Questritter- Das Leben des Jerome de Montfort

Chuckchuck

Testspieler
Fein, echt spitze die Geschichte, es kommt immer mehr "Tiefe" rein, bitte weiter so und lass mich nicht zu lange warten ;)
 

Scaevola

Codexleser
Vielen Dank für eure zahlreichen Kommentare und das Lob.

Derzeit fällt mir aufgrund verschiedener Dinge das Schreiben sehr schwer. Ich hab aber wieder einen etwas längeren Abschnitt zustande gebracht. Viel Spaß damit ;)
 

Scaevola

Codexleser
4.11 Bousquet

Der Wettergott meinte es offenbar nicht gut mit ihnen, denn der Schneesturm schien nicht nachzulassen. Im Gegenteil, wenn das möglich war, dann war der Wind noch eisiger und schneidender, als in den letzten Tagen. Seit zwei Tagen, die Bertrand wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, ritten sie nun gen Süden. Und das Wetter verfolgte sie mit unbarmherziger Härte. Wenigsten war der Boden gefroren, weshalb sie einigermaßen gut vorankamen.

In ihre Mäntel gehüllt, ein dürftiger Schutz gegen die Kälte, ritten sie schweigend vorwärts. Einzig die Dampfwolken aus ihren Mündern, und den Nüstern der Pferde vor ihren Augen waren eine Abwechslung zur einseitigen Monotonie. Schneebedeckte Wege, schneebedeckte Bäume und Sträucher, schneebedeckte Hügel. Die Ruhephasen in den kümmerlichen Dörfern und Weilern, waren nur zu Beginn eine Wohltat. In den zugigen Stuben prasselte zwar stets ein Feuer, welches die gefrorenen Knochen wieder erwärmen konnte. Doch der unverblümte Wechsel in eine in Winterstarre liegende Landschaft mit entsprechenden Temperaturen, war jedes Mal, wie ein Schlag in das Gesicht. In dem letzten Gasthaus, sofern ein derart kümmerliches Etablissement eine solche Bezeichnung, hatten sie nach der restlichen Wegstrecke nach Perrache, dem nächsten größeren Ort gefragt. Zwei Tage, war die Antwort des unterwürfigen Wirtes gewesen. Ein Auskunft, die Bertrand mehr erschaudern ließ, denn die eiskalten Fänge des auffrischenden Windes. Die Vorstellung, noch zwei weitere Tage in diesem Wetter zu reiten, behagte dem jungen Knappen ganz und gar nicht.

Noch dazu, wo sein Herr Jerome de Montfort noch wortkarger war, als sonst. Seit sie Montlac verlassen hatte, war die Stimmung ihrer Gruppe noch mehr gesunken. Jerome de Montfort hatte am Nachtlager nach Montlac nur festgestellt, dass ihre Queste noch nicht beendet war, und sie weiter nach Süden reiten mussten. Und Reynald war genauso unausstehlich wie sonst.
Nein, Bertrands einzige Hoffnung lag im gefrorenen Boden. So lange es so kalt war, konnten ihre Pferde schnell vorankommen.
Somit hat die Kälte auch etwas Gutes, dachte Bertrand leicht säuerlich.
„Diese Fährte“, sagte Jerome unvermittelt und durchbrach damit die Stille, die so lange geherrscht hatte. Er zügelte Tourbillon, seinen mächtigen Streithengst, und blickte auf den mit Schnee und Eis verkrusteten Boden. Bertrand führte sein eigenes Reittier Hirondelle näher heran und blickte auf die bezeichnete Stelle. Mehre Spuren führten in Richtung Süden zu den nahen, bewaldeten Hügeln und kreuzten so ihren eigenen Weg.
„Was ist denn?“, fragte Reynald gereizt.
Bertrand zeigte wortlos auf die Fährte.
„Und?“, erwiderte Reynald, der sich nicht geschlagen geben wollte. „Hufspuren, eine Herde Rotwild, auf der Suche nach neuen Futtergründen im Süden. Das ist nichts Ungewöhnliches.“
„Hirschspuren vermischt mit den Abdrücken von Wildschweinen?“, konterte Bertrand.
„In einem strengen Winter kann es schon vorkommen, dass sich unterschiedliche Wildarten auf der Futtersuche vereinigen“, parierte Reynald, der dieses Wortduell sichtlich genoss.
„Seht Euch die Hufspuren genauer an“, antwortete Bertrand und zeigte mit Nachdruck auf die Fährte, ein Knäuel aus unterschiedlichsten Abdrücken. „Da ist nicht eine Spur mit zwei Paar-Abdrücken. Entweder haben diese Tiere gelernt, auf ihren Hinterbeinen zu gehen, oder es sind…“
„Tiermenschen“, vervollständigte Reynald den Satz und sein Gesicht bekam dabei einen entschlossenen Ausdruck.

Jerome nickte nur, und gab Tourbillon die Sporen. Die beiden Anderen folgtem ihm in scharfem Tempo. Die Hufe ihrer Pferde wirbelten Schnee auf, knirschend flogen sie über die Ebene, den Hügeln entgegen. Bertrand wurde zunehmend unruhig. Tiermenschen in solch einer großen Herde konnten nur eines bedeuten.
Sie waren auf der Jagd.
Weitere eindeutige Spuren stießen zu der Hauptfährte, wodurch sich die Anzahl der Feinde nun fast verdoppelte. Doch Bertrand achtete nun weniger darauf, und wappnete sich für den kommenden Kampf. Tourbillon flog förmlich einem sanften Tal zwischen zwei niedrigen Hügeln entgegen, der Fährte ihrer Feinde nach. Reynalds Belemnitè und Bertrands Hirondelle, der auch das Packpferd mit sich führte, hatten Mühe, ihm zu folgen.

Vor sich hörte Bertrand, über das Schnauben der eigenen Pferde bereits den charakteristischen Klang eines Kampfes. Jerome de Montfort ritt zwischen einer schneebedeckten Buschreihe hindurch, dass der Schnee nach allen Seiten staubte, und fand sich plötzlich in einem tödlichen Gefecht wider.
Mindestens drei Dutzend Tiermenschen strömten von den Flanken der beiden Hügel auf eine Gruppe von Reitern, die erbittert um ihr nacktes Überleben kämpften. Mehrere Tote Pferde und drei menschliche Leichen lagen auf der eisbedeckten Erde und erkalteten ebenfalls. Auch wenn die Klingen der gerüsteten Bretonen unter den Tiermenschen ebenfalls schon Opfer gefordert hatten, war doch ersichtlich, dass dieser Kampf eindeutig zu Ungunsten der Menschen enden würde.

„Für die Herrin vom See!“, rief Jerome de Montfort mit Mark und Bein durchdringender Stimme und zog Oriflammè, dessen Klinge hell in der Wintersonne aufleuchtete. Dann gab der hünenhafte Ritter seinem Pferd die Sporen und stob auf die feindliche Horde zu. Reynald zog Durendal, die Klinge seiner Familie und folgte ihm unmittelbar. Bertrand ließ die Zügel des Packpferdes los und zog sein eigenes Schwert.
Im Kielwasser von Jerome de Montfort stürmten sie auf die bedrängten Menschen zu. Kleinere Ungors, mit Stummelhörnern auf ihren zu hässlichen Fratzen verzogenen Schädeln, wurden mitleidlos untern den Hufen zertrampelt, sofern sie sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachten. Bertrand schlug nach links und rechts aus, sein Schwert tauchte oft genug durch die Deckung seiner Gegner, da er den Vorteil einer erhöhten Position hatte. Weitaus höheren Blutzoll forderten Durendal und vor allem Oriflammè, das von der Herrin vom See gesegnete Schwert. Die konkav gewölbte Klinge fuhr durch die Tiermenschen, als würde sie durch Butter schneiden. So schlugen und hackten sich die drei ihren Weg zu der bedrängten Gruppe. Doch für jeden Tiermenschen, den sie fällten, schienen zwei weitere an dessen Stelle zu treten. Sie waren noch über ein Dutzend Schritte von den anderen Reitern entfernt, und ihr Vorstoß war nun erheblich verlangsamt worden.

Die Tiermenschen erkannten dies nun ebenso und drängten näher heran. Mächtige Gors schoben brüllend ihre kleineren Vettern zur Seite, um der neuen Bedrohung durch Jerome, Reynald und Bertrand, schnellstmöglich zu begegnen. Bertrand sah in ein wogendes Meer aus Tierschädeln, Hirsche, Elche, Wildschweine, Ziegen. Doch ihre bösartigen Augen und die raubtierartigen Fänge ihres Gebisses hatten wenig gemein mit den friedlebenden Pflanzenfressern. Für einen Moment überkam Bertrand eine instinktive Furcht, da er solchen Bestien gegenüberstand. Doch dann blickte er auf seinen Herrn, Jerome de Montfort, der unbeeindruckt wie ein Turm in der Brandung stand und jede Angriffswelle mit mächtigen Hieben seines Schwertes abschmetterte. Dennoch, die schiere Masse der Angreifer schien sie auf Dauer zu überwältigen.

Da kam plötzlich Bewegung in die feindliche Horde.
Ermutigt durch ihr Eingreifen, setzten sich die bedrängten Reiter in Bewegung. Die Tiermenschenhorde hatte sich der offensichtlichen Bedrohung durch Jerome de Montfort und seine beiden Gefährten zugewandt und fand nun auf sehr eindringliche Art und Weise heraus, dass man einem unbesiegten Feind niemals den Rücken zukehren sollte. Pferde wieherten, Lanzen brachen und Schwerter schwangen auf die Häupter der Kinder des Chaos nieder. Die Tiermenschen johlten vor Schmerz und Angst, da sie sich nun in einem Schraubstock wiederfanden, aus dem es nur durch behände Flucht einen Ausweg gab.
„Für die Herrin vom See“, rief Jerome de Montfort und führte Oriflammè unter die verunsicherte Schar der Gegner.
„Für die Herrin!“, wiederholten die bretonischen Landsleute, die sich weiter ihren Weg durch die feindliche Horde bahnten.

Die Moral ihrer Feinde war gebrochen. Die größeren Tiermenschen stießen ihre kleineren Artgenossen zur Seite und wandten sich eiligst zur Flucht.
Bertrands Schwertarm fühlte sich wie taub an. Er versenkte gerade sein Schwert in einem fliehenden Mutanten, dessen Kopf das Zerrbild einer Ziege war, und dessen Hufe nie wieder den heiligen Boden Bretonias besudeln würden. Und dann sah er ihn.
Der Häuptling der Herde stand an der Böschung eines der beiden Hügel und sah seine Horde fliehen. Er streckte seine Waffe aus, eine gewaltige, krude Doppelaxt aus Stein und schrie in den wolkenbedeckten Himmel seine gesammelte Frustration. Es war ein Kriegsruf, der Bertrand durch Mark und Bein ging. Der Häuptling war eine furchteinflößende Erscheinung, sein menschlicher Oberkörper und die Arme waren über und über mit Sehnen und Muskeln bepackt, ja er konnte es in seinen Ausmaßen durchaus mit dem hünenhaften Jerome de Montfort aufnehmen. Sein Kopf war der eines Widders, nur dass Bertrand in seinem ganzen Leben kein besagtes Tier gesehen hatte, dass über solche gewaltigen Hörner und einem gleichermaßen massiven Schädel verfügt hätte. In den tiefschwarz funkelnden Augen des Häuptlings lag eine boshafte Intelligenz, die Bertrand förmlich zu fixieren schien. Die Aura von Macht und Brutalität, die von dieser Kreatur ausging, war beinahe greifbar. Die fliehenden Tiermenschen machten einen Bogen um ihren Anführer, bevor sie in den Büschen verschwanden.
Der Häuptling warf einen letzten Blick auf die Menschen und verschwand dann ebenfalls. Als er sich zum Gehen wandte, sah Bertrand etwas, dass ihm seltsam vorkam. Er glaubte auf der linken, muskulösen Brust des Tiermenschen einen Schönheitsfleck zu sehen, der ihn seiner Form an ein Kleeblatt erinnerte. Doch dann war die alptraumhafte Erscheinung samt seiner Horde verschwunden und übrig blieb nur die traurige Realität eines Schlachtfeldes.

Ein Ritter, dessen Rüstung und Kettenhemd einige Blessuren, und dessen Schild zahlreiche Scharten aufwies ritt heran und klappte sein Visier auf. Darunter gab ein schweißgebadetes, gerötetes Gesicht eines alternden, rüstigen Kämpen zum Vorschein.
„Mein Name ist Baron Benoit de Bosquet“, stellte sich der Ritter vor. Bertrand konnte sich ein Schmunzeln gerade noch verkneifen, zeigte das Wappen auf dem Schild doch einen hellgrünen Baum auf weißem Hintergrund. „Ich danke euch allen, für euer beherztes Eingreifen, werte Herren.“
„Es war uns eine Ehre und eine Pflicht“, sagte Reynald le Durie vorschnell. Bertrand bedachte ihn mit einem vielsagenden Blick. Wäre es nach dem jungen Ritter gegangen, dann hätte diese Reitergruppe wohl ein grausames Ende gefunden. Reynald sah diesen Blick glücklicherweise nicht und konnte Bertrands Gedanken auch nicht erahnen.

„Erlaubt mir, euch unseren Herren vorzustellen“, sagte Reynald stattdessen. „Dies ist Sir Jerome de Montfort, der Schwertträger des Herzogs von Montfort. Mein Name ist Reynald le Durie, ein fahrender Ritter in den Diensten des edlen Jerome de Montfort. Und dieser Bursche hier ist sein Knappe Bertrand.“ Im letzten Satz schwang ein Hauch von Geringschätzung gepaart mit hochnäsiger Überlegenheit mit, wie Bertrand leicht säuerlich feststellte.
„Habt nochmals Dank für euer Eingreifen“, sagte Baron Benoit und richtete seinen Blick dabei auf die beiden Ritter.

Bertrand fand sich fatalistisch damit ab, dass der Baron ein typischer bretonischer Adeliger war, für den Menschen aus dem gemeinen Stand oft nur Luft waren. Selbst wenn sie einem das Leben retteten.
Der Baron reichte zuerst Jerome, dann Reynald die Hand, die beide mit dem Gruß eines Kriegers erwiderten, indem sie sich gegenseitig den Oberarm umfassten.
„Wir sollten jetzt rasch aufbrechen“, sagte der Baron abschließend.
„Und diese Tiermenschen?“, fragte Reynald verwundert, dessen Kampfeslust offenbar noch nicht versiegt war. „Mit vereinten Kräften sollten wir sie doch vernichten können.“

Baron Benoit sah den jungen Ritter an, und Bertrand glaubte in dessen Blick einen Anflug von Furcht zu erkennen.
„Lasst uns die Toten rasch bestatten und dann gen Süden reiten, damit wir die nächste Herberge noch vor Einbruch der Nacht erreichen. Denn diese Horde Tiermenschen verfolgt und setzt uns zu, seit wir von meiner Burg aufgebrochen sind. Und außerdem-“
Ein Reiter löste sich aus der Gruppe und kam näher. Mit vor Staunen geweiteten Augen erkannte Bertrand nun, was er in der Hitze des Gefechts so nicht registriert hatte.
„Und außerdem sind wir nicht nur Männer, die des Kriegshandwerks kundig sind“, sagte der Baron und zeigte auf die Person, eine zierliche Gestalt, die auf einem edlen Zelter ritt. Nicht im Herrensattel, sondern auf eine andere Art und Weise, die für Personen ihres Geschlechts als sittsamer angesehen wurde.
„Erlaubt euch meine Tochter vorzustellen. Die Erbin von Bosquet, die Lady Yoanne.“
Jerome de Montfort verbeugte sich in seinem Sattel, und Reynald und Bertrand taten es ihm nach.
„Ihr habt Recht, werter Baron“, sagte der hünenhafte Ritter und ergriff damit erstmalig das Wort. „Wir bestatten die Toten und brechen dann nach Süden auf.“
Bertrand nickte. Sogar er, ein Knappe aus dem Stand der Gemeinen verstand, dass eine so zarte Dame nicht für ein Schlachtfeld und diese eiskalte Wildnis geschaffen war. Und schon gar nicht, wenn ein so furchtbarer, unerbittlicher Feind in der Nähe lauerte.
 

Scaevola

Codexleser
Sorry Leute, dass ich euch wieder mal vertrösten muss.

Derzeit habe ich einen Hänger + Stress im Leben. Aber heute hab ich meinen freien Tag, und setze mich vor den Laptop um die Geschichte weiter zu führen. Also, bald wird es weitergehen
 

Scaevola

Codexleser
So genug geheult, liebe Hyänen, es geht endlich weiter ;)

Es war ein hartes Stück Arbeit, diesen Textabschnitt zu verfassen. Hoffentlich geht es in Zukunft wieder leichter von der Hand
 

Scaevola

Codexleser
4.12 Makel

Die Wachen am Tor waren hartgesottene Kerle, die keinerlei Pardon kannten, Doch die jämmerliche Gestalt, die sich ihnen auf einem dahin trottenden Maultier näherte, entlockte ihnen doch ein Lächeln. In einen klatschnassen Umhang gehüllt, hing diese Gestalt mehr schlecht als recht im Sattel. Das Maultier wieherte ausgiebig, und die Gestalt fiel den beiden Wachen vor die Füße. Eine der Wachen streckte die Hand aus und half dem bedauernswerten, triefenden Bündel wieder auf die Beine. Schnaufend kam die Gestalt hoch und entpuppte sich als ein Mann mit krummen Rücken, der diesen stöhnend aufrichtete.

Wäre der nasskalte Schneeregen nicht gewesen, dann hätten die beiden Wachen und der Ankömmling vielleicht das Panorama bewundert. Burg Belvoir verdankte ihren Namen der atemberaubenden Aussicht und bewachte auf einem Hügel thronend ein fruchtbares Tal, das sich noch viele Meilen hin in das Herz des Grauen Gebirges zog und dabei auf beiden Seiten von einigen der mächtigen Gebirgsketten des Grauen Gebirges flankiert wurde, und an steil aufsteigenden Felswänden schließlich endete. Der schroffe, von einigen verkrüppelten Nadelbäumen bewachsene Hügel war ein Vorsprung dieser Ketten, doch im Vergleich zu seinen eindrucksvollen Vettern wirkte er geradezu schmächtig. Dennoch war der Aufstieg zur Burg ein hartes Stück Arbeit, dass seinen Tribut forderte. Ein Beweis dafür war der heftige Atem der Gestalt, der stoßweise in die feuchte, kalte Luft aufstieg. Im Hintergrund ragten die Umrisse der hohen Berge in den Himmel, stumm und ohne Anteilnahme am Schicksal der Menschen.
„Was führt Euch hierher?“, fragte die eine Wache.

Der Ankömmling beugte sich vor und hielt die Hand nach oben, weil er immer noch außer Atem war.
„Nun kommt schon, wir haben in diesem Unwetter nicht ewig Zeit“, sagte die Wache und stieß die Gestalt verärgert von sich. Der Stoß, obwohl nicht mit voller Stärke, brachte den Fremden aus dem Gleichgewicht und ließ ihn erneut in die Pfütze fallen. Ein Anblick, der beide Krieger erneut in Gelächter ausbrechen ließ. Die eine Wache beugte sich hinab und zog die bemitleidenswerte Gestalt wieder auf die Beine.
„Also, nennt euren Namen und den Grund eures Besuchs“, sagte er, wobei er den Arm seines Gegenübers nicht los ließ sondern den Druck sogar ein wenig verstärkte, um sein Argument zu untermauern. Derart gefragt, blickte die Gestalt hoch und zog artig die Kappe vom Kopf. Dabei klirrten zahlreiche Schellen, die an den Enden befestigt waren.

„Mein Name ist Blondel und ich bin ein fahrender Hofnarr und Sänger, zu euren Diensten“, sagte Blondel und verbeugte sich tief und hofartig.
„Und wie wollt ihr beweisen, dass ihr seid, was ihr behauptet?“, fragte die zweite Wache misstrauisch und näherte sich, wobei ihre Hand den Speerschaft fester umklammerte.
„Ganz einfach!“, sagte Blondel und schlug den Umhang zur Seite, sodass sein buntes Kostüm und eine Laute zum Vorschein kamen. Mit geübten, und dennoch klammen Fingern schlug er die Saiten an und begann zu singen. „Die Ballade vom Drachentöter“ war ein im ganzen Land bekanntes Lied. Von Lyonesse bis Parravon, von Couronne bis Carcassonne kannte jeder Adelige und Bauer die drei Strophen, welche von einem edlen Ritter handelten, der die Geißel des Grauen Gebirges, einen gewaltigen Drachen, suchte und schließlich unter Aufbietung all seiner Kräfte besiegte. Hell drang seine klare Stimme durch den stillen Winternachmittag, begleitet von der Melodie, eng umschlungen wie zwei Liebende, welche die Kälte von sich abhalten wollten.

Von einem Fenster, das einsam und alleine hoch oben in die Mauer eingelassen war, drang eine zweite Stimme heraus und fiel in das Lied ein. Gemeinsam mit Blondel ergab es einen lieblichen Chor, der schließlich mit dem letzten Ton der Melodie endete.
„Wer ist denn das? Er soll sich zu uns gesellen, damit wir ein zweites Lied spielen“, forderte Blondel sichtlich verzückt.
„Das wird nicht geschehen, denn er ist unser …“, antwortete die eine Wache.
„-Unser Gast, der unserer besonderen Pflege bedarf“, unterbrach ihn rasch der zweite Soldat und sah seinen Kameraden streng an. Dann wandte er sich an Blondel. „Ihr dürft passieren! Willkommen auf Belvoir. Spielt heute Abend so gut wie jetzt, und unser Herr wird sich erkenntlich zeigen.“

Es war tiefe Nacht und es schneite immer noch, als Blondel sichtlich betrunken in den kalten, spärlich beleuchteten Innenhof torkelte, begleitet vom rauen Gelächter amüsierter Burgbewohner. Sir Velos, der Herr von Burg Belvoir war ein vierschrötiger Geselle, dessen Wesen dem abweisenden Charakter seiner trutzigen Feste entsprach. Blondel wankte, sich schwer auf seinen Stab stützend, zu den Ställen, wobei er ständig etwas von seinem Maultier murmelte. Die Burgbewohner sahen ihn in dem Gebäude verschwinden und erinnerten sich dann daran, dass die Nacht kalt und das Fest im Saal noch immer weiterging. Lautes Gelächter trug ein Weiteres dazu bei, dass sie rasch wieder in die Burg eilten, um sich ihren Saufkumpanen anzuschließen.

Kaum war Blondel unbeobachtet und im Inneren des Stalls, fiel die Trunkenheit schlagartig von ihm ab. Graf Adalbert, in Montfort auch Blondel genannt, ging zielsicher zu seinen Satteltaschen. Mit flinken Fingern holte er ein Seil hervor und knotete es an seinem Stab fest. Dann entledigte er sich seines Narrenkostüms, der Kappe mit den Schellen und tauschte sie gegen einfache, braune Kleidung. Als alles zu seiner Zufriedenheit erledigt war, spähte er vorsichtig in den Innenhof und verschwand schließlich im Dunklen.

Die Außenmauer von Burg Belvoir erhob sich hoch in die Dunkelheit. Beinnahe sieben Ellen hoch, wurde sie noch dadurch verstärkt, dass der Felsen an den meisten Stellen schroff und senkrecht herab fiel. Kein Angreifer hatte es je versucht, an dieser Stelle die Festung zu attackieren, da es ein offensichtlich sinnloses Unterfangen war. Dementsprechend befand sich die Wachmannschaft auch beim sensibleren Burgtor. Außerdem hatte es den Vorteil, dass man durch die Schießscharten der weitaus wärmeren Wachturms ein Auge auf sich nähernde Personen haben konnte. Doch wer sollte um diese Zeit und bei diesem Wetter so tollkühn sein, und sich im Freien aufhalten?

Adalbert/Blondel dankte den Göttern dafür, dass das Wetter so war, wie es war. Schnell klemmte er den Stab zwischen zwei der mächtigen Zinnen der Außenmauer und ließ das Seil hinab. Mit festem Griff schwang er sich in das bodenlose Dunkel hinab und begann seinen Abstieg. Das Seil war verknotet um ihm besseren Halt zu geben. Doch in der kalten Nacht wurden seine Finger rasch klamm und der Wind ließ ihn hin und her baumeln. Unter Aufbietung seiner Kräfte kletterte Adalbert so rasch hinab, wie es ihm seine eigene Sicherheit erlaubte. Er konnte den Boden in der Dunkelheit nicht sehen, aber man musste kein Narr sein, um sich zu denken, was bei mit ihm beim geringste Fehler passieren würde. Graf Adalbert lächelte über dieses Gedankenspiel und machte sich dann wieder mit voller Konzentration ans Werk.
Eiskalter Wind pfiff ihm durch die Ohren, und das Seil schnitt sich in die langsam taub werdenden Finger. Adalbert wusste, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er das Gitter. Mit vor Kälte zitternder Hand fasste er die eisernen Stäbe an. Zweimal stieß sein Fuß ins Leere, dann fand er die Schlaufe und bekam so einen sicheren Stand. Langsam kam Adalbert wieder zu Atem und schließlich konnte er ohne Keuchen in das Dunkel der Zelle hinein rufen.

Ein Gesicht erschien am vergitterten Fenster, blass und ausgezerrt. Aber trotz der widrigen Umstände konnte Adalbert darin Sir Wilguric erkennen, den gefangen genommenen Sohn des Herzogs Folcard von Montfort. Sir Wilgurics Gesicht zeigte trotz der Dunkelheit deutlich sichtbare Spuren seines Martyriums als Gefangener. Die Frisur war zu einer zotteligen Mähne verkommen, verfilzt und verdreckt.
„Sir Wilguric?“, fragte Adalbert, um auf Nummer Sicher zu gehen.
„Ich bin es“, antwortete dieser mit gebrochener Stimme. „Träum oder wach ich? Oder ist dies nur ein weiterer übler Scherz meine Kerkermeister?“
„Dies ist wahr, kein Traum. Und nicht eure Feinde haben mich gesandt, sondern die, welche auf Montforts Seite stehen.“
„Seid Ihr etwa gekommen, um mich zu befreien?“, fragte Wilguric und Adalbert konnte den Anflug verzweifelter Hoffnung darin deutlich hören. Wie oft musste der arme Herzogssohn in den langen, einsamen Stunden auf Rettung gehofft haben.
Adalbert hasste, was jetzt kommen musste.
„Nein“, sagte er und konnte seine eigene Traurigkeit darüber nicht verbergen. „Ich bin nur ein Mann. Doch nun wissen wir, wo man Euch gegangen hält. Bleibt standhaft, Sir Wilguric, die Rettung naht. Euer Vater wird Euch entsetzen, notfalls mit Gewalt.“
„Ihr habt leicht reden. Nicht Ihr schmort in diesem Kerker, sondern ich. Ratten sind meine einzigen Gefährten und sie gehören nicht zu den fürsorglichen Gesellen“, erwiderte Sir Wilguric und ließ seinen Kopf hängen.

Adalbert ergriff die Hand Wilgurics, die sich an die Gitterstäbe klammerte, als könnte bloße Verzweiflung ihm zu seiner Freiheit verhelfen.
„Haltet stand“, appellierte Adalbert erneut. „Hilfe kommt!“
Wilguric blickte auf und ein wenig Hoffnung war erneut in seinen Blick gekehrt. Adalbert machte sich bereit für de Aufstieg und verabschiedete sich. Ein Griff hielt ihn zurück.
„Sagt mir noch Euren Namen“, bat Wilguric.
Adalbert lächelte. „Ich bin, was Ihr so lange zu vermissen glaubtet. Ein Freund.“
Dann kletterte er das Seil hinauf und verschwand in der Dunkelheit.


***

Das Gasthaus ähnelte eher einer kleinen Festung. Hinter hohen Palisaden aus grob behauenen, aber sorgfältig zugespitzten Holzstämmen lag das massiv gebaute, zweistöckige Wirtshaus, welches zudem auf einem festen, aus Steinen gefertigten Fundament ruhte. Den Eingang erreichte man nur über Treppe wie bei Reynalds heimatlichem Wachturm, wodurch der Angriff zusätzlich erschwert wurde. Auch die Wirtschaftsgebäude beiderseits des Gasthauses waren massiv und die Fenster waren eher Schießscharten und weit oben angebracht, wodurch ein Eindringen praktisch unmöglich gemacht wurde.
Das Innere des Gasthauses präsentierte sich jedoch als weitaus heimeliger, als es die abweisende Außenfront erwarten ließ. Von den schweren Querbalken aus massiver Eiche hingen Würste, Kräuter und sogar ganze Schinken hinab. Ein warmes, einladendes Feuer prasselte in dem offenen Kamin, und ausnahmsweise zog dieser auch, wodurch der Raum nicht die Eigenschaften einer Rauchhütte hatte. Tische und Stühle aus festem Holz, eine riesige Theke hinter der demonstrativ riesige Eichenfässer platziert waren und sogar kleine Nischen an der Längsseite komplementierten die Einrichtung des Gasthauses. Eine verzierte Treppe führte in das obere Stockwerk, wo sich die einzelnen Zimmer befanden. Der Wirt war eine riesige, beinahe kugelrunde Gestalt, aus dessen feistes, hochrotes Gesicht Freude versprühte.

Mehrere Stunden später saß Bertrand gesättigt und so zufrieden wie der Wirt in einer Badewanne. Dies war wahrlich ein Luxus, den sich Bertrand nicht zu erträumen gewagt hatte. Bertrand hielt sich selbst für reinlich und war einem Bad niemals abgeneigt. Er kannte Menschen aus seinem Dorf, die sich nur zweimal im Jahr badeten, und dementsprechend rochen. Doch Bertrand war erstaunt über die Menge an Schweiß und Dreck, die sich durch das ausgiebige Bad von seinem Körper gelöst hatten. Das Wasser, nun lauwarm, war zu einer trüben Brühe verkommen auf dem die Seifenflocken schwammen und so glücklicherweise einen eindringlicheren Blick auf die Farbe verwehrten. Bertrand hätte schon längst aufstehen und sich abtrocknen sollen, vor allem wegen des schmutzigen Badewassers. Doch die Anspannung des Tages hatte nachgelassen, und trotz aller Bedenken war das Bad immer noch entspannend. Bertrand legte den Kopf in den Nacken und genoss die Ruhe.

Zierliche Finger strichen sanft über seinen Nacken und wanderten darin hinab. Bertrand fuhr überrascht hoch, doch eine Hand drückte ihn sanft wieder hinab. Eine schlanke Gestalt trat in sein Blickfeld, wobei sie ihn nicht ansah und den Rücken zukehrte. Die Hand jedoch wanderte von seinem Nacken über die Schulter weiter. Die Person war eindeutig weiblich, ein einfacher, silbern glänzender Überhang bedeckte den Körper, wobei er die Kurven dabei sogar noch mehr betonte.
„Ich wusste, dass ich Euch hier finden werde“, sagte die weibliche Person, wobei sie ihm immer noch ihre äußerst ansehnliche Rückenpartie präsentierte. Der Umhang flatterte im Wind, als er zu Boden fiel, fast wie in Zeitlupe kam es Bertrand vor, der seine Augen nicht abwenden konnte.
„Ich konnte meine Augen nicht von Euch abwenden, seitdem ich Euch zu erstem Mal erblickte habe“, gestand die Frau ein. “Ihr sollt mein Kämpe sein.“
Mein Kämpe.
Bertrand erinnerte die Wortwahl an seine Träume. Auch die Herrin vom See hatte diese Worte verwendet, doch bei ihr war Bertrand in einem weitaus weniger erregten Zustand gewesen. Die Frau drehte sich zu ihm um, splitterfasernackt. Bertrand sah in ihr Gesicht, es war Lady Yoanne.

„Ihr? Was macht Ihr hier?“, rief sie überrascht mit schriller Stimme und versuchte mit ihren Händen die intimsten Stellen zu bedecken. „Wo ist Sir Reynald?“
„Ich nehme nur ein Bad, Milady, und Reynald war vor einer Stunde daran“, antwortete Bertrand entschuldigend. Er wollte sofort aus der Wanne steigen, doch dann fiel ihm ein, dass dies wahrscheinlich unpassend wäre. Stattdessen platzierte er möglichst viel Seifenschaum vor seinem eigenen Intimbereich.

Lady Yoanne beugte sich hinab und zog eilig ihren Umhang hoch um sich zu bedecken.
„Verschwindet, auf der Stelle“, herrschte sie Bertrand an.
„Verzeiht, Milady, aber Ihr seid wohl in den Raum gekommen, während ich ein Bad genommen habe.“
Bertrand sah an ihrem Gesichtsausdruck, dass Yoanne die Wahrheit in seinem Punkt erkannte. Sie wollte gerade an ihm vorbei gehen, als Bertrand etwas erblickte, das seine Zurückhaltung sofort verschwinden ließ. Er schoss hoch, und hielt Yoanne an ihrem nackten Oberarm fest.

„Was ist das?“, fragte er scharf und vergaß, dass sie eine Adelige, und sie beide mehr nackt, denn bekleidet waren.
„Lasst mich sofort los!“, protestierte Yoanne und wand sich wie eine Schlange. Doch Bertrand gehorchte nicht und blieb eisern.
„Was ist das?“, fragte er erneut. Dieses Mal sah er nicht weg, sondern genauer hin. Auf dem linken Ansatz ihrer Brust war ein Muttermal.
Ein Muttermal in Form eines Kleeblattes.
„Lasst mich sofort los, Flegel“, zischte Yoanne wenig damenhaft und stürmte zur Tür, als sie schließlich freikam. Doch Bertrand war ihren ungestümen Aufforderungen nicht Folge geleistet, sondern hatte schließlich die schreckliche Wahrheit erkannt. Yoanne öffnete die Türe und sofort hörten beide, den Lärm. Es war dieser Aufruhr, der Yoanne inne halten ließ.

„Was bedeutet dies?“, fragte sie zaghaft und blieb am Türrahmen stehen.
Bertrand stieg aus der Wanne, Wasser floss in Hunderten Tropfen auf den Boden und zog sich ebenfalls seinen Mantel an, der sofort auf der nassen Haut kleben blieb. Er trat neben sie und vergaß sogar die knisternde Anspannung, die unwillkürlich zwischen zwei jungen Menschen, die jeweils nur mit einem leichten Tuch bekleidet waren, entstehen musste. Bertrand hörte schwere Schritte und gedämpfte Rufe, die von außerhalb der Mauern dieses Gasthauses stammten, aber dennoch laut genug waren, um durch diese zu durchdringen. Bertrand kannte diese Geräusche, und sie versprachen nichts Gutes.
„Geht in euer Zimmer“, befahl er Lady Yoanne. Sie sah ihn, als würde sie ihm widersprechen. Von draußen drangen laute Schreie an ihre Ohren.

Das gab den Ausschlag, Lady Yoanne verschwand in den Gang, mit so viel Würde, wie aufzubringen im Stande war. Bertrand drehte sich um und versicherte sich, dass die Türe wirklich verschlossen war. Kurze Zeit später kam er wieder hinaus. Es war ein ungutes Gefühl, in seinen ungewaschenen Kleidern zu stecken, aber seine Zweitwäsche war in ihrem Zimmer und dafür war keine Zeit mehr. Er rannte die Treppe hinab und wäre fast mit einem Bediensteten des Gasthauses zusammengestoßen. Der Mann wirkte sichtlich angespannt, der sich zutiefst erschrak, als er auf Bertrand traf.
„Was ist los?“, wollte Bertrand wissen, doch der Mann rannte weiter um seinen Auftrag zu erfüllen, und gab ihm keine Antwort.
Bertrand ging weiter und trat ins Freie.

Die sich ihm bietende Geräuschkulisse erschlug Bertrand fast förmlich. Etwas brannte lichterloh hinter der Holzpalisade, deren qualmende Feuerzungen für eine dramatische Beleuchtung sorgten.
Von außen drangen Rufe an Bertrands Ohr, die unmöglich aus menschlichen Kehlen stammen konnten. Eine Menschentraube stand in der Nähe des Tores und Bertrand hielt zielstrebig darauf zu. Die Gruppe bestand aus dem Wirt, Jerome de Montfort, Reynald le Durie und dem Baron Benoit de Bosquet und zwei seiner Männer.

„Wir sollten einen Ausfall machen“, schlug der Wirt gerade vor, als Bertrand ankam.
„Nein, auf keinen Fall!“, konterte der Baron leidenschaftlich. „Wir dürfen meine Tochter und Erbin keinerlei Gefahr aussetzen.“
„Aber meine Gebäude schon“, erwiderte nun der Wirt ungehalten.
„Das Leben einer hochgeborenen Dame ist wichtiger, als einige Gebäude. Ich bin mir sicher, dass Euch der Herzog für den Verlust entschädigen wird“, sagte der Baron, der sich des Rückhalts seiner beiden Krieger sicher war. Bertrand schnaubte nicht hörbar, ob solcher Arroganz. Der Wirt sah die beiden Wachen und rollte nur mit seinen Augen.
Es wäre sicher zu einer Konfrontation gekommen, wenn nicht eine feindliche Horde ein dringenderes Problem dargestellt hätte.
„Wie gehen wir nun vor?“, fragte Reynald le Durie. Von außerhalb untermalte das animalische Gebrüll seine Frage.
„Wir kämpfen an den Palisaden“, sagte Jerome de Montfort und beendete damit den Zwist. Der Wirt und der Baron fügten sich in diesen Entschluss.
„Bertrand“, sagte Jerome und wandte sich seinem Knappen zu.

Mehr benötigte Bertrand nicht. Er nahm seinen Langbogen und machte sich bereit. Mehrere der Männer des Barons folgten ihm. Die Palisaden hatten im Abstand von ungefähr zehn Ellen Abstand Plattformen, auf denen man in halbwegs sicherer Deckung stehen konnte. Bertrand ging zur nächsten, die sich direkt neben dem Tor befand. Der Blick über die Palisade glich einem Albtraum. Bertrand sah das Feuer, doch dies war nicht das Bedrohlichste. Ein wogendes Meer aus muskelbepackten, schweißnassen menschlichen Oberkörpern, die in bestienartigen Schädeln endeten, brandete gegen die Befestigung. Rotglühende Augen blickten voller Hass empor, in ihnen loderte der Durst nach menschlichem Fleisch. Die Tiermenschenhorde hatte die Fährte wieder aufgenommen und ihre Beute schließlich gestellt. Ein wildes, triumphierendes Heulen erklang und die Horde strömte erneut vorwärts.

„Große Götter!“, stammelte ein Stallknecht neben Bertrand voller Entsetzen.
Bertrand sah ihn mitleidsvoll an. Es war lange her, seitdem ihn ein solcher Anblick ebenso tief getroffen hätte. Er legte einen Pfeil an die Sehne seines Langbogens.
„Vergesst nicht“, rief er. „Auch diese Bestien sind sterblich. Für die Herrin!“
„“Für die Herrin!“, erschallte der Schlachtruf der Bretonen aus zwei Dutzend Kehlen. Sämtliche Plattformen auf dieser Seite der Palisade waren inzwischen mit Männern besetzt. Ein Pfeil- und Speerhagel regnete auf die Angreifer herab und forderte einen hohen Blutzoll unter den Kindern des Chaos. Bertrand erster Pfeil senkte sich seitlich in den Hals eines Tiermenschen, dessen Kopf eine krude Mischung aus Hirsch und Schwein darstellte. Ein Schwall dunkelroten Blutes sprudelte heraus und mit einem schwachen Blöken sank der Getroffene zu Boden, wo er von seinen Artgenossen mitleidslos niedergetrampelt wurde. Bertrand schoss seinen zweiten Pfeil ab.
Dann den Dritten.

Wieder und wieder feuerten er und die anderen Bogenschützen ihre todbringenden Geschosse auf die Feinde. Der Angriff erlahmte. Dutzende Feinde lagen auf der Wallstatt, die Horde zog sich zurück, außerhalb ihres Sichtfeldes. Nur das Prasseln des Feuers erklang und der Schein beleuchtete lediglich das eben noch heiß umkämpfte Schlachtfeld.
Doch Bertrand ahnte, dass diese Sache noch nicht zu Ende war. Aus der Dunkelheit erklang erneut Gebrüll. Dieses Mal weniger zuversichtlich, doch dafür umso wutentbrannter. Schatten löste sich aus der Dunkelheit, zuerst wenige, dann immer mehr.

„Macht euch bereit“, erklang der Befehl an die Verteidiger. Es war Jerome de Montforts Stimme. Die feindliche Horde griff erneut an. Es waren mehr Tiermenschen, als Bertrand auf die Schnelle zählen konnte. Sicher fast einhundert dieser unheiligen Geschöpfe. Und sie hatten dazu gelernt. Ein grob behauener Stamm diente als Rammbock, der von etlichen Tiermenschen getragen wurde. Weitere Angreifer beförderten andere Stämme, in die Kerben gehauen waren, und die offensichtlich als Leiter dienen sollten. Bertrand fragte sich noch, wann die Tiermenschen diese angefertigt und warum sie sie nicht beim ersten Angriff verwendet hatten. Doch dann waren die Feinde in Reichweite und solche Fragen wurden obsolet.
„Zielt auf die Träger des Rammbocks!“, rief Bertrand den Männern auf seiner Plattform zu. Sein erster Pfeil war zu niedrig gezielt. Statt der anvisierten Stelle im Hals traf er die Rippen. Der Getroffene blökte auf, doch blieb er auf seiner Position und der Rammbock kam dem Tor näher. Seinen Mitstreiter lächelte die Herrin vom See mehr zu. Drei der Träger fielen zu Boden, gefällt von Speeren und Pfeilen. Der Rammbock donnerte mit einem gewaltigen Krachen gegen das massiv gebaute Tor aus Eichenstämmen. Bertrand konnte den Aufprall sogar auf seiner Plattform spüren. Er schoss einen zweiten Pfeil ab und dieses Mal verstummte der Tiermensch für immer. Doch schon sprang ein weiterer Feind herbei, um dessen Platz einzunehmen. Wieder donnerte der Rammbock gegen das Tor, das in seinen Angeln ächzte. Mehrere Bohlen begannen zu splittern. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann es nachgeben würde. Mit bangem Herzen erkannte Bertrand, dass sie kurz vor der Niederlage standen.

Ein Schwall dunkler Flüssigkeit regnete auf die Träger des Rammbocks hinab und benetzte ebenso den Untergrund. Die Tiermenschen beachteten es nicht, und verdoppelten sogar ihre Anstrengungen, das Tor zu zerstören.
Eine Fackel fiel hinab.
Innerhalb von einem Wimpernschlag explodierte die Welt. Der Feuerschein blendete Bertrand, der sich eine Hand schützend vor die Augen halten musste, um nicht seine Sicht zu verderben. Alles brannte. Der Rammbock, die sich in Schmerz windenden Träger, sogar der Boden wurde ein Raub der Flammen. Es roch plötzlich sehr eindringlich nach verbranntem Fleisch, Fell und Fett.
Bertrand sah hinüber, auf die Plattform auf der anderen Seite. Der Bedienstete, mit dem er in der Halle fast zusammengestoßen war, lächelte ihn an, während er mit beiden Händen noch das große Gefäß hielt. Dann traf ihn ein Kurzspeer mit voller Wucht und schleuderte ihn von der Plattform.

„Sie sind an der Mauer“, erschallte der Warnruf und erinnerte Bertrand daran, dass es immer noch genug Feinde gab. Ein zu einer hässlichen Fratze verzogener Tierschädel tauchte unvermittelt vor Bertrand auf. Der warf seinen Langbogen zur Seite und zog sein Schwert. Der bretonische Stahl bewies seine Qualität als er den Schädel des Tiermenschen ohne Mühe spaltete. Die Klauen erschlafften und der Tiermensch fiel hinab. Doch schon erklomm der nächste von ihnen die Mauer. Einer der Männer lehnte sich über die Brüstung und stach mit dem Speer hinab. Ein unmenschlicher Schmerzenslaut belohnte sein Bemühen. Der Kampf verkam zu einem Abschlachten. Bertrand dachte nicht mehr bewusst nach. Wieder und wieder schlug er nach den auftauchenden Angreifern, so wie der Rest der Männer auf den Plattformen. Sein Schwertarm schmerzte, doch sein Training und der schiere Überlebenswille übernahmen. Er hätte wohl noch ewig so weiter gekämpft, wenn ihn eine vertraute Stimme nicht aus dieser Lethargie gerissen hätte.
„Bertrand!“

Der Angesprochene schrak hoch und drehte sich zu der Stimme um. Jerome de Montfort stand mit dem gezogenen Schwert Oriflammè unter seiner Plattform. Seine Rüstung war über und über mit Blut und Seim besudelt, ein Beweis, dass auch der Ritter nicht untätig gewesen war. Bertrand gehorchte augenblicklich und ein Mann nahm sofort seinen Platz ein. Wortlos wandte sich der Ritter ab und vertraute darauf, dass ihm sein Knappe folgte. Bertrand gingen viele Fragen durch den Kopf, vor allem, weil sie sich vom Kampfplatz entfernten. Rasche Schritte waren zu hören und Bertrand sah Reynald le Durie, der sich ihnen im vollen Lauf anschloss.

Jerome de Montfort ging weiter zielstrebig voran, der Kampflärm verebbte. Der hünenhafte Ritter führte sie an die andere Seite der Palisade, die nur merklich vom Feuerschein beleuchtet war. Die Kühle und Dunkelheit bildeten einen frappierenden Kontrast zu der Hektik und Hitze des Schlachtfeldes. Bertrand wollte bereits fragen, doch Renald le Durie kam ihm zuvor.
„Warum sind wir hier?“, fragte der junge Ritter.
Jerome de Montfort drehte sich zu den beiden Anderen um. Seine Stimme war leise, bedächtig. „Habt ihr die Angreifer begutachtet?“
Bertrand nickte, und Reynald tat es ihm gleich.
„Dann sagt mir, was ihr gesehen habt“, sagte Jerome, dessen Stimme in ihrem Tonfall Bertrand an seine Lehrmeister Meister Rainheim und Gervaise Haughey erinnerte.
„Tiermenschen“, sagte Reynald einsilbig, als wäre es das Selbstverständlichste der Alten Welt.
„Und?“, lockte Jerome de Montfort.
Reynald zuckte ahnungslos mit der Schulter.
„Der Häuptling“, sagte Bertrand schließlich, als ihm ein Licht aufging.
„Wer?“, fragte Reynald verwundert.
„Der Häuptling“, wiederholte Bertrand. „Die Bestie, die den Angriff auf den Baron angeführt hat. Sie fehlt, und mit ihm die mächtigsten seiner Tiermenschen.“
„Und du hast in der Hitze des Kampfes die Zeit gehabt, die Feinde nach einer bestimmten Bestie abzusuchen“, erwiderte Reynald giftig. „Das ist doch blanker Unsinn! Dieser Häuptling ist sicher mitten unter seinen Mutanten.“
„Es stimmt“, stellte Jerome fest und erstickte damit den Disput im Keim. Auf Reynalds Gesicht war sichtlicher Widerwille erkennbar, trotz der spärlichen Lichtverhältnisse der Nacht. Das Auftauchen mehrerer dunkler Gestalten auf der Palisade war jedoch Beweis für die Richtigkeit von Bertrands Vermutung. Der Häuptling und seine Leibgarde, allesamt mächtige Bestigors sprangen mühelos herab. Ihre Waffen funkelten bedrohlich glänzend im fahlen Lichte Morrsliebs. Oriflammè leuchtete hell auf, als würde die gesegnete Klinge die Bösartigkeit der sich rasch nähernden Gegner spüren.

„Für die Herrin vom See!“, rief Jerome de Montfort und seine mächtige Stimme übertönte mühelos das Brüllen der Tiermenschen. Dann prallten die beiden Reihen aufeinander. Bertrand fand sich gleich mit zwei Gegnern konfrontiert. Schritt für Schritt wich er zurück, während er mit Schwert und Dolch den Regen aus Schlägen und Hieben mühsam abwehrte. Auch den beiden anderen Bretonen erging es ähnlich, da ihre Feinde weit in der Überzahl waren. Jerome de Montfort bildete dennoch einen Ruhepol, an dem die Wellen der Angreifer zerbrachen. Langsam bewegte sich Bertrand auf seinen Herrn zu während er sorgsam darauf bedacht war, die blitzenden Klingen seiner Gegner immer noch zu parieren. Seine beiden Arme schmerzten unter der enormen Belastung, doch seine von ihm oft verwünschte Ausbildung übernahm die Führung. Offensichtlich lächelte die Herrin vom See immer noch auf Bertrand herab, denn schließlich stand er Rücken an Rücken mit Jerome de Montfort und Reynald le Durie, dem auch nur dieselbe Option geblieben war. Ein Kreis wilder, unbändiger Gestalten mit grobschlächtigen Waffen umzingelte sie. Dahinter konnte Bertrand erkennen, wie der Häuptling mit seinem Kleeblatt-Muttermal samt drei seiner Untergebenen in Richtung des Gasthauses stürmte.

Augenblicklich fiel ihm Lady Yoanne ein. Doch ein Durchkommen durch den Belagerungsring schien unmöglich, da jeder Versuch sofort unterbunden wurde.
„Wir müssen den Häuptling stoppen!“, rief Bertrand.
Jerome de Montfort nickte und stürmte augenblicklich vorwärts. Oriflammè sang, als es in weitem Bogen durch die Luft schnitt. Das Langschwert spaltete Eisen, Fleisch und Fell. Zwei Tiermenschen fielen tödlich getroffen zu Boden. Die Lücke war da.

Bertrand hielt sich rechts, Reynald links von Jerome, gemeinsam wehrten sie jeden Angriffsversuch auf Jerome de Montfort ab, den dieser nicht selbst blockte. Tiermenschen fielen dem bretonischen Stahl zum Opfer, während sich das Trio weiter seinen Weg bahnte. Der letzte der Tiermenschen, eine muskulöse Bestie mit einem Stierschädel sprang mit erhobener Axt auf den Rücken Jerome de Montforts. Dieser schüttelte sich wie ein wildes Pferd. Bertrand wirbelte herum und sein Schwert zerschmetterte den Rücken der Bestie, die lautlos von Jerome abfiel.
„Habt Dank“, sagte Jerome und Bertrands Brust schwoll vor Stolz fast an.

Ein schriller Schrei aus dem Gasthaus holte sie schlagartig wieder in die Realität zurück. Gemeinsam stürmten sie in das Gebäude. Im großen Saal war es unheimlich ruhig, das Feuer prasselte immer noch im Kamin, fast heimelig mutete die Szenerie an. Wäre da nicht zwei erkaltete Leichen gewesen, die beide den Waffenrock des Barons de Bosquet trugen. Eine riesige, und stetig größer werdende Lache Bluts unterstrich die Dringlichkeit schnellen Vorankommens. Wildes Gebrüll, Klirren von aufeinanderprallenden Waffen und als Krönung das Kreischen einer weiblichen Person verstärkten ihre Bemühungen. Die drei Bretonen flogen die Treppe fast empor, die Bretter ächzten unter der Belastung ihrer eisengepanzerten Stiefel.
Sie bogen um die Ecke und sahen eine furchterregende Szene. Baron de Bosquet rang mit dem Häuptling und zwei weiteren gewaltigen Tiermenschen im Korridor, während sich seine Tochter Lady Yoanne mit schreckensgeweiteten Augen verzweifelt an die Holzwand presste, als würde sich dadurch ein neuer Fluchtweg auftun. Der Anführer der Tiermenschen, mit seinem raubtierähnlichen Widderschädel sah die neu auftauchenden Menschen, und unstillbarer Hass blitzte aus seinen tiefroten Augen hervor. Er rief etwas in der harschen Sprache der Tiermenschen, und seine beiden Begleiter wandten sich um sich der neuen Bedrohung entgegen zu stellen.

„Kümmert euch um die Beiden“, befahl Jerome de Montfort und stürmte an den verwunderten Tiermenschen vorbei, die er achtlos zur Seite rammte. Die Tiermenschen erholten sich rasch und attackierten nun Bertrand und Reynald. Eine Axt wirbelte umher und Bertrand warf sein Schwert verzweifelt nach vorne. Die Attacke war so stark, dass sein Schwert zur Seite geschleudert und aus seiner Hand gerissen wurde. Es prallte klirrend gegen die Wand und blieb am Boden, weit außer seiner Reichweite, liegen.
Dann traf etwas mit unwiderstehlicher Wucht sein Gesicht und warf ihn zu Boden. Blut, sein eigenes Blut, floss ihm über das Gesicht und vernebelte seine Sicht. Er blickte auf und sah ein Paar Hufe, und darüber einen sich triumphierend aufbauenden Tiermenschen, der ihm den Todesstoß versetzen wollte. Die Axt senkte sich in einem wilden, beschleunigenden Bogen, und Bertrand sah sein letztes Stündchen gekommen. Brüllend warf sich Reynald le Durie dazwischen, indem er den Feind mit seiner Schulter rammte. Die Aktion verschaffte ihnen jedoch nur für einen kurzen Moment eine Ruhepause, denn nun warfen sich beide Feinde ungestüm in den Kampf. Durendal blitzte wieder und wieder auf, und wehrte die Hiebe und Schläge der beiden Tiermenschen ab, die sich in ihrem Bestreben Reynald zu töten, in dem engen Korridor sogar behinderten. Dennoch war es offensichtlich, dass der junge Ritter auf Dauer unterliegen würde.

„So steht doch auf und helft mir“, rief Reynald Bertrand frustriert zu.
Doch der angesprochene Knappe war immer noch benebelt von dem Prankenschlag und in seinem Kopf drehte sich alles. Er musste dagegen ankämpfen, sich auf Magen. In seiner linken Hand spürte er Widerstand und trotz seiner konfusen Lage erfasste den Grund dafür. Bertrand stach mit Durak Angril von oben zu. Es war eine unbeholfene Aktion und sein fehlender Gleichgewichtssinn führte dazu, dass er unkontrolliert auf den Boden knallte. Aber der lange Dolch fand sein Ziel und nagelte den Huf eines Tiermenschen fest. Der Getroffene blökte wie ein abgestochenes Schwein, während sich seine Pranken in Richtung des Schmerzes bewegten.

Mehr benötigte Reynald nicht.
Durendal blitzte, und schlitzte die Kehle des Feindes auf. Röchelnd sank dieser zu Boden, während Blut aus der Wunde hervorquoll. Das Blatt hatte sich wieder zu ihren Gunsten geändert. Reynald drängte den verbliebenen Feind vor sich her. So hatte Bertrand die Gelegenheit das Duell zwischen dem Häuptling und Jerome de Montfort zu sehen. Es war als würden zwei Naturgewalten aufeinanderprallen. Zwei Champions von überirdischen Mächten, wie sie unterschiedlicher nicht sei konnten. Steinaxt gegen Langschwert, Mensch gegen Geschöpf des Chaos, Ritter gegen Bestie.

Jerome de Montfort führte sein Klinge meisterhaft, Parade folgte auf Attacke, Konter wurden abgewehrt, nur um im nächsten Augenblick wieder selbst eine Angriff zu führe. Oriflammè leuchtete bei jedem Kontakt mit der Steinaxt hell auf, deren verderblichen Chaosrunen grell aufblitzten. Es war, als könnte das gesegnete Schwert spüren, gegen welche Verderbnis es ins Feld geführt wurde. Heller und heller leuchtete es, bis sich Bertrand zum Schutz eine Hand vor die Augen halten musste.
Schließlich wirkte sich der Segen der Herrin aus. In einem furchtbaren Aufwärtshieb schnitt Oriflammè singend durch die Luft. Es traf die Axt und entzweite sie, das steinerne Blatt flog rotierend weg und blieb zitternd in der Wand stecken, nur wenige Handbreit von Lady Yoannes Gesicht. Der Tiermensch warf den nutzlosen Stiel zur Seite und brüllte ein letztes Mal. Es war ein wilder, hasserfüllter Laut, wobei die Sehnenstränge an seinem Hals hervortaten und sich die gewaltigen Muskeln seines Oberkörper und seiner Arme wölbten.

„Stirb, Bestie“, knurrte Jerome, den Bertrand noch nie zuvor so emotional gesehen hatte. Ein einzelner Schlag und drang tief in den Brustkorb ein. Langsam knickte der Häuptling ein, sein Gesicht hatte einen schmerzerfüllten Blick, der zuletzt auf Baron Benoit de Bosquet weilte. Eine Hand hob sich in dessen Richtung.
„Vater“, stammelte der Mutant, dann verschied er.
Der Kampflärm verstummte abrupt, als Reynald auch seinen Gegner zur Strecke brachte. Taumelnd erhob sich Bertrand, dessen Schädel wie ein Bienenstock summte und brummte.
„Vater!“, schrie Lady Yoanne und eilte zu dem Baron, der mit bleichem Gesicht zu Boden gesunken war. Ein sich ausbreitender blutroter Fleck auf seinem Waffenrock verriet den Grund dafür.
Das Gesicht des Barons war eingefallen und leichenblass, man musste kein Heiler sein um zu wissen, dass es mit dem alten Adeligen zu Ende ging. Mit zittriger Hand hielt er die zierlicheren Hände seiner Tochter.
„Mein Kleines“, stammelte er, dann versagte ihm die Stimme und er sank zu Boden. Zuletzt war sein Blick auf den toten Tiermenschen fixiert.
„Mein … mein Sohn.“ Der Baron bekam einen fürchterlichen Hustanfall und erbrach einen Schwall Blut. „Meine Schande.“
Es waren die letzten Worte des Barons Benoit de Bosquet.

Reynald ging nach zu Lady Yoanne um sie zu trösten, unterwegs bedachte er Bertrand mit einem vielsagenden Blick.
Jerome stützte seinen Knappen. Gemeinsam standen sie vor der Leiche des Tiermenschen, der sich als der Sohn des Barons entpuppt hatte.
„Ich frage mich, ob es wohl einen anderen Weg gegeben hätte“, murmelte Bertrand leise vor sich hin. Dann schrak er hoch, als ihm aufging, was er gesagt hatte.
„Jedweder Makel muss gesühnt werden“, sagte der hünenhafte Ritter. Dann drehte er sich um, und verschwand. Bertrand stöhnte, ob seines brummenden Kopfs. Dann sah er sich selbst an. Er war über und über mit Blut und noch unangenehmeren Körperflüssigkeiten verdreckt. Offenbar war es wieder an der Zeit ein Bad zu nehmen. Nur dieses Mal hoffte er, von niemandem gestört zu werden.
 

Chuckchuck

Testspieler
Auf fein, ein verzweifelter Kampf gegen eine Überzahl an Feinden, was will ein Ritter mehr? ;)
Also ich will noch mehr von der Geschichte, soviel steht fest!
 

Scaevola

Codexleser
Danke für das Kompliment. :wub:

Ich war in de letzten Wochen leider nicht an einem Computer und ohne Internet. Deshalb hänge ich mich jetzt rein. Diese Woche sollte ein neuer Abschnitt fertig werden. Versprochen :pcwhack:
 

PrinzKaos

Aushilfspinsler
:) wow bin schwer beeindruckt

bin jetzt endlich durch :D

freue mich schon auf ein neues Kapitel

bei wieviel Seiten bist du denn bis jetzt ?
 
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