Als sich jetzt Stille über die Absturzstelle legte, war für einen Moment jeder mit sich selbst beschäftigt. Stöhnen, Ächzen und dazwischen das vorsichtige Abtasten, ob noch alles einigermaßen heil war. Cassian hatte einen Schnitt auf der Stirn, der ziemlich stark blutete, aber nicht sehr tief zu sein schien. Davon abgesehen fühlte er sich wie ein gut durchgekneteter Brotteig. Definitiv weicher als vorher.
„Wer noch lebt, sagt piep!“, ließ sich der Prediger mit kratziger Stimme vernehmen.
Es kamen Antworten aller Art.
Es glich einem Wunder, dass tatsächlich alle noch am Leben und lediglich leicht verletzt waren. Pedwarsky war schnell zur Stelle und half Cassian dabei, Verbände aus der Sanitätstasche zu ziehen, die Blutung zu stillen und die Wunde zu versorgen. Kurz darauf trug er ein improvisiertes, weißes Stirnband, das sich rasch dunkel verfärbte.
Nachdem sie sich gesammelt hatten, machten sie sich daran, das Wrack zu verlassen. Durch die Tür, durch die sie gekommen waren, ließ sich das nicht bewerkstelligen – die Schräglage des Gefährts machte das unmöglich. Zum Glück war die Frontscheibe des Cockpits inzwischen so desolat, dass ein paar beherzte Schläge mit der Unterseite des Raketenwerfers den Widerstand des Sicherheitsglases brachen und ihnen den Weg auf die Oberseite des Schwebers öffneten.
Draußen bot sich ihnen ein surreales Bild.
Ihr verunglücktes Vehikel stellte eine Insel inmitten eines roten Meeres dar. Oder einer roten Wüste. Beide Beschreibungen passten gleich gut oder gleich schlecht. Sie befanden sich am Boden des Canyons, so viel war klar. Die gewölbten Wände ragten zyklopisch zu beiden Seiten auf. Grau, pockennarbig und ohne sichtbare Öffnungen, Fenster, Türen oder Einlässe. Zumindest auf den ersten Blick. Aus der Wolkendecke über ihnen fiel ein stetiger, feiner Nieselregen, der sich wie ein klammer Film über alles legte und die Sicht erheblich einschränkte.
Was in die eine oder andere Richtung lag, blieb ungewiss.
Der Boden um sie herum war eine unebene Landschaft aus Schrott, Müll und unzähligen Wracks, zu denen sie ein weiteres hinzugefügt hatten. Nur mit dem Unterschied, dass ihr Schweber noch nicht von einer Kruste roten Rosts überzogen war wie alles andere hier. Das niedergehende Wasser schien selbst oxidierende Partikel mit sich zu tragen, denn die rote Schicht lag auch über Kunststoff und Beton.
Hier fanden sich die Skelette von Schwebern, Hubschraubern, Verbrennerfahrzeugen mit Rädern und Ketten. Eine Lok mit geborstenem Kessel und in einiger Entfernung sogar etwas, das wie ein Boot aussah. Generationen von verunfallten Geräten oder entsorgtem Schrott. Mit genügend Motivation hätte man hier einen Querschnitt durch die Entwicklung der gohmorischen Mobilität der letzten Jahrhunderte zusammenstellen können.
Es war unnatürlich leise. Natürlich nicht still, das war es in einer Makropole niemals. Aus den Wänden drang gedämpftes Dröhnen von Maschinen, die dahinter ihren rastlosen Dienst taten. Über ihnen lag das ferne, durchgehende Brausen des Verkehrs. Doch diese Geräusche schienen aus anderen Welten zu stammen und nur zufällig hierher überzugreifen.
„Wir sollten schleunigst verschwinden“, bemerkte Soraya, nachdem sie eine Minute lang die Szenerie auf sich hatten wirken lassen. „Nicht nur, weil uns jemand verfolgt haben könnte. Wer weiß, welche armen Seelen hier leben und ein abgestürztes Fahrzeug als verspätetes Geschenk zum Tag der Helden verstehen. Hast du eine Ahnung, wo wir sein könnten, Renold?“
„Nicht die geringste.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich meine, klar, wir sind am Grund des Transitcanyons Eins. Aber der ist dreihundert Kilometer lang. Wir sind vielleicht zehn oder fünfzehn Kilometer von unserem Startpunkt entfernt. Ich könnte nur raten. Ich schlage vor, wir suchen uns einen Zugang zu einer bewohnten Ebene, finden heraus, wo wir sind, und sehen dann weiter.“
Da niemand eine bessere Idee hatte, wurde es so beschlossen.
Cassian nutzte den Moment, um kurz in seine Jacke zu greifen. Der Sender. Wenn er den Absturz nicht überstanden hatte, war das hier mehr als nur ein Umweg. Unter dem Leder fühlte sich das Gerät intakt an, zumindest soweit er das beurteilen konnte. Für mehr blieb keine Zeit.
Also folgte er den anderen.
Als größter und kräftigster in der Gruppe fiel ihm der Raketenwerfer zu, zusammen mit einem Teil der Munition. Renold nahm ihm wenigstens etwas davon ab. Pedwarsky trug die Sanitätstasche, und Soraya blieb unbeladen. Ihr Zustand hatte sich nach dem Einsatz ihrer Kräfte noch nicht vollständig erholt.
Mühsam setzte sich der kleine Trupp in Bewegung und bahnte sich seinen Weg durch die Schrottlandschaft. Die Blicke wanderten nervös zwischen dem Boden vor ihren Füßen und der Umgebung hin und her. Trittsicherheit und die Angst vor hungrigen Augen standen in einem ständigen Wettstreit.
Cassian zog schließlich das nächste Unglückslos.
Ein scharfes Knacken unter seinem linken Fuß – dann gab der Stahl nach. Im nächsten Moment rutschte sein Bein bis zum Knie in das Loch eines verrotteten Schwebers. Er hatte nicht einmal Zeit zu fluchen, doch seine Reflexe retteten ihn. Er fing sich ab, bevor sein Bein in einem ungünstigen Winkel abknickte.
Die anderen fuhren herum. Besorgte Fragen. Renold half ihm, sich aus dem Loch zu stemmen, und untersuchte Bein und Fuß. Außer rostigem Schmier und ein paar oberflächlichen Schnittspuren war nichts zu erkennen. Der Fuß ließ sich normal belasten.
Glück gehabt. Für den Moment.
Denn niemand von ihnen wusste, welcher Teil dieser Trümmerlandschaft als Nächstes nachgeben würde.
Und ob der Lärm nicht doch etwas auf sie aufmerksam gemacht hatte.
Der Nieselregen verschluckte vieles, aber wie viel genau, ließ sich nicht sagen.
Dass es hier unten Leben gab, stand für Cassian außer Frage. Er hatte lange genug beim Arbites gedient, um zu wissen, wie hartnäckig sich Leben auf allen Ebenen einer Makropole hielt.
Die eigentliche Frage war, ob sie ihm begegnen wollten und ob sie vorher einen Ausweg fanden.
Denn mit dem, was sie bei sich trugen, würden sie hier unten nicht lange durchhalten.
Langsam, vorsichtig und mit dem eben Erlebten noch in den Knochen setzte sich der Trupp wieder in Bewegung, auf der Suche nach einem Weg hinaus.
Dabei kamen sie jedoch nicht wirklich gut voran.
Das lag zum einen am Gelände. Es gab kaum Stellen, an denen man tatsächlich festen Boden berühren konnte. Meist mussten sie über Wracks und Schrott aller Art klettern. Wie Cassians Missgeschick gezeigt hatte, war jeder Schritt trügerisch. Das stark korrodierte Metall und spröde Plastik konnten jederzeit erneut unter einem Halt suchenden Fuß nachgeben. Glas und scharfkantige Bruchstücke taten ihr Übriges.
Zum anderen waren sie alles andere als frisch. Nach dem Absturz und den Strapazen davor hätten sie Ruhe gebraucht. Vielleicht sogar ein Krankenhaus. Doch weder Stress noch Schock ließen sich hier berücksichtigen. Also kämpften sie sich Meter um Meter voran. Nach einer Stunde schien die Absturzstelle kaum weiter entfernt als zuvor. Dabei mussten sie die Augen offen halten. Die tieferen Ebenen waren bekannt dafür, von Ausgestoßenen und degenerierten Gesellschaftsformen bevölkert zu sein. Normalerweise wären solche Gestalten ein Nährboden für Aufstände und damit natürliche Verbündete gewesen. Im Moment waren sie vor allem eines: eine Gefahr.
Von einem Zugang war nichts zu sehen. Ab und zu zeigten sich in den Wänden Lüftungsauslässe, aus denen Dampf quoll – zu klein und unerreichbar weit oben. Ein Fluttor, das sie vor einiger Zeit passiert hatten, war vielversprechend gewesen. Doch dicke Gitterstäbe hatten jeden Durchgang versperrt. Zu massiv, um sie einfach aufzuschießen.
Über ihnen rauschte der Verkehr. Das normale Leben. Menschen mit eigenen Sorgen, Hoffnungen und Zielen. Menschen, die nicht wussten, was unter ihnen kroch. Gefahr oder Befreiung. Selbst darüber gingen die Meinungen innerhalb der kleinen Gruppe auseinander.
Cassian war gerade dabei, ein Wrack zu überwinden, das einmal eine Zugmaschine gewesen sein musste. Eine lange, stumpfe Schnauze ragte ihm entgegen. Er zog sich an einem halbwegs stabil wirkenden Griff hoch – und erstarrte.
Auf dem geschundenen Blech tanzten Rostflocken. Einige hatten sich aufgestellt. Andere schwebten wenige Millimeter über der Oberfläche.
Er kannte diesen Effekt.
Alles in ihm verkrampfte sich.
Wären das hier Kameraden gewesen, hätte er gewarnt. Doch er schwieg.
Renold tat es nicht.
„Verstecken! Es kommt etwas.“
Sie hielten auf einen skelettierten Bus zu, der am Rand der Mauer lag. Niemand stellte Fragen. Niemand wartete ab.
Dann spürten sie es.
Ein tiefes Vibrieren, das zuerst in den Zähnen schmerzte und sich dann in den Bauch fraß.
Sie hatten das Innere des Wracks gerade erreicht und sich hinter der dünnen Rostwand niedergekauert, als es durch den Nebel brach.
Ein Block. Massiv. Hässlich. Monolithisch. Nichts, was schweben können sollte. Und doch tat es das.
Es war jetzt fast über ihnen und das dröhnende Vibrationsbrummen ließ jeden Knochen in ihrem Körper klingeln.
Cassian kannte dieses Ding.
Justicia-Castellum / Koron Sondervariante 3. Auf Basis der heimischen Technologie, um den Anforderungen der Makropole gerecht zu werden. Vier Scheinwerfer die so hell waren, dass sie den Dingen, die sie erfassten die Farbe zu entziehen schienen, tasteten wie suchende Finger über den Grunde des Canyons. Neben den zwei unteren Waffengondeln, die mit schweren Boltern bestückt waren, gab es darüber äußere Laufwege, auf denen Arbitration nach unten spähten und jeder Zeit bereit waren, sich abzuseilen, wenn die Lichtfinger ein lohnendes Ziel erfassten.
Der Adeptus Arbites war gekommen.
Der Sender hatte den Absturz also überstanden.ger ein lohnendes Ziel erfassten.
Innerlich jubelte er. Äußerlich blieb er ruhig. Die Zeit der Abrechnung war gekommen.
Doch wie jetzt weiter? Einfach hinaustreten? Sich ergeben?
Zu einfach. Zu tödlich.
Die Arbites wussten nicht, wer er war. Für Renold und die anderen war er ein Verräter. Wenn er jetzt falsch handelte, würde er zwischen beide Fronten geraten und niemand würde überleben.
Und Soraya…
Sie war der Schlüssel.
Ihr Verhör könnte einen Splitter in das Fleisch der Rebellion treiben. Doch dafür musste sie leben. Und das war das Problem. Die Aufständischen hatten ein Muster: Wenn Gefangennahme drohte, wählten sie den Tod. Durch die eigene Hand oder durch die der Feinde.
Also blieb nur eine Möglichkeit. Handeln. Jetzt. Ein stilles Stoßgebet. Dann Bewegung.
Er wandte sich hastig an Renold, gab ihm zu verstehen, dass er den Raketenwerfer übergeben wollte, um nachzuladen. Der Priester machte eine beschwichtigende Gesete, als wolle er sagen, dass sie ruhig und unbewegt bleiben sollten, keine Aufmerksamkeit erregen. Cassian bedeutete ihm trotzdem herüber zu kommen und tippte sich an die Schläfe. Er habe eine Idee. Renold legte kurz die Hände zusammen, als wolle er beten. “Ich flehe, dass du weißt was du tust.” mochte das heißen. Dann kam er geduckt und sich so klein wie möglich machend, zu ihm. Tatsächlich streifte er den Raketenwerfer von der Schulter und als der Prediger sich vorbeugte um die Waffe entgegenzunehmen, drückte ihm der Arbites den Lauf der Schrotflinte in den Bauch. Renold blickte auf die Flinte, die sich in seinen Bauch bohrte und dann hoch zu seinem vermeintlichen Kameraden. Er sah verwirrt aus, lächelte sogar fragend, als wundere er sich über einen Scherz in einem so unpassenden Moment.
Der Moment des Begreifens kam im selben Moment, indem Cassian den Abzug betätigte.
Das Krachen hallte durch den Bus.
Renold ging zu Boden. Die beiden Frauen wirbelten herum. Die Scheinwerfer draußen zuckten suchend über den Schrott. Pedwarsky reagierte schnell und trotzdem zu langsam.
Cassian repetierte und feuerte zwei Schüsse auf sie ab. Beide trafen sie direkt in die Brust und verwandelte ihren Torse in ein zerfetztes Desaster. Sie rutschte an der rostigen Buswand herunter und ihr Blut vermischt sich mit dem Rost. Sie war tot, bevor ihr Körper ganz zur Ruhe gekommen war.
Ein weitere Schuss, nicht aus der Schrotflinte.
Cassian wurde von einem Vorschlaghammer in die Magengrube getroffen. Er prallte gegen ein Gestell, an dem noch Fetzen von Kunstleder hingen. Einst musste es einen Sitz dargestellt haben, jetzt zerbröselte es unter dem Gewicht des Gesetzeshüters, der hart zu Boden ging.
Renold lebte noch. Hustend, keuchend, eine Hand auf den Bauch pressend, zielte er mit der anderen über den Lauf seiner Waffe. Die Verwunderung auf seinem Gesicht war blankem Hass gewichen und seine Züge hatten wenig Menschliches.
Ihr Angriff traf ihn wie eine Welle.
Nein – wie ein Sturm.
Reine, ungefilterte psionische Gewalt brach über ihn herein. Unsichtbar, lautlos – und doch ohrenbetäubend in seiner Wirkung. Es war, als würde etwas von innen gegen seinen Schädel drücken, als wollten seine Gedanken selbst ausbrechen.
Sein Kopf wurde zusammengepresst.
Nicht physisch und doch real genug, dass sich sein Sichtfeld verengte, dass schwarze Punkte vor seinen Augen tanzten.
Gedanken zerfielen.
Erinnerungen flackerten auf und verglühten im selben Moment. Bilder, Stimmen, Bruchstücke seines Lebens – auseinandergerissen, verzerrt, fremd gemacht und zu einer Waffe umgeschmiedet. Eine Waffe gegen ihn. Für einen Augenblick war da nichts als ein Schneesturm aus Vergangenem. Momente der Angst, der Hoffnungslosigkeit. Bekannte Gesichter, voller Schmerz und Enttäuschung. Fehlschläge und falsche Entscheidungen.
Cassian zwang sich nach vorne. Ein Schritt.
Um was zu tun? Diese Frau zu verletzen? Sie gefangen nehmen? Tausende die auf sie vertrauten und hofften, in Verzweiflung zu stürzen? Im dienste eines senilen Verständnis von Rechts, das allein auf Unterdruckung und stumpfsinnige Gewalt basierte. Wie konnte das der rechte Weg sein? Wäre es nicht besser sich selbst von dieser sinnentleerten Existenz zu erlösen? Die Welt zu erlösen? Die Luft wurde ihm aus der Lunge gepresst, als würde eine unsichtbare Faust seinen Brustkorb zerdrücken. Seine Muskeln spannten sich unkontrolliert an, zitterten unter der Belastung. Der Arm mit der Waffe erhob sich, wollte sich neigen und das schwarze Auge der Mündung in sein eigenen Antlitz starren lassen.
Blut lief aus seiner Nase, warm und salzig, über seine Lippen.
Ein weiterer Schritt. Als würde er mit den Kontrollen eines störrischen Fahrzeuges kämpfen - einem abstürzenden Schweber vielleicht - zwang er sich mit aller Kraft dazu die Finger der rechten zu lösen. Die Pistole klapperte zu Boden. Der Druck nahm zu. Nicht nur in seinem Kopf – überall. Als würde jede Zelle seines Körpers einzeln, gedehnt, an ihre Grenzen gebracht. Also sollte er zerrissen werden.
Noch ein Schritt.
Die Welt um ihn herum begann zu flimmern. Der Bus verzog sich, wurde fremd, unwirklich. Für einen Moment glaubte er, etwas hinter Soraya zu sehen – Schatten, die sich bewegten, Formen ohne Gestalt. Gewaltig. Mehr als ein Heer aus Rebellen und Aufrührern. Mehr als all die Hunderte, die verurteilt und gerichtet hatte. Eine Entität, so gewaltig und hungrig, dass ihre bloße Wahrnehmung seine Existenz vernichten konnte. Wie konnte der Mensch, ja die Menschheit gegen etwas so Allumfassendes bestehens?
Cassian warf sich mit einem Schrei nach vorn und riss Soraya mit sich zu Boden.
Für einen Herzschlag ließ der Druck nach, sank die riesenhafte Macht zurück in die Dunkelheit, aus der sie herausgespäht hatte..
Genug! Seine Faust traf ihre Schläfe. Ein dumpfer Aufprall.
Noch ein Schlag.
Ihr Körper erschlaffte.
Stille.
Soraya sank in die Bewusstlosigkeit. Cassian keuchte. Kein Triumph. Keine Erleichterung. Nur Erschöpfung.
Dann traf das Licht sie.
Gleißend. Weiß.
Die Scheinwerfer hatten den Bus gefunden.
Durch das Flimmern erkannte er Umrisse. Gepanzerte Gestalten. Waffen, auf sie gerichtet.
Es war vorbei.
Cassian sank auf die Knie und hob die Hände.