Langsam bahnte sich eine Schweißperle ihren Weg Gabriels Stirn hinunter. Rollte keck Richtung Nasenspitze, verharrte dort kurz, um sich dann endgültig in den Abgrund zu stürzen. Gabriel versuchte seine Anspannung so gut wie möglich zu verbergen. Er durfte sich jetzt nicht verraten. Seine Augen brannten in der stickigen, verbrauchten Luft. So nah am Ziel zählte ein Versagen nicht mehr. Wochenlang hatte er sich einen Namen erspielt, um endlich in dieser Runde zu sitzen. Mehr Geld als bei Wasili gab es bei einem Spiel einfach nicht zu gewinnen, sofern man den Einsatz bringen konnte. Den ganzen Abend hatte er sich zurückgehalten, auf das richtige Blatt gewartet. Jetzt endlich war es da und er im Duell mit Wasili persönlich. Fast sein gesamtes Vermögen lag bereits in der Mitte, aber er konnte nicht verlieren. Es gab nur eine Hand, die ihn schlagen konnte. Wie groß waren die Chancen, dass Wasili gerade dieses Blatt auf der Hand hielt?
„Na Kleiner, wie sieht es aus, hast du noch was zu bieten?“
Das aufgedunsene Gesicht seines Gegenübers grinste ihn schief an und blies ihm Pfeifenrauch entgegen.
„Alles was ich noch habe!“
Gabriel nahm die restlichen paar Goldstücken und schob sie in die Mitte.
„Das bisschen? Komm wir machen es interessanter!“ Wassili nahm einen kompletten Beutel und schleuderte ihn beinahe beiläufig auf den Tisch.
„Das ist mein Einsatz!“
Gabriels Augen weiteten sich.
„Aber,… ich kann da nicht mitgehen, ich habe kein Gold mehr!“
Das Grinsen Wassilis wurde breiter.
„Tja, dann musst du wohl aussteigen!“
„Nein warte, es muss doch etwas geben, bitte!“
Seine Stimme überschlug sich fast vor Aufregung.
Der Fette griff sich nachdenklich ans Kinn.
„Vielleicht gibt es da wirklich eine Möglichkeit! Ich habe heute meinen netten Tag. Wenn du gewinnst bekommst du alles was in der Mitte liegt! Gewinne ich, gehörst du mir!“
Gabriel zuckte zusammen.
„Dir gehören, für immer?“
Die ganze Runde lachte auf.
„Selbst das Leben eines so wertlosen Spielers wie dir ist etwas wert. Mmh… gut da liegen ungefähr Zehntausend! Hör zu Kleiner , ich mag dich, also sagen wir ein Jahr deines Lebens!“
Gabriel schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Doch warum Sorgen machen? Sein Blatt war einfach nicht zu schlagen!
„Gut! Wir sind im Geschäft!“
Wassili nickte nur und bedeutete ihm seine Karten zu zeigen.
Jetzt war sein Moment gekommen. Er lächelte und deckte auf.
„Zwei Türme und drei Mauerstücken, das ist die Festung! Und das da...“ er deutete auf das Gold „ist dann wohl meins!“
Gerade als er zu griff, hielt Wassili seine Hand fest.
„ Sehr gute Hand, aber Kleiner, willst du meine nicht sehen? Ach …“ er sah ehrlich überrascht aus.
„Wer hätte das gedacht! Der Imperator und vier Kurfürsten. Da hast du knapp verloren, Kleiner, aber ne echt gute Hand!“
Dieser schweinegesichtige Bastard hatte ihn betrogen! Doch bevor er überhaupt einen weiteren klaren Gedanken fassen konnte, legten sich zwei Hände auf seine Schultern. Sie „legten“ sich mit solcher Gewalt, dass ihm vor Schmerzen, Tränen in die Augen schossen.
Wasili lachte laut auf.
„Nicht dass du auf die Idee kommst, zu gehen! Du gehörst mir, ein Jahr lang! Wie gesagt, Kleiner, ich mag dich. Ich biete dir die Möglichkeit, dich freizukaufen. Du wirst an einer Expedition für mich teilnehmen. Schaffst du es dabei, deine Schulden zusammenzubekommen, verzichte ich auf den Rest unserer Vereinbarung.“
Der Griff um Gabriels Schultern lockerte sich etwas, war aber immer noch schmerzhaft.
Seine Gedanken überschlugen sich. Er hatte von Wasili’s Grubenkämpfen gehört, eine Expedition klang im Vergleich dazu beinahe einladend. Der Schmerz in seinen Schultern behinderter ihn beim Sprechen.
„Und wohin….. soll diese Expe….. Expedition gehen?“
„Kleiner ist das wichtig für dich? Ach, was soll’s du gehst nach Lustria! Kannst dir dein Geld natürlich auch in den Gruben verdienen!“
Hatte er es doch gewusst, seine Alternative waren die Gruben. Das kam gar nicht in Frage und das wusste dieser fette Betrüger sehr genau.
„Lustria also? Hab ich eine andere Wahl? Wann startet diese Expedition?
Wasili´s grinsen wurde so breit, dass sich selbst sein Doppelkinn hob.
„Nun, zu deiner ersten Frage: Nein die hast du nicht. Und was deine zweite Frage angeht. Jetzt.“
Der Spielmacher nickte dem Mann hinter Gabriel zu, dann wurde es dunkel.
***
Gabriel erwachte mit furchtbaren Kopfschmerzen. Alles um ihn drehte sich. Nein, Moment mal, es drehte sich nicht, es bewegte sich. Er hob den Kopf und sah sich um. Er lag auf Holzdielen in einer muffigen, fensterlosen Kammer, voller Fässer. Das spärliche Licht kam von einer kleinen Öllampe, die rythmisch hin und her schwang. Die Kombination aus dieser Bewegung und dem flauen Gefühl in seiner Magengegend lies ihn das Schlimmste vermuten. Ohne sich weiter damit zu beschäftigen, wo er genau war, sprang er auf und verließ die Kammer. Er kam auf einen langen Gang, von dem aus eine Leiter nach oben führte. Tageslicht drang durch die Luke. Gabriel sprintete los. Da sich der Boden aber in konstanter Boshaftigkeit weiter abwechselnd nach links und rechts neigte, hatte er einige Stürze hinter sich, bis er endlich an der Leiter war und diese erklimmen konnte. Oben angekommen, bestätigten sich seine schlimmsten Befürchtungen. Er war auf einem Schiff. Auf einem Schiff mitten im Ozean.
„Ah, die Prinzessin ist aufgewacht!“
Er beachtete die auf ihn zu wankende Gestalt nicht weiter, sondern eilte zur Reling, beugte sich darüber und entledigte sich seines Mageninhalts. Eine Hand klopfte ihm tröstend auf den Rücken.
„Ich sehe schon Prinzessin, wir werden noch viel Spaß mit dir haben.“
Es stellte sich heraus das, Wassili, mit Ausnahme der Aufpasser, seine gesamte so genannte “Expedition“ aus Schuldnern rekrutiert hatte. Viel bekam Gabriel von der Überfahrt nicht mit. Sein Leben bestand in dieser Zeit nur aus: Schlafen, manchmal Essen, und das gerade gegessene an die Fische verfüttern. Die wenige Zeit, die er einigermaßen bewusst wahrnahm, verbrachte er mit Jean und Kamal. Jean war ein glückloser würfelverrückter Bretone. Ständig versuchte er, die anderen für ein Spiel zu gewinnen und war nie ohne seine Würfel zu sehen. Kamal war ein in sich gekehrter Hüne aus den Südlanden. Gabriel hatte ihn sich mehrmals aus verquollenen Augen angesehen und er war sich sicher, dass die Gruben für Kamal wohl die bessere Alternative gewesen wären. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis er endlich wieder festen Boden unter den Füssen hatte. Kurz nach Anlegen des Schiffs waren sie dankbar einer nach dem Anderen die Planke hinuntergetapst, nur um festzustellen, dass jetzt sie und nicht mehr der Grund, auf dem sie sich bewegten, wankten. Einer ihrer Aufseher lachte und klopfte ihm auf die Schulter. „Das nennt man Landkrankheit, kommt oft vor nach ´ner langen Seefahrt. Is in ´nen paar Stunden vorbei, Prinzessin.“ Ihre Aufpasser bekamen sofort Verstärkung und trieben die Gruppe durch den Hafen. Der Marsch endete unweit des Schiffs vor den Palisaden einer Befestigungsanlage. In der Nähe standen schon die ersten Hütten und Gabriel konnte sehen, dass weitere dahinter eine ganze Stadt bildeten, ebenfalls umgeben von hölzernen Palisaden. Die Bewohner dieser Stadt gingen ihrem Tagwerk nach, ohne auch nur Notiz von den Neuankömmlingen zu nehmen. Die Tore der Befestigung knarrten auf und sie wurden mit sanfter Gewalt hinein getrieben und angewiesen, in Reih und Glied Aufstellung zu nehmen. Gabriel wurde, unerwünschter Weise, die Ehre zuteil in der ersten Reihe stehen zu dürfen. Es dauerte einige Momente, bis jemand aus einer der Barracken zu seiner Rechten trat. Ein alter Mann mit beinahe beneidenswert aufrechter Haltung und einem pedantisch geschnittenem Ziegenbärtchen. Er trug trotz der unglaublichen Hitze eine Lederrüstung und einen Helm. Welchen Gabriel eindeutig der imperialen Armee zuordnen würde, wenn der Rest der Ausrüstung des Neuankömmlings, denn dazu passen würde.
„Willkommen in Skeggie, Abschaum.“ Er hatte sich inzwischen vor ihnen aufgebaut und sie mit einigen abwertenden Blicken gemustert. Gabriel konnte die Härte in dem wettergegerbten Gesicht des Alten erkennen. Er strahlte die Aura von unzähligen geschlagenen Schlachten förmlich aus. „Ich bin Henry und werde die Expedition leiten. Ihr glaubt jetzt vielleicht, von hier aus könnt ihr fliehen, dazu kann ich nur eins sagen: Versucht es! Da draußen im Dschungel überlebt ihr keine zwei Tage und der einzige Weg nach Hause führt über unseren Hafen und hier finden wir euch! Es gibt natürlich immer Unverbesserliche. Wie den da! Ist gerade heute wieder aufgetaucht.“
Er deutete auf eine armselig wirkende Gestalt, die am Rand der angetretenen Männer mit auf den Rücken gefesselten Armen kniete.
„Wir bekommen alle! Und damit ihr seht, was mit Menschen passiert, die versuchen, Wassili zu betrügen…“
Er machte ein merkwürdiges Zeichen mit seiner Rechten, daraufhin setzte sich ein Riese hinter dem Knienden in Bewegung. Gabriel bemerkte den Mann erst jetzt. Noch nie in seinem Leben hatte er einen solchen Muskelberg gesehen. Der Fremde war größer als Kamal und mindestens doppelt so breit. Der Knüppel in seiner Hand wirkte eher wie ein kleiner Baum. Als er neben der verhärmten Gestalt stand, holte er mit beiden Händen aus. Gerade als der Knüppel einen Bogen in Richtung Kopf des Mannes beschrieb, schloss Gabriel die Augen. Nur das schmatzende Knacken gleich einer überreifen Frucht, die platzt, drang zu ihm durch und lies trotz der geschlossenen Augen unschöne Bilder in seinem Kopf entstehen. Kurz nachdem es ein zweites Geräusch, ähnlich einem Sack der auf den Boden fällt, bis an seine Ohren geschafft hatte, ging ein entsetztes Keuchen durch die Menge.
„So das hätten wir geklärt!“
Er öffnete die Augen und starrte bewusst nur in Henry´s Richtung.
„Ihr wisst jetzt, woran ihr seid, morgen nach Sonnenaufgang geht es los. WIR gehen zu einer Tempelruine, IHR geht dort hinein und nehmt mit, was ihr tragen könnt. Sollten die Sachen, die ihr erbeutet, wertvoll genug sein, seid ihr frei. Mehr müsst ihr nicht wissen! Euch wird jetzt euer Schlafplatz gezeigt. Ruht euch aus, ihr braucht Kraft für morgen. Nicht allein eure Freiheit hängt von eurem Erfolg ab.“ Henry wandte sich gerade zum Gehen, als er noch einmal inne hielt.
„Ach ja eine Sache noch!“
Er ging direkt auf Gabriel zu.
„Du! Komm mal raus aus dem Haufen“
Gabriel machte einige unsichere Schritte auf sein Gegenüber zu.
„Hier hast du ein Messer, wenn du es schaffst, mich zum Bluten zu bringen, darfst du gehen!“
„W… wie bitte?“
„Stotter hier nicht rum! Hast mich nicht verstanden, was? Wir zwei kämpfen jetzt gegeneinander. Wenn du auch nur einen Tropfen Blut aus diesem alten Mann quetschst, bist du frei. Jetzt nimm das Messer oder ich ramm‘s dir zwischen die Rippen.
Gabriel nahm das Messer und fragte sich ernsthaft, was das sollte. Er war noch nie Kämpfer gewesen und warum sollte, gerade nach der Vorstellung eben, einer gehen dürfen?
„Na du willst wohl nicht?“
Henry drehte sich um. Das war Gabriels Gelegenheit. Er verstärkte seinen Griff um das Messer, machte einen Schritt auf Henry zu und lies das Messer dann fallen.
„Ha, wusst ich‘s doch, der Junge bekommt morgen die Karten !“
„Aber warum? Ich habe doch nicht gekämpft.“
Henry nickte.
„Eben drum! Du bist ein Feigling, Junge! Und Feiglinge haben ein Talent zum Überleben. Außerdem neigt ihr Feiglinge am wenigsten zum Weglaufen, Karten sind teuer.“
Ihr Nachtlager war wenig mehr als ein Stall mit strohgepolsterten Schlafplätzen. Gabriel, Jamal und Jean hatten sich Plätze nebeneinander gesucht. Jean saß auf seinem Lager und spielte mit seinen Würfeln. Er schuppte Gabriel noch einmal mit dem Fuß an, um sicherzugehen, dass dieser auch wach war.
„Isch könnte misch kaputt lachen. Er ‘at disch einen Feig’ling genannt.“
„Vielleicht bin ich das ja auch! Momentan bin ich jedenfalls ein müder Feigling. Also bitte, Jean!“
„Ach komm schon, lass uns etwas würfeln. Vielleicht kommen wir nie wieder dazu.“
Jamals Stimme grollte durch die Dunkelheit zu den beiden hinüber.
„Jean, wenn du jetzt nicht Ruhe gibst, garantiere ich dafür, dass es dein letztes Spiel wird.“
„Merdé, ihr werdet noch sehen, was ihr davon ‘abt, so ganz ohne Spaß in euren Leben.“
Gabriel musste schmunzeln und glitt kurz darauf endlich ins Reich der Träume ab.
***
Nach einer eher unruhigen Nacht wurden sie mit Ausrüstung bepackt und gingen los. Die Sonne brannte bereits hoch am Himmel, als Henry die Kolonne anhielt.
„Seit Still ihr Nichtsnutze, wir sind fast da! Etwas stimmt nicht“
Gabriel hatte ein ungutes Gefühl. Die ganze Zeit hatte der Dschungel vor Leben vibriert, doch gerade in diesem Moment herrschte Totenstille. Nicht einmal diese Quälgeister von Stechmücken schienen noch da zu sein. Plötzlich spürte er den Boden vibrieren. Diesen Eindruck hatte er während ihres Marsches schon mehrmals gehabt, ihn aber als alberne Angst abgetan. Von diesem Moment an ging alles furchtbar schnell. Etwas Riesiges schob sich hinter Henry durch den Blätterwald und noch bevor dieser reagieren konnte, hatte es sich ihn mit seinem gigantischen Maul geschnappt und schüttelte den Alten, wie ein Hund eine Ratte schütteln würde. Die Männer begannen, panisch davonzulaufen. Kamal stand neben Gabriel, als beide gleichzeitig losliefen. Jean war kurz hinter ihnen und hinter ihm tobte die Bestie. Sie waren kurz vor einigen Urwaldriesen als Jean vollkommen unerwartet einen fallengelassenen Speer aufhob und schallend lachte.
„Lauft weiter ihr Feiglinge, es ist Zeit für ‘elden!“
Gabriel wagte nicht mehr als einen flüchtigen Blick über die Schulter. Doch er sah noch rechtzeitig den Speer am Kopf der Bestie brechen wie einen Zahnstocher und Jean in einer Wolke aus Blut förmlich explodieren, als die Bestie ungebremst durch ihn hindurch raste. Gabriel und Kamal retteten sich hinter zwei der gigantischen Bäume. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Es schlug so laut, dass er glaubte, der ganze Dschungel würde es hören. Gabriel schaute zu Kamal. Der schwarze Hüne stand gute zwanzig Schritt von ihm entfernt. Genau wie er selbst eng an den Baum gepresst. Plötzlich schob sich etwas langsam in sein Blickfeld. Es war das riesige Maul der Bestie, das sich an dem Baumstamm vorbeischob. Nüstern so groß wie seine Faust schnüffelten und bespritzen ihn beim Ausatmen mit widerlichem Sekret. Er fühlte Panik in sich aufsteigen und etwas vertraut Warmes an seinen Beinen hinabfließen. Er wollte sich bewegen. So schnell es geht weglaufen, doch die Angst lähmte ihn. Kamal hingegen ging es anders, er lief schreiend davon. Der Kopf der Bestie schnippte sofort in seine Richtung und nur zwei Herzschläge später nahm sie die Verfolgung auf. Gabriel blieb reglos stehen. Die Bestie und Kamal waren verschwunden. Gabriel wartete fest an seinen Baum gepresst, sich kaum trauend, zu atmen. Wie viel Zeit vergangen war, wusste er nicht. Doch als langsam die Geräusche und das Leben in den Dschungel zurückkehrten, konnte auch er sich aus den fesselnden Klauen seiner Angst befreien. Er schaute sich um. Überall lagen Körperteile und Innereien verteilt. Er fand sogar den zerbrochenen Speer Jean’s und direkt daneben zwei Würfel. Trotz der bizarren Szenerie musste er lächeln.
„Jean, du warst vielleicht wahnsinnig mutig, aber beim Würfeln wie immer eine Niete. Mal wieder nur ein Einserpasch.“
Die Szenerie wirkte so bizarr und fern. Er stand als einziger Überlebender inmitten dieses Massakers und wusste nicht genau, was er fühlen sollte. War es der Schock, der ihn so abgestumpft reagieren ließ? Oder doch eher die brennende Frage, wie es nun weiter gehen sollte. Konnte er mit leeren Händen zurück nach Skeggie? Gabriel setzte sich zwischen die Reste von Jean und durchdachte seine Möglichkeiten.
„Na Kleiner, wie sieht es aus, hast du noch was zu bieten?“
Das aufgedunsene Gesicht seines Gegenübers grinste ihn schief an und blies ihm Pfeifenrauch entgegen.
„Alles was ich noch habe!“
Gabriel nahm die restlichen paar Goldstücken und schob sie in die Mitte.
„Das bisschen? Komm wir machen es interessanter!“ Wassili nahm einen kompletten Beutel und schleuderte ihn beinahe beiläufig auf den Tisch.
„Das ist mein Einsatz!“
Gabriels Augen weiteten sich.
„Aber,… ich kann da nicht mitgehen, ich habe kein Gold mehr!“
Das Grinsen Wassilis wurde breiter.
„Tja, dann musst du wohl aussteigen!“
„Nein warte, es muss doch etwas geben, bitte!“
Seine Stimme überschlug sich fast vor Aufregung.
Der Fette griff sich nachdenklich ans Kinn.
„Vielleicht gibt es da wirklich eine Möglichkeit! Ich habe heute meinen netten Tag. Wenn du gewinnst bekommst du alles was in der Mitte liegt! Gewinne ich, gehörst du mir!“
Gabriel zuckte zusammen.
„Dir gehören, für immer?“
Die ganze Runde lachte auf.
„Selbst das Leben eines so wertlosen Spielers wie dir ist etwas wert. Mmh… gut da liegen ungefähr Zehntausend! Hör zu Kleiner , ich mag dich, also sagen wir ein Jahr deines Lebens!“
Gabriel schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Doch warum Sorgen machen? Sein Blatt war einfach nicht zu schlagen!
„Gut! Wir sind im Geschäft!“
Wassili nickte nur und bedeutete ihm seine Karten zu zeigen.
Jetzt war sein Moment gekommen. Er lächelte und deckte auf.
„Zwei Türme und drei Mauerstücken, das ist die Festung! Und das da...“ er deutete auf das Gold „ist dann wohl meins!“
Gerade als er zu griff, hielt Wassili seine Hand fest.
„ Sehr gute Hand, aber Kleiner, willst du meine nicht sehen? Ach …“ er sah ehrlich überrascht aus.
„Wer hätte das gedacht! Der Imperator und vier Kurfürsten. Da hast du knapp verloren, Kleiner, aber ne echt gute Hand!“
Dieser schweinegesichtige Bastard hatte ihn betrogen! Doch bevor er überhaupt einen weiteren klaren Gedanken fassen konnte, legten sich zwei Hände auf seine Schultern. Sie „legten“ sich mit solcher Gewalt, dass ihm vor Schmerzen, Tränen in die Augen schossen.
Wasili lachte laut auf.
„Nicht dass du auf die Idee kommst, zu gehen! Du gehörst mir, ein Jahr lang! Wie gesagt, Kleiner, ich mag dich. Ich biete dir die Möglichkeit, dich freizukaufen. Du wirst an einer Expedition für mich teilnehmen. Schaffst du es dabei, deine Schulden zusammenzubekommen, verzichte ich auf den Rest unserer Vereinbarung.“
Der Griff um Gabriels Schultern lockerte sich etwas, war aber immer noch schmerzhaft.
Seine Gedanken überschlugen sich. Er hatte von Wasili’s Grubenkämpfen gehört, eine Expedition klang im Vergleich dazu beinahe einladend. Der Schmerz in seinen Schultern behinderter ihn beim Sprechen.
„Und wohin….. soll diese Expe….. Expedition gehen?“
„Kleiner ist das wichtig für dich? Ach, was soll’s du gehst nach Lustria! Kannst dir dein Geld natürlich auch in den Gruben verdienen!“
Hatte er es doch gewusst, seine Alternative waren die Gruben. Das kam gar nicht in Frage und das wusste dieser fette Betrüger sehr genau.
„Lustria also? Hab ich eine andere Wahl? Wann startet diese Expedition?
Wasili´s grinsen wurde so breit, dass sich selbst sein Doppelkinn hob.
„Nun, zu deiner ersten Frage: Nein die hast du nicht. Und was deine zweite Frage angeht. Jetzt.“
Der Spielmacher nickte dem Mann hinter Gabriel zu, dann wurde es dunkel.
***
Gabriel erwachte mit furchtbaren Kopfschmerzen. Alles um ihn drehte sich. Nein, Moment mal, es drehte sich nicht, es bewegte sich. Er hob den Kopf und sah sich um. Er lag auf Holzdielen in einer muffigen, fensterlosen Kammer, voller Fässer. Das spärliche Licht kam von einer kleinen Öllampe, die rythmisch hin und her schwang. Die Kombination aus dieser Bewegung und dem flauen Gefühl in seiner Magengegend lies ihn das Schlimmste vermuten. Ohne sich weiter damit zu beschäftigen, wo er genau war, sprang er auf und verließ die Kammer. Er kam auf einen langen Gang, von dem aus eine Leiter nach oben führte. Tageslicht drang durch die Luke. Gabriel sprintete los. Da sich der Boden aber in konstanter Boshaftigkeit weiter abwechselnd nach links und rechts neigte, hatte er einige Stürze hinter sich, bis er endlich an der Leiter war und diese erklimmen konnte. Oben angekommen, bestätigten sich seine schlimmsten Befürchtungen. Er war auf einem Schiff. Auf einem Schiff mitten im Ozean.
„Ah, die Prinzessin ist aufgewacht!“
Er beachtete die auf ihn zu wankende Gestalt nicht weiter, sondern eilte zur Reling, beugte sich darüber und entledigte sich seines Mageninhalts. Eine Hand klopfte ihm tröstend auf den Rücken.
„Ich sehe schon Prinzessin, wir werden noch viel Spaß mit dir haben.“
Es stellte sich heraus das, Wassili, mit Ausnahme der Aufpasser, seine gesamte so genannte “Expedition“ aus Schuldnern rekrutiert hatte. Viel bekam Gabriel von der Überfahrt nicht mit. Sein Leben bestand in dieser Zeit nur aus: Schlafen, manchmal Essen, und das gerade gegessene an die Fische verfüttern. Die wenige Zeit, die er einigermaßen bewusst wahrnahm, verbrachte er mit Jean und Kamal. Jean war ein glückloser würfelverrückter Bretone. Ständig versuchte er, die anderen für ein Spiel zu gewinnen und war nie ohne seine Würfel zu sehen. Kamal war ein in sich gekehrter Hüne aus den Südlanden. Gabriel hatte ihn sich mehrmals aus verquollenen Augen angesehen und er war sich sicher, dass die Gruben für Kamal wohl die bessere Alternative gewesen wären. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis er endlich wieder festen Boden unter den Füssen hatte. Kurz nach Anlegen des Schiffs waren sie dankbar einer nach dem Anderen die Planke hinuntergetapst, nur um festzustellen, dass jetzt sie und nicht mehr der Grund, auf dem sie sich bewegten, wankten. Einer ihrer Aufseher lachte und klopfte ihm auf die Schulter. „Das nennt man Landkrankheit, kommt oft vor nach ´ner langen Seefahrt. Is in ´nen paar Stunden vorbei, Prinzessin.“ Ihre Aufpasser bekamen sofort Verstärkung und trieben die Gruppe durch den Hafen. Der Marsch endete unweit des Schiffs vor den Palisaden einer Befestigungsanlage. In der Nähe standen schon die ersten Hütten und Gabriel konnte sehen, dass weitere dahinter eine ganze Stadt bildeten, ebenfalls umgeben von hölzernen Palisaden. Die Bewohner dieser Stadt gingen ihrem Tagwerk nach, ohne auch nur Notiz von den Neuankömmlingen zu nehmen. Die Tore der Befestigung knarrten auf und sie wurden mit sanfter Gewalt hinein getrieben und angewiesen, in Reih und Glied Aufstellung zu nehmen. Gabriel wurde, unerwünschter Weise, die Ehre zuteil in der ersten Reihe stehen zu dürfen. Es dauerte einige Momente, bis jemand aus einer der Barracken zu seiner Rechten trat. Ein alter Mann mit beinahe beneidenswert aufrechter Haltung und einem pedantisch geschnittenem Ziegenbärtchen. Er trug trotz der unglaublichen Hitze eine Lederrüstung und einen Helm. Welchen Gabriel eindeutig der imperialen Armee zuordnen würde, wenn der Rest der Ausrüstung des Neuankömmlings, denn dazu passen würde.
„Willkommen in Skeggie, Abschaum.“ Er hatte sich inzwischen vor ihnen aufgebaut und sie mit einigen abwertenden Blicken gemustert. Gabriel konnte die Härte in dem wettergegerbten Gesicht des Alten erkennen. Er strahlte die Aura von unzähligen geschlagenen Schlachten förmlich aus. „Ich bin Henry und werde die Expedition leiten. Ihr glaubt jetzt vielleicht, von hier aus könnt ihr fliehen, dazu kann ich nur eins sagen: Versucht es! Da draußen im Dschungel überlebt ihr keine zwei Tage und der einzige Weg nach Hause führt über unseren Hafen und hier finden wir euch! Es gibt natürlich immer Unverbesserliche. Wie den da! Ist gerade heute wieder aufgetaucht.“
Er deutete auf eine armselig wirkende Gestalt, die am Rand der angetretenen Männer mit auf den Rücken gefesselten Armen kniete.
„Wir bekommen alle! Und damit ihr seht, was mit Menschen passiert, die versuchen, Wassili zu betrügen…“
Er machte ein merkwürdiges Zeichen mit seiner Rechten, daraufhin setzte sich ein Riese hinter dem Knienden in Bewegung. Gabriel bemerkte den Mann erst jetzt. Noch nie in seinem Leben hatte er einen solchen Muskelberg gesehen. Der Fremde war größer als Kamal und mindestens doppelt so breit. Der Knüppel in seiner Hand wirkte eher wie ein kleiner Baum. Als er neben der verhärmten Gestalt stand, holte er mit beiden Händen aus. Gerade als der Knüppel einen Bogen in Richtung Kopf des Mannes beschrieb, schloss Gabriel die Augen. Nur das schmatzende Knacken gleich einer überreifen Frucht, die platzt, drang zu ihm durch und lies trotz der geschlossenen Augen unschöne Bilder in seinem Kopf entstehen. Kurz nachdem es ein zweites Geräusch, ähnlich einem Sack der auf den Boden fällt, bis an seine Ohren geschafft hatte, ging ein entsetztes Keuchen durch die Menge.
„So das hätten wir geklärt!“
Er öffnete die Augen und starrte bewusst nur in Henry´s Richtung.
„Ihr wisst jetzt, woran ihr seid, morgen nach Sonnenaufgang geht es los. WIR gehen zu einer Tempelruine, IHR geht dort hinein und nehmt mit, was ihr tragen könnt. Sollten die Sachen, die ihr erbeutet, wertvoll genug sein, seid ihr frei. Mehr müsst ihr nicht wissen! Euch wird jetzt euer Schlafplatz gezeigt. Ruht euch aus, ihr braucht Kraft für morgen. Nicht allein eure Freiheit hängt von eurem Erfolg ab.“ Henry wandte sich gerade zum Gehen, als er noch einmal inne hielt.
„Ach ja eine Sache noch!“
Er ging direkt auf Gabriel zu.
„Du! Komm mal raus aus dem Haufen“
Gabriel machte einige unsichere Schritte auf sein Gegenüber zu.
„Hier hast du ein Messer, wenn du es schaffst, mich zum Bluten zu bringen, darfst du gehen!“
„W… wie bitte?“
„Stotter hier nicht rum! Hast mich nicht verstanden, was? Wir zwei kämpfen jetzt gegeneinander. Wenn du auch nur einen Tropfen Blut aus diesem alten Mann quetschst, bist du frei. Jetzt nimm das Messer oder ich ramm‘s dir zwischen die Rippen.
Gabriel nahm das Messer und fragte sich ernsthaft, was das sollte. Er war noch nie Kämpfer gewesen und warum sollte, gerade nach der Vorstellung eben, einer gehen dürfen?
„Na du willst wohl nicht?“
Henry drehte sich um. Das war Gabriels Gelegenheit. Er verstärkte seinen Griff um das Messer, machte einen Schritt auf Henry zu und lies das Messer dann fallen.
„Ha, wusst ich‘s doch, der Junge bekommt morgen die Karten !“
„Aber warum? Ich habe doch nicht gekämpft.“
Henry nickte.
„Eben drum! Du bist ein Feigling, Junge! Und Feiglinge haben ein Talent zum Überleben. Außerdem neigt ihr Feiglinge am wenigsten zum Weglaufen, Karten sind teuer.“
Ihr Nachtlager war wenig mehr als ein Stall mit strohgepolsterten Schlafplätzen. Gabriel, Jamal und Jean hatten sich Plätze nebeneinander gesucht. Jean saß auf seinem Lager und spielte mit seinen Würfeln. Er schuppte Gabriel noch einmal mit dem Fuß an, um sicherzugehen, dass dieser auch wach war.
„Isch könnte misch kaputt lachen. Er ‘at disch einen Feig’ling genannt.“
„Vielleicht bin ich das ja auch! Momentan bin ich jedenfalls ein müder Feigling. Also bitte, Jean!“
„Ach komm schon, lass uns etwas würfeln. Vielleicht kommen wir nie wieder dazu.“
Jamals Stimme grollte durch die Dunkelheit zu den beiden hinüber.
„Jean, wenn du jetzt nicht Ruhe gibst, garantiere ich dafür, dass es dein letztes Spiel wird.“
„Merdé, ihr werdet noch sehen, was ihr davon ‘abt, so ganz ohne Spaß in euren Leben.“
Gabriel musste schmunzeln und glitt kurz darauf endlich ins Reich der Träume ab.
***
Nach einer eher unruhigen Nacht wurden sie mit Ausrüstung bepackt und gingen los. Die Sonne brannte bereits hoch am Himmel, als Henry die Kolonne anhielt.
„Seit Still ihr Nichtsnutze, wir sind fast da! Etwas stimmt nicht“
Gabriel hatte ein ungutes Gefühl. Die ganze Zeit hatte der Dschungel vor Leben vibriert, doch gerade in diesem Moment herrschte Totenstille. Nicht einmal diese Quälgeister von Stechmücken schienen noch da zu sein. Plötzlich spürte er den Boden vibrieren. Diesen Eindruck hatte er während ihres Marsches schon mehrmals gehabt, ihn aber als alberne Angst abgetan. Von diesem Moment an ging alles furchtbar schnell. Etwas Riesiges schob sich hinter Henry durch den Blätterwald und noch bevor dieser reagieren konnte, hatte es sich ihn mit seinem gigantischen Maul geschnappt und schüttelte den Alten, wie ein Hund eine Ratte schütteln würde. Die Männer begannen, panisch davonzulaufen. Kamal stand neben Gabriel, als beide gleichzeitig losliefen. Jean war kurz hinter ihnen und hinter ihm tobte die Bestie. Sie waren kurz vor einigen Urwaldriesen als Jean vollkommen unerwartet einen fallengelassenen Speer aufhob und schallend lachte.
„Lauft weiter ihr Feiglinge, es ist Zeit für ‘elden!“
Gabriel wagte nicht mehr als einen flüchtigen Blick über die Schulter. Doch er sah noch rechtzeitig den Speer am Kopf der Bestie brechen wie einen Zahnstocher und Jean in einer Wolke aus Blut förmlich explodieren, als die Bestie ungebremst durch ihn hindurch raste. Gabriel und Kamal retteten sich hinter zwei der gigantischen Bäume. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Es schlug so laut, dass er glaubte, der ganze Dschungel würde es hören. Gabriel schaute zu Kamal. Der schwarze Hüne stand gute zwanzig Schritt von ihm entfernt. Genau wie er selbst eng an den Baum gepresst. Plötzlich schob sich etwas langsam in sein Blickfeld. Es war das riesige Maul der Bestie, das sich an dem Baumstamm vorbeischob. Nüstern so groß wie seine Faust schnüffelten und bespritzen ihn beim Ausatmen mit widerlichem Sekret. Er fühlte Panik in sich aufsteigen und etwas vertraut Warmes an seinen Beinen hinabfließen. Er wollte sich bewegen. So schnell es geht weglaufen, doch die Angst lähmte ihn. Kamal hingegen ging es anders, er lief schreiend davon. Der Kopf der Bestie schnippte sofort in seine Richtung und nur zwei Herzschläge später nahm sie die Verfolgung auf. Gabriel blieb reglos stehen. Die Bestie und Kamal waren verschwunden. Gabriel wartete fest an seinen Baum gepresst, sich kaum trauend, zu atmen. Wie viel Zeit vergangen war, wusste er nicht. Doch als langsam die Geräusche und das Leben in den Dschungel zurückkehrten, konnte auch er sich aus den fesselnden Klauen seiner Angst befreien. Er schaute sich um. Überall lagen Körperteile und Innereien verteilt. Er fand sogar den zerbrochenen Speer Jean’s und direkt daneben zwei Würfel. Trotz der bizarren Szenerie musste er lächeln.
„Jean, du warst vielleicht wahnsinnig mutig, aber beim Würfeln wie immer eine Niete. Mal wieder nur ein Einserpasch.“
Die Szenerie wirkte so bizarr und fern. Er stand als einziger Überlebender inmitten dieses Massakers und wusste nicht genau, was er fühlen sollte. War es der Schock, der ihn so abgestumpft reagieren ließ? Oder doch eher die brennende Frage, wie es nun weiter gehen sollte. Konnte er mit leeren Händen zurück nach Skeggie? Gabriel setzte sich zwischen die Reste von Jean und durchdachte seine Möglichkeiten.
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