Wie alles begonnen hat…
„Hier entlang! Schnell-schnell!“, quiekte Garsnik Schlotterfell.
Er und sein Genosse Snukkit Matschpfote hatten den Kanal schon zu einem guten Stück durchquert. Sie huschten auf dem schmalen Steinsims dahin, der den träge fließenden Abwasserstrom flankierte. In dem halbrunden Gewölbe öffneten sich immer wieder schmale Seitenschächte, aus denen dunkle Brühe hervorsickerte und sich mit dem Hauptstrom vermischte. Garsknik hielt an jeder dieser Stellen inne und streckte witternd die Nase vor.
„Wo ist es?“, raunte Snukkit ungeduldig. „Snukkit erinnert sich nicht.“
„Irgendwo hier, ja-ja!“, beteuerte Garsnik. „Werden es wiederfinden.
Müssen es wiederfinden! Sonst Garsnik und Snukkit mausetot.“
„Warum hat Garsnik es auch fallenlassen!“, zischte Snukkit. „Hätte besser aufpassen sollen-sollen!“
„Garsnik hat’s nur fallen lassen, weil Snukkit es ihm wegnehmen wollte!“, erinnerte ihn sein Genosse wütend.
„Ach – jetzt Snukkit schuld?“, empörte sich dieser und griff nach seinem rostigen Dolch. „Wir alle wollten den glänzigen Helm!“
„Lass Dolch stecken-stecken!“, fuhr Garsnik ihn an. „Wenn ich glänzigen Helm nicht finde, findet Snukkit ihn schon gar nicht.“
Das sah auch Snukkit ein, der wusste, dass sein Kumpan die bessere Spürnase hatte. Grummelnd steckte er seinen Dolch wieder ein. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf Garsnik zu verlassen – so ungern auch ein Skaven sich auf einen anderen verließ.
Die ganze Sache war schon unangenehm genug. Einen Monat war es her, dass sie schon einmal hier unter der Stadt der Menschdinge gewesen waren – zu dritt, denn auch Snakatsch Splitterzahn war bei ihnen gewesen. Sie hatten einen Schatz bei sich getragen, den sie in einem verlassenen Bau tief unter der Erde gefunden hatten: Einen halbkugelförmigen Gegenstand, der wie ein Helm aussah und augenscheinlich aus massivem Warpstein bestand. Das war ein höchst wertvoller Fund gewesen, denn Warpstein war pures Gold in der Skavengesellschaft: Allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel, zauberkräftiges Schmuckstück und Energiequelle für allerlei magische Konstrukte. Auf dem Marsch zurück jedoch waren die drei in Streit geraten: Jeder hatte den „glänzigen Helm“ für sich haben wollen, und mitten in der Kanalisation der Menschdinge, die ihren Heimweg abkürzte, war ein Gerangel ausgebrochen. Dabei war Garsnik der Helm aus der Hand geschlagen worden, zum Rand eines Schachtes gerollt und in die Tiefe gepoltert. Der Schacht hatte zu einer Sickergrube geführt, meterhoch gefüllt mit halbflüssigem „Menschendreck-dreck“, wie Snakatsch es genannt hatte. Der Helm war hineingeplatscht und versunken – und keiner drei Skaven war bereit gewesen, hinabzuspringen und nach dem Kleinod zu tauchen. Zwar hatten die Rattenmenschen kaum Berührungsängste mit der stinkenden Brühe, doch in dieser Grube konnte man ertrinken wie in einem Sumpfloch, und keiner hatte dem anderen so weit getraut, dass er sich auf ein Seil verlassen hätte, das von den anderen festgehalten wurde. Am Ende hatten sie zähneknirschend auf ihren Schatz verzichtet und sich nach hause getrollt.
Dabei aber war es leider nicht geblieben. Snakatsch Splitterzahn nämlich war inzwischen zum Anführer seines Clans aufgerückt, auch wenn Garsnik und Snukkit nicht wussten, wie er das angestellt hatte – ein Dolchstich von hinten vermutlich, oder irgendein seltsamer Unfall mit einer wackligen Steinsäule oder einem vergifteten Speckstück. Jedenfalls war der vormalige Clanchef sang- und klanglos verschwunden, und Snakatsch hatte sich an seine Stelle gesetzt. Kaum aber war er im Besitz der Befehlsgewalt gewesen, als er Garsnik und Snukkit zu sich zitiert und ihnen befohlen hatte, den glänzigen Helm zu bergen. Wenn es ihnen nicht gelang, das begehrte Stück bei ihrem neuen Herrscher abzuliefern, sollten beide für rattenfrei erklärt werden, und der ganze Clan würde sie zu Tode hetzen.
Dies war der Grund, warum sie nun zum zweiten Mal hier waren, in den finsteren Abwasserschächten unter der Stadt der Menschdinge. Sie mussten die Sickergrube wiederfinden, und einer von ihnen – es war noch nicht ausgefochten, wer von beiden – würde sich an einem Seil hinunterlassen und nach dem versunkenen Schatz tauchen müssen. Natürlich waren beide längst mit der Frage beschäftigt, wie sie den jeweils anderen übers Ohr hauen konnten, damit dieser die gefährliche Aufgabe übernahm. Doch zunächst einmal galt es, den Ort wiederzufinden, der sich irgendwo hinter einer der Schachtöffnungen befinden musste.
„Hier-hier!“, zischte Garsnik endlich. „Schacht führt abwärts, ja-ja!“
„Dann Garsnik geht vor!“, verlangte Snukkit. „Snukkit folgt.“
„Nein-nein! Snukkit geht vor!“
Sie starrten sich an, jeder beim Gedanken an ein Messer im Rücken. Schließlich aber sahen sie ein, dass ein hinterhältiger Angriff keinem von ihnen nützen würde. Nur zu zweit konnten sie die Aufgabe bewältigen, die Snakatsch ihnen gestellt hatte – und für die Beseitigung eines Konkurrenten, der den eigenen Ruhm schmälern konnte, blieb nachher immer noch Zeit.
„Also gut. Zusammen-sammen!“, fauchte Snukkit.
Seite an Seite drangen sie in den engen Schacht ein. Er neigte sich leicht nach unten, und zwischen ihren Füßen bahnte sich das Abwasser der Kloake seinen Weg. Garsniks Nase hatte ihn nicht getäuscht: Dies war in der Tat der Abfluss zu der Sickergrube. Gleich musste der Rand des senkrechten Schachts vor ihnen auftauchen, mehrere Meter breit und rund wie ein Brunnen, doch nicht mit Wasser, sondern mit halbfestem Menschendreck-dreck gefüllt.
Die beiden Skaven hielten inne, denn ein grünliches Leuchten empfing sie.
„Was ist das?“, flüsterte Snukkit witternd.
„Kommt von unten-unten“, vermutete Garsnik. „Müssen schauen.“
Sie tasteten sich weiter vor, wobei das Licht intensiver wurde, und standen schließlich am Rand der Grube. Bei ihrem letzten Besuch hatte das schlammige Abwasser drei volle Skavenlängen unter ihnen gestanden und war so schwarz gewesen wie die Nacht. Nun jedoch starrten sie beklommen auf etwas völlig anderes: Am Grund der Grube drehte sich ein träger, hell erleuchteter Wirbel wie aus farbigem Wasser, durch das eine glühende Lampe hindurchstrahlte. Das Licht war giftgrün und flackerte in Wellen über die glitschigen, bemoosten Steine, mit denen die Grube ummauert war. Schlieren von kränklichem Gelb und Braun waberten in dem Strudel, verdichteten sich hier und dort zu Blasen und platzten, wobei sie Schwaden übelriechender Dämpfe aufsteigen ließen.
„Nicht gut“, wisperte Garsnik und schreckte zurück. „Böses Licht-Licht. Dämonenlicht!“
„Aber wir brauchen den glänzigen Helm!“, erinnerte ihn Snukkit, zog das zusammengerollte Seil von seinem Gürtel und schickte sich an, nach einem geeigneten Punkt zum Festmachen zu suchen.
Im diesem Moment rülpste der Strudel eine große Blase hervor, die zerplatzte und eine Wolke summender Fliegen aufsteigen ließ. Und dann – Garsnik sah es ganz deutlich – tauchten tastende Finger, Hände, Arme aus dem erleuchteten Wasser auf und griffen nach Vorsprüngen an den Wänden, um sich hinaufzuziehen. Körper wanden sich aus der träge kreisenden Flut hervor, übersät mit eitrigen Beulen. Die Geschöpfe kletterten mit erstaunlicher Geschwindigkeit empor, wie Eidechsen an einer Wand, wobei sie grotesk verdrehte Gliedmaßen und sogar heraushängende Gedärme hinter sich herschleiften.
„Chaos-Dinge!“, kreischte Garsnik, der die Geschöpfe erkannte: Es waren Seuchenhüter. Er dachte nicht daran, seinen Genossen mit sich zu ziehen, der noch damit beschäftigt war, das Seil um einen freiliegenden Stein zu knoten. Er fuhr einfach herum und rannte los. Doch das war gar nicht so einfach: Der Zugangstunnel hatte abwärts geführt, und nun keuchte Garsnik gegen die Steigung an – auf einem Boden, der glitschig vom Abwasser war. Verzweifelt mühte er sich, kam aber kaum voran.
Hinter ihm schrie nun auch Snukkit. Garsnik sah es nicht, doch die heraufkriechenden Dämonen hatten den Rand der Grube erreicht und sich ihrem ersten Opfer zugewandt. Snukkit kreischte und gurgelte, als sie sich auf ihn warfen, ihn mit ihren schmutzigen Klauenfingern ergriffen und hinabzerrten.
Muss… weg von hier-hier! Schnell-schnell!, dachte Garsnik und galoppierte auf allen vier Pfoten gegen den Strom an, der ihm vom Kanal entgegenkam. Er schaffte es ein paar Schritte weit; dann rutschte er aus, fiel hin und wurde zurückgetrieben – zurück in Richtung der Grube und in die Arme der Verdammnis. Etwas wurde über seinen Kopf geworfen und schnürte ihm den Hals zu wie eine Schlinge – und mit der Geistesgegenwart des Todgeweihten begriff er, dass es ein Darm war, den einer der Dämonen sich aus dem Leib gezogen und wie ein Lasso nach ihm geworfen hatte. Dann waren sie über ihm, mit halbverfaulten Zähnen und grabschenden Händen voller eitriger Geschwüre. Etwas packte ihn an seinem Rattenschwanz und schleifte ihn rückwärts. Garsnik schrie gellend, wie nur ein Skaven schreien konnte. Er verstand, dass sie ihn nicht töten wollten, nicht sofort jedenfalls. Sie schleiften ihn in die Grube hinab - jene Grube, in der vor Wochen der glänzige Helm versunken war.
Garsnik sollte nie die Wahrheit über diesen Helm erfahren, denn sein bisschen Geist zerging im wirbelnden Strudel des Chaosportals, während sein Körper sich in der Brühe auflöste und zu einem bräunlichen Matsch zerfloss. Der Gegenstand, der Wochen zuvor in die Sickergrube gefallen und versunken war, hatte einem Helm zwar ähnlich gesehen und hätte vielleicht sogar auf einen (ziemlich großen) Kopf gepasst. Tatsächlich jedoch hätte man das Artefakt mit der offenen Seite nach oben drehen müssen, um eine Ahnung von seinem ursprünglichen Zweck zu bekommen: Es war ein verlorener Seuchenkessel aus dem Besitz des Seuchenklans. Jahrhundertelang hatte er in einer kalten, trockenen Höhle gelegen, sodass sich keine lebendigen Krankheitserreger mehr auf ihm befunden hatten. Als der Kessel jedoch in die Sickergrube gefallen war, wurde seine chaotische Potenz wieder aktiviert – und zwar von jenen winzigen, mit bloßem Auge nicht sichtbaren Lebewesen, die sich zu Abermilliarden in der schwarzen Brühe tummelten. Der Warpstein-Kessel ließ sie zu monströsen Krankheitserregern mutieren - und dies erregte die Aufmerksamkeit von Väterchen Nurgle, der den Kessel in ein Chaosportal verwandelte und seine Dämonen ausschickte, um diese herrliche neue Krankheit zu verbreiten.