Überfall
Naggaroth; Naggarond
2567 IC; 8.Vollmond (3.Tag)
Ein weiterer peitschender Schlag und ein kurzes Brennen an der Wange. Verfluchte Bäume, dachte Reckdis verärgert, während er sich tiefer über den Hals seines Schlachtrosses beugte. Er hielt es für geradezu selbstmörderisch, bei völliger Dunkelheit ins Lager des Chaos zu reiten. Aber es wäre dumm gewesen, sich Silberstich zu widersetzen. Einen Konflikt zwischen Druchii und Khainlern konnten sie sich einfach nicht leisten.
Der Sturmrufer schloss die Augen, die ihm ohnehin kaum halfen, und konzentrierte sich auf seine magischen Sinne. Die Auren der Bäume waren viel zu schwach, um tiefhängende Zweige zu erkennen, aber der Bannzauber, der den Lärm der gesamten Gruppe verbergen sollte, war als leuchtender Schild zu erkennen, der sich vor ihnen herschob.
Reckdis Trupp war einer von immerhin zwölf Reitergruppen, die einen schnellen Schlag ins Herz des Feindes treiben sollten. Den Feind schwächen und verwirren, das war der Auftrag. Sobald es Widerstand gab, würden sie sich zurückziehen. Es waren in erster Linie Khainler, die sich nun dem Lager des Chaos näherten. Vier der zwölf Gruppen waren es an dieser Stelle, die anderen, überwiegend von den Truppen des Hexenkönigs gestellt, waren in dieser Minute unterwegs zu den Orks.
Ich hoffe, Nerglot ist uns eine Hilfe, dachte Reckdis mit leichtem Zweifel. Der Untote hatte den Auftrag, die Khainler zu unterstützen und die fehlende Kraft an Reiterei wettzumachen. Seine Streitkräfte näherten sich von der anderen Seite.
Voraus lichtete sich der dichte Wald und Reckdis setzte sich im Sattel auf. Prompt bekam er einen Ast ins Gesicht. Ohne sein Pferd zu bremsen, stellte er sich auf die Steigbügel und brüllte nach hinten: „Reiter! Wir haben unser Ziel beinahe erreicht. Das Lager der Chaosarmee liegt direkt vor uns und es ist unwahrscheinlich, dass sie von uns wissen. Zögert nicht. Zieht die Waffen und macht nieder, was immer Euch vor die Klinge kommt. Aber haltet nicht ein! Reitet….Reitet sie einfach nieder!“
Allein Schnauben der Pferde und das leise Zischeln gezogener Schwerter antworteten ihm. Aber Reckdis wusste, dass ihn alle gehört hatten. Sie würden nicht zögern, denn innehalten hieß, zu sterben. Das war allen klar. Nur, wenn es ihnen gelang, eine Art Formation beizubehalten, konnten sie überleben.
Die Reiter brachen unter den Bäumen hervor und Reckdis riss entsetzt die Augen auf. Das Chaos hatte Vorbereitungen getroffen. Zweihundert Meter vor ihm war der Boden übersät mit Baumstümpfen und abgeschlagenen Ästen. Und es war nicht schwer, herauszufinden, wohin das Holz gewandert war. An der Grenze des Bereichs, der von Feuern und Fackeln erleuchtet war, standen niedrige Palisaden und angespitzte Stämme, die sich ihnen unfreundlich entgegen reckten.
„Khaine steh uns bei, das ist die reinste Todesfalle.“, flüsterte er voller Verzweiflung. In der Dunkelheit war es unmöglich, unter den herumliegenden Ästen eventuelle Löcher auszumachen. Und man brauchte nicht viel Fantasie, um zu wissen, was passieren würde, wenn die Reiter auf die angespitzten Baumstämme treffen würden.
Kurzerhand traf er eine Entscheidung.
„Halt!“, brüllte er in der Hoffnung, der Stillebann würde seine Stimme vor dem Feind verbergen.
Langsam kamen die Pferde zum Stillstand. „Ihr alle seht, was uns hier erwartet. Wir haben nun drei Möglichkeiten. Wir könnten in vollem Galopp weiterpreschen und hoffen, dass ein paar von uns überleben, um gegen das Chaos zu kämpfen. Wir könnten auch zurückreiten und die anderen Gruppen im Stich lassen. Ich habe mich für die dritte Option entschieden. Wir führen die Tiere am Zügel bis zu den spitzen Pfählen. Dann steigen wir über die Mauer, fallen über das Chaos her und rennen zu den Pferden zurück, wenn es brenzlig wird.
Die Sturmrufer haben folgende Aufgabe: Bleibt hier und neutralisiert die Wachposten auf der Palisade. So unauffällig, wie möglich. Dann erkundet mit euren magischen Sinnen den Untergrund. Wenn wir schnell fliehen müssen, brauchen wir euch, damit ihr uns sichere Wege zeigt. Verstanden?“
Zustimmendes Gemurmel folgte. Reckdis nickte und sprang vom Pferd. „Los jetzt!“
Riflis ignorierte den Schmerz in seinem Arm und seinem Knöchel. Jede Bewegung des Nauglir unter ihm jagte neue Wellen der Pein durch seinen gemarterten Körper. Um ihn herum donnerte eine ganze Hundertschaft der schweren Druchii-Reiterei über die flachen Hügel und walzte das Gras nieder. Sie waren unterwegs ins Lager der Orks, eine von acht Gruppen. Fast alle von ihnen waren Truppen des Hexenkönigs, nur eine Truppe gehörte zu den Streitkräften der Khainler.
Reckdis war in denkbar schlechtem Zustand. Sein Bein, das die Chaosbrut beinahe abgeschlagen hatte, pochte ununterbrochen und der Schwarze Gardist war kaum in der Lage, aus eigener Kraft darauf zu stehen. Mittlerweile half auch kein Schmerzmittel mehr. Sein einer Arm war nutzlos an seine Brust gebunden und um seine Hüfte lag ein strammer Verband.
Aber er lebte noch. Und es gab einfach nicht genug Krieger, die ihn ersetzen konnten. Deshalb war er hier und hielt das Banner der Hundertschaft auf den Rücken gebunden. Zu mehr war er kaum zu gebrauchen. Notfalls würde er kämpfen, aber er rechnete sich keine großen Chancen aus, sollte es dazu kommen.
Riflis wurde ruckartig aus seinem Selbstmitleid gerissen, als vor ihm Schlachtenlärm ertönte. Er hatte in der Dunkelheit völlig das Gefühl für die Entfernung verloren und nun waren sie im Lager der Orks. Als das Geräusch reißenden Fleischs ertönte, richtete er sich auf. Der Schmerz verschwand, als sich sein Körper bereit machte.
Er konnte kaum erkennen, was voraus geschah, merkte aber, dass die Gruppe auffächerte. Zwei Reihen zu je fünfzig Reitern mit großem Abstand in alle Richtungen entstanden. Sowohl zwischen den einzelnen Nauglir als auch zwischen den beiden Reihen lagen mindestens zwei oder drei Meter. Dabei versuchte die hintere Reihe, so zu reiten, dass sie genau hinter den Lücken in der Frontlinie kämpfen konnten.
Riflis fand sich schließlich in der zweiten Reihe wieder. Ein verirrtet Pfeil zischte an ihm vorbei und bohrte sich in den Boden. Unter ihm war der Boden von toten und verstümmelten Orks bedeckt. Die Druchii kamen kaum zum Kämpfen. Es waren die Kampfechsen, die stur einfach alles niedertrampelten, das ihnen unter die krallenbewährten Pranken kam.
Alles ging viel zu schnell, um in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Vereinzelte Zelte wurden zerfetzt und beiseite geschleudert, Kriegsmaschinen beiläufig zertrümmert und Orks wie Gobblins niedergerannt.
„Achtung: Trolle voraus!“, brüllte jemand in der ersten Reihe. „Zweite Linie halt! Erste Linie umschwenken!“ Riflis gehorchte und bremste seine Kampfechse, die überraschenderweise gehorchte. Mehr oder weniger kam die gesamte zweite Reihe zum Stillstand, während sich die erste Reihe teilte und in beide Richtungen abschwenkte. Als die Reiter die der zweiten Reihe beinahe erreicht hatten, wendeten diese ihre Reittiere und folgten ihnen.
Hinter ihnen kamen die Trolle in Rage. Sie warfen mit allem, was sie in die Hand bekamen und stürmten den Reitern hinterher. Steine und Grünhäute schlugen zwischen den Druchii ein und holten drei der Ritter aus dem Sattel. Ihre Nauglir folgten dem Rudel ohne zu zögern. Ein langer Bolzen bohrte sich neben Riflis in den Boden. Irgendwo musste eine Speerschleuder stehen. Schräg vor ihnen hatte sich eine Gruppe Bogenschützen formiert, die nun die gepanzerten Reiter unter Beschuss nahmen.
„Linke Flanke: Reibt sie auf!“, kam das Kommando und sofort teilte sich eine Gruppe Reiter ab. „Wenden und den Trollen entgegen!“, war die nächste Anweisung. In zwei weiten Bögen wendete der Trupp und donnerte auf die fünf Trolle zu, die ihnen noch immer folgten.
Kurz bevor sie die Bestien erreichten, donnerte ein schwerer Stein in die Reihen der Nauglir-Ritter. Zwei wurden einfach davon geschleudert, zwei weitere Kampfechsen kamen ins Straucheln und brachten die Formation in Unordnung. Riflis wagte es, den Blick von den Trollen zu lösen. Es war nicht etwa ein Katapult gewesen, das den Stein geworfen hatte, sondern ein Riese. Sechs Meter groß ragte er in der Dunkelheit auf und stürmte auf sie zu. Seine Hände waren bedrohlich ausgestreckt.
„Achtung. Riese an der rechten Flanke! Spalten!“
Obwohl Riflis nicht der Kommandant des Trupps war, wurde reagiert. Die Hälfte der Reiter lies von den Trollen ab und hielt auf den Riesen zu. Riflis bemerkte, dass der Anführer ihrer kleinen Streitmacht unter ihnen war. Er selbst war unter jenen, die weiter den Trollen entgegen stürmten.
„Lanzen senken!“, brüllte er. Er wollte es nicht riskieren, dass niemand das Kommando führte und konnte es sich nicht leisten, zu warten, bis jemand anfing, Befehle zu geben. Ohne Verzögerung kamen die Stangenwaffen nach unten und kaum zwei Herzschläge später trafen die Bestien aufeinander.
Einige Nauglir prallten gegen die Trolle und gingen gemeinsam zu Boden. Andere donnerten zwischen ihnen hindurch, während ihre Reiter versuchten, mit den Lanzen verwundbare Stellen zu treffen. Riflis sah, wie ein Troll im Vorbeirennen einen Druchii aus dem Sattel schlug. Der Kopf des Mannes zerplatzte unter dem wuchtigen Hieb.
Er selbst umklammerte mit der unverletzten Hand die Zügel und lenkte seine Kampfechse so, dass sie keinem der Trolle zu nahe kam, bevor er sie so schnell wie möglich wendete. Hinter dem Kampfgetümmel waren weit und breit keine Feinde zu sehen. Die Trolle waren auf sich allein gestellt.
Mit einem Tritt in die Seite spornte Riflis seinen Nauglir zum Sprung an und die tonnenschwere Bestie krallte sich in den Rücken eines Trolls. Der Hüne stürzte zu Boden, wobei er einer Echse auf den Schwanz fiel und diese ins Straucheln brachte.
Die scharfen Krallen von Riflis Reittier prügelten schnell das Leben aus dem Monster unter ihm. Während sich die Kampfechse bereits über den Fleischberg hermachte, rammte einer der anderen Reiter seine Lanze durch den Schädel des Trolls. Sie würden auf Nummer sicher gehen. Es war immer möglich, dass sich ein Troll regenerierte, wenn man ihn nicht wirklich tötete.
Inzwischen waren die Trolle jedoch überwunden, die pure Übermacht der schweren Bestien hatte ihnen kaum eine Chance gelassen. Doch auch sechs Reiter und zwei Nauglir waren getötet worden. Ein kleiner Verlust, aber Riflis wusste, dass es diese kleinen Verluste waren, welche die Druchii langsam ausbluteten.
„Reiter! Formieren. Wir greifen den Riesen an!“
Sofort kam Ordnung in die Gruppe. Reiter rissen ihre Nauglir von den toten Trollen weg und versuchten, sich in zwei Reihen zu formieren. Dann donnerten sie abermals mit gesenkten Lanzen auf das riesige Monster zu, das noch immer stand und blutige Ernte unter den Reiter hielt, die wild auf seine Beine und Füße einhackten.
„Armbrüste!“, entschied Riflis. „Umkreist diese Kreatur!“
Nicht alle Reiter hatten Armbrüste dabei. Diese ritten geradewegs weiter in den Nahkampf, während der Rest der Gruppe abschwenkte und in einem Kreis um den Riesen ritt. Klackend spannten sich die Waffen.
„Nach eigenem Ermessen feuern!“, brüllte Riflis. Schon sausten die ersten Bolzen durch die Luft und bohrten sich in die dicke Haut des Riesen. Der hob nun den Fuß und sofort stoben die Reiter davon. Einer wurde dennoch erwischt und kullerte mitsamt seinem Nauglir über das Schlachtfeld, wobei er eine breite Spur plattgedrückten Grases zurückließ.
Ein leises Rascheln ertönte und zu den Bolzen gesellte sich seine Salve Pfeile. Riflis, der selbst angehalten hatte, um den Kampf zu überblicken, sah zur Seite. Die kleine Gruppe Reiter hatte die Ork-Bogenschützen aufgerieben und sich deren Bögen genommen. Eine rasche Zählung ergab, dass diese Gruppe zwei weitere Reiter als Verluste zu beklagen hatte. Echsen waren keine gefallen.
Ein weiterer Reiter wurde von den Händen des Riesen in der Luft zerrissen, während sich dieser an den Geschossen in seiner Haut kaum zu stören schien. Riflis fluchte und zog in purer Verzweiflung sein Schwert. Er holte weit aus und schleuderte es mit aller Kraft. So stark, dass ihm hinterher die Schulter schmerzte.
Dann bohrte sich ein Orkpfeil in die Schuppenhaut seiner Echse. Drei Schützen standen nicht weit entfernt und zielten auf ihn. Mit der Standarte auf dem Rücken war er natürlich das beste Ziel. Wutentbrannt riss er an die Zügeln und beugte sich tief über den Hals der Kampfechse. Das gewaltige Tier trampelte auf die Orks zu. Erst langsam und dann, als diese nervös wurden, immer schneller. Bald dröhnte der Boden von dem Stampfen des Nauglir.
Riflis ließ der Bestie freie Hand. Er selbst hatte keine Waffe mehr. Ein Ork wurde sofort unter den Pranken zermalmt, ein zweiter zwischen den kräftigen Kiefern zerrissen. Der dritte sprang Riflis an, doch der konnte schnell genug reagieren, um ihn mit dem gesunden Arm abzuwehren. Der Ork warf ihn beinahe aus dem Sattel, bevor er gegen die geschuppte Brust der Bestie prallte und zu Boden ging. Ein beiläufiger Schwenk des Schwanzes riss ihm den Kopf von den Schultern und schleuderte ihn in die Dunkelheit davon.
Ein Donnern, wie bei einem Gewitter riss Riflis Aufmerksamkeit von den getöteten Orks los. Der Riese war gefallen und wurde nun von den Druchii endgültig in Stücke gehackt. Riflis konnte nicht erkennen, ob sein Schwert irgendeinen Schaden angerichtet hatte oder nicht. Aber es dauerte nicht lange, dann war der Tod des Monsters bemerkt worden und wild schwankende Fackeln kamen auf die Reitertruppe zu.
Riflis riss sein Reittier herum und näherte sich den übrigen Rittern. „Die Orks kommen!“
Der Kommandant, dessen einer Arm gebrochen zu sein schien, wedelte mit dem Schwert in der Luft herum. Das Licht der näherkommenden Fackeln spiegelte sich in dem Metall und ließ es feuerrot aufleuchten.
„Formieren! Wir ziehen uns zurück!“