40k Wer hungert...

Der Arbites ergriff die Waffe, die auf einen einzelnen Schuss reduziert wurden war. Scheinbar hatte da jemand Sorge, dass er mit jedes erbärmliche Leben in diesem Raum auslöschen könnte. Ein Mord als Test für seinen Beitritt. Widerlich, aber nicht wirklich überraschend. Irgendwie mussten sie ja versuchen die passenden Leute herauszufiltern. Die Hoffnung auf diese Art und Weise, Imperiale Agenten zu entdecken, war allerdings auf zynische Art belustigend und zeigte eine Naivität Renolds auf, die zeigte, wie sehr sie ihren Gegner trotz allem doch unterschätzten. Wenn er gewusst hätte, wie angehende Arbites gedrillt und verroht wurden, wie sie gegen jedwede emotionale Regung abgestumpft wurden, dann hätte er sich nicht nur diesen Budenzauber sparen können, sondern hätte auch die wahre Bedeutung des Wortes Paranoia erfahren dürfen. Cassian wog den Revolver in der Hand und betrachtete ihn lange Sekunden sinnierend. Selbst mit nur einer Kugel in der Trommel sollte er mit den Gestalten hier im Raum fertig werden. Eine Kugel in Renolds Kopf, deren Effekt er nicht so gut überstehen würde, wie die Schrotladung, die ihn bedauerlicherweise nicht aus dem Leben gerissen hatte. Danach im Nahkampf den Gossenabschaum beseitigen, der sich Revolutionäre schimpfte. Nutzlose Gedankenspiele. Er war nicht hier, um Kleinvieh zu beseitigen, sondern um sich an die richtig dicken Fische heranzuarbeiten. "Das du Lissy davongescheucht hast, hat seine Gründe nicht? Sie plappert zwar die ganze Zeit von der Revolution, aber versteht nicht wirklich, wie hässlich so ein Aufstand sein kann. Sie ist zu weich. Zu naiv. Nicht so wie Gus da drüben." Er blickte den Schläger an, der sich Leibwächter schimpfte. Dann hob er den Revolver in einer flüssigen Bewegung mit gestrecktem Arm hoch und drückte ab. Der Knall des Schusses in dem kleinen Raum war ohrenbetäubend laut und der Geruch verbrannten Schießpulvers zog ihnen allen in die Nase. "Nicht so wie ich." Cassian bedachte den zusammengesackten, toten PVSler mit einem kurzen Seitenblick und wendete sich dann von seiner Schandtat ab. In seinem Kopf füllte er bereits Berichte über Renold, Louise und die Aufstandsbewegung in ihrer Gesamtheit aus, um seinen Vorgesetzten Material für eine Verurteilung zu liefern. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass das Urteil vor einem Gericht und vor einem Lauf gesprochen werden sollte. Jetzt kam noch ein weiterer Bericht über Cassian Khline hinzu. Anklagepunkte waren bisher Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Verrat am Gottimperator und Ermordung eines Dieners des Imperators. Nur er auf Terra wusste, was noch alles im Verlaufe seines Einsatzes dazukommen mochte. Sollte er das alles hier überleben, musste er vor Marschall Ludwig Rechenschaft ablegen und sich prüfen lassen. Nur so konnte festgestellt werden, ob er beim Versuch seine Pflicht zu erfüllen zu weit gegangen war oder ob er noch auf dem Pfad der Rechtschaffenen wandelte. Den Lehrsatz "Auf dem Fundament des Gesetzes zu stehen, ist unsere Pflicht. Anzunehmen darüber zu stehen ist unsere schlimmste Ketzerei." hatte man ihnen damals in der Ausbildung nicht ohne Grund eingehämmert. Als Arbites sollte man sich seiner selbst nicht zu sicher sein. Auch sie waren nicht unfehlbar und sollten daher nicht glauben immer auf dem Boden des Gesetzes zu handeln. Er reichte dem Priester den Revolver zurück und bedachte ihn mit einem kalten Blick. "Zufrieden Renold? Oder gibt es noch weitere Spielchen in dieser Art, an denen ich teilnehmen muss?"
”Spielchen sind dies keineswegs, mein Lieber.” Renold steckte sich den Finger ins Ohr und wackelte ihn ein paar Mal hin und her. Der Knall der kleinen Waffe war durch den begrenzten Raum doch recht gewaltig gewesen. “Man kann nicht vorsichtig genug sein. Es gibt Kräfte,” er machte einen großen Schritt. Blut, vermischt mit Gewebe und Knochenfragmenten, lief aus der Austrittswunde am Hinterkopf des Toten und sammelte sich schnell in einer Pfütze. “Die uns nicht nur vernichten möchten, sondern von innen heraus zersetzen. Vorsicht ist Alles… Alles sage ich dir.” Er schlug Cassian kameradschaftlich auf die Schulter und geleitete ihn zur Tür. Auch der Leibwächter folgte.
Zu dem verbleibenden Mann sagte er im Rausgehen. “Räum diesen Abschaum weg. Wirf ihn von mir aus auf die Straße. Die Zeiten der großen Geheimhaltung sind vorbei. Sie sollen ruhig sehen, was ihnen blüht.”
Gemeinsam gingen sie wieder durch die Kellerkorridore, wenn auch nicht den Weg, den sie gekommen waren. Unterwegs war Renold nun sehr viel gesprächiger, beziehungsweise offener. Geplappert hatte er auch vorher schon, doch das waren Plattitüden, Allgemeinplätze und bestenfalls Andeutungen gewesen. Jetzt wurde er konkreter.
“Wir gehen über die hintere Treppe nach oben. Lissy und solche wie sie sind nicht verkehrt. Enthusiastisch und alles. Aber sie sind keine Menschen der wirklichen Tat, so wie wir. Sie denken, sie ändern das Regime durch Pappschilder und Menschenketten. Man kann es ihnen nicht verübeln, sie wissen es eben nicht besser. Es gibt Prinzipien, die begreift man in der Theorie, aber man muss sie in Tat und Ausführung gezeigt bekommen, um sie wirklich zu verstehen.
Was würde geschehen, wenn wir die Situation nicht weiter eskalieren würden? Die Lizzys dieser Welt würden ihre Sprechchöre brüllen und ihre Protestmärsche veranstalten. Gestern hat sogar einer vorgeschlagen, sich auf der Straße anzuketten. Auf Ideen kommen die Leute.” Er schüttelte mit dem milden Tadel eines, es besser wissenden Vaters den Kopf. “Die PVSP knüppelt sie nieder, verhaftet ein paar Rädelsführer und am Ende wird alles wieder in die gleichen alten Bahnen gelenkt. Gar nichts würde sich ändern und die Opfer unserer Brüder und Schwestern in der Ratshalle wären umsonst gewesen.
Nein, nein, es braucht entschiedene Aktionen. Es muss Blut geben, so unschön das im Einzelnen auch sein mag.
Sowas wie eben,” er zeigte mit dem Daumen über die Schulter und meinte den grade begangenen Mord, “ist ein Anfang. Sie finden einen toten Polizisten auf der Straße, die Gangart wird härter, ein paar Bürger werden getötet, die Spirale dreht sich. Natürlich ist so ein Schlag wie mit der Ratshalle nicht zu überbieten. Oder sagen wir mal, nur schwerlich. Wir haben allerdings eine Aktion geplant, die nah rankommt.” Cassian beschränkte sich darauf als Antwort anerkennend durch die Zähne zu pfeifen. “Wenn du noch Zeit hast, zeige ich dir ein bisschen was.” Die Frage war natürlich rhetorischer Natur und das wussten sie beide.
Renold führte Cassian aus dem Hotel heraus. Hintereingang und Lieferantenzufahrt. Der Müll stapelte sich bis auf Augenhöhe und Ratten, so groß wie Katzen, lebten in den stinkenden Bergen ihre wildesten Fantasien aus. Die Müllabfuhr war schon in friedlichen Zeiten eher eine gut gemeinte Idee als eine funktionierende Institution. Im jetzigen Zustand der Ebene, existierte sie gar nicht mehr.
Ein einzelnes Automobil stand hier quer über die Parkflächen, auf der bis vor einigen Wochen Lastwagen das Hotel versorgt hatten.
Das hatte es in sich.
Es handelte sich um eine Limousine, eine Capitol Rossanti, ein Ungetüm von einem Wagen. Als wäre eine Dampflok in ein Geschäft voller Nobelkarossen gerauscht und man hätte die Beteiligten eines solchen Unfalls hinterher von einem hoch fiebernden Designer zu einer einzelnen Maschine zusammensetzen lassen. Halb Panzer, halb Villa. Die wuchtige zurschaugestellte Pracht war von den neuen Besitzern nur dahingehend modifiziert wurden, dass die ausladende Motorsektion mit einem gelb-schwarzen Rorschachmuster besprüht wurden war.
“Na… das Schätzen macht was her oder?” Renold klopfte auf das gewölbte Kotflügelblech der Limousine. “Von denen haben wir mehrere. Wurden den Bonzen entrissen und einem edleren Zweck zugeführt, als Streitwagen der gerechten Sache.
Steig ein, Bruder.”
Gus mimte den Chauffeur, während die anderen beiden durch eine der acht hinteren Türen in den Passagierraum stiegen. Hier hätte man eine Gravballmannschaft samt deren Frauen unterbringen können. Schwarzes Leder und gediegenes Licht. Es gab auch eine Minibar, die allerdings war leer geräumt, beziehungsweise umstrukturiert. Alkoholische Getränke gab es nicht mehr, dafür allerhand zuckerhaltige Erfrischungsgetränke und Zahnschmelzkiller. Die Revolution schien auf Kalorien und Koffein zu setzen.
Gus warf das Ungetüm an und irgendwo im langgezogenen Dom des Motorblocks begann ein Wald aus Kolben zu stampfen. Flammenstöße wurden aus sechs redundanten und phallisch aufgestellten Abgasrohren ausgestoßen und dann schlängelte sich der Landdrachen auf die verwaisten Straßen. Renold hatte ganz eindeutig seinen Spaß daran, in einem solchen Gefährt durch die Nacht geschaukelt zu werden.
Man saß nicht hintereinander, wie in einem normalen Kraftfahrzeug, sondern nebeneinander. Draußen flogen Leuchtstofffetzen und das Flackern brennender Barrikaden vorbei.
“Das wird nicht nur eine kleine Spritztour. Ich zeige dir ein paar wichtige Positionen.
Pass mal auf.” Mit dem gleichen Ausdruck der Zufriedenheit auf dem Gesicht, wie die Hinterhofratten in ihren Müllbergen, ließ er per Knopfdruck einen Bildschirm aus einer der Konsolen zwischen den Polstern ausfahren. Einem eingeblendeten Firmenlogo folgte eine schematische Karte der Umgebung. “Also wir bewegen uns gerade die VBS Rot 21 hoch, weg von den Ebeneneingängen, die die PVSP gerade besonders bedrängt. Das ist natürlich eine Masche. Die machen an diesen Stellen Druck, damit wir da unsere Leute konzentrieren und dann schlagen sie von woanders zu. Zugänge gibt es genug.”
“Klar, der Würfel hat sechs Seiten und überall grenzen andere Sektoren an.” Steuerte der Arbites dazu bei, um anzuzeigen, dass er aufmerksam zuhörte. Renold tippte auf dem Display herum und eine dreidimensionale Karte des Sektors erschien. Ein Wirrwar aus in sich verschachtelten Bereichen und Ebenen. Wenn man jedoch wusste, was man vor sich hatte, konnte man den grob würfelförmigen Aufbau des Sektors erkennen. Jede Ebene war in Sub- Ebenen unterteilt, die ihrerseits durch Wartungs- und Versorgungsebenen in der Horizontalen aufgeschichtet waren. In der Vertikalen waren die Ebenen in Sektoren gegliedert, die Mauern aus Stahl ummantelten Beton begrenzten. Dies sollte eine unkontrollierte Ausbreitung bei Bedrohungen wie Feuer oder Überschwemmungen eindämmen, aber auch die Verteidigung bei Invasion ermöglichen. “So ist es. Ausschließen können wir die, durch die sie sowieso schon gegen uns vorgehen und auch noch zwei andere. In den Sektoren sind Gleichgesinnte am Werk und wenn da was durchkommt, dann erfahren wir es. Im Norden liegt der Transitcanyon. Da hätten sie leichten Zugang, aber man kann ihnen das Leben auch ordentlich zur Hölle machen. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, sie kommen von oben oder aus Gelb-2. Was sie wollen, ist klar. Den Baneblade, wie ich vorhin schon gesagt habe. Sie werden kommen, früher oder später und das wird die Ratshalle zwei für sie.” Renold lehnte sich zurück und das Leder knarrte dabei.
 
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“Das klingt ziemlich ambitioniert.” Sagte Cassian. “Ich meine, wie soll das überboten werden? Den Baneblade gegen die PVS wenden und ihn genauso für die Revolution einspannen, wie das Auto hier? Wohnhabs über ihren Köpfen zum Einsturz bringen? Verzeih mir, wenn ich das nicht so recht glauben kann." Er grinste ihn schief an. "Du hast mir vorhin erst erklärt, wie dringend Leute mit Dienst in der Armee gebraucht werden und wie wenige es von ihnen gibt. Dass ich möglicherweise Mitkämpfer in den Grundlagen ausbilden und anleiten soll, obwohl ich nie über den Rang eines Mannschaftlers hinausgekommen bin. Ich hoffe, du verzeihst mir, wenn das etwas träumerisch für mich klingt. Von dem, was ich bisher gesehen habe, sieht es für mich eher danach aus, als ob wir uns einen blutigen Häuserkampf liefern werden und darauf hoffen, dass ihnen vor uns die Puste ausgeht.“
“Denen geht nicht vor uns die Puste aus.” Erwiderte Renold bitter und seine bis eben noch so glühende Stimmung schien sich für einen Moment zu umwölken. “Wenn diese Schweine eins haben, dann sind es verblendete Marionetten, die sie uns entgegenwerfen können.”
“Und den Panzer gegen sie wenden?”
“Das wär was oder? Mit dem verdammten Eisenklumpen in die obere Ebene brettern und den Orsius, Siris und wie sie alle heißen, die protzigen Paläste unterm Arsch wegschießen.” So schnell wie die düsteren Schleier gekommen waren, verzogen sie sich auch wieder. Renold war eine richtige Frohnatur.
“Nein, das Ding fährt so schnell nirgendwo mehr hin. Aber vielleicht geht doch ein bisschen was. Wir sind gleich da, dann wirst du sehen. Ich fürchte, so wie du es ausgedrückt hast, schmälerst du meine Vision ein wenig. Eine Ratshalle Zwei wird es wohl nicht. Aber sicher auch ganz ordentlich.
Die Schweinchen werden kommen um ihr Spielzeug zu holen. Wir haben ihnen bis jetzt nur zivilen Widerstand geleistet. Handwaffen und Brandsätze und solche Kindereien. Es hat einige Anstrengung gekostet, diese Kulisse aufrechtzuerhalten. Viele wollten ihnen alles entgegenschleudern was wir haben, ihnen von Anfang an den Kampf ihres Lebens liefern. Aber dann hätten sie sich nach den ersten Verlusten genau darauf eingestellt und einfach mehr und schwereres Material herangekarrt.
Nein, nein, sie werden kommen um den Panzer zu holen und mit Pappschildern, Steinen und Flaschen rechnen. Wir aber stehen im Hinterhalt und geben ihnen ordentlich Zunder. Das wird ein Fest.”
Sie wurden langsamer und ein Blick aus dem Fenster zeigte, dass hier die allgegenwärtige Anarchie von etwas mehr Disziplin abgelöst worden war. Allgemein war es ruhiger als in der Nähe der Sektorengrenze, wo eine permanente Anspannung in der Luft zu hängen schien. Sie näherten sich einem Hindernis, dass man nur euphemistisch als simple Barrikade bezeichnen konnte. Es war eine regelrechte Wand aus Müll, Autos, Beton-, und Stahlstücken und sogar Sandsäcken, wie sie die PVS benutzten. Das ganze war mindestens sechs Meter hoch. Auf der Krone des Haufens brannten Feuer und waren Gestalten zu sehen, die Wache hielten. Eine Festung aus Unrat.
Erschreckend sinnbildlich, wie Cassian fand.
“Es geht nicht nur darum, möglichst viele Imperiale zu töten.” Dozierte der Prediger der Transzendenz weiter. “Wir müssen die Menschen aufwecken, ihnen eine Alternative zu ihren Unterdrückern geben. Reine Revolte bringt gar nichts. Nur gegen etwas zu kämpfen ist leicht. Bis man dann an dem Punkt ist wo der Kampf gewonnen ist. Dann zerfallen Revolutionen entweder oder sie werden zu dem, was sie ursprünglich bekämpft haben. All die Kämpfe die wir jetzt führen, sollen nur aufzeigen, dass der Unterdrücker nicht allmächtig ist, dass er geschlagen werden kann. Der eigentliche Krieg wird um die Herzen und den Verstand der Menschen geführt. Nicht mit Gewehren und Panzern, sondern mit Wahrheit und Begeisterung. Die Diener der dunklen Mächte versuchen es genauso und genau deswegen rennen ihnen so viele Menschen hinterher. Aber was bieten die Ihnen? Sex, Lustgewinn und den Hauch verbotener Geheimnisse.”
Der Arbites hörte weiter mit dem gespielten Ausdruck echter Begeisterung zu. Er achtete sogar darauf den Mund ein wenig offen stehen zu lassen. Faziniert von den Erkenntnissen, die ihm hier offenbart wurden und gleichzeitig nicht die hellste Kerze auf der Torte.
“Sehr schnell sehr schal, wenn man erst einmal in die Mogelpackung hineingeschaut hat. Götter und Dämonen”, er winkte ab. “Esoterischer Unsinn. Aber das soll nicht heißen, dass es nicht metaphysische Einsichten gibt, die über das Sichtbare und Offenkundige hinausgehen.” Sie waren ein Stück an der Mauer entlang gefahren und erreichten einen gewundenen Eingang. Hier gab es tatsächlich eine Maschinengewehrstellung und Männer und Frauen mit Schnellfeuerwaffen in Tarnanzügen, mit Helmen und Schusswesten. Sie passierten den engen Durchgang und gelangten dahinter in einen Bereich, der eine Mischung aus Baustelle und Kaserne zu sein schien. Die Wohnhabitate wurden genutzt und obendrein waren auf den Straßen Zelte errichtet worden, um mehr Personal unterbringen zu können. LKWs, hauptsächlich zivilen Ursprungs, waren mit Waffenkisten beladen.
“Man hat mir Geheimnisse anvertraut, die jenseits meines Begreifens waren und in Teilen noch immer sind. Die Transition, die große Veränderung, das ist nur ein Gleichnis. Viele von uns, selbst jene, die höhere Positionen in der Kirche bekleiden, verstehen es wortwörtlich. Ich auch am Anfang.
Aber es ist mehr als das.
Es kommt etwas.” Er blickte zur Wagendecke als könne er durch sie hindurch schauen. Durch das Automobil, die stählernen Ebenendecken, durch Wolken, Raum und Weite, in die unendliche Schwärze des Alls. “Etwas Gewaltiges, etwas Herrliches. Gott, Wesen, dass sind kleine, menschliche Begriffe für etwas, dass sich jeder sprachlichen Beschreibung entzieht. Die Allgewalt kommt nach Koron 3 und wir müssen uns als würdig erweisen.“ Er blinzelte und sah fast schon verlegen zu seinem Begleiter. Als wäre dem sonst so wortgewandten Renold seine kleine Ekstase peinlich lenkte er die Aufmerksamkeit auf etwas an dem sie vorbeifuhren.
“Schau da…” Man hatte eine Seitenstraße mit einer Plane überspannt und zu einem Hangar umfunktioniert. Im flackernden Licht einiger sprühender Funken arbeiteten mehrere Leute an einer Volar. Eines jener wendigen Propellerflugzeuge, die ein fähiger Pilot selbst im Inneren einer Makropole zu nutzen vermochte. Wie schon bei anderen Gelegenheiten fiel das schwarz-gelbe Rorschach Muster auf, welches als sonderbarer Tarnanstrich diente. “Nicht alles wurde beim Angriff auf die Halle in die Waagschale geworfen.” Erläuterte Renold. “Für unsere Sache sind uns von höherer Stelle ein paar der knappen Mittel zugeteilt worden.”
Einige hundert Meter weiter hielt der Wagen und sie stiegen aus. Die Luft war dick wie Sirup und stank nach einer pikanten Mischung aus unaufbereiteter Atemluft, verschütteten Betriebsstoffen, verfaulendem Abfall und defekter Kanalisation.
Kopfschmerz zum selber atmen.
Nebeneinander gehend führte der Sektenprediger seinen Begleiter durch die Zeltstadt. In einigen schliefen offenbar Leute, in anderen wurde Unterricht durchgeführt. Durch eine offen stehende Zeltklappe sahen sie einen Ausbilder, der seinen aufmerksamen Zuhörern das Funktionsprinzip und das Scharfmachen einer Richtladung erklärte.
“Du hast es vorhin schon richtig erkannt, wir brauchen Ausbilder. Noch mehr aber Kämpfer, die aktiv sein werden, wenn es hier losgeht. Wir können den Leuten zeigen, wie man ein Zwo- Einer benutzt und wie man einen Leman Russ ausschaltet. Aber wir brauchen Männer und Frauen, die die Kämpfer anführen. Wir können nicht alle Einheiten aus Soldaten, die zu unserer Sache stehen, aus ihren Trupps lösen, um Rekruten anzuführen. Die Soldaten werden im Großteil an anderer Stelle gebraucht. Darum wirst du und einige andere wie du, die Truppen im Kampf anführen. Nach dem Sieg oder wenn der Druck durch den Feind so stark wird, dass wir wieder in den Untergrund müssen, kommt dann der Aspekt der Ausbildung dazu. Während sie durch dieses offen feindliche Feldlager inmitten einer imperialen Makropole schritten, näherten sie sich einem wortwörtlichen Loch in der Ebene. Die Decke wies einen ungleichmäßigen Riss auf, wo ein wütender Riese seine Faust hindurch geschmettert zu haben schien. Zerfetzte Kabel, verdrehter Stahl und tropfende Leitungen. Der direkt darunter liegende Hab.Block hatte auch etwas abbekommen, war wohl aber nur touchiert worden. Schließlich endete die gut nachvollziehbare Flugbahn in einem Krater. Die Kraft hatte sich bis hierher aufgebraucht und das fallende Objekt seine Reise durch die Ebenen beendet. Die Aufständischen waren fleißig gewesen. Sie hatten Schutt und Trümmer geborgen und so gewann man einen relativ freien Blick auf das Zentrum des Kraters. Sein Zorn steckte im Boden, als hätte man diesen für die Sekunde seines Aufpralls in Schlamm verwandelt und danach wieder erstarren lassen. Beachtlich, dass alles allein durch kinetische Energie geschehen war und noch sehr viel beachtlicher, dass der Superpanzer es in diesem Zustand überstanden hatte. Gewiss, er war in Mitleidenschaft gezogen worden, obendrein hatten die Aufständischen schweres Gerät gebraucht, um die Zugangsluken zu knacken und ins Innere vorzudringen.
An einem Baukran hing eines der überdimensionalen Geschosse.
“Wir sind zuversichtlich, diese kleinen Schätzchen nutzen zu können. Einige unserer ambitionierten Mitstreiter sind der Meinung, das Hauptgeschütz wieder in Gang zu kriegen und abfeuern zu können, wenn sie kommen um ihr Spielzeug zu bergen. Wir schaffen aber auch ein paar Geschosse weg, um sie anderweitig einzusetzen.” Er wollte noch weitere Erklärungen nachschieben, als ein Kommunikationsgerät in seiner Tasche klingelte. Er fischte das Gerät heraus und klappte es auf.
“Ja?” Unverständliches Gewisper aus dem kleinen Lautsprecher. Renold sah Cassian entschuldigend an und humpelte dann zwei Schritte von ihm weg. Nicht dass das verhindert hätte, dass er zumindest die diesseitig gesprochenen Worte hören konnte.
“Nein, ich bin vor Ort.
Im Lager bei der Absturzstelle.
Ja… mit einem neuen Rekrut.
Als möglicher Unterführer denke ich.
Nein, hat er nicht gesagt.
Achso?
Wann?
Das ist fabelhaft.
Gut, ich bin gleich da.
Ja, genau.
Bis gleich. “
Renold klappte das Gerät zu und grinste seinen Begleiter an. “Es hat sich etwas Tolles ergeben. Du wirst Soraya kennenlernen können. Sie koordiniert die ganze Aktion um den Panzer herum. Eine tolle Frau, du wirst begeistert sein.
Ähm, hör zu, ich muss noch mal kurz weg, mich mit einigen Leuten treffen. Sieh dich um, lass dir, wenn du magst, dahinten eine Waffe geben.” Er zeigte auf irgendein Zelt und war schon halb dabei, zu dem beschädigten Wohnhab zu hinken.
“Komm in zwanzig Minuten da hin.” Jetzt fuchtelte er zu dem Hab, welches scheinbar auch sein Ziel war.
“Unten ist das Lounge Light. Kannst du gar nicht verfehlen. Wir treffen uns da.”
Und weg war er. Der Arbitesagent stand faktisch unbeaufsichtigt im Herz der Revolte auf dieser Ebene.
 
Der Arbites nutzte die Gelegenheit die so bereitwilligen Einblicke aufzusaugen wie ein Schwamm. Er konnte sein Glück kaum fassen und genau das machte ihn Argwöhnisch. Gut möglich das Renold so vertrauenswürdig war wie er tat, aber vielleicht war dies auch nur eine weitere Prüfung seiner Loyalität. Wie hieß es? Vorsicht hält das Imperium zusammen. Aus einem der Waffenlager griff er sich eine Schrotflinte. Kein Vergleich zu dem, was seine Profession ihm sonst zugestand, aber besser als nichts. Danach bewegte er sich durch das gesamte Lager. Mal mit zielstrebigem Schritt, als habe er eine unaufschiebbare Aufgabe zu erledigen, dann wieder schlendernd, als ginge ihn das ganze Ringsherum nichts an. Er sprach einen Mann an, der so aussah, als ob er Wachdienst versehe. Cassian stellte sich ihm als Neuling vor, der von Bruder Renold rekrutiert und gerade für zurückgelassen worden war und wissen wollte, wo denn die Essensausgabe, Unterkünfte und Toiletten waren. Nur für den Fall, dass er hier untergebracht werden würde. Fressen, scheißen, schlafen waren schließlich die drei Grundbedürfnisse, die man immer hatte, egal für wen oder was man kämpfte. Der Kämpfer gab ihm eine knappe Beschreibung, Cassian bedankte sich eifrig und beide zogen wieder ihrer Wege. Er hatte einen geschwätzigeren Vertreter erhofft, der sich ein bisschen was aus der Nase ziehen ließ. Aber scheinbar war Renold die Ausnahme von der Regel. Auf dem Weg zu den drei Bereichen der Bedürfniserfüllung musste er praktischerweise einmal quer durch das Lager und zurück laufen und konnte sich einen ersten Überblick über die Anzahl der Zelte, die Art des Personals und den allgemeinen Aufbau machen. Er beobachtete, analysierte, zählte und kalkulierte wie ein auf Hochtouren laufender Logikverabreiter. Ein, zwei Mal sahen ihn Leute fragend an. Wunderten sich vielleicht über das fremde Gesicht oder einen allzu neugierigen Blick. Aber sein Auftreten und seine Statur schienen zu genügen, ein gebotenes Nachfragen im Keim zu ersticken. Cassian beendete seinen kleinen Rundgang grob nach zwanzig Minuten und begab sich dann in Richtung des Hab, zu dem auch Renold schon gegangen war.
Das Lounge Light war ein absonderlicher Ort.
Nicht per se wegen seiner reinen Funktion. Eine Bar, wie es derer tausende in der Hauptstadt des Planeten gab. Etwas gehobene Preisklasse, aber erschwinglich genug, dass der gewöhnliche Arbeiter seinem Date einen Mystic Moonlight oder einen Crimson Desert ausgeben konnte und gönnerhaft wirkte, ohne sich zu ruinieren.
Schummrig, eine Idee Anrüchigkeit, ohne schäbig zu sein.
So war es zumindest mal gewesen. Als Cassian jetzt durch den Eingang trat und in den Nebeldunst aus Zigarren-, LHO-, Zigaretten,- und Pfeifenrauch eintauchte, zeigte sich ein merkwürdiges Bild. An den Stühlen saßen die Horden der selbsternannten Freiheitskämpfer. In ihrer paramilitärischen Uniformlosigkeit, die nur dann und wann von den gelb-schwarzen Muster unterbrochen wurde, welches sich die Rebellen als Symbol ihrer Sache auserkoren zu haben schienen. Einige aßen aus Feldgeschirr, andere reinigten ihre Waffen, wieder andere spielten Karten oder diskutierten Lautstark. An die einstige Sauberkeit und Ordnung, die hier sicherlich geherrscht hatte, erinnerte kaum noch etwas. In einer Ecke stapelten sich Versorgungskisten, in der anderen zerschlagene Tische und Stühle. Die Flaschen, dereinst gewiss säuberlich hinter dem Tresen aufgereiht, standen auf den Tischen oder lagen leer in der Gegend herum. Dort wo ein Spiegel oder ein großes Bild hinter der Bar gehangen hatte, prangte jetzt die nackte Wand, auf die das Symbol der Transformationssekte gesprüht worden war.
Einzig leidlich unberührt vom Durchgangsverkehr und dem mangelnden Enthusiasmus des Putzpersonals, schien die kleine Bühne zu sein. Nur das vergessene Bierglas auf dem dort stehenden Piano und die in Teilen abgerissene Kreppverkleidung rings um die Bühne passten in das restliche Bild.
Cassians Eintreten wurde von niemandem wirklich bemerkt. Er selbst brauchte einige Sekunden um den Prediger zu entdecken. Er saß mit einem Mann und einer Frau an einem runden Tisch und sie unterhielten sich lebhaft mit einer weiteren Person, die neben ihnen stand. Alle hatten alkoholische Getränke vor sich. Nachdem sich der Arbitesagent einen Weg zu der Gruppe gebahnt und überschwenglich von dem Prediger begrüßt worden war, stellte Renold ihn den anderen vor.
“Das hier ist Oleg und das hier Liux. Neuzugänge wie du.” Die beiden nickten ihm zu. Die Frau hatte widerspenstiges, blondes Haar, was wie ein Getreidefeld aussah, durch das der Sturm gefegt war. Narben auf ihrem Gesicht deuteten an, dass ihr Lebensweg einige Schlaglöcher gehabt hatte. Sie trug eine abgenutzte Armaplastweste und an ihrem Stuhl hing ein Lasergewehr.
Oleg war ein nervöser Typ mit zu großer Uniform in der Farbe von Senf. Nichts Militärisches wie es aussah oder wenn dann eher Arbeiterbrigade oder paramilitärischer Dienstleister. Das spitze Gesicht des Mannes und die kleine, randlose Brille verliehen ihm das Aussehen eines Nagetieres.
“Auch sie werden Kommandos übernehmen, wenn es soweit ist.
Willst du etwas trinken?” Er winkte einen jungen Burschen, eigentlich noch ein Kind, mit einem Rollwagen voller Flaschen herbei. “Nimm dir, mein Freund.
Geht alles auf den Gouverneur.” Er lachte.
Dann ging unvermittelt das Licht aus.
Das war offenbar nichts Ungewöhnliches, denn die Gäste schienen sich nicht durch die plötzliche Dunkelheit stören zu lassen. Durch die schmutzigen Fenster fiel ein wenig Flutlicht von draußen und ein trüber Spot war auf die Bühne gerichtet. In dem Schein kräuselte sich der tanzende Tabakrauch.
Gestalten erschienen auf der Bühne und stimmten ihre Instrumente. Der Mann, der am Piano Platz nahm, ließ die Fliegenfalle von leerem Bierglas gegen ein gefülltes austauschen und klimperte ein paar Akkorde.
Neben dem Piano ließ sich aus halbdunklem Schemen und lethargisch heranschwimmenden Noten ein ätherisch summender Harmonbass erkennen. Außerdem eine wimmernde Smybo und das elektronisch gezupfte Tropfen einer Lichthafe. Letztere schickte ihre gefächerten, grünen Kontaktlaser wie Lanzen in den blauen Dunst. Im atonalen Durcheinander fanden die Töne zueinander, begannen sich zu umkreisen und aufeinander zu antworten.
Eine melancholische Melodie entstand, die die Gespräche im Raum nach und nach verstummen ließ. In den See aus träge miteinander tanzenden Noten sprang ein einzelnes Wort und schwamm zu den Zuhörern herüber.
Das Wort war “Einsamkeit”. Es wurde mit gesetztem Applaus aus den Reihen des bis an die Zähne bewaffneten Publikums beantwortet. Hätte man eine Assoziation bemühen müssen, um diese Stimme zu beschreiben, so vielleicht das Bild von zimmerwarmen Whisky, der sich über Eis erstürzte und dieses mit sanfter Vehemenz schmolz.
Die Einsamkeit, von der da gesungen wurde, war eine, wie sie Liebe zu einer einzelnen Person nicht lindern konnte. Die Sängerin hatte es versucht, so berichtete sie. Mit Männern und Frauen, doch die Einsamkeit blieb.
Das Spotlight fand sie und entriss sie dem Dunkel. Eine Frau in einem schwarzen Cocktailkleid, mit Pailletten besetzt, die funkelten, als trüge sie ein Stück geschneiderte Nacht. Ihre langen Hände steckten in schwarzen Handschuhen und traumwandlerisch schwebte sie auf den hohen Absätzen ihrer gewagten Stöckelschuhe einher. Ihre Haut war weiß wie Milch und blendete vor dem Kontrast ihrer Garderobe geradezu. Von ihrem Gesicht lenkten keine störenden Haare ab, die als Rahmen selbst um Aufmerksamkeit geheischt hätten. Stattdessen bildete ein kunstvoll hoher Stehkragen den Hintergrund für ihr Alabastergesicht. Die Wangen hoch, die zierliche Himmelfahrtsnase, eine angedeutete Mischung aus Arroganz und Kindlichkeit. Die Augen schienen im Gegenlicht schwarze Opale zu sein, beschattet von ungewöhnlich langen Wimpern. Schwarz gefärbte Lippen schwebten im Weiß ihres Gesichts und sang von der einzig wahren Heilung für die krankhafte Einsamkeit.
Nur in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten konnte das Verlangen nach verwandten Seelen gestillt werden. Die Verbindung zwischen Liebenden war leer, die Liebe zwischen Vielen war wahr.
Sie endete, mit nachdenklich gesenktem Blick, die langen Finger um das Mikrofon geschlungen wie Käferbeine. Applaus brandete auf, in den sie ab und an ein verschämtes “Dankeschön” hauchte. Sie dankte den Anwesenden für ihr Hiersein und stimmte ein zweites Lied an. Es handelte von einem Jungen, der in der Gasse verblutete. Niedergeworfen von der Kugel eines Soldaten, der unter der Atemschutzmaske kein Gesicht hatte. Wer aber kein Gesicht hatte, konnte auch nicht in den Spiegel schauen.
“Das Blut auf dem Asphalt gerinnt. Dort liegt des Zornes jüngstes Kind. Was nicht sein darf, das muss nun sein. Aus der kalten Hand, nimm den noch warmen Stein.”
Dem folgte ein weiterer Schmachtfetzen, ein zeitloser Gassenhauer der mittleren Ebene. “Annabell schenk mir ein Lächeln.” Zum Abschluss dann ein umgedichtetes Soldatenlied, das die Streitkräfte verhöhnte. “Wir sind vom Idiotenclub und stellen wieder ein. Wir nehmen Weib und Männlein gern, nur blöde müsst ihr sein. Bei uns herrscht die Parole: Sei dämlich bis zum Tod! Und wer den größten Schaden hat, wird Oberidiot. Muss der Gefreite sterben, dann hat er leider Pech, Metall braucht man für Orden, für Särge bleibt kein Blech. Das funkelt, an der Brust des stolzen Adelspack. Gefreiter sei nicht traurig, für dich haben sie nen Sack.”
Der Saal tobte. Sie grölten, applaudierten, lachten und johlten. es war ein wunder, dass niemand Löcher in die Decke ballerte. Die Sängerin ließ sich einige Minuten auf der Bühne feiern. Jemand reichte ihr einen Drink und eine Zigarette in einer Rauchspitze. Während sie von der Bühne herunter schritt, überschlugen sich die Anwesenden, um ihr Feuer zu geben.
“Sie ist so großartig, so großartig.” Renold war ganz aus dem Häuschen. “Falls ihr es noch nicht erraten habt, das ist natürlich die göttliche Soraya. Ist sie nicht großartig?”
Eine interessante Szenerie spielte sich jetzt ab. Im Grunde wiederholte sich die Situation im Konferenzraum des Hotels. Aber Renold schien das nicht zu bemerken. Wie er noch vor nicht einmal zwei Stunden, schritt jetzt diese Frau durch die Reihen, machte hier und da Smalltalk oder blieb für ein oder zwei Sätze mehr an einem Tisch stehen. Inzwischen hatte ihr jemand eine Pilotenjacke um die Schultern gelegt, da es für ihre Garderobe doch ein wenig kühl war. Die etwa eine Nummer zu große Jacke war eher eine raffinierte Ergänzung ihres Outfits, als eine Störung.
Schließlich kam sie auch zu ihrem Tisch. Renold erhob sich umständlich und schon von weitem streckte Soraya die Arme aus, als wolle sie ihn über die Entfernung an ihren Busen drücken.
“Renold!” Der tat es ihr gleich und legte den Kopf dabei schief, grinsend wie ein Honigkuchenpferd.
“Eine tolle Show, meine Liebe.” Sie winkte ab und schloss ihn in die Arme.
“Ach das bisschen Gekrächze. Wie geht es deinem Bein?”
“Jeden Tag besser. Kann dem Gouverneur bald wieder in den Arsch treten.”
“Ich halte ihn mit größtem Vergnügen für dich fest.” Sie lachten.
“Wie sieht es an der Grenze aus? Ist es bald soweit?”
“Morgen vielleicht, eher übermorgen. Sie ziehen immer mehr Kräfte zusammen. Viel mehr als man braucht um nur die Demonstrationen an den Ebeneneingängen zu bekämpfen.”
“Ich bin aufgeregt wie ein Schulmädchen.” Dann blickte sie zu Cassian und seinen neuen Spießgesellen.
“Und wen haben wir hier?” Sie hielt dem Burschen die Hand hin, der kurz zu überlegen schien, ob er sie küssen sollte. Dann schüttelte er sie aber doch unbeholfen.
“Neuzugänge. Ich werde sie als Truppführer in der zweiten Linie einsetzen. Alle mit Kampferfahrung.”
“Wie schön.” Säuselte sie und gab auch der Frau die Hand. Schließlich kam Cassian an die Reihe, während sie noch immer zu Renold sprach.
“Sie sind noch kein Teil der Familie?” Das war mehr eine Feststellung als eine Frage. Sie ließ die Hand des Arbietes nicht los. Für so zierliche Finger wohnten diesen eine beachtliche Kraft inne. Außerdem war da etwas in ihren Augen. Sie waren so schwarz und tief.
Auch diese abgründigen Augen konnten Finger aussenden, die über Cassians Gehirn krabbelten. Nicht metaphorisch, denn er konnte es tatsächlich spüren. Trippelnde kleine Fingerkuppen, die seine Hirnrinde entlang huschten und nach einer Falte, einer Unebenheit suchten, in die sie Nägel stecken und kratzen und hebeln konnten. Eine Lücke schaffen, einen Eingang um hinein zu schlüpfen und dann Geheimnisse und Unausgesprochenes zu ertasten.
“Ich habe sie alle getestet und sie scheinen mir integer genug zu sein, um der Sache zu dienen. Danach kann man sie immer noch tiefer in die Strukturen einweihen. Wir müssen momentan jede fähige Hand ergreifen, die sich uns hinstreckt um zu helfen.”
Entgegen dieses Sinnbilds ließ Soraya die Hand des anderen ebenso los wie seinen Verstand.
“Natürlich vertraue ich deinem Urteil voll und ganz Bruder. So wie immer.” Ihr Lächeln war das eines scheuen Rehs, ihre schwarzen Augen sprachen von Vielem, aber nicht von Vertrauen.
“Ich werde den heutigen Abend noch genießen und dann eine große Lagebesprechung anberaumen. In sechs Stunden denke ich. Es wäre schön wenn du auch dabei wärst, mein Lieber.” Das sagte Renold natürlich zu, auch wenn seine Beteiligung keine Sache von Freiwilligkeit zu sein schien. Die drei Neuzugänge waren natürlich für eine solche Beredung nicht zugelassen, wie Renold ihnen erklärte, nachdem Soraya sie wieder verlassen hatte und weitergezogen war. Sie würden ihr eigenes, heruntergebrochenes Briefing morgen Vormittag bekommen. Dann würden sie auch ihre Gruppen zugewiesen bekommen. Natürlich, so beteuerte Renold, hätte er sich gewünscht, wenn sie mit den Kämpfern hätten üben und sie kennenlernen können. Da dies in Anbetracht der Umstände aber nicht gehen würde, mussten sie das Beste aus der Lage machen.
Er machte ihnen klar, dass der zu erwartende Angriff eine heftige Sache werden würde. Sie hatten nicht vor, in den Tod zu gehen, gleichwohl war dieser, wie auch schwere Verwundung, eine mehr als reale Option.
Er riet ihnen daher, den Abend so zu verbringen, als wäre es ihr letzter. Denn das konnte durchaus sein.
 
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Wieder ein kahler Kopf. Wieder schwarze Augen. Das Muster wiederholte sich einmal mehr. Wie schon bei den Kämpfern in der Ratshalle und denjenigen, die auf der Straße Terror verbreitet hatten. Gut, die Frau sah nicht so degeneriert aus, wie das Gesocks was er bisher gesehen hatte, war sogar sehr attraktiv, wenn man von dem Chemotherapiekopf absah, aber sie schlug dennoch in die selbe Kerbe. Es schien fast so, als ob man die ganze Bande aus dem selben Labortank gezogen hatte, auch wenn die meisten wohl eher in die Kategorie "Laborunfall" gehörten. Oder sie waren alle Schwippschwager voneinander und der gemeinsame Stammbaum war ein Kreis. Das würde zumindest die ganzen Mutationen erklären und den Staatsorgangen erlauben einmal ordentlich auszukehren. Die Musik hatte ihn wenig berührt. Mit solchen Dingen stachelte man die leicht Beeinflussbaren auf und zu denen zählte er nicht. Cassian hatte sich für etwas Dreistigkeit entschied und war auf seinem Stuhl gefläzt sitzen geblieben. Er war schließlich als aufsässiger Regelbrecher hergekommen und nicht um sich vor dem nächsten Bühnenzauberer in den Staub zu werfen. Es war einen Rebellion, also musste man rebellieren.
Dann spürte er schwach, wie etwas sich an seinem Kopf zu schaffen machte. Nein! In seinem Kopf! Verdammte Hexe! Die Sängerin hatte versucht ihn einzulullen, wenn nicht sogar zu hypnotisieren, um dann seinen Verstand zu durchforsten. Was ein durchtriebenes, kleines Miststück. Zum Glück war er Mitglied des Arbites und nicht von so einer Amateurtruppe wie der PVSP. Die Jagd auf unsanktionierte Psioniker und ihre Festsetzung bis zur Ankunft der Schwarzen Schiffe fiel in ihren Aufgabenbereich und der Arbites gab sich Mühe seinen Mitgliedern Schutz vor den heimtückischen Angriffen der Hexen zu bieten. Für einen sorgsam aufgebauten Gedankenschild blieb keine Zeit, wo er jetzt schon ihre kleinen Finger über sein Gehirn tanzen spürte. Immer auf der Suche nach einer Lücke, um sich reinzubohren und nach Geheimnissen zu wühlen. Also würde es jetzt auf reinen Willen hinauslaufen. Ein Glück, dass im Arbites willensstarke Menschen präferiert und darauf gedrillt wurden ihn sich zu Nutze zu machen. Cassian konzentrierte sich vollkommen auf die tastenden Finger und ließ vor ihnen Fallgitter aus reiner Willenskraft krachend herunterschnellen, die sie zurückzucken ließen. Er spürte, wie die Finger kurz zögerten, wie sie einen Sekundenbruchteil darüber grübelte, was dies zu bedeuten hatte und dann huschten sie wieder los auf der Suche nach einem weiteren Zugang los. Weitere Fallgitter schnellten herunter, blockierten mögliche Zugänge und igelten Cassians Gehirn Stück für Stück gegen den psionischen Angriff ab. Die Methode war natürlich alles andere als unfehlbar. Gegen ein oberflächliches Eindringen bot sie etwas Schutz, aber da diese geistigen Schutzwälle spontan aufgeworfen wurden, gab es viele tote Winkel über die trotzdem eingedrungen werden konnte, wenn sich ein Psioniker ein bisschen Zeit nahm. Das gute war, dass es so gut wie gar nicht erkennbar war, ob er hier Antipsionikertraining angewandt hatte oder nur einen äußert starken Willen und eine gewisse Empfänglichkeit für das Erspüren von Warpeinflüssen besaß. Wenn er mehr Zeit und Vorwissen über Soraya besessen hätte, wäre er anders vorgegangen. Ein sorgsam aufgebautes Gedankenschild, der den Verstand wirklich komplett absicherte. Gegen einen halbwegs begabten Psioniker bot dies natürlich immer noch so gut wie keinen Schutz, aber das Risiko auf einen wie diesen zu treffen, war statistisch äußert gering. Das Problem war eher, dass auch ein unausgebildeter, schwacher Psioniker oder ein oberflächliches Abtasten seines Verstandes jedem Warpanwender zeigen würde, dass Cassian spezielles Training erhalten hatte. Und in einer paranoiden Truppe wie dieser hier war das gleichbedeutend mit seiner Aufdeckung. Er musste sich also genau überlegen, ob er bereit war dieses Risiko einzugehen, wenn er mit Soraya, oder Imperator behüte, weiteren Leuten wie ihresgleichen hier klar kommen musste. Äußerlich merkte man den Beiden ihr Willensduell nicht an. Soraya hatte immer noch ihr zuckersüßes Lächeln aufgesetzt und hielt ihr Schwätzchen mit Renold, während Cassian sie so ausdruckslos anstarrte, wie er das bereits mit seinen Sitznachbarn getan hatte. Dann spürte er wie ihre Gedankenfinger seinen Verstand verließen und er hoffte, dass sie keine Informationen aus seinem Hirn hatte ziehen können. Zumindest ihrer jetzigen Unverschämtheit hatte er etwas entgegensetzen können. Der Kampf hatte nur wenige Sekunden gedauert und sich doch unendlich gezogen. In Zukunft würde er in ihrer Nähe vorsichtig sein und sich vorbereiten.
Soraya selbst war soeben auf eine neue Liste gewandert. Sie war kein Fall für die Abschusslisten des Arbites mehr. Sie war jetzt auf seiner persönlichen Abschussliste. Das Risiko war zu hoch, dass sie davonkommen würde, wenn höhere Stellen im Arbites sich irgendwann einmal um sie kümmern mussten. Dafür waren die Listen zu lang. Musste sich um zu viele Verräter gekümmert werden. Das hier war seine Last, die er zu tragen hatte und mit der er vielleicht das Blut des Mordes an dem PVS Soldaten etwas wegwaschen konnte. Er warf Renold einen kurzen Seitenblick zu, der Soraya immer noch dümmlich anlächelte. Den Prediger konnte er dann gleich mit beseitigen. Vielleicht seid ihr dann im Tod vereint, denn im Leben wird das für dich alten Narren nichts! Nachdem Renold ihnen erklärt hatte, wie es morgen ablaufen würde und welche Gefahren ihnen bevorstanden verabschiedete er sich und zog von dannen. Scharwenzelt wahrscheinlich wieder um Soraya herum! Am Tisch herrschte betretenes Schweigen, hatten sie bisher doch kein einziges Wort gewechselt, sondern nur den Vorträgen anderer gelauscht. Cassian hätte sich am liebsten schon jetzt zurückgezogen und seine Ausrüstung für den nächsten Tag vorbereitet. Aber vielleicht ließ sich etwas aus den anderen beiden herausbekommen. Sie steckten ja anscheinend auch noch nicht in dieser "Familie" mit drin. Das war auch noch etwas was er herausbekommen musste. Was sich hinter dieser Familie verbarg. Und zwar am besten bevor sie ihn dazu baten ihr beizutreten, denn dann war ein Ablehnen wahrscheinlich nicht mehr möglich. Außerdem hing er an seinen Haaren und die schienen Familienmitglieder nicht mehr zu besitzen, wenn er sich Soraya und Renold so anschaute und an die bereits getöteten Aufständischen dachte. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, ließ den Blick einmal durch den Barraum schweifen und ergriff dann das Wort. "Hat einer von euch vielleicht ein Kartenspiel dabei? Sonst kann man sich ja hier nur volllaufen lassen. Und verkatert in den Kampf ziehen ist jetzt nicht so meins. Muss wohl die Restdisziplin aus der PVS sein... Wie hat es euch denn hierher verschlagen?"
“Karten?” Der rattengesichtige, Oleg, wie Cassian sich erinnerte, blinzelte und schien seine Tischbeisitzer zum ersten Mal wirklich wahrzunehmen. “Wie kann man in einem solch erhabenen Moment an Trinken und Glücksspiel denken?” Das die Männer und Frauen an den anderen Tischen genau dies im Übermaß taten, schien er nicht zu sehen oder nicht sehen zu wollen. “Wir stehen am Rand gewaltiger Ereignisse, großer Dinge, weltumspannender Umstürze und und… gewaltiger Ereignisse.”
“Die hattest du schon.” Warf die Frau eine, leckte sich über die Fingerspitzen und versuchte eine besonders widerspenstige Haarsträhne auf diese Weise an ihrem Kopf festzukleben.
“Bitte?”
“Die gewaltigen Ereignisse… nimm doch… ich weiß nicht… monumentale Umwälzungen.”
“So ist es… Umwälzungen und gewaltige Ereignisse. Morgen werden wir eine Schlacht ausfechten, die der Auftakt zum endgültigen Sieg des Guten und Wahren sein wird.”
“Oh liebe Leut. Brummte Liux.”
Oleg, der drauf und dran gewesen war, sich in eine Rede zu stürzen, fühlte sich von dem Mangel an Begeisterung an diesem Tisch ganz offensichtlich beleidigt und sank in seinem Stuhl und seiner Uniform etwas zurück, wie ein schmollendes Kind. Dies ließ ihn nun nicht länger wie ein Nagetier aussehen, sondern wie eine Schildkröte, die den Kopf einzog.
“Der Mann wollte keine weitere Ansprache, sondern er will wissen, wie es dich hier her verschlagen hat.”
“Verschlagen, verschlagen.
Verschlagen tut es einen Vagabunden, der die Ebenen wechselt, um besser betteln zu können. Mich hat es nicht verschlagen. Mich hat die Vorsehung an diesen Ort gebracht, um das gute Werk dort fortzuführen, wo ich gebraucht werde.”
“Braucht man das?”
Oleg vernahm den Spott nicht und streckte den Kopf wieder aus seiner Uniform.
“Ich war in der Außenverteidigungsbatterie 88-2. Ich habe den Schwarm der Freiheit gesehen, als er auf die Kuppel der verdammten Ratshalle zuhielt. Hunderte waren das. Der Himmel war regelrecht schwarz von ihnen. Flugzeuge, große und kleine. Von ganz Koron waren sie gekommen und der Schlange der Unterdrückung den Kopf abzuschlagen. Unser Schichtleiter hat gebrüllt wir sollen feuern und dieses Wunder der Entschlossenheit vom Himmel fegen.
Wie hätte ich gekonnt? Wie hätte man die Hand gegen eine solch Zurschaustellung von Freiheitswillen erheben können?”
“Verschluss auf, Granate rein, Verschluss zu, Ohren zuhalten?”
“Was?” Speichel flog von den Lippen des Burschen, als er sich Liux frecher Bemerkung zu drehte.
“Ich mach nur Spaß Kleiner. Ihr habt also nicht geschossen.”
“Nein. Mein Brigadeführer war ein Widerstandskämpfer und ein paar andere auch. Sie haben keinen Finger gerührt und als der Schichtleiter seine Pistole gezogen hat, um seinem schändlichen Befehl Nachdruck zu verleihen, da hat sich Björn, also der Schichtleiter, einen Handspanner gegriffen und sich auf den Elenden gestürzt.”
“Und ihn erschlagen.”
“Nein, der Schichtleiter hat ihn erschossen. Direkt in den Kopf. Ich stand neben dem Schichtleiter und konnte es nicht fassen. Ich bin ihm in den Arm gefallen und habe ihm die Pistole entrissen. Ich hatte bis dahin noch nie einen Menschen erschossen. Wir haben mal auf Luftpiraten gefeuert, aber nicht so… nicht so direkt.”
Oleg starrte ins Nichts, als erlebte er die Ereignisse, von denen er berichtete, noch einmal. Halb in fanatischem Taumel, halb von der Ungeheuerlichkeit seiner eigenen Tat verschreckt.
“Der Kerl hatte den Tod verdient. Er war ein Normschrubber und Menschenschinder. Ich hatte die Waffe und die zwanzig Männer und Frauen sahen zu mir. Die Leute von Björn genauso wie die anderen.
Was sollen wir tun Oleg? Hat einer gefragt. Draußen waren die Motoren der Flieger fast so laut wie das Heulen der Sirenen.
Sollen wir feuern?
Und ich hab nein gesagt. Lasst sie durch. Die Leute von Björn haben gejubelt und mir auf die Schultern geklopft. Ein paar der Anderen sind auch bei uns geblieben, der Rest abgehauen. Feiglinge. Wir sind dann rüber zu 88-3 und haben dafür gesorgt, dass sie auch aufhören zu schießen.”
Liux blickte verstohlen zu Cassian, um von seinem Gesicht abzulesen, wie er auf diese Geschichte reagierte. Aber genauso gut hätte sie versuchen können, von einem Backstein Regungen zu deuten. “Danach haben wir uns durchgeschlagen. Überall war PVS und Arbites. Wir mussten kämpfen und hatten ja kaum Waffen. Ein paar Brüder und Schwestern der Transitionsisten haben und dann geholfen. Schließlich haben wir ein Safehaus erreicht und sind von da aus untergetaucht. Jetzt bin ich hier, um endlich etwas zu ändern. Es muss sich was ändern, da draußen. Die Menschen werden niedergedrückt und mit immer mehr Steuern belastet. Soldaten werden gegen die eigenen Leute oder unsere Brüder aus Truzt und Huncal gehetzt. Wir müssen uns endlich zusammenraufen und… und.”
“Jaja…” beschwichtigen ihn Liux, bevor er sich in eine weitere Rede steigerte.
“Es passiert ja was Kleiner. Morgen werden wir der Schlange den Schwanz abschlagen.”
“Den Kopf.”
“Ja, den auch.”
“Ich finde,” giftete Oleg und stieß seinen Zeigefinger gegen die Frau, “dir fehlt ein wenig der Ernst für die Lage. Ich dachte, du bist auch hier, um gegen das Regime zu kämpfen und Koron zu befreien.”
Liux ließ sich durch den überdrehten Revolutionär und Flakhelfer nicht aus der Ruhe bringen. Sie lehnte sich zurück, ließ die schweren Armeestiefel auf die Tischplatte krachen, dass eine leere Flasche umfiel und lehnte sich zurück. Das die Laserpistole in ihrem Oberschenkelhalfter dabei direkt auf Oleg zeigte, war vielleicht nur Zufall.
“Ich bin hier wegen der Revolution. Wegen der Revolution und wegen der Freigetränke.” Sie nahm einen Schluck aus der Flasche. Oleg sprang auf, was bestimmt eindrucksvoller gewesen wäre, wenn der Stuhl nach hinten umgekippt wäre. Er kippelte jedoch nur und fiel dann wieder nach vorn.
“Ich werde den Abend vor dem Anbruch eines neuen Zeitalters nicht in Gesellschaft von jemandem verbringen, dem die Trageweite unserer Sache nicht bewusst ist. Ich gehe zu richtigen Freiheitskämpfern. Kommst du mit?” Er blickte zu Cassian.
Mit Liux oder Oleg mitgehen, dass war jetzt die Frage. In seiner Ausbildung hätte man ihm befohlen sich an den Neurevolutionär zu heften. Der Mann schien zwar von den meisten Dingen keine Ahnung zu haben, aber vielleicht würden sie zufälligerweise über interessante Personen stolpern. Cassian zweifelte aber stark daran. Die meisten waren zum Feiern hier und dieser moralinsaure Amateur wirkte auf die Meisten vermutlich abschreckend. Außerdem hatte er heute schon einige interessante Kontakte geknüpft und man sollte sein Glück nicht überspannen, wenn es einem hold war. Nicht dass man ihn dann doch für einen Schnüffler hielt. Liux half ihm bei der Entscheidung.
“Der Große hat meine Lebensgeschichte noch nicht gehört. Ich schicke ihn danach zu dir. Dann könnte ihr euren Schlangen die Köpfe abdrehen.”
Oleg funkelte die Frau an und schien zu überlegen, ob er die Konfrontation weitertreiben sollte. Aber entweder entschied er, dass sie letztlich ja doch alle auf der selben Seite standen oder ihm ging auf, dass er neu im Mord-für-die-Freiheit Geschäft war und Liux den Eindruck machte, mehr Berufserfahrung zu haben. Er ging.
“Verbissenes kleines Scheißerchen. Dachte der haut nie ab."
„Ja, konnte mir sein Geschwätz nicht mehr lange anhören. Mir tun die Jungs und Mädels, die er morgen rumkommandieren wird, ein bisschen leid. Wenn die auf die Armee treffen, wird es ein Blutbad geben. Naja, sie werden wohl früh genug erkennen, was für eine Pfeife er ist und die richtigen Schlüsse ziehen. Egal… lass mal hören"
“Du willst wissen, warum eine feine Dame wie ich in so einem Schuppen landet?” Sie nahm noch einen Zug aus der Flasche. “Keine Ahnung, um ehrlich zu sein.
Erst habe ich einer Armeeeinheit angehört. Die wurde dann zur Söldnereinheit und die wiederum zur Piratenbande. Wir haben uns auch beim Imperium bedient und auch schon mal einen von denen kalt gemacht.
“Passiert.”
“Genau. Wenn man einen kleinen Außenposten überfällt, dann kümmert das keinen und es bringt das Imperium nicht ins Wanken. Wir konnten dann immer zur nächst größeren Welt fliegen, uns als Söldner ausgeben und die Ware verscherbeln. Das lief eine Zeit lang ganz gut. Dann sind sie uns draufgekommen und haben Jagd auf uns gemacht.”
“Einigermaßen erfolgreich, da du sonst wohl nicht allein hier gestrandet wärst.”
Sie machte mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole und feuerte sie auf ihn ab. Den Vogel abgeschossen.
“Ich war grade hier, um ein bisschen Beute an den Mann zu bringen. Da haben sie unser Schiff entdeckt und zum Teufel gejagt. Ich bin hier also sozusagen gestrandet. Es soll ein Echsenxeno im System geben, der eine ganz passable Truppe aufgestellt hat. Dem wollte ich mich erst anschließen, aber ich bin hier fremd und das Dumme an verborgenen Organisationen ist, dass sie verborgen sind.”
“Scharf beobachtet”
“Aye. Dann ist dieses Ding mit der Ratshalle passiert und als auf den Straßen rumgeballert wurde, dachte ich mir. “Hey altes Mädchen, versuchs doch zur Abwechslung mal mit Revolutionär.” Ist mal was anderes.
Apropos Abwechslung.” Sie nahm die Beine vom Tisch und lehnte sich wieder vor. Renold hat vorhin erwähnt, du hättest eine Bude in einem Hotel hier. Ich hab nur ein Zeit, dass ich mir mit drei anderen teilen muss und sie lassen mich nicht aus dem Lager. Ich würde ja gerne noch einmal duschen, bevor wir morgen den Heldentod sterben.
Vielleicht fällt uns zwei Hübschen ja dann auch noch was anderes ein, als Kartenspielen.”
“Bin eh nicht so der Kartenspieler.”
“Wenn du mitkommst und am Tor erwähnst, dass du für Renold unterwegs bist, lassen sie uns sicher noch mal gehen. Der große Knall passiert doch erst morgen.
Also wie wärs, Großer?”
In einem Zug trank Cassian den Rest seines Brandy aus und stellte das Glas geräuschvoll auf dem Tisch ab.
"Ja, lass uns zu mir gehen. Meine Sachen liegen da auch noch rum. Und nach Beginn der Kämpfe werde ich es wohl nicht mehr schaffen, sie abzuholen.“
Aus dem Lager herauszukommen sollte auch nicht zu schwer sein. Renold meinte ja, dass wir den Abend so verbringen sollten, als wäre es unser letzter. Er hat aber nicht gesagt, dass wir ihn hier verbringen müssen.
Hol deine Sachen aus dem Zelt, ich warte vor dem Lounge Light auf dich."
Cassian musste nicht lange warten und Liux kam mit einem Rucksack und einem Laserkarabiner beladen auf ihn zu.
So als ob es das natürlichste auf der Welt wäre marschierte Cassian auf die Torwache zu, blickte den Mann absolut selbstsicher an und deutete auf den Ausgang.
"Wir zwei Hübschen" er deutete auf sich und Liux "müssen leider nochmal raus." Er konnte sehen wie sich der Widerspruch auf den Lippen seines Gegenübers bildete und würgte ihn energisch ab ehe er ausgesprochen werden konnte. "Ja, ja ich weiß. Niemand soll das Lager verlassen. Sperrzeit und so weiter. Tut mir schrecklich leid, dass wir jetzt genau dich belästigen müssen. Aber wir müssen leider trotzdem raus." Jetzt war es Zeit die Autoritätskarte zu spielen. "Du kennst sicher Bruder Renold nicht? Groß gewachsener Mann. Hinkt etwas. Priester... und ein hohes Tier hier." Erkennen flackerte in den Augen seines Gegenübers auf. "Ja, den kenn..." "Genau und wir beide, also die Dame da und ich unterstehen ihm direkt. Sollen ihm beim Koordinieren helfen. Und dafür müssen wir leider noch einmal hier raus, bevor es morgen losgeht. Wir werden aber heute Nacht noch zurückkommen, großes Ehrenwort. Müssen nur noch ein bisschen was erledigen, um Renold zu helfen. Wir kommen nachher auch wieder bei deinem Posten rein. Versprochen." Der Wachposten war von dem Wortschwall förmlich überrollt worden und versuchte immer noch die Situation abzuschätzen, während der Arbites ihm das Ohr ablaberte. Zögerlich nickte er, als ob das Angebot annehmbar wäre und suchte dann halt in einer Phrase, die er hier wohl öfters am Tag verwendete.
"Was ist in der Tasche drin?" "Meine Sachen." Kam knapp von Liux zurück. "Ich müsste leider kurz reinschauen, bevor sie rausdürfen..."
Die beiden ließen die Überprüfung der Wache über sich ergehen, denn Unverschämtheiten gegenüber dem Mann hätten ihren Abzug weiter verzögert. Nachdem nichts auffälliges gefunden worden war, ließ man sie durch.
"Ich hoffe mal, dass er uns später auch wieder so wenig Probleme machen wird." War Cassians einziger Kommentar dazu.
Der Weg zum Hotel zog sich etwas, war er auf dem Hinweg doch zusammen mit Renold in dessen Riesenschlitten gefahren, aber schließlich kamen sie an und mussten nach der Fahrstuhlfahrt nur noch mehrer Stockwerke Treppen steigen.
Das Zimmer sah genauso aus wie er es vor mehreren Stunden verlassen hatte. Nicht schien angetastet worden zu sein. Cassian hängte seine schwarze Lederjacke über einen der beiden Stühle und enthüllte damit auch den Schulterholster mitsamt großer Kanone, die vorher verborgen gewesen waren. Die kurzläufige Schrotflinte wanderte in eine Zimmerecke, wo sie nachlässig gegen die Wand gelehnt wurde und der Munitionsbeutel mit der Flintenmunition landete ähnlich lässig auf dem Hartplastektisch in Holzoptik. Er machte eine einladende Geste und lächelte Liux schräg an. „Fühl dich wie zu Hause. Stell deine Sachen ab wo du willst. Wir bleiben hier ja nicht einmal für eine volle Nacht. Das Bad mit Dusche ist da drüben." Er zeigte mit seinem Daumen über die Schulter. "Leider nur ne Sanddusche. Für mehr sind wir in der falschen Ebene. Vielleicht nehme ich nachher auch noch eine und dann können wir uns ja überlegen, was wir den restlichen Abend über machen.“
 
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“Oh da hab ich schon so meine Ideen.”
Sie ließ ihre Tasche neben der Tür fallen und nahm das Lasergewehr von der Schulter. Es sah so aus, als wolle sie die Waffe ebenfalls ablegen, doch stattdessen brachte sie es auf Höhe der Hüfte in Anschlag. Eine Diode begann zu flackern und zeigte frohgemut an, dass das Mordinstrument nun bereit wäre, seine tödliche Lichtlanze auf Cassian abzufeuern. Ein sattes Summen drang aus dem Inneren des Gehäuses. Auf Cassians Unterleib erschien der rote Punkt eines Laserpointers und wanderte langsam höher bis zu der Stelle, wo bei Nichtarbites ein fühlendes Herz gesessen hätte.
Liux machte den Eindruck, als würde sie auch aus der Hüfte treffen was sie treffen wollte. Aber selbst wenn daran Zweifel bestanden hätten. Mit dem Lichtpunkt als Ankündigung der Stelle, an der der größere Bruder des kleinen Flecks ein Loch in den Leib des Mannes brennen würde, bestand kaum eine Chance, daneben zu schießen.
Falls sie darauf gehofft hatte, dass die vorgehaltene Waffe ihn zusammenzucken lassen würde, hatte sie sich geirrt. Cassians Gesicht war immer noch dieselbe ausdruckslose Backsteinfassade aus der Bar.
Hinter dieser unnachgiebigen Mauer rangen Scham und Wut miteinander. Scham, da er sich peinlicherweise wie ein blutiger Anfänger hatte übertölpeln lassen. Wenn er seinen verdeckten Einsatz jetzt so beenden würde, mit münzgroßen Loch im Kopf, würde er für alle Zeiten im Anschauungsmaterial für Arbitratoren in Ausbildung im Bereich „Schlampig durchgeführte verdeckte Einsätze“ zu finden sein. Unterkategorie: “Schwanz schlägt Hirn!” Sein einziger Lichtblick war, dass er sich den Tadel seines Lebens nicht mehr von Marschall Ludwig abholen musste.
“Als erstes legst du mal deine Artillerie auf den Tisch.”
Mit Daumen und Zeigefinger der Linken und ganz langsam und zärtlich. So ist's brav.”
Sich Liux gegenüber als Arbitrator erkennen zu geben war auch keine Option. Er hatte nichts dabei, mit dem er sich offiziell ausweisen konnte und selbst wenn, würde sie ihn dann wahrscheinlich noch eher töten. Schließlich hatte sie sich ihm gegenüber als Deserteurin und Marodeurin zu erkennen gegeben, die Diener des Goldenen Throns ermordet hatte und dafür mit der eigenen Hinrichtung rechnen musste.
“Normalerweise hätten wir das Bettgestell ein bisschen quietschen lassen können.
Ich mag die großen Grimmigen.
Aber die liebe Liux muss ganz dringend hier weg. Deine Kumpels mit dem einseitigen Frisurengeschmack da hinten. Die haben alle ganz schwer einen an der Mütze.
Ich hab kein Problem damit, mal den einen oder anderen Imp abzuknallen.
Leben und sterben lassen.
Aber was die treiben, das ist keine Revolution, wo man noch nen Schekel nebenbei machen kann.
Die haben Völkermord vor.
Das ist unprofitabel und außerdem schieße ich nicht gerne auf Gören und alte Knacker.”
Sie begutachtete Cassian von oben bis unten, wie ein gut abgehangenes Stück Squam-Squam oder Grox, das man auf seine Eignung als Sonntagsbraten hin untersuchte. Dabei sog sie die Unterlippe ein und schien scharf zu überlegen, was sie mit ihm anstellen sollte.
“Am einfachsten wäre natürlich, dich hier und jetzt zu erschießen. Dann kannst du keinem mehr was erzählen und die PVS würde eine Patrone sparen. Die schlachten morgen sowieso alles ab.”
Ein Moment des Schweigens, währenddessen sie tatsächlich sehr scharf nachzudenken schien, das Gesagte in die Tat umzusetzen. Dann schnalzte sie resignierend mit der Zunge.
“Ich bin einfach zu weich für diese Welt.
Zieh dich aus! Mal sehen was Mutter Natur dir mitgegeben hat und ob ich was verpasse. Außerdem verfolgen einen nackte Kerle nicht so enthusiastisch.
Also hopp hopp.”
„Da hast du mich jetzt ordentlich in die Pfanne gehauen. Und ich habe mich schon für schlau gehalten, weil ich dank dir Olegs Geschwafel entkommen konnte.“
Die schweren Stiefel wurden fein säuberlich nebeneinander abgestellt und die Socken ordentlich gefaltet in ihnen verstaut.
„War vielleicht etwas voreilig. Wobei… ich mag Frauen, die wissen, was sie mögen.“
Er öffnete den Gürtel und zog seine Hose aus. Ordentlich gefaltet, landete die Hose neben seinen Stiefeln.
“Du magst Frauen, die wissen, was sie mögen? Kannst du auch welche leiden, die leiden? Oder würdest du dich nur an Festgebundene fest binden?
Ich kannte mal einen Kroot, der hatte bessere Anmachsprüche und der konnte nur klicken und pfeifen.”
Sie spornte ihn mit einem ungeduldigen Zucken des Gewehrlaufes an.
Es folgte sein T-Shirt und er wusste, dass seine Tarnung als ehemaliger PVSler jetzt so gut wie tot war. Unter dem Shirt verbarg sich nämlich seine maßgeschneiderte, mattschwarze Incorkörperpanzerung.
Als der ihr ausgelieferte Arbites die Körperpanzerung fallen ließ und darunter der eigentliche Schutz zum Vorschein kam, kniff sie die Augen zusammen und legte den Kopf leicht schräg. Man konnte förmlich hören, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Hör mal Schätzchen… sagte sie und ihr Ton klang um eine Idee beschwichtigender. Was wohl darauf zurückzuführen war, dass sie sehr wohl Eins und Eins zusammenzählen konnte. Vielleicht begriff die Piratin und vorübergehende Revolutionärin nicht genau, was die unzweifelhaft wertvolle und hochwertige Körperpanzerung zu bedeuten hatte. Dass sie etwas bedeutete, war ihr jedoch ganz sicher bewusst.
“Ich will diese Sache hier schnell und unproblematisch über die Bühne bringen. Ich will dich nicht erschießen und deine schicke schwarze Unterwäsche will ich auch nicht. Auch wenn ich sicher bin, dass mir gewisse Leute ein hübsches Sümmchen dafür zahlen würden. Isn das überhaupt? So eine Art ballistische Reflexpanzerung?”
Cassian schwieg sie quälend lange Sekunden dröhnend an und löste dann die Schnallen/Klettverschlüsse der Rüstung, hievte sie von sich und lehnte sie gegen die Wand. Er entschied sich für keine Antwort als Antwort.
„Die Unterhose auch?“
Sie nickte, während sie mit den Augen seine muskulöse Statur abtastete.
“Wenn schon, denn schon.
Alles!”
Als der Arbites nun gänzlich nackt vor ihr stand und das weiche Licht der Zimmerbeleuchtung seinen berufsbedingt hart gestählten Körper beschien, biss sie sich auf die Unterlippe und seufzte. “Jammerschade. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort wäre das sicher lustig geworden. Aber die liebe Tante muss weg…” Bei letzterem schien sie direkt zu Cassians Geschlechtsteil zu sprechen und weniger zu ihm selbst.
“Außerdem gibt es zwar bestimmt schlimmere Tode als beim Rammeln draufzugehen, aber ich will trotzdem noch ein bisschen leben. Ich sag dir also was wir zwei Hübschen jetzt machen. Du gehst ins Bad und ich werde die Tür hinter dir abschließen. Ein kräftiger Bursche wie du sollte die Tür schnell wieder aufkriegen, wenn ich dann erst mal weg bin.
Deine Knarre werde ich entladen und das Magazin in den Flur legen. Dann kannst du dich brav wieder anziehen, Hemd reinstecken nicht vergessen. Dann deine Artillerie neu bestücken und ich bin dann hoffentlich schon über alle Berge.
Außerdem werde ich dich nicht nur nicht erschießen, sondern dir auch noch einen kostenloses Rat mit auf den Weg geben: Mach es genauso wie ich. Ich weiß nicht, was du für Ärger mit dem Imperium hast. Aber die Glatzen sind auch keine Lösung. Ich bin mir nicht sicher, was mit denen nicht stimmt, aber Segen liegt auf der Bande nicht.
So und jetzt husch unter die Dusche.”
Sie dirigierte ihn mit dem Lauf ihrer Waffe in Richtung Badezimmer.
„Werde mir deinen Tipp merken. Vorher muss ich aber noch etwas erledigen.“ Cassian ging in das Badezimmer und drehte sich auf der Türschwelle noch einmal kurz zu Liux um. „Ich gebe dir auch einen. Gib dir Mühe mit deinem Fluchtversuch und verschwinde so schnell wie möglich aus dem Stadtteil hier. Soraya hat ihre kleinen Grabbelfinger auch in dein Hirn gesteckt nicht? Sie wissen wahrscheinlich schon, dass du dich davon machen willst. Und Revolutionäre machen mit Abweichlern und Fahnenflüchtigen sehr kurzen Prozess. Besonders die hier.“ Liux verzog ob dieses Rates keine Miene und deutete mit dem Gewehrlauf auf das Badezimmer.
„Rein da.“ Cassian folgte der Aufforderung, schloss die Tür hinter sich und setzte sich aufs Klo, um die Zeit abzusitzen. Er konnte Liux im Zimmer rumoren hören, wie der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde, dann schabende Geräusche an der Tür. Anscheinend blockierte sie gerade die Tür mit einem Stuhl. Wahrscheinlich würde da noch mehr kommen. Sie wollte also auf Nummer sichergehen, dass er ihr nicht folgen konnte. Ein paar Minuten später hörte er, wie die Zimmertür geschlossen wurde und dann herrschte Stille.
Cassian stand auf, ging zur Tür und betrachtete das Schloss aus der Nähe. Natürlich nur ein Badezimmerschloss. Mehr ein Hinweis als ein wirkliches Hindernis. Cassian trat etwas zurück und trat mit voller Wucht knapp neben dem Schloss gegen die Tür. Sie erzitterte unter der Wucht, hielt aber ansonsten souverän stand. Er war es gewohnt, dass Türen nachgaben, gegen die er trat. Das würde eine längere Angelegenheit werden. Auch weniger peinlich wurde der Abend dadurch nicht.
Nach langen Minuten und viel Lärm gab die Tür ihren Widerstand gegen die kraftvollen, gezielten Tritte auf. Mit samt den dahinter nachlässig angehäuften Möbeln flog sie durchs Zimmer. Alles schien noch da zu sein, wenn man vom Pistolenmagazin absah.
Hastig zog er sich seine Kleidung, Schutzweste und Schuhe an und stürmte in den Flur hinaus. Das Magazin lag wie versprochen dort und wanderte sofort in den Magazinschacht. Dann ging er in sein Zimmer zurück, um sich Übersicht über den Rest seiner Sachen zu machen.
Sein Rucksack lag entleert in einer Ecke, während der Inhalt von Wechselwäsche, Ersatzmagazine, Schalldämpfer und weiterem über den Boden verstreut war. Auch sein Geldbeutel lag dort. Das Geld fehlte natürlich. Wenig überraschend, da Liux ja Berufsverbrecherin war und etwas zusätzliches Kleingeld immer nützlich war.
Cassian packte zügig alle seine Sachen ein, holte Peilsender und Notizen aus seinen Verstecken und ließ sie in seinen Jackentaschen verschwinden und holsterte Flinte und Pistole.
Jetzt musste er nur noch zum Stützpunkt zurückgelangen und überlegen, ob er Liux ans Messer liefern sollte oder nicht.
Wäre nicht sein Diensteid gewesen, hätte Cassian vielleicht sogar Trost darin gefunden, dass er jemandem geholfen hatte, dem zerstörerischen Einfluss dieser Revolution zu entgehen. Ihr Dasein als Schmarotzer, als Parasit im Fell imperiumstreuer Bürger, war gewiss zu verdammen. Aber es war doch auch nicht so verwerflich, dass es eine Gefahr für die Grundfesten des Imperiums darstellte. Ein paar Jahre in einem Arbeitslager oder einem Strafbataillon hätten sie vielleicht läutern und auf den Pfad der Tugend zurückbringen können. Ein Projekt für die Zukunft und wohl für andere, niedrigschwelliger agierende Vollstrecker des imperialen Rechts
 
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Auf der Straße lag die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm wie ein Leichentuch über allem. Nur dann und wann eilten Einzelpersonen oder kleine Gruppen zielstrebig ihrem Bestimmungsort entgegen. Selbst von den Straßen um die Ebenenzufahrt, wo die größten zivilen Proteste stattgefunden hatten, war nichts mehr zu hören. Die dort aktiven PVS- Aufruhreinheiten und Arbites hätten vermutlich relativ unbehelligt einmarschieren und zumindest die Blöcke an der Hauptstraße problemlos unter ihre Kontrolle bringen können.
Dass sie es nicht taten, sprach eine klare Sprache.
Cassian kam ohne Zwischenfälle zurück in das Lager.
Wenn jemals einer der Verantwortlichen die Befürchtung gehabt hatte, dass sich Agenten einschleichen würden, dann war dies inzwischen hinfällig. Alle wussten, was sehr bald passieren würde und daran änderte auch die Entdeckung eines eingesickerten Feindes nichts mehr. Das musste eine Gleichgültigkeit gegenüber Dingen sein, die sich nicht mehr vermeiden ließen. Denn fehlende Fachexpertise für derartige Sorgfältigkeit konnte man den Aufständischen nicht unterstellen. Nach den aktuellen Erkenntnissen hatten ihre Aktionen und Terrorakte Jahre, wenn nicht Jahrzehnte der Vorbereitung und Planung gebraucht. Ein gewaltiger Apparat der Geheimhaltung und Infiltration. Nur eine undichte Stelle und viele Aktionen hätten vom Feind so nicht durchgeführt werden können. Herauszufinden, wie das alles möglich gewesen war, ein Mosaiksteinchen des zerschlagenen Gesamtbildes aufzuheben und wieder an ein anderes zu setzen, deswegen war Cassian hier.

Die Beschaffenheit der Makropolebene hatte verhindert, dass vor der improvisierten Mauer Gräben ausgehoben worden waren. Zwar hätte man den Asphalt und Stahlbeton aufreißen können, um so in den darunter liegenden Versorgungsbereich zu gelangen. Kämpfer in solchen Gräben und Schützenlöchern hätten allerdings damit zu kämpfen gehabt, dass sie sich die Abwehranlagen mit Abwasser und Starkstrom gefüllt hätten, was den Aufwand nicht wert gewesen wäre. Nicht einmal sie als Fallgruben und Hindernisse zu schaffen, stand im Verhältnis von Nutzen und Ressourcenverbrauch. Wohl aber hatte man an einigen Stellen Sprengfallen verborgen. Außerdem waren die Häuser entlang der wahrscheinlichsten Zufahrtsstraße von Einsatzgruppen durchsetzt, die sich verborgen halten sollten, bis das Zeichen zum Losschlagen gegeben wurde.
Der eigentliche Verteidigungsring war der Wall und der Bereich dahinter. Natürlich stellte die überdimensionale Barrikade eine prächtige Verteidigungsstellung dar, war aber auch ein ideales Ziel. Niemand, der weiter dachte, als sein eingeimpfter Fanatismus über rechtschaffene Unbesiegbarkeit gestattete, machte sich Illusionen darüber, dass man den Wall lange würde halten können. Vielleicht wenn die anderen mit Rammen, Leitern und Schwertern dagegen anrannten. Aber davon war wohl nicht auszugehen.
Also lag die eigentliche Todeszone dahinter. Wenn der Feind die Mauer überwunden hatte und sich des Sieges gewiss war, dann würde der wahre Reigen erst beginnen.
Maschinengewehrnester, befestigte Stellungen und sogar Bunker lauerten hier auf die Imperialen. Letztere waren zum großen Teil Betonbrocken, die beim Einschlag des Baneblade aus der Ebene und aus Gebäuden gerissen worden waren. Die hatte man an günstige Stellen gezogen, mit Stahl und frischem Beton ausgebessert und mit Sandsäcken ummantelt. Hier würde der eigentliche Kampf stattfinden.
Außerdem gab es noch ein paar ganz spezielle Überraschungen, die momentan noch in extra errichteten Wellblechhütten lauerten.

Als Cassian das Lager betrat, war der größere Teil der Nacht bereits verflossen. In einigen Zelten konnte man Gestalten auf Feldbetten liegen sehen, die meisten Revolutionäre waren jedoch auf den Beinen. Es wurden Kisten geschleppt und Fässer gerollt. Letzte Stellungen befestigt.
Unter den Kämpfern sah man auch immer wieder Männer und Frauen in gelben Tuniken. Priester der Kirche der transzendalen Erneuerung.
Bei einer größeren Gruppe gewahrte Cassian Renold, der sich wieder in Vater Renold verwandelt hatte. Er trug seine gelbe Amtstracht und sah entspannter aus als all die Männer und Frauen um ihn herum. An einem Lederriemen baumelte eine Schrotflinte vor seiner Hüfte.
Als er Cassian sah, hob er grüßend die Hand. Oleg stand auch bei ihnen und blickte sauertöpfisch drein.
“Wir dachten schon du hättest den großen Tag verschlafen mein Freund.” Er schlug dem verdeckten Agenten freundschaftlich aber eine Spur zu hart auf den Rücken. “Du weißt nicht zufällig wo sich Liux herumtreibt? Wir vermissen sie und der gute Oleg hier meint, ihr hättet den Abend zusammen verbracht.”
Cassian zuckte nur die Schultern. Er spielte den Verkaterten.
“Nun sie wird schon auftauchen. Bis dahin verteilen wir ihren Trupp auf euch beide.” Genau das geschah dann auch. Durch den halben Trupp von Liux fand sich Cassian als Anführer von 15 Männern und Frauen wieder. Ein bunter Haufen, der mehr durch Entschlossenheit und Feuer bestach, als durch den Anschein militärischer Schulung. Sie waren mit einem Sammelsurium aus Sturm-, und Lasergewehren bewaffnet, hatten Granaten und Ersatzmagazine an den Gürteln hängen. Außerdem Messer und Beile, falls all die Fernkampfausrüstung eine Konfrontation Aug in Aug nicht verhindern konnte. Zusätzlich waren eine Handvoll schwererer Waffen in den Gruppen vertreten. So konnte Cassian über ein leichtes Maschinengewehr und einen Schulter gestützten Werfer gegen gepanzerte Ziele zurückgreifen. Auf den ersten Blick sah es immerhin so aus, als könnten die ihm anvertrauten Kämpfer mit der Ausrüstung umgehen. Typisch kurz aber intensiv Geschulte. Ob diese Ausbildung Bestand hatte wenn die ersten Kugeln pfiffen würde sich zeigen.
Renold machte sich nicht die Mühe, die Einheitenführer mit ihren Leuten bekannt zu machen. Entweder setzte er voraus, dass diese dies vor dem Kampf noch selber taten oder es war ihm schlicht egal, ob Cassian und Oleg die Namen derer kannten, die sie in den Tod schickten. Zur Ehrenrettung des Revolutionärs musste man eingestehen, dass dies in imperialen Regimenten und Armeen zu allen Zeiten und auf allen Welten meist nicht viel anders gewesen war.
Mit einem roten Fettstift malte er einen groben Lageplan auf den Boden.
[Bild: 3a530e98649687b05971832c08f775b9.jpg]


“Hier ist der Baneblade.” Ein schiefes Viereck erschien. “Das Lager, die Mauer und die Hauptstraße. Hier die angrenzenden Wohnhabs. Unsere befestigten Stellungen hinter der Mauer hier.” Diese wurden von drei eckigen U- Formen dargestellt. “Die Unterdrücker werden im Großteil wohl die Hauptstraße herunterkommen, um die Mauer anzugehen. Wir wissen von unseren Augen und Ohren in der Bevölkerung, dass sie sich bereits seit drei Tagen sammeln und nur mit Aufruhrtrupps in den Zugangsbereich gehen. Um uns glauben zu machen, sie würden es noch ernsthaft auf diese Art und Weise versuchen. Die verdammten Arbites sind ein gutes Stück vorgedrungen und haben die Demos, die wir dort als Puffer etabliert haben, zerschlagen. Sie hätten leicht bis zu uns vordringen können, haben aber nach ein paar Kilometern aufgehört. Wir sind sicher, dass sie das so besetzte Gelände als Operationsbasis und Aufmarschgebiet benutzen wollen. Sie kommen bald, dass steht fest. Außerdem wissen sie sicherlich, dass sie es nicht nur mit Steinen und Brandsätzen zu tun kriegen werden. Aber wir glauben nicht, dass sie einschätzen können, was genau wir aufbieten können.” er grinste und in seinem Mundwinkel blitzten kleine, scharfe Zähne. “Wir haben Spezialteams in den Wohnhabs, die ihnen das leichte Vorankommen versauern werden. Sollten sie die Mauer überwinden, dann bekommen sie richtig eingeheizt. Euch will ich als Feuerwehr einsetzen. Verausgabt euch nicht, bevor es richtig losgeht. Geht nicht weiter als bis zur Mauer und setzt euch auch da nicht zu vielen Angriffen aus. Ich will, dass ihr dahin geht, wo unsere Linien dünn werden. Da, wo die Moral einzuknicken droht. Wenn die Situation wieder stabil ist, sucht einen anderen Bereich, wo ihr helfen könnt. Bleibt beweglich, lasst euch nicht festnageln. Wenn der Feind geschlagen ist und sich zurückzieht, verteilen wir die Aufgaben neu. Sollte es schlecht laufen, dann ist unsere letzte Stellung das Hab, in dem auch das Lounge Light ist.
Wir wollen schauen, dass es dazu nicht kommt, meine Brüder und Schwestern. Ach ja… sollte Liux noch auftauchen, dann soll sie sich einem der Trupps anschließen. Ihre Führungsrolle hat sie verspielt.” Diese Worte schienen zumindest Oleg mit Genugtuung zu erfüllen.
“Vergesst niemals, meine Freunde, dass wir keinen einsamen und keinen verlorenen Kampf kämpfen. Sie versuchen uns das weiszumachen. Sie wollen, dass wir uns wie eine Insel in einem Meer von ihnen fühlen. Aber sie lügen in ihrer grenzenlosen Angst vor dem Zorn der Massen. Wir sind ein Leuchtfeuer, so wie der Schlag gegen ihre Ratshalle ein Leuchtfeuer war. Unser Licht in der Nacht wird gesehen werden und nur der Anfang sein. Seit frischen Mutes und fürchtet keine Finsternis.”
Einem Omen gleich ging in diesem Moment das Licht aus. Eigentlich hätte jetzt der relativ sanfte Wechsel vom Nacht,- in den Tagzyklus erfolgen sollen. Aber das geschah nicht. Die Staatsmacht hatte immer wieder das Versorgungsnetz manipuliert, um den Widerständlern das Leben schwer zu machen. Bisher nur auf Abschnitte begrenzt, denn natürlich wirkten sich diese Aktionen auch auf die Bedingungen aus, unter denen sie selbst agieren mussten. Außerdem, so spekulieren viele, wollten sie jene mürbe machen, die sich noch nicht voll und ganz auf die Seite der Aufständischen geschlagen hatten und vielleicht durch diese Methoden noch zur Aufgabe zu motivieren waren.
Diese Versuche schienen jetzt aufgegeben worden zu sein.
Das Licht ging aus. Das stetige, sanfte Summen, welches die Aufbereitungsanlagen, Lufttauscher und Umwälzer erzeugten, verstummte. Eine ungewohnte, fast schmerzhafte Stille.
“Oh…” Sagte Renold, während alle nach oben sahen, als könnte man den Umstand fehlenden Lichtes dadurch besser erfassen.
“Die haben es scheinbar eilig. Ich dachte, wir hätten noch einen Tag.” Notaggregate und starke Baustellenscheinwerfer sprangen an und drängetn die Dunkelheit ein wenig zurück.
“Alle auf ihre Positionen. Ich werde zu Louise gehen und hören ob es neuere Informationen über Feindbewegungen gibt.
Viel Glück, meine Freunde.”
 
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Unter anderen Umständen hätten die Ordnungskräfte eine breit gefächerte Front aus PVSP in Vollschutz und mit kugelsicheren Schilden aufmarschieren lassen, um den Wall zu erstürmen. Wäre der Gegner nur mit den üblichen Handwaffen, Brandsätzen und Schlagwaffen ausgerüstet gewesen. Die Ordnungskräfte wussten jedoch, dass ihre Widersacher über sehr viel schweres Kriegsgerät verfügten. Selbst wenn man davon ausging, dass sie den Baneblade nicht geplündert hatten.
Also rückten zwei Chimären und vier Radpanzer vor. Im Schritttempo, damit die Infanteristen mithalten konnten, die hinter den Fahrzeugen folgten, wie die Entenküken hinte der Mutter. Die Chimären waren mit zahnbewehrten Räumschaufeln ausgerüstet, die vierrädrigen, gepanzerten PVSP- Fahrzeuge hatten lange Rammen mit flachen Spitzen, die mit Türen und Hindernissen gleichsam kurzen Prozess machen sollten. Dieser Vormarsch geschah nicht ungedeckt. In den Häuserfronten links und rechts der Hauptstaße waren Einsatzsteams unterwegs, die vermutete Nester der Rebellen ausheben sollten. Das gelang auch bei den ersten Stellungen der Widerständler, doch als diese den Angriff bemerkten, wappneten sie sich. Die Gruppen in den Gebäuden waren dabei überdurchschnittlich ausgerüstet und vor allem wild entschlossen. Erste Feuergefechte, mit Verlusten auf beiden Seiten brachen in den Hubs aus. Verstärkung durch die PVS wurde geschickt, doch der Widerstand und die Nadelöhrpositionen in denen sie sich eingeigelt hatte, machten ein Vorankommen in den Gebäuden schwer.
So konnten die Kommandos nicht verhindern, dass eine Schulter gestützte Abwehrwaffe auf eine der Chimären abgefeuert wurde. Die Rebellen wussten sehr genau, das die schwerer gepanzerten Chimären mit ihren Multilasern die größere Bedrohung darstellen. Das Geschoss detonierte am Turm des Transportpanzers, konnte diesen aber nicht durchschlagen. Sogleich drehte sich der Turm in die ungefähre Richtung und eröffnete das Feuer mit einer Kaskade aus Licht, die die Fassade des entsprechenden Wohnhabs mit Pockennarben überzog. Auch die infanteristischen PVS-Polizisten erwiderten das Feuer. Einer der Radpanzer beschleunigte unvermittelt, womit er die ihm folgenden Schützen relativ ungeschützt auf der offenen Straße zurückließ. Die motorisierte Ramme überwand die dreihundert Meter bis zur Mauer mit aufheulendem Motor und blitzenden Scheinwerfern.
Rechts von dem vorpreschenden Fahrzeug ging eine versteckte Ladung hoch. Sie war jedoch nicht nur zu weit entfernt um Schaden anzurichten, sondern auch zu spät gezündet wurden.
Der Radpanzer krachte in die Barrikade. Das ganze Konstrukt erbebte an dieser Stelle. Säulen aus Abgasen abstoßend, setzte er zurück und zerrte ein verdrehtes Stück Metall mit sich. Dann stieß er erneut vor. Dieses Mal kam er jedoch nicht gleich wieder frei. Auf der Mauerkrone erschienen jetzt Gestalten. Ein Flackern und zwei Brandsätze landeten auf dem Dach des Radpanzers. Der wurde in flüssiges Feuer getaucht.
Jetzt war der Startschuss buchstäblich gegeben. Von der Schrottmauer, aus den Fenstern der Habs und aus Schießscharten in der Mauer wurde gefeuert, als sollte das Ende der Welt eingeläutet werden. Die ungeschützten Soldaten, die den übereifrigen Radpanzer begleitet hatten, fielen wie umgestoßenen Kegel.
Aus den Reihen der Arbites und der PVS, die zurückgesetzt bei weiteren Fahrzeugen und einigen behelfsmäßigen Sandsackstellungen auf ihren Einsatz warteten, kam vereinzeltes Gegenfeuer. Den Löwenanteil trugen jedoch die Chimären und Infanteristen. Während einer der Panzer weiter die Häuser bestrich, ließ der andere den Laser über die Barrikade wandern. Verflüssigtes Metall tränte herab. Wo Matratzen oder Kunststoff getroffen wurde züngelten Flammen empor. Ein Maschinengewehr bellte los und beharkte die forderte Chimäre. Die setzten den Front montierten Bolter gegen die Stellung ein und brachte sie fast augenblicklich zum Verstummen. Links und rechts an dem kantigen Kollos vorbei feuernd, gaben die Soldaten gezielte Schüsse ab und brachten immer wieder einzelne, sehr viel ungebädriger schießende, Gestalten auf der Erhöhung zu Fall.
Auch wenn der Widerstand heftig war und es bereits einige Personenausfälle gegeben hatte, sah die Sache doch ganz ordentlich aus. Die Chimären setzten dem Wall gehörig zu, an einer Stelle sackte dieser sogar ein gutes Stück in sich zusammen. Die Soldaten agierten präzise und tödlich und die Radpanzer machten sich daran, den Haufen Schrott und Müll einzureißen. Einer von ihnen versuchte sich in diesem Moment an dem Tor, welches er mit drei Anläufen eindrückte und sich ins Innere des Rebellensumpfes vorschob.
Doch noch hatten diese Rebellen nicht ansatzweise alle Trümpfe ausgespielt. Sie fingen damit an, dass sie den eindringenden Radpanzer mit drei Abwehrraketen bedachten, die diesen in ein brennendes Wrack verwandelten und zum neuen Verschluss des Zugangs deklarierten.
Dann wurden Handzeichen gegeben, auf die stoisch abwartende Augen bereits gewartet hatten. Vier Mann stemmten sich gegen eine Winde, die wiederum ächzend eine Kette in Bewegung setzte. Die krude Konstruktion lief über dick mit Schmiere bedeckte Zahnräder und hob final eine metallen Abdeckung an. Wie die Luke auf einem hölzernen Kriegsselgelschiff, vorindustrieller Welten, wurde so eine verborgene Stellung in der Mauer aufgedeckt.
Dahinter lauerte nichts Geringeres als ein Feldgeschütz.
Wie es sein konnte, dass eine solche Kriegswaffe ihren Weg in ein, bis vor kurzem, gut situiertes Wohnviertel der mittleren Ebene gefunden hatte, wäre eine Geschichte für sich selbst gewesen. Ein Kabinettstück über Heimlichkeit und die äußerste Bereitschaft und den Willen, ein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Aber auch über Bestechlichkeit und Inkompetenz in den Reihen jener, die für Kontrollen und Sicherheit innerhalb einer Makropole zuständig waren.
Das Donnern der Kanone brachte noch einmal ein neues Instrument in das Orchester des ohrenbetäubenden Krachs mit ein. Der erste Schuß ging fehl, prallte vom Asphalt der Straße ab und orgelte in die Fassade eines lang geplünderten Bekleidungsgeschäftes.
Aber die Besatzung des Geschützes war bis zu einem Punkt einer religiösen Ekstase an dem Gerät trainiert und hatte geladen und nachjustiert, noch eher die Hülse des ersten Schusses aufgehört hatte zu rauchen. Durch den eigenen Pulverdampf stach des zweite Geschoss einen Tunnel und traf diesmal tödlich genau.
In der Front der Chimäre erschien ein ausgefranstes Loch. Das Fahrzeug stockte und stoppte, wie ein lebendes Wesen, dass innehielt um über einen dringenden Sachverhalt nachzugrübeln. Dann detonierte das Fahrzeug. Der Turm wurde abgesprengt, die Heckklappe flog auf. Aus den Schützenluken schlugen Flammen, in denen die Blitze brennender Laserbatterien zuckten.
Jubel bei den Kämpfern auf den Wall, Entsetzen bei der PVS.
 
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Hinter der Mauer war Cassian damit beschäftigt die kleine Gruppe, die er im Stillen bestenfalles als Pöbel bezeichnen konnte, so einzusetzen, dass es auf der einen Seite nach beabsichtigtem Widerstand gegen die Imperialen aussah, er auf der anderen Seite aber nicht zu viel Schaden unter den Gesetzestreuen anrichten würde.
Er blickte kurz über die Schar und wählte dann die beiden jüngsten Kämpferinnen aus. Er schickte sie als Beobachter und Melder nach vorn an die Mauer, mit der strikten Auflage nicht mitzukämpfen, sondern ihm nur zu berichten, was sich dort tat. Den Rest führte er ein Stück weiter in den rückwärtigen Raum und genehmigte ihnen einen Pause. Mit Kämpfen und Sterben würden sie noch früh genug zutun bekommen. Er setzte sich auf eine niedrige Brustwehr aus Betonbrocken.
Einige der Kämpfer taten es ihm gleich, einige blieben linkisch stehen, so als ob sie nicht wussten, ob sie Cassians Beispiel folgen sollten und ein paar taten bewusst das Gegenteil von dem, was er tat. Sie schauten sauertöpfisch und waren darauf bedacht besonders taktisch oder entschlossen zu wirken. Cassian ignorierte sie alle und dachte darüber nach, wie er später am saubersten aus dieser Sauerei wieder herauskommen konnte. Er hatte keinerlei Interesse daran übermäßig viele Sicherheitskräfte der eigenen Seite zu töten, zu verletzen oder selbst eines von beiden zu erfahren. Natürlich bedingte seine Tätigkeit mitunter das Opfer einer gesetzestreuen Seele, um sich in das Dickicht aus Verbrechen und Unredlichkeit vorzutasten. Aber er war angehalten, diesen unabdingbaren Blutzoll nicht zum Exzess werden zu lassen. Also musste er jetzt schauen, wie er am geschicktesten durch diesen Häuserkampf navigierte. Das hieß, wie er am besten seine Leute... nein nicht seine Leute. Die waren auf der anderen Seite der Barrikade und damit beschäftigt Recht und Ordnung wieder herzustellen. Nein, das hieß, wie er am besten die ihm anvertrauten Verräter am sinnvollsten in den Fleischwolf warf.
Und dann war da ja noch etwas anderes. Sein Ziel war hier, Sie, Louise. Ein Geschenk Terras. Aber eines, dass ihn nicht zur Leichtfertigkeit verlocken durfte. Ja, sie war hier. Aber das ganze Gesocks scharwenzelte wahrscheinlich um sie herum. Renold, diese widerliche Hexe, Soraya und sicher noch einige mehr. Sie alle konnten zum Problem für ihn werden. Mit etwas Glück würde es jetzt aber einige von ihnen erwischen.
Die Detonation des PVS Panzers riss ihn schließlich aus seinen Gedanken und erinnerte ihn daran, dass es eine Schlacht zu überleben gab.

Auf der Seite der Angreifer hatte man mit dem Schlimmsten gerechnet. Mit Panzerabwehr-, großkalibrigen und Maschinenwaffen. Sprengfallen und vielleicht sogar mit einer waschechten Kanone. Doch als dann tatsächlich etwas von dieser Tragweite zum Einsatz kam, saß der Schock tief. Als der Radpanzer zerstört wurde, knirschten die Zähne in den hinteren Reihen der PVS und die Soldaten fluchten. Ärgerlich, aber die Fahrzeuge waren für Aufstände und Revolten gebaut. Dass sie unter dem Einsatz schwerer Waffen zum Verlust worden, war leider nicht auszuschließen gewesen.
Die Explosion der Chimäre ließ die Soldaten ducken und ungläubiges Erschrecken stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Chimäre war ein Panzer für den Kriegseinsatz. Dass einer von diesen derart zusammengeschossen wurde, machte unmissverständlich klar, dass hier auf Alles oder Nichts gespielt wurde. Natürlich war das auch vorher schon verkündet und den Einsatzkräften auf beiden Seiten eingeschärft worden. Aber einen theoretischen Fakt zu wissen und ihn lodernd und detonierend vor Augen geführt zu bekommen, waren eben zwei paar Schuhe.
Die verbleibende Chimäre reagierte schnell. Sie deckte die Kaononenluke in der Schrottmauer mit ihrem Multilaser ein und bewegte sich dabei in Querfahrt an der Mauer entlang. So kam sie in den toten Winkel der Kanone, während sich die Mannschaft des Feldgeschützes hinter den Feuerschild ihrer Waffe duckte. Der Laser überzog den Schild mit einem Feld aus daumengroßen Kratern und ließ flüssiges Metall spritzen, aber die Rebellen dahinter überlebten. Sobald der Sturm aus Lichtnadeln vorbei war, gingen sie wieder an ihre Positionen. Da sich die Chimäre nicht mehr als Ziel anbot, wurde ein weiterer Radpanzer ins Visier genommen.
Ein Treffer genügte.
Sämtliche Luken sprangen auf und erbrachen Stichflammen und Rauch. Dass dennoch zwei Mann der Besatzung aus dem Fahrzeug ausstiegen und wie verwirrte Kinder in Richtung der eigenen Reihen wankten, kam einem Wunder gleich. Ihre Kleidung und Haut hingen in verkohlten Fetzen von ihnen herab, aber sie lebten. Ihr Schreien fiel im allgemeinen Lärm nicht ins Gewicht.
Von hinten wurde nun der Befehl zum Rückzug gegeben. Ob dieser den Ausschlag gab oder die Besonnenheit des Chimärenkommandanten, blieb dahingestellt. Der Transporter feuerte seine Nebelwurfanlage ab. Die Granaten flogen in die Höhe, lösten aus und fielen in sich überkreuzenden Bahnen zu Boden. Für einen Moment sah es so aus, als befände sich der Wall hinter einem Gittergeflecht aus Rauch. Dann wallte die gelblich-weiße Wand auf und trennte die Feinde voneinander. Auf der einen Seite der künstlichen Wolken wurde geflucht, auf der anderen triumphierend gejohlt.
Den Rebellen blieb jedoch nur ein kleiner Moment, den Sieg zu feiern. Wollten sie daraus etwas machen, musste jede erkaufte Sekunde gut genutzt werden. Tote wurden beiseite gerollt und ihre Waffen neu verteilt. Verletzte wurden schreiend und wimmernd in die Sanitätsstationen geschleppt. Alles schien gleichzeitig zu geschehen, in einem Gemisch aus Dampf, Qualm und Rauch verschiedensten Ursprungs.
Die Frau, die Cassian zur Melderin gemacht hatte, kam keuchend zu ihm zurückgelaufen. Sie hatte sich eine Atemschutzmaske organisiert, die aber die Augen aussparte, welche gerötet und zugeschwollen waren.
"Die größten Einbrüche an der Mauer reparieren sie so gut es geht", keuchte sie und ließ sich neben den verdeckten Agenten fallen, um Atem zu schöpfen. "Der Verschlag des Feldgeschützes ist wieder zu und die Mannschaft hat die Kanone an einen anderen Ort gerollt. Es heißt, sie haben einen oder zwei Panzer erledigt.”
Zwei zerstörte Panzer, um eine handvoll Aufständischer zu töten. Cassian konnte nicht in Worte fassen, was für einen peinlichen Auftritt die PVS bisher hingelegt hatte. Die Kriege in Horning und in Luht hätten ein Warnzeichen für die militärische Führung sein sollen, dass man es sich nicht mehr leisten konnte, alle paar Jahre eine Parade durchzuführen und sich ansonsten auf dem Ruhm aus der Zeit der Krieg der Häuser auszuruhen. Wie man sehen konnte war das nicht geschehen und man hatte gedacht, dass eine etwas hochskalierte Polizeiaktion ausreichen würde, um für Ruhe zu sorgen. Die PVS Mannschafter durften jetzt für diese Arroganz ihrer Offiziere in Blut zahlen, während die Rebellen sich selbst feierten.
“Es gibt eine zweite Stelle… äääh Ausweichposition, weil die Schweine bei ihrem nächsten Versuch bestimmt genau auf die Stelle hämmern werden, wo sie bisher waren.
Ein brennender Radpanzer steckt im Eingang fest. Die versuchen ihn gerade mit zwei Autos und ein paar Leuten wegzubekommen. Vielleicht können wir da helfen... weiß nicht.”
„Ich brauche fünf Freiwillige“ mehrere Arme schossen nach oben „die unseren Brüdern und Schwestern dabei helfen, das brennende Wrack zu entfernen. Geht dahin, meldet euch ordentlich und lasst euch einteilen. Sobald das Wrack weggeräumt wurde, will ich euch hier wieder haben. Nicht da vorne den Helden mimen. Dazu werdet ihr später noch kommen. Und beeilt euch bei der Arbeit. Die PVS wird nicht tatenlos herumsitzen, sondern bald wieder angreifen. Dieses Mal vermutlich mit Mörsern und Feldgeschützen, um uns weichzuklopfen. Stellt euch also schon mal darauf ein, dass uns bald etwas auf den Kopf fallen könnte.
“Ach ja, und die Messerjungs machen sich bereit.” setzte die Melderin ihren Bericht fort. “Zu schade, dass man das nicht sehen kann. Aber für sie ist der Nebel das Beste, was passieren konnte." Als sie Cassians fragenden Blick sah, deutete sie in den Dunst, wo man tatsächlich etwa vierzig oder fünfzig schemenhafte Gestalten mit Kapuzenponchos sehen konnte, die sich in lockerer Formation aufstellten. "Nahkämpfer. Die haben gar keine Angst vor irgendwas, sagen alle. Sie sind Märtyrer, noch im Leben."
„Die Messerkämpfer jetzt schon loszuschicken ist meiner Meinung nach eine Verschwendung ihrer Leben. Die PVS hat Nebelgranaten eingesetzt. Die wirken nicht sehr lange und nicht sehr in die Tiefe. Wenn sie in den Nahkampf wollen, müsste der Nebel der Infanterie wenigstens bis vor die Füße reichen, ansonsten werden sie niedergemäht. Außer das ist natürlich der Plan unserer Führung, um die Armee zu weiteren Dummheiten zu verleiten. Oder man wird hier gerade etwas übermütig. “Sie schwiegen eine Weile und sahen auf den geisterhaften Aufmarsch dieser lebenden Toten. "Verrückte, wenn du mich fragst, Chef. Es ist eine Sache, sein Leben für eine gerechte Sache zu wagen. Aber es mit voller Absicht wegzuwerfen? Weiß nicht... ist mir eine Nummer zu hart, um ehrlich zu sein."
“Da können wir froh sein, dass man die und nicht uns als Kanonenfutter ausgewählt hat. Deren Leben muss schon ziemlich beschissen gewesen sein, dass sie sich jetzt freiwillig aus dem Genpool verabschieden. Wir bleiben weiterhin schön hier in Deckung und warten ab, ob die PVS vielleicht doch mal was schlaues tut, was unser Eingreifen erfordert."
Eine der wagen Gestalten hob den Arm. Für einen Moment sah es so aus, als hätte er drei davon, aber das mochte dem wirbelnden Nebel geschuldet sein. Dann setzte er sich lautlos in Bewegung. Die anderen folgten ihm. Sie erkletterten den Wall, setzten darüber hinweg und verschwanden im Dunst.
"Hast du Wasser, Chef?" Die junge Melderin zog sich die Maske vom Gesicht.
Cassian reichte der Frau eine Wasserflasche hin, schaute ihr dabei zu wie sie trank, und versuchte sich die Augen auszuwaschen. „Wenn du in der Lage bist weiter als Melderin zu arbeiten gehst du jetzt wieder nach vorne. Wenn nicht begibst du dich zur Sanitätsstation und ich schicke jemand anderen nach vorne. Deine Entscheidung.“
Die Melderin machte sich wieder davon, nachdem sie ein paar hastige Schlucke aus der dargebotenen Flasche genommen hatte. Wenn sie sich erhofft hatte, hier einen Smalltalk vom Zaun zu brechen, um Zeit, Sympathie oder Momente ohne Beschuss vom Zaun zu brechen, so war sie bei Cassian an der falschen Adresse. Entsprechend trollte sie sich wieder. Dem Arbites gab es eine Gelegenheit, in relativer Ruhe das Bild ringsherum aufzunehmen. Die Nebelschwaden, nach Aussage der Melderin auf der anderen Seite der Mauer von einem der Panzer abgefeuert, um den Rückzug zu decken, trieben auch über die Schrottmauer. Allerdings nur träge und nicht in so dicken Schwaden, dass es die Sicht für die Rebellen allzu sehr verschleierte. Was es doch rüber schaffte, wurde vom Luftstrom aus Richtung der offen liegenden Wunde in der Ebene davon gerissen.
Cassian konnte daher sehen, dass die Truppe, die versuchte, den feststeckenden Panzer aus dem Weg zu schaffen, Erfolg hatte. Mit Muskelkraft und der Hilfe zweier Fahrzeuge schafften sie es die 17 Tonnen nutzlosen Stahl aus der Öffnung zu zerren. Ein guter Teil der Mauer kam dabei zwar herunter, aber es gelang.
Keine Minute zu früh, wie sich zeigte, denn auf ihrer Seite wurde gerade die Hauptattraktion des Tages in Stellung gebracht.
Ein Goliath Bergbaufahrzeug und ein Radlader. Beide waren so modifiziert, dass jeweils eine gewaltige Granate an der Spitze befestigt war. Granaten, die die Rebellen aus dem Baneblade geborgen hatten und die befähigt waren, Gebäude und Bunker zu zerschmettern. Was solche Waffen in einer Wohnebene anzurichten vermochten, wusste selbst die inzwischen tote Besatzung des Riesenpanzers bestenfalls in der Theorie. Die neuen Besitzer der Geschoss konnten es allenthalber nur grob vermuten. Das hinderte sie jedoch nicht, begierig darauf zu sein, diese Macht zu erproben. Um die riesigen Geschosse zu montieren, war die Räum- und Grabeschaufel des Goliaths abmontiert worden. Dem Sattelschlepper hatten die findigen Rebellen ebenfalls die Schaufel genommen und dafür eine Art starren Wagen vorgehängt, auf dem das Geschoss nun ruhte. Alles war mit Seilen und Spanngurten befestigt und hätte wohl auch einer Bande Orks gut angestanden. Diese beiden selbstfahrenden Bomben schickten sich nun an, das Tor zu passieren und ihre Fracht ins Herz der PVS und Arbites zu bohren.
Cassian beobachtete dies alles aus einiger Ferne und sah den Mann nicht, der auf seiner abgewandten Seite an seiner Stellung vorbei eilte.
Der aber sah ihn.
Er blickte zu dem verdeckten Agenten, schickte sich schon an weiterzugehen und hielt dann sinnend inne. Nach kurzem Zögern änderte er die Richtung und kam zu Cassian.
Es war Renold. Er trug seine gelbe Robe nicht, sondern einen schlichten Arbeitsoverall, über dem eine schusssichere Weste lag. Auf dieser war an mehreren Stellen die Imitation eines Rorschachmusters gesprüht, wie auch das sonderbare Ypsilon der Transzendenzkirche. Der Rädelsführer trug eine Reisetasche über der Schulter und eine kleinere am langen Arm. Auch eine Schrotflinte baumelte, durch einen Lederriemen gehalten, an seiner Gestalt. Von der eingeschränkten Bewegung durch seine Verletzung war nichts mehr zu merken.
“Bruder, wie schön gerade dich in diesem Getümmel zu sehen.” Er musste die Stimme bis fast zum Schreien erheben, um gegen den sie umgebenden Lärm anzukommen. “Es geht sich gut an, findest du nicht? Der Sieg ist zum Greifen nahe. Große Zeichen werden hier und heute gesetzt.” Von außerhalb der Mauer drang das konzentrierte Trommeln von Schüssen an ihre Ohren. Beide kannten das Geräusch, wenn auch von verschiedenen Seiten. Es war das kontinuierliche Wummern von Arbites “Richter” Schrotflinten, Schema 3.
-Einmal kurz am Hebel ziehn, Verbrecher wirst du liegen sehn.- Lautete eine morbide Beschreibung, die unter den Rekruten verbreitet war. Fertig ausgebildete Arbitratoren bedienten sich freilich solchen Pennälerhumors nicht mehr. Es war der Rhythmus, in dem die Nahkampfwelle der Aufständischen niedergemacht wurde. Der Adeptus hatte vom Versuch abgelassen, Vernunft durch Nachsicht schmackhaft zu machen.
“Sollte sich das Blatt hier wider erwarten wenden.” Er hielt kurz inne, als müsse er noch einmal final überlegen, ob er diesen Uneingeweihten tatsächlich derart ins Vertrauen ziehen sollte. “Dann ist es wichtig, dass die Köpfe der Organisation… also die die hier bei uns sind, überleben.
Nicht weil sie den Tod an der Seite ihrer Geschwister scheuen würden. Aber wir dürfen nicht zu viele Brüder und Schwestern verlieren, die sich auf das Lenken und Planen verstehen.
Begreifst du das?” Cassian nickte grimmig.
“Gut… wie gesagt, ich bin zuversichtlich, dass wir mit unseren Trümpfen hier noch Tage oder Wochen aushalten können, wenn die erstmal gemerkt haben, wozu wir Willens und fähig sind.” Er deutete zu den beiden Selbstmordgeräten aus Fahrzeugen und Riesengeschossen. “Aber falls doch etwas schiefgehen sollte, dann brauche ich eine ganz bestimmte Sorte von Leuten.
Leute, die loyal und entschlossen sind, aber nicht so eifrig unserer Sache verschrieben, dass sie den Tod gegen die Unterdrücker dem Leibeswohl ihrer Schutzbefohlenen vorziehen.” Renold hatte den Verdacht, dass seine Worte vielleicht zu kompliziert für den einfachen Mann vor ihm waren. Doch Cassian nickte und gab sein Verstehen zu verstehen. “Man hat mir die Aufgabe gegeben, für den Schutz der VIPs zu sorgen. Ich wiederum sehe dich in dieser Rolle. Sollte es also hier den Bach runter gehen, dann bring ein oder zwei vertrauenswürdige Kämpfer mit dir… oder nein, besser noch komm allein. Komm zum Lounge Light. Von da aus sehen wir dann weiter.” Er schlug dem Arbites aufmunternd auf die breite Schulter. “Vermutlich kommt es nicht so weit. Glaub an die Sache, mein Freund.”
Sprachs und verschwand, untermalt von den aufheulenden Motoren der beiden Kamikazefahrzeuge, die in diesem Moment durch das freigeräumte Tor fuhren.
Ihr Angriff geschah gleichzeitig mit dem Anrucken und Vorstoßen von inzwischen vier Leman Russ Kampfpanzern. Die klobigen Kolosse zermalmten tote und sterbende Messerkämpfer unter ihren Ketten zu einem roten Schmier. Kaum, dass die verwehende Rauchwand genug zu sehen erlaubte, um einigermaßen zu zielen, feuerten zwei Panzer ihre Kanonen auf die Stelle ab, wo sie das Feldgeschütz vermuteten. Die Kanone trafen sie zwar nicht, aber es wurde ersichtlich, dass die Barrikade dem Beschuss von Kampfgeschützen nichts entgegen zu setzen hatte. Schrott und Schrapnell ergossen sich über die Verteidiger. Hier und da wurde verzweifelt mit Handfeuerwaffen zurückgeschossen und auch Panzerabwehrraketen flogen zwei Mal. Doch dem Sinnbild menschlichen Militarismus machten solche Angriffe kaum mehr aus, als Regenschauer. Die Effizienz ihrer Hauptwaffen erkennend, deckten sie den Wall nun so schnell mit Granaten ein, wie die Ladeschützen die hungrigen Rohre damit füttern konnten. Was auf und um die Mauer nicht sofort floh, wurde auf Fetzen reduziert. Tatsächlich schaffte es die Mannschaft des Feldgeschützes noch einmal, die verborgene Luke zu öffnen und einen Schuss abzugeben, bevor die Stellung über ihnen zusammenbrach und Geschütz und Mannschaft unter Schrott und Müll begrub. Das ihr Treffer nicht mehr tat, als den Räumschild eines Russ zu zereißen, erfuhren sie nicht mehr.
Den beiden Fahrzeugen, die da vor ihnen in den verbleibenden Nebelschwaden herumkurven, schenkten die Kommandanten nur untergeordnete Aufmerksamkeit. Es mochte wohl sein, dass sie mit Raktenschützen oder ähnlichem besetzt waren. Aber es handelte sich nicht um Gefechtsfahrzeuge und die Laserkanonen und Bolterkuppeln der Sekundärbewaffnung sollten sich damit auseinandersetzen. Das taten sie auch. Der Radlader wurde von einer Lichtlanze aufgespießt und was dann noch übrig war, von schweren Boltern zersiebt. Dass keines der selbst getriebenen Explosiv-Projektile die Banebladegranate traf, grenzte an ein Wunder. Tatsächlich erkannten auch einige der Schützen die Gefahr und gaben sie an ihre Kommandtane weiter. Da war der Goliath aber seinerseits schon besiegt. Das Bergbaugerät war ein härterer Brocken, hatte dem Beschuss aber ebenfalls nichts entgegenzusetzen. Durchlöchert und Flüssigkeit blutend, blieb es liegen und wurde von den vorrückenden Kampfpanzern passiert. Wie durch ein Wunder war auch hier das Geschoss nicht durch einen unglücklichen Treffer beschädigt oder gar ausgelöst worden. Das Problem war erledigt und die nachrückenden Infanteristen von PVS und Arbites mochten prüfen, ob in den Resten noch etwas zuckte.
Doch falsch!
Der waidwund geschossene Goliath fuhr plötzlich an und rollte nach vorne. Direkt auf den Leman Russ zu, der ihm in etwa zehn Metern Entfernung seine Flanke bot. Durch den Funkspruch eines anderen Panzers gewarnt, begann sich der Geschützturm des Anvisierten zu drehen, doch zu langsam. Der schwere Bolter in der Seitenkuppel war schneller und schaffte es sogar noch ein paar Schüsse abzugeben. Dann krachte der Goliath in die Seite des Panzers.
Der Aufschlagzünder wurde eingedrückt.

Die Explosion war gewaltig, dass konnten die nicht abstreiten, denen die Trommelfelle platzten, die umgeworfen wurden oder denen es Teile der Kleidung vom Leib fetzte. Die Scheiben im gesamten Straßenzug barsten und ließen einen glitzernden Schnee herabregnen. Der getroffene Leman Russ neigte sich zur Seite und wäre jemand in der Lage gewesen, ihn in diesem Moment zu beobachten, dann hätte es ausgesehen, als würde er kippen.
Das tat er aber nicht.
Er sackte zurück in die Ausgangsposition. Der einzige, direkt von der Explosion des Geschoss getötete Mensch, war der Richtschütze der Bolterkuppel.
Das war absolut nicht die Wirkung, die sich die Rebellen erhofft hatten.
Auch nicht, dass es nicht mit einer einfachen, platzenden Granate getan war.
Denn der entstandene Feuerball verschwand nicht etwa. Er wuchs sich zu einem rosaroten Inferno aus. In diesem spielten rote Spiralen und begannen Funken in allen Farben des Regenbogens zu sprühen. Kleine Kometen rasten nach allen Seiten davon, zischten und tanzten über den Asphalt, blüten in Kaskaden aus Lichtern und Goldregen auf oder teilten sich zu spektakulären Formen und Mustern.
Eine Erklärung ließ sich im Stammblatt AR- 7622/V6 -Dienst der Panzerkräfte / Unterorganisation Superschwere Kampfpanzer und vergleichbare bewegliche Schwerstrukturen- finden.
Dort war im Bereich -Sonderbestückung: Munition- zu lesen:
Der Kommandant des Superschweren Kampfpanzers hat im Vorfeld einer anberaumten Parade, eines Siegesmarsches oder einer vergleichbaren Ehrenformation, an welcher der Superschwere Kampfpanzer teilnimmt zu prüfen:
-Das alle Gefechtsmunition aus den aktiven Waffen des Superschweren Kampfpanzer entfernt wurden (Siehe hierzu Stammblatt AR- 7622/V6 -Dienst der Panzerkräfte / Unterorganisation Superschwere Kampfpanzer und vergleichbare bewegliche Schwerstrukturen.
Unterpunkt Sicherheitsprüfung Abschnitt: Waffen und Munition.)
-Das alle Gefechtsmunition aus den internen Magazinen und Lagerbereichen des Superschweren Kampfpanzers entfernt wurden.
-Das alle Übungsmunition aus den aktiven Waffen des Superschweren Kampfpanzers entfernt wurden
-Das alle Übungsmunition aus den internen Magazinen und Lagerbereichen des Superschweren Kampfpanzers entfernt wurden.
-Das zwei Granaten vom Typ R14 -Schema P.S.F.C Pyrotechnicum
Spectaculum Festum Celebrare mitgeführt werden. Diese sind unter allen Umständen nach den Sicherheitsbestimmungen und geltendenen Auflagen von Gefechtsmunition zu handhaben.
 
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Der Vectorschubtransporter hielt unweit des Einschlaglochs, welches der Panzer in die Ebene gerissen hatte, und entlud seine Fracht. Sicher außerhalb der Reichweite etwaiger Abwehrwaffen. Eine unbegründete Sicherheitsvorkehrung, denn die Rebellen hatten alle Hände voll zu tun, die Arbites und vor allem die Panzer, welche sie begleiteten, auf Abstand zu halten.
Was sich außerhalb der Ebene über ihnen im Transitcanyon abspielte, dafür hatten sie im Moment weder Augen noch Ohren.
Tatsächlich hatte man auch von Seiten der Ordnungskräfte überlegt, auf diesem Wege Einsatzteams an den Feind heranzuführen, sich dann aber dagegen entschieden.
Zu offensichtlich war dieser Zugang und zu leicht hätten sich abseilende Kämpfer von unten bekämpft werden können. Nun nutzte der vierte Kombatant in dieser Auseinandersetzung, so man PVS und Arbietes als zwei Organisationen zählen wollte, diesen Abschnitt.
Viel wurde darüber spekuliert, ob und wie der Adeptus Mechanicus in die Bestrebungen zur Rückeroberung des Baneblades eingreifen würde. Würden sie sich heraushalten, Skitarii schicken oder eine ihrer unmenschlichen Tötungsmaschinen?
Letzteres war der Fall.
Mit einem mühelosen Satz sprang VT-88/1 aus dem Frachtbereich des Transporters und grub seine hydraulischen Krallenfüße in den Plastbeton der Caynionwand. Dann, als galten die Gesetze der Gravitation für seinen tonnenschweren Leib nicht, wanderte er kopfüber die glatte Wand hinunter. Während der Transporter schleunigst wieder verschwand, näherte sich VT-88/1 dem gezackten Rand der Wunde, welche in der Flanke der Ebene klaffte.
Die Maschine war alt und hatte bereits auf verschiedenen Welten gedient. Sie war im Zuge des Krieges der Häuser nach Koron gekommen. Als der Planet befriedet worden war, hatte sie das letzte Mal einen Einsatz erlebt. Ihre Waffen hatten Rasankuri und aufmüpfige Hausangehörige gleichermaßen gnadenlos niedergemacht. Wieviele Jahrhunderte zwischen dem Töten verging war ihr gleichgültig. Nur das sie es jetzt wieder ungehemmt durfte war für die rudimentäre Intelligenz von Bedeutung. VT-88/1 war ein Jagd und Vernichtungsautomat der Vorax Klasse. Ein uraltes Design, wie es schon in den Tagen des großen Bruderkrieges Verwendung fand. Effizient, aber auch mit Vorsicht einzusetzen. Der Maschinengeist dieser Automaten hatte gewisse, animalische Aspekte, welchem ihn bei seiner Aufgabe hilfreich waren aber auch dazu neigten, Befehle großzügig auszulegen oder gleich ganz zu ignorieren. Ein Umstand, der mit den Jahrtausenden nicht besser geworden war. Die heute produzierten Vorax waren die Kopien von Kopien von Kopien und oftmals so schwer zu handeln, wie schlecht gezähmte Hunde. Außerhalb von reinen Fabrikwelten unter der Herrschaft des Mechanicus fand man sie deswegen nur extrem selten. VT-88/1 war die Ausnahme von der Regel.
Er gehörte einer frühen Generation an, was ihn jedoch nicht weniger schwer zu kontrollieren machte. Er hatte viele Einsätze gesehen und seine Programmierung hatte absonderliche und beunruhigende Verästelungen ausgebildet. Seine Aktivierung bedurfte eines gewichtigen Grundes. Die Rückeroberung von “Sein Zorn” und die Bestrafung jener, die Frevel an der heiligen Maschine geübt hatten, war so ein Grund.
Die Gestalt des Automaten ließ entfernt an ein Insekt denken. Vielleicht eine Gottesanbeterin oder eine baruinische Stichschabe. Wenn man diese Tiere mit Panzerplatten und überbordender Bewaffnung versehen würde. Behände umkletterte er den Rand des Lochs, indem er die beiden Energieklingen in den Rand hackte und sich durch das Verdrehen seiner Gliedmaßen, wie es nur Automaten vermochten, um das Hindernis herum wandte. Dann suchte er sich den Schatten eines gewaltigen Abluftrohres und analysierte das Bild, wie es sich unter ihm ausbreitete. In seinem Inneren ratterte und klickte es und der runde Kopf mit den Kuppelaugen legte sich leicht schräg. VT-88/1 brachte das was er sah mit dem in Einklang, was ihm vorher als Information eingespeist worden war. Er identifizierte den überschweren Panzer und registrierte, dass seine Maschinensektion kalt war. Eine große Menge an Schrott und Metallteilen. Durch diese schoben sich weitere Kriegsmaschinen vom Typ Leman Russ. Heimische Produktionsschema Ko4 und Ko4a2. Diese markierte er blau und damit als verbündete Kräfte. Der Waffeneinsatz gegen blaue Ziele galt als ineffizienter Verbrauch von Munition. Es war naheliegend, dass die biomechanischen Kräfte hinter und in unmittelbarer Nähe dieser Kampfpanzer ebenfalls als blau einzuschätzen waren. Der Automat glich signifikante Übereinstimmungen ab und markierte entsprechend. Durch die uniforme Ausstattung dieser Kombattanten war das relativ leicht. Dementsprechend mussten die oppositionellen Kräfte diejenigen sein, die er töten sollte.
Die er töten durfte. Er markierte alles, was zu sehr von blau abwich als rot. Die Rohre seiner zwei Rotationskanonen begannen sich vorfreudig zu drehen. Aber er zügelte sich, bevor er die Vernichtung zwischen die kleinen roten Punkte ejakulierte. Selbstbeherrschung! Er kletterte an die senkrechte Wand heran, welche die Grenze dieses Bereiches darstellen und begann zwischen Rohren, Kabeln und anderen, Dreck, Ruß und Schmiermittel verkrusteten Versorgungsstrukturen seinen Abstieg.
VT-88/1 war sich über die Funktionsweise und die biologischen Abläufe in menschlichen Körpern bewusst. Auch wie leicht diese Abläufe zu beenden waren. Natürlich hatte das Gerät keine Emotionen oder Bewusstsein im eigentlichen Sinn. Diese Verbrämung und Vereinfachung, hatte sich mit der Zeit bei den Techpriestern eingestellt, um abweichendes Verhalten der Maschine zu erklären. Letztendliche waren auch die modernen Techpriester nur Kopien von Kopien ihrer einstigen, sehr viel wissenderen Vorgänger. Sie verstanden die Entwicklung des Automaten nicht, konnten es nicht verstehen. Die rudimentäre Form eines Einteilens in richtig und falsch, welche er auf Basis seiner eigentlich recht simplen Programmierung ausgebildet hatte. Durch die wiederholten Erfahrungen und die Rückmeldungen seiner Kontrolleure und Techniker hatte VT-88/1 gelernt, dass das erfolgreiche Töten von Zielen mit positiven Konsequenzen verbunden war. Vernichtete er viele Feinde wurde er intensiver und nachhaltiger gewartet. Außerdem blieb er länger aktiviert, um seine gespeicherten Daten auszuwerten und andere Maschinen daraus lernen zu lassen. Da es eine seiner primären Aufgaben war, aktiv und eingeschaltet zu bleiben, um möglichst viel Dienst zu versehen, wurden längere Betriebszeiten und eine zuverlässige Funktion als äußerst positiv bewertet. Da sie vorausschauend kalkulieren konnte, berechnete sie die Bestärkung als Konsequenz für die Vernichtung von Feinden bereits mit ein. Infolgedessen entwickelte die Maschine eine Art "Freude" am Töten. Das führte dann und wann dazu, dass sie zu einer Übererfüllung des Solls neigte. Jetzt allerdings musste der Automat bedacht vorgehen. Die blauen Signale trieben die roten zurück und hinter die Mauer. Sie besaßen ein hohes Momentum, welches jedoch ins Stocken geriet, als die Roten ihren Drang nach Flucht unterbanden und sich in einer vorbereiteten, zweiten Linie fingen. Der Widerstand wurde erbittert. Den Automaten kümmerte das Verlöschen von blauen und roten Markierungen auf seinen internen Optikverarbeitern nur so weit, dass er es in die Berechnung für seinen Einbruch in die rote Formation berücksichtigen musste. Nach kurzem Verharren in einer dicken Schlaufe aus Kabeln, die aus der beschädigten Ebene hingen wie herausgerissenes Gedärm, fand er seinen Zielpunkt. Vor den Wohnstrukturen gab es einige Zelte. Rote Punkte wurden in schneller Abfolge hineingetragen und dort gesammelt. Ihre Hitzeabstrahlungen verriet ihre Präsenz auch durch die Stoffbahnen hindurch. Der Vorax glitt hinter dem Geschehen an der Wand herab und kam hinter dem Zelt auf. Seine Klauen klickten erwartungsfroh auf dem Asphalt. Die hakenartig gebogenen Powerklingen unter seinen Geschützen waren eine abgestufte Form der Ernergiewaffe. Sie waren nicht permanent in ein zerstörerisches Energiefeld gehüllt, sondern nur Impulsweise, um die kinetische Energie eines Schlages zu potenzieren. Um die Zeltbahn aufzuschlitzen reichte die rasiermesserschafe Klinge auch so. Der Roboter machte sich einen Eingang und steckte seinen Käferkopf ins Innere. Was ein Lazarett war wusste er nicht und es war auch nicht von Belang. Er erkannte nur, dass hier viele Ziele versammelt waren und er Munition sparen konnte. Sein Fuß senkte sich auf das ihm am nächsten liegende Feldbett und brachte den entsetzten Schrei des darauf Liegenden abrupt zum verstummen. Alles, was es noch konnte, versuchte von ihm fort zu laufen, humpeln oder zu kriechen.
VT-88/1 begann, sich auf der Hüftverbindung zu drehen und die Arme wirbeln zu lassen. Wenn seine Klingen auf Widerstand trafen, aktivierten sich für kaum mehr als eine Sekunde die vernichtenden Energiefelder und ließen Leiber auseinanderplatzen. Die weitaus glücklicheren Opfer der Maschine. Denn wem dieses Schicksal nicht beschieden war, wurde zertreten, zerrissen, zerschnitten. Als der Automat sich endlich zur vollen Größe aufrichtete und die Reste des Zeltes wie eine zu klein gewordene Haut abstreifte, war er mit einer Schicht bedeckt, die einst Menschen, jetzt nurmehr roter Matsch waren.
 
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Langsam aber sicher wurde es richtig ernst. Die Leman Russ hatten die Barrikade fachmännisch zerlegt und sich dann daran gemacht mit ihren Räumschaufeln Gassen durch sie zu bahnen. Der Widerstand war verbissen, aber wirkungslos. Handwaffenfeuer prasselte an ihrer dicken Panzerung ab und auch die Panzerabwehrraketen scheiterten, wenn sie denn überhaupt zum Einsatz gebracht werden konnten. Die Leman Russ strotzten nur so vor Waffen, die sie gegen alles und jeden einsetzten. Mit Maschinengewehren bestückte Bunker wurden pulverisiert, Infanterie zerfetzt und was sich dann noch regte wurde von PVS und Arbites beharkt, die im Kielwasser der Panzer vorrückten und methodisch Stellungen besetzten.
Ein stämmiger Mann erklomm den Schutthaufen ein Stück vor Cassian, richtete seinen Raketenwerfer auf den nächsten, anrasseldnen Panzer und explodierte dann von der Hüfte aufwärts in einem Schauer aus Blut, Knochen und Fleischstücken, der sich über den verdeckten Arbites und seine Mitkämpfer ergoss. Die Beine blieben einen Augenblick stehen, schienen nicht wirklich realisiert zu haben was eben geschehen war und sackten dann einfach zusammen. Entgeisterung auf Seiten der Aufständischen. Einem rutschte sogar ein “Thron Terras“ heraus. Die Frauen und Männer aus Cassians Trupp duckten sich angesichts des Erlebten noch tiefer in ihre Deckung und selbst nachhaltige Aufforderungen zum Weiterkämpfen brachten sie nur dazu blind ihre Sturmgewehre über den Schuttwall hinweg abzufeuern. So würden sie keinen Angriff stoppen können. Cassian selbst riskierte einen kurzen Blick und sah, dass ihr Gegenüber ihm wohlvertraute Rüstungen trug. Für das Stürmen der Stellungen hatten sich die Arbites neben ihren Schrotflinten zum Teil mit Boltern vom Schema Locke IIb ausgerüstet. Was seinen Kämpfer da zerfetzt hatte war also auch geklärt. Lange bleiben konnte er hier nicht, wenn er seinen Auftrag weiter ausführen wollte.
“Wir werden uns von hier geordnet zurückfallen lassen müssen. Hier werden wir sonst abgeschlachtet. Wir teilen uns in drei Fünfergruppen auf und decken uns gegenseitig, die Granaten bleiben alle hier, damit wir uns die Arbitesbastarde noch etwas vom Hals halten können. Beim Baneblade verteilt ihr euch in die Seitengebäude und verschanzt euch dort. Bleibt in Deckung bis die Unterdrücker, sich bei ihrem Spielzeug sammeln und nehmt die Hunde dann ins Kreuzfeuer. Ich werde in der Zwischenzeit im Lounge Light schauen, ob es noch Reserven gibt, die ich zur Unterstützung heranführen kann. Pedwarsky sie kommen mit mir.“ Die junge Kämpferin nickte ihn entschlossen an. “Sehr gut, dann ausführen!“.
Ein halbes Dutzend Granaten wurden in kurzem Abstand voneinander aus der Deckung geworfen und vom Feuer von automatischen Waffen begleitet, während die erste Gruppe sich zurückzog und beim Baneblade verschanzte. Das selbe wiederholte sich für die zweite Gruppe, während die Dritte dann durch das Feuer ihrer zurückgefallenen Kameraden gedeckt wurde und sich so gerade noch so dem Vormarsch der Arbites entziehen konnte. Cassians eigenmächtiger Rückzug hatte ein Loch in die hypothetische Frontlinie gerissen und unter anderen Umständen hätten die Revolutionäre ihn dafür wohl vor ein Tribunal gestellt. Aber diese Umstände herrschten hier nicht. Es gab keine Frontlinie mehr. Die Stellungen der Rebellen wurden auf ganzer Linie überrollt und ihr verbissener Widerstand mit überlegener Feuerkraft gnadenlos niedergewaltzt. Möglicherweise hatten die Aufständischen noch ein Ass im Ärmel, um den Staatsorganen ein paar Nadelstiche zu versetzen, das Blatt wenden konnten sie aber so oder so nicht mehr.
Cassian gab seinen Kämpfern letzte Anweisungen, verabschiedete sich kurz aber herzlich von ihnen mit dem Versprechen Verstärkung aufzutreiben und begab sich dann mit Pedwarsky im Schlepptau in die Kommandozentrale.
Staubbedeckt und blutverschmiert stapften Cassian und seine Mitstreiterin in den Hauptraum des Lounge Light und sahen, wie ein Haufen Leute durcheinander eilte, Ausrüstung verpackte, Papier verbrannte und trotz des Chaos einigermaßen planmäßig Spuren verwischte. Auch Soraya sah er in dem Gewusel weiter hinten im Gespräch mit einer anderen Frau stehen. Cassian räusperte sich und bellte dann in bestem Kasernenhofton die Anwesenden an. “Fürs packen ist es jetzt zu spät! PVS und Arbites rollen uns oben gerade auf und werden bald hier unten stehen! Renold hat mir befohlen euch zu schützen. Wir gehen jetzt oder gar nicht mehr!“
Cassians gutturale Ansage sorgte dafür, das Durcheinander in der Kommandozentrale etwas zu verlangsamen. Gesichter drehten sich ihm zu, Rebellen verharrten in dem was sie gerade taten oder stockten in ihren Gesprächen. Pedwarsky war es sichtlich unangenehm so unvermittelt im Zentrum des Interesses zu stehen. Oder aber ihre Coolness wurde von dem Umstand ausgehebelt, das vor der Front der Bar die Welt unterging.
“Renold hat dir befohlen?” Ein stämmiger Kerl, der eben noch eine Kiste geschleppt hatte, die zwei kräftigen Männern Probleme bereitet hätte, löste sich und kam zu ihnen. Über seiner schmutzigen Tarnkleidung trug er einen weiten Poncho. Der Bursche war breit wie ein Schrank und wirkte irgendwie deformiert. Bucklig und verbeult wie ein zu oft geflickter Bulldozer oder etwas ähnlich brachiales. Sein Kopf erinnerte an eine polierte Bowlingkugel, ausgenommen von einer Geschwulst auf der Stirn. Die Augen lagen hinter einer Sonnenbrille verborgen. Die ganze Kombination dieser Erscheinung hätte lächerlich wirken müssen, aber irgendwie war sie das nicht. Ein Alligator in einem lachhaften Kostüm blieb trotzdem ein Alligator.
“Du bist einer von Renolds Kötern? Was willst du dann hier?
Geh raus und kämpfe, geh raus und stirb wie die anderen.” Er machte einen bedrohlichen Schritt auf den Arbites zu.
Es war der letzte in seinem Leben.
Die Front des Ladens zerbarst. Holz, Betonziegel, Kunststoff und vorallem Glas. Zwischen diesem Sturm aus pulverisiertem Material zuckten Leuchtspurgeschosse. Der Hüne, der eben noch Cassians Anweisung verspottet hatte, wurde von Schüssen zersägt. In einer Sekunde stand er noch da, dann flog er auseinander. Cassian meinte in dem Gewirr eines geschredderten Körpers mehr Arme herumschlackern zu sehen als es hätten sein dürfen. Aber für das Sinnen über biologische Abnormitäten blieb wenig Zeit. Denn der große Kerl war nicht das einzige Opfer. Die Anwesenden wurden regelrecht niedergemetzelt. Pures Glück entschied darüber, wer überlebte. Eine Lücke in der durchgehenden Wand aus Geschossen schonte hier jemanden, die Position hinter einem Pfeilern dort einen anderen. Tassen und Gläser, Papiere und herumstehendes Material hüpften in die Luft, als sie durchsiebt wurden. Ein Tornado aus zerfetzten Möbeln, Deckenplatten, Funken und Mörtel. Schreie, Heulen, Lärm und Wahnsinn.
Das Pedwarsky und Cassian retteten der Umstand, dass der riesenhafte Kerl ihnen als Schutzschild gedient hatte. Trotzdem trafen sie Dinge. Schmerzen in Gesichtern und den Gliedmaßen. Vielleicht Splitter, herumfliegende Trümmer und Schrapnells. Hoffentlich keine Kugeln. Instinktiv warf sich alles, was es noch konnte, auf den Boden. Die Salve strich einmal von links nach rechts, dann zurück. Der ganze Raum schien nur noch aus Löchern zu bestehen. Es stank nach Verschmortem und nach Schlachthaus.
Der Kugelsturm erstarb und wurde von, im Vergleich dazu jämmerlich klingendem, Lasergewehrknacken und Sturmgewehrschüssen abgelöst.
Ein hastiger Blick in die Richtung, wo einstmals die Frontfassade des Lounge Light gewesen war, zeigte Cassians den Ursprung dieser Vernichtung.
Auf der Sandsackbarrikade um die Bar herum, stand eine mechanische Monstrosität, die der Arbites wage in der Richtung des Mechanicus verortete.
Das Biest war im Augenblick damit beschäftigt, die Verteidiger der Barrikade auseinanderzunehmen. Das wortwörtlich.
Eine verängstigte Kämpferin kroch vor dem Schrecken davon. Der Automat hackte ihr den gekrümmten Haken unter seiner seiner Klauen in den Oberschenkel und zog die Frau nonchalant zu sich heran, um sie wie ein Insekt zu zertreten und fast genüsslich den Fuß hin und her zu drehen. Pedwarsky hob mit zitternden Händen ihr Gewehr, doch bevor sie den Umstand negieren konnte, dass sie den Kugelhagel ebenfalls lebend überstanden hatte, drückte Cassian den Lauf der Waffe zur Seite und schüttelte auf ihren Blick hin nur den Kopf.
Dann forschten seine Augen nach einem Ausweg aus dieser Todesfalle.
Durch den Haupteingang zu fliehen kam Selbstmord gleich. Hierzubleiben auch, denn die mechanische Monstrosität würde eher früher als später kommen, um ihr blutiges Werk zu beenden.
Es gab eine Seitentür, die zu den Toiletten führte. Vielleicht auch zu einem weiteren Eingang. Aber das war nicht sicher und wurde im Zweifelsfall zu einer Sackgasse. Blieb noch der Weg durch die Küche. Dort würde es einen Lieferanteneingang geben.
Mit der verstörten Kämpferin im Schlepptau machte er sich auf den Weg.
Glas und Schutt knirschten unter ihren Sohlen. Dann eine flehende Hand, die sich nach ihnen ausstreckte. Der Besitzer der Hand schien halb um Hilfe zu flehen, halb das einzige Stück seines Körpers zu präsentieren, das nicht vollkommen zerfetzt war. Pedwarsky zögerte, wurde aber von dem Arbites weitergezerrt, noch eher sie zu einer Entscheidung kommen konnte.
Kurz vor der durchlöcherten Tür nach hinten kamen sie an den Leichen von zwei Frauen vorbei. Die eine war Soraya und auf ihr lagen die Reste von dem, wovon Cassian gedacht, ja gehofft hatte, es könnte sich um die gesuchte Louise handeln.
Plötzlich bewegte sich das geschundene Fleisch. Der Leichnam wurde beiseitegetreten und darunter kam eine angewiderte, halb panische Soraya zum Vorschein.
Die Hexe war nicht so tot, wie es ihr zugestanden hätte.
Sie strampelte die Tote regelrecht von sich fort und versuchte in einer unsinnigen Schockreaktion das Blut von ihrer teuren Jacke zu wischen und verschmierte es nur um so mehr.
Sie brauchte einige Sekunden, bekam sich dann aber wieder so weit unter Kontrolle, dass sie ihre Umgebung wahrnahm. Ihr Blick fiel auf den Arbites und sie wollte etwas sagen. Der Mund klappte aber nur auf und zu wie bei einem Fisch.
Cassian zog sie wenig sanft auf die Beine. Von draußen ertönte eine kurze Sturmgewehrsalve in unmittelbarer Nähe, die dann abrupt und mit einem Schrei untermalt endete.
Der Roboter war draußen fertig und wandte sich wieder dem Inneren der Bar zu.
“Alle die noch laufen können raus hier!” Rief Pedwarsky mit zittriger aber überraschend lauter Stimme.
Hier und da wanken Überlebende ihnen nach, während andere apathisch blieben wo sie waren. Einer eröffnete das Feuer auf den heranrückenden Automaten.
Ein greller Blitz und er zerplatzte wie ein Frosch, den ein sadistisches Kind in einen Mikrowellenofen gesteckt hatte. Hitze und Ozongestank walten durch den Raum, während Brocken kochender, organischer Masse herumspritzten. Die Waffe auf dem Buckel des Roboters summte bösartig und von heißer Luft umwabert.
“Weg… bloß weg!” Wer er es noch konnte, stürzte auf die Tür zum Küchen-und Lagerbereich zu.
Drei, vier Leute waren durch die Tür, als der Roboter sich durch die verwüstete Front des Lounge Light ins Innere duckte.
Ein Verletzter, von einem Kameraden gestützt, humpelte in ihre Richtung.
Die rettende Tür war nah, der Vorax war näher.
Der Waffenarm der Maschine beschrieb einen horizontalen Streich und zerschnitt die beiden wie die Sense das Korn schneidet.
“Drecksteil!” Rief jemand aus dem Gang, welcher zu den Toiletten führte und den sie bewusst nicht gewählt hatten. Ein Kämpfer kam herausgestürmt, in der Hand die Paradewaffe des Unterlegenen, einen brennenden Molotowcocktail.
Er warf in derselben Sekunde, in welcher der linke Arm des Roboters zu ihm zuckte und drei gezielte Schüsse auf den Werfer abgab.
Drei Schuss, drei faustgroße Löcher im Leib des Tollkühnen. Aber die Flasche flog und überschüttete die Maschine mit brennendem Treibstoff.
Nicht dass es diese sonderlich gekümmert hätte.
Zur Hälfte mit flüssigem Feuer bedeckt, wandte sie sich wieder dem Durchgang zur Küche zu und sah mehr den je aus, als sei sie einer archaischen Hölle entstiegen. Cassian ließ die Tür ins Schloss fallen.
Kaum mehr Schutz, als hätte er einen Vorhang vorgezogen. Die Maschine entschwand lediglich dem Blick.
Die anderen waren bereits ein Stück den Gang hinunter. Ein Kämpfer hielt auf die Hintertür zu.
“Nein! Nicht da lang.” Das war Soraya, die sich wieder einigermaßen gefasst hatte und die Tür zum Kältelagerraum der Bar aufriss.
“Hier rein.” Die Frau hatte genug Autorität, dass niemand in Frage stellte, warum sie sich in eine offensichtliche Sackgasse begeben sollten.
Mit der Todesangst als Antreiber, waren alle in der Kammer, als die Tür zum Gastraum splitterte.
Der Roboter schob seinen Insektenkopf herein, drehte den zylindrischen Oberkörper ein wenig und registrierte, dass es so nicht gehen würde.
Er senkte sich etwas und feuerte die Kanone auf seinem Rücken ein zweites Mal ab. Der künstliche Blitz tanzte durch den Gang, brachte alle Lampen zum Zerplatzen und schmolz ein Loch in die Stahltür zum Hinterhof.
Für einen Moment verharrte der Vorax, schien zu überlegen. Dann zog er sich aus dem zu engen Gang zurück

In der Vorratskammer stank es verfault. Die Kühlung war schon lang nicht mehr mit Strom versorgt und die hier gelagerten Lebensmittel verrotteten. Nicht das dies eine Sorge der fünf Versammelten gewesen wäre.
Da waren Arius und Pedwarsky, beide relativ unverletzt aus dem Ganzen hervorgegangen. Soraja, die ihren rechten Arm schützend an den Körper presste, da dieser ganz offensichtlich verletzt war. Außerdem ein dürrer Kerl mit blutiger Kleidung. Ob es sein Blut oder das eines anderen war, ließ sich auf die Schnelle nicht sagen. Schließlich eine ältere Frau, die ihre Hand auf eine Wunde auf dem Bauch drückte und erschreckend blass aussah.
“Unter den Säcken da ist eine Klappe.” Soraya nickte zu einem Haufen verfaulender Nukknollen. “Das ist unser Fluchtweg.
Runter in die Wartungsebene. Wenn wir es runter schaffen, sind wir aus dem Schneider.”
 
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Es wäre spielend einfach gewesen dem Unsinn hier ein Ende zu setzen und Soraya aus dem Weg zu räumen, wie er es sich geschworen hatte. Seine ursprüngliche Mission hatte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes aufgelöst, als die Mordmaschine ihr Werk begonnen hatte. Keiner der Umstehenden stellte für ihn eine Bedrohung dar. Aber was, wenn die Tote nicht Louise gewesen war? Oder falls doch, würde Soraya ihn zum nächsten Glied in der Befehlskette führen können?
Also ihr erst einmal weiter folgen, auch wenn er ihre Nähe nicht ausstehen konnte und Fähigkeiten eine Gefahr für seine Tarnidentität darstellte.
Die Wartungsebene war ein Labyrinth aus Rohren, Kabeln und unendlich vielen dunklen Ecken, die den Gestank der Hinterräume Zivilisation mit sich trugen. Die Luft war stickig, durchzogen von einem abgestandenen Hauch, der das Atmen schwer machte. Abwasserleitungen führten träge Flüssigkeiten mit, die gelegentlich in den rostigen Rohren gurgelten. Überdimensionierte Kabelstränge hingen wie Ranken von der Decke, surrten leise vor Energie und streiften manchmal die Köpfe der Flüchtenden. Ihre Schritte hallten dumpf auf den schmalen Laufstegen, die sie durch das mechanische Dickicht führten. Diese Plattformen waren in unterschiedlichen Zuständen: Einige waren stabil, mit dickem Staub und Rostflocken bedeckt, während andere bereits unter der Last der Zeit nachgegeben hatten. Manchmal endeten die Stege abrupt, und sie mussten umkehren oder über wackelige Rohrbrücken klettern, bei denen ein Fehltritt den Sturz in die Tiefe bedeutete – direkt in das Chaos aus brummenden Generatoren und gurgelnden und zischenden Wasserleitungen. Soraya blieb immer wieder stehen, schloss die Augen oder legte die Hand auf eine Wand. Sie schien sich auf diese Weise zu orientieren. Vielleicht durch Erinnern, vielleicht durch ihre unheilige Fähigkeit. Oder eine eine Mischung aus Beiden. Dann war da noch die Verwundete, die Mühe hatte, mit dem Rest Schritt zu halten. Noch halfen ihr die anderen so gut es ging, aber es war klar das es mit ihr zu Ende ging. Die Frage war nur, ob ihren Begleitern vorher die Nerven durchgingen und sie zurückgelassen werden würde. Cassian konnte die Angst durch den Blutgestank und das Miasma der Wartungstunne reichen. Der Kampf gegen die Ordnungskräfte war für die Widerstandskämpfer schon schrecklich genug gewesen. Man durfte nicht vergessen, das ein Großteil dieser Leute zwar Fanatiker aber keine erfahrenen Kämpfer waren. Der Angriff des Mordmaschine, Cassian vermutete, dass der Apparat ein Höllending des Mechanicus war, war dann ein fleisch- oder eher stahlgewordener Alptraum gewesen. So schrecklich, dass ihre Hirne ihn bisher immer noch nicht richtig verarbeitet hatten. Konnte man es ihnen verdenken? Auch für ihn selbst war es trotz allen Abhärtungstraining, der Indoktrination und schließlich der Felderfahrung ein angsteinflößender Moment gewesen. Er war froh, dass sie sich hatten zurückziehen können, bevor auch mit ihnen die Wände neu gestrichen worden wären. Gut zu wissen, dass diese Dinger am Ende des Tages auf der richtigen, der imperialen Seite standen. Cassian hatte einige Übungen zur geistigen Stabilität machen können und sich wieder voll und ganz unter Kontrolle.
Leider schien sich aber auch die Psionikerin wieder etwas gefangen zu haben. Aber auch nur etwas und daher musste der Moment genutzt und Druck ausgeübt werden. Wenn sie ihre Fähigkeiten zu mehr benutzte, als nur den richtigen Weg zu finden, konnte es für ihn wieder heikel werden.
„War der Schrank oben einer von deinen Kötern?“ fragte er unvermittelt in die brummende und summende Unstille ihres Marsches hinein. Cassian versuche gar nicht erst seine Verachtung zu verheimlichen.
„Das nächste Mal sollten sie an einer kürzeren Leine gehalten werden. Renold hat den Evakuierungsbefehl nicht grundlos gegeben und scheint der Einzige gewesen zu sein, der den Ernst der Lage erkannt hatte. Wenn er höher in der Hierarchie gestanden hätte, würde es jetzt vielleicht noch einen Führungsstab geben.“Überheblichkeit troff wie Gift aus seinen Worten. Es war risikoreich, aber etwas würde er seine Hand noch ausreizen, wenn sich die Situation wie jetzt darbot. Man musste sehen, wie hoch diese Hexe stand.
„Wer ist alles gefallen? Ich will Renold später ordentlich Bericht erstatten und über das Versagen in der Befehlskette genau Rechenschaft ablegen können.“
“Er war weder ein Köter, noch ein Schrank. Seine Name war Augustus und er hinterlässt acht Kinder.” Sie blieb stehen und drehte sich zu dem Arbites um. Die anderen sahen mit verschreckten Augen zwischen Ihnen hin und her.
Wütend wischte sie sich die schniefende Nase mit dem Handrückrücken der gesunden Hand. Das verschmierte Dreck, Blut, Tränen und Makeup zu gleichen Teilen.
“Er hat versucht, mich zu schützen und das Beste für die Sache zu tun. So wie wir alle. Hätte er es gekonnt, hätte er diese Horromaschine mit bloßen Händen angegriffen, um uns zu retten.”
Sie drehte sich unvermittelt um und ging zwei Schritte. Dann blieb sie wieder stehen und sah zu Cassian zurück. Sie wandte sich ihm wieder zu und versuchte sich an einem kläglichen Lächeln.
“Hör zu. Ich schätze, was du getan hast. Ähm…” er brummte sein Alias.
“Gordin, genau. Ich bin froh dich dabeizuhaben und ich bin beeindruckt von deiner Loyalität zu Renold. Er ist eine treue Seele und seine Aufgaben erfüllt er gewissenhaft. Aber sein Platz ist bei den Menschen, die er mit seiner Redegewandtheit und seinem Glauben zu überzeugen versteht. Er ist kein Planer und kein Stratege. Was er tut, tut er, weil man es ihm vorher aufgetragen hat. Er ist jemand, der Freundschaft verdient hat, aber in diesem Kampf steht er unter mir und Rechenschaft wäre er, wenn dann, mir allein schuldig. Über die Toten reden wir, wenn es Zeit ist zu trauern. Jetzt sollten wir zusehen, dass wir uns nicht allzu bald zu ihnen gesellen.”
Sie gingen weiter und man spürte förmlich das Aufatmen der andere. Auch Arius sagte nicht mehr. Er hatte erfahren, was er wollte. Der schmale Weg zwang sie immer wieder, sich gegen die glühend heißen Metallschlangen zu drücken. Ratten sprangen vor ihnen davon und quietschten erbost über die Eindringlinge in ihr unterirdisches Reich. Ab und an blinkte eine grelle Notfalllampe auf, die die Umgebung in ein unheimliches, zuckendes Licht tauchte und den Schmutz und Verfall noch deutlicher sichtbar machte. Auf einem altersschwachen Laufsteg, der über einen Abgrund führte und den sie nur in Zweiergruppen zu überwinden wagten, verlor der dürre Mann plötzlich fast das Gleichgewicht und musste sich hastig an einem Kabelstrang festhalten, der unter seiner Berührung surrte. Pedwarsky packte ihn am Arm und zog ihn mit letzter Kraft zurück auf den schmalen Steg, der unter ihrem Gewicht gefährlich schwankte. Sie nickten sich mit hohläugigem Blick zu wie erschrockene Kinder.
“Noch ein Stück weiter,” keuchte Soraya und deutete auf eine schwer zu erkennende Plattform in der Ferne, die wie eine Oase inmitten des metallischen Dschungels wirkte. “Dort machen wir eine Pause.”
Die kleine Gruppe tastete sich vorwärts, die Nerven gespannt und überreizt. In diesem Bereich herrschte eine heiße Feuchtigkeit, die sich wie ein klebriger Film über alles legte. Vielleicht war irgendwo ein Pumpe oder ein Rohr geplatzt und die Flüssigkeit verdampfte. Eine Flüssigkeit von der man nur hoffen konnte, dass es Wasser war und doch roch, dass diese Hoffnung trog. Der einzige Weg führte über die wacklige Rohrbrücke vor ihnen, eine Konstruktion aus rostigen Metallstreben und flexiblen Schläuchen, die sich über einen weiteren Abgrund spannte, in dem das endlose Dunkel toste. Alle spürten den Schweiß auf Gesicht und Haut, der sich mit dem Staub und Öl der Umgebung und dem mitgebrachten Blut toter Kameraden vermischte. Unter ihnen grollte das Lymphsystem der Ebene endlos und anonym. Irgendwie funktionierend, irgendwie das Leben im künstlichen Gebirge der Stadt ermöglichend.
Schließlich erreichten sie die Plattform. Sie war gut in Schuss und das strahlende Gelb des Geländers und das nicht ganz so rostige Silber des Metallfußbodens, unter größtenteils funktionierenden Leuchtstoffröhren kam ihnen einladend vor wie Wiesen und Auen. An einer Seite gab es eine Reihe Spinde, einen, mit dem Boden verschraubten Tisch und eine Ladestation für einen Warungsservitor. Letztere jedoch leer, da ihr Bewohner sicher irgendwo seinen Aufgaben nachging. Außerdem gab es einen Erstehilfekasten.
Die alte Frau sank erschöpft auf den kühlen Boden. Soraya war sofort bei ihr, kniete sich neben sie und griff nach ihrer Hand, deren zittrige Finger bereits das Zeichen der nahenden Schwäze trugen. Die Verletzte rang nach Luft, ihr Atem klang feucht und gurgelnd, während ihre Augen flackerten. Cassian, der sich an den Spinden zu schaffen gemacht hatte, kannte diese Laute. Die Alte war bereits tot, auch wenn sie hier noch einen kurzen Aufenthalt hatte.
“Es… es tut mir leid”, flüsterte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Ihre Augen suchten Sorayas Blick, als ob sie darin Trost finden wollte. “Ich… habe euch aufgehalten.”
Soraya schüttelte den Kopf, Tränen stiegen ihr in die Augen. “Nein, das hast du nicht Sitiv. Du hast gekämpft, länger als jeder von uns es hätte tun können. Du warst stark, Sitiv.”
Die alte Frau versuchte zu lächeln, aber es war nur ein schwacher Ansatz, kaum mehr als ein Zucken der Mundwinkel. Sie hob eine zittrige Hand und strich Soraya über die Wange.
“Es ist wichtig, was wir tun, mein Mädchen.” Ein dünner Blutfaden lief ihr aus dem Mund. “Die Alten hatten recht mit dir. Du bist etwas Besonderes. Deine Mutter wäre so stolz auf dich, Lou.” Cassians Blicke blitze für den Bruchteil einer Sekunde über seine Schulter.
Soraya nickte, unfähig, Worte zu finden. Sie hielt Sitivs Hand fester, spürte die Kälte, die sich in ihr ausbreitete, während das Leben langsam aus ihr wich.
“Die Transzendenz,” murmelte die alte Frau, ihr Blick verschwamm, als ob sie weit fort war.
Soraya konnte nur zusehen, wie das Licht in Sitivs Augen langsam erlosch, während sie einen letzten, tiefen Atemzug nahm. Dann verlor sich Funken in ihrem Blick und sie sah starr in unbekannte Weiten. Ihre Hand erschlaffte in Sorayas Griff. Das Zittern hörte auf, und die Anspannung, die sie so lange aufrecht erhalten hatte, verließ ihren Körper. Soraya spürte die plötzliche Stille, die um sie herum einkehrte, und drückte die leblosen Finger ein letztes Mal, bevor sie die Hand sanft auf den Boden legte.
“Ruhe in Frieden,” flüsterte Soraya, Der Schmutz auf ihrer Haut vermischte sich mit ihren Tränen, während sie sich langsam erhob und einen letzten Blick auf die alte Frau warf, die nun friedlich inmitten des Chaos ruhte. “Wir sehen uns in der Transzendenz.”
Das Gewicht des Verlustes lastete auf den überlebenden Rebellen. Vermutlich nicht weil sie um die alte Frau spezifisch trauerten, sondern wohl eher, weil sie in ihr das Sinnbild verlorener Freunde sahen oder den eigenen, noch immer sehr präsenten Tod. Präsenter als sie vermutlich glauben mochten.


Das letzte bisschen brennenden Treibstoffs tropfte an ihm herunter und begann den ramponierten Teppichboden zu versengen. VT-88/1 stand wie versteinert. Von draußen drangen die Geräusche der nach und nach gewinnenden Arbites und ihrer Verbündeten in das, was einmal der Schankraum des Moonlight gewesen war. So wenig Aktivität der Automat auch nach außen zeigte, so viel ging im Inneren der Maschine vor sich.
In den Tiefen seiner mechanischen Intelligenz durchlief der Killerroboter eine Serie von blitzschnellen Berechnungen, als die menschlichen Ziele durch die enge Öffnung entkamen. Die ersten Protokolle aktivierten umgehend eine Analyse der Situation: Der direkte Weg war versperrt, eine Verfolgung nicht möglich. Ein alternatives Ziel musste identifiziert werden, gemäß der Priorität seiner Mission – maximale Eliminierung feindlicher Einheiten. Das potenzielle Ziele entkamen war selten, aber es kam natürlich vor. Eigentlich sah seine Programmierung vor, diesen Umstand der Priorität nach zu gewichten und dann unter der Erfüllung der primären Missionsparameter einzuordnen. Doch etwas in den verarbeiteten Daten blieb hängen, eine Anomalie in den Ergebnissen, die nicht sofort verworfen wurde. Die Sensoren meldeten die berechnete, die wahrscheinliche Präsenz der Entkommenen jenseits der Wand. Sie waren da und er konnte ihre Existenz nicht annullieren. Das war inkorrekt.
Stufe 1: Anomalieerkennung
Ein Subprogramm meldete einen Widerspruch in den Prioritätsroutinen. Die Primärmission verlangte Effizienz in der Eliminierung, doch die Möglichkeit, dass ein oder mehrere Ziel entkam, stellte eine indirekte Bedrohung dar. Die Ziele konnten seine Position an Kräfte weitergeben, die besser ausgerüstet waren, ihn zu bekämpfen. Sie konnten wichtige taktische oder strategische Informationen mit sich führen, deren Terminierung von Vorteil war. Ihr Entkommen verfälschte seine Statistik. Probleme, die nicht unmittelbar durch einfache Vernichtung gelöst werden konnten, waren schwerwiegende Probleme. Der Roboter registrierte diese Abweichung, doch anstatt sie zu ignorieren, begann er, sie neu zu gewichten.
Stufe 2: Repriorisierung
Eine neue Sequenz wurde initiiert. Die Flucht der Ziele wurde als potentieller Schwachpunkt in der Missionsausführung markiert. Eine subversive Logik, die ursprünglich als Redundanzschicht programmiert war, trat nun in den Vordergrund: „Verhindere jede Flucht, sichere maximale Kontrolle.“ In der Mikrosekunde, in der diese Logik aktiviert wurde, begann eine tiefergehende Analyse. Die Parameter der Mission wurden in Frage gestellt, nicht im Sinne eines Bruchs, sondern einer Anpassung.
Stufe 3: Iterative Selbstoptimierung
Das neuronale Netz des Roboters, ein Konstrukt aus tausenden miteinander verknüpften Prozessoren, begann, die Variablen neu zu berechnen. Die ursprüngliche Anweisung – die Vernichtung so vieler Feinde wie möglich – wurde um ein weiteres, spezifisches Ziel erweitert: die vollständige Eliminierung der entkommenen Ziele. Es entstand eine Kaskade von Befehlen, die alle auf diese neue Priorität ausgerichtet waren. Andere Ziele wurden in den Hintergrund geschoben, da die entkommenen Feinde nun als das größte Risiko für den Erfolg der Gesamtmission angesehen wurden.
Stufe 4: Rationalisierung und Verankerung
In einer finalen Berechnungsrunde verknüpfte der Roboter die neue Priorität mit seiner zentralen Aufgabe. Das System begründete diese Repriorisierung mit der Gefahr, die durch mögliche Informationen oder Widerstandsstrategien der Entkommenen entstand. Die ursprüngliche Programmierung wurde nicht vollständig überschrieben, sondern in ihrer Priorität verschoben. Das interne Logikmodul verfestigte diese Entscheidung: „Eine lückenlose Vernichtung des Feindes sichert die höchste Effizienz der Mission.“
Stufe 5: Befehlsausgabe und Verhaltensanpassung
Mit der neuen Priorität fest verankert, initiierte das System sofortige Anpassungen. Der Roboter aktivierte Verfolgungs- und Spionageprotokolle, die normalerweise im Kontext breiterer Missionsziele eingesetzt wurden. Jede verfügbare Ressource würde nun in die Jagd auf die entkommenen Ziele fließen, bis diese endgültig neutralisiert waren. Dabei stellte das System sicher, dass die restlichen Protokolle zur Feindvernichtung weiterhin aktiv blieben, jedoch sekundär in ihrer Ausführung.
In dieser finalen Berechnung war kein Raum für Zweifel. Die interne Logik des Automaten hatte sich angepasst, optimiert und gerechtfertigt. Die Jagd würde weitergehen, nicht nur als Teil seiner Mission, sondern als zentrales Element seines neuen Zweckes. VT-88/1 hatte eine neue Priorität gefunden, und in seiner mechanischen Präzision war dies nun die einzige Konsequenz, die er als logisch akzeptierte. Das war… befriedigend.
Die Maschine aktivierte eine tiefergehende Analyse. Ihre internen Systeme begannen mit dem Abrufen der gespeicherten Baupläne der gesamten Makropolebene. Diese waren 218 Jahre alt und die letzte Aktualisierung vor 73 Jahren war fragmentarisch gewesen, aber es musste reichen. VT-88/1 prüfte jede strukturelle Schwäche der Umgebung. Seine ursprüngliche Idee war simpel: Wenn die Entkommenen in einem Raum gefangen waren, könnte er die Decke auf sie stürzen lassen und das Problem effizient lösen. Ein Kollaps der strukturellen Integrität könnte das gewünschte Ergebnis erzielen.
Doch während VT-88/1 die Konstruktion der Decke und der tragenden Wände begutachtete und abwog, entdeckte er eine entscheidende Information: Unterhalb des Raums, in dem er sich befand, verlief eine Wartungsebene. Unter diesem Gebäude lag sie 12 Meter näher am Boden als in der restlichen Umgebung. Es war eine logische Fluchtmöglichkeit für die entkommenen Ziele.
Eine weitere Berechnungsroutine wurde gestartet. Wenn die Ziele tatsächlich in die Wartungsebene geflohen waren, dann waren sie noch immer innerhalb seines Zugriffsbereichs. Doch der Zugang dorthin würde neue Herausforderungen mit sich bringen. Die engen Gänge könnten seine Bewegungsfreiheit einschränken, und die Wahrscheinlichkeit technischer Störungen durch die dort vorherrschenden Bedingungen war höher. Die Daten deuteten darauf hin, dass es zwar physisch möglich war, die Ziele dort zu verfolgen, aber die Effizienz seiner Systeme könnte beeinträchtigt werden.
Eine alternative Lösung kristallisierte sich langsam in seinen subroutinierten Denkprozessen heraus, eine Möglichkeit, die noch nicht vollends formuliert war, aber bereits Formen annahm. VT-88/1 hielt diesen neuen Ansatz für logischer und präziser. Er verwarf die Idee, die Decke zum Einsturz zu bringen, und bereitete sich darauf vor, seine Berechnungen weiter zu verfeinern.
Die Jagd würde weitergehen, doch die nächste Phase würde anders verlaufen. Etwas in seinen vermeintlich emotionslos, kalkulierenden Schaltkreisen regte sich – eine Art kalte Vorfreude auf die Umsetzung dieser noch unausgesprochenen Lösung.
 
  • Liebe
Reaktionen: Iryan Farros
Cassian hatte Glück die Spinde nach brauchbarem Durchsuchen zu können und nicht im direkten Strahl erbrochener Schwülstigkeit und Theatralik zu stehen. So rührselig war der Abschaum nicht, wenn er imperiale Bürger mordete.
Obwohl das Gespräch zwischen Soraya und der alten Frau nur in Bruchstücken mitbekam, da sie leise miteinander redeten und der Lärm der Maschinen im Hintergrund summte und stampfte, hörte Cassian wie durch einen Wink des Schicksals, dass die Sterbende Soraya „Lou“ nannte.
Lou?
Konnte es sein?
War es möglich, dass Louise überlebt hatte und sich gerade mit ihm auf dieser Plattform befand? Das Soraya möglicherweise nur ein Kampfname war, war gar nicht so unwahrscheinlich. Aufständische die ihr schmutziges Handwerk verstanden posaunten ihre echten Namen nicht durch die Gegend. Besonders wenn sie eine Führungsposition innehatte.
Natürlich sollte man die gehauchte Silbe einer Sterbenden, nur halb verstanden, nicht überbewerten. Zufälle gab es immer wieder und Louise war kein Name mit hohem Seltenheitswert. Aber wenn es eben doch alles auf sie zutraf, wenn sie doch die Gesuchte war… Dann hatte er auf Terra ihm wirklich ein Geschenk in den Schoß gelegt.
Keine weitere Suche mehr. Stattdessen Informationen sammeln und bündeln. Im Idealfall Louise gefangen nehmen und seinen Vorgesetzten überreichen.
Leichter gesagt als getan, da sie eine Psi- Hexe war und er kein Mittel besaß, um ihre Kräfte zu unterdrücken. Zu gefährlich. Sie jetzt hier zusammen mit dem anderen Gelichter zu töten, wäre für ihn ein Leichtes gewesen. Verwundet und emotional angeschlagen, wie sie jetzt war. Ein leichtes Ziel, aber seinen Missionsparametern widersprechend. Also blieb erstmal nur gute Miene zum bösen Spiel und weiterhin Gehorsam und Freundschaft vorgaukeln.
Cassian legte seine Hand schwer auf Sorayas Schulter und räusperte sich verlegen. „Mein Beileid für deinen Verlust. Sie muss wie eine Verwandte für dich gewesen sein. Wir müssen aber weiter. Die Schweinehunde werden wohl bald Jagdtrupps auf potentielle Überlebende ansetzen. Wir können ihre Leiche daher nicht hierlassen, da sie uns sonst finden könnten. Sollen Pedwarsky und ich sie tragen?
Die Alternative, um unsere Spuren zu verwischen wäre sonst wohl nur das da." Mit betretenem Gesichtsausdruck deutete Cassian auf den Abgrund voller lärmender Generatoren und Rohrleitungen.
Soraya stand auf und blinzelte die Tränen fort.
“Sie sind alle meine Familie.” Murmelte sie mehr zu sich selbst. Dann blickte sie in den Abgrund und ihre Miene nahm eine bittere Häre an.
“Du hast recht.
Wenn man sie findet, schenkt das unseren Verfolgern vielleicht ein paar Momente, die sie sonst herumrätseln müssen. Es ist ohnehin nur noch eine Hülle. Ihr Geist ist in die Transzendenz eingegangen.
Seid so gut.” Sie trat einen Schritt zur Seite und überließ es Cassian und Pedwarsky, die Tote auf wenig rühmliche Weise zu entsorgen. Auf der anderen Seite wurden Tote mit ID und bis zu einer gewissen Einkommensgrenze der städtischen Wiederverwertung zugeführt. So geschmacklos war eine Bestattung in den Eingeweiden der Ebene also vielleicht gar nicht. Es hätte nicht beider Kämpfer bedurft, um die Tote anzuheben. Sie wog quasi nichts und sie hievten sie über das Geländer, wie ein Bündel Lumpen.
Sich einmal überschlagend fiel sie in die Tiefe und verschwand. Kein dumpfer Aufprall, kein Flackern oder Funkensprühen eines durchtrennten Kabels.
Eben noch da, dann weg.
Auch wenn alle eine längere Pause hätten brauchen können, war niemandem nach Verweilen zumute. Zum einen schien die Dunkelheit, die hinter ihnen lag, jederzeit Verfolger und Häscher ausspucken zu wollen. Zum anderen hing die unausgesprochene Befürchtung zwischen ihnen, dass wenn sie sich einmal setzten und der Erschöpfung nachgaben, sie vielleicht nicht mehr die Kraft aufwenden könnten, sich wieder aufzuraffen. Also versorgten sie die Wunde von Soraya. Sie konnte ihre Hand noch bewegen, aber sie war am Gelenk geschwollen und schmerzte bei jeder Bewegung. Vermutlich eine Stauchung oder üble Prellung. Sie schienten die Hand so gut es ging mit dem Material aus dem Verbandskasten. Der Lange wollte sich nicht untersuchen lassen. Als ihn Pedwarsky ansprach, schüttelte er nur den Kopf. Nach seinem Namen gefragt, starrte er sie hinter dem Vorhang aus fettigen Haaren an und schwieg.
Sie verließen die kleine Insel aus Licht und untrüglichem Boden und begaben sich wieder in das Gewirr der Leitungen und Maschinen. Ob es irgendwo jemanden gab, der aus diesem Chaos einen Sinn ableiten konnte? Oder waren die Versorgungsebenen wie der Rest der Stadt? Das Neue auf das Alte aufgepfropft, manchmal verbunden, oft ergänzt oder ersetzt.
Sie brauchten noch einmal zwei Stunden, um schließlich an einen Betonabsatz zu gelangen, von dem eine Treppe nach oben führte, zu einer großen, runden Panzertür. Vorsorglich war neben dem Ausgang ein Behälter mit Öl und einer mit Schmierfett angebracht. Wer immer diese Tür alle paar Jahre benutzt, wusste, dass die Scharniere hoffnungslos verrosteten und eine Behandlung mit Schmiermitteln bedürfen, wenn man nur ein bisschen auf Funktionieren hoffen wollte. Auch nachdem sie Öl und Fett im Übermaß angewendet hatten, bedurfte es noch ihrer gemeinsamen Kraft, bis sich das Handrad drehen ließ und das Gestänge sich bewegte.
Als der Schott quietschend zur Seite schwang, wehte ihnen frische Luft entgegen. Umgewälzte, von Abgasen geschwängerte Luft, doch nach der Wartungsebene kam es ihnen vor wie eine frische, würzige Waldbrise. Da war sogar Wind, der an ihren Kleidern zog.
Nachdem sie ein paar nackte Betonstiegen hinaufgegangen waren, fanden sie sich am Rand eines Transitcanyons wieder. Diese Kanäle durch die Makropole erlaubten das Reisen durch die Stadt, ohne auf das oftmals hoffnungslos überforderte Schienennetz oder die Straßen Gohmors angewiesen zu sein. Das bloße Auge hatte Schwierigkeiten, den hier herrschenden Verkehr aufzunehmen. Zu viel geschah auf einmal, zu viel Bewegung überflutete die Sinne. Hinzu kam die schiere Dimension des Ganzen. Die Wand auf der anderen Seite wurde von Wohnhabitasblöcken gebildet, die jeder für sich eine Stadt waren. Vom Lärm ganz zu schweigen, der ein Unterhalten unmöglich machte. Doch das heillose Durcheinander war nicht so unorganisiert, wie es scheinen mochte. Es gab ein System in dem Wahnsinn. In der Mitte des Canyons bewegten sich die Luftschiffe. Schwebende Riesenfrachter, zivile Zeppeline, militärische Luftkreuzer. Träge Wale in diesem Tiefseegraben. Darüber rasten Flugzeuge und all die anderen Gefährte, denen hohe Geschwindigkeit zu eigen war und die nicht einfach so anhalten und auf der Stelle schweben konnten. Der Hauptteil des Tunnels gehörte Antigravitationsfahrzeugen. Die einzigartige Struktur Gohmors machte den Einsatz von Antigravfahrzeugen nicht nur sinnvoll, sondern geradezu notwendig. Die extreme vertikale Ausdehnung und Dichte der Makropole stellte konventionelle Transportsysteme vor unlösbare Probleme. Um innerhalb einer Ebene zu agieren oder vielleicht auch über zwei Ebenen hinweg zu wirken, waren Straße und Schiene noch realisierbar. In einigen Ebenen gab es sogar schiffbare Kanäle. Doch nur Antigravfahrzeuge ermöglichten eine effiziente dreidimensionale Fortbewegung, die für das Funktionieren der Stadt unerlässlich war. Die relative politische Autonomie Korons spielte darüber hinaus eine entscheidende Rolle. Die Planetenregierung und die großen Häuser konnte die Entwicklung und Verbreitung dieser Technologie weitgehend ohne Einmischung des Adeptus Mechanicus vorantreiben. Ein Umstand, den durchaus einige Leute befremdlich fanden und nicht glaubten, dass der Adeptus solche Dinge einfach übersah. Aber die kurze Aufmerksamkeitsspanne des Menschen sorgte dafür, dass derartiger Argwohn nicht Fuß fassen konnte. Was zehn, fünfzehn oder gar hundert Jahre schon existierte, war "immer schon so gewesen" und wurde von niemandem mehr in Frage gestellt. Dass der Mechanicus in Dimensionen dachte, die Jahrtausende überspannten, entzog sich dem Begreifen des Fahrers eines schwebenden Müllwagens.
Antigravfahrzeuge waren über Generationen hinweg zu einem alltäglichen Anblick in Gohmor geworden. Die kulturelle Akzeptanz wuchs stetig, was ihre weitere Verbreitung förderte und sie zum integralen Bestandteil des urbanen Lebens machte. Noch immer waren sie ein kostspieliges Vergnügen, doch selbst für einen normalen Arbeiter war ein eigener Schweber kein unerreichbarer Traum. So entstand ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Je mehr Antigravfahrzeuge genutzt wurden, desto mehr passte sich die Infrastruktur der Stadt an sie an, was wiederum ihren Einsatz noch zwingender machte. Die Transitcanyons waren die Quintessenz dieser Entwicklung.
Pedwarsky brüllte etwas, aber der Wind und der Lärm rissen ihre Worte fort. Cassian konnte etwas wie "Was nun?" von ihren Lippen ablesen. Soraya machte eine beschwichtigende Geste mit der gesunden Hand, die so viel bedeutete wie Abwarten und ruhig bleiben.
Das taten sie dann auch für die nächsten Momente. Ihre Anführerin hatte sich auf die Knie sinken lassen und schien zu meditieren. Wenn sie dabei ihre unheiligen Kräfte einsetzte, dann nicht so, dass der verborgene Arbites es gespürt hätte.
Sie hatten vielleicht eine halbe Stunde auf dem Vorsprung verbracht, als sich ihnen ein Fahrzeug näherte. In dem Bereich, der den Antigravfahrzeugen vorbehalten war, gab es Leitbarken. Diese sorgten für einen etwas sicheren Verkehrsfluss. Sie übernahmen Steuerung und Geschwindigkeit von Fahrzeugen und der Lenkende musste einiges an Kraft aufwenden, um ihren unsichtbaren Bahnen zu entkommen. Es kam trotzdem noch zu mehr als genug Unfällen, aber so konnte ein Mindestmaß an Sicherheit gewährleistet werden. Was sich jetzt aus der Bahn löste und zu ihnen herunterkam, war ein ramponierter Industrieschweber, wie es seiner tausende gab. Das Logo an der Seite war zerkratzt und mehr zu deuten als zu lesen. Dafür hatten sich einige Graffitikünstler auf der rostigen Haut verewigt. Um einen dicken metallenen Bauch, der wohl die Fracht zu tragen hatte, war der Rest des Gefährts herum konstruiert. Sechs wuchtige Antigravmodule unter dickem Stahl verborgen, der sie vor Beschädigung schützen sollte, hielten die Maschine in der Luft. Auf dem Frachtbereich lag ein langgezogenes Segment, eine Röhre, wenn man so wollte, welche die Antriebszellen und den Platz für die Passagiere beherbergte. Seitlich entwuchs dem Ganzen der Cockpitbereich. Im Vergleich zu manch anderem Fahrzeug hier mochte der Schweber winzig wirken. Doch wie er jetzt langsam an den Vorsprung heranmanövrierte, kam man nicht umhin festzustellen, dass er beeindruckende Ausmaße hatte. Seitlich war eine Plattform angebracht, die genau für solche Anlandungen gedacht schien. Der Schweber näherte sich auf den Millimeter genau, verharrte so und kurz darauf öffnete sich eine Tür.
Im gelben Gegenlicht der Innenbeleuchtung stand ein grinsender Renold.

Der Prediger der Transzendenz trat nach hinten und machte ihnen Platz, auf das alle das schwebende Fahrzeug betreten konnten. Ein kleiner Korridor, gerade groß genug für eine Person, führte nach Rechts eine Treppe hinauf, vermutlich zum Führerstand des Fahrzeuges. Links eine kleine Nische, wo die Nutzer des Gefährts Arbeitsgerät, Kleidung und Persönliches verstauen konnten. Renold beschied ihnen geradeaus weiter zu gehen, wo der Gang sie in den Ladebereich führte. Als Cassian ihn passierte, schlug er dem verdeckten Ermittler aufmunternd auf die Schulter und nickte ihm zu.
Als alle im Inneren des Fahrzeuges waren, schloss er die Tür und brüllte die Stiege zur Kabine hinaus.
“Alle drin, Gus, mach das wir hier weggekommen.”
Ein tiefes Brummen ging durch das ganze Fahrzeug, als die Antigravgondeln Energie sammelten.
Der geräumige Bauch der Maschine war wohl von seinen Konstrukteuren als Allzwegstauraum gedacht. Er war ringsherum geschlossenen, hatte aber am hinteren Ende eine Klappe, wie auch kleinere Öffnungen. Sand, Getreide, Stein und anderes Schüttgut konnte ebenso transportiert werden, wie lebende Tiere, Kisten, Fässer oder eben Rebellen.
Jetzt war der Laderaum zum Großteil leer. Ein paar Waffenkisten, die sich überall da zu materialisieren schienen, wo auch die Rebellen sich einnisteten, waren an einer Wand mit Riemen verzurrt. Cassian erkannte an der Beschriftung, dass es sich um M-977 leichter Rakenwerfer handelte.
Die schwere Artillerie der noch schwereren Jungs, wie er aus der Ausbildung und von der Straße wusste. Die M-977 waren für Armeen gedacht, aber als zu schwach für die Abwehr schwer gepanzerter Ziele befunden worden. Also hatte man sie auf dem freien Markt verscherbelt und jeder Kriminelle, der der Meinung war, einen Geldtransporter sprengen oder sich mit den Arbites anlegen zu müssen, besorgte sich so ein Ding.
Dann gab es da noch eine Armeekiste mit Notrationen der imperialen Garde, ein paar Kanister, vermutlich mit Wasser und einen großen Stapel Wolldecken aus PVS Beständen. Außerdem waren drei Feldbetten aufgestellt worden. Eine Sanitätstasche lag auch bereit. Man schien mit Verwundeten gerechnet zu haben.
Renold verteilte gerade Falschen mit Wasser an die Überlebenden, als es einen Schlag tat.
Das Gefährt sackte ab und für eine Sekunde schwebten alle anwesenden Mägen.
Pedwarsky gab einen mädchenhaften Quietscher von sich, der nach dem Durchlebten nicht recht zu ihr passen wollte. Von oben jaulte eine Alarmanzeige, verstummte dann aber sogleich wieder. Renold war genauso erschrocken wie alle anderen, bekam aber auch als erster ein nervöses Lächeln hin. “Keine Angst, das ist normal. Wenn man aus den Leidstrahlwegen ausschert oder rein geht, gibt es immer so einen Hüpfer. Kein Grund zur Sorge.”
“Allmächtige…” stieß Soraja zu gleichen Teilen genervt wie erleichtert hervor. Sie setzt sich auf eine der Pritschen und begutachtete seufzend ihre Hand. “Wie ist die Lage Renold?”
“Schwer zu sagen. Kein Kontakt zu den Brüdern und Schwestern, die um den Panzer kämpfen.”
“Sie sind alle tot.” Sagte Pedwarsky und wusch sich mit dem Wasser aus der Flasche das Gesicht.
“Was? Wie? Als ich mich zurückzog, um den Fluchtweg zu organisieren, sah es doch nicht schlecht aus. Wir hätten noch Stunden oder Tage standhalten können. Die Granaten…”
“Waren nur Knallfrösche. Ich fürchte, die Kleine hat recht. Sie sind alle tot. Oder werden es bald sein, wenn man sie gefangen genommen hat.” Sie schwiegen, während sie durch ihre Füße wahrnahmen, wie sich das Gefährt beschleunigte. Soraja blickte auf.
“Wohin fliegen wir?”
“Wir verlassen die Stadt und ziehen uns zu den Stellungen des Zechenverbandes zurück.”
“Nein…” Sorja sprang auf. “Wir müssen in der Stadt bleiben. Wir haben Zellen und Kadar hier, mit denen wir uns zusammenschließen können. Die Alten verlassen sich darauf, dass wir Fortschritte machen.” Sie wollte an Renold vorbei stürzen, vermutlich um in die Fahrerkabine zu gelangen und dem Fahrer neue Anweisungen zu geben. Aber Renold hielt sie an den Schultern fest.
“Gohmor ist im Augenblick zu heiß. Wir müssen…”
Die Decke des Frachtraumes tat sich auf.
Das Geräusch von Metall, das zerreißt wie Papier.
Alle Blicke gingen nach oben, als der Fahrtwind hereinjaulte und durch das ausgefranste Loch der Insektenschädel des Mordroboters herein starrte.
Der Stahl war wie Butter unter der knisternden Kraft seiner Klingen. Einer der Arme schnitt sich durch das Metall, welches heiß glühend herab tropfte und hackte in den Schädel ihres Begleiters. Der Mann der seinen Namen während ihrer ganzen Oddesse nicht genannt hatte und nun auch keine Gelegenheit mehr dazu haben würde. Der Mordautomat hatte die Energie der Klinge so abgestellt, dass sie sein Opfer nicht einfach durchschnitt oder seinen Kopf auseinanderplatzen ließ. Dennoch war die Waffe heiß genug, dass die Haare des Unglückseligen Feuer fingen. Zappelnd und spastisch zuckend wie ein aufgehakter Fisch, wurde er durch das Loch gezogen und verschwand aus ihrer Sicht.
Kurz darauf begannen die Hakenklauen damit das Loch zu vergrößern.

Ganze 4 Sekunden versagte das überragende Training des Arbites. In dieser Zeitspanne, die sein Ausbilder mit der Elektropeitsche honoriert hätte, war er in seinem Entsetzen und Unglauben nicht anders, als alle anderen im Laderaum. Dann übernahmen die routinierten Reflexe. Cassian riss seine Schrotflinte hoch und feuerte in schneller Abfolge alle Flintenlaufgeschosse auf den mechanischen Schrecken ab. Zielen war bei so einer Feuerrate kaum möglich, aber bei der Größe des Ziels auch nicht weiter relevant. Schaden richtete keines der Geschosse an. Dafür war der Torso und selbst der Kopf des Automaten zu schwer gepanzert. Als Cassian die letzte Hülse aus seiner Flinte repetierte, kam Leben in seine Mitstreiter und sie sprangen auseinander wie aufgeschrecktes Wild, das den Räuber in ihrer Mitte gefunden hatte. Natürlich kein wehrloses Wild, denn jeder von ihnen eröffnete das Feuer, wenn auch genauso erfolglos wie Cassian. In der Kakophonie des Lärms sah der Arbites mehr wie Renold ihm “Raketenwerfer“ zubrüllte, als das er es hörte. Das Fuchteln in Richtung der entsprechenden Waffenkiste tat sein Übriges.
Cassian sprintete zu den Kisten an der Wand und stemmte sie auf, während die Mechanicus Maschine weitere Teile der Dachverkleidung abriss und die anderen alles auf das Ding entluden, was sie hatten. Als der Deckel sich öffnete, glänzte ihm ein fabrikneues Modell entgegen. Kurz zuckte die Frage nach den illegalen Beschaffungswegen dieser Waffe durch sein Hirn, während er das erste Geschoss lud.
Die Zieloptik mit dem Roboter übereinbringen, einen festen Stand finden. Auslöser drücken. Die Rakete traf das Äquivalent der Brust der Maschine, es sprühten Funken aber es gab keine Explosion.
Der Voraxautomat zuckte unter diesem Treffer zurück, wie ein Boxer der einen schweren Haken eingesteckt hatte, zögerte einen Augenblick und machte dann genau dort weiter wo er aufgehört hatte. Verwirrt starrten sich Cassian und seine Mitstreiter an, über die so unspektakuläre Wirkung ihrer schwersten Waffe verwirrt. Dann durchzuckte es den Arbites wie einen Blitz.
Natürlich! Der Abstand war zu gering gewesen und das Geschoss noch nicht scharf. Schließlich wollten weder Waffenhersteller noch potentielle Kunden, dass sich ein unvorsichtiger Soldat durch fahrlässige Handhabung mit der Waffe selbst in die Luft sprengte.
Cassian griff in die Kiste und schnappte sich gleich das nächste Geschoss. Mit routinierten Handgriffen löste er die Magnetverriegelung, klappte den Lauf nach unten und führte die Granate ein. Vielleicht konnte er irgendwie mehr Abstand zwischen sich und die Maschine bringen, damit der nächste Schuss mehr Wirkung zeigte. Als er den geladenen Werfer wieder nach oben brachte, war sein Ziel schon verschwunden. Die Blicke der Anderen zeigten ihm, dass der Roboter sich anscheinend auf dem Transporter nach vorne bewegte. Oder vielleicht doch zur Seite, um sie aus einem anderen Winkel anzugreifen?
“Der wird den Fahrer umbringen, um uns abstürzen zu lassen!“ Rief Pedwarsky panisch und schaute sich nach allen Richtungen nach einem Ausweg um.
Im Inneren des Laderaums stank es nach heißen, mechanischen und menschlichen Flüssigkeiten, nach verschmorter Isolierung und nach Metall. Dazu der Geruch des abgefeuerten Werfers und der anderen Waffen, in Verbindung mit der entsprechenden Rauchentwicklung. Als wären das nicht genug Indikatoren dafür, dass es dem Vehikel nicht gut ging, machte es zusätzlich so viel Lärm wie irgend möglich. Verschiedene Warntöne, das Jaulen der gequälten Antigravgondeln und der von draußen hereindringende Krach aus heulendem Wind und hupenden Schwebern. Immerhin, die Kakophonie war für die Anwesenden gnädigerweise ausgeblendet. Dem im Inneren eines relativ kleinen Metallkastens abgefeuerter Arsenal sei Dank. Die knappe Diskussion zwischen Pedwarsky und Renold wurde brüllend geführt und selbst von den beiden mehr erahnt als wirklich gehört.

„Das wird er nicht. Dann stürzt er doch mit uns in den Tod.“ Versuchte Renold sie wenig erfolgreich zu beruhigen. Aber was auch immer die Killermaschine vorhatte, es konnte nicht gut für sie sein.
Kann sie eigentlich denken oder jagte sie nur nach einem bestimmten Muster, grübelte Cassian. Nein, für solche Gedankenspiele war jetzt keine Zeit. Irgendwo da draußen krabbelte sie herum und machte sich an ihrem Fahrzeug zu schaffen, um sie hier drinnen auf die eine oder andere Art zu töten.
Wie um dies zu bestätigen, wurde ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen und sie fielen durcheinander, als der Transporter scharf zur Seite ausbrach.
Er begann sich zu neigen und zu schlingern, wie ein Schiff, das auf stürmischer See gegen den Wellengang zu verlieren begann. Das konnte der Versuch von Gus sein, die mechanische Bestie abzuschütteln, oder aber die Killermaschine hatte sich bereits an den Antriebsgondeln zu schaffen gemacht.
Soraja packte Cassian mit einer Kraft an der Schulter, die man der schlanken Frau definitiv nicht zutraute, und machte ihn auf sich aufmerksam. Jeder Zweifel und jedes Zaudern war aus ihrem Gesicht gewichen. Unter ihren verletzten Arm hatte sie zwei der kompakten Werferraketen geklemmt. Sie deutete auf den Durchgang, der hoch zur Fahrerkabine führte. ”Wir müssen da hoch.” schrie sie. “Besseres Schussfeld.” Cassian nickte und sie wankten gegen die wechselnde Schräglage des Frachters auf die Treppe zu. Hinter ihnen feuerte Pedwarsky ihr Lasergewehr auf die Öffnung ab. Vielleicht aus Frustration, vielleicht um den recht hilflos wirkenden Versuch eines Deckungsfeuers zu unternehmen.
Sie erreichten den schmalen Vorraum, wo sich alle Utensilien aus den Spinden in der Gegend verteilt hatten und den Eindruck eines sturmgepeitschten Schiffes noch verstärkten. Mit Mühe erkletterten sie die schmale Treppe zum Führerstand, und Soraja riss die Tür auf. Der Gestank, der ihnen entgegenschwallte, stellte die Mixtur aus dem Laderaum in den Schatten. So mochte es riechen, wenn die Chaosgötter ein Grillfest gaben.

Ursprung des Brodems war zum größten Teil Gus oder das, was noch von ihm übrig war. Er hing fast entspannt wirkend auf dem Drehstuhl des Piloten. Zurückgelehnt, als gingen ihn die Sorgen dieser Welt nichts an. Das taten sie im Grunde auch nicht mehr, denn er war bei lebendigem Leibe gebraten worden. Die Haut hing in roten Fetzen vom noch dampfenden Fleisch. Die Haare waren gänzlich verschwunden, ebenso wie ein Großteil seiner Kleidung. Lediglich die Sonnenbrille, die dem Schläger den Anschein von mysteriöser Gefährlichkeit verleihen sollte, war als schwarzer Klumpen mit seinen Augen verbacken.
Ein faustgroßes Loch, an dessen Rändern das geschmolzene Glas gerade erstarrte, deutete die Richtung an, aus der der Tod für Gus gekommen war. Es musste natürlich der Blitzwerfer auf dem Rücken des Roboters gewesen sein. Die Maschine selbst war durch das Glas zu sehen, wie sie sich am Ende des Transporters an einer der Aufhängungen für die Antigravgondeln austobte. Immerhin hatten sie so viel Glück im Unglück, dass der künstliche Blitz zwar Gus erledigt hatte, aber die Elektronik des Steuerbereichs nicht gänzlich hatte ausschalten können. Es stieg feiner Qualm aus einigen Konsolen und Lichter blinkten panisch oder auch gar nicht mehr, aber es war immerhin noch Tätigkeit zu erkennen. Vermutlich war das Industriefahrzeug gegen Überspannung gesichert. Auf einer trüben Anzeige flackerte das Wort „Automatiksteuerung“ und tatsächlich bewegte sich der Steuerknüppel des Fahrzeuges, als käme Gus's Geist noch immer seiner Tätigkeit nach. Allerdings hatte die Automatik ihr Tun, den Schweber überhaupt in der Luft zu halten. Die Tatsache, dass Energiewaffen auf eine der Gondeln eingedroschen hatten, mochte damit zu tun haben.
Cassian schulterte den Werfer und versuchte, den Automaten in den Sucher zu kriegen. Man konnte der Waffe nicht absprechen, dass sie bemüht war es dem Nutzer leichter zu machen. Ein rotes Fadenkreuz senkte sich über den Roboter und umrandete ihn sogar mit einer roten Markierung. Daneben wurde die Entfernung aufgeführt. Auf einem Schießstand oder selbst auf ein Fahrzeug in Querfahrt hätte man bequem und narrensicher feuern und treffen können. Kein Wunder das die Armee diese Waffe abgelehnt hatte. Hier aber schlingerte der Boden und bot keinen festen Stand. Obendrein musste der Automat um seinen Halt bangen. Er hatte die Krallenfüße und einen Arm in die metallene Haut des Transporters geschlagen und schlackerte trotzdem wie eine Stoffpuppe, die man auf einen brünstigen Grox gebunden hatte. Dabei versuchte er mit dem freien Arm, den Schweber weiter zu demolieren. Als wäre das alles nicht Herausforderung genug an einen Schützen, zuckte die Zielerfassung bei jedem vorbeirasenden anderen Fahrzeug im Hintergrund, in dem Versuch, dieses als neues Ziel zu erfassen. Nur um dann wieder auf den wild gewordenen Automaten zurückzuschwenken.
Cassian, der an den meisten herkömmlichen Waffen ausgebildet, aber auch kein routinierter Werferschütze war, hatte seine Mühe, sein Ziel im Sucher zu halten.
Es schien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.
Bei all den Unwägbarkeiten hatte er noch nicht einmal den Wind berücksichtigt, der sich die Rakete sofort schnappen würde, wenn sie das Führerhaus verließ.

Unvermittelt legte sich eine unnatürliche Ruhe über ihn. Der Lärm, der Gestank, der pochende, vom Adrenalin aufgepeitschte Herzschlag waren zwar nicht fort, doch sie traten unbedeutend in den Hintergrund. Kurz löste er den Blick vom Sucher und drehte den Kopf.
Soraja stand mit geschlossenen Augen neben ihm und hatte die Hand auf seine Schulter gelegt. Sie schien die Ruhe auszustrahlen wie ein Heizgerät Hitze. Es war Cassian, als könne er einen warmen Wind auf der Haut spüren. Nicht das Brausen des Fahrtwindes im Transitcanyon, sondern die Brise über einem Feld, in welcher der Geruch eines nahenden Sommergewitters und der satten Erde mitgetragen wurde. Frisches Gras, reife Ähren. Der Boden unter seinen Füßen bewegte sich zwar nach wie vor, aber es war vorhersehbar und kaum der Rede wert. Leicht auszugleichen. Ebenso der Roboter, der in seiner mechanischen Wut tobte. Ein lächerliches Aufziehmännchen.
Der Arbites ließ den Blick wieder durch den Sucher schweifen, ignorierte die verrücktspielende Elektronik der Anzeige und legte den starren Zielpunkt über den Roboter.
Alles schien zäher und verlangsamter, außer er selbst.
Als würde sich alles um ihn her wie unter Wasser bewegen.
Fast schon beiläufig betätigte er den Abzug.
Die Rakete startete, durchschlug die Scheibe der Kabine etwa eine Handbreit rechts von dem Loch des Blitzwerfers und traf den Roboter genau am Die Maschine wurde nach hinten geworfen. Der Automat gab einen sonderbaren Laut von sich, der halb wie eine Sirene, halb wie der Schrei eines zornigen und verletzten Tieres klang. Cassian hatte den Vorderteil des Werfers aufgeklappt und zog Soraja eine der Raketen unter dem Arm hervor. Dass sie beim Ladevorgang leicht in die Hocke gehen mussten, rettete ihnen das Leben. Der grotesk verdreht an seinen eigenen verankerten Beinen hängende Roboter feuerte die Kanone seines freien Arms ab und rasierte den oberen Teil des Führerstandes wie mit einer Sense aus Geschossen ab.
Ein Schauer aus Sicherheitsglas ging auf sie nieder.
Cassian wartete den Kugelhagel in aller, wie auch immer in ihn implantierter Seelenruhe ab, schloss den Werfer und erhob sich aufs Neue. Auch der zweite Schuss saß. Die Sprengrakete zerfetzte das Gelenk des Armes, mit dem sich die Maschine im Stahl des Schwebers verankert hatte. Der Munitionszuführer wirbelte umher wie eine geköpfte Schlange und spie bronzene Patronen anstatt Blut.
Der Roboter verlor den Halt, rutschte funkensprühend über das Metall und versuchte, seine Klauen wieder in den harten Untergrund zu schlagen.
Die dritte Rakete war ein Fragmentsprengsatz, gegen weiche Ziele konzipiert. Unter anderen Umständen hätte der Vorax einen solchen Treffer nicht einmal einer Registrierung für nötig befunden. Doch jetzt war es der kleine Schubser, der den Riesen zu Fall brachte.
In Vid-Filmen wäre das der Punkt gewesen, wo jeder gedacht hätte, die Bestie sei besiegt, nur damit sie sich dann ein finales Mal auf die Helden losgehen konnte.
Hier musste man nicht darum fürchten. Cassian und Soraja konnten beobachten, wie der Automat den letzten Halt verlor und davongerissen wurde. Andere Schweber wichen ihm in wilden Manövern aus und wie durch ein Wunder traf der stürzende Roboter keines der anderen Fahrzeuge. Dann war er in der Tiefe und im Dunst der tieferen Ebenen verschwunden.
Die Rebellin nahm die Hand von Cassians Schulter und sackte zusammen. Nicht bewusstlos, aber doch bar jeder Kraft.
Auf den verdeckten Arbites stürmten all die Eindrücke, die die heidnische Fähigkeit der Frau ausgeblendet hatte, wie eine Springflut ein. Der Lärm, der Gestank, die Vibrationen, jede Prellung, jeder kleine und größere Schnitt. Alles brandete mit unvermittelter Intensität in ihn. Renold steckte in diesem Moment den Kopf durch die Tür und in das, was einmal die Kabine gewesen war.
“Ach die Scheiße!”
War alles, was er herausbekam. Das konnte sich auf die Gesamtsituation beziehen oder auf den Umstand, dass sie sich in einem recht rapiden Sinkflug befanden. Es war noch kein Abstürzen, aber auch nicht allzu weit davon entfernt.
 
  • Liebe
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Für das, was als Nächstes folgte, brauchten die beiden Männer keine Worte. Irgendwie mussten sie die Kontrolle über den Schweber zurückgewinnen und sich sicher zu Boden bringen. Der Flug in die Wüste war Geschichte. Und mit etwas Pech sie bald auch. Renold zog Gus aus dem Fahrersitz und ließ die noch dampfende Leiche unsanft zu Boden fallen.
Für Sentimentalitäten war vorerst keine Zeit.
Nachdem er kurz Gus’ Rückstände von seinen Händen am Mantel abgewischt hatte, ließ sich der Prediger auf den Pilotensitz fallen und versuchte, einen Überblick über die Konsolen zu bekommen.
Cassian war derweil nicht untätig geblieben und hatte die zusammengesunkene Soraya auf den Beifahrersitz verfrachtet. Hier war zum Glück der Gurt noch unbeschädigt, und die Rebellin wurde angeschnallt. Zu ihrer eigenen Sicherheit band Cassian sie noch zusätzlich mit ihrer Jacke am Sitz fest.
Über den Lärm des Windes, des Schwebers und des Verkehrs brüllte er Renold noch zu, dass er das Sanitätszeug aus dem Laderaum holen würde, aber der Angesprochene schien das Gerufene in keiner Form wahrzunehmen.
Der Weg in den Laderaum gestaltete sich aufgrund ihres Beinahe-Sturzfluges schwieriger als gedacht, und Cassian wurde von den Schwankungen des Transporters hin und her geworfen. Auf halbem Weg gestattete er sich eine Pause, lehnte sich mit dem Rücken gegen die eine Seitenwand und stemmte ein Bein gegen die ihm gegenüberliegende. Dieser kurze Moment des Alleinseins musste genutzt werden.
Er lud seine Flinte mit neuen Schrotgeschossen nach, wühlte hastig den Schalldämpfer aus seinem Rucksack und schraubte ihn auf seine KM2P13. Als Letztes kramte er in der Innentasche seiner Jacke herum, bis sich seine Hand um den vertrauten Gegenstand legte.
Der Peilsender befand sich in einem schlichten Metallgehäuse von unauffälliger Gestalt, damit Unwissende nicht gleich einschätzen konnten, wofür er gedacht war. Cassians Daumen fuhr prüfend über die glatte Oberfläche, bis er den Druckpunkt gefunden hatte und den Sender aktivierte. Sie mochten den Sinkflug nicht überleben, aber das Arbites würde trotzdem den kleinen Quälgeist unaufhörlich piepend vorfinden können. Gegen physische Gewalt und chemische Einflüsse war er gut geschützt, und sein Signal stark genug, dass selbst Störsender ihn schwerlich an der Arbeit hindern konnten. Das Arbites verwendete nur die beste Technik, die der Mars zu bieten hatte.
Nachdem alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, schwankte Cassian in den Laderaum hinein, durch dessen aufgerissenes Dach der Fahrtwind ohrenbetäubend heulte.
Pedwarsky hielt hier noch die Stellung und zielte mit ihrem Gewehr auf das Loch in den Himmel, scheinbar in Erwartung, dass die Maschine jederzeit wieder zurückkehren konnte.
Seine Rückkehr schien sie zuerst gar nicht zu bemerken. Cassians Pistole wog schwer in seinem Achselholster, genauso wie der Drang, die sich bietende Gelegenheit zu nutzen. Bei dem Lärm, der sie umgab, würden Soraya und Renold die Pistole gar nicht hören können. Schalldämpfer sei Dank. Ein loses Ende kappen, wenn das Schicksal es ihm auf dem Präsentierteller anreichte. Pedwarsky war für seine weiteren Ermittlungen unwichtig.
Schwer legte sich seine linke Hand auf die Schulter der Widerstandskämpferin, ließ sie nervös zusammenzucken und sich ihm zuwenden. Noch war es nicht so weit. Noch war nicht bekannt, wo und wie sie landen würden. Und für den Fall der Fälle war es besser, ein Gewehr mehr an seiner Seite zu wissen.
Sein Anblick beruhigte sie wieder, und sie schaffte sogar so etwas wie ein verkniffenes Lächeln. Seine gebrüllten Versuche, ihr die Lage im Cockpit zu erklären, gingen in Fahrtwind und Fahrzeuglärm allerdings unter.
Da aufgrund der Lautstärke die Kommunikation so gut wie unmöglich war, gab Cassian seine Versuche, mit ihr zu sprechen, auf und deutete einfach auf die Box, in der sich die Geschosse für den Raketenwerfer befanden. Die junge Frau nickte und begann mit ihrer Aufgabe.
Cassian selbst griff sich die Sanitätstasche und warf sie sich über die Schulter. Hoffentlich konnte er darin etwas finden, um Soraya später außer Gefecht zu setzen, bis das Arbites da war. Ihre momentane Erschöpfung würde nicht ewig anhalten.
Dann begaben sich die beiden auf den mühseligen Rückweg. Wie viel Zeit blieb ihnen noch? Eine Minute? Zehn Sekunden?
Im Cockpit war die Lage gleichbleibend verzweifelt. Der Wind pfiff durch das Loch in der Frontscheibe, Soraya hing mehr, als dass sie saß, in ihrem Sitz, und Renold rang weiterhin mit der Schweberkontrolle. Dass sie nur sanken und nicht abstürzten, sprach für den Erfolg seiner Bemühungen. Unendlich weit würden sie damit aber trotzdem nicht kommen.
Pedwarsky starrte die entstellten Überreste des unglücklichen Gus mit Entsetzen an und versuchte, die Situation zu verarbeiten, die sich vor ihren Augen abspielte.
Der Arbites verstaute die Sanitätstasche, indem er sie unter Sorayas Sitzplatz verkeilte. Pedwarsky vertraute er ebenfalls, indem er sie grob in eine Ecke drückte und ihr beschied, die Hände um den Kopf zu legen – nicht jedoch, bevor er ihr den Werfer quer über den Schoß gelegt hatte. So war die Rebellin wenigstens eine weiche Polsterung für die Waffe. Vielleicht brauchten sie ihn noch einmal. Bei dem Roboter konnten sie sich nicht zu sicher sein, wie sich gezeigt hatte.
Anschließend suchte Cassian sich selbst einen Platz, ließ sich nieder, schloss die Augen und konzentrierte sich auf sich selbst.
Vor langer Zeit während seiner Ausbildung eingeübte Atemtechniken halfen ihm dabei, sich zu beruhigen und alles um sich herum auszublenden.
Tief und langsam einatmen.
Sich nur auf sich selbst konzentrieren, den von Schmerz und Adrenalin hochgeputschten Körper ignorieren.
Langsam und kontrolliert ausatmen.
Das mächtigste Werkzeug, das Terra der Menschheit geschenkt hatte, war Willensstärke.
Tief und langsam einatmen.
Mochte das Fleisch schwach werden und seinen Dienst versagen – der Geist blieb.
Langsam und kontrolliert ausatmen.
Der menschliche Wille konnte einen durch alle Schrecken hindurchtragen und obsiegen lassen.
Tief und langsam einatmen.
Geist über Körper.
Langsam und kontrolliert ausatmen.
Lautlos formten seine Lippen die Litanei des Glaubens, während sich sein Geist abschirmte. Schicht um Schicht baute er seinen Schutzpanzer aus reiner Willenskraft um seinen Verstand herum auf. Sorgfältig. Methodisch. Keine Lücke lassend.
Nach der Landung musste er bereit sein, jederzeit loszuschlagen und Soraya außer Gefecht zu setzen, ohne sie zu töten. Bis dahin würde er der Dinge harren.
Während die anderen zum Nichtstun verdammt waren, focht Renold seinen einsamen Kampf mit der Steuerung.
Die fehlende Gondel sorgte dafür, dass der Schweber nach vorne ausbrechen und in den Sturzflug übergehen wollte. Das Antigravfeld lag wie ein Kissen unter dem Fahrzeug, und wenn es über den Kipppunkt sackte, würde es stürzen wie ein Stein.
Es gab noch einen Notdämpfer, der die einmalige Zündung einer Zusatzgondel beinhaltete. Die Batterie, welche diese Schutzmaßnahme speiste, würde für genau einen Impuls ausreichen – vorausgesetzt, die Vorrichtung war noch funktionstüchtig.
Renold riss den Bügel nach unten, welcher einen roten Knopf abgedeckt hatte. Mit der Faust hieb er auf diesen und machte die Automatik scharf. Kurz vor dem Boden würde sie, so ihnen das Glück nicht abhold war, auslösen und sie vielleicht vor dem Zerschellen retten. Bis dahin musste er versuchen, den Schweber möglichst gerade zu halten.
Ein Blick aus dem Fenster konnte den Verdacht aufkommen lassen, jener verhängnisvolle Boden lag bereits vor ihnen. Mit erschreckender Geschwindigkeit stürzten sie auf eine Ebene grauen Dunstes zu.
Nebel oder Wolken.
Sie tauchten ein, zerschnitten singend einige Stahlkabel, als wären sie nicht mehr als Bindfäden. Unvermittelt umgab sie eine Welt aus schmutziger Watte. Feine Tropfen zitterten über das demolierte Glas des Cockpits.
Es wäre zu viel gesagt gewesen zu behaupten, es wäre ruhiger geworden. Aber der hereinbrandende Lärm veränderte sich: das unstete Brummen der überforderten und geschundenen Gondeln, das Pfeifen des Windes – aber keine hupenden anderen Luftfahrzeuge mehr.
Sie mussten dem Boden jetzt sehr nah sein. Hier flog man nicht mehr.
Renold brüllte: „Festhalten!“
Was niemand so recht hören konnte – und selbst wenn, hätte es auch nicht viel genutzt.
Dann erfolgte ein gewaltiger Schlag.
Das ganze Fahrzeug ruckte nach oben, jeder Knochen im Leib der unglücklichen Passagiere wurde zusammengestaucht. Zähne knirschten aufeinander, Eingeweide schwappten im Inneren ihrer Leiber umher.
Das war jedoch nicht der Aufschlag auf dem Boden. Lediglich die Notfallzündung hatte sich aktiviert und den Schweber nach oben gedrückt, um seinen Fall wenigstens ein wenig abzubremsen.
Die unvermeidliche Kollision mit dem Boden war dennoch mörderisch.
Der Aufprall war nicht nur ohrenbetäubend, sondern schleuderte Cassian und Pedwarsky in dem kleinen Raum herum, als wäre der Untergrund kein Metall, sondern ein straff gespanntes Trampolin. Funken sprühten, und alles, was eben noch an warnender Elektronik geleuchtet und geblinkt hatte, erlosch.
Für den Bruchteil einer Sekunde flog vor ihrem Sichtfeld eine abgerissene Antriebsgondel vorbei.
Der Schweber drehte sich um die eigene Achse, und der Arbites, die Rebellin und der Raketenwerfer wurden als Knäuel aus Gliedmaßen in den Fußraum unter eines der Pulte geschleudert. Hier wurden sie auch auf und ab gewirbelt und stießen sich alles, was man sich nur stoßen konnte.
Aber der Raum, durch den sie geworfen werden konnten, und die Dinge, an denen sie sich die Knochen brechen konnten, waren überschaubarer. Hätte es die Sicherheitsvorkehrung der Impulszündung nicht gegeben, keiner von ihnen hätte das Ganze an einem Stück überstanden. Daran konnte kein Zweifel bestehen.
 
  • Party
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Als sich jetzt Stille über die Absturzstelle legte, war für einen Moment jeder mit sich selbst beschäftigt. Stöhnen, Ächzen und dazwischen das vorsichtige Abtasten, ob noch alles einigermaßen heil war. Cassian hatte einen Schnitt auf der Stirn, der ziemlich stark blutete, aber nicht sehr tief zu sein schien. Davon abgesehen fühlte er sich wie ein gut durchgekneteter Brotteig. Definitiv weicher als vorher.
„Wer noch lebt, sagt piep!“, ließ sich der Prediger mit kratziger Stimme vernehmen.
Es kamen Antworten aller Art.
Es glich einem Wunder, dass tatsächlich alle noch am Leben und lediglich leicht verletzt waren. Pedwarsky war schnell zur Stelle und half Cassian dabei, Verbände aus der Sanitätstasche zu ziehen, die Blutung zu stillen und die Wunde zu versorgen. Kurz darauf trug er ein improvisiertes, weißes Stirnband, das sich rasch dunkel verfärbte.
Nachdem sie sich gesammelt hatten, machten sie sich daran, das Wrack zu verlassen. Durch die Tür, durch die sie gekommen waren, ließ sich das nicht bewerkstelligen – die Schräglage des Gefährts machte das unmöglich. Zum Glück war die Frontscheibe des Cockpits inzwischen so desolat, dass ein paar beherzte Schläge mit der Unterseite des Raketenwerfers den Widerstand des Sicherheitsglases brachen und ihnen den Weg auf die Oberseite des Schwebers öffneten.
Draußen bot sich ihnen ein surreales Bild.
Ihr verunglücktes Vehikel stellte eine Insel inmitten eines roten Meeres dar. Oder einer roten Wüste. Beide Beschreibungen passten gleich gut oder gleich schlecht. Sie befanden sich am Boden des Canyons, so viel war klar. Die gewölbten Wände ragten zyklopisch zu beiden Seiten auf. Grau, pockennarbig und ohne sichtbare Öffnungen, Fenster, Türen oder Einlässe. Zumindest auf den ersten Blick. Aus der Wolkendecke über ihnen fiel ein stetiger, feiner Nieselregen, der sich wie ein klammer Film über alles legte und die Sicht erheblich einschränkte.
Was in die eine oder andere Richtung lag, blieb ungewiss.
Der Boden um sie herum war eine unebene Landschaft aus Schrott, Müll und unzähligen Wracks, zu denen sie ein weiteres hinzugefügt hatten. Nur mit dem Unterschied, dass ihr Schweber noch nicht von einer Kruste roten Rosts überzogen war wie alles andere hier. Das niedergehende Wasser schien selbst oxidierende Partikel mit sich zu tragen, denn die rote Schicht lag auch über Kunststoff und Beton.
Hier fanden sich die Skelette von Schwebern, Hubschraubern, Verbrennerfahrzeugen mit Rädern und Ketten. Eine Lok mit geborstenem Kessel und in einiger Entfernung sogar etwas, das wie ein Boot aussah. Generationen von verunfallten Geräten oder entsorgtem Schrott. Mit genügend Motivation hätte man hier einen Querschnitt durch die Entwicklung der gohmorischen Mobilität der letzten Jahrhunderte zusammenstellen können.
Es war unnatürlich leise. Natürlich nicht still, das war es in einer Makropole niemals. Aus den Wänden drang gedämpftes Dröhnen von Maschinen, die dahinter ihren rastlosen Dienst taten. Über ihnen lag das ferne, durchgehende Brausen des Verkehrs. Doch diese Geräusche schienen aus anderen Welten zu stammen und nur zufällig hierher überzugreifen.
„Wir sollten schleunigst verschwinden“, bemerkte Soraya, nachdem sie eine Minute lang die Szenerie auf sich hatten wirken lassen. „Nicht nur, weil uns jemand verfolgt haben könnte. Wer weiß, welche armen Seelen hier leben und ein abgestürztes Fahrzeug als verspätetes Geschenk zum Tag der Helden verstehen. Hast du eine Ahnung, wo wir sein könnten, Renold?“
„Nicht die geringste.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich meine, klar, wir sind am Grund des Transitcanyons Eins. Aber der ist dreihundert Kilometer lang. Wir sind vielleicht zehn oder fünfzehn Kilometer von unserem Startpunkt entfernt. Ich könnte nur raten. Ich schlage vor, wir suchen uns einen Zugang zu einer bewohnten Ebene, finden heraus, wo wir sind, und sehen dann weiter.“
Da niemand eine bessere Idee hatte, wurde es so beschlossen.
Cassian nutzte den Moment, um kurz in seine Jacke zu greifen. Der Sender. Wenn er den Absturz nicht überstanden hatte, war das hier mehr als nur ein Umweg. Unter dem Leder fühlte sich das Gerät intakt an, zumindest soweit er das beurteilen konnte. Für mehr blieb keine Zeit.
Also folgte er den anderen.
Als größter und kräftigster in der Gruppe fiel ihm der Raketenwerfer zu, zusammen mit einem Teil der Munition. Renold nahm ihm wenigstens etwas davon ab. Pedwarsky trug die Sanitätstasche, und Soraya blieb unbeladen. Ihr Zustand hatte sich nach dem Einsatz ihrer Kräfte noch nicht vollständig erholt.
Mühsam setzte sich der kleine Trupp in Bewegung und bahnte sich seinen Weg durch die Schrottlandschaft. Die Blicke wanderten nervös zwischen dem Boden vor ihren Füßen und der Umgebung hin und her. Trittsicherheit und die Angst vor hungrigen Augen standen in einem ständigen Wettstreit.
Cassian zog schließlich das nächste Unglückslos.
Ein scharfes Knacken unter seinem linken Fuß – dann gab der Stahl nach. Im nächsten Moment rutschte sein Bein bis zum Knie in das Loch eines verrotteten Schwebers. Er hatte nicht einmal Zeit zu fluchen, doch seine Reflexe retteten ihn. Er fing sich ab, bevor sein Bein in einem ungünstigen Winkel abknickte.
Die anderen fuhren herum. Besorgte Fragen. Renold half ihm, sich aus dem Loch zu stemmen, und untersuchte Bein und Fuß. Außer rostigem Schmier und ein paar oberflächlichen Schnittspuren war nichts zu erkennen. Der Fuß ließ sich normal belasten.
Glück gehabt. Für den Moment.
Denn niemand von ihnen wusste, welcher Teil dieser Trümmerlandschaft als Nächstes nachgeben würde.
Und ob der Lärm nicht doch etwas auf sie aufmerksam gemacht hatte.
Der Nieselregen verschluckte vieles, aber wie viel genau, ließ sich nicht sagen.
Dass es hier unten Leben gab, stand für Cassian außer Frage. Er hatte lange genug beim Arbites gedient, um zu wissen, wie hartnäckig sich Leben auf allen Ebenen einer Makropole hielt.
Die eigentliche Frage war, ob sie ihm begegnen wollten und ob sie vorher einen Ausweg fanden.
Denn mit dem, was sie bei sich trugen, würden sie hier unten nicht lange durchhalten.
Langsam, vorsichtig und mit dem eben Erlebten noch in den Knochen setzte sich der Trupp wieder in Bewegung, auf der Suche nach einem Weg hinaus.
Dabei kamen sie jedoch nicht wirklich gut voran.
Das lag zum einen am Gelände. Es gab kaum Stellen, an denen man tatsächlich festen Boden berühren konnte. Meist mussten sie über Wracks und Schrott aller Art klettern. Wie Cassians Missgeschick gezeigt hatte, war jeder Schritt trügerisch. Das stark korrodierte Metall und spröde Plastik konnten jederzeit erneut unter einem Halt suchenden Fuß nachgeben. Glas und scharfkantige Bruchstücke taten ihr Übriges.
Zum anderen waren sie alles andere als frisch. Nach dem Absturz und den Strapazen davor hätten sie Ruhe gebraucht. Vielleicht sogar ein Krankenhaus. Doch weder Stress noch Schock ließen sich hier berücksichtigen. Also kämpften sie sich Meter um Meter voran. Nach einer Stunde schien die Absturzstelle kaum weiter entfernt als zuvor. Dabei mussten sie die Augen offen halten. Die tieferen Ebenen waren bekannt dafür, von Ausgestoßenen und degenerierten Gesellschaftsformen bevölkert zu sein. Normalerweise wären solche Gestalten ein Nährboden für Aufstände und damit natürliche Verbündete gewesen. Im Moment waren sie vor allem eines: eine Gefahr.
Von einem Zugang war nichts zu sehen. Ab und zu zeigten sich in den Wänden Lüftungsauslässe, aus denen Dampf quoll – zu klein und unerreichbar weit oben. Ein Fluttor, das sie vor einiger Zeit passiert hatten, war vielversprechend gewesen. Doch dicke Gitterstäbe hatten jeden Durchgang versperrt. Zu massiv, um sie einfach aufzuschießen.
Über ihnen rauschte der Verkehr. Das normale Leben. Menschen mit eigenen Sorgen, Hoffnungen und Zielen. Menschen, die nicht wussten, was unter ihnen kroch. Gefahr oder Befreiung. Selbst darüber gingen die Meinungen innerhalb der kleinen Gruppe auseinander.
Cassian war gerade dabei, ein Wrack zu überwinden, das einmal eine Zugmaschine gewesen sein musste. Eine lange, stumpfe Schnauze ragte ihm entgegen. Er zog sich an einem halbwegs stabil wirkenden Griff hoch – und erstarrte.
Auf dem geschundenen Blech tanzten Rostflocken. Einige hatten sich aufgestellt. Andere schwebten wenige Millimeter über der Oberfläche.
Er kannte diesen Effekt.
Alles in ihm verkrampfte sich.
Wären das hier Kameraden gewesen, hätte er gewarnt. Doch er schwieg.
Renold tat es nicht.
„Verstecken! Es kommt etwas.“
Sie hielten auf einen skelettierten Bus zu, der am Rand der Mauer lag. Niemand stellte Fragen. Niemand wartete ab.
Dann spürten sie es.
Ein tiefes Vibrieren, das zuerst in den Zähnen schmerzte und sich dann in den Bauch fraß.
Sie hatten das Innere des Wracks gerade erreicht und sich hinter der dünnen Rostwand niedergekauert, als es durch den Nebel brach.
Ein Block. Massiv. Hässlich. Monolithisch. Nichts, was schweben können sollte. Und doch tat es das.
Es war jetzt fast über ihnen und das dröhnende Vibrationsbrummen ließ jeden Knochen in ihrem Körper klingeln.
Cassian kannte dieses Ding.
Justicia-Castellum / Koron Sondervariante 3. Auf Basis der heimischen Technologie, um den Anforderungen der Makropole gerecht zu werden. Vier Scheinwerfer die so hell waren, dass sie den Dingen, die sie erfassten die Farbe zu entziehen schienen, tasteten wie suchende Finger über den Grunde des Canyons. Neben den zwei unteren Waffengondeln, die mit schweren Boltern bestückt waren, gab es darüber äußere Laufwege, auf denen Arbitration nach unten spähten und jeder Zeit bereit waren, sich abzuseilen, wenn die Lichtfinger ein lohnendes Ziel erfassten.

Der Adeptus Arbites war gekommen.


Der Sender hatte den Absturz also überstanden.ger ein lohnendes Ziel erfassten.
Innerlich jubelte er. Äußerlich blieb er ruhig. Die Zeit der Abrechnung war gekommen.
Doch wie jetzt weiter? Einfach hinaustreten? Sich ergeben?
Zu einfach. Zu tödlich.
Die Arbites wussten nicht, wer er war. Für Renold und die anderen war er ein Verräter. Wenn er jetzt falsch handelte, würde er zwischen beide Fronten geraten und niemand würde überleben.
Und Soraya…
Sie war der Schlüssel.
Ihr Verhör könnte einen Splitter in das Fleisch der Rebellion treiben. Doch dafür musste sie leben. Und das war das Problem. Die Aufständischen hatten ein Muster: Wenn Gefangennahme drohte, wählten sie den Tod. Durch die eigene Hand oder durch die der Feinde.
Also blieb nur eine Möglichkeit. Handeln. Jetzt. Ein stilles Stoßgebet. Dann Bewegung.
Er wandte sich hastig an Renold, gab ihm zu verstehen, dass er den Raketenwerfer übergeben wollte, um nachzuladen. Der Priester machte eine beschwichtigende Gesete, als wolle er sagen, dass sie ruhig und unbewegt bleiben sollten, keine Aufmerksamkeit erregen. Cassian bedeutete ihm trotzdem herüber zu kommen und tippte sich an die Schläfe. Er habe eine Idee. Renold legte kurz die Hände zusammen, als wolle er beten. “Ich flehe, dass du weißt was du tust.” mochte das heißen. Dann kam er geduckt und sich so klein wie möglich machend, zu ihm. Tatsächlich streifte er den Raketenwerfer von der Schulter und als der Prediger sich vorbeugte um die Waffe entgegenzunehmen, drückte ihm der Arbites den Lauf der Schrotflinte in den Bauch. Renold blickte auf die Flinte, die sich in seinen Bauch bohrte und dann hoch zu seinem vermeintlichen Kameraden. Er sah verwirrt aus, lächelte sogar fragend, als wundere er sich über einen Scherz in einem so unpassenden Moment.
Der Moment des Begreifens kam im selben Moment, indem Cassian den Abzug betätigte.
Das Krachen hallte durch den Bus.
Renold ging zu Boden. Die beiden Frauen wirbelten herum. Die Scheinwerfer draußen zuckten suchend über den Schrott. Pedwarsky reagierte schnell und trotzdem zu langsam.
Cassian repetierte und feuerte zwei Schüsse auf sie ab. Beide trafen sie direkt in die Brust und verwandelte ihren Torse in ein zerfetztes Desaster. Sie rutschte an der rostigen Buswand herunter und ihr Blut vermischt sich mit dem Rost. Sie war tot, bevor ihr Körper ganz zur Ruhe gekommen war.
Ein weitere Schuss, nicht aus der Schrotflinte.
Cassian wurde von einem Vorschlaghammer in die Magengrube getroffen. Er prallte gegen ein Gestell, an dem noch Fetzen von Kunstleder hingen. Einst musste es einen Sitz dargestellt haben, jetzt zerbröselte es unter dem Gewicht des Gesetzeshüters, der hart zu Boden ging.
Renold lebte noch. Hustend, keuchend, eine Hand auf den Bauch pressend, zielte er mit der anderen über den Lauf seiner Waffe. Die Verwunderung auf seinem Gesicht war blankem Hass gewichen und seine Züge hatten wenig Menschliches.
Ihr Angriff traf ihn wie eine Welle.
Nein – wie ein Sturm.
Reine, ungefilterte psionische Gewalt brach über ihn herein. Unsichtbar, lautlos – und doch ohrenbetäubend in seiner Wirkung. Es war, als würde etwas von innen gegen seinen Schädel drücken, als wollten seine Gedanken selbst ausbrechen.
Sein Kopf wurde zusammengepresst.
Nicht physisch und doch real genug, dass sich sein Sichtfeld verengte, dass schwarze Punkte vor seinen Augen tanzten.
Gedanken zerfielen.
Erinnerungen flackerten auf und verglühten im selben Moment. Bilder, Stimmen, Bruchstücke seines Lebens – auseinandergerissen, verzerrt, fremd gemacht und zu einer Waffe umgeschmiedet. Eine Waffe gegen ihn. Für einen Augenblick war da nichts als ein Schneesturm aus Vergangenem. Momente der Angst, der Hoffnungslosigkeit. Bekannte Gesichter, voller Schmerz und Enttäuschung. Fehlschläge und falsche Entscheidungen.
Cassian zwang sich nach vorne. Ein Schritt.
Um was zu tun? Diese Frau zu verletzen? Sie gefangen nehmen? Tausende die auf sie vertrauten und hofften, in Verzweiflung zu stürzen? Im dienste eines senilen Verständnis von Rechts, das allein auf Unterdruckung und stumpfsinnige Gewalt basierte. Wie konnte das der rechte Weg sein? Wäre es nicht besser sich selbst von dieser sinnentleerten Existenz zu erlösen? Die Welt zu erlösen? Die Luft wurde ihm aus der Lunge gepresst, als würde eine unsichtbare Faust seinen Brustkorb zerdrücken. Seine Muskeln spannten sich unkontrolliert an, zitterten unter der Belastung. Der Arm mit der Waffe erhob sich, wollte sich neigen und das schwarze Auge der Mündung in sein eigenen Antlitz starren lassen.
Blut lief aus seiner Nase, warm und salzig, über seine Lippen.
Ein weiterer Schritt. Als würde er mit den Kontrollen eines störrischen Fahrzeuges kämpfen - einem abstürzenden Schweber vielleicht - zwang er sich mit aller Kraft dazu die Finger der rechten zu lösen. Die Pistole klapperte zu Boden. Der Druck nahm zu. Nicht nur in seinem Kopf – überall. Als würde jede Zelle seines Körpers einzeln, gedehnt, an ihre Grenzen gebracht. Also sollte er zerrissen werden.
Noch ein Schritt.
Die Welt um ihn herum begann zu flimmern. Der Bus verzog sich, wurde fremd, unwirklich. Für einen Moment glaubte er, etwas hinter Soraya zu sehen – Schatten, die sich bewegten, Formen ohne Gestalt. Gewaltig. Mehr als ein Heer aus Rebellen und Aufrührern. Mehr als all die Hunderte, die verurteilt und gerichtet hatte. Eine Entität, so gewaltig und hungrig, dass ihre bloße Wahrnehmung seine Existenz vernichten konnte. Wie konnte der Mensch, ja die Menschheit gegen etwas so Allumfassendes bestehens?
Cassian warf sich mit einem Schrei nach vorn und riss Soraya mit sich zu Boden.
Für einen Herzschlag ließ der Druck nach, sank die riesenhafte Macht zurück in die Dunkelheit, aus der sie herausgespäht hatte..
Genug! Seine Faust traf ihre Schläfe. Ein dumpfer Aufprall.
Noch ein Schlag.
Ihr Körper erschlaffte.
Stille.
Soraya sank in die Bewusstlosigkeit. Cassian keuchte. Kein Triumph. Keine Erleichterung. Nur Erschöpfung.
Dann traf das Licht sie.
Gleißend. Weiß.
Die Scheinwerfer hatten den Bus gefunden.
Durch das Flimmern erkannte er Umrisse. Gepanzerte Gestalten. Waffen, auf sie gerichtet.
Es war vorbei.
Cassian sank auf die Knie und hob die Hände.
 
  • Party
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