Secret Heretic
von Lasirius Borealis
Kapitel 9: Verlust
„Heute werden wir Abschied von einem geschätzten und respektierten Bruder unseres Ordens nehmen: Nektarios Herodon hat bis zum letzten Tropfen seines edlen Blutes das heilige Schwert des Imperators geführt und seinen Richtspruch in blanke Tatsachen verwandelt. Nun wird seine Seele in die sanften Fänge seiner Umarmung zurückgehen. Er wird ein Teil von ihm werden..."
Ich schaute mich um: Wir alle, selbst der Ordenspriester, waren in voller Rüstung vor Ort. Selbst auf unsere Helme hatten wir nicht verzichtet. Dies war jedoch nicht, weil ein neuer Einsatz bevorstand: Es war ein Zeichen des Respektes gegenüber unserem gefallenen Bruder. Es war das Begräbnis eines Soldaten: Wir verabschiedeten ihn in der Form, in der wir zusammen mit ihm gekämpft und geblutet hatten. Auch wenn ein Großteil des wilden Sammelsuriums meiner improvisierten Kampfrüstung wieder durch zusammenpassende Module ersetzt worden war, so hatte ich doch darauf bestanden, dass der auffällige, goldene Helm in meinem Besitz bleiben würde, und auch seine Farbe nicht verändert werden sollte. Ich trug ihn auch jetzt, vielleicht gerade wegen der Symbolkraft, die er nun in sich barg.
Warum die anderen ihre Helme trugen?
Vielleicht verbargen sie etwas: Vielleicht war es ihre Trauer, vielleicht war es ihre Gleichgültigkeit. Wer wusste es schon? Es kamen mehr Brüder zu der schwarzen Feier, als ich erwartet hatte: Neben mir und dem verbliebenen Leutnant waren auch noch einige Mitglieder seines Kultes gekommen. Ich erkannte sie an den einheitlichen Markierungen an ihren Rüstungen.
Meine verheilende Wunde schmerzte immer noch. Bruder Asklepios hatte sich um sie gekümmert, nachdem ich auf der Schwelle seines improvisierten Apothecariums endgültig das Bewusstsein verloren hatte. Insgeheim war ich dankbar für diese Ohnmacht gewesen, denn für gewöhnlich blieb ein Space Marine bei Operationen dieser Art bei vollem Bewusstsein. Bruder Balthasar hatte ich noch nicht wieder gesehen. Er befand sich nach meinen Informationen immer noch im örtlichen Apothecarium. Was mich jedoch am meisten verwunderte war, dass es keine Informationen zu Captain Echnatons verbleiben gab. Kein Name auf einem toten Stein, der seinen Verlust beklagte, keine Erwähnung in Bannern oder Schwüren. Nicht einmal ein Bericht. Es war fast, wie als hätte er nie existiert. Ich hatte überlegt, meine Vorgesetzten zu fragen, den Gedanken jedoch verworfen, da immer noch das Damoklesschwert meines eigenen Urteils über meinen Haupt pendelte. Jeder Orden hat seine Geheimnisse, und wenn unser Orden Geheimnisse birgt, dann hatte das für Gewöhnlich auch seine Gründe… Denn in der Regel durfte man als Mitglied offen sprechen und Fragen zu stellen war hoch angesehen. Das plötzliche Anschwellen des Pathos aus dem Mund des Priesters riss mich aus meinen Gedanken:
„Doch wie sollen wir die Rechnung seines Blutes nun begleichen? Mit feierlichen Racheschwüren? Mit Blinder Wut? NEIN sage ich, meine Brüder! Ich sage euch, seht seine außerordentliche Tapferkeit und seinen unangefochtenen Heldenmut! Aber seht auch seine Torheit und seine Sturheit. Lernt klug abzuwägen und noch weiser zu entscheiden. Tötet bestimmt, aber ohne Stolz. Kämpft als Einheit, nicht als Egomanen. Die Lorbeeren werden bitter werden, wenn man sie nur noch auf eure Gräber legen kann. Tragt diesen unseren Bruder in euren Herzen, damit ihr gehen könnt, wo er gefallen ist!"
Einige Brüder nickten zustimmend. Alle schlugen mit der Faust auf ihre Brustpanzer. Alle bis auf eine. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf neugierig schief gelegt:
„Eine ungewöhnliche Rede für einen Ordenspriester."
Stellte eine unpassende Gestalt mitten in der Trauergemeinde fest, nachdem sie einen privaten Voxkanal geöffnet hatte.
Inwiefern?
Gestikulierte ich bemüht unauffällig in die Richtung des schwarzen Loches in der Astralebene. Lithanys erdrückende Gesellschaft war, dank Krauthebel, der Preis, den ich zahlen musste, um mich frei im Kloster bewegen zu dürfen. Der Inquisitor selbst hatte zumindest ganze Arbeit geleistet, und es sich anscheinend zum Ziel gemacht, jedes einzelne Ordensmitglied, das ihm vor die Flinte lief, zu seinem persönlichen Todfeind zu erklären. Lediglich Asklepios und Taediosus schien er geduldet zu haben. Lithany hingegen hatte es meinen Brüdern gleich getan und war in voller Kriegsmontur erschienen. Ich fragte mich, ob das ein Friedensangebot, oder eine Entschuldigung für Krauthebels Benehmen darstellen sollte. Vielleicht wollte sie auch einfach eine alte Tradition ihrer Gastgeber ehren, ohne sie verstehen zu müssen. Jedoch schien es Entweder nicht zu funktionieren, oder ihre seelische Mutation hatte auch einen Effekt auf psionisch weniger empfindliche Wesen. Offensichtlich war zumindest, dass die anderen sie auf Abstand hielten, obwohl sie ihre Anwesenheit grundsätzlich duldeten. Lithany selbst war es anscheinend egal, oder sie war es schlichtweg gewohnt. Denn sie ignorierte es, legte kaum merklich den Kopf in den Nacken und schien ihre nächsten Worte mit Bedacht zu wählen. Da sie immer noch schwieg, warf ich ihr einen unbemerkten Seitenblick zu:
Ich sah aus dem Augenwinkel, wie die Farben der Bundglasfenster sich auf den zu Hochglanz polierten Flächen ihrer Servorüstung spiegelten und schillernd reflektiert wurden: Sie war das exakte Gegenteil zu der unseren: Wo unsere Rüstung rund und klobig waren, gingen bei ihr elegant geschwungene Formen in kunstvoll verzierte, filigrane Ausläufer über. Ihr weiß und Gold stand in scharfem Kontrast zu unserem Blutrot und Silber. Über ihrem Rückenmodul, dessen Leitwerk zwei kleine Andeutungen von Flügeln zierten, war ein aufrecht stehender, goldener Heiligenschein mit Stacheln angebracht worden, der ihr Haupt vollständig einrahmte, wenn man sie von vorne betrachtete. Es war mehr als nur Zier; Es war ein Schildgenerator, der symbolisch für die Hand des Imperators stand, die schützend über sie wachte. Wir Astartes waren es, die von der Menschheit oft „die Engel des Imperators“ genannt wurden, doch wenn ich sie so ansah, kam mir der Gedanke, dass sie und ihre Schwesternschaft diese Bezeichnung viel eher verdient hatten…
„Ordenspriester mahnen selten zur Mäßigung. Sie stellen sicher, dass der Glaube an den Imperator ungebrochen bleibt; Meistens indem sie den Hass ihrer Schützlinge schüren und auf unsere Feinde lenken."
Für eine Schwester des Adepta Sororitas, der den militärischen Arm der dogmatischen Ekklesiarchie darstellte, war das eine ungewöhnlich neutrale Beobachtung. Ich deaktivierte die Servos in meiner rechten Hand, damit das Geräusch meine Gesten nicht verraten würde:
Unser Orden funktioniert anders: Unsere Gefühle, mit welcher Intention auch immer man sie auf ihre Ziele richtet, sind das, was uns anfällig für die Korruption durch die ruinösen Mächte macht. Das ist die schmerzhafte Lektion, die jeder Exorcist am eigenen Leib erfährt. Nur ein wissender und reflektierter Geist, klar und ruhig wie Felsquellwasser, kann dem dauerhaft widerstehen.
Versuchte ich, Meister Goetos zu zitieren. Vermutlich würde bei dieser Barriere eh weniger als die Hälfte meiner Gedanken bei ihr ankommen.
„...oder ein zutiefst fanatischer."
ergänzte Lithany seufzend und mehr zu sich selbst. Sie schien es zu meiner Überraschung tatsächlich entziffern zu können. Eine leise Stimme in meinem Kopf widersprach dieser Aussage. Sie fragte sich, ob Fanatismus nicht hieß, schon längst an das Chaos gefallen zu sein, während man gleichzeitig die Weitsicht verlor, dies zu bemerken:
Dämonen lieben die reinen und unreflektierten Emotionen am meisten: Sie muss man nicht erst mühsam verdrehen, blocken oder brechen. Man muss lediglich ihr gewaltiges Momentum gegen sie nutzen, indem man sie von der Seite in eine günstige Richtung lenkt; Dämonen sind nicht das Monster, an dem der Pfeil zerschellt, sie sind der Windstoß, der den Pfeil vom Kurs abbringt.
Ich spürte, wie sich ihr Helm bei den Gebärden kaum merklich in meine Richtung neigte. Mir wurde etwas schwindelig, als ihre seltsamen Augen direkt durch meinen Helm zu starren schienen.
Ich war der letzte der Bruderschaft der, zusammen mit dem Ordenspriester, schweigend an dem kleinen Grab stand. Das Atrium leuchtete nun einen Kerzenschein heller. Ich versuchte noch immer die vielen Puzzlestücke zusammenzusetzen und zu ordnen, die das Echo von Nektarios Herodon gewesen waren. Ich dachte zurück an den unauffälligem Jungen in der Scoutkompanie, mit dem ich nur selten ein Wort gewechselt hatte. Ich hatte ihn kaum gekannt; Das meiste über ihn hatte ich im Nachhinein erfahren.
„Möchtest du mich einen kurzen Weg begleiten?"
fragte der Chaplain sanft, ebenfalls über einen privaten Kanal.
Wir schritten nebeneinander durch einen der verzweigten Gänge des Atriums. An seinem Ende verbarg sich ein versteckter Innenhof mit einem herrlichen Garten, der von dem seltenen Sonnenlicht der Mittagshitze von Banish durchflutet wurde: Weite, ausladende Rosenbeete in den Farben unseres Ordens reihten sich an streng gestutzte Hecken, die gerade von Dienern und Servitoren zurechtgeschnitten wurden. Zwischen ihnen wiegten sich unzählige Sträucher aus Heilpflanzen im sanften Wind, die in jeder möglichen Form und Farbe erblühten. Sogar ein paar Obstbäume zierten vereinzelt die Landschaft und warfen lange Schatten auf die frisch duftende Erde, die von gewundenen Pfaden aus alten Holzbrettern durchzogen war. Sie knackten und ächzten unter unserem Gewicht, als wir über sie schritten. Sie trafen sich in der Mitte des Gartens, wo ein mit Totenschädeln verzierter Brunnen plätscherte, dessen kanalförmiger Ablauf in einen kleinen Teich überging. Das geschäftige Brummen von unzähligen Insekten schwirrte durch die sirrende Luft. Auf einem Sockel in der Mitte des Klostergartens thronte eine Statur von einem Apothecarius mit einem goldenen Stab, um den sich eine einzelne, zischelnde Schlange Wand. Wir waren die einzigen Astartes an diesem Ort.
„Dieser Bereich ist leider nur wenigen bekannt… Schade eigentlich. Es ist einer der schönsten auf ganz Banish.“
Das mechanische Surren von Lithanys Nackenservos verriet mir, dass sie ebenfalls den Kopf drehte, um die unerwartete Schönheit des Ortes einzufangen. Er stand im kompletten Kontrast zu dem bedrückenden Rest des sonstigen Gemäuers und wollte irgendwie nicht hierher passen. Die entweichende Luft zischte leise, als sie den Helm abnahm, um die frische Luft zu schnuppern.
„Sagt Bruder Lasirius: War Bruder Herodon ein Freund von euch?“
Ich hatte beinahe mit der Frage gerechnet. Aber nur beinahe:
‚Nein. Er war ein geschätzter Bruder aus meinem Angriffstrupp, aber ich habe zuvor kaum mit ihm zu tun gehabt. Er war damals in der Scoutkompanie schon distanziert und ruhig. Ich war jedoch von seinem neuen… religiösen Eifer überrascht.‘
Antwortete ich nach einem kuren zögern. Bei meinen letzten Worten warf ich, unter meinem Helm, einen Seitenblick auf Lithany, deren schillernde Augen gedankenverloren einen schwarz-roten Schmetterling verfolgten. Der Priester ließ sich schwer auf eine massive Steinbank fallen, die auf das ungeheure Gewicht eines Astartes ausgelegt war und schaute in den klaren Himmel:
„Ihr wart in derselben Scout-Kompanie, richtig? Sag… erinnerst du dich noch an deine Zeit als Neophyt?”
Während er sprach, drehte er eine Schatulle mit einem vergilbten Pergament zwischen den schwarz gepanzerten Fingern, die er nachdenklich von seiner Hüfte genommen hatte. Ich schüttelte etwas betrübt den Kopf.
„Verstehe… Weißt du, ich… kannte ihn sehr gut tatsächlich. Ich habe viel Zeit mit ihm verbracht, nach seinem Aufnahmeritual, das ihm…“
Er schien nach den richtigen Worten zu ringen, während sein Satz in der Leere der Ungewissheit erstarb.:
„…das ihn verändert hat. Er kam oft zu mir, um nach Rat zu fragen und ich habe oft mit ihm hier über die verschiedensten Dinge gesprochen... Er war ein neugieriger Bursche; Vielleicht hat er auch einfach jemanden zum Reden gebraucht. Das brauchen wir alle…“
Sein Kopf neigte sich mit einem Surren nach unten:
„Einmal hat er mir Gegenüber sogar erwähnt, dass er selbst einmal Ordenspriester werden möchte. Es… ist schade, dass ich ihn so früh schon zu Grabe tragen musste.“
Ich fragte mich, ob er unter seinem Helm, dessen eigentümliche Front dem Betrachter eine immer finster dreinblickende Totenkopfmaske zeigte, gerade aufrichtige Tränen der Trauer vergoss. Ich wusste nicht, wie ich mit diesem Anblick umgehen sollte: Es gab keine Doktrine, kein Wort im Kodex, das mich darauf hätte vorbereiten können. Lithany schien seine Körpersprache, trotz der massiven Rüstung und den rituellen Gewändern, wie ein Buch lesen zu können und legte ihm still, mit einem dumpfen Klingen von Metall auf Metall, eine gepanzerte Hand auf die Schulter. Ich konnte ihn nur hilflos anstarren:
‚Es… ist nicht einfach ein Ordenspriester in unseren Reihen zu sein… Wie heißt ihr eigentlich?‘
Versuchte ich ungeschickt das Eis zu brechen, dessen erdrückende Last mich beinahe zu zerquetschen drohte. Die finstere Gestalt musste lachen, als sie bemerkte, dass sie sich mir gegenüber tatsächlich noch nie vorgestellt hatte. Dann schüttelte sie den Kopf:
„Ich bin Adeodatus, auch wenn Namen in diesen Breitengraden nicht mehr als Schall und Rauch sind. Aber ja… Es ist die Aufgabe von mir und den Kultmeistern, sich um die zerrütteten Seelen zu kümmern, die die Hallen der dämonischen Schmiede ausspucken: Ich komme zu ihnen, hebe meinen Stab und führe meine Schäfchen zum heiligen Lichte des Imperators. Dort lasse ich sie an seinem unergründlichen Quell der göttlichen Weisheit trinken…“
Mein Vox begann zu knistern:
„Bruder Lasirius, finden sie sich sofort im Strategium ein! Ordensmeister Vasaphon persönlich möchte Sie sprechen!“
Ich unterbrach Adeodatus, sobald die Nachricht geendet hatte:
‚Es tut mir leid; Die Pflicht ruft, ehrenwerter Bruder. Ich hoffe, dass wir uns nicht das letzte Mal gesehen haben.‘
Ich konnte spüren, dass er Ordenspriester unter seiner Helmmaske lächelte:
„Das hoffe ich auch, Bruder. Möge der Imperator dir beistehen.“
Erwiderte Adeodatus und reichte mir respektvoll die Hand zum Kriegergruß. Nachdem ich sie ergriffen hatte, machte ich mich zügig auf den Weg zu dem Ort, an dem sich nun mein Schicksal entscheiden würde. Obwohl ich gerade mal zügig ging, musste Lithany fast rennen, um mit mir Schritt zu halten. Den gesamten Weg zum Strategium dachte ich über die Worte des Kaplans nach: Für mich waren die Ordenspriester immer mehr unerschütterliche Bollwerke, fühlende Entitäten gewesen. Die Maske war so furchteinflößend, dass man leicht vergessen konnte, dass ein ursprünglich menschliches Wesen hinter ihr steckte.
Vor den schweren Eichentüren standen bereits die Terminatoren der Enochianischen Garde. Lithany wurde zuerst und alleine durchgelassen. Ich stand einige Sekunden vor dem schweren Tor und versuchte, meine pochenden Herzen zu beruhigen, während die latente Übelkeit ihrer Präsenz langsam abebbte. Die Schläge hallten dumpf in der Stille meines Helmes wider. Sie wurden lauter und lauter. Eine Meldung meines Vitalsystems, das Stresshormone und Adrenalin überwachte, blinkte auf und merkte an, dass meine Rüstung ebenfalls dachte, dass ich mich in einer Schlacht befände. Dann endlich schwang die gewaltige Pforte auf. Ich atmete aus, schritt hindurch und bemerkte, dass sich neben der Inquisition auch der gesamte Kommandostab mir gegenüber um einen steinernen, runden Tisch versammelt hatte. An seiner Spitze funkelte ein prunkvoll verzierter Astartes, dessen gewaltige Rüstung über und über mit filigranen Dekorationen verziert worden war. Da keiner von ihnen einen Helm trug, tat ich es ihnen gleich, setzte den meinen ab und salutierte. Alle Augen im Saal waren auf mich gerichtet. Man konnte das Klicken und Surren von künstlichen Linsen hören, als die mechanischen Geschenke des Omnissiahs sich alle auf denselben Brennpunkt scharfstellten.
„Der Kommandostab des heiligen Ordens der Exorcists, unter der Leitung des ehrenwerten Ordensmeisters Aymir Vasaphon, sowie die Vertreter der heiligen Inquisition in Form von Mann Krauthebel, seines Zeichens Inquisitor des heiligen Ordo Haereticus, im Auftrag des 13. Sohnes des Imperators-“
„Beim heiligen Thron, sparen Sie sich das Geschwafel! Wenn wir alle Titel sämtlicher Anwesenden verlesen, dann sitzen wir morgen noch hier!“
Den dringlichen Worten des Ordensmeisters war Folge zu leisten. Krauthebels Augenbraue zuckte missbilligend, bei dieser offensichtlichen und scharmlosen Unterbrechung des Protokolls. Der Protokollant, den Vasaphon so unwirsch unterbrochen hatte, nickte unterwürfig und fuhr fort:
„Verzeihung. Wir haben uns eingefunden, um das Urteil über Ordensbruder Lasirius der 8. Kompanie der…“
Der mahnende Blick des Ordensmeisters beschleunigte abermals den Redefluss seines Dieners:
„…zu sprechen. Ihm wird zur Last gelegt, an einer Häresie infernalen Grades mitgewirkt zu haben, indem er willentlich einen Verräter in die eigenen Reihen eingeschleust hat.“
Jetzt waren alle Augen auf Krauthebel gerichtet, der diesen Umstand lediglich mit eisernem Stoizismus zur Kenntnis nahm. Seine ohnehin schon strengen und tief hängenden Mundwinkel erreichten dabei einen neuen Tiefpunkt in den Gräben des faltigen Gesichts-Reliefs.
„Das Urteil des Ordo Haereticus verbleibt unverändert.“
Ergriff er so knapp wie möglich das Wort. Einige Blicke verhärteten sich.
„Das Urteil der Plutonianer, stellvertretend für den Ordo Malleus lautet, nach der mehrmaligen Sichtung aller Beweise, Unschuldig in allen Punkten!“
Leierte ein hagerer, nicht minder alter Inquisitor herunter.
„Das Urteil der Untersuchungskommission der Exorcists kommt zum selben Ergebnis.“
Bestätigte der Ordensmeister. Ein Stein fiel mir von den Herzen.
„Der Lordkommandant wird davon in Kenntnis gesetzt werden…“
Drohte Krauthebel mit einer Stimme, die zischte, wie eine Energieklinge, die gerade durch frisches Fleisch schnitt.
„Er wird Ihre beweislastige Schlussfolgerung sicher äußerst amüsant finden.“
Spottete trocken einer der Plutonianer mit einem künstlichen Auge, dessen Fassung über sein halbes Gesicht ragte, bevor ihn der mahnende Blick seines Vorgesetzten zum Schweigen bringen konnte. Lithany konnte sich ein schelmisches Lachen nicht ganz verkneifen und hustete auffällig. Krauthebel murrte etwas unverständliches in die feuchte Kellerluft und zog mit wehendem Mantel von dannen. Die Plutonianer folgten ihm plaudernd. Jetzt waren nur noch Space Marines im Raum.
“Kommen wir gleich zur Sache…”
ergriff Vasaphon das Wort, kaum war das Echo der zufallenden Tür verhallt:
“…Sie haben Ihrem Orden einen großen Dienst erwiesen: Ein Duell mit frei feindlichen Astartes, ein weiteres mit einem dunklen Hexer samt eines beschworenem Erzdämonen und die Zerstörung der Reaktoren nach erfolgreicher Infiltration einer besetzten Stellung... Das alles bei Ihrem ersten Einsatz! Für ihre Mühen werden Sie mit sofortiger Wirkung zum Leutnant befördert!”
Der Ordensmeister schwieg für eine Sekunde, um die gewaltigen Worte im Raum sacken zu lassen. Ich war wie vom Donner gerührt, so wenig konnte ich fassen, was ich da hörte: Für gewöhnlich dauerte es Jahrzehnte, um in eine solche Position aufzusteigen. Einige der anderen raunten und schienen mein Unverständnis zu teilen. Aber Vasaphon sprach weiter, wie als ob er nichts davon bemerkt hätte:
“Jedoch! Da Sie den Verräter nicht erkannt, den ersten Captain mit einer Waffe bedroht, und zu allem Überfluss uns auch noch die Puritaner auf unsere heilige Feste gehetzt haben, werden sie sogleich wieder zum Sergeant degradiert.”
Ich salutierte unsicher, schluckte und schaute noch verwirrter als zuvor in die Runde: Einige der anwesenden, die Vasaphon schon länger kannten, mussten schmunzeln und kichern. Scheinbar war dies nicht das erste Mal gewesen, dass eine solch widersprüchliche Situation unter seiner Führung aufgekommen war. Meine Enttäuschung hingegen hielt sich in Grenzen, da dies im Netto immer noch eine Beförderung darstellte, wenn auch eine deutlich geringere. Als Sergeant würde ich zwei Trupps von je drei Marines unter meinen Kommando haben. Das war genug, um eine komplette Makropole einzunehmen.
“Nehmen Sie sich diese Lektion zur Kenntnis. Wir erwarten großes von Ihnen.”
schloss der Ordensmeister seine Rede und sah mir nun direkt in die Augen. Zustimmendes Nicken und Salute folgten. Einige trommelten sich auf die Brustpanzer, um ihren Respekt zu zollen.
“Eine weitere Sache noch…”
Auf einen Wink von Vasaphon hin wurde die Tür erneut aufgestemmt und ein bekanntes Gesicht lugte vorsichtig hindurch. Dann schritt der hagere Mensch in den Raum, bis er neben mir Haltung annahm und ebenfalls vor den hohen Tieren salutierte. Um ein Haar hätte ich Penélope nicht erkannt: Die Frau, die nun gepflegt, aufrichtig und stolz neben mir stand, hatte wenig mit der verängstigten und zerzausten Gestalt gemeinsam, die unter großen Mühen viel zu schwere Rüstungsteile durch die unwirkliche Gegend eines verfluchten Planeten geschleppt hatte. Manche Gewohnheiten schienen jedoch nur schwer zu sterben, da ihr kaum merkliches Zittern ihre vergeblichen Bemühungen verriet, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen.
“Der Mensch, den Sie aus den Trümmern gefischt haben, wird als leitende Technikerin in die Obhut Ihrer Kompanie überstellt. Sie wird sich ab jetzt um ihre Rüstungen und Waffen kümmern. Die Freigabe der Inquisition ist bereits erfolgt. Das wäre alles.”
Penélope salutierte bestätigend. Die Versammlung löste sich auf und verstreute sich in der Festung. Ich war ebenfalls auf dem Weg zur Bibliothek des Librariums. Doch dann merkte einen plötzlichen Widerstand an meinem Handgelenk und wandte mich um:
“Habt ihr einen Moment?”
Ich nahm den Helm ab und nickte, als ich die Stimme und ihr passendes Gesicht erkannte. Dann beugte ich mich herunter, um den Sprecher genauer in Augenschein zu nehmen:
“Was gibt es Penélope?”
Die letzten Nachzügler rauschten an uns vorbei und schauten etwas irritiert un meine Richtung. Ich betrachtete Penélopes Gesicht genauer: Die dunklen Schatten unter ihrem aufmerksamen, gagatfarbenen Augen waren immer noch da und sie waren sogar noch dunkler geworden. Über ihre linke Gesichtshälfte zog sich eine dünne Narbe, deren Heilungsprozess künstlich beschleunigt worden war. Ihr glattes Haar, dessen eigentlicher Farbton von einem glänzenden Walnuss war, hatte sie in ihrem Nacken zusammengebunden und ihr Haupt zierte eine auf dem Kopf abgelegte Schutzbrille mit dunklen Gläsern. Ein etwas zu großer Overall hing müde und schlaff an ihr herab. Sie musterte mich ebenfalls und ihre Augen blieben an meinen geringfügig gewachsenen Hörnern, meinen schwarz gefärbten Augen, und meinen Fangzähnen hängen.
“Ich bin froh, dass ihr wohlauf seid, Sergeant.”
‘Sergeant …’
Der Klang war so süß, wie er neu war. Dennoch kam er mir vor ihr irgendwie komisch und unpassend vor:
‘Ich bin ebenfalls froh, dich wiederzusehen. Spar dir die Förmlichkeiten… Ich bin einfach nur Lasirius. ’
Ich streckte vor ihr die Hand zum Kriegergruß aus, der eigentlich nur für Space Marines vorbehalten war. Sie zögerte kurz, betrachtete sie, und schien irgendetwas abzuwägen. Ich verstand das Problem, als sie ungeschickt versuchte, meine massige Hand mit der ihren zu umgreifen.
‚Du bist von jetzt an Meister unserer Rüstkammer? ’
Fragte ich sie, als mir die folgende, eigenartige Stille zu schwer wurde. Penélope schreckte kurz zusammen. Scheinbar hatte sie noch Schwierigkeiten, sich an meine unangekündigte Astralstimme zu gewöhnen.
“Ja… so in etwa. Ich bin hauptsächlich für die Reparatur und Wartung unter der Aufsicht von Magos Chrom zuständig. Wenn ihr irgendwelche Wünsche oder Probleme habt, dann zögert nicht zu Fragen, Lasirius.”
Tatsächlich kamen mir so einige Ideen, was die Zierde meiner Rüstung anging, jetzt da ich eine neue Form von Autorität besaß, und ich musste erneut an die charakteristische Lackierung der Terminatoren denken, die leicht von dem Standard der Kompanie abwich.
‘Mein Helm drückt etwas…’
murmelte ich schließlich, insofern eine Gedankenstimme murmeln kann. Tatsächlich merkte ich nun ziemlich deutlich, dass meine schleichende Metamorphose begann, meine Kopfpanzerung aus ihrer vorgesehenen Fassung zu bringen. Ich begann den Umstand zu verfluchen, dass es in der gesamten Basilica keine Spiegel gab, auch wenn ich die Gründe durchaus nachvollziehen konnte.
“Ich werde mir was einfallen lassen!”
frohlockte sie fast eine Oktave höher. Ihre Augen und Lippen umspielte ein Lächeln, das in mir eigenartige Erinnerungen hervorrief, die starben, noch bevor sie den dichten Schleier meines Geistes durchdringen konnten. Es war mehr als das. Es war, wie als würde ich mich an ein lang vergessenes Gefühl erinnern.
Wieder der Geruch von frisch gemähtem Korn…
“Ich hätte auch noch eine Sache.”
sagte Penélope, während sie ein kurzer Anflug ihrer alten Schüchternheit überkam:
“Danke… dafür, dass ich noch am Leben bin.”
Mit diesen Worten machte sie einen Schritt nach vorne und versuchte, ihre ausgebreiteten Arme um meinen gepanzerten Körper zu legen. Es brauchte meine gesamte Willenskraft, um mein künstlich geschaffenes Muskelgedächtnis im Zaum halten, das versuchen wollte, einen angreifenden Feind im Clinch, mit einem tödlichen Manöver abzuwehren. Natürlich war mir klar, dass dem nicht der Fall war. Dennoch war diese Geste so überraschend wie fremd… Vor allem da ich durch die neurosensitive Rüstung fühlte, wie durch meine eigene Haut. Ich würde zu einem späteren Zeitpunkt noch lange darüber grübeln, was genau in diesem wenigen Wimpernschlägen mit mir geschehen ist, und wie ich das, was ich empfunden hatte, schlussendlich einordnen sollte. In diesem Augenblick jedoch unterbrach den Moment ein nachdenkliches Summen, von dem ich mich rückblickend fragte, ob sich nicht ein Funken Neid in ihm befunden hatte:
“Hmmmmmm…”
Lithanys Metallklauen krächzten leise, als ihr Zeigefinger und Daumen über die Panzerung an ihrem Kinn schabte, an der sonst der Fortsatz ihres Helmes befestigt war. Ich hätte eigentlich bemerken müssen, dass sie noch da war: Das Unwohlsein, das die Interrogatorin ausstrahlte, war nie ganz verschwunden gewesen. Sie registrierte Penélopes fragenden Blick und antwortete schon fast verträumt:
“Der Imperator hat meinen Gedanken die Freiheit geschenkt, aber die Sittlichkeit und der gute Geschmack verbieten es mir, manche davon auszusprechen.”
Penélopes ratlose Miene verdüsterte sich kurz zu einem vernichtenden Starren, das dem der Cadianischen Kriegsgeneräle, bei der fehlgeschlagenen Verteidigung ihres Planeten, beträchtliche Konkurrenz gemacht hätte. Lithany hingegen ignorierte es vollständig. Ich war so verwirrt wie zuvor.
“Meister Vasaphon hat einen erfrischend… eigenen Humor, meint ihr nicht?”
fuhr Lithany munter fort, fast so, als ob nie etwas gewesen wäre. Ich und Penélope nickten hölzern.
“Sie und Krauthebel geben in Ihrer Ausstrahlung wirklich ein passendes Paar ab.”
bemerkte Penélope und tarierte dabei aus, wie weit sie ihren Tonfall mit Gehässigkeit gerben konnte, bevor die unterschwellige Beleidigung zu offensichtlich wurde. Irgendetwas schien bereits zwischen ihnen vorgefallen zu sein. Lithany wurde für einen kurzen Moment tatsächlich ernster:
“Ich habe nichts gegen Sie persönlich, Frau Belladonna. Ich habe nur meine heilige Pflicht getan. Genau genommen sollten Sie mir dankbar sein, dass ich mich Ihrer angenommen habe! Wenn Krauthebel Sie verhört hätte, dann…”
Sie begann eine beachtliche Liste an immer kreativer, und auch immer hanebüchener werdenden Foltermethoden herunterzurattern, die vermutlich so manchen Dämonen in ein entzücktes Kreischen versetzt hätte. Am Ende dieser zunehmend extatisch vorgetragen Aufzählung war Penélopes Gesicht so bleich wie Lithanys Haare. Letztere grinste bei diesem Anblick zufrieden, wie ein Haifisch, dessen Beute in seine Falle getappt war. Penélope murmelte mit gesenktem Kopf etwas in Lithanys Richtung, das nicht einmal ich verstehen konnte. Dann nickte sie mir kurz entschuldigend zu und entschwand hastig in einem der dunklen Gänge. Ich konnte das Echo leiser Würgelaute und das Platschen von Flüssigkeit auf blankem Stein aus der Ferne vernehmen.
Auf dem Weg zur Bibliothek grübelte ich noch weiter über das kürzlich vergangene nach: Ich hatte mich während dieser gesamten Konversation seltsam deplatziert gefühlt; Wie Jemand, der zwei Leute in einer Sprache streiten hörte, die er nicht verstand. Die Art, wie Menschen miteinander redeten war so erschreckend anders, dass ich Mühe hatte, dem wilden hin und her aus fremden Worten, Tonfällen und Pointen zu folgen. Lithany riss mich schließlich aus meinen Gedanken:
“Ich mag Penélope. Sie ist ein lustiger Mensch.”
Ich sah sie ratlos an, blinzelte und gab schließlich die Hoffnung komplett auf, aus ihr noch irgendwie schlau zu werden. Sie hingegen fand das anscheinend nur umso lustiger und lächelte mich mit strahlenden Zähnen an.
Auf dem Weg zurück an die Oberfläche dachte ich wieder an die Konversation mit Adeodatus und der Gedanke ließ mich nicht wieder los. Ich wechselte wieder in Zeichensprache:
Darf ich Euch eine Frage stellen?
“Schießen Sie los, Sergeant.”
ich zögerte um Angesicht ihres spöttischen Untertones, doch festigte dann meine Entschlossenheit:
Woher wusstet Ihr, wie Ihr mit der Trauer des Ordenspriesters umgehen solltet?
Lithany blickte mich erst ertappt, dann genervt und dann ratlos an, als sie merkte, dass die Frage ernst gemeint war.
“...Es kam mir… richtig vor. Das ist Alles. Wollt Ihr mich etwa der Sünde der Empathie beschuldigen?!”
...Sünde?
fiel es aus meinen nicht minder ratlosem Händen heraus. Von den vielen Doktrinen des Hasses, die zugegebenermaßen für mich zunehmend an Bedeutung verloren, kam mir diese am sinnlosesten vor. Lithany hielt inne und schaute mich jetzt mit einem interessierten Funkeln in ihren großen, blauen Augen an. Sie betrachtete mein Gesicht das erste Mal genauer und sah in meine Augen, anstatt nur schief auf meine Mutationen zu schielen:
“Vergesst es.”
sagte sie mir einer plötzlichen Sanftheit, die ich ihr niemals zugetraut hätte. Sie zögerte Kurz und kratzte sich am Nacken:
“Mein Name ist Lithany. Diese Höflichkeitsfloskeln kosten nur unnötig Zeit, oder?”
Ich nickte bestätigend.