Die Hexenjäger hatten den Karneval des Chaos besiegt: Seine sämtlichen Anhänger waren ausgeschaltet, um den Preis von sechs Toten in den eigenen Reihen. Es standen noch Dariya und Odo, Ivana und Helmuth, zwei Zeloten und der zweite der beiden Flagellanten.
Nun umringten sie alle den dämonischen Koloss, der sich in einer Wolke aus summenden Fliegen über dem Krater erhob. Die monströse Wesenheit erwies sich als nahezu unverwundbar. Ihre Haut war dick wie Leder, und ihre Widerstandskraft, trotz der zahlreichen aufgeplatzten und entzündeten Stellen, absolut übermenschlich. Ivanas Hämmer glitten ebenso ab wie Helmuths Zweihandaxt und Dariyas Schwert. Nur einzelne, leichte Wunden konnten sie dem Dämon zufügen, die ihm nicht mehr entlockten als ein erstauntes Grunzen. Gleichzeitig schwang er, wenn auch plump und träge, sein riesiges Schwert. Obwohl er sich scheinbar nicht ernsthaft bedroht fühlte, schien er zu erkennen, welche Gegner ihm am härtesten zusetzten, und richtete seine Schläge bevorzugt gegen Ivana und Dariya. Mehr zufällig erwischte er einen der Zeloten und tötete ihn so beiläufig wie ein Mensch, der einen Käfer zertritt. Dariya gelang es mehrfach, der riesigen Waffe auszuweichen, die sich in das Straßenpflaster grub und Fontänen von Steinen und Erde hochspritzen ließ. Einmal wurde sie zu Boden geschleudert, konnte sich aber abfangen und stand wieder auf.
Am wütendsten hieb Ivana auf den Koloss ein – was zur Folge hatte, dass er sich schließlich ihr zuwandte und seine riesige Pranke ausstreckte, um sie zu ergreifen. Die Haut an seinem Arm brach auf, und bläuliche Tentakel ringelten sich hervor, um der Kriegernonne ihre Waffen zu entreißen. Ivana wehrte sich verzweifelt, konnte die grapschenden Finger zurückschlagen, ging aber zu Boden – und als sie sich wieder aufrichtete, starrte sie auf ihre Hände, die von schwärzlichen Beulen bedeckt waren.
[Der Große Unreine hat Ivana einen weiteren Lebenspunkt genommen und sie mit der Fäulnis des Nurgle infiziert. Drei seiner fünf Attacken trafen, und beim Verwundungswurf fielen zwei Sechsen. ]
Der Dämon ließ sein blubberndes Lachen ertönen – nicht hämisch, sondern ehrlich erfreut, als begrüßte er eine neue Freundin in den Reihen seiner Anhänger. Die große Riss, der quer über seinen Bauch verlief und die Gedärme hervortreten ließ, blähte sich plötzlich wie ein Eingangstor. Zähne erschienen ringsum an den Wundrändern. Es sah aus, als öffnete sich ein Tunnel in das faulige Innere des Kolosses – ein Maul, um Ivana zu verschlingen.
Die Kriegernonne verzog keine Miene. Selbst im Angesicht der Seuche, die ihren Körper ergriffen hatte, verlor sie nichts von ihrer Entschlossenheit. Sie wich einige Schritte zurück, ließ ihre Hämmer fallen und packte den Speer eines toten Zeloten, der auf dem Straßenpflaster lag.
„Ivana!“, rief Helmuth. „Was tust du?“
Sie sah nur kurz zu ihm hinüber, dann zu Odo, zuletzt zu Dariya.
„Freunde in Sigmar“, sagte sie laut, „es war mir eine Ehre, mit euch zu kämpfen.“
Dann stürmte sie mit vorgestrecktem Speer los – direkt auf das riesige Maul zu, das ihr entgegenkam.
„Nein!“, schrie Helmuth.
Doch es war zu spät. Mit einem Schrei stürmte Ivana mitten in den Leib ihres Feindes, und das groteske Maul voller Zähne und Darmschlingen schloss sich über ihr.
Wieder gab der Dämon ein seltsames, überraschtes Grunzen von sich. Er starrte auf seinen massigen Wanst hinab, der sich plötzlich ausbeulte – und dann brach eine Speerspitze mitten zwischen seinen Rippen hervor, von innen nach außen durchgestoßen.
„Vorwärts, gebt ihm den Rest!“, rief Dariya.
Die verbliebenen Kämpfer drangen von allen Seiten auf das Ungetüm ein. Sie waren nur noch zu fünft, doch das Opfer ihrer Gefährtin trieb sie zu einer letzten, verzweifelten Anstrengung. Odo stieß seine Hellebarde in die Seite des Dämons. Helmut hieb ihm seine Zweihandaxt in den wulstigen Nacken, und Dariya versenkte ihre Klinge bis zum Heft in seinem aufgequollenen Bauch. Selbst der letzte verbliebene Zelot schaffte es, einen gezielten Stich anzubringen.
„
Ooouuuuh?“, blubberte das Monstrum verwirrt und sah an sich hinab. Sein Leib war an mehreren Stellen aufgerissen, und seine Eingeweide begannen auszulaufen wie der Dotter aus einem zerschlagenen Ei. Im Innern des riesigen Körpers schien etwas zu platzen wie eine Blase, und eine Wolke übelkeiterregenden Gestanks quoll hervor. Ein Strom von Eiter und bräunlichem Dämonenblut ließ die Menschen zurückweichen.
Dann sackte der Koloss langsam in sich zusammen, als hätten sich alle Knochen verflüssigt, die er vielleicht besessen hatte. Der unförmige Kopf, grotesk klein auf dem Gebirge aus Hautfalten, sackte immer tiefer und schwamm zuletzt wie eine hässliche Seerose auf schmutzigem Wasser. Schließlich zerging das ganze Geschöpf zu einer brodelnden Brühe, die in dem Krater versank und sich ihren Weg hinab in die Tiefen der Abwasserkanäle bahnte.
Die fünf Gefährten standen rund um den Krater und sahen mit an, wie die dämonische Wesenheit sich auflöste. Seltsamerweise blieb keine Spur zurück: Als der Nebel und die Fliegen sich verzogen hatten, lag das Pflaster trocken da, ohne irgendwelche Reste von Blut oder Gedärm.
Dariya stieß die Luft aus und ließ ihr Schwert sinken. Dann nahm sie ihren Hut ab und senkte den Kopf.
„Teure Freundin“, murmelte sie, „dein Opfer war nicht vergebens. Möge unser Herr Sigmar dich aufnehmen.“