Nun rate mal wie die Weltfirma Esprit ihre "in Store edc" subler beliefert. Richtig, da steht täglich einer von DHL auf der Matte und liefert zwei, drei Pakete. Warum kann das GW nicht?
GW muss es nicht. Die Modebranche hat teilweise komplette Sortimentswechsel im Quartalstakt (Zara sogar alle zwei Monate, wenn ich mich recht entsinne), und benötigt daher eher agile Supply Chains, die schnell umgestellt werden können und das System nur mit kleineren, aber höherfrequenten Chargen belasten.
GW hat keine kompletten Sortimentswechsel. Seit sie die Einzelteilgeschichte abgestellt haben und mit Finecast die Blisterzahl reduziert haben, kommen sie pro Produktlinie auf vielleicht zwei Dutzend SKUs. Je nachdem, wie gut ihre historischen Verkaufsdaten sind, dürften sie daher ihre Produktionsläufe mit hinreichend guter Genauigkeit planen können; daher ist eine schlanke Supply Chain sinnvoller, d.h. wenig Abwechslung im Produkt und in globaler Hinsicht recht gleichbleibende Abnahmemengen.
Es stellt sich aber das Problem, dass Händler jenseits von GW-Läden, die wie ich es sehe ihre Bestände bei Mindermengen schnell auf die vorgegebene Menge aufstocken, schwer berechenbare Bestellungen tätigen. Daher muss, um diese unterschiedlichen Bestellmuster abzudecken, eine gewisse Menge an Ware auf Lager gehalten werden, aus den oben genannten Gründen (Umrüstzeiten).
Da aber die Ware nur zu Stichdaten geliefert wird (früher war das mal Dienstag als Bestelltag für die Lieferung am Freitag), können sie die gewerblichen Abnehmer zwingen, ihrem System entsprechend zu bestellen.
Mail Order ist was anderes, dürfte neben dem Vertrieb an Wiederverkäufer (intern und extern) aber nicht so kritisch sein - und auch da hilft das Lager, eine hohe Erfüllungsquote zu erzielen.
Insofern ist es bei den derzeitigen Preisen für 3PL-Dienste das System eines Zentrallagers in UK, von dem aus durch einen Dienstleister individuell adressierte Kleinmengen versandt werden, durchaus sinnvoll.
Ich habe das Lager auch selber nur von Außen gesehen (und das Video), aber aus fachlicher Sicht erscheint das als eine vernünftige Organisation. Das kann ich gerne auch noch im Detail aufschlüsseln, ich denke aber, GW kann sich das derzeitige System einfach leisten, weil durch den "Premium-Produkt-Status" und die niedrigen Material- und Produktionskosten nach Amortisation der Formen genug hängen bleibt, um den im Vergleich zu Full-Truckload-Sendungen höheren Transportpreis pro Lieferung aufzufangen. Es ist teuer, aber es hilft, die Alleinstellungsmerkmale "Umfangreiches Programm" und "Prompte Lieferung und Ersatz" zu gewährleisten.