Wie bereits die von mir bei den 40k-Geschichten eingestellte Geschichte ist diese hier handwerklich durchaus verbesserungswürdig (gerade der "Spannungsbogen" am Ende gefällt mir nicht sooo sehr) aber ich möchte sie hier zeigen, um mal eine stille Seite des Lebens in der Warhammerwelt zu beschreiben...
Das Schlachtroß und der Esel
Balduin d´Artois ritt gemächlich auf seinem Schlachtroß durch das Dorf Carleon.
Die Sonne schien und ihm wurde langsam aber sicher etwas zu warm unter Kettenhemd und Gambesson. Wie sich die Ordensritter des benachbarten, sogenannten Imperiums in ihren Vollpanzern bei einem solchen Wetter fühlen mochten hatte er sich schon oft gefragt.
Aber nicht jetzt. Jetzt dachte Balduin nach…
So angestrengt, dass er die Verbeugungen und Huldigungen des herbeieilenden Pöbels nicht einmal wahrnahm, um sie ignorieren zu können…
Sein Vater, der Graf Childeric d´Artois im Dienste des Herzogs von Montfort, war berühmt für seine Weisheit und Weitsicht, seine Treue, seinen Glauben an die Herrin und nicht zuletzt auch für seine Leistungen im Kampf. Kurz gesprochen ein wahrer Ritter Bretonias.
Wie also kam sein Vater auf die Idee, ihm, seinem erstgeborenen Sohn, eine weitere Prüfung aufzuerlegen, bevor er ihn endgültig in den Ritterstand erhob?
Er hatte sich doch bereits als Fahrender Ritter bewiesen! Als die Toten am Rande des Grauen Gebirges wieder einmal unruhig wurden, diesmal aber von einem Vampir gesammelt und in den Axtschartenpaß geführt…
Er, Balduin, war es, der todesmutig mit seinen Brüdern und Getreuen selbst den Gralsrittern vorausritt und seine Lanze in das Heer der Wiedergänger schmetterte, den feindlichen, vampirischen Anführer erspähte und ihn mit einem von der Herrin höchst selbst geleitetem Stoß im ersten Ritt den Todesstoß versetzte!
Er, Balduin d´Artois!
Ritter von Bretonia!
Held der Schlacht und Sieger dieses Tages!
Wieso also hatte sein Vater ihn ein weiteres mal losgeschickt?
„Reise durch das Land, Balduin. Nicht zum Kämpfen schicke ich dich fort, nicht zum Sammeln von Siegeslorbeeren. Das was dir fehlt, das was dich zum Ritter machen wird, ist nichts, was du im Blute eines Feindes verborgen finden wirst. Das was dir fehlt musst du selber finden; und das wirst du, wenn du Augen hast für das, was um dich herum geschieht. Dann wirst du ein Ritter sein und würdig meines Erbes.“
Noch nie waren die Worte seines Vaters ihm so rätselhaft erschienen. Noch nie hatte er sich so gedemütigt gefühlt. Anstatt nach dem Sieg über die Untotenhorde noch auf dem Schlachtfeld zum Ritter geschlagen zu werden, wie viele seiner weniger ruhmreichen Kameraden, hatte sein Vater ihm sachlich zu diesem großartigen Sieg gratuliert und ihn auf die heimische Feste bestellt. Fort von der Siegesfeier und hin zu dieser Aufgabe. Das war jetzt schon fast 3 Wochen her…
So ritt er nun voll gerüstet durch die Grafschaft der d´Artois und suchte also etwas, das ihm angeblich fehlte…
Balduin wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Sein Schlachtroß geriet ins Stocken. Nicht gewohnt, von einer Menschenmenge umringt zu sein, die es nicht nieder zu reiten galt, war es mit der Situation wohl überfordert und begann zu scheuen…
Ohne dass er es bemerkt hätte, war er auf dem Marktplatz des Dorfes angekommen. Nun hatten sich die Bauern und Handwerker von Carleon um ihn versammelt und bedrängten ihn nun, bedrängten sich gegenseitig. Jeder wollte ihn berühren.
„Da seht den Schild! Seht die Feste der d´Artois! Sein Segen schützt gegen Wiedergänger und böse Geister! Sprecht zu uns, Lord, segnet uns!“
„Lasst mich in Ruhe, ihr Cretins! Ich reite meiner Wege und will von euch stinkendem Pack nicht belästigt werden!“ Balduins Geschrei machte alles nur noch schlimmer. Jeden Moment würde das Streitroß sich aufbäumen und ein Blutbad unter den Gemeinen anrichten.
Sein Pferd zu beruhigen suchend, blickte sich Balduin hektisch um und sah schließlich, was er zu sehen gehofft hatte. Eine Patrouille Landsknechte, die die Farben seiner Familie trugen, kam eine andere Straßenecke entlang auf den Markt.
„He ihr da! Los, im Namen meines Vaters des Grafen, schafft mir diese Leute vom Hals!“
Mehr war nicht nötig. Die Landsknechte erblickten das Wappen ihres Herren und eilten ihm zu Hilfe. Mit ihren Schilden und stumpfen Keulen trieben sie mit sichtlichem Enthusiasmus die Menge auseinander.
Das Roß beruhigte sich langsam und gelangte schließlich ganz zu der für bretonische Schlachtrosse angemessenen Disziplin zurück.
Nachdem Balduin nun nicht länger bedrängt wurde, ließ der Korporal, der die Patrouille anführte, seine Männer antreten und verbeugte sich tief vor ihm.
„Es war uns eine Ehre, unserem Herren zu Diensten zu sein. Benötigt ihr uns noch?“
Als Balduin den Kopf schüttelte erteilte er Order zum Weitermarschieren und verließ mit den Landsknechten den Markt.
„Ein guter Mann“, dachte Balduin bei sich. „Der muß schon viel Erfahrung haben, er weiß, was sich gehört und benimmt sich gegenüber den Höhergestellten angemessen.“ Kurz überlegte er, der Patrouille nachzureiten und jedem eine Münze in die Hand zu geben, verwarf den Gedanken aber wieder. Sie hatten ihm helfen können, welch andere, größere Belohnung könnten sie verlangen wollen?
Also beschloß er, weiterzureiten. Bis zum Abend konnte er noch bequem die Festung Graf Elgars erreichen, wo er gedachte zu nächtigen. Sein Ruf war ihm gewiss auch dorthin voraus geeilt und er hoffte auf einen noch besseren Empfang, als es ihm wegen seines Namens ohnehin gebührte.
Die Bauern hatten vor lauter Bewunderung riskiert, unter die Hufe seines Rosses zu geraten…
Als er aus Carleon heraus ritt, konnte er schon in einiger Entfernung das nächste Dorf ausmachen. Es hieß Gisraix, wenn er nicht irrte. Ein Regiment Landsknechte, angeführt von einem Korporal aus Gisraix, war es, die in der Schlacht die Flanke seiner Lanze deckte und dabei völlig aufgerieben wurde. Manchmal waren die Bauern doch zu etwas nutze.
Balduins Gedanken schweiften erneut ab, diesmal zu dem erhofften Empfang bei Graf Elgar, als er plötzlich auf einem kahlen Acker etwas abseits der Straße eine Bewegung wahrnahm.
Er zügelte sein Pferd und schaute, was sich dort zutrug.
Ein kleiner Junge zerrte tränenüberströmt an dem Leichnahm eines Esels und versuchte, ihn weiter auf das Feld hinauszuziehen.
Die Neugier ergriff Besitz von Balduin. Er zügelte sein Pferd, stieg ab und ging auf den Acker:
„He, Junge! Was tust du da?“
Der Knabe blickte auf, zuckte vor Schreck zusammen und warf sich vor Balduin auf den Boden: „Verzeiht mein Herr, ich versuche unseren Esel zu begraben! Bitte habt Erbarmen mit mir, sollte der Karren euer Fortkommen erschwert haben!“
Balduin schaute sich um und erblickte etwas weiter vorn einen schweren Karren voller Säcke. Er stand am Rande des Weges und es wäre ein Leichtes ihn zu umgehen.
„Steh auf Junge und erzähl, was mir passiert ist. Was treibst du hier mit dem toten Esel?“ Er sprach zu einem Gemeinen… er musste in der Tat sehr neugierig sein.
Der Junge richtete sich auf und begann mit gesenktem Blick zu sprechen, die Tränen verebbten allmählich:
„Heute Morgen war es noch wie immer. Ich kam in den Stall und fütterte Gilbert, unseren Esel. Dann streichelte und bürstete ich ihn, so wie Vater es immer tat. Und dann spannte ich ihn ein und führte ihn nach Carleon. Wir gingen zeitig los, denn Gilbert ist schon alt, und so muß ich ihn nicht zur Eile antreiben. Ich tat alles so, wie Vater es wollte...“ Ein letztes Schluchzen erklang aus dem Munde des Knaben, dann wurde seine Stimme fester:
„In Carleon kaufte ich Kartoffeln und Rüben für unser Dorf Gisraix. Das macht Vater auch immer einmal im Monat, denn wir haben nur Weiden für die Schafe und keine Äcker. Wir sind die einzige Familie, die sich einen Esel leisten kann, der Karren gehört immer dem Dorfältesten… Und nun ist Gilbert auf dem Rückweg einfach stehengeblieben und gestorben. Und jetzt weiß ich nicht wie ich ihn begraben soll.“ Jetzt stahlen sich wieder Tränen in die Augen des Jungen. „Wäre Vater doch nur hier… Ich will Gilberts Fleisch nicht nehmen, das würde zu Hause keiner wollen. Er gehörte doch schließlich zur Familie…“
„Wo ist denn dein Vater?“, wollte Balduin wissen.
„Vater ist tot. Er ist gefallen in der Schlacht am Paß, bald 3 Wochen ist es her. Es wurde zu den Waffen gerufen und wie jedes Mal eilte Vater dem Grafen zu Hilfe. Mit dem Geld, was er da verdient, konnten wir uns das Futter für Gilbert leisten…“
Balduin wollte den Jungen unterbrechen, sagen wer er war und dass der Vater des Jungen den für einen Gemeinen ruhmreichsten Tod gestorben war, aber der Junge sprach weiter…
„…Aber nun ist er tot, gefallen für Herrin, Land und Graf…“ Die Miene des Jungen verriet Stolz und Trauer zugleich. „Der Herold berichtete, Vaters Regiment habe einen wertvollen Beitrag zur Schlacht geleistet… Aber jetzt wo Vater tot ist muß ich mich um alles kümmern, was er zuvor getan hat, und jetzt ist auch noch Gilbert gestorben…Ich bin noch zu jung für den Dienst, wir könnten uns sonst in zwei bis drei Jahren einen neuen Esel leisten…“
Der Junge ließ den Kopf hängen.
Balduin hatte mit Neugier und wachsendem Respekt zugehört. Der Junge schien ihn nicht erkannt zu haben und aus irgendeinem Grund legte er auch keinen Wert darauf.
Wie es schien aus einer Laune heraus, wandte er den Blick zu Junge und Esel und trat vor:
„Komm, Junge, ich helfe dir, deinen Esel zu begraben. Dann spannen wir mein Roß vor den Karren und ich bringe dich und die Ladung nach Gisraix.“
Auf dem Weg in das Dorf sprachen sowohl Balduin, als auch der Junge kein Wort. Balduin war abermals in Gedanken…
Der Vater des Jungen hatte in der Schlacht sein Leben gegeben, um sein Regiment zu schützen. Der Junge musste nun die Pflichten des Vaters übernehmen, weil dieser tot war. Doch jetzt konnte er die Pflichten des Vaters nicht mehr übernehmen, weil der Esel gestorben war.
Der Vater hatte dies alles für einen Esel getan, der Junge würde es ebenfalls…
Gestorben für Herrin, Land und Esel…
Beim Einspannen des Pferdes hatte sich der Junge sehr geschickt gezeigt, er war eigentlich nur im Weg. Daran war nichts besonderes, er hatte solcherlei doch noch nie getan.
Nun zog das geharnischte Streitroß eines Ritters den Karren eines Dorfes. Ein ungleicheres und alberneres Bild hatte es wohl selten gegeben. Gemeinsam hatten sie nur, dass sie Bretonen waren, und dadurch sah es dann doch irgendwie nicht mehr so albern aus…
Balduin kam heute aus dem Grübeln nicht mehr heraus.
Am Rande von Gisraix stoppte Balduin sein Roß. Er hatte beschlossen das Dorf zu umreiten, damit man ihn hoffentlich nicht erkannte. Gemeinsam mit dem Jungen spannte er den Karren ab. Dabei ließ er so unauffällig es ihm möglich war einige Münzen in den Beutel des Jungen gleiten. Er wusste nicht, wie viel ein Esel kostete, aber es war wohl besser als nichts. Hoffentlich hatte der Junge nichts gemerkt…
Zum Abschied fiel der Junge vor ihm auf die Knie: „Danke Herr, ich kann nicht vergelten, was ihr für unser Dorf und meine Familie getan habt…“
„Du hast gedankt, mehr erwarte und verdiene ich nicht!“, unterbrach ihn Balduin; dann ritt er ohne ein weiteres Wort davon.
Es war schon dunkel, als Balduin die Tore von Graf Elgars Festung durchritt. Es war ein anstrengender Tag voll des Nachdenkens und voller neuer Erfahrungen. Morgen würde er weiter reiten und vielleicht mehr von dem finden, was ihm fehlte.
Einen Anfang, das wusste sein Herz, hatte er heute gemacht.
Das Schlachtroß und der Esel
Balduin d´Artois ritt gemächlich auf seinem Schlachtroß durch das Dorf Carleon.
Die Sonne schien und ihm wurde langsam aber sicher etwas zu warm unter Kettenhemd und Gambesson. Wie sich die Ordensritter des benachbarten, sogenannten Imperiums in ihren Vollpanzern bei einem solchen Wetter fühlen mochten hatte er sich schon oft gefragt.
Aber nicht jetzt. Jetzt dachte Balduin nach…
So angestrengt, dass er die Verbeugungen und Huldigungen des herbeieilenden Pöbels nicht einmal wahrnahm, um sie ignorieren zu können…
Sein Vater, der Graf Childeric d´Artois im Dienste des Herzogs von Montfort, war berühmt für seine Weisheit und Weitsicht, seine Treue, seinen Glauben an die Herrin und nicht zuletzt auch für seine Leistungen im Kampf. Kurz gesprochen ein wahrer Ritter Bretonias.
Wie also kam sein Vater auf die Idee, ihm, seinem erstgeborenen Sohn, eine weitere Prüfung aufzuerlegen, bevor er ihn endgültig in den Ritterstand erhob?
Er hatte sich doch bereits als Fahrender Ritter bewiesen! Als die Toten am Rande des Grauen Gebirges wieder einmal unruhig wurden, diesmal aber von einem Vampir gesammelt und in den Axtschartenpaß geführt…
Er, Balduin, war es, der todesmutig mit seinen Brüdern und Getreuen selbst den Gralsrittern vorausritt und seine Lanze in das Heer der Wiedergänger schmetterte, den feindlichen, vampirischen Anführer erspähte und ihn mit einem von der Herrin höchst selbst geleitetem Stoß im ersten Ritt den Todesstoß versetzte!
Er, Balduin d´Artois!
Ritter von Bretonia!
Held der Schlacht und Sieger dieses Tages!
Wieso also hatte sein Vater ihn ein weiteres mal losgeschickt?
„Reise durch das Land, Balduin. Nicht zum Kämpfen schicke ich dich fort, nicht zum Sammeln von Siegeslorbeeren. Das was dir fehlt, das was dich zum Ritter machen wird, ist nichts, was du im Blute eines Feindes verborgen finden wirst. Das was dir fehlt musst du selber finden; und das wirst du, wenn du Augen hast für das, was um dich herum geschieht. Dann wirst du ein Ritter sein und würdig meines Erbes.“
Noch nie waren die Worte seines Vaters ihm so rätselhaft erschienen. Noch nie hatte er sich so gedemütigt gefühlt. Anstatt nach dem Sieg über die Untotenhorde noch auf dem Schlachtfeld zum Ritter geschlagen zu werden, wie viele seiner weniger ruhmreichen Kameraden, hatte sein Vater ihm sachlich zu diesem großartigen Sieg gratuliert und ihn auf die heimische Feste bestellt. Fort von der Siegesfeier und hin zu dieser Aufgabe. Das war jetzt schon fast 3 Wochen her…
So ritt er nun voll gerüstet durch die Grafschaft der d´Artois und suchte also etwas, das ihm angeblich fehlte…
Balduin wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Sein Schlachtroß geriet ins Stocken. Nicht gewohnt, von einer Menschenmenge umringt zu sein, die es nicht nieder zu reiten galt, war es mit der Situation wohl überfordert und begann zu scheuen…
Ohne dass er es bemerkt hätte, war er auf dem Marktplatz des Dorfes angekommen. Nun hatten sich die Bauern und Handwerker von Carleon um ihn versammelt und bedrängten ihn nun, bedrängten sich gegenseitig. Jeder wollte ihn berühren.
„Da seht den Schild! Seht die Feste der d´Artois! Sein Segen schützt gegen Wiedergänger und böse Geister! Sprecht zu uns, Lord, segnet uns!“
„Lasst mich in Ruhe, ihr Cretins! Ich reite meiner Wege und will von euch stinkendem Pack nicht belästigt werden!“ Balduins Geschrei machte alles nur noch schlimmer. Jeden Moment würde das Streitroß sich aufbäumen und ein Blutbad unter den Gemeinen anrichten.
Sein Pferd zu beruhigen suchend, blickte sich Balduin hektisch um und sah schließlich, was er zu sehen gehofft hatte. Eine Patrouille Landsknechte, die die Farben seiner Familie trugen, kam eine andere Straßenecke entlang auf den Markt.
„He ihr da! Los, im Namen meines Vaters des Grafen, schafft mir diese Leute vom Hals!“
Mehr war nicht nötig. Die Landsknechte erblickten das Wappen ihres Herren und eilten ihm zu Hilfe. Mit ihren Schilden und stumpfen Keulen trieben sie mit sichtlichem Enthusiasmus die Menge auseinander.
Das Roß beruhigte sich langsam und gelangte schließlich ganz zu der für bretonische Schlachtrosse angemessenen Disziplin zurück.
Nachdem Balduin nun nicht länger bedrängt wurde, ließ der Korporal, der die Patrouille anführte, seine Männer antreten und verbeugte sich tief vor ihm.
„Es war uns eine Ehre, unserem Herren zu Diensten zu sein. Benötigt ihr uns noch?“
Als Balduin den Kopf schüttelte erteilte er Order zum Weitermarschieren und verließ mit den Landsknechten den Markt.
„Ein guter Mann“, dachte Balduin bei sich. „Der muß schon viel Erfahrung haben, er weiß, was sich gehört und benimmt sich gegenüber den Höhergestellten angemessen.“ Kurz überlegte er, der Patrouille nachzureiten und jedem eine Münze in die Hand zu geben, verwarf den Gedanken aber wieder. Sie hatten ihm helfen können, welch andere, größere Belohnung könnten sie verlangen wollen?
Also beschloß er, weiterzureiten. Bis zum Abend konnte er noch bequem die Festung Graf Elgars erreichen, wo er gedachte zu nächtigen. Sein Ruf war ihm gewiss auch dorthin voraus geeilt und er hoffte auf einen noch besseren Empfang, als es ihm wegen seines Namens ohnehin gebührte.
Die Bauern hatten vor lauter Bewunderung riskiert, unter die Hufe seines Rosses zu geraten…
Als er aus Carleon heraus ritt, konnte er schon in einiger Entfernung das nächste Dorf ausmachen. Es hieß Gisraix, wenn er nicht irrte. Ein Regiment Landsknechte, angeführt von einem Korporal aus Gisraix, war es, die in der Schlacht die Flanke seiner Lanze deckte und dabei völlig aufgerieben wurde. Manchmal waren die Bauern doch zu etwas nutze.
Balduins Gedanken schweiften erneut ab, diesmal zu dem erhofften Empfang bei Graf Elgar, als er plötzlich auf einem kahlen Acker etwas abseits der Straße eine Bewegung wahrnahm.
Er zügelte sein Pferd und schaute, was sich dort zutrug.
Ein kleiner Junge zerrte tränenüberströmt an dem Leichnahm eines Esels und versuchte, ihn weiter auf das Feld hinauszuziehen.
Die Neugier ergriff Besitz von Balduin. Er zügelte sein Pferd, stieg ab und ging auf den Acker:
„He, Junge! Was tust du da?“
Der Knabe blickte auf, zuckte vor Schreck zusammen und warf sich vor Balduin auf den Boden: „Verzeiht mein Herr, ich versuche unseren Esel zu begraben! Bitte habt Erbarmen mit mir, sollte der Karren euer Fortkommen erschwert haben!“
Balduin schaute sich um und erblickte etwas weiter vorn einen schweren Karren voller Säcke. Er stand am Rande des Weges und es wäre ein Leichtes ihn zu umgehen.
„Steh auf Junge und erzähl, was mir passiert ist. Was treibst du hier mit dem toten Esel?“ Er sprach zu einem Gemeinen… er musste in der Tat sehr neugierig sein.
Der Junge richtete sich auf und begann mit gesenktem Blick zu sprechen, die Tränen verebbten allmählich:
„Heute Morgen war es noch wie immer. Ich kam in den Stall und fütterte Gilbert, unseren Esel. Dann streichelte und bürstete ich ihn, so wie Vater es immer tat. Und dann spannte ich ihn ein und führte ihn nach Carleon. Wir gingen zeitig los, denn Gilbert ist schon alt, und so muß ich ihn nicht zur Eile antreiben. Ich tat alles so, wie Vater es wollte...“ Ein letztes Schluchzen erklang aus dem Munde des Knaben, dann wurde seine Stimme fester:
„In Carleon kaufte ich Kartoffeln und Rüben für unser Dorf Gisraix. Das macht Vater auch immer einmal im Monat, denn wir haben nur Weiden für die Schafe und keine Äcker. Wir sind die einzige Familie, die sich einen Esel leisten kann, der Karren gehört immer dem Dorfältesten… Und nun ist Gilbert auf dem Rückweg einfach stehengeblieben und gestorben. Und jetzt weiß ich nicht wie ich ihn begraben soll.“ Jetzt stahlen sich wieder Tränen in die Augen des Jungen. „Wäre Vater doch nur hier… Ich will Gilberts Fleisch nicht nehmen, das würde zu Hause keiner wollen. Er gehörte doch schließlich zur Familie…“
„Wo ist denn dein Vater?“, wollte Balduin wissen.
„Vater ist tot. Er ist gefallen in der Schlacht am Paß, bald 3 Wochen ist es her. Es wurde zu den Waffen gerufen und wie jedes Mal eilte Vater dem Grafen zu Hilfe. Mit dem Geld, was er da verdient, konnten wir uns das Futter für Gilbert leisten…“
Balduin wollte den Jungen unterbrechen, sagen wer er war und dass der Vater des Jungen den für einen Gemeinen ruhmreichsten Tod gestorben war, aber der Junge sprach weiter…
„…Aber nun ist er tot, gefallen für Herrin, Land und Graf…“ Die Miene des Jungen verriet Stolz und Trauer zugleich. „Der Herold berichtete, Vaters Regiment habe einen wertvollen Beitrag zur Schlacht geleistet… Aber jetzt wo Vater tot ist muß ich mich um alles kümmern, was er zuvor getan hat, und jetzt ist auch noch Gilbert gestorben…Ich bin noch zu jung für den Dienst, wir könnten uns sonst in zwei bis drei Jahren einen neuen Esel leisten…“
Der Junge ließ den Kopf hängen.
Balduin hatte mit Neugier und wachsendem Respekt zugehört. Der Junge schien ihn nicht erkannt zu haben und aus irgendeinem Grund legte er auch keinen Wert darauf.
Wie es schien aus einer Laune heraus, wandte er den Blick zu Junge und Esel und trat vor:
„Komm, Junge, ich helfe dir, deinen Esel zu begraben. Dann spannen wir mein Roß vor den Karren und ich bringe dich und die Ladung nach Gisraix.“
Auf dem Weg in das Dorf sprachen sowohl Balduin, als auch der Junge kein Wort. Balduin war abermals in Gedanken…
Der Vater des Jungen hatte in der Schlacht sein Leben gegeben, um sein Regiment zu schützen. Der Junge musste nun die Pflichten des Vaters übernehmen, weil dieser tot war. Doch jetzt konnte er die Pflichten des Vaters nicht mehr übernehmen, weil der Esel gestorben war.
Der Vater hatte dies alles für einen Esel getan, der Junge würde es ebenfalls…
Gestorben für Herrin, Land und Esel…
Beim Einspannen des Pferdes hatte sich der Junge sehr geschickt gezeigt, er war eigentlich nur im Weg. Daran war nichts besonderes, er hatte solcherlei doch noch nie getan.
Nun zog das geharnischte Streitroß eines Ritters den Karren eines Dorfes. Ein ungleicheres und alberneres Bild hatte es wohl selten gegeben. Gemeinsam hatten sie nur, dass sie Bretonen waren, und dadurch sah es dann doch irgendwie nicht mehr so albern aus…
Balduin kam heute aus dem Grübeln nicht mehr heraus.
Am Rande von Gisraix stoppte Balduin sein Roß. Er hatte beschlossen das Dorf zu umreiten, damit man ihn hoffentlich nicht erkannte. Gemeinsam mit dem Jungen spannte er den Karren ab. Dabei ließ er so unauffällig es ihm möglich war einige Münzen in den Beutel des Jungen gleiten. Er wusste nicht, wie viel ein Esel kostete, aber es war wohl besser als nichts. Hoffentlich hatte der Junge nichts gemerkt…
Zum Abschied fiel der Junge vor ihm auf die Knie: „Danke Herr, ich kann nicht vergelten, was ihr für unser Dorf und meine Familie getan habt…“
„Du hast gedankt, mehr erwarte und verdiene ich nicht!“, unterbrach ihn Balduin; dann ritt er ohne ein weiteres Wort davon.
Es war schon dunkel, als Balduin die Tore von Graf Elgars Festung durchritt. Es war ein anstrengender Tag voll des Nachdenkens und voller neuer Erfahrungen. Morgen würde er weiter reiten und vielleicht mehr von dem finden, was ihm fehlte.
Einen Anfang, das wusste sein Herz, hatte er heute gemacht.