Tatsächlich könnte man ja meinen, eine Wissenschaft die "harte Fakten" produziert, wäre gegen jede Art von Glauben gefeit aber gerade das Beispiel "Empirie" zeigt, dass dies so nicht ganz richtig ist. Nahezu jede Statistik lässt sich auf verschiedene Weisen interpretieren, abhängig von Prämisse, Untersuchungsziel und...Standpunkt.
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Deswegen werden wir hier in der Genetik-Debatte auch auf keinen grünen Zweig kommen - denn in sowohl Pro- als auch Kontra-Standpunkten schwingt eine ganze Menge Glauben und Ideologie mit. Und das, obwohl wir hier ein wissenschaftliches Thema diskutieren.
Gerade solche Aussagen führen dazu, dass ein Thema wie dieses hier viel zu schnell müßig wird. Im Kern dieser Deiner Aussage steckt, dass man sich ja ohnehin einen laxen Umgang mit wissenschaftlichen Studien erlauben kann, immerhin kann man diese ja so oder anders oder ganz gegenteilig lesen. Praktischerweise bietet Dir diese Moral, dass Du Dich gar nicht erst intensiver mit dem Thema beschäftigen musst und trotzdem "auf Augenhöhe", wie es so schön verbrämt wird, mitreden kannst.
Nehmen wir doch exemplarisch das Thema vererbte Intelligenz. Die Forschungsliteratur gibt doppelzentnerweise Material dazu her. Plomin et al. haben schon 1999 in verschiedenen industrialisierten Ländern (darunter England, Norwegen und die USA) Zwillings- und Adoptionsstudien durchgeführt, die die Heritabilität der allgemeinen Intelligenz g je nach Umweltbedingungen zwischen 50% und 80% taxiert. Turkheimer und andere ermittelten 2003, dass die Heritabilität tendentiell desto größer ausfällt, je höher die sozioökonomische Schicht ist, denen die untersuchten Kinder angehören. Shikishima arbeitete neue Raster für Intelligenz(sub)tests aus und kam bei einer Zwillingsstudie an japanischen Kindern auf einen Heritabilitätswert von 83%.
Ferner gibt es wissenschaftliche Berichte, die sich mit der Alterskorrelation und der Vererbung von Intelligenz beschäftigen. Spinath et al. haben 2003 einen nahezu linearen Verlauf festgestellt - anfänglich 20-30% relativen Einflusses der Gene bei kleinen Kindern über ca. 40% bei Schulkindern bis hin zu etwa 60% bei Jugendlichen. Hoekstra, Bartels & Boosma haben 2007 in einer Längsschnittsuntersuchung spezifisch verbale und nicht-verbale Intelligenz an niederländischen Zwillingen (zwischen 5 und 18 Jahre alt) untersucht und kamen auf ein Spektrum von 48% (bei den Fünfjährigen) bis 84% (bei den Achtzehnjährigen). Plomin & Petrill entwarfen bereits 1997 tabellarische Übersichten von Heritabilität bei geteilter und nicht-geteilter Umwelt mitsamt der Unreliabilität sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.
Dieser kurze Ausschnitt soll als reine Darstellung reichen. Augenscheinlich handelt es sich um einen Wust an Informationen, der in einem Format wie einer Forumsdiskussion gar nicht entwirrt werden kann. Auch habe ich offensichtlich nicht viel Raum genommen, um die jeweiligen Studien darzustellen, was in einer ernsthaften Diskussion zwingend erforderlich gewesen wäre. Ich kann aber guten Gewissens behaupten, mich mit dem Thema in einem Rahmen befasst zu haben, dass ich in einer Laiendebatte wie hier im Forum zumindest nicht gezwungen bin, aus dem hohlen Bauch heraus argumentieren zu müssen.
Selbstverständlich steht jede einzelne Zahl und Studie, die ich oben skizzierte, zur Diskussion offen, kann falsch sein, überholt oder manipulativ erfasst, sodass die Ergebnisse in vorher gewünschte Richtungen gelenkt wurden. Allerdings: Du wirst Verständnis dafür haben, dass es mir nicht ausreicht, wenn Du mit einer Standardphrase der Art kommst, dass es ja irgendwelche gegenteiligen Studien gebe. Oder dass man Zahlen ohnehin nicht trauen dürfe. Oder im Bereich der Intelligenzforschung alles mit Vorsicht zu genießen sei. Du wirst schon Deine Hausaufgaben machen müssen und mit konkreten Fakten gegenhalten müssen. Sonst endest Du nämlich genau so wie der Kreationist, dem wir dieses Thema verdanken: Du weichst so lange konkreten Themen aus, bis Du Dich in einer Nische aus Allgemeinplätzen eingenistet hast, die es Dir ermöglicht, zumindest jederzeit ein argumentatives Unentschieden herauszuholen. Wird der Kreationist auf Dendrochronologie angesprochen, die seine 6.000 Jahre alte Erde widerlegt, sucht er sich im Zweifelsfall ein theologisches (sprich: faktenloses) Argument, weil er schwerlich sachbezogene Gegenworte findet. Dieselbe Motivation liegt auch beim Palmström von Christian Morgenstern vor:
Die unmögliche Tatsache
Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.
Wie war (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
möglich, wie dies Unglück, ja -:
daß es überhaupt geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagen
in Bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?
Oder war vielmehr verboten
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln - kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht -?
Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!
Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf.
Sohn des Khaine hat wohl genausowenig wie jeder andere in jedem Einzelfall Recht (er verwechselte beispielsweise kurzerhand John Locke und Rousseau), aber er bemüht doch wenigstens Fakten. Sicher sind auch die bisweilen falsch, aber es trennt das meinungsstarke Schwafeln von der informierten Meinung, bei der die "Meinung" zwar immer noch zentral ist, aber sich auf etwas beziehen kann, wohingegen im ersten Fall die Meinung sich selbst genügt.