumindest eine kleine Bestätigung erwartete. Hgan hingegen war gerade auf sein üppiges Frühstück vertieft und schaute überrascht auf, als der Major sich bewusst laut räusperte. „Was? Ähm ja natürlich leiten sie alles in die Wege Major. Wie immer vertraue ich ihrem Urteil voll und ganz.“ Die Letzten Worte vergingen in einem Schmatzen und Schlürfen.
Gregorian hätte beinahe aufgelacht auf Grund dieser monumentalen Zurschaustellung von Inkompetenz und Desinteresse. Major Jhun hingegen ballte seine Fäuste und nickte lediglich. Seine Wut musste immens sein, wenn er sich zu solch einer körperlichen Reaktion hinreißen ließ.
„Sie können natürlich mit unserer vollständigen Unterstützung rechen“. Heresh von Ghun stand auf und begab sich zum Major. „Wir sollten vielleicht...“. Das Flackern der Lichter ließ ihn inne halten. Selbst der General sah von seinem Essen auf. Dann brach die Hölle los. Der gesamte Stabskomplex wurde von massiven Erschütterungen durchzogen und verwandelte sich in einen Alptraum aus Explosionen und herabstürzenden Trümmern.
Ächzend kam Gregorian zu sich. Er spie schwarzen Schleim aus und versuchte tief einzuatmen. Qualm durchflutete seine Lungen und ließ ihn erneut röcheln. Der Saal stand in Flammen, in der Decke klaffte ein enormes Loch. „Sie leben ja noch“, hustete eine Stimme neben ihm. Gregorian drehte sich zur Seite und erblickte von Ghun, der auf allen Vieren zu ihm krabbelte. „Kommen sie wir müssen hier raus.“ Hinter von Ghun kämpfte der Major mit der Schaltkonsole der Tür. Vermutlich war sie zerstört worden. Gregorian ließ sich aufhelfen und betrachtete das Chaos.
Unter einem schweren Stahlträger waren die Überreste des Generals und des Adjutanten auszumachen. Ihre leblosen Körper, so weit man noch von Körpern sprechen konnte, wurden langsam von weiß glühenden Flammen verzehrt. „Los kommen sie“, schrie Jhun, der es geschafft die Tür zu öffnen. „ Der Raum kann jeden Moment in sich zusammenfallen“.
„Was ist denn hier los?“, dachte der Architekt laut. „Wollen wir das wirklich wissen?“, entgegnete ihm von Thun.
In der Fernmeldezentrale herrschte absolutes Chaos. Aber nicht auf Grund unzähliger Meldungen, sondern wegen absoluter Stille. „Bericht“, blaffte Major Jhun als er den Raum betrat. Seine Uniform war an dutzenden Stellen zerrissen und verbrannt.
„Die Kommunikation ist vor fünf Minuten vollkommen zusammengebrochen. Wenige Sekunden später wurde der gesamte Stabskomplex scheinbar von Langstreckenartillerie getroffen.“ Der Stabsoffizier wirkte trotz der Informationen, die er geben konnte, planlos. Ihm gingen die selben Gedanken durch den Kopf wie allen Anwesenden. Wer konnte so plötzlich so massiv angreifen.
Gregorian ließ sich auf einen Stuhl nieder sinken und nahm einen tiefen Schluck aus einer Feldflasche.
Ein statisches Knistern durchbrach die chaotische Stille. Eines der Funkgeräte erwachte zum Leben.
Mehr statisches Rauschen. „Filtern sie das“, wies Jhun den Funker an. „Seltsam, das ist eine zivile Frequenz. Gemeldet für die Systemtechniker der Raffinerien.“ „Viellicht die Rebellen“. Alle starrten auf Gregorian, der noch immer mit der Flasche auf dem Stuhl saß. Er hingegen sah ein merkwürdiges Blitzen in den Augen des Majors. Fast war ihm so, als würde Jhun lächeln.
Das Rauschen verschwand und eine klare Meldung fand ihren Weg in die Fernmeldezentrale.
Eine monotone Botschaft war zu hören und sie breitete sich auf alle Frequenzen aus.
„Versammeln sie die Offiziere. Krisensitzung in fünf Minuten in der Offiziersmesse.“ Jhun erwachte zum Leben. Sein inneres glühte quasi vor Freude. Es war ein makaberes und zugleich tief erfüllendes Gefühl. Und Gregorian fühlte das Gleiche. Seine Sehnsucht hatte ein Ende gefunden, seine Sucht einen Katalysator. Seine Nemesis war gekommen. Die Nemesis aller Architekten. Das Credo hatte ihn zunächst erschreckt, doch dann hatte es sich wie eine süße Symphonie in seine Gedanken gebrannt. Längst waren die Funkgeräte auf andere Frequenzen gewechselt, um die Verteidigung zu organisieren. Doch in Gregorians Kopf hallte noch immer diese Botschaft.
"Eisern im Innern, eisern nach außen!"