Die Halle der Sühne war die größte der Gebets- und Messehallen innerhalb der Kathedrale der drei Sonnen. Einstige Bänke mit Ornamenten und Haltestriemen aus Messing und Holzverschlägen wurden ausgetauscht mit Marmorbänken, gepolstert mit purpurfarbenen Sitzkissen. Links und rechts der endlos erscheinenden Reihen von Sitzgelegenheiten schmückten Tischen mit feinsten Decken bestückt und gefüllt mit Speis und Trank, welche das Fünf-Fache der Pilger, Gläubiger, Einwohner, Gangmitglieder und Sekten-Leute hätte sättigen können. Die Halle war jedoch nicht nur voll mit Menschen der Makropole. Zwischen den Sitzreihen und am Buffet standen die Sklaven der III. Legion entweder nackt oder in violetten Stoffen gehüllt, die jedoch so durchsichtig waren, dass die Kleidung unnötig wirkte. Diese schönsten Frauen und Männer der Sklavenschar wurden unterstützt von Dämonetten, die für die Augen der einfachen Menschen wie die schönsten Geschlechter der Menschheitsgeschichte aussahen. Nur die Space Marines und Mitglieder der Legion sahen ihre wahren Gestalten. Weihrauchpfannen speihten feinste Düfte aus, süßlich und schwer und begannen die Sinne und den Verstand eines jeden zu benebeln, der es nicht gewohnt war. Auf dem erhöhten Podest für die Abte und Bischöfe waren vier Sakrophage in Gold aufgestellt in Form eines weiblichen Menschen. Diese Konstrukte wirkten eher wie das Folterinstrument “Die eiserne Jungfrau” als Sakrophage. Mehrere Slaanesh-Dämonen spielten Harfe an ihren menschlichen Instrumenten, was für die Makropolbewohner jedoch wie feinste Gold-Harfen aussahen. Die Gäste aus der Stadt sahen fertig aus: teils ausgemergelt, müde und energielos, manisch oder auch gebrochen. Doch in den Augen lag etwas, etwas, womit man arbeiten konnte: Hoffnung.
Zuerst betraten die in Servo-Rüstungen gehüllten Krieger der Legion die Halle und flankierten die Menschen. Jene, die vielleicht gekommen waren, um eine Revolte anzufangen, waren spätestens jetzt eingeschüchtert. Dann betraten Invidahn - Verkörperung des Neids, Delec’Taron, Verkörperung der Lust, Des’Sidu, Verkörperung der Faulheit und Voracit, Verkörperung der Gefräßigkeit und Völlerei das Podium und stellten sich jeweils neben einem der Sakrophage. Ihre imposanten Gestalten, nochmal mehr als die der anderen Marines zu den Seiten der Halle, ließen viele Augen aufleuchten. “Ich grüße euch, Bewohner von Ferrus Magna.”, ertönte dann mit einem lieblichen Ton eine Stimme. Diese war so laut gesprochen, dass selbst die hintersten Reihen sie vernahmen und sämtliches Getuschel und Gerede zwischen den Bewohner nun in wahre Stille verwandelte. Decius, Verkörperung des Stolz, trat an das Rednerpult, wo einst Pontius VIII. seine Monologe führte. Die goldene Rüstung, das unnatürliche feuerrote Haar und das perfekte, symmetrische und schöne Gesicht des Dämonenprinzen erstrahlte die Halle. “So viele Seelen, die in schlimmsten Zeiten hierher gefunden haben. Das lässt mein Herz frohlocken. Doch könnte ich glatt in Tränen ausbrechen. Nicht, um über euch und euren Anblick zu weinen. Nein, sondern weil ihr belogen wurdet. Belogen über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte nein sogar Jahrtausende. Man sprach euch ein, mit Verzicht, hartem Arbeiten und Fleiß würde euch das goldene Licht begleiten und der Schutz des Imperators auf euch liegen. Doch seht nur, wo euch das hin brachte: ausgebeutet. Ausgehungert. Zu Boden getreten. Vergessen und verlassen. Und selbst jetzt, wo Krieg nach Ferrus Magna gekommen ist, wo ist der Imperator? Wo sind seine Diener, um euch zu schützen? Wo ist sein goldenes Licht und wo ist seine Gerechtigkeit? Hat jemals einer von euch etwas von ihm gehört? Seine Stimme oder ein Zeichen vernommen?” Erst schwiegen die Massen. Dann begannen die ersten zu tuscheln, was langsam in lautes Gerede umschwankte. Man rief Zustimmungen für den Redner aus und der Mob wurde wütender und verstärkt in ihrer und schlimmer noch, Decius Meinung. Dann jedoch wurde die Masse unterbrochen, als eine laute, männliche Stimme irgendwo in den Reihen rief: “Aber die Engel des Todes sind gekommen! Seine Truppen sind hier!”
“Ja.”, bestätigte Decius. “Verkrochen im Raumhafen. Und was machen sie da? Retten von Relikten, Nahrung und Ressourcen, die EUCH gehören. Sie retten nicht EUCH, sie retten nur Material. Und ihr gehört nicht dazu. Sicher, auch hier in der oberen Makropole wurden schon welche gesichtet. Aber was machen sie? Holen sie euch und bringen euch zum Raumhafen? Geleiten sie euch oder schützen sie euch? Nein, auch sie lassen euch hier krepieren!” Und wieder Zustimmung aus dem Publikum. Gleichzeitig wurde der Zweifler von zwei schönen Damen flankiert, die ihm Dinge flüsternd in die Ohren hauchten und sich an seinen Körper schmiegten, ihn damit zum Schweigen brachten. “Doch verzagt nicht, meine Kinder. Denn WIR sind hier. Wir hörten eure Klagen. Eure Sorgen und Ängste. Wir spürten eure Wut und eure Resignation. Wir sind sofort zu euch gekommen. Wir und unser Gott interessieren sich für euch. Doch warum haben wir euch nicht evakuiert, fragt ihr euch? Weil wir euch brauchen. Denn IHR seid die Stimme der Menschheit und EURE Taten sprechen mehr als unsere.” Die Menge schaut fragend und tuschelt ebenso verwirrt, bis eine mutige Seele sprach: “Was wollt ihr von uns?” Decius lächelte, was sein hübsches Gesicht in ein siegreiches mit voller Stärke und Selbstvertrauen verwandelte. “Jeder Gott will, dass seine Anhänger sich beweisen. Und das sollt auch ihr. Doch was ist die Belohnung? Zuerst einmal Speis und Trank, aber auch Frauen und Männer. Ihr sollt wissen, dass wir uns um euch kümmern. Genießt den Tag, esst und vergnügt euch, wie ihr es noch nie getan hattet. Wir halten euch nicht zurück, wir legen euch keine Ketten an oder zwingen auf Zölibat und Verzicht. Und dann kämpft für uns, mit uns. Erobert eure Stadt zurück und werdet am Ende belohnt. Denn auch ich war einst wie ihr, menschlich. Ein einfacher Abt. Bis ich die Lügen des Imperiums erkannte und verstand, dass ich die Geister der Massen mit diesen Lügen vergiftete. Dann wurde ich ein Halbgott durch die Legion.” und er zeigte auf die Space Marines. Dann auf sich. “Und schließlich wurde ich belohnt mit dem größten Geschenk: Unsterblichkeit. Göttlichkeit. Und IHR ALLE könntet das erreichen. Ihr könnt ausbrechen und MEHR werden. Aber nur, wer sich beweist. Wollt… ihr… euch… beweisen? Dann stellt euch an unsere Seite und begrüßt euren neuen Gott: Slaanesh!”
Die Massen riefen seinen Namen und begannen, über das Buffet her zu fallen. Andere wurden mit Gold und teuren Schmuck gelockt. Wieder andere zogen sich aus und genossen die Fleischeslust mit den Sklaven, anderen Pilgern oder den Dämonetten. Nochmal andere verzogen sich in dafür eingerichtete Ecken mit Kissen und Wasserpfeifen, ließen Opioide und andere Drogen in ihre Körper fließen. Vor den Augen Decius begann der Exzess zu wachsen. Und er würde weiter wachsen und seinen Höhepunkt und schlimmere Taten erst viel später am Abend erreichen. Er drehte sich herum und grinste, trat an einem der Sarkophage heran. Er öffnete eine Scharniere und drehte eine Klappe auf. Dadurch wurde das Gesicht des Gefäß geöffnet, dahinter ein Glasfenster. In diesem Sarkophag befand sich Pontius VIII. Er war gefesselt und geknebelt und in eine Nährlösung getaucht. Die Augenlider wurden entfernt, der Kopf fixiert, damit er sich das Ganze ansehen musste. Decius rückte mit seinem Kopf ganz nah an das Fenster. “Danke, Erzbischof. Ihr habt die Massen aushungern und verrotten lassen. Euer ganzes Leben lang habt ihr sie indoktriniert und mit Lügen beschmutzt. Und an nur einem Tag habe ich die brüchige Fassade eingerissen und ihren Glauben neu definiert. Denn man kann Loyalität und Glauben kaufen. Und ihr habt es möglich gemacht. Seht, wie eure Kinder verderben. Seht euer Versagen.” Pontius zitterte am ganzen Körper. Er versuchte, sich mit aller Kraft zu winden und zu bewegen, aber es klappte nicht. Decius ging an seinen Mitstreitern des Court of the 6 Cardinal Sins vorbei. “Die Apothecari brauchen neue Ingredienzien. Erntet ihn und seine 3 Anhänger, wenn sie so weit sind. Und bereitet unsere neuen Kultisten vor. Kleidet sie, bewaffnet sie. Sie sollen für uns als erster Schild sterben. Und vielleicht beweisen sich ja wirklich welche. Haltet wie immer die Augen für solche Individuen offen.”
Der Abend war lang und wollte nicht aufhören. Pontius musste mit ansehen, wie alles, was er aufbaute in nur Stunden zerrissen wurde. Und da passierte es: sein Glaube brach. Hoffnung erlosch. Ein Space Marine erkannte den Zeitpunkt, an dem nun endlich auch der alte Erzbischof aufgab. Seine anderen Anhänger waren schon vorher am Ende. Er drückte einen Knopf und die Flüssigkeit im Inneren des Sarkophags wurde abgesaugt. Dann schnellten überall außer im Kopfbereich schraubenartig geformte Stangen mit ebenso schraubenartigen Windungen vor und hielten überall da, wo sie Kontakt mit Haut herstellten an. Dann erst begannen sie, sich zu drehen und langsam weiter vorzudringen, sodass sie sich in schneckenhafter Langsamkeit sich in das Fleisch des Mannes bohrten. Für ihn und seine letzten Anhänger starb die Hoffnung. Als er voller Schmerz aufschrie, begannen die Noise Marines auf dem Podium mit hohen und tiefen Tönen Gitarren- und Bassgeräusche zu machen. Gleichzeitig spielten Sklaven an Trommeln einen schnelleren Takt ein und die Schmerzensschreie des Pontius VIII. erfüllten als Gesang die Halle. All dies geschah, während unmöglich zu zählende Massen an Menschen sich dem völligem Exzess aus Lust, Folter, Hunger und Genuss hingaben. Diese Nacht wurde von den Einwohner als “Nacht des Erwachens” getauft und die Pale Angels hatten, was sie brauchten: billiges Fleisch, das im Namen Slaaneshs sterben durfte, gegen die Loyalen und Xenos, welche die Pläne der Warband durchkreuzen könnten.