Der Name des Erfolgs
Die Angriffswelle brach mit voller Wucht in die Reihen der Rattenleiber. Körper beider Seiten wurden durch den Druck der nachrückenden Übermacht in die Formation der Skaven gepresst. Metall drang in Fleisch, Holz stieß an Metall, Speerschäfte brachen, Waffen und Schilde wandten sich rückwärtig gegen ihre Träger. Was ehemals eine grobe Schlachtlinie ausgemergelter Klankrieger war, verschmolz in der Düsternis heran rollender Wolkentürme zu einer homogenen Masse organischen und anorganischen Materials. An diesem Punkt übertönte das Quieken sterbender Rattenmenschen das Schlachtgebrüll des Feindes; nur um kurz darauf mangels lebendiger Kehlen wieder darin unterzugehen.
Reglos stand der großgewachsene Skaven mit seiner Leibgarde über der Ebene und betrachtete das Geschehen. Ihn beschlich ein ihm bislang unbekanntes Gefühl.
Im Angesicht des Gemetzels wand sich die Mehrzahl der Klankrieger zum Rückzug. Der vordersten Front blieb allerdings keine Wahl. Ehe sich dort ein Skaven zum Fliehen abwenden konnte - nur um schockiert feststellen zu müssen, dass große Teile der Nachhut schon längst denselben Entschluss gefasst hatten - war er schon überwältigt worden. Mit dem Fall der letzten standhaften Individuen gab es endgültig keine Formation mehr. Stattdessen jagten nun zwei Wellen über das Schlachtfeld hinweg – die eine drohte von der anderen geschluckt zu werden.
Verunsicherung machte sich in seinen Gedanken breit und er zog irritiert die Lefzen hoch.
Schließlich verlor der Angriff an Schwung, während die Skaven immer weiter ihrer Nemesis entflohen. Es bildete sich eine Schneise zwischen den Widersachern. Nur noch vereinzelt fielen arme Teufel ihren Verfolgern zum Opfer, da sie zuvor von ihren Artgenossen zu Boden getrampelt wurden. Für die desorientierten Überlebenden diente die klaneigene Standarte im Rücken der eigenen Streitmacht als markanter Bezugspunkt. Dort thronte das Banner mit dem entstellten Symbol der Gehörnten über dem wogenden Meer gleich großer Leiber. Es zog die Massen an wie ein Magnet. Hastig ihrem Ziel entgegen strebend, distanzierten sie sich immer weiter vom Feind. Die Bannerträger konnten sich ihrer Aufmerksamkeit kaum erwehren und ergriffen ihrerseits die Flucht. Das Standarten-Gerüst allerdings, in das die vier kräftigen Skaven-Sklaven geschnallt waren, wog schwer auf deren Schultern. Sie wurden schnell eingeholt. Jeder Träger wurde im Sekundentakt durch seitlich aufspringende Krieger schwer belastet und ging dabei in die Knie. Die empor kletternden Flüchtigen erkannten nach einem raschen Schulterblick die andauernde Gefahr, versprühten ihr Angst-Sekret und sprangen vornüber wieder ab, um letztendlich in der Ferne ihr Heil zu suchen. Herannahende Artgenossen verstärkten den Duft intuitiv mit der entsprechenden Antwort. Der symbolträchtige Stolz des Klans war nun nicht mehr als ein Nadelöhr, in dem sich die pure Angst stetig konzentrierte – ein Teufelskreis. Die Träger, die sich dem Einfluss nicht entziehen konnten, arbeiteten sich aus purer Verzweiflung immer wieder vergebens hoch, nur um jedes Mal aufs Neue in die Knie gezwungen zu werden. Die Standarte wirbelte dabei wild umher, wie der Mast eines Schiffs in rauer See.
Was passierte hier? Er musste eingreifen…
Ein Ruck ging durch das Gerüst, wobei es so heftig von oben herabgestoßen wurde, dass zwei der Sklaven bei einem erneuten Versuch, es anzuheben, unter der zusätzlichen Belastung zusammenbrachen. Die anderen beiden ergaben sich ihrer Ohnmacht und blieben ebenso schlaff im Zaumzeug hängen. Die Plattform stand nun fest am Boden und wiegte nur leicht im Flüchtlingsansturm. Das schwere lederne Banner flatterte klatschend im Wind. Darunter stand ein für Skaven-Verhältnisse stark gerüsteter, großer, schwarzfelliger Krieger – die Standarte im Rücken, welche er haltsuchend mit dem Schwanz umklammerte. Seine rot-glühenden Augen funkelten vor wolkenbehangenem Himmel wie böse Sterne. Die respekteinflößende Gestalt bedeutete der nachrückenden Masse, sich von der Plattform fernzuhalten, doch sie drängte zusehends an ihm vorbei. Der Skaven beugte sich kurz nach vorn, um tief Luft zu holen. Dann streckte er sein Rückgrat durch, riss das mit spitzen Fängen bewährte Maul gen Himmel und stieß einen ohrenbetäubend-schrillen Fiep-Ton aus. Das Gehör eines jeden Skaven, das einzig schärfere als der Geruchsinn, wurde Opfer einer über viele Herzschläge andauernden Kreischattacke. Verstörte Klankrieger begannen sich vergebens ihre Pfoten an die Ohren zu pressen. Der Krieger malträtierte sie aber solange, bis sich der Flüchtlingsstrom schließlich verlangsamte – ungeachtet der Angstglocke, die über der Standarte lag. Er erreichte immer mehr Skaven, die sich der Qual nicht weiter widersetzen konnten. Währenddessen verlor sich der Duft der Angst mit dem Wind. Der Schrei kam zum Erliegen und der Krieger holte erneut tief Luft. Überall erholten sich Skaven keuchend von den Strapazen. Einem neuen, weitaus angenehmeren Ton horchend, schauten sie auf. Der Krieger hob seinen linken Arm. In den Krallen baumelte das abgetrennte Haupt eines feindlichen Opfers. Die rechte Klaue erhob sich ebenfalls und zeigte mit einem schartigen Krummsäbel gen Front. Die Klankrieger wandten sich dem Feind zu und dieser geriet angesichts der wiedergewonnenen Moral ins Stocken. Der Ton ging in ein Wort über und wurde für alle Rattenmenschen in einem unmissverständlichen Angriffsbefehl seinem Ende entgegen intoniert.
Der Krieger jener Stunde beendete das belebte Schauspiel seiner Heldentat. Starr stand er auf einer wackligen Höhlen-Einrichtung, die imposante Pose seines Triumphes im fahlgrünen Lichtschein von Kristallsphären nachahmend. Ein Raunen ging durch die Zuhörerschar. Einige wenige, meist jüngere Individuen senkten demütig ihr Haupt. Die Mehrzahl zeigte ungläubig die Fänge und zischte missgünstig. Der Erzähler löste sich aus der Haltung, sprang zu Boden und schaute in die Menge. In allen Ecken des Höhlenabschnitts hatten sich wieder Zuhörer eingefunden. Die große, gerüstete Gestalt des Skaven schritt im Kreis umher, der sich um ihn gebildet hatte. Jegliches Zischen kam im Angesicht seines übermächtigen Erscheinungsbildes zum Erliegen. Der Krieger fauchte den Ungläubigen Drohgebärden zu, sodass sie sich feige in der Masse versteckten. Immer mehr Skaven huschten jetzt verängstigt durcheinander und verließen diesen Höhlenabschnitt durch diverse Gänge und Nischen im Boden und in Wänden. Keifend kreischte der Krieger seinen Artgenossen hinterher: „Ihr Narren-Narren…! ICH allein habe gesiegt… Ich sieg immer!“ Er richtete sich zu voller Größe auf und brüllte es heraus, dass es in allen Gängen echote: „ICH… SIEG… VIEL!“
Der Klanchef hatte die Szenerie des Gefechts noch gut in Erinnerung. Auch wenn es am Ende ein Erfolg war, wurde ihm zum ersten Mal bewusst, dass sich etwas Schlimmes anbahnte. Am Ende hatte er Glück – wie immer. Der Erfolg schien ihm in die Wiege gelegt, denn nicht sein Können und Geschick machten ihn so erfolgreich. Egal wie er eine Sache anfasste – auf irgendeine Weise konnte er immer positive Bilanz ziehen. Der Segen der Gehörnten und seine großgewachsene, anderen Artgenossen überlegene Gestalt machten aus ihm keinen Skaven, der aus Erfahrungen lernte, ständig auf der Hut zu sein hatte und wirre Netze aus Intrigen und Geschäftsbeziehungen pflegte. Er lebte einfach in den Tag hinein und nahm alles, wie es kam. Dies machte sich besonders in einer beängstigenden Unbekümmertheit bemerkbar, was seine lang andauernde Herrschaft in diesem Bau begünstigte. Seine Widersacher wurden dadurch auf derartige Weise eingeschüchtert, dass jede Intrige letztendlich zum Scheitern verurteilt war.
Er stammte aus einem der niederen Klans aus dem Norden ab. Die dort ansässigen Rattenmenschen waren mit einem dicken Pelz sowohl an die Kälte als auch ans Wasser angepasst. Ihr nahezu wasserdichtes Fell machte sie zu guten Schwimmern. Wegen dieser Fähigkeit wurden Klanmitglieder von durchreisende Skaven-Führern angeheuert oder bevorzugt einfach entführt. Die Nähe der Klanstadt zur Chaossee bedingte ein konstant hohes Nahrungsangebot, welches aus Fisch und der Besatzung geenterter Handelsschiffe bestand. Nicht selten gerieten Händler von der berüchtigten Norscaroute ab in den Norden. Die Kombination aus regelmäßiger kriegerischer Aktivität – hauptsächlich zu Wasser – und dem guten Futter, brachte wahre Muskelpakete von Skaven hervor. Außerdem trieb der Klan selbst regen Handel mit anderen Klans.
So begab es sich, dass eines Tages ein Kriegsschiff nahe der Klan-Stadt vor Anker lag. Unversehens befand er sich an Bord. Bereits kurz nach Ankerlichtung war er der neue Kapitän. Ohne auch nur einen Gedanken an Navigation verschwendet zu haben, driftete der Kahn unter seiner Herrschaft und der alleinigen Führung von Wetter und Gezeiten eine unbestimmte Zeit durch die Chaossee. Hier und da wurden Schiffe verschiedenster Rassen geentert, die Besatzung gefressen, die Ladung geplündert und später ebenfalls gefressen. Der Nachschub an Nahrung war üppig und das Verlangen nach Meuterei hielt sich in Grenzen. Durch die Fügung des Schicksals erreichten sie wärmere Gefilde.
Eines Nachts wurde dem Kapitän ein fahlgrüner Lichtschein gemeldet. Das unnatürliche Licht hätte jedem Seemann verhießen, sich davon fernzuhalten. Aber an Bord dieses Schiffs bedeutete es Beute. Die Lichtquelle allerdings befand sich auf einem anderen Schiff und ließ sich schwer einholen. Die Verfolgung dauerte die ganze Nacht an und endete am darauffolgenden Morgen in einem unterirdischen Hafen einer Klanstadt der Skaven. Sie waren die ganze Nacht einem Schiff der eigenen Flotte gefolgt, was die Besatzung keinesfalls daran gehindert hätte, die andere auf offener See zu fressen. Stattdessen ging der Kapitän nun wortlos an Land und überließ seine Mannschaft sich selbst. Am Ende wurde ein leerer Kahn voller toter Skaven, welche sich im Machtstreit um die freigewordene Kapitänstelle gegenseitig abgeschlachtet hatten, von einer anderen Mannschaft in Beschlag genommen. Die Zeiten auf See waren vorbei. Der ehemalige Kapitän bemerkte für sich, dass er Wasser nicht ausstehen könne.
Zu diesem Zeitpunkt trug er keinen Namen mehr. Nachdem er jedoch ebenso unversehens, wie auf dem Boot, die Herrschaft über diesen Klan übernommen und sich nach einer Vielzahl gescheiterter Anschläge und Rache-Intrigen letztlich als Klanchef etabliert hatte, wurde ihm einer gegeben. Erst machten Gerüchte die Runde. Der immerwährende Erfolg gab ihm den Ruf, ein ausgefuchster Denker und Taktiker zu sein, der sich seiner Sache so sicher ist, dass er nur so vor herablassendem Selbstvertrauen strotzte. In Anbetracht seines flechsigen, uingewaschenen Markenzeichens, was in diesen Breiten keinesfalls üblich war, munkelte man, er vergeude keine Zeit mit der Hygiene seines Fells, da es ihm genau das Selbige kosten könnte. So gaben ihm die Klanratten den treffenden Namen ‚Filzfell, der Namenlose‘.
Er selbst machte sich nichts aus Namen. Wie man ihn oder andere nannte, war ihm schlichtweg egal. Seine bloße Präsenz genügte völlig, um jegliche Aufmerksamkeit auf IHN zu lenken. Was in seiner Abwesenheit geschah, war nicht Teil seiner Vorstellungskraft und er konnte sich dessen sicher sein, dass sein Auftreten immer einen bleibenden Eindruck hinterließ. Sein Klan hielt sich aus Machtspielchen der Skavenheit heraus. Pläne zur Erlangung der Weltherrschaft gab es keine. Filzfell fehlte dazu die nötige Weitsichtigkeit; bis zu jenem Moment…
Zwei mit Hellebarden bewaffnete Sturmratten flankierten die Front ihres Herrn. Die Gehörnte musste ihn geschickt haben. Unter der Führung seines Vorgängers wurden allzu häufig umher huschende Bedienstete in Paranoia als vermeintliche Intriganten entlarvt oder deren „respektloses“ Verhalten missfiel ihrem Klanchef. Im Grunde war es immer nur reine Willkür. Dies verantwortete auch einen hohen Verschleiß an Gardisten. Alle waren gleich – gleich wenig wert. Nach dem Machtwechsel hatte sich schnell herausgestellt, dass der Namenlose keinen Wert auf derartige Benimmregeln legte. Man musste nun nicht mehr ununterbrochen am Boden, im Siff seiner eigenen Angst-Ausscheidungen, herumkriechen, was in doppelter Hinsicht deutlich angenehmer war. Nicht alle Klanmitglieder wussten davon. Es amüsierte die Sturmratten, wie sich ihre Artgenossen vor ihrem Herrn und somit auch ihnen in den Dreck warfen. Das Leben in der Skaven-Gesellschaft hatte wieder an Wert gewonnen und sie würden ihr Bestes geben, um diesen Zustand beizubehalten.
Weder irgendwelche Regeln noch der Zweck seiner Begleiter waren Filzfell geläufig. Seit er diesem fetten Skaven den Kiefer gebrochen und dessen Zunge dafür herausgerissen hat, dass dieser ihn angebrüllt hatte, verfolgten die Narren ihn auf Schritt und Tritt. So standen sie mit ihm über dem Schlachtfeld und waren sichtlich von dem Geschehen bewegt, was sich darin bemerkbar machte, dass sich ihr Fell aus den Rüstungslücken sträubte, ihre Barthaare zuckten und sie mit den Schwänzen peitschten. Der Rechte wandte sich mit einem nach Bestätigung suchenden Blick seinem Herrn zu und der Anblick ließ ihn urplötzlich in Schockstarre verfallen. Filzfell registrierte unbewusst die fehlende Bewegung des zuckenden Schwanzes zu seiner Rechten und rüttelte sich aus seinen Gedanken. Sich seines Gesichtsausdrucks bewusst werdend und mit dem Gefühl ertappt worden zu sein, ließ er die Lefzen sinken. Er blickte in die weit aufgerissenen Augen des Gardisten und bemerkte sofort, dass dieser nicht auf seine Mimik reagierte. Stattdessen wurde der Unglückliche Zeuge der Verunsicherung seines Herrn; in einem Moment der Schwäche. Er erkannte sie in dessen Augen. Einen Wimpernschlag später befand sich Filzfells rechte Klaue an der Kehle der Sturmratte. Noch bevor der linke Gardist bemerkte, was neben ihm geschah, ereilte ihn dasselbe Schicksal. Zu beiden Seiten sanken die leblosen Körper zu Boden.
Filzfell war mit einer kleinen Zugkolonne unterwegs gewesen auf der Suche nach einer Nahrungsquelle. Bis auf die beiden großgewachsenen Krieger hatten seine mickrigen Artgenossen bei seinem Tempo nicht mithalten können und so wurde er aus der Ferne Zeuge, wie sie von einem ebenso mickrigen Haufen nicht-Skaven-Dinger bedrängt wurden. Er wollte sich eben aufmachen, ihnen eigens den Garaus zu machen. Da entschied er, dass er an dem Spektakel Gefallen fand; allerdings nicht sehr lange. Ihm gingen diverse Szenarien durch den Kopf und eine Eingebung widerfuhr ihm. Was hätte es gebracht, die Feiglinge rings um ihn in Stücke zu reißen, wie er es normalerweise getan hätte, wenn er unter ihnen gewesen wäre – nur um am Ende alleine einer Übermacht gegenüber zu stehen. Er konnte sich nicht mehr auf seine Körperkraft verlassen. Auf einem richtigen Schlachtfeld hätte sie keine Bedeutung. Außerhalb des Baus und abseits der Skaven-Gesellschaft war seine bloße Anwesenheit kein Garant für Erfolg. Erfolg… was war das überhaupt? Im Grunde gibt es so etwas wie Erfolg nicht, wenn man nie Misserfolg hatte. Es war immer der Normalzustand als Resultat seiner Handlungen gewesen. Wo immer er durch einen Streich seiner Pranken alles ins Lot rücken konnte, legte er Hand an. Kein Widerstand war ihm je gewachsen gewesen. Die Zahl der Widersacher hielt sich bisher immer in überschaubare Grenzen. Dass es einmal anders kommen könnte, hatte er nie in Betracht gezogen. Es war der unberechenbare Faktor der Masse; sowohl auf der eigenen als auch auf der gegnerischen Seite. Was er brauchte, war ein Werkzeug, um das Unberechenbare berechenbarer zu machen – und er hatte auch schon eines gefunden.
Der gerüstete Skavenkrieger wetterte seinen flüchtenden Zuhörern Flüche hinterher und zog in Erwägung, sich einem schwächlichen Opfer an die Fersen zu heften. Plötzlich wurde auch er sich der Präsenz hinter seinem Rücken bewusst. Wie ein Geistesblitz schoss es ihm durch den Kopf – sein Publikum war nicht vor seinen Drohungen geflohen. Erst schwenkte er leicht den Kopf, dann drehte er sich hastig in einem Satz seinem Klanchef zu, wobei er sich gleichzeitig etwas von ihm distanzierte. Noch im selben Moment, in dem er sich über dessen tatsächliche Anwesenheit vergewisserte, kauerte er sich unterwürfig auf den Boden; seine Schnauze berührte den Höhlenboden und sein Schwanz lag platt. „Ich habe gesehen, was du getan-getan…“, brummte Filzfell mit einer emotionslosen, für Ratten-untypisch tiefen Stimme. Der Krieger blinzelte mit den Augen, die er in seiner Geste kurz geschlossen hatte, und sein Blick schärfte sich. Es offenbarte sich die Quelle des üblen Gestanks, welcher in seine Nüstern trat. Er hatte sich geradewegs in die Exkremente seiner Zuhörerschar geworfen. Trotzdem hielt er weiter inne und konzentrierte sich.
„Ich bin zufrieden-frieden… feige Narren hören auf dich.“ Die Tonlage Filzfells blieb gleichbleibend demotivierend. Verwirrung machte sich in den Gedanken des Kriegers breit – der große Namenlose war zufrieden? Die Zufriedenheit machte sich für ihn vielleicht nicht in dessen Stimme bemerkbar, die Worte jedoch hatte er so verstanden. „Du bist mein Kriegschef …jetzt-jetzt“, grummelte Filzfell. Er empfand, als würde er gleich den Verstand verlieren – Konnte er seinen Ohren trauen? Nach einer langen Pause, in der nichts geschah, schaute der Krieger langsam verdutzt auf. Einige Fuß vor ihm stand eine großgewachsene zottelige Gestalt. Lediglich einige spärliche Rüstungsteile, welche stellenweise an seinen zu großen Körper geschnallt waren, bedeckten das dichte Fell. Jenes war dafür verantwortlich, dass der bereits muskulöse Körper nochmals voluminöser wirkte. Wäre die monströse Gestalt nicht gewesen, hätte man ihn allein der Rüstung nach für eine lumpige Klanratte halten können. Es herrschte weiter Stille – Was sollte er tun? Er war nun offenbar Kriegsherr und wenn das ein Witz war, würde er höchstwahrscheinlich so oder so bald sterben, also begann er, sich langsam aufzurichten. Dabei hielt er immer wieder unterwürfig Blickkontakt, um dessen Reaktion schnell deuten zu können. Als letztes Zeichen der Demut reckte er sich nicht gänzlich auf, sondern blieb leicht gebeugt. Überrascht bemerkte er, dass er in dieser Haltung seinem Herrn an die Brust reichte. Ein normaler Skaven ging ihm gerade mal bis zur Bauchmitte. „Du brauchst sehr lange-lange!“, grollte Filzfell und der frisch ernannte Kriegsherr zuckte ob der ausgebliebenen Instruktion. „Du, mein Kriegschef“, fuhr der Klanchef ernst fort, „du führst Skaven in Schlacht-Schlacht. Wenn wir im Krieg… wir viele Dinger töten-töten!“, der Ton Filzfells wandelte sich von etwas Prophezeiendem zum Vorwürfigen „Ich habe gesehen… Narren hören auf dich… im Krieg-Krieg… dann KRIEGER hören auf dich!“ Der Kriegsherr zuckte erneut, als er die Beleidigung regelrecht ins Gesicht geschlagen bekam. Er spürte in sich eine Wut auflodern, als sich Filzfell wiederholte: „Du bist kleiner Lügner-Lügner. Damals waren keine Krieger… nur Narren-Narren!“ Den Emotionen nachgebend, wagte der Kritisierte sich etwas weiter aufzurichten und reichte seinem Herrn nun fast ans Kinn – Wie konnte er es wagen, seinen Triumph so herabzuwürdigen! Sie schauten einander tief in die Augen. Beide Seiten erkannten die Entschlossenheit ihres Gegenübers. Er würde die Aufgabe annehmen und ihm zeigen, wozu er als Kriegssherr wirklich fähig sei. „Ich bin dein Kriegschef… Herr-Herr“, erwiderte er erbost, „Krieger hören IMMER auf mich! Wenn Krieg… ich töte alles-alles!“ Es war nichts mehr zu sagen. Der Kriegsherr drehte sich abrupt um und wandte sich aufrechten Schrittes dem nächsten Höhlendurchgang zu. Er war sich durchaus des Sakrilegs bewusst, welches er eben begangen hatte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass man seinem Herrn nicht den Rücken zu wandte, da man ihn sonst sehr schnell der Höhlendecke zu wandte. „SIEGVIEL!“, bellte es aus tiefer Kehle und er zuckte ein drittes Mal zusammen. Filzfell strich sich Dreck aus seinem Fell, der vom Schwanz des Kriegsherrn bei dessen Wende auf seine Brust geschleudert wurde. „Sieg… viel… oder stirb!“
Die Angriffswelle brach mit voller Wucht in die Reihen der Rattenleiber. Körper beider Seiten wurden durch den Druck der nachrückenden Übermacht in die Formation der Skaven gepresst. Metall drang in Fleisch, Holz stieß an Metall, Speerschäfte brachen, Waffen und Schilde wandten sich rückwärtig gegen ihre Träger. Was ehemals eine grobe Schlachtlinie ausgemergelter Klankrieger war, verschmolz in der Düsternis heran rollender Wolkentürme zu einer homogenen Masse organischen und anorganischen Materials. An diesem Punkt übertönte das Quieken sterbender Rattenmenschen das Schlachtgebrüll des Feindes; nur um kurz darauf mangels lebendiger Kehlen wieder darin unterzugehen.
Reglos stand der großgewachsene Skaven mit seiner Leibgarde über der Ebene und betrachtete das Geschehen. Ihn beschlich ein ihm bislang unbekanntes Gefühl.
Im Angesicht des Gemetzels wand sich die Mehrzahl der Klankrieger zum Rückzug. Der vordersten Front blieb allerdings keine Wahl. Ehe sich dort ein Skaven zum Fliehen abwenden konnte - nur um schockiert feststellen zu müssen, dass große Teile der Nachhut schon längst denselben Entschluss gefasst hatten - war er schon überwältigt worden. Mit dem Fall der letzten standhaften Individuen gab es endgültig keine Formation mehr. Stattdessen jagten nun zwei Wellen über das Schlachtfeld hinweg – die eine drohte von der anderen geschluckt zu werden.
Verunsicherung machte sich in seinen Gedanken breit und er zog irritiert die Lefzen hoch.
Schließlich verlor der Angriff an Schwung, während die Skaven immer weiter ihrer Nemesis entflohen. Es bildete sich eine Schneise zwischen den Widersachern. Nur noch vereinzelt fielen arme Teufel ihren Verfolgern zum Opfer, da sie zuvor von ihren Artgenossen zu Boden getrampelt wurden. Für die desorientierten Überlebenden diente die klaneigene Standarte im Rücken der eigenen Streitmacht als markanter Bezugspunkt. Dort thronte das Banner mit dem entstellten Symbol der Gehörnten über dem wogenden Meer gleich großer Leiber. Es zog die Massen an wie ein Magnet. Hastig ihrem Ziel entgegen strebend, distanzierten sie sich immer weiter vom Feind. Die Bannerträger konnten sich ihrer Aufmerksamkeit kaum erwehren und ergriffen ihrerseits die Flucht. Das Standarten-Gerüst allerdings, in das die vier kräftigen Skaven-Sklaven geschnallt waren, wog schwer auf deren Schultern. Sie wurden schnell eingeholt. Jeder Träger wurde im Sekundentakt durch seitlich aufspringende Krieger schwer belastet und ging dabei in die Knie. Die empor kletternden Flüchtigen erkannten nach einem raschen Schulterblick die andauernde Gefahr, versprühten ihr Angst-Sekret und sprangen vornüber wieder ab, um letztendlich in der Ferne ihr Heil zu suchen. Herannahende Artgenossen verstärkten den Duft intuitiv mit der entsprechenden Antwort. Der symbolträchtige Stolz des Klans war nun nicht mehr als ein Nadelöhr, in dem sich die pure Angst stetig konzentrierte – ein Teufelskreis. Die Träger, die sich dem Einfluss nicht entziehen konnten, arbeiteten sich aus purer Verzweiflung immer wieder vergebens hoch, nur um jedes Mal aufs Neue in die Knie gezwungen zu werden. Die Standarte wirbelte dabei wild umher, wie der Mast eines Schiffs in rauer See.
Was passierte hier? Er musste eingreifen…
Ein Ruck ging durch das Gerüst, wobei es so heftig von oben herabgestoßen wurde, dass zwei der Sklaven bei einem erneuten Versuch, es anzuheben, unter der zusätzlichen Belastung zusammenbrachen. Die anderen beiden ergaben sich ihrer Ohnmacht und blieben ebenso schlaff im Zaumzeug hängen. Die Plattform stand nun fest am Boden und wiegte nur leicht im Flüchtlingsansturm. Das schwere lederne Banner flatterte klatschend im Wind. Darunter stand ein für Skaven-Verhältnisse stark gerüsteter, großer, schwarzfelliger Krieger – die Standarte im Rücken, welche er haltsuchend mit dem Schwanz umklammerte. Seine rot-glühenden Augen funkelten vor wolkenbehangenem Himmel wie böse Sterne. Die respekteinflößende Gestalt bedeutete der nachrückenden Masse, sich von der Plattform fernzuhalten, doch sie drängte zusehends an ihm vorbei. Der Skaven beugte sich kurz nach vorn, um tief Luft zu holen. Dann streckte er sein Rückgrat durch, riss das mit spitzen Fängen bewährte Maul gen Himmel und stieß einen ohrenbetäubend-schrillen Fiep-Ton aus. Das Gehör eines jeden Skaven, das einzig schärfere als der Geruchsinn, wurde Opfer einer über viele Herzschläge andauernden Kreischattacke. Verstörte Klankrieger begannen sich vergebens ihre Pfoten an die Ohren zu pressen. Der Krieger malträtierte sie aber solange, bis sich der Flüchtlingsstrom schließlich verlangsamte – ungeachtet der Angstglocke, die über der Standarte lag. Er erreichte immer mehr Skaven, die sich der Qual nicht weiter widersetzen konnten. Währenddessen verlor sich der Duft der Angst mit dem Wind. Der Schrei kam zum Erliegen und der Krieger holte erneut tief Luft. Überall erholten sich Skaven keuchend von den Strapazen. Einem neuen, weitaus angenehmeren Ton horchend, schauten sie auf. Der Krieger hob seinen linken Arm. In den Krallen baumelte das abgetrennte Haupt eines feindlichen Opfers. Die rechte Klaue erhob sich ebenfalls und zeigte mit einem schartigen Krummsäbel gen Front. Die Klankrieger wandten sich dem Feind zu und dieser geriet angesichts der wiedergewonnenen Moral ins Stocken. Der Ton ging in ein Wort über und wurde für alle Rattenmenschen in einem unmissverständlichen Angriffsbefehl seinem Ende entgegen intoniert.
Der Krieger jener Stunde beendete das belebte Schauspiel seiner Heldentat. Starr stand er auf einer wackligen Höhlen-Einrichtung, die imposante Pose seines Triumphes im fahlgrünen Lichtschein von Kristallsphären nachahmend. Ein Raunen ging durch die Zuhörerschar. Einige wenige, meist jüngere Individuen senkten demütig ihr Haupt. Die Mehrzahl zeigte ungläubig die Fänge und zischte missgünstig. Der Erzähler löste sich aus der Haltung, sprang zu Boden und schaute in die Menge. In allen Ecken des Höhlenabschnitts hatten sich wieder Zuhörer eingefunden. Die große, gerüstete Gestalt des Skaven schritt im Kreis umher, der sich um ihn gebildet hatte. Jegliches Zischen kam im Angesicht seines übermächtigen Erscheinungsbildes zum Erliegen. Der Krieger fauchte den Ungläubigen Drohgebärden zu, sodass sie sich feige in der Masse versteckten. Immer mehr Skaven huschten jetzt verängstigt durcheinander und verließen diesen Höhlenabschnitt durch diverse Gänge und Nischen im Boden und in Wänden. Keifend kreischte der Krieger seinen Artgenossen hinterher: „Ihr Narren-Narren…! ICH allein habe gesiegt… Ich sieg immer!“ Er richtete sich zu voller Größe auf und brüllte es heraus, dass es in allen Gängen echote: „ICH… SIEG… VIEL!“
Der Klanchef hatte die Szenerie des Gefechts noch gut in Erinnerung. Auch wenn es am Ende ein Erfolg war, wurde ihm zum ersten Mal bewusst, dass sich etwas Schlimmes anbahnte. Am Ende hatte er Glück – wie immer. Der Erfolg schien ihm in die Wiege gelegt, denn nicht sein Können und Geschick machten ihn so erfolgreich. Egal wie er eine Sache anfasste – auf irgendeine Weise konnte er immer positive Bilanz ziehen. Der Segen der Gehörnten und seine großgewachsene, anderen Artgenossen überlegene Gestalt machten aus ihm keinen Skaven, der aus Erfahrungen lernte, ständig auf der Hut zu sein hatte und wirre Netze aus Intrigen und Geschäftsbeziehungen pflegte. Er lebte einfach in den Tag hinein und nahm alles, wie es kam. Dies machte sich besonders in einer beängstigenden Unbekümmertheit bemerkbar, was seine lang andauernde Herrschaft in diesem Bau begünstigte. Seine Widersacher wurden dadurch auf derartige Weise eingeschüchtert, dass jede Intrige letztendlich zum Scheitern verurteilt war.
Er stammte aus einem der niederen Klans aus dem Norden ab. Die dort ansässigen Rattenmenschen waren mit einem dicken Pelz sowohl an die Kälte als auch ans Wasser angepasst. Ihr nahezu wasserdichtes Fell machte sie zu guten Schwimmern. Wegen dieser Fähigkeit wurden Klanmitglieder von durchreisende Skaven-Führern angeheuert oder bevorzugt einfach entführt. Die Nähe der Klanstadt zur Chaossee bedingte ein konstant hohes Nahrungsangebot, welches aus Fisch und der Besatzung geenterter Handelsschiffe bestand. Nicht selten gerieten Händler von der berüchtigten Norscaroute ab in den Norden. Die Kombination aus regelmäßiger kriegerischer Aktivität – hauptsächlich zu Wasser – und dem guten Futter, brachte wahre Muskelpakete von Skaven hervor. Außerdem trieb der Klan selbst regen Handel mit anderen Klans.
So begab es sich, dass eines Tages ein Kriegsschiff nahe der Klan-Stadt vor Anker lag. Unversehens befand er sich an Bord. Bereits kurz nach Ankerlichtung war er der neue Kapitän. Ohne auch nur einen Gedanken an Navigation verschwendet zu haben, driftete der Kahn unter seiner Herrschaft und der alleinigen Führung von Wetter und Gezeiten eine unbestimmte Zeit durch die Chaossee. Hier und da wurden Schiffe verschiedenster Rassen geentert, die Besatzung gefressen, die Ladung geplündert und später ebenfalls gefressen. Der Nachschub an Nahrung war üppig und das Verlangen nach Meuterei hielt sich in Grenzen. Durch die Fügung des Schicksals erreichten sie wärmere Gefilde.
Eines Nachts wurde dem Kapitän ein fahlgrüner Lichtschein gemeldet. Das unnatürliche Licht hätte jedem Seemann verhießen, sich davon fernzuhalten. Aber an Bord dieses Schiffs bedeutete es Beute. Die Lichtquelle allerdings befand sich auf einem anderen Schiff und ließ sich schwer einholen. Die Verfolgung dauerte die ganze Nacht an und endete am darauffolgenden Morgen in einem unterirdischen Hafen einer Klanstadt der Skaven. Sie waren die ganze Nacht einem Schiff der eigenen Flotte gefolgt, was die Besatzung keinesfalls daran gehindert hätte, die andere auf offener See zu fressen. Stattdessen ging der Kapitän nun wortlos an Land und überließ seine Mannschaft sich selbst. Am Ende wurde ein leerer Kahn voller toter Skaven, welche sich im Machtstreit um die freigewordene Kapitänstelle gegenseitig abgeschlachtet hatten, von einer anderen Mannschaft in Beschlag genommen. Die Zeiten auf See waren vorbei. Der ehemalige Kapitän bemerkte für sich, dass er Wasser nicht ausstehen könne.
Zu diesem Zeitpunkt trug er keinen Namen mehr. Nachdem er jedoch ebenso unversehens, wie auf dem Boot, die Herrschaft über diesen Klan übernommen und sich nach einer Vielzahl gescheiterter Anschläge und Rache-Intrigen letztlich als Klanchef etabliert hatte, wurde ihm einer gegeben. Erst machten Gerüchte die Runde. Der immerwährende Erfolg gab ihm den Ruf, ein ausgefuchster Denker und Taktiker zu sein, der sich seiner Sache so sicher ist, dass er nur so vor herablassendem Selbstvertrauen strotzte. In Anbetracht seines flechsigen, uingewaschenen Markenzeichens, was in diesen Breiten keinesfalls üblich war, munkelte man, er vergeude keine Zeit mit der Hygiene seines Fells, da es ihm genau das Selbige kosten könnte. So gaben ihm die Klanratten den treffenden Namen ‚Filzfell, der Namenlose‘.
Er selbst machte sich nichts aus Namen. Wie man ihn oder andere nannte, war ihm schlichtweg egal. Seine bloße Präsenz genügte völlig, um jegliche Aufmerksamkeit auf IHN zu lenken. Was in seiner Abwesenheit geschah, war nicht Teil seiner Vorstellungskraft und er konnte sich dessen sicher sein, dass sein Auftreten immer einen bleibenden Eindruck hinterließ. Sein Klan hielt sich aus Machtspielchen der Skavenheit heraus. Pläne zur Erlangung der Weltherrschaft gab es keine. Filzfell fehlte dazu die nötige Weitsichtigkeit; bis zu jenem Moment…
Zwei mit Hellebarden bewaffnete Sturmratten flankierten die Front ihres Herrn. Die Gehörnte musste ihn geschickt haben. Unter der Führung seines Vorgängers wurden allzu häufig umher huschende Bedienstete in Paranoia als vermeintliche Intriganten entlarvt oder deren „respektloses“ Verhalten missfiel ihrem Klanchef. Im Grunde war es immer nur reine Willkür. Dies verantwortete auch einen hohen Verschleiß an Gardisten. Alle waren gleich – gleich wenig wert. Nach dem Machtwechsel hatte sich schnell herausgestellt, dass der Namenlose keinen Wert auf derartige Benimmregeln legte. Man musste nun nicht mehr ununterbrochen am Boden, im Siff seiner eigenen Angst-Ausscheidungen, herumkriechen, was in doppelter Hinsicht deutlich angenehmer war. Nicht alle Klanmitglieder wussten davon. Es amüsierte die Sturmratten, wie sich ihre Artgenossen vor ihrem Herrn und somit auch ihnen in den Dreck warfen. Das Leben in der Skaven-Gesellschaft hatte wieder an Wert gewonnen und sie würden ihr Bestes geben, um diesen Zustand beizubehalten.
Weder irgendwelche Regeln noch der Zweck seiner Begleiter waren Filzfell geläufig. Seit er diesem fetten Skaven den Kiefer gebrochen und dessen Zunge dafür herausgerissen hat, dass dieser ihn angebrüllt hatte, verfolgten die Narren ihn auf Schritt und Tritt. So standen sie mit ihm über dem Schlachtfeld und waren sichtlich von dem Geschehen bewegt, was sich darin bemerkbar machte, dass sich ihr Fell aus den Rüstungslücken sträubte, ihre Barthaare zuckten und sie mit den Schwänzen peitschten. Der Rechte wandte sich mit einem nach Bestätigung suchenden Blick seinem Herrn zu und der Anblick ließ ihn urplötzlich in Schockstarre verfallen. Filzfell registrierte unbewusst die fehlende Bewegung des zuckenden Schwanzes zu seiner Rechten und rüttelte sich aus seinen Gedanken. Sich seines Gesichtsausdrucks bewusst werdend und mit dem Gefühl ertappt worden zu sein, ließ er die Lefzen sinken. Er blickte in die weit aufgerissenen Augen des Gardisten und bemerkte sofort, dass dieser nicht auf seine Mimik reagierte. Stattdessen wurde der Unglückliche Zeuge der Verunsicherung seines Herrn; in einem Moment der Schwäche. Er erkannte sie in dessen Augen. Einen Wimpernschlag später befand sich Filzfells rechte Klaue an der Kehle der Sturmratte. Noch bevor der linke Gardist bemerkte, was neben ihm geschah, ereilte ihn dasselbe Schicksal. Zu beiden Seiten sanken die leblosen Körper zu Boden.
Filzfell war mit einer kleinen Zugkolonne unterwegs gewesen auf der Suche nach einer Nahrungsquelle. Bis auf die beiden großgewachsenen Krieger hatten seine mickrigen Artgenossen bei seinem Tempo nicht mithalten können und so wurde er aus der Ferne Zeuge, wie sie von einem ebenso mickrigen Haufen nicht-Skaven-Dinger bedrängt wurden. Er wollte sich eben aufmachen, ihnen eigens den Garaus zu machen. Da entschied er, dass er an dem Spektakel Gefallen fand; allerdings nicht sehr lange. Ihm gingen diverse Szenarien durch den Kopf und eine Eingebung widerfuhr ihm. Was hätte es gebracht, die Feiglinge rings um ihn in Stücke zu reißen, wie er es normalerweise getan hätte, wenn er unter ihnen gewesen wäre – nur um am Ende alleine einer Übermacht gegenüber zu stehen. Er konnte sich nicht mehr auf seine Körperkraft verlassen. Auf einem richtigen Schlachtfeld hätte sie keine Bedeutung. Außerhalb des Baus und abseits der Skaven-Gesellschaft war seine bloße Anwesenheit kein Garant für Erfolg. Erfolg… was war das überhaupt? Im Grunde gibt es so etwas wie Erfolg nicht, wenn man nie Misserfolg hatte. Es war immer der Normalzustand als Resultat seiner Handlungen gewesen. Wo immer er durch einen Streich seiner Pranken alles ins Lot rücken konnte, legte er Hand an. Kein Widerstand war ihm je gewachsen gewesen. Die Zahl der Widersacher hielt sich bisher immer in überschaubare Grenzen. Dass es einmal anders kommen könnte, hatte er nie in Betracht gezogen. Es war der unberechenbare Faktor der Masse; sowohl auf der eigenen als auch auf der gegnerischen Seite. Was er brauchte, war ein Werkzeug, um das Unberechenbare berechenbarer zu machen – und er hatte auch schon eines gefunden.
Der gerüstete Skavenkrieger wetterte seinen flüchtenden Zuhörern Flüche hinterher und zog in Erwägung, sich einem schwächlichen Opfer an die Fersen zu heften. Plötzlich wurde auch er sich der Präsenz hinter seinem Rücken bewusst. Wie ein Geistesblitz schoss es ihm durch den Kopf – sein Publikum war nicht vor seinen Drohungen geflohen. Erst schwenkte er leicht den Kopf, dann drehte er sich hastig in einem Satz seinem Klanchef zu, wobei er sich gleichzeitig etwas von ihm distanzierte. Noch im selben Moment, in dem er sich über dessen tatsächliche Anwesenheit vergewisserte, kauerte er sich unterwürfig auf den Boden; seine Schnauze berührte den Höhlenboden und sein Schwanz lag platt. „Ich habe gesehen, was du getan-getan…“, brummte Filzfell mit einer emotionslosen, für Ratten-untypisch tiefen Stimme. Der Krieger blinzelte mit den Augen, die er in seiner Geste kurz geschlossen hatte, und sein Blick schärfte sich. Es offenbarte sich die Quelle des üblen Gestanks, welcher in seine Nüstern trat. Er hatte sich geradewegs in die Exkremente seiner Zuhörerschar geworfen. Trotzdem hielt er weiter inne und konzentrierte sich.
„Ich bin zufrieden-frieden… feige Narren hören auf dich.“ Die Tonlage Filzfells blieb gleichbleibend demotivierend. Verwirrung machte sich in den Gedanken des Kriegers breit – der große Namenlose war zufrieden? Die Zufriedenheit machte sich für ihn vielleicht nicht in dessen Stimme bemerkbar, die Worte jedoch hatte er so verstanden. „Du bist mein Kriegschef …jetzt-jetzt“, grummelte Filzfell. Er empfand, als würde er gleich den Verstand verlieren – Konnte er seinen Ohren trauen? Nach einer langen Pause, in der nichts geschah, schaute der Krieger langsam verdutzt auf. Einige Fuß vor ihm stand eine großgewachsene zottelige Gestalt. Lediglich einige spärliche Rüstungsteile, welche stellenweise an seinen zu großen Körper geschnallt waren, bedeckten das dichte Fell. Jenes war dafür verantwortlich, dass der bereits muskulöse Körper nochmals voluminöser wirkte. Wäre die monströse Gestalt nicht gewesen, hätte man ihn allein der Rüstung nach für eine lumpige Klanratte halten können. Es herrschte weiter Stille – Was sollte er tun? Er war nun offenbar Kriegsherr und wenn das ein Witz war, würde er höchstwahrscheinlich so oder so bald sterben, also begann er, sich langsam aufzurichten. Dabei hielt er immer wieder unterwürfig Blickkontakt, um dessen Reaktion schnell deuten zu können. Als letztes Zeichen der Demut reckte er sich nicht gänzlich auf, sondern blieb leicht gebeugt. Überrascht bemerkte er, dass er in dieser Haltung seinem Herrn an die Brust reichte. Ein normaler Skaven ging ihm gerade mal bis zur Bauchmitte. „Du brauchst sehr lange-lange!“, grollte Filzfell und der frisch ernannte Kriegsherr zuckte ob der ausgebliebenen Instruktion. „Du, mein Kriegschef“, fuhr der Klanchef ernst fort, „du führst Skaven in Schlacht-Schlacht. Wenn wir im Krieg… wir viele Dinger töten-töten!“, der Ton Filzfells wandelte sich von etwas Prophezeiendem zum Vorwürfigen „Ich habe gesehen… Narren hören auf dich… im Krieg-Krieg… dann KRIEGER hören auf dich!“ Der Kriegsherr zuckte erneut, als er die Beleidigung regelrecht ins Gesicht geschlagen bekam. Er spürte in sich eine Wut auflodern, als sich Filzfell wiederholte: „Du bist kleiner Lügner-Lügner. Damals waren keine Krieger… nur Narren-Narren!“ Den Emotionen nachgebend, wagte der Kritisierte sich etwas weiter aufzurichten und reichte seinem Herrn nun fast ans Kinn – Wie konnte er es wagen, seinen Triumph so herabzuwürdigen! Sie schauten einander tief in die Augen. Beide Seiten erkannten die Entschlossenheit ihres Gegenübers. Er würde die Aufgabe annehmen und ihm zeigen, wozu er als Kriegssherr wirklich fähig sei. „Ich bin dein Kriegschef… Herr-Herr“, erwiderte er erbost, „Krieger hören IMMER auf mich! Wenn Krieg… ich töte alles-alles!“ Es war nichts mehr zu sagen. Der Kriegsherr drehte sich abrupt um und wandte sich aufrechten Schrittes dem nächsten Höhlendurchgang zu. Er war sich durchaus des Sakrilegs bewusst, welches er eben begangen hatte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass man seinem Herrn nicht den Rücken zu wandte, da man ihn sonst sehr schnell der Höhlendecke zu wandte. „SIEGVIEL!“, bellte es aus tiefer Kehle und er zuckte ein drittes Mal zusammen. Filzfell strich sich Dreck aus seinem Fell, der vom Schwanz des Kriegsherrn bei dessen Wende auf seine Brust geschleudert wurde. „Sieg… viel… oder stirb!“
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