Der Hunger war zurückgekehrt.
Nicht der offene, rohe Hunger der ersten Monate, als Männer sich um Rationen prügelten und Offiziere verschwanden, weil sie „Fehler“ gemacht hatten. Dies war ein leiser Hunger. Ein disziplinierter. Einer, der sich festsetzte, ohne zu schreien.
Das 44. Halcyon sprach kaum noch seinen Namen aus.
In den Unterkünften, in den Verbindungstunneln zwischen den alten Logistikhubs, nannten sie sich selbst nur noch
die Vergessenen.
Jorrek Bale wusste davon. Und er ließ es geschehen.
Acht Monate waren vergangen, seit Oberst Konn in seinem eigenen Befehlsstand gestorben war ...wurde – lautlos, effizient, nicht als Märtyrer. Sechs Monate, seit
Sol Mortis erschienen war. Zuerst nur als Gerücht, dann als Gewissheit, die man nicht mehr ignorieren konnte. Seitdem bewegte sich Bale vorsichtiger. Die Adeptus Arbites waren wachsam geworden. Zu wachsam.
Dann kam die Meldung: Späher der Blutregister hatten etwas gefunden!
Eine stillgelegte Fleischerei, halbautomatisch, tief unter einem aufgegebenen Versorgungsstrang zwischen dem Distrikt Ferris und der Halle der Lügen. Ein Ort, der einst der Masse gedient hatte, bevor neue, effizientere Anlagen ihn ersetzt hatten. Vergessen – aber nicht tot.
Bale bestand darauf, selbst zu sondieren.
Der Zugang war schmal. Alte Warnsymbole, halb abgeschabt, halb bewusst ignoriert. Die Luft war kalt und schmeckte metallisch – und darunter lag ein Geruch, ...der nie ganz verschwand.
Ketten hingen von der Decke. Schwere Glieder, stellenweise zusammengefressen vom Rost. Haken, dutzendweise. Einige waren verbogen, andere noch scharf, alle sehr spitz. An den Wänden befanden sich dunkle Spuren, die kein Reinigungsservitor je vollständig beseitigt hatte, beseitigen hätte können.
Mordren Hale, Anführer des Trupps das Blutregister, ging voran. Sein Blick wanderte ruhig, prüfend. Ein Mann, der gelernt hatte, wegzusehen, wenn es nötig war – und genau hinzusehen, wenn es das Überleben verlangte.
Die Schlachtkammer war leer - die Ausweidekammer war es nicht. Und dann: Hinter einer schweren Servostahltür lag der Cutter.
Ein Ungetüm aus Förderbändern, Messerwalzen und Pressschnecken. Schalter für unterschiedliche Verarbeitungsstufen, sauber beschriftet, sachlich, ohne jede Scham:
- Geschnetzeltes.
- Hackfleisch.
- Brät.
Ein Werkzeug, gebaut für Mengen, für Effizienz und für Gleichgültigkeit.
Der Korporal – ein hagerer Mann mit eingefallenen Wangen – räusperte sich.
„Man… man müsste nur Groxfleisch organisieren“, sagte er hastig. „Dann könnten wir sofort—“
Bale sagte nichts.
Er trat näher, legte die Hand auf das kalte Gehäuse des Cutters. Die Maschine wirkte wie schlafend, nicht tot. Sekunden vergingen. Niemand wagte zu sprechen.
Dann drehte Bale sich um.
„Bringt die Toten“, sagte er ruhig.
Der Korporal erstarrte.
„Und wenn ihr keine findet“, fuhr Bale fort, ohne die Stimme zu heben, „dann sucht in den Habitaten. Nehmt euch, was wir brauchen.“
Ein kurzes, scharfes Einatmen ging durch den Raum. Kein Protest. Kein offener Widerstand. Nur dieser eine Moment, in dem etwas Menschliches aufschrie – und dann verstummte.
Bale sah Mordren Hale an.
„Gorvax begleitet euch.“
Hinter ihm trat der Ogryn vor. Riesig. Still. Die schwere Keule locker in der Hand, als sei sie ein Werkzeug wie jedes andere. Seine Augen waren leer von Zweifel, aber nicht von Verständnis.
Mordren schluckte. Dann veränderte sich sein Blick. Entsetzen wich Berechnung.
„Wir… wir werden vorsichtig sein“, sagte er schließlich. „Keine Aufmerksamkeit.“
Bale nickte kaum merklich.
„Es wird Aufmerksamkeit geben“, sagte er. „Aber niemand wird sie einordnen können.“
Als sie gingen, blieb Bale allein zurück.
Der Cutter summte leise, als hätte jemand ein vergessenes Herz wieder angeschlossen.
Der Hunger der Vergessenen würde enden.
Und Ferrus Magna würde beginnen, sich zu erinnern –
auch wenn bald niemand mehr wusste, woran.
Zwei Monate später trugen die Vergessenen den Verfall offen.
Rüstungen waren geflickt, nicht repariert. Platten aus fremden Beständen oder Kettegeflechte ersetzten verlorene Segmente, Nieten standen hervor wie Narben. An Schultern und Helmen waren Haken, Dornen und gezackte Metallstreben angeschweißt – improvisiert, brutal, zweckmäßig. In den engen Gängen Ferrus Magnas, dort wo Gangräume, Wartungsschächte und Habitate ineinandergriffen, verschaffte das Vorteile - im Kampf gegen ausgehungerte Gangmilizen unterschiedlichster Arten oder der ...besonderen Opfer der Vergessenen.
Nahkampf war keine Wahl mehr. Er war unvermeidlich.
Der Trupp Blutregister nannte sich nun anders.
Das Knochenregister.
Der Name setzte sich still durch. Niemand wusste mehr genau, wer ihn zuerst ausgesprochen hatte.
Und es war wieder Mordren Hale, der Jorrek Bale den nächsten Hinweis brachte. Kein Bericht, keine formelle Meldung – nur ein zerknitterter Wisch, grob gedruckt, an den Rändern eingerissen. Ein Flyer. Unauffällig, fast banal.
VERSAMMLUNG ALLER WERKER
Tiefenlevel Kappa-Neun-Sieben
Halle der Stillen Lasten
Übernächster Abend – nach dem Schichtsignal
Kommt allein. Kommt schweigend.
Keine Symbole. Keine Parolen.
Aber zwischen den Zeilen lag Erwartung. Und etwas anderes. Etwas, das zog.
Die Halle lag weit entfernt von den Versorgungswegen der Vergessenen Register. Zu weit, um Verdacht zu wecken. Zu tief, um zufällig entdeckt zu werden.
Bale entschied sofort: er würde selbst gehen. Mit Mordren und mit ausgewählten Männern des Knochenregisters. Und dieses Mal ohne Gorvax - zu viel Aufmerksamkeit. Und alle würden Inkognito. gehen, keine schweren Waffen oder Lasguns.
Die Halle der Stillen Lasten war eine gewaltige Leerstelle aus einer besseren Zeit. Kräne hingen reglos unter der Decke. Säulen aus schwarzem Ferrobeton zogen sich in die Höhe. Das Licht war schwach, gestreut, kaum mehr als ein Schimmern alter Leuchtkörper.
und es waren zu viele Menschen. Hunderte. Vielleicht sogar tausende.
Makropolwerker, Instandhalter, Lastenträger, Schichtaufseher – alle in dunkle Lumpen gehüllt, Decken über Schultern und Köpfen, um Gesichter zu verbergen. Der Geruch war dicht: Angst, Schweiß, alte Maschinenöle. Geflüster lag wie ein Summen in der Luft. Spekulationen. Hoffnungen. Furcht.
Bale und Mordrens Männer verteilten sich an den Säulen, wartend und beobachtend.
Dann wurde es unvorhergesehen noch dunkler. Fast schlagartig erloschen mehrere Lichtquellen. Nur noch vereinzeltes Glimmen.
Das Geflüster erstarb sofort.
Und plötzlich: ein Fauchen.
Flackerndes Licht brach auf – Feuer.
Erst jetzt erkannte Bale die Bühne, die sich weiter vorn erhob, sofern man in dieser Halle eine Richtung definieren konnte.
Ein berockter Mann, mit blankem Schädel und freigelegten, muskulösen und offenbar eingeölten Armen sowie einem seltsamen, mit langen Hörnen versehenen, segmentierten Rumpfpanzer, schwenkte einen Flammenwerfer mit langer Lanze. Er schoss Feuerstöße in Richtung der Decke, nach links, nach rechts. Nichts wurde zerstört. Alles wurde gesehen.
Mit jedem Aufflammen zeichnete sich eine Gestalt ab:
Dunkel gerüstete Menschen, manche mit Messingplatten verstärkt, bewaffnet mit Handfeuerwaffen und Nahkampfgeräten – improvisiert oder echt. Viele trugen Messingmasken oder Helme, deren Formen weder militärisch noch dekorativ waren. Sie wirkten… rituell.
Dann kam die Stimme.
Tief. Grollend. Dennoch angenehm und fordernd - überall.
„
Ich bin Severian Threx! - Und ich bin die Stimme der letzten Wahrheit!!!“
...Hallte es durch die Dunkelheit. Die Menge erstarrte. Schwere Schritte hallten.
In der Dunkelheit erschien ein Lichtkegel, in seinem Strahl zunächst Leere – und dann trat eine Gestalt, die Bale den Atem raubte in eben diesen:
Ein Space Marine.
Schwer gepanzert. Übermenschlich. Ein Engel des Todes. Atemberaubend, lebende Legende, nahezu göttliche, zeitlose Vitalität ausstrahlend!
Neben ihm zwei Gestalten:
Eine, gekrümmt unter der Last eines schweren Buches, auf dem Rücken eines ebenso schweren Gestells tragend.
Die andere schwenkte rhythmisch ein Weihrauchgefäß. Der Duft breitete sich aus, überlagerte den Gestank der Menge – klar, fremd, berauschend. Er schärfte den Geist und flüsterte zugleich von Geheimnis, Freiheit, Bedeutung.
Staunen ging durch die Halle. Viele sanken, ohne es bewusst gewollt zu haben, auf die Knie, stolperten mit ausgestreckten Armen auf diese Gestalt zu, stolperten, fielen, wanden sich vor Sehnsucht, diese Erscheinung begreifen zu wollen.
Bale spürte es selbst.
Eine Spannung. Ein Ziehen. Einen Impuls, vorzutreten, sich unterzuordnen. Er musste jede Disziplin aufbringen, die er sich über Jahrzehnte antrainiert hatte, um stehen zu bleiben.
Dann sprach Severian Threx. Die erste Predigt Severian Threx' in Ferrus Magna!
„Ihr fragt, warum ihr vergessen wurdet.
Ich sage euch: Ihr wurdet geopfert.
Die Krone hat euch gezählt – und verworfen.
Aber ich habe euch gesehen.
Hört mich, Kinder Ferrus Magnas:
Es gibt eine letzte Wahrheit.
Und sie gehört nicht denen über euch.
Sie gehört denen, die hier unten leben.
Und sterben.
Und neu geboren werden.“
Dann schwieg er.
Einen Herzschlag lang. Dann verschwand er wieder in der Dunkelheit. In aller Stille, als hätte es ihn nie gegeben.
Der Flammenwerfer brüllte erneut auf. Feuer schnitt durch die Luft, während der Flammende und seine Getreuen sich zurückzogen. Die Halle blieb zurück – bebend, verändert.
Jorrek Bale wanndte sich um und nahm Blickkontakt mit seinen Begleitern auf. Ähnlich, wie die meisten anderen Anwesenden, kamen sie nur langsam in Bewegung, als würde ihr Bewusstsein noch einem Traum stecken, dem sie gerade noch intensiv ausgesetzt waren. Sie sammelten sich und verschwanden in den Abgründen von Ferrus Magna, aus denen sie gekommen waren. Mehrere Augenpaare hinter dunklen, hermetischen Augengläsern, die über dunkle Atemmasken saßen, folgten ihnen mit ihren Blicken. Knapp unter der Deck , als würden sie schweben, glitzerten schwach glühende Sensoren, die in der Kieferregion eines ehemals menschlichen Schädels implementiert waren.
Bale dachte lange über diese Nacht nach.
Und kam zu einer einzigen, unumstößlichen Erkenntnis:
Er musste Severian Threx finden.