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Das dumpfe Rauschen in Rahaels Ohren explodierte zu einem kreischenden Crescendo, als der junge Cadianer aus den Fluten der Maat emporstieg.
Für einen Augenblick war er vollkommen orientierungslos und konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, was soeben passiert war.
Seine Lungen schrien nach Luft, und er spürte, wie sich seine Kleidung nach dem ersten Schock nun allmählich daran erinnerte, dass sie aus Stoff bestand und bei Nässe schwer und ungemütlich werden musste.
Hilflos ruderte er mit den Armen, versank zwischen schäumenden Schnellen und reißenden Strudeln.
Adrenalin pumpte durch seine Adern. Jede Zelle in seinem Körper schien zu lodern wie Flammen, die in seinem Innern emporzüngelten.
Sauerstoff! Er brauchte Sauerstoff!
Es wäre ein Leichtes gewesen. Nur kurz Luft holen.
Doch sein Verstand hielt dagegen, zwang ihn, den Sauerstoffmangel noch etwas länger zu ertragen.
Dann durchbrach er erneut die Oberfläche, keuchte und lechzte nach Luft.
Etwas zog an ihm vorbei, glitt schnell Richtung achtern. Er spürte den Sog, ruderte wild mit den Armen und versuchte, nach dem Gegenstand zu greifen, aber er trieb zu schnell weiter.
Das Flussbett der Maat war breit und der Storm zog eigentlich sehr gemächlich dahin. In der Regenzeit allerdings, wenn sich die Wolken an den Flanken der Berge des Jareth-Bezirks abregneten, wurde selbst die ruhige Maat zu einem fauchenden und gurgelnden Ungeheuer. Hätten die Meere und Flüsse Bastets ein Rudel gebildet, sie wäre in diesem Moment wohl zum Alpha-Fluss gewählt worden.
Rahael hätte dem schrecklich schön anzusehenden Schauspiel des wütenden Wassers sicherlich mehr abgewinnen können, wenn es ihn nicht voller Zorn mit sich gerissen hätten.
Der Fluss spie ihm kalte, braune Nässe ins Gesicht, riss an seiner Kleidung und seiner Haut, schlug ihn mit Ästen, Steinen und allerlei Schwemmmaterial und versuchte immer wieder, ihn hasserfüllt zu ertränken.
Rahael prustete und ruderte mit den Armen.
Viel mehr konnte er in diesem Moment auch nicht wirklich tun.
Seine Kleidung und Ausrüstung, mit der Standard-Beladung bereits gut fünfzehn Kilogramm schwer, hatten inzwischen so viel Wasser aufgenommen, dass sie nun fast das Doppelte wogen und Rahael bei jeder Bewegung kräftig Widerstand leisteten. Er spürte, wie seine Muskeln zu brennen begannen. Der Schmerz fraß sich durch seinen Körper, lähmte seine Bewegungen. Es fühlte sich an, als würde er versuchen, in einem besonders schlammigen Sumpf ein Bein zu heben und dabei feststellen, dass die Extremität in der schmoddrigen Pampe immer langsamer wurde, obwohl er alle Kraft in die Bewegung steckte. Natürlich gab es eine Möglichkeit, dieser Schreckenssituation zu entkommen. Sie wäre sogar noch einfacher gewesen, als einen Luftzug unter Wasser zu tätigen. Allerdings ähnelten sich die Endergebnisse beider Ideen auf erschreckend erstaunliche Weise.
Immerhin war der Verlust der Ausrüstung ein schweres Vergehen, das ihn ins Gefängnis oder sogar vor ein Füsilierkommando bringen konnte.
Für das Imperium galt: Mensch nach Maschine. Jedes Stück Ausrüstung, von der einfachen Trinkflasche bis hin zum schweren Leman Russ-Panzer, waren Utensilien, die von arkanen Maschinen und Servitoren aus wertvollen Rohstoffen erstellt wurden.
Sie ohne guten Grund zu schädigen – oder, noch schlimmer, zu verlieren – stellte in der imperialen Gesetzgebung ein Verbrechen dar. Je nach Wert der verloren Ausrüstung reichte die Strafe von einer Disziplinarmaßnahme über die Versetzung in ein Strafbataillon bis zum Gang vors Erschießungskommando. Dem einfachen Soldaten vergab man Inkompetenz nicht.
Ein Pflichtgefühl, seine Loyalität und sein Überlebenswille rangen miteinander, schrien sich gegenseitig an und rauften einander die Haare aus.
Man nannte das »Cadianisches Patt«: Keinen Schritt vor, keinen Schritt zurück – egal, in welche Richtung.
Hoch aufragende Felsen flankierten die Seiten des Flussbetts, kanalisierten den Strom, der aus den entfernt liegenden Bergen Richtung Meer floss. Sich ans sichere Ufer zu retten war unter diesen Umständen vollkommen unmöglich.
Moosbewachsene Steine und Findlinge, glatt geschliffen von den sie endlos umströmenden Fluten, reckten ihre Leiber aus der kochenden Brühe wie Sirenen, lockten mit dem Versprechen baldiger Sicherheit. Doch ihre Körper boten ihm keinen Halt, und das sie umgurgelnde Wasser zog seinen mit Kleidung und Ausrüstung schwer beladenen Körper in tückische Stromschnellen und gefährliche Strudel, die irgendwo im Nichts unter der Wasseroberfläche endeten.
Wie ein Spielball wurde der junge Cadianer herumgewirbelt und gleich einem Kreisel um die eigene Achse gedreht. Die Orientierung hatte er bereits nach kurzer Zeit verloren. Mal blickte er in die schäumenden Fluten, die ihn Richtung Meer jagten, dann wieder sah er nur die sandig-braunen, hochaufragenden Klippen.
Etwas Dunkles, Böses, heulte heran wie eine Dämonette nach einer durchzechten Nacht, kreischte und schnaufte. Ein riesiger Schatten, der über den Fluss kroch und nach Rahaels Körper tastete.
Er hob den Kopf. Eine Walküre schob ihren großen, schlanken Rumpf in sein Sichtfeld, schien eine unendlich lange Zeit über ihm zu verweilen.
Rahael starrte den Senkrechtstarter an, der sich offensichtlich für irgendetwas in Position zu bringen versuchte, doch er verstand nicht recht, was der Pilot eigentlich versuchte.
Schließlich kippte die Maschine nach vorne und hob sich unter dem heißen Fauchen ihrer Vektor-Schubtriebwerke zurück in den Himmel.
Der Cadianer sah der Maschine nach, bis ihn eine Stromschnelle packte und herumriss. Wieder wurde er unter Wasser gedrückt und begann fast unwillkürlich mit den Armen zu rudern, bis er die Oberfläche prustend durchbrach.
Dann sah er sie: Hände stiegen aus den Fluten empor, reckten sich in höchster Not dem Himmel entgegen, das Äquivalent eines stummen Hilferufs, den die sich nun in einer weiten Kurve befindlichen Maschine aber weder sehen noch hören konnte.
Rahael allerdings sah die Geste sehr wohl. Dort! Das war sie!
Er erinnerte sich. Das Mädchen. Ihr angsterfüllte Blick, als er sich über die Brüstung der Brücke lehnte und ihre Hand dennoch um wenige Zentimeter verfehlte. Ihr schlanker, gebräunter Körper, der wie in Zeitlupe kleiner wurde und in die Tiefe verschwand. Der Stoß, der ihn selbst über die Brüstung schickte. Und schließlich der Fall. Es war ihm vorgekommen wie eine Ewigkeit. Er hatte Scham und Unglück gespürt in dem Wissen, dass er nicht nur sie verloren hatte, sondern auch noch selbst in den Tod stürzen würde. Aber, schloss ihm der Gedanke durch den Kopf, vielleicht war es auch ganz anders. Vielleicht war dies ein Test des Imperators, eine Aufforderung, sich zu beweisen. Was hatte der Elite-Grenadier gesagt?
Im Kampf bewähren.
Vielleicht gab es doch noch eine Chance, dem tödlichen Mahlstrom zu entkommen.
Er würde Entscheidungen treffen und sie vertreten müssen. Er musste der Gefahr entgegentreten und ihr trotzen. Sie mutig in ihre Schranken weisen. Er …
Ein Schwall Wasser gurgelte aus der Tiefe empor, spie ihm verächtlich ins Gesicht.
Rahael hustete und prustete. Seine Gedankenwelt geriet aus den Fugen, schüttelte sich wie ein nasser Hund und blickte betreten drein.
Er musste eine Entscheidung treffen. Jetzt.
Entweder, er ließ die Ausrüstung in den Fluten versinken und rettete dafür sich und – in der Folge – das Mädchen. Notwendigerweise würde ihn dieses Vorgehen den Kopf kosten.
Oder er ließ sich vom Gewicht der Koppel in die Tiefe ziehen, würde ertrinken und ebenfalls tot sein – aber zumindest in dem Wissen sterben, dass er bis zum Schluss auf seine Ausrüstung Acht gegeben hatte.
Die Entscheidung war eigentlich keine richtige. Man hatte sie ihm im Grunde bereits abgenommen. Das Ergebnis stand im Endeffekt fest, und die Frage war lediglich, ob er ihm ehrenvoll entgegentrat oder schmachvoll unterging.
Allerdings … und das hatte ihn die Erziehung auf Cadia zwar so nicht gelehrt, aber ein gewisser Basteter Colonel, der sich in den letzten Monaten erstaunlich oft in sein Leben eingemischt hatte: »Wenn Sie gehen, Rahael, dann mit einem Knall. Lassen Sie es scheppern – und wenn sich auch nur ein Mensch an Sie erinnert und weiß, dass Ihre Tat den Unterschied bedeutet hat, dann kann Ihnen auch die schlimmste Strafe nichts anhaben. Außer diese Nudelsoße. Die kann Ihnen durchaus etwas anhaben. Danach scheppert es auch. Und jemand wird sich gewiss an Sie erinnern.«
Der letzte Teil gehörte definitiv nicht zur Lektion. Als ihm das bewusst wurde, kratzte sich der gedankliche Ekko kurz grüblerisch am Kopf, zuckte mit den Schultern und ging.
Rahael kehrte in die Wirklichkeit zurück.
Er dachte an Leitis Sile, versuchte sich an das Gefühl der Fleur de Lys zu erinnern, die er um seinen Hals trug.
Mein Leben für dein Leben, dachte er und keuchte, als ihn eine neuerliche Stromschnelle unter Wasser drückte.
Dann traf er eine Entscheidung.