„
Rückzug! Rückzug!“
Dariya konnte nicht erkennen, wer da rief. Von ihrem hohen Aussichtspunkt sah sie nur, wie ihre Mitstreiter die Flucht ergriffen und die zahlreichen Verwundeten mitschleiften. Das Gefecht war verheerend gewesen, und sie fürchtete besonders um Helmuth und Odo, die beide mit erheblichen Verletzungen zu Boden gegangen waren. Umso mehr bedauerte sie, Helmuths Rat gefolgt zu sein und sich auf den Turm zurückgezogen zu haben. Hilflos hatte sie mit ansehen müssen, wie ein halbes Dutzend ihrer Mitstreiter ausgeschaltet worden war, und sie hatte nichts tun können, als einen Armbrustbolzen nach dem anderen zu verschießen.
„Dariya!“ Diesmal erkannte sie die Stimme: Es war Martin. Er stand am Fuß des Turms und winkte hektisch mit beiden Armen. „Pass auf! Es ist Hutter! Er kommt zu dir hinauf!“
Dariya erschrak. Sie beugte sich über die Brüstung, blickte in die Tiefe – und sah tatsächlich eine massige Gestalt auf halber Höhe des Turms die Treppe emporschlurfen. Bereits während des Kampfes war ihr der Neuling in den Reihen der Feinde aufgefallen, doch sie hatte ihn nur aus großer Entfernung und von oben gesehen, sodass keine Chance bestanden hatte, sein Gesicht zu erkennen. Der Hut allerdings war ihr aufgefallen: ein schwarzer Schlapphut mit breiter Krempe und einem silbernen Totenkopfemblem.
Der Großinquisitor… wie war das möglich?
Ein lautes Krachen ließ sie zurückfahren und in Deckung gehen; eindeutig ein Pistolenschuss. Erschrocken ließ sie die Armbrust fallen und zog ihre eigenen Feuerwaffen. Vorsichtig spähte sie über die Brüstung und sah die dunkle Gestalt mit dem Hut fünf Meter unter sich auf der Treppe. Er hatte den Kopf gehoben und zeigte sein Gesicht - ein Gesicht wie aus dem Albtraum eines Fieberkranken. Die Züge Barnabas Hutters waren kaum noch zu erkennen: Die Nase war zur Hälfte abgefault; ebenso die Oberlippe, sodass das blanke Gebiss wie bei einem Totenschädel hervorbleckte. In einer von Beulen übersäten Hand hielt er eine seiner Pistolen und zielte auf sie. Erneut warf sie sich in Deckung.
„Dariya!“ Wieder war es Martins Stimme. Auch er eilte die Treppe hinauf, die sich spiralförmig um den Turm hinaufwand. Wie stets war er ohne Zögern bereit, sein Leben für sie zu wagen – doch er hatte die Seuche, und auch wenn Ivanas Heilkünste den Fortschritt der Krankheit verzögert hatten, war er dennoch geschwächt. Selbst wenn er den Inquisitor einholte, würde er kaum im Kampf gegen ihn bestehen.
„Martin, nicht!“, rief sie ihm zu. „Bleib unten!“
Ein zweiter Schuss knallte, und diesmal wurde eine Latte aus der Brüstung gerissen, sodass eine Lücke entstand. Dariya kauerte sich dahinter und legte mit ihren eigenen Pistolen an, um das Feuer zu erwidern. Doch sie zögerte, denn sie fürchtete, Martin zu treffen.
„Ich weiß, dass du da oben bist!“, knurrte eine Stimme, die klang wie das rostige Knirschen einer uralten Kette. „Komm heraus, dann bringen wir es zu Ende!“
Dariya überwand sich zum Abdrücken. Einer der Schüsse ging fehl; der zweite jedoch traf. Die massige Gestalt mit dem Hut zuckte für einen Moment, fing sich jedoch wieder. Dariya konnte kaum glauben, was sie sah. Zunächst hatte sie vermutet, dass der Großinquisitor mit der Seuche infiziert war – in diesem Fall jedoch wäre seine Widerstandskraft vermindert gewesen, und ein direkter Treffer hätte ihn zu Boden schicken müssen.
Sie ging wieder in Deckung und fingerte nach dem Pulverbeutel an ihrem Gürtel. Beide hatten ihre Kugeln verschossen, und nun würde es darauf ankommen, wer schneller nachladen konnte.
„Dari! Ich komme!“ Die Bohlen der Treppe knarrten. Offenbar war es Martin, der sich verbissen mühte, den Vorsprung des Gegners aufzuholen.
Das gab den Ausschlag. Dariya wollte um jeden Preis eine Konfrontation zwischen den beiden verhindern. Sie wusste, dass Martin todkrank war, dass er sterben würde – und dennoch wollte sie nicht zusehen, wie ausgerechnet Hutter sein Leben beendete. Sie ließ die Pistolen fahren, zog ihr Schwert und sprang aus der Deckung.
Auf der Treppe, nur wenige Stufen unter ihr, stand Barnabas Hutter – oder vielmehr das, was aus ihm geworden war. Das einzig Vertraute an seiner Erscheinung waren der Hut, der Mantel mit den Insignien des Templerordens und der blanke Hass in seinen Augen. Sein Gesicht jedoch war eine schädelartige Maske, und sein linker Arm war zu einem keulenförmigen Tentakel aufgequollen.
„Da bist du ja“, gurgelte er, wobei eine gelbliche Flüssigkeit aus seinen Mundwinkeln troff. „Sehr gut. Und nun wird abgerechnet!“
Er zog sein Schwert. Die Klinge war stumpf und glanzlos geworden, aber zweifellos immer noch tödlich. Maden krochen über das korrodierte Metall. Zehn Schritte hinter ihm tauchte Martin auf, hielt inne – und sank keuchend auf den Stufen in die Knie.
„Hutter…“ Dariya blickte ihren ehemaligen Berufskollegen fassungslos an. „Was ist mit Euch geschehen? Ist es die Seuche?“
Der ehemalige Großinquisitor grinste – ein erschreckender Anblick auf seinem zerstörten Gesicht.
„Die Seuche kann mir nichts mehr anhaben“, sagte er, „und ebenso wenig Kugeln oder Klingen. Ich habe den
wahren Gott erkannt – jenen, der keine Gebete fordert, sondern
Geschenke gewährt. Sieh mich an!“ Er schlug seinen Mantel auf, und zwischen den Aufschlägen quoll ein grotesk aufgeblähter Bauch hervor, an mehreren Stellen aufgeplatzt, sodass das violett verfärbte Gedärm sichtbar war. „Ich bin erneuert… wiedergeboren… erlöst von den Fesseln vergänglichen Fleisches! Das ist die wahre Auferstehung: Man muss den Verfall umarmen, statt ihm zu erliegen; dann ist man unbesiegbar.“
„Ihr habt Euch dem Seuchengott ergeben“, begriff Dariya. „Ausgerechnet Ihr! Und
Ihr wolltet mich als Ketzerin anklagen?“
„Ich entfache keine Scheiterhaufen mehr“, erwiderte das Hutter-Ding. „Welche Verschwendung, das kostbare Fleisch zu verbrennen! Lieber soll es erblühen zu gesegneter Fäulnis und sich blähen in einem köstlichen Strom von Eiter und Gedärm. Ich bringe dir die Segnungen des wahren Gottes, Ungläubige!“
Mit einer Plötzlichkeit, die man seinem verunstalteten Körper nicht zugetraut hätte, schoss er vorwärts und schlug zu. Dariya parierte mit Mühe, wurde aber zurückgeschleudert und prallte mit dem Rücken gegen die Brüstung. Die Kraft dieses Scheusals war unglaublich und ging über jedes menschliche Maß hinaus. Noch bevor sie sich für eine weitere Parade gewappnet hatte, fuhr das Seuchenschwert erneut nieder, und nur um Haaresbreite konnte sie sich retten, indem sie sich zur Seite warf. Rasch kam sie wieder auf die Füße und führte einen gut gezielten Stich gegen den geschwollenen Wanst ihres Feindes. Doch es schien, als wäre er unverwundbar: Zwar durchdrang ihr Angriff seine Haut, doch nichts weiter geschah, als dass ein Klumpen Würmer sich aus der Wunde hervorringelte und auf die Holzbohlen klatschte.
Hutter grinste hämisch. Erneut hob er seine Waffe, und als Dariya sich decken wollte, packte er überraschend ihr Schwert mit seinem Tentakelarm und entriss es ihr.
„So!“, gurgelte er triumphierend. „Und nun, du freche Göre, wirst du sterben…“
„Nein!“ Das war Martin. Er hatte sich mühsam wieder auf die Beine gekämpft, wenngleich ihm anzusehen war, dass er kaum noch Kraft hatte. Die Seuche zehrte an ihm. Dennoch schien er in diesem Moment alles zusammenzuraffen, was ihm an Körperbeherrschung und verzweifeltem Mut geblieben war.
Hutter wandte sich zu ihm um – grinsend, da er offenbar einen nicht ernstzunehmenden Gegner erkannte. Martin jedoch erwiderte den Blick seiner grünlich glimmenden Augen nicht. Stattdessen sah er Dariya an, und seine Lippen formten stumme Worte, die sie mühelos las:
Ich liebe dich.
Dann stürmte er los.
Hutter streckte ihm sein Schwert entgegen. Doch Martin war es gleich. Er stürzte sich in die Klinge, umschlang das aufgeblähte Scheusal und riss es mit dem ganzen Schwung seines Ansturms rücklings über das morsche Geländer. Zusammen stürzten sie hinab, fünfzehn Meter tief auf das Kopfsteinpflaster der Straße, und der Aufprall war eine Explosion aus Blut, Fleisch und zersplitterten Knochen.
Dariya verharrte mehrere Atemzüge lang. Endlich tastete sie zitternd nach ihrem Schwert, sank in die Knie… und begann zu begreifen, was gerade geschehen war. Für einen Augenblick überwog die Erleichterung. Dann erst kamen die Tränen. Martin hatte sein Versprechen wahr gemacht: Er hatte sein Leben, das ohnehin verloren war, für den höchstmöglichen Preis dahingegeben. Er hatte seine Geliebte gerettet – und zugleich ein Loch in ihr Herz gerissen, das sich niemals wieder schließen würde.