KAPITEL II – DIE WESEN DER TIEFEN
Chronik der Shael’kal
Die tiefen Gänge unter dem Gebiet des Archons hatten früher nichts bedeutet.
Ein vergessener Knotenpunkt.
Ein abgestorbener Webway-Riss.
Ein Ort, an dem niemand suchte, weil niemand hoffte, dort etwas von Wert zu finden.
Für Charak war es genug.
Was einst ein einziger enger Verschlag aus Metallknochen und kaltem Licht gewesen war, hatte sich in etwas anderes verwandelt – ein System aus neu geöffneten Schächten, Kammern und Plattformen, das sich wie der Anfang eines neuen Organs in den Fels gefressen hatte.
Sie nannte es ihren
Garten.
Nicht aus Sentimentalität.
Nicht, weil er schön war.
Sondern weil er wuchs.
Überall bewegten sich die
Klysthex. So nannte Charak ihre Diener die sie aus Fleisch formte.
Sie waren keine Krieger mehr.
Vielleicht waren sie nie wirklich welche gewesen.
Einst hatten sie verschiedene Gesichter gehabt:
- abgelegte Kabalenkrieger
- gebrechliche Bürger, die man nicht mehr ernähren wollte
- Gefangene, deren Tod Fragen aufgeworfen hätte
- gefährliche Elemente, die irgendwo verschwinden mussten
Jetzt waren sie etwas Neues.
Ihre Körper waren zu niedrigen, kriechenden Gestalten zusammengezogen, Rücken gekrümmt, Gliedmaßen verlängert oder ersetzt durch metallische Apparate. Aus ehemaligen Armen waren Greifklammern geworden, aus Beinen Stützstacheln, aus Wirbelsäulen Führungsschienen für Werkzeuggestänge.
Kein Klysthex glich dem anderen.
Manche trugen kleine Tragarme auf ihren Rücken, an denen Schalen, Tabletts oder Instrumente hingen.
Andere hatten Bohrer in den Unterarmen, Haken in den Rippen, Zangen, die direkt aus den Schultern wuchsen.
Alle hatten denselben Blick:
leere Augen, die nur auf den nächsten Befehl warteten.
Für Sie waren es Insketen die ihrem Befehl gehorchten ohne das sie eien Aussprechen musste
Charak stand auf einer erhöhten Plattform und beobachtete die Arbeit.
Drei Klysthex frästen sich in eine neue Tunnelwand, ihre Werkzeuge kreischten, Funken sprühten, Staub legte sich wie ein grauer Film auf ihre vernarbten Rücken.
Ein weiterer schleppte eine Ladung aus Knochenresten und Metallbruch in eine Grube, in der die Grundlagen einer neuen Kammer vorbereitet wurden.
Es war nicht elegant.
Aber effizient.
Genau das, was der Archon wollte.
Er hatte Soldaten verlangt, die schneller bereit waren als die anderer Kabalen.
Körper, die man formen konnte, ehe ihre Besitzer wieder glaubten, eine Wahl zu haben.
Krieger, die man als Söldner verkaufen oder in aussichtslosen Gefechten verschwenden konnte, ohne dass jemand Fragen stellte.
Damit er all das bekam, brauchte sie Raum.
Tiefe.
Struktur.
Diesen Garten.
Ein Klysthex kroch die Rampe zu ihr hinauf.
Es hielt ihr ein Tablett entgegen, das mit dünnen Metallfäden an seinem Oberkörper befestigt war.
Darauf: eine Reihe frisch gereinigter Instrumente.
Charak nahm ein Skalpell, prüfte die Klinge, drehte sie gegen das Licht.
„Die Schneide driftet,“ stellte sie fest.
Der Klysthex zuckte – ob vor Schmerz oder Reflex, war unwichtig – und kroch ohne ein Wort zurück, um das Werkzeug zu ersetzen.
Charak wandte sich wieder dem Tisch vor ihr zu.
Darauf lag der Torso eines Kabaliten, dessen Rüstungsteile noch an ihm klebten wie Erinnerungen an ein Leben, das nicht mehr ihm gehörte.
Er war alt gewesen.
Langsam.
Ein Hindernis.
Für die Kabale war er Ballast gewesen.
Für sie war er Material.
Seine Wirbelsäule war geöffnet, seine Nervenbahnen freigelegt. Charak setzte ein Stück verstärkter Knochenstruktur ein, justierte die Kontaktpunkte, beobachtete das Zucken der Muskeln.
„Gut,“ murmelte sie, mehr zu sich als zu dem Körper.
„Reaktion vorhanden. Gehorsam möglich.“
Der Klysthex, der die Instrumente gebracht hatte, erschien erneut, die Klinge korrigiert, das Tablett neu geordnet.
Alles funktionierte.
Nicht perfekt.
Aber ausreichend.
Noch.
Sie dachte selten an den Archon.
Er war derjenige gewesen, der ihr den Zugang zu diesen Tiefen gegeben hatte – nicht aus Großmut, sondern aus Berechnung.
Für ihn waren es nur Tunnel.
Rohre.
Unbenutzter Raum.
Für sie waren es Adern, die man füllen konnte.
Die Kabale des Archons war kein Reich voller Besitzungen.
Sie war eine Maschine, die Söldner ausspuckte.
Körper hinein, Blut heraus.
Er hatte ihr die unteren Ebenen überlassen, weil niemand anderes sie wollte.
Weil er glaubte, dass ihre Arbeit seine Krieger nur schärfer machen würde.
Er wusste nicht – oder wollte es nicht wissen – dass sie längst begonnen hatte, mehr zu bauen als nur eine Werkstatt.
Sie errichtete ein System.
Etwas, das unabhängig von ihm überleben konnte.
Und doch war er es, dessen Schatten sie zuerst bemerkte, als er kam.
Es war kein Klysthex, der den neuen Besucher ankündigte.
Die Kreaturen zogen sich einfach zurück.
Sie spürten, dass dieser hier nicht in ihre Ordnung passte.
Charak hörte die Schritte, bevor sie die Stimme hörte.
„Deine Gänge wachsen.“
Sie drehte sich nicht sofort um.
Ein alter Reflex der Haemonculi: Wer etwas von dir wollte, durfte warten.
„Deine Verluste schrumpfen,“ antwortete sie. „Zumindest bei denen, die von hier kommen.“
Der Archon trat näher an die Plattform, ließ den Blick über die Klysthex und die Kammern streifen.
Sein Gesicht verriet weder Abscheu noch Bewunderung – nur Kalkül.
„Ich brauche mehr,“ sagte er schließlich.
Immer diese drei Worte.
Mehr.
Schneller.
Härter.
Charak drehte sich nun halb zu ihm um.
„Was verlangst du diesmal?“
Er holte etwas Kleines hervor – ein dunkelgrünes Kästchen aus Knochenglas, versiegelt, von feinen Runenlinien durchzogen.
Er hielt es so, als wäre es schwerer, als seine Größe vermuten ließ.
„Das hier,“ sagte er.
Er reichte es ihr nicht direkt.
Er ließ sie kommen.
Charak trat näher, ihre Finger berührten das Material.
Warm.
Lebendig.
Interessant.
„Und daraus?“ fragte sie.
„Etwas, das nur du bauen kannst.“
Keine Erklärung.
Kein Name.
Nur Forderung.
Charak lächelte – ein kaum bemerkbarer Zug ihrer Lippen.
Nicht, weil sie sich geehrt fühlte.
Sondern, weil sie spürte, dass dies kein gewöhnlicher Auftrag war.
Dass der Archon hier nicht nur in seine Kabale investierte – sondern in sich selbst.
„Ein weiterer Handel also,“ sagte sie.
Der Archon hielt ihrem Blick stand.
„Ein weiterer Anfang.“
Sie nahm das Kästchen an sich.
Er wandte sich ab.
Ohne Worte.
Ohne Drohungen.
Ohne zurückzusehen.
Die Klysthex nahmen ihre Arbeit wieder auf, als hätte es den Besuch nie gegeben.
Für Commorragh war es nur eine weitere Vereinbarung im Staub der Unterstadt.
Für Charak war es das leise Klicken einer neuen Verriegelung –
und der erste Ton eines Experiments, das niemand außer ihr vollständig verstehen würde. Charak wusste jedoch wenn der Archon zu ihr kam , allein, dann weil er das ganze ohne aufsehen hinter sich bringen wollte,