40k Stargazer (Abgeschlossen 17.04.2015)

Mavet Me’shamaim, Kameraden!

Colonel Ekko ist zurück. Aber bevor wir uns ins nächste Kapitel seines irgendwie doch sehr abgefahrenen Abenteuers stürzen, noch mal ein kleines Vorwort von mir: Einige von euch wissen es bereits: Colonel Ekko ist eigentlich nicht Colonel Ekko. Er, wie auch seine Heimat Bastet und seine Kameraden des 512. gehörten ursprünglich einem anderen Universum an, nämlich einem, das ich selbst erfunden habe. Dort waren sie eigentlich ganz andere Charaktere und sicherlich nicht so humorvoll. Ich hatte sie mir lediglich entliehen, um meine Warhammerstory zum Laufen zu kriegen.
Nun hat sich bei mir einiges ergeben, das dazu führt, dass ich mich wieder auf die Fortführung meines eigenen Universums konzentrieren möchte. Dazu habe ich mir die ganzen Ideen und Charakterzüge, die ich für spätere Stories mit Ekko geplant hatte, wiederrum transformiert und werde das Konzept in meinem eigenen Universum wieder aufnehmen, natürlich dann ohne Warhammer.
Das heißt: Nachdem Stargazer beendet wurde, was sicherlich noch einige Zeit dauert, wird es keine neue Story von Ekko geben (auf jeden Fall wird keine mehr geplant). Und auch, wenn ich noch eine ganze Menge mit dem Colonel hier vorhabe, wollte ich darüber schon einmal informieren.
Der neue Held heißt bisher Elias Yadin und ich hoffe, dass selbst, wenn es ein eigenes, Warhammer-unrelated Universum sein wird, es vielleicht trotzdem einige von euch mögen und mir die Treue halten.

Und nun noch einmal zu was ganz anderem. Durch einen Freund wurde ich auf folgenden Link des Forums „Die Festung“ aufmerksam gemacht (http://www.diefestung.com/forum/thread.php?threadid=55556&sid=6daba16a9c42767f6d7786cd1899ae18)
und wollte sagen: Lieber Bigmek, vielen Dank. Ich war überrascht und es hat mich gefreut, dass meine Story tatsächlich von jemandem außerhalb der mir bekannten Foren vorgestellt wird!


So, und nachdem diese Punkt jetzt abgearbeitet sind, kommen wir nun zu etwas wichtigem. Dem nächsten Kapitel:




35


Obwohl sie auf den nächsten Kampf gewartet hatten, traf der Schlag, mit dem die Orks den zweiten Teil der Schlacht um die Himmelskathedrale einleiteten, die meisten an der Front befindlichen Einheiten des 512. vollkommen unvorbereitet.
Nicht nur die Tatsache, dass die Attacke im Morgengrauen begann, sondern auch die Heftigkeit, mit der die Welle aus Ork-Panzern und Boyz gegen die Stellungen der Basteter brandete, erwischte viele Infanteristen auf dem falschen Fuß.
Es dauerte nur wenige Minuten, da befanden sich die ersten Angreifer bereits in Reihen der Verteidiger.
Und so entfaltete brutaler Nahkampf sein hässliches Gesicht, als Corporal Siddig den vorgeschobenen Kommandoposten Colonel Ekkos erreichte.
Gefechtsmeldungen aus den Funkgeräten, Befehle und Zurufe begrüßten den eintreffenden Unteroffizier, hießen ihn in eine Welt willkommen, von der er im Grunde nur wenig verstand. Tatsächlich wollte es ihm so vorkommen, als sei er der Fehler in einer vollkommenen Welt des organisierten Chaos. Ein Splitter, der gerade durch eine heile Haut gestoßen worden war und nun bald von den Abwehrkräften des darunter befindlichen Organismus attackiert werden würde.
Umso mehr überraschte es, dass zuerst der Datenglobus sein Eintreten mit einem kurzen Flimmern zur Kenntnis nahm.
Wäre das Gerät ein Mensch gewesen, der Unteroffizier hätte sich mit einer kurzen, zackigen Meldung vorgestellt. So allerdings nahm er das abgehackte Rauschen nur als eine Eigenheit des örtlichen Maschinengeists hin.
»Was gibt’s, Corporal?«, sprach ihn jemand von der Seite an. Siddig wandte sich um.
Colonel Ekko, das ungewaschene Gesicht mit einem leichten Bart bedeckt und das dunkle Haar zerzaust, so als hätte er es sich vor kurzem gerauft, sah ihn aus einer Gruppe weiterer Offiziere an, die gerade über die Lage beratschlagten.
Es sprach für den etwas verwirrt wirkenden Offizier, dass er seinen Untergebenen bereits bemerkt und angesprochen hatte, während seine Ratgeber den weitaus rangniederen Soldaten geflissentlich ignorierten.
Siddig straffte sich, marschierte eilig zu den Vorgesetzten, die etwas abseits über einer Karte brüteten, und nahm Haltung an. »Sir, Sergeant Pakell – fünfter Truppe, achtzehnter Zug – hat mir befohlen, Meldung zu erstatten, dass die Außenmauer beschädigt worden ist.«
Der Colonel ließ ein paar Sekunden verstreichen, dann schürzte er die Lippen und schoss einen Blick zu den restlichen Offizieren. Augenscheinlich war er tief beeindruckt.
Der Major an seiner Seite hingegen versteifte sich kaum merklich. Als er die angenehme Stimme erhob, schwang in seinem Ton Ärger über die dreiste und vollkommen überflüssige Störung mit. »Ist Ihnen klar, dass sich die Situation bereits geändert hat, Corporal?«
»Ja, Sir. Aber ich dachte, es könnte Sie interessieren, wie dem Feind das gelungen ist.« Siddig war selbst erstaunt, wie selbstsicher er diese Worte herausgebracht hatte, vor allem, da Ekkos Augen ihn nun erst recht ins Visier nahmen. Der Regimentskommandeur ließ sich ein wenig Zeit, den verdreckten Infanteristen genauer zu betrachten. »Wie heißen Sie, Junge?«, wollte er schließlich wissen.
»Siddig, Sir.« Der Corporal spürte, wie in seinem Innersten Adrenalinpegel und Entschlossenheit gleichermaßen fielen. Sie platzten unter den Eindrücken der Ereignisse, der Erinnerung an die schrecklichen Sekunden an der Mauer und die unerwartete Aufmerksamkeit weg wie Farbe von einem rostigen Fahrzeug. Siddigs Herz raste in Panik, als er daran dachte, wie die gewaltige Explosion ihn sogar noch drei Straßen weiter von denen Beinen gehoben und in eine Wolke aus aufgeschrecktem Staub hatte fallen lassen. Seine Knie wurden weich und für kurze Zeit wölkte ein diffuser Nebel in seinem Kopf auf.
»Schnell!«, hörte er eine Stimme rufen. »Einen Stuhl.« War das die Stimme des Imperators?
»Einen Sanitäter!«
»Macht Platz!«
Irgendetwas packte ihn. Eine ganze Weile lang schien er in der Luft zu schweben, nur gehalten von flügelähnlichen Auswüchsen, die sich gleich Schlingpflanzen um seine Arme gewickelt hatten. Ihr Griff war fest, wenn auch nicht unangenehm, und eine Zeit lang genoss es Siddig, halb in der Schwebe vor sich hinzudämmern.
Dann allerdings ging es plötzlich recht schnell abwärts und der Corporal landete unsanft auf festem Boden.
Ganz allmählich klärte sich sein Blickfeld.
Zu seiner Überraschung fand er sich auf einem Stuhl sitzend wieder, umringt von diskutierenden Offizieren.
Ein Sanitäter kniete neben ihm, fühlte seinen Puls und nickte Ekko zu, der geduckt an seiner Seite stand und ihn festhielt, damit er nicht von dem Stuhl rutschte.
Als der Regimentskommandeur merkte, dass Siddig die Augen aufschlug, legte er dem atemlosen Corporal eine Hand auf die Schulter. »Gut, dass Sie wieder bei uns sind. Also«, beschwor er den Soldaten, dessen pures Entsetzen sich glasklar in seinen weit aufgerissenen Augen abzeichnete. »Was ist da unten passiert?«
»Sie haben die Mauer unterminiert«, brachte Siddig heraus, kaum dass die ersten klaren Gedanken zurück in seinen Kopf strömten.
»Unterminiert? So wie so lange auf den Fuß der Mauer schießen, bis sie einstürzt?«, hakte ein Captain, der über Ekkos Schulter lehnte, ungläubig nach.
»Nein«, erwiderte der Corporal. »Unterminiert wie: Einen Tunnel graben …«
»…mit Sprengstoff füllen und den ganzen Laden in die Luft jagen«, beendete Ekko den Satz und richtete sich auf.
In einer entnervten Bewegung schlug er die Hände über dem Kopf zusammen, bevor er sie zum Himmel reckte. »Beim Arsch … ich meine natürlich: beim Barte des Propheten! Woher, beim Thron, können die so etwas?! Ich steige da nicht hinter! Meine Herren«, sagte er mehr an sich, denn an die Anwesenden gerichtet, »wir haben ein ernstes Problem.« Und das war nicht einmal übertrieben. Sicherlich: das 512. Regiment Sera hatte bereits das eine oder andere ernste Problem überstanden (nahm man einmal die fast völlige Vernichtung der Einheit außen vor), und auch während der Agos Virgil-Kampagne waren sie nicht unbedingt erfolgreich gewesen. Doch die Information Siddigs hob ihre Sorgen in eine vollkommen neue Sphäre.
»Also gut«, ordnete der Regimentskommandeur an, während seine Gedanken bereits wieder um taktisch-operative Fragen kreisten. »Gehen Sie zu Doktor Calgrow. Sagen Sie ihr, dass Sie von mir kommen und lassen Sie sich irgendetwas geben, dass ihre Nerven auf ein normales Maß herunterfährt. Der Sanitäter wird sie begleiten. Wenn es Ihnen danach besser geht, melden Sie sich bei Captain Balgor. Wir brauchen jeden Mann, und jemanden wie Sie möchte ich nicht verlieren – verstanden?«
»Ja, Sir«, erwiderte Siddig und erhob sich gerade, als Major Carrick seinen Vorgesetzten von der Seite ansprach. »Entschuldigen Sie, Sir. Das wird nicht möglich sein.« Auf Ekkos Blick hin präzisierte er: »Doktor Calgrow ist nicht im Notlazarett.«
»Ist sie nicht?«, überlegte der Colonel. »Und wo ist sie dann?«
»Beim Sanitätsvorposten im ersten Ring«, antwortete der Major.
Das interessierte den Colonel. »Sie hat einen Sanitätsvorposten im ersten Ring?«, hakte er nach.
»Ja«, nickte Carrick. Einige Sekunden völliger Stille vergingen, während sich die konzentrischen Ringe des Gedankens ausbreiteten, von den Schallwellen der menschlichen Stimme wie ein Ball vorwärts getrieben.
»Und ich hatte mich bereits gewundert, weshalb Doktor Feelgood so nett war und mich die letzten Stunden vollkommen in Ruhe gelassen hat«, brummte der Regimentskommandeur in Erwartung, dass sein Stellvertreter ihm weitere Informationen zukommen ließ.
Allerdings ließ sich nur beobachten, wie der Major den Kopf hob, als ihm die volle Tragweite seiner Worte klar wurde. Seine Miene veränderte sich deutlich, und die Umstehenden glaubten zu erkennen, wie sich sein blondes Haar vor Wut dunkel färbte. »Oh, thronverdammt!«, zischte er. »Thronverdammt!«
»Nichtsdestotrotz«, wischte Ekko die laut aufkeimenden Selbstvorwürfe des hochgewachsenen Basteters zur Seite, nachdem er ihnen eine Weile gelassen hatte, Besitz von seinem Stellvertreter zu nehmen. »Ab ins Lazarett, Corporal.« An den Sanitäter gewandt fuhr er fort: »Sie garantieren dafür, dass der Junge heil dort an- und auch wieder zurückkommt.«
»Ja, Sir«, bestätigte der Soldat und geleitete Siddig zum Eingang des Beobachtungspostens.
Ekko sah ihnen nach, wie sie durch den aufgespannten Vorhang verschwanden, dann richtete sich sein Interesse erneut auf den Major, dessen Wut gerade in häretischem Fluchen gipfelte. Er zog die Augenbrauen hoch. »Carrick?«
Der Major versteifte sich. »Sir!«, rief er aus als befänden sie sich im gewaltigen Hauptschiff der Kathedrale, das jedes einzelnes Wort bis in die Unendlichkeit hallen ließ, »es tut mir leid, aber ich muss Ihnen melden, dass mir ein Fehler unterlaufen ist.«
»Gut zu wissen, dass auch Sie Scheiße bauen.«
»Ich finde das nicht witzig.«
»Ich schon. Wenn Sie es wünschen, kann ich für Sie mitlachen.«
»Nein, das wünsche ich nicht.«
»Dann eben nicht.« Der Colonel zuckte die Schultern. »Und was genau ist das Problem?«
»Doktor Calgrow hat mich ausgetrickst, Sir.«
»Hm. Ich dachte, Sie haben den Fehler gemacht?«
»Ja, Sir.«
Der dunkelhaarige Basteter runzelte die Stirn. »Also hat Calgrow Sie nicht ausgetrickst?«
»Doch, Sir.« Das doch recht hübsche Gesicht des stellvertretenden Regimentskommandeurs verzerrte sich zu einer Maske aus nur schwer unterdrückter Aggression. Offensichtlich machte es ihm zu schaffen, dass sein Vorgesetzter sein Problem (was auch immer es war), einfach annahm und es zu einer eher unwichtigen Nebensächlichkeit degradierte. Natürlich war ihm klar, dass es zu diesem Zeitpunkt weitaus wichtigere Dinge zu erledigen gab als sich um seine Sorgen zu kümmern, aber dennoch ließ ihm der Fehler keine Ruhe. Denn wer konnte schon wissen, was geschah, wenn er während einer Gefechtsoperation plötzlich in seiner Aufmerksamkeit nachließ und ihm ein möglicherweise tödlicher Irrtum unterlief?
»Darf ich raten?« Gespielt nachdenklich begann Ekko, mit dem Zeigefinger der linken Hand gegen seine Oberlippe zu tippen und zog so seinen Stellvertreter aus dessen Zweifeln. »Irgendwie hat Calgrow Ihnen die Erlaubnis abgerungen, ein Lazarett im ersten Ring errichten zu dürfen, ohne dass ich davon in Kenntnis gesetzt werde?«
Für einen Augenblick vergaß der Major seine Selbstvorwürfe und starrte seinen Kommandeur lediglich an. »Woher wissen Sie das?«
»Na ja, ich bin immerhin der Colonel. Denken Sie nicht, dass ich zumindest darüber informiert bin, was meine Offiziere tun?«
»Aber wenn Sie davon wussten, wieso haben Sie nichts gesagt?«, wollte sein Untergebener wissen. »Ich war der Meinung, sie würden Calgrows Vorschlag missbilligen!«
»Oh, ich war keineswegs begeistert«, offenbarte Ekko, »hatte aber auch nicht unbedingt etwas dagegen. Ich meine, wenn sich unsere rechthaberische Spritzfetischistin zur Truppenunterhaltung nah der Front einquartieren möchte, dann soll sie das tun.« Er zuckte die Schultern.
»Aber Sir«, widersprach Carrick, der bereits auf das von Ekko angeschnittene neue Thema ansprang. »Das Notlazarett wird niemals rechtzeitig evakuiert werden. Sie werden eingeschlossen!«
»Ich weiß.«
»Aber warum haben Sie nichts unternommen?«
»Eigentlich wollte ich nur sehen, ob Sie selbst daran denken, rechtzeitig eine Evakuierung einzuleiten.«
Das machte den blonden Basteter sprachlos. Am liebsten wäre er seinem Vorgesetzten in diesem Moment an die Kehle gesprungen, hätte ihm die Nase ins Gehirn getrieben und die Augen ausgekratzt, nur um sich dann abzuwenden und zurück an die frische Luft zu gehen, wo sich deutlich mehr Intelligenz fand als hier drinnen in dem kleinen, vorgeschobenen Beobachtungsposten der imperialen Armee.
In der Theorie klang der Plan gut, hatte allerdings auch die eine oder andere Schwachstelle.
Elender Mistkerl von einem Colonel! »Und nun?«
Ekko schürzte die Lippen. »Haben Sie keinen Plan?« Auf Carricks Blick hin winkte er ab. »Schon gut, schon gut. Ich hab da schon was vorbereitet.«
Nur eine Sekunde später eilte der Knall seinen Schnippen durch die Kommandozentrale zu den beiden Funkern, die an einer der Seitenwände die eingehenden Meldungen annahmen und ihnen gereichte Befehle ausgaben.
Jetzt fuhr einer der beiden auf, wandte sich um und nahm Haltung an. »Sir?!«
»Finden Sie heraus, wo sich Sergeant Krood befindet«, befahl Ekko. »Und dann stellen Sie mir eine Verbindung zu ihm her. Außerdem muss ich mit Captain Solmaar sprechen. Sagen wir … in zehn Minuten.«
»Ja, Sir!« Der Funker ließ sich zurück auf seinen Sitz fallen, schob die Kopfhörer über die Ohren und fing an, mit dem Frequenzregler die entsprechende Truppenfrequenz zu suchen.
»Warum so lange?«, wollte Carrick, an seinen Vorgesetzten gerichtet, leise wissen.
»Wir müssen erst noch eine andere Sache erledigen«, erklärte der Colonel und marschierte in die Mitte der Kommandozentrale, wo der Hauptplot von Offizieren und Adepten belagert wurde. In der Zeit, während der die beiden Regimentsführer abgelenkt gewesen waren, hatte sich die Gruppe in ein unkontrollierbares Knäuel aus gestikulierenden Armen, Beinen und umher schwirrenden Worten verwandelt, dessen Zentrum das unruhig flackernde Bild der hololithischen Anzeige bildete. Und im Gegensatz zum Beinhaus, in dem die Männer dafür noch ein wenig mehr Platz gehabt hatten, bot dieser Ort ihnen eigentlich kaum die Möglichkeit zu einer Bewegung.
Um möglichst nah an der Front und dennoch gut geschützt und nicht weit entfernt von seinem eigentlichen Kommandozentrum zu sein, hatte sich Ekko ein Herrenhaus im zweiten Ring ausgesucht, dessen Wohnbereich ausräumen lassen und dort den mobilen Plot seiner Kommandowalküre untergebracht. Das Gerät aus dem Sturmtransporter auszubauen, war nicht gerade einfach gewesen, und noch immer fürchteten die Techpriester, dass sich die Maschinengeister von Walküre und Datengerät über die widernatürliche Separation erbosten und in der Folge ihren Dienst quittierten.
Ebenso war das Einrichten des vorgeschobenen Kommandopostens nicht ganz einfach gewesen. Die Energie, die benötigt wurde, um Funkanlagen, Plot und Anzeigen in Betrieb zu halten, überstieg die vorhandene Netzkapazität bei weitem, sodass die Imperialen auf die Hilfe eines externen, vom Strom unabhängigen Generators angewiesen waren.
Diesen stellte nun der Motor eines Salamander-Kommandopanzerwagens, der im laufenden Betrieb nur wenige Meter entfernt hinter der Gebäudemauer stand und über Starkstromkabel und Verteiler mit den Systemen der Zentrale verbunden war.
Der geneigte Geist hätte es wohl als Wunder des Imperators bezeichnet, dass trotz dieser Widrigkeiten dennoch eine funktionierende Befehlsstelle entstanden war.
Ein größeres Wunder war jedoch, wie Ekko es schaffte, zielsicher durch die wogende Masse seiner eigenen Leute zu navigieren und neben dem Hauptplot aufzutauchen, welcher sich sichtlich erleichtert zeigte.
»Also, meine Herren«, rief der Colonel in die Runde, die daraufhin allmählich verstummte. »Lagebericht! Sind wir bereit zur Sprengung?«
»Die Pioniertrupps im ersten Ring sind bereit«, meldete Captain Tius, der Führer der eingeteilten Sondertrupps. »Ebenso die Einheiten für die Rücknahme des Schildgitters in den zwoten Ring.«
»Sehr schön. Oberster Konsul?«
Der unruhig vor sich hin rasselnde Oberste Konsul, der die Konstruktion der Raketenbatterien überwacht hatte, versteifte sich merklich. »Die Raketenbatterien sind einsatzbereit!«, antwortete er, aber nicht ohne zwei Mal tief und besorgt Atem zu holen.
Der Regimentskommandeur klatschte in die Hände. Das Unwohlsein seines Gegenübers missachtete er dabei vollkommen. »Sehr gut. Dann werden wir jetzt den Schild zurücknehmen.«
»Ähm, Colonel. Wir haben da noch ein Problem«, sprach ihn der Maschinenseher erneut an. Er hätte es besser sein lassen.
Ekko sah auf. An seinem Gesichtsausdruck ließ sich deutlich ablesen, dass er eine derartige Entwicklung bereits erwartet hatte, aber seine Begeisterung darüber ausgezeichnet im Zaum halten konnte. »Warum überrascht mich das nicht? Was hindert uns denn nun am Rückzug?«
»Na ja, eigentlich … also, genau genommen … sind es zwei Probleme.«
Der imperiale Offizier schürzte entnervt die Lippen und ließ einige Sekunden vergehen. »Das klingt nicht gut. Haben Sie die Probleme denn identifizieren können?«
»Leider nicht«, zischte der Konsul. In seiner verzerrten Stimme klang eine Mischung zwischen Ärger und eine Spur Angst mit. Angst von der unkontrollierbaren Reaktion des Festungskommandanten.
Doch der runzelte lediglich die Stirn. »Verstehe. Das ist wirklich nicht gut. Tatsächlich klingt das nach einem Auftrag für einen Profi.« Er senkte nachdenklich den Kopf und suchte selbst nach einer Idee zur Lösung der Situation.
Es dauerte, bis sich seine eigene Unzufriedenheit über diese Notwendigkeit schließlich auf ein Niveau einpegelte, auf dem sie einfach nicht mehr hinter sarkastischen Bemerkungen zurückstehen wollte. »Vielleicht sollte ich selbst hingehen und es mir ansehen«, schlug er vor und sah wieder auf. »Und Sie übernehmen solange das Kommando über diese Festung. Immerhin sind Sie später nur dem Imperator Rechenschaft schuldig, nicht wahr?«
Seine Kopfbedeckung, weit weniger erfreut, segelte in Richtung des Konsuls. Es deutlich vernehmbares Geräusch erklang, als sie irgendwo zwischen der zweiten Schutzmauer und der Kathedrale inmitten der Anhäufung von Photonen auf dem Holotisch landete.
Für einen Moment lang herrschte Stille zwischen den anwesenden Offizieren, während um sie herum Aufregung und wilde Eile grassierte. Die Worte des Colonels mussten erst ihren Weg durch die Hirnwindungen der Gruppe von Menschen bahnen, dort eine Reaktion auslösen und diese für andere sichtbar zurück an die Oberfläche transportieren.
Der Oberste Konsul gewann das Rennen, indem er als erster dem kollektiven Erbleichen anheimfiel. »Niemals!«, rief er entsetzt aus.
»Das dachte ich mir. Ihnen könnte ich noch nicht einmal die Latrine anvertrauen«, stellte Ekko fest und wandte sich dem Ausgang zu. »Carrick übernimmt das Kommando. Vielleicht sollten Sie ihm über die Schulter sehen. Da können Sie sicherlich noch etwas lernen. Und ich werde jetzt mal sehen, ob ich diese thronverdammten Raketenwerfer zum Laufen kriege.«
»Colonel!«, rief ihm Carrick seinem Vorgesetzten hinterher, als sich dieser bereits auf dem Weg zum Ausgang befand. Die peinliche Stille in der Kommandozentrale schrie ihre Verzweiflung in die aufgeheizte Luft hinaus, lediglich übertönt vom dumpfen Krachen und den Funksprüchen der Schlacht. »Sir, das kann doch jetzt nicht Ihr Ernst sein!«
Der Regimentskommandeur verzog keine Miene. Lediglich ein trockenes »doch« quälte sich über seine Lippen.
»Colonel!« Erneut setzte sein Stellvertreter in dem Bemühen an, die Paragraphen des Uplifting Primer zu zitieren, die sein Gegenüber durch diese Haltung verletzte. Ekko stoppt den drohenden Ausbruch mit einer energischen Bewegung seines Zeigefingers. »Kein Wort! Ich kann ernst sein, wann ich will! Und ich will jetzt ernst sein!«
Carrick fand darauf keine Erwiderung.
Dafür meldete sich einer Funker. »Entschuldigen Sie, Colonel?«, sprach er den dunkelhaarigen Basteter an, der mit hoch erhobener Hand inmitten der Kommandozentrale stand.
»Was ist?!«, fuhr Ekko ihn an.
Der Soldat versteifte sich. »Captain Solmaar für Sie!«
»Sagen Sie ihm, er soll seine Nummer dalassen. Ich rufe ihn dann zurück.«
»Ähm«, brachte der Funker verwirrt heraus. »Wie bitte?«
Ekko winkte ab. »Vergessen Sie es.« Ohne auf die Gruppe von Adepten und Offizieren zu achten, deren erschütterte Blicke auf ihm ruhten, trat er an die Seite des Funkers und nahm ihm die Kopfhörer aus der Hand. »Und während ich mit dem Captain spreche, laufen Sie los und besorgen mir Armasec für diesen Maschinengeist.«
»Armasec?«
»Ja. Es heißt, dass ein betrunkener Geist entschlussfreudiger sei. Ich würde gerne ausprobieren, ob das auch auf Maschinen zutrifft.«

***

Leuchtspurmunition zischte über Gren Krood hinweg, als sich der Grenadiersergeant über die Schulter abrollte und die HE-Laserpistole auf einen nahen Boy richtete.
Die Waffe spie einen grellen Blitz gegen den Feind, der lediglich mit einem überraschten Grunzen antwortete und vorüberfiel.
Links neben ihm ging Cedd in den Schießhalt, zur besseren Stabilität vorn übergebeugt, und vernichtete in kurzer Reihenfolge drei Gegner, um dann von Tall überholt zu werden, der sich bereits im Schnellschuss der nächsten Angreifer annahm.
Die Kasrkin befanden sich im Angriff. Es war der schwerste und bisweilen erfolgreichste Angriff, den die Imperialen seit der Rückeroberung des umkämpften Haupttores der Außenmauer zustande gebracht hatten. Überraschte und schlecht vorbereitete Orks fielen in den staubigen Sand, der sich auf den zerbrochenen Pflastersteinen angesammelt hatte, während die Elite-Infanteristen gnadenlos vorstießen.
Um sie herum lief der Rückzug.
Schüsse und Schreie, donnernde Explosionen und gebellte Befehle bildeten die chaotische Kulisse dessen, was Krood als vollkommenes Versagen einer Armee bezeichnete. Ohne die Möglichkeit zum Gegenschlag hatten sich die imperialen Truppen von den Orks in einen blutigen Nahkampf verwickeln lassen. Den Orks an Masse und vor allem Kraft gnadenlos unterlegen, blieb ihnen nun nichts anderes übrig als sich mit dem Mut der Verzweiflung gegen den Feind zu werfen. Es galt, den Feind so lange zu beschäftigen, bis die hinter ihnen im Aufbau befindliche Front endlich stand.
Nicht, dass Krood etwas anderes erwartet hatte. Normale waren kraftlos. Willensschwach. Männer, denen das eigene Wort weit mehr bedeutete als die Tat. Eben solch jene, die im Angesicht eines übermächtigen Feindes verzweifelten, statt ihm gepflegt den Arsch zu versohlen.
»Whaaaaargh!« Aus den Augenwinkeln sah der Grenadier-Sergeant einen Schatten in seine Richtung huschen und wirbelte herum. Ein Ork-Boy, die Spaltaxt weit über das hässliche Haupt erhoben, sprang zwischen den Trümmern eines einstmals dreistöckigen Gebäudes hervor. Krood befand sich noch mitten in der Drehung, als ihm klar wurde, dass die Distanz zwischen ihm und dem Feind nicht mehr ausreichte, um die HE-Laserpistole ans Ziel zu bringen. Kurzentschlossen winkelte er seine Schwerthand an, das sirrende Energieschwert auf den Feind gerichtet, und beugte sich vor. Er hatte sich nicht verschätzt.
Vor Wut brüllend stürzte sich der Angreifer in die schimmernde Waffe, um dann überrascht inne zu halten. Doch mehr war auch nicht nötig. Von der kinetischen Energie des Aufpralls regelrecht in die Knie gezwungen, verloren Kroods Stiefel den Halt auf dem sandigen Boden.
Ohne, dass er reagieren konnte, wurde er zurückgeschoben und gegen Tall gedrückt, der seine nächste Salve wirkungslos in die gegenüberliegende Hauswand setzte. »Gnarr! Thronverdammt!«
Ohne auf den Fluch seines Kameraden zu achten, nutzte Krood den Aufprall, um mitsamt des Orks eine Drehung zu vollführen und den Gegner zu Boden zu werfen.
»Urgh!«, brüllte der Xeno, als er auf die Erde prallte. Rotz und Speichel bliesen Krood als stinkender Wasserdampf entgegen. Er erweiterte das Hirn des Xenos um ein Luftloch. Der Boy verstummte.
Schon wälzten sich die nächsten Angreifer über den Schutt, eine Lawine aus grünen Körpern, welche die Verteidigung der Menschen zu erdrücken versuchte.
»Zurück«, befahl Krood rufend. »In Feuerlinie ausweichen!«
»Verstanden!« In Linie aufgereiht, die Waffen im Dauerfeuermodus geschaltet, gingen die die drei Kasrkin langsam rückwärts in Richtung der imperialen Schützengräben. Ihre Offensive war gescheitert.
Sie konnten nicht mehr tun, als die Xenos der Bedrohung nach zu vernichten und zu hoffen, dass die verbliebenen Soldaten in der Lage waren, die Elitekämpfer in ihre Abwehrstellung zu integrieren.
Die Xenos der Bedrohung nach vernichten.
Immer nur in kurzen Zielphasen mit den Augen an der Waffe, suchte Krood die Umgebung nach der größten Bedrohung für ihn und seine Männer ab. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte die Umgebung mit einer Punisher-Gatlinggun bestrichen, um sicher zu gehen, dass wirklich kein Feind mehr übrig war.
Aber da er weder über solch eine Waffe verfügte, noch in nächster Zeit verfügen würde, blieb ihm nur seine HE-Laserpistole. Doch selbst mit einem Batterietornister waren Feuerkraft und Munitionsvorrat einer solchen Waffe begrenzt. Die präzise Zielwahl wurde dadurch zu einem notwendigen Übel.
»Flammenwerfer links!«, bellte Krood, während er bereits die ersten Schüsse auf den nächsten Gegner abgab.
Ein Brennaboy hatte sich durch das Chaos an sie herangearbeitet. Sein Versuch, den Angriff seines Kameraden zu Ende zu bringen, verpuffte jedoch – im wahrsten Sinne des Wortes.
Von den ersten drei Treffern durchlöchert blies der Rückentank des Boy gasförmigen Brennstoff in die Luft. Der vierte Treffer, eigentlich nur ein Streifschuss, setzte mit seiner großen Hitze den Brennstoff um.
Der grünliche Leib des Ork entzündete sich mit dem Geräusch eines feuchten Niesens. Vor Schmerzen jaulend begann das Wesen zu laufen, versuchte den grässlichen Flammen zu entkommen, die auf seiner Haut brannten.
»Neutralisiert!«, schrie Krood und wandte sich dem nächsten Feind zu, während die rennende und stolpernde Fackel in den nächsten imperialen Verteidigungsgraben stürzte.
Weitere Schreie setzten ein, als sich Infanteristen an dem lichterloh lodernden Körper ansteckten.
»Thronverdammt«, zischte Cedd ein kurzes Wort des Mitleids, bevor auch er den nächsten Gegner anvisierte. »Haben Sie das gesehen, Sergeant?«
»Ja«, erwiderte Krood knapp, während er einem anstürmenden Boy in den Bauch schoss. Der Xeno grunzte und klappte in sich zusammen. »Kann man nichts machen.«
»Kann man nichts machen?« Tall ließ ein kurzes, freudloses Lachen erklingen. »Das war unsere Rückendeckung.«
»Was für eine Rückendeckung?«, wollte Cedd wissen.
»Hey«, brummte Krood, vollkommen unbeeindruckt. »Bleibt fokussiert. Wir haben einen Job zu erledigen.«
Er legte auf den nächsten Boy an und drückte ab, doch dieses Mal war etwas anders. Ein merkwürdiges Rumoren, das durch seine Waffe und seinen Arm lief, begleitete den Schuss. Eine Fehlfunktion der Laserpistole? Möglicherweise eine Energierückkopplung? Nein, dafür war das Geräusch bei Weitem zu unterschwellig. Aber was konnte es dann sein? Die Identifikation war wirklich nicht einfach, zumal der Lärm der Schlacht das Geräusch immer wieder übertönte und Erschütterungen im Erdboden eine genaue Lokalisierung unmöglich machten. Aber so viel stand fest: es bewegte sich. Es kam näher.
Nein!, dachte Krood.
Im nächsten Moment brach ein stählerner Drache durch die Häuserruinen. Zumindest sah das Objekt genauso scheußlich aus.
»Panzer!«, schrie Krood die Warnung, die seine Kasrkin veranlasste, auseinander zu springen wie die Splitter einer explodierenden Handgranate. Keine Sekunde zu früh. Mit einem ohrenbetäubenden Knall spie die Hauptwaffe des Kampffahrzeugs eine Granate auf die imperialen Linien.
Ein grelles Pfeifen rauschte über Krood hinweg, holte den Elite-Grenadier mit einem kräftigen Luftzug von den Beinen. Krood schlug hart hin. Pistole und Energieschwert glitten polternd aus seinen Händen.
Nicht einmal die schwere, stabilisierende Plattenpanzerung konnte verhindern, dass ihm kurzzeitig schwarz vor Augen wurde und er verzweifelt um Atem rang.
Eine trockene Explosion ertönte. Erde regnete auf den Kasrkin herab.
»Sergeant!« Schon in der nächsten Sekunde wurde er in die Höhe gehievt und eilends über den Boden geschleift. Energieschwert und Laserpistole rutschten nutzlos hinter ihm her, lediglich durch die Verbindungsstränge an Kroods Rückenkanister gefesselt. Wären sie mit Energiezellen betrieben worden, er hätte sie im Kampf sicherlich verloren.
Krood strampelte mit den Beinen, versuchte sich aufzurichten und seine Freiheit wiederzuerlangen. Irgendwie schafften es seine Stiefel, Halt zwischen zwei aufgesprungenen Pflastersteinen zu finden und der Sergeant kam endlich wieder auf die Füße.
Ein schweres Maschinengewehr hämmerte los, erfreut über das plötzliche Auftauchen von Zielen in seinem Schussfeld. Erde schoss um die drei Männer in die Höhe. Querschläger prallten heulend von den Pflastersteinen ab.
»Los!«, schrie Krood, während er um die eigene Achse wirbelte und versuchte, Pistole und Energieschwert zu greifen. »In Deckung!«
Von der aggressiven Order ihres Vorgesetzten aufgepeitscht, sprinteten die beiden Kasrkin los. Der nächste Verteidigungsgraben der imperialen Truppen lag nicht weit entfernt, und dort gab es zumindest eine einigermaßen gute Deckung vor der überwältigenden Feuerkraft des Feindfahrzeugs.
Aber, wo beim Thron, war die Panzerabwehr? Wo, waren die Jagdpanzer?
Krood bekam seine Pistole zu fassen und ließ sie ins Holster gleiten. Das Energieschwert folgte einige Sekunden später.
Lange Ketten aus Leuchtspurmunition zischten dicht über seinen Kopf hinweg, als der Grenadiersergeant seinen beiden Elitesoldaten hinterher in Richtung der imperialen Linie folgte.
Mehr rutschend als laufend erreichten die drei den Schützengraben und glitten in schneller Reihenfolge hinein.
Von purer Angst gezeichnete Gesichter blickten ihnen entgegen.
Gut ein Dutzend Soldaten hatten sich in dem schwer zerstörten Graben verschanzt, in der Hoffnung, sie könnten so dem schweren Feindbeschuss entgehen.
Ein Captain, dessen Namen Krood nicht kannte (und der ihm im Grunde auch egal war), schrie Befehle in das Funkgerät seines Adjutanten, der mit halbzerschossenem Kopf neben ihm an der Grabenwand lehnte und ins Nirgendwo starrte.
»Feindpanzer im Anmarsch!«, meldete Krood mit lauter Stimme, während er in die Richtung zeigte, als der das angreifende Gefährt herandröhnte. »Etwa einhundert in dieser Richtung!«
»Wir haben es gesehen!«, rief der Captain, bevor er erneut in das Handgerät schrie, das mit dem Tornister auf dem Rücken des Funkers verbunden war. »Alles im Rückzug formieren!«
»Rückzug? Soll das ein Witz sein?« Krood fuhr herum. »Wir sind keine Raumflotte, die schnell in den Warp transitiert, weil der Angriff auf die riesige, bewaffnete Raumstation mit ihrem Superlaser nicht funktioniert hat. Wenn wir jetzt den Rückzug einleiten, dann bricht die linke Flanke ein!«
»Was soll ich machen? Darauf warten, dass meine Männer massakriert werden?« Der Offizier schüttelte den Kopf. »Ihr Vorhaben in allen Ehren, Sergeant, aber was ist mit der linken Flanke, wenn niemand mehr da ist, um sie zu verteidigen?«
Das leuchtete ein. Darüber brauchte man nicht streiten. Und selbst, wenn. Krood hätte auf die Schnelle kein Argument gefunden, das die Worte des Anderen entkräftet hätte.
»Haben Sie Raketenwerfer?«
»Nein, natürlich nicht!«, antwortete der Captain gleichermaßen gestresst und ungläubig. »Wo sollte ich die hernehmen? Die meisten Spezialwaffen sind mit dem Detachement an General Iglianus verloren gegangen und die wenigen verbliebenen Plattformen hat Colonel Ekko an strategisch wichtigeren Positionen in Stellung bringen lassen. Das Einzige, was ich im Überschuss habe, ist Munition. Also – wie soll ich die thronverdammten Panzer bekämpfen? Mit Geschossen bewerfen?«
Krood blieb ihm die Antwort schuldig, fragte stattdessen nach anderen Panzervernichtungsmitteln: »Laserkanonen? Melter? Hohlladungen? Panzerminen? Panzerabwehrgranaten? Geballte Ladungen? Valhallanische Panzerabwehrhunde?«
Der laute Geschützknall des Orkpanzers tönte über sie hinweg, erinnerte sie drängend daran, sich möglichst bald eine Lösung für ihr Problem einfallen zu lassen.
Nicht weit entfernt zerplatzte eine Hauswand mit ohrenbetäubendem Getöse. Eine Flutwelle aus Staub und Trümmerstücken ergoss sich über die umliegenden Gebäuderuinen.
»Haben Sie nicht zugehört, Sergeant?«, schrie der imperiale Offizier gegen den tosenden Lärm an. »Oder machen Sie Witze?«
»Ich bin nicht Colonel Ekko«, erschoss ihn der Kasrkin mit seinen Blicken.
Die Erwähnung des zweifellos irrsinnigen Regimentskommandeurs schließlich stürzte den Captain vollends in Agonie. »Natürlich nicht. Dafür fehlt Ihnen der gelangweilte Gesichtsausdruck.«
»Und das verfilzte Haar«, fügte Cedd trocken an.
Ein zweiter Mann fiel Kroods tödlichen Laseraugen zum Opfer, bevor er sich wieder an den Offizier wandte. »Was haben sie an Waffen?«
»Lasergewehre.«
»Und sonst?«
»Handgranaten.«
Das reichte. Auch eine professionell antrainierte und über Jahre verfeinerte Ruhe fand bisweilen ihr Ende. In dem Moment, als dem anderen Infanteristen das Wort ‚Handgranaten‘ aus dem Mund rutschte, verlor Krood zum ersten Mal seit seiner Begegnung mit Ekko die Beherrschung. Zumindest, soweit es seine Professionalität zuließ.
Kraftvoll packte er den überraschten Offizier am Kragen und schüttelte ihn. Seine Stimme blieb jedoch vollkommen ausgeglichen und entspannt. »Wollen Sie leben? Dann geben Sie mir eine ordentliche Antwort.«
»Rauchgranaten, Sprenggranaten und Phosphor«, stotterte der Mann.
»Sie haben Phosphorgranaten?« Die Miene des Elite-Sergeants hellte sich auf, als er den Captain losließ.
Mit Rauchgranaten und Sprenggranaten, sogenannten Frags, ließ sich kein Panzerfahrzeug ordentlich bekämpfen.
Phosphorsprengsätze spielten hingegen in einer völlig anderen Liga. Eigentlich zum Knacken von gepanzerten Zugängen gedacht, ebenso wie zum Ausschalten von Kampfanzügen, waren Phosphorgranaten so etwas Ähnliches wie Melterbomben – nur eben deutlich kleiner.
Und wenn man keine besseren Panzerabwehrwaffen besaß, waren diese ultraheißen Sprengkörper das Mittel der Wahl, ein feindliches Gefechtsmittel rabiat außer Dienst zu stellen. Besonders, wenn es sich bei den Anwendern besagter Abwehrwaffen um Elitesoldaten handelte.
»In Ordnung. Ich brauche etwas von allem: Rauch, Frags und Phosphor.«
Der Captain ließ das Sprechgerät sinken und musterte den Grenadiersergeant mit ernstem Blick. Irgendwo vor dem Graben dröhnte der Motor des Panzers.
»Was haben Sie vor?«, zischte der Offizier, bevor er einen der Soldaten heranrief. »Wart!«
»Den Panzer vernichten«, erklärte Krood, dann war der Infanterist, der mehr durch den Graben kroch denn lief, auch schon heran.
»Sir?«
»Nehmen Sie Fohma und sammeln Sie alle verfügbaren Handgranaten ein. Frags, Rauch und Phos.«
»Alle? Jetzt?« Die Stimme des Soldaten zitterte leicht.
»Ja – und wenn es sein muss, dann verlassen Sie dafür die Stellung.«
Weiter hinten erhob sich ein Soldat und gab ein paar Schuss mit seinem Lasergewehr ab, um danach wieder hinter die Deckung zu tauchen.
»Los!«; verlieh der Zugführer seinen Worten Ausdruck. Wart nickte und kroch zurück zu den restlichen Infanteristen.
Krood hob seinen Kopf über den Rand der Stellung und riskierte einen Blick.
Der orkische Panzer rollte unaufhaltsam vorwärts, unterstützte die vorrückenden Boyz mit seinen Maschinenwaffen. Gerade drehte der Geschützturm auf ein Widerstandsnest der Imperialen ein. Die dort verschanzten Soldaten hatten es fertiggebracht, die angreifenden Grünhäute für einige Zeit lang von der Seite aus zu attackieren und so ihren Vormarsch aufzuhalten. Immer wieder spien ihre Laserwaffen kohärentes Licht gegen die Angreifer, fällten Gegner um Gegner.
Bisher war es den Orks nicht gelungen, die mit Leichen und Erde verstärkte Verteidigung zu durchbrechen. Dank des Panzers änderte sich das nun.
Schreie der Panik klangen an, als sich das Rohr des Panzers senkte. Einige letzte Laserschüsse prallten wirkungslos in die Panzerung des Kettenfahrzeugs, bevor die Ork-Besatzung das Ziel erfasste.
Der satte Knall des Geschützes peitschte durch die Luft, blies den Sand um das Gefährt fort. Fast im gleichen Moment explodierte die Stellung in einer riesigen Fontäne aus Sand, Staub und Trümmern. Leiber wurden in die Luft gewirbelt. Dann waren auch schon die Orks heran und stürmten die Überreste der Verteidigungsanlage. Wenn es Überlebende gegeben hatte, war ihr Schicksal somit besiegelt.
Der Panzer rollte wieder an.
Nun blieb ihnen nicht mehr viel Zeit. Irgendwie mussten sie das Kampfgefährt stoppen.
Die Jagdpanzer schienen kein Schussfeld zu haben, oder sie wussten nichts von dem Feindfahrzeug. Und höchstwahrscheinlich blieb auch keine Zeit, die Destroyer ins Ziel zu leiten.
Aber wenn der Infanterie nichts anderes übrig blieb, als das schwerbewaffnete Fahrzeug im Nahkampf (vielleicht sogar frontal) anzugehen, dann konnten sie sich genauso gut vom Panzer überrollen lassen. Beides kam einem Selbstmord gleich.
Krood sah sich um.
Nicht weit entfernt stand eine abgeschossene Chimäre in hellen Flammen. Schwarzer Rauch stieg aus den geöffneten Luken in den azurblauen Himmel hinauf, um sich unter der unsichtbaren Mauer des energetischen Schutzschilds zu sammeln und mit den dort wabernden Schaden zu vereinigen.
Der Kommandant, bereits nicht mehr als ein schwelender Rumpf, hing zerschmettert aus dem geöffneten Turmluk des Panzerfahrzeugs.
Ein geschultes Auge wie das von Gren Krood brauchte nicht lange rätseln, was mit dem Schützenpanzer geschehen war. In seiner Aufgabe als Infanterieunterstützungsfahrzeug schien er in seiner Stellung überrascht und von Moschaboyz sowie Stikkbombaz geentert worden zu sein, die das Fahrzeug zu gleichen Teilen hatten erobern und zerstören wollen.
Offensichtlich hatten die Moschaboyz die Chimäre zuerst durch die Dachluken über dem Truppenkompartment gestürmt und die Besatzung niedergemacht, nur um dann ihrerseits von den Stikkbombs vernichtet zu werden, welche von den nachfolgen Xenos durch dieselben Luken geworfen wurden. Jedoch hatte der Freundbeschuss (oder Freundbewurf – je nachdem, wie man die Sache betrachten wollte), nicht alle Angreifer getötet. Wie das Umfeld der Chimäre verriet, hatten einige überlebende Grünhäute den Panzer verlassen und einen Gegenangriff gestartet.
Tote Orks, teilweise schwer zugerichtet, lagen in unregelmäßigen Abständen um das Fahrzeug verstreut.
Ein unglaubliches Gemetzel – aber hier ließ sich ansetzen.
Das Wrack bot einen guten Ausgangort für einen Angriff gegen den Panzer, weil man von dort aus über zwei wichtige Dinge verfügte: eine gute Sicht und verlässliche Deckung.
Das war es! Jetzt brauchten sie nur noch ein Mittel, um den Feind zu bekämpfen.
Schwer atmend fielen zwei dreckstarrende Infanteristen zu ihnen die Stellung, die Drilliche und Hosentaschen schwer mit Handgranaten bepackt.
»Alles, was wir auftreiben konnten«, japste Soldat Wart mit von Angst erfüllter Stimme.
Die Kasrkin nahmen die Granaten wortlos an und verstauten sie in ihren Drillichtaschen, Hosentaschen und an den Gürteln. Nicht weit entfernt krachte das Hauptgeschütze des Panzers. Orks brüllten. Die Erde bebte.
»Wie gehen wir vor?«, fragte Tall, kaum dass die drei sich ausgerüstet hatten. Etwas anders brauchte nicht gesagt zu werden. Es wäre Zeitverschwendung gewesen.
»Wir nutzen die Chimäre als Deckung«, wandte sich Krood an seine Grenadiere. »Sobald der Panzer nah an der Chimäre ist, einnebeln, ran an die Kiste und rauf auf den Rumpf. Frags rein, dann Phosphor. Zeiteinsatz: maximal zwo Minuten.«
»Ziemlich lang«, überlegte Cedd.
Krood nickte. »Unwägbarkeiten miteingerechnet. Noch irgendwelche Fragen?«
Die Kasrkin schüttelten die Köpfe.
»Gut. Klar machen zum Sprung.« Krood wandte sich um. »Geben Sie uns Feuerschutz!«, befahl der Grenadier, als würde er seinen Untergebenen befehlen. In jeder anderen Situation hätte der imperiale Offizier, der ihm faktisch vorgesetzt war, den Unteroffizier höchstwahrscheinlich zurückgepfiffen und versucht ihm klar zu machen, wie er mit Vorgesetzten umzugehen hatte. Es wäre bei dem Versuch geblieben.
Jetzt jedoch zuckte der andere lediglich die Schultern. »Warum nicht?«, brachte er hervor. Was konnte es schaden, wenn die drei Elitesoldaten zeigten, über welche Fähigkeiten sie verfügten? Ihnen konnte es lediglich gelingen, die Moral seiner Leute wieder zu heben.
»Sprung auf! Marsch! Marsch!«
Mit der routinierten Eile jahrelangen Trainings rollten die Kasrkin aus der Stellung, sprangen auf und sprinteten los. Gut fünfzig Meter trennten sie vom schützenden Rumpf des vernichteten Schützenpanzers, doch bereits nach wenigen Metern wurden sie entdeckt. Sturmwaffen und Maschinengewehre donnerten los, deckten die drei Imperialen mit einem tödlichen Hagel aus Geschossen ein. Erde explodierte in die Höhe, sprang die Männer in dichten Schüben Form gewordenen Hasses an. Querschläger heulten und sirrten um sie herum, sprengten den Pflasterstein der Straße in fingergroße Stücke. Schrapnelle, teils aus den zerborstenen Steinen, teils aus zersplitterter Munition, schnitten ihnen pfeifend in Kleidung und Haut.
Das Gegenfeuer der imperialen Truppen machte dagegen wenig Eindruck – fast so wie ein Gartenschlauch beim Brand einer Makropolenspindel.
Vielleicht war es Glück, vielleicht vom Imperator vorherbestimmtes Schicksal, doch die Boyz, die den Panzer begleiteten, trafen nicht – die Imperialen hingegen schon.
Mehrere Grünhäute gingen jaulend und winselnd zu Boden, von den energiereichen Kaskaden regelrecht durchlöchert.
Die Reaktion erfolgte prompt.
Schwerfällig drehte sich der Turm des vorwärtskriechenden Panzers, schwenkte von seinem vormaligen Ziel auf die neu erkannten Angreifer ein.
Die sich nähernden Grenadiere bemerkte die Besatzung hingegen nicht.
Rutschend und schlitternd schafften es die drei hinter den schützenden Rumpf der Chimäre. Die Geschosse, welche sie gerade noch gnadenlos über die verwüstete Ebene gejagt hatten, prallten nun fröhlich, aber wirkungslos gegen mehrere Zentimeter dicke Panzerung. Eine unwillkürliche Melodie des Todes, die untermalt wurde vom gutturalen Brüllen der Orks.
Ihnen lief die Zeit davon.
»Und durch!«, rief Krood, während er an seinen Gürtel fasste und die Rauchgranate abzog. Mit einem kurzen Griff waren Sicherungsstift und Splind gezogen. Ohne im Laufschritt innezuhalten, schleuderte der Sergeant den Sprengkörper mit aller Kraft in die Luft. Einen weiten Bogen beschreibend segelte die Granate auf das Dach des Beutepanzers, prallte von der angeschrägten Panzerung ab und fiel auf der dem Feind zugewandten Seite wieder vom Fahrzeug herunter.
Ein metallenes Geräusch erklang.
In einer chemischen Reaktion, dem Anzünden eines Feuers nicht unähnlich, hustete die über den Boden rollende Handgranate ungesund ölig-graue Rauchschwaden in die vom Gefechtslärm erfüllte Luft.
Nur Augenblicke später war das Areal um den langsam vorwärtsrollenden Panzer in künstlich erzeugten Nebel gehüllt.
Doch das hinderte die Kasrkin nicht bei ihrem Angriff. Im Gegenteil.
Noch während die Granate über den Rumpf des Panzers kullerte, tauchten Krood und seine Grenadiere hinter dem ehemaligen Schützenpanzer auf, die Körper in Schnellschusshaltung geduckt.
Verdutzte Orks starrten sie an, als HE-Laserwaffen ihr Vernichtungswerk aufnahmen.
Wie vorausgesagt konnte der feindliche Panzer sie bereits nicht mehr ausmachen und rasselte daher weiter, während sich der dunkle Rauch um ihn herum ausbreitete.
Ab jetzt zählte jede Sekunde.
»Rauf!«, schrie Krood und wies auf eine nicht sehr sicher aussehende Trittleiter, deren abgewetzte und rostige Metallstufen die Kasrkin einladend anlächelten. Sie führte, der Breitseite des Panzers folgend, fast vom Boden an hinauf auf den Rumpf des Kampfgefährts. Ideal, um das Orkfahrzeug zu entern und zu vernichten – zumindest solange die Leiter das Gewicht der Elitesoldaten hielt.
Cedd voran, erklommen sie den über das unebene Terrain schwankenden Körper des Metallungetüms. Die Sprossen waren glitschig und nicht nur einmal rutschte einer von ihnen ab und konnte sich nur mit Mühe festhalten.
Als der erste Kasrkin schließlich den Fahrzeugrumpf bestiegen hatte, fand er sich Auge in Auge mit einem Ork wieder, der gerade die Turmluke öffnete um festzustellen, weshalb bei der Verderbtheit allen menschlichen Abschaums, die Nacht über ein taghelles Schlachtfeld hereingebrochen war.
»Git!«, rief die Grünhaut begreifend, ehe Cedd ihr mit dem HE-Lasergewehr ins Gesicht schoss. Dumpf rumpelnd fiel der Fleischberg zurück in das eigentlich viel zu enge Luk des Kommandanten.
»Da hast du Recht«, bekräftigte der Kasrkin den Ausruf des Xeno, dann wandte er sich um undt griff den Hand seines Sergeants, um ihn zu sich auf den Panzer zu ziehen.
Unbemerkt tauchte eine grüne Hand aus dem Innern des Panzers hervor, bemüht die kurze Pause zu nutzen und das Fahrzeug zu verriegeln.
»Er versucht die Luke zu schließen!«, schrie Tall, der sich hinter Krood auf das Kampfgefährt schwang und wies auf den Arm, der nach dem Sicherungsrad auf der Innenseite der Luke tastete.
Sofort rissen alle drei Soldaten die Waffen hoch, doch ihre Hochenergiestrahlen prallten lediglich gegen den gepanzerten Stahl.
»Haltet ihn auf!«, bellte ihr Anführer. »Cedd! Ran an die Luke! Offen halten!«
Der Ork hatte die Dachöffnung schon beinahe geschlossen, als die Kasrkin die Kommandantenkuppel erreichten. Wenn es ihm gelang, den Einstieg vollends zu verriegeln, dann war ihr Angriff gescheitert.
Cedd stemmte sich mit aller Kraft gegen den Turm des feindlichen Kampfgefährts, die behandschuhten Finger fest um den Rand des Kommandantenluks geklammert.
»Thronverdammt!«, grunzte er, die Röte der Anstrengung im Gesicht stehend. »Ich hasse diese Drecksviecher! Jetzt, Sergeant! Ich kann sie nicht länger halten!«
Aus dem Innern des Panzers brüllten die Xenos zu ihnen hinauf, trieben ihren Kameraden offensichtlich an, fester zu ziehen.
Für einen Moment zumindest war Cedd stärker. Die Luke öffnete sich ein Stück weit.
Das reichte.
Krood setzte eine Salve aus seiner Laserpistole in den dadurch entstandenen Spalt. Plötzlich ließ der Druck nach. Die Luke sprang auf.
»Frag!«, bellte Krood und gestikulierte wild in Richtung des Fahrzeugzugangs. »Feind bekämpfen!« Er wollte den Xenos keine Zeit zum Reagieren geben.
Noch in der Bewegung die Splinde ziehend, leiteten die Kasrkin die nächste Phase ihres Angriffs ein.
Sicherheitsbügel flogen ploppend von den Sprengkörpern. Zünder brannte sich zur Detonationsladung vor.
»Drei … zwei … eins!«, zählte Krood die Reaktionszeit herunter.
Zu dritt warfen sie die erste Ladung Handgranaten durch die Öffnung in das Fahrzeug.
Wütendes und entsetztes Brüllen klang an, als die Orks begriffen, was gerade zu ihnen hereingeflogen kam.
»Luke zu! Schließt die Luke!«
Nun war es an ihnen, den Einstieg zumindest zu versperren, sodass die Kraft der Explosion nicht nach oben aus dem Innenraum des Kampfgefährts verpuffte.
Mit einiger Anstrengung gelang es ihnen, die Luke zuzuwerfen.
Ein kurzer, heftiger Schlag ging durch den Panzer, röhrte in Form eines dumpfen, metallenen Dröhnens zu den Kasrkin hinauf. Der erste Teil ihrer Aktion schien geglückt zu sein, doch Krood wollte nicht erst warten, bis er sich dessen sicher sein konnte.
»Jetzt das Phosphor. Zwei pro Mann«, befahl der Sergeant und zog an der Luke, die quietschend in die Höhe schwang.
Heiße Luft atmete ihm entgegen. Es war ein hässlicher, Übelkeit erregender Gestank, der ihn mit derselben Heftigkeit anfiel, die man normalerweise von einem wütenden Ork erwartete.
In routinierter Eile zogen die Elitegrenadiere die länglichen, dosenförmigen Sprengkörper hervor, mit denen sie dem Orkgefährt den Todesstoß verpassen wollten. Splinde wurden gezogen, Sicherheitsbügel sprangen aus ihren Halterungen.
Dann rollten die Phosphorgranaten ins das Fahrzeug, sechs Stück an der Zahl.
Über ihnen fiel die Luke zu.
»In Deckung!«, schrie Krood und scheuchte seine Elitesoldaten vom Kampffahrzeug.
Mehr abstürzend denn springend lösten sie sich von dem Gefährt.
Krood schlug hart auf den unebenen Boden und verlor das Gleichgewicht. Er stechender Schmerz fraß sich durch seinen Körper. Die Kette des Panzers dröhnte nur wenige Zentimeter neben seinem Kopf vorbei.
Jetzt noch aufzuspringen und in Deckung zu hechten wäre zwecklos gewesen. Wenn er sich verletzt hatte, würde er es nicht schnell genug schaffen, sich von dem riesigen Stahlkoloss zu entfernen. Explodierte der Panzer – bei der gewaltigen Hitze, die ein Phosphorbrandsatz entwickelte, konnte es ohne Weiteres dazu kommen – dann würde er direkt im Explosionsradius stehen. In dem Fall sanken alle möglichen Überlebenschancen gen null … oder sogar noch darunter.
Krood kauerte sich zusammen und legte die Arme schützend um seinen Kopf. Er hatte sich nicht verschätzt.
Sonnenhelles Licht flackerte durch schlecht zusammengeschweißte Nähte und nicht verdichtete Löcher im Innern des Panzers. Für einen Moment lang erstrahlte das Kampfgefährt in grellem Schein, so als wäre es durch das Erscheinen einer Lebenden Heiligen von allem Übel gereinigt worden. Und tatsächlich rollte der Panzer allmählich aus und begann, über den Grund seines Hierseins zu philosophieren. Die Munition explodierte glücklicherweise nicht.
Irgendwie schaffte Krood es, sich auf die Knie zu erheben. Noch immer schmerzte sein Körper, als hätte man ihn mit metallenen Platten beworfen, aber der Elitesergeant blendete das Brennen und Stechen mit eisernem Willen aus.
Während seiner jahrelangen Ausbildung auf Cadia hatte er gelernt, Schmerz nicht nur zu erleben, sondern ihn zu leben. Schmerzen und Leid waren ein Teil von ihm geworden, hatten sich mit stoischer Gleichgültigkeit in seinem Herzen festgebrannt und die Triebfeder ersetzt, die bis dato sein Leben vorwärtsstieß.
Kasrkin zu sein bedeutete, marternde Qualen zu erdulden und Pein, gegen die die schlimmste Inquisitionsfolter lediglich den Wert einer Vorspeise besaß.
Schwere Schritte tanzten heran. Es waren Cedd und Tall.
»Sergeant!«, rief Tall und ging neben seinem Vorgesetzten in die Knie. Sein Kamerad stellte sich in Feindrichtung auf und nahm die Schnellschussposition ein, um die beiden anderen Kasrkin abzuschirmen.
»Ist alles in Ordnung?«
Krood runzelte die Stirn und sah zu seinem Untergebenen auf. In seinem Blick lag eine Mischung aus Ärger und Qual. »Helfen Sie mir hoch«, forderte er den anderen schließlich auf.
Es bedurfte einiger Anstrengung von Seiten Talls, um dem Befehl nachzukommen, denn er musste nicht nur den Unteroffizier, sondern auch dessen noch einmal gut halb so schwere Panzerung und Ausrüstung mit in die Höhe hieven.
Dennoch gelang es ihm mit überraschender Agilität, seinen lädierten Vorgesetzten wieder auf die Beine zu befördern.
Über ihnen quietschte das Turmluk des Kampfpanzers.
Ein Ork – oder zumindest das, was einmal ein Ork gewesen war – bemühte sich das, das verwüstete Innere seines vormaligen Kampfgefährts zu verlassen.
Teilweise bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, grenzte es fast an eine Teufelei des Chaos, dass es der Grünhaut dennoch gelungen war, die kombinierte Energie von neun Handgranaten zu überleben.
Schwerfällig und von Krämpfen geschüttelt, bei denen er schmerzerfüllt jaulte, zwängte sich der Xeno durch den engen Ausstieg.
»Achtung, Feind!«, bellte Cedd, fuhr herum und deckte das schwarz verkohlte Wesen mit Salven aus hochenergetischem Laserfeuer ein. Von den kaskadierenden Strahlen regelrecht zersiebt, brach das Ziel in sich zusammen und blieb als abartig verkrümmte Statue über dem Turmluk hängen.
»Los«, keuchte Krood, noch immer damit beschäftigt, seine schmerzenden Lungen mit Luft zu füllen. »Lasst uns verschwinden.«
Im Eilschritt, zumindest so schnell, wie Krood laufen konnte, zogen sie sich zu den imperialen Linien zurück.
»Thronverdammt«, brachte der Captain hervor, als die drei Kasrkin zurück in den Graben sprangen. Seine Männer starrten die Elitegrenadiere fassungslos an. »Und ich dachte, unser Colonel wäre wahnsinnig.«
»Ein Elitesoldat definiert sich nicht durch Wahnsinn«, grenzte sich Krood sofort gegen Ekko ab, noch bevor jemand auf den Gedanken kommen konnte, er und der offensichtlich geisteskranke Stabsoffizier würden auch nur irgendeine Gemeinsamkeit teilen. »Nein. Er definiert sich durch die Fähigkeit, aus jedem erdenklichen Gegenstand eine Waffe zu schmieden und die Entschlossenheit, diese auch einzusetzen.«
»Schöne Worte«, erwiderte der Offizier, dessen Namen Krood noch immer nicht wusste. Cedd und Tall begannen bereits damit, ihr Feuer auf die nächste Welle aus anstürmenden Grünhäuten zu konzentrieren. »Aber den Unterschied zu Colonel Ekko müssen Sie mir jetzt noch einmal erläutern.«
Endlich setzten auch die restlichen Soldaten in das Schießen ein.
Krood derweil lehnte sich zu dem Offizier vor. Eine Hitzewelle der Wut schob sich seinen Unterleib hinauf, kroch über seine Haut und setzte sich schließlich in seinem Kopf fest. Wie konnte dieser ‚Normale‘ es wagen, ihn mit dem verrückten Halbhäretiker zu vergleichen? »Wie meinen Sie das?«
Der Captain hielt ihm das Sprechgerät entgegen, das mit dem Tornister auf dem Rücken des gefällten Infanteristen verbunden war.
Der tote Funker starrte Krood mit leblosem Blick ins Gesicht. Er schien den Elitesergeant auszulachen.
Böses ahnend nahm der den Hörer entgegen. Seine Vorahnung wurde nicht enttäuscht.
»Krood?«, rief die Stimme. »Hallo, Krood? Können Sie mich hören?«
»Ich wünschte, es wäre nicht so«, grummelte der Sergeant.
»Stellen Sie sich nicht so an, denn was jetzt kommt, dürfte Ihnen bekannt sein.« Am anderen Ende der Leitung wurde eingeatmet. »Ich habe einen Auftrag für Sie.«
 
Zuletzt bearbeitet:
Du machst mir immer eine Freude, wenn du ein neues Kapitel hochstellst! Deine Geschichte hat mich motiviert eine Eigene zu schreiben. UND deine Nachricht die du mir damals geschrieben hast, hat mich motiviert an selbiger dranzubleiben, was durch viele positive Kommentare entlohnt wurde. Auch deine Tips haben mir sehr weitergeholfen und ich denke auch meinen Schreibstil verbessert (gerade was die Charakterbildung angeht). Dafür möchte ich dir nochmals danken!
 
Hallo, liebe Stargazer-Leser,

Auch wenn es so erscheinen mag – keine Sorge! Ich habe euch nicht vergessen. Es war nur viel in meinem Privatleben los. Ich war einige Zeit lang unterwegs, hatte auch sonst viel zu tun und irgendwie ließ sich Colonel Ekko da nicht unterbringen. Hinzu kamen Geburtstag, Weihnachten und jetzt – der Imperator beschützt – beginnt auch schon ein neues Jahr. Und wer bin ich schon, dass ich das nicht mit einem neuen Kapitel beginnen würde?
Hier kommt es also – dieses Mal ganz unspektakulär! Das Kapitel 36!
Viel Spaß beim Lesen ;-D

36

Balgor hob seinen Kopf über den Rand des Schutthaufens, hinter dem er Deckung gesucht hatte und ließ seinen Blick den umkämpften Straßenzug entlang wandern.
Unter wütendem Schreien und gebrüllten Befehlen versuchten die Truppen des Imperiums verzweifelt, sich der feindlichen Übermacht entgegenzustemmen und einen Durchbruch des Xeno-Abschaums zu verhindern. Das Geheul der Grünhäute hallte als vom Schall der Umgebung grässlich verzerrtes Getöse über sie hinweg.
Zumindest für den Captain bestand kein Zweifel mehr: schlussendlich würden sie den Ring verlieren.
Immer mehr Angreifer strömten durch die in der Mauer entstandene Lücke unaufhaltsam ins Innere der Kathedrale. Sie nahmen sogar in Kauf, den hochenergetischen Schutzschild zu berühren und im Herzschlag einer Sekunde zu einem Häufchen Asche verschmort zu werden. Wo ein Xeno fiel, kamen fünf nach.
Noch allerdings gaben sich die Basteter nicht vollständig geschlagen. Kohärente Lichtstrahlen und Leuchtspuren vorbeizischender Projektile erhellten das Gefechtsfeld als wütendes Feuerwerk der Vernichtung.
Heiß pfiffen Querschläger zwischen den engen Grenzen der Straßen umher, prallten an den Gebäuden ab und rissen Wunden in die Mauerwerke.
Knisternd und brechend platzte der Putz von den Fassaden, regnete als Durcheinander aus Kleinstteilen und Sprühnebel auf die Kämpfenden herab.
Statische Entladungen knackten triumphierend aus dem Funkgerät, das Jelard neben ihm auf seinem Rück trug, so als würde das Gerät dem Lärm um sich herum trotzen wollen. »0072 Azrael, hier 5121102 – melde: nördliche Ausfallstraße jetzt gesperrt. Kommen.«
»0072 Azrael verstanden. Nördliche Ausfallstraße jetzt gesperrt. Frage: Sperrmittel? Kommen
»5121102 – Orkpanzer, vernichtet durch Kasrkin im Nahkampf. Kommen
Eine Antwort blieb aus, auch wenn es nicht viel Fantasie brauchte sich vorzustellen, wie diese gelautet hätte. Vermutlich plante Ekko gerade, die Verteidigung der Himmelskathedrale ganz den cadianischen Grenadieren zu überlassen, sodass er seine Soldaten in den letzten Ring zurückziehen konnte. Die Idee hatte etwas für sich. Und auch, wenn Balgor ein wenig für die Elitesoldaten fühlte, so hätte er sich gerne die eine oder andere Pause gewünscht, um bei einem guten Glas Armasec einfach nur ein wenig blöd zu sein.
Aber so, wie Grenadiere bisher auf den Feind zugegangen waren, war es genauso gut vorstellbar, dass sie die Verteidigung der Himmelskathedrale managten, ohne dass es regulärer Truppenverbände bedurfte.
Leider sah das die Realität anders.
Unter dem sardonischen Krachen einer gewaltigen Explosion zerbarst die inzwischen immer weiter in die Ferne rückende behelfsmäßige Sperre des Haupttores. Tonnenschweres Mauerwerk, Trümmerstücke und Erde wurden wie Papier in die Luft gewirbelt und mühelos über die Stadt verteilt.
Die Erde bebte. Sämtliche Infanteristen in Balgors Nähe gingen in Deckung.
Auch der Captain zog unwillkürlich den Kopf ein. Er wusste, dass sie inzwischen eigentlich weit genug vom Ort der Explosion entfernt waren, um nicht von den Auswirkungen getroffen zu werden. Aber wer wie er lange genug mit Colonel Ekko befreundet war und seinen Lebensweg geteilt hatte, der wusste, dass das Wort ‚eigentlich‘ im positiven Sinne so gut wie nie vorkam.
Es hieß zwar, für seine Bekanntschaften konnte man nicht verdammt werden, aber dennoch …
Der Captain wandte sich seinem Funker zu. »Befehl an alle Einheiten: Truppen klar machen zum Sammeln.«
Jelard, von einer nahen Explosion in Deckung getrieben, zuckte eher zusammen, als dass er nickte. Mit zitternden Fingern hob er das Handgerät des Funktornisters an sein Ohr. »An alle Einheiten Ring eins, hier 5120201 …«
Das grelle Pfeifen eines nahenden Artilleriegeschosses warf sich zwischen die Worte des Soldaten, den Kampflärm und Balgors Gehör, verlangte nach der vollen Aufmerksamkeit des imperialen Offiziers.
Balgor sah in dem Versuch auf, die Flugbahn der einkommenden Granate verfolgen zu können.
Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff, dass sie in seine Richtung unterwegs war.
»Deckung!«, rief er und zog den ungeschützten Jelard an seine Seite, als das Geschoss direkt in das Gebäude neben ihnen einschlug.
Glas und Staub wurden durch die Druckwelle der Detonation aus dem Innern gepresst. Fast schien es, als würde das Bauwerk kräftig niesen.
Ein gefährlicher Niederschlag aus Splittern und Trümmern regnete auf die Verteidiger herab, trieb die Männer in jede ihnen zur Verfügung stehende Deckung – und sei es nur aus der Hoffnung, die Trümmerhaufen um sie herum böten ein lohnenderes Ziel für Schrapnelle.
»Sanitäter!«, schrie irgendjemand. Es klang wie Ironie unter dem Donnern der um sie tobenden Feuergefechte.
»Artillerie?«, schrie Captain Prish, der mit etlichen seiner Soldaten an der gegenüberliegenden Straßenseite in Deckung gehechtet war, ungläubig.
Balgor nickte. »Sie schießen von innerhalb!«, rief er zurück. Eigentlich unnötigerweise, denn wie sich recht eindrucksvoll gezeigt hatte, schoss der Gegner tatsächlich von innerhalb des Schutzschildes. Allerdings – und das überraschte die kampferprobten Imperialen, war es den Grünhäuten offensichtlich gelungen, ihre Waffensysteme so auszurichten, dass sie die Energiebarriere des Schutzschilds unterflogen.
Haubitzen, also Projektile verschießende Mehrzweckgeschütze, gehörten zu den ältesten bekannten Waffenmustern, die im Universum existierten. Das Prinzip, nach dem sie arbeiteten, war so einfach wie effektiv und verlangte dennoch nach einigen der komplexesten Handlungen, die eine Bedienmannschaft beim Abfeuern eines Waffensystems vollführen musste.
Im Gegensatz zu herkömmlichen Artilleriewaffen, den Feldkanonen und Mörsern, waren die Haubitzen in der Lage, sowohl in der unteren als auch der oberen Winkelgruppe zu schießen. Damit wurden sie einer Rolle als Steilfeuer- und Flachfeuerwaffe gerecht und boten ihrem Nutzer eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten. Vor allem in räumlich begrenzten Gefechtsfeldern, wie etwa der Himmelskathedrale, ließ sich mit ihrer Hilfe ein gewaltiger artilleristischer Vorteil gewinnen, denn dank ihrer Treffsicherheit und Durchschlagskraft konnten sie feindliche Verbände gezielt niederhalten oder auslöschen.
Doch dafür musste man sie zielgenau einsetzen. Um nun eine solche Genauigkeit innerhalb eines geschlossenen Raumes – dank ihres Schutzschilds konnte man die Himmelskathedrale dazu zählen – zu erreichen, waren präzise ballistische Berechnungen vonnöten. Etwas, das man nicht unbedingt von einem Xeno erwartete.
Dass die Grünhäute nicht nur über diese Waffen verfügten, sondern offensichtlich auch in der Lage waren, diese von innerhalb eines in allen drei Dimensionen beengten Gefechtsfeld einzusetzen, bedeutete eine vollkommen neue Form der Bedrohung für die imperialen Verteidiger.
Sie mussten die Artillerie ausschalten. Schon hörte Balgor die betont neutral gehaltene Stimme des Colonels durch seine Ohren flöten, ein hämisches Flüstern: ‚Nicht, wenn wir die Artillerie ausschalten – Captain Baaaaaalgor!‘
Doch die Funkgeräte blieben stumm. Möglicherweise war Colonel Ekko gerade woanders gebunden.
Man konnte bei einer sich derart schnell bewegenden Schlacht wie dieser auch nicht erwarten, dass der Colonel jeden Zug des Gegners erkannte oder richtig deutete. Die Tatsache allerdings war: je länger sie warteten, die ihre ausgedünnte Verteidigungslinie weiter zurückzunehmen und so die Überlebensfähigkeit der eigenen Truppen zu stärken, umso wahrscheinlicher wurde es, dass der Druck durch die Feindkräfte zu groß wurde. In dem Fall waren die Kampftruppen verloren – und die Kathedrale (mitsamt allen in ihr verbarrikadierten Imperialen) würde mit ihnen untergehen. Zeit, die Angelegenheit in die eigenen Hände zu nehmen und zumindest in ihrem Sektor die Defensive neu zu organisieren.
»Prish!«, rief Balgor noch, um den ranggleichen Offizier anzuweisen, seine Truppen zum Überqueren der Straße vorzubereiten, doch er beendete den Satz nicht.
Eine kräftige Explosion hieb den Gebäudekomplex, an dem der erste Trupp des elften Zugs Deckung gesucht hatte, regelrecht in zwei.
Steine und Splitter pfiffen davon, eilten einer schnell expandieren Staubwolke voraus in die vom Gefechtslärm erfüllte Luft.
Erneut zog Balgor den Kopf ein, suchte Schutz vor einer Mauer aus feingemahlenem Sand, vor der es schlussendlich doch kein Entrinnen gab.
Wie wahrscheinlich war es wohl, dass er bei all dem Sand, den er inzwischen geschluckt hatte, mitten in der Schlacht an innerer Austrocknung starb? Dass er sich gerade jetzt die Frage stellte und dabei dem Gefühl anheimfiel, sich mit dem Wahnsinn von Colonel Ekko angesteckt zu haben, half ihm auch nicht wirklich. Zumal der Humor des Gedankens plötzlich nicht mehr präsent war, wie erschossen vom gnadenlosen Vorrücken des eigentlich Unmöglichen.
Der Kommandant des zweiten Zugs hob den Kopf um festzustellen, was genau gerade geschehen war, und in wie fern es seine taktischen Möglichkeiten beeinflusste. Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.
Captain Prish starrte ihn an, das von Dreck und Ruß bedeckte Gesicht in einer Mischung aus Schreck und unendlichem Schmerz eingefroren. Sein Körper, ebenso steif in der Bewegung erstarrt, die ihn um ein Haar noch aus dem Gefahrenbereich gebracht hätte, lag bis zum Bauch hinauf zerquetscht unter einem großen Stück aus Mauerwerk. Ein dünner Stahlträger hatte sich in seinen Rücken gebohrt, hielt ihn senkrecht und verhinderte, dass sein Körper in sich zusammensackte, obwohl er bereits sämtlicher Lebenskraft beraubt worden war.
Um ihn herum lagen die Leiber seiner Untergebenen, teils verkrümmt, teils unter herabgefallenen Steinen zerquetscht oder von der der Wucht der Explosion zerrissen.
Ein einzelner Soldat, wie durch ein Wunder von den herabfallenden Steinen unbehelligt, saß eng an die verbliebenen Mauerstücke des Gebäudes gepresst, seine Waffe an den Körper gedrückt. Abwesend starrte er an seinen gefallenen Kameraden vorbei in die Leere der Erkenntnis, dass er der einzige Überlebende seines Trupps war.
»Es bringt nichts«, entschied Balgor gleichermaßen für sich und seine Männer, ihren Kampfgeist an einem anderen Ort erneut zu entfachen. »Dieses Gebiet ist nicht mehr zu halten.«
Er nahm seinem erschütterten Funker das Sprechgerät des Funktornisters aus der Hand und drückte die Sprechtaste. »0072 Azrael, hier 5120201, kommen.«
»Hier 0072 Azrael.«
»5120201 erbittet Erlaubnis zur Rücknahme alle Kampfaktivitäten in den zweiten Ring.«
»Verstanden, 5120201. Warten Sie
»Warten?!« Balgor senkte kurz das Handsprechgerät und sah den neben ihm kauernden Gireth an. »Will der mich verarschen?«
Der Funker wusste darauf keine Antwort.
Es knackte in der Sprechverbindung. »Hier Ekko. Ich höre, Balgor
Der Captain wiederholte sein Anliegen.
»Nein«, schmetterte der Colonel die Anfrage ab. »Wir können nicht zurück
»Sir, womit soll ich die Moral der Truppe erhalten? Wir sind so ausgemergelt wie ein Infanterist mit Durchfall.«
»Negativ!«, sperrte sich die Stimme im Funkgerät gegen das metaphorische Argument. »Sie müssen den Gegner weiter beschäftigen! Organisieren Sie den Einsatz der Truppen mit Captain Prish
Balgor ließ einen Augenblick verstreichen, in dem er darüber nachdachte, auf welche Weise er dem Colonel die Neuigkeiten beibringen sollte. Eigentlich hätte ihm ein bissiger, zynischer Spruch über die Lippen kommen müssen. Aber sein Kopf fühlte sich mit einem Mal so leer und gleichzeitig so schwer an, dass er vermutlich einem gewaltigen, schwarzen Loch ernsthafte Konkurrenz gemacht hätte. Schließlich brach es mit ruhiger Verbitterung, ja, fast vollendeter Lethargie, aus ihm heraus. »Wir haben Prish verloren und einen Großteil seiner Einheit.«
Stille.
»Also gut. Ich genehmige das Ausweichen. Aber – ziehen Sie den Gegner auf sich. Das ist wichtig. Alle feindlichen Einheiten müssen sich auf die zurückweichenden Kräfte konzentrieren
»Colonel, der Feind setzt bereits Artillerie von innerhalb des Schutzschilds ein«, wandte der Captain ein. »Dagegen können wir nicht lange aushalten.«
»Das ist so verstanden, Balgor. Wir haben noch Leute da draußen. Die werde ich nicht aufgeben
»Ich hoffe, Sie setzen da nicht zu sehr auf das falsche Pferd, Sir.«
»Ich wette nicht, Balgor. Nicht ohne einen Trumpf. Und ich habe da bereits etwas vorbereitet
»Verstanden, Colonel. 5120201, Ende.« Balgor reichte das Sprechgerät an seinen Funker zurück, während bereits die ersten Rückzugsbefehle durch den Hörer knisterten.
Gireths Stimme klang beinahe dürr gegen das wilde Brüllen der tobenden Schlacht. »Ich hoffe, der Colonel hat einen taktischen Plan, um uns aus dieser Situation zu retten.«
Balgor schnaubte missvergnügt, bevor er sich in die Richtung eines seiner Truppführer wandte, dem Mann zupfiff und, sich dessen Aufmerksamkeit bewusst, eine halsabschneidende Geste vollführte.
Der andere nickte und gab die Geste weiter.
Weit über ihnen heulten Artilleriegranaten heran, prallten mit lautem Krachen gegen den energetischen Schutzschild und zerplatzten zu glutroten Wolken.
»Ich denke, wir sollten dann allmählich gehen«, schlug Balgor dem jungen Mann an seiner Seite vor, während er aufstand.
Jelard nickte schwach, hakte das Handgerät an seiner Koppel ein, und erhob sich dann ebenfalls.
Vom schweren Gewicht seiner Ausrüstung in die Knie gebeugt, benötigte er deutlich länger, um seine Waffe aufzunehmen und seinem Vorgesetzten in Richtung des zweiten Rings zu folgen.
Um sie herum erhoben sich nun Soldaten, verließen ihre Deckungen und Stellungen, um unter abwechselndem Schießen den Rückzug anzutreten.
Das laute Heulen eines unter Leistung gesetzten Motors setzte ein, verschluckte die Geräusche des mannigfachen Waffenfeuers. Mit klirrenden Gleisketten setzte eine der in Stellung gebrachten Chimären aus ihrer improvisierten Deckung zurück auf die inzwischen zerschundene Straße, um den Rückzug der Bodentruppen zu sichern.
Das harte Wummern ihres Multilasers bahnte sich seinen Weg durch die Körper der Infanteristen, ließ Zähne und Knochen gleichermaßen im unregelmäßigen Rhythmus des Waffenfeuers mitschwingen. Es war, als würde die nackte Furcht durch ihre Leiber pulsieren.
Der einsame Soldat hingegen saß noch immer an die Wand gepresst. In der Eile des Rückzugs schließlich wurde er vergessen.

***

Das Feuergefecht intensivierte sich, als Doktor Marith Calgrow entschied, einem unmenschlich schwer verbrannten Soldaten die Gnade des Imperators zu gewähren. Ob diese beiden Geschehnisse jedoch miteinander in Verbindung standen, ließ sich nicht ermitteln. Für einen Menschen wie Calgrow, in der Gleichung des göttlichen Imperators ebenso viel wert wie eine Ameise, wäre eine solche Verbindung auch höchstunverständlich geblieben, selbst wenn sie ihr bekannt gewesen wäre.
Lediglich ein entschiedenes Kopfschütteln war ihr das Leid des Mannes wert, der in seinem Zustand nicht mehr als eine unerwünschte Belastung darstellte.
Einer ihrer Sanitäter nickte und machte sich wortlos auf, eine Spritze zu besorgen, mit der das restliche Häufchen Mensch, das sich wie eine verbrühte Kaulquappe auf dem Feldbett wandte, von seinen Qualen erlöst werden konnte.
Marith Calgrow hingegen nahm bereits das nächste Opfer ihrer antrainierten Barmherzigkeit ins Visier: einen Infanteristen, dem die Explosion einer Panzergranate Brust- und Bauchbereich aufgerissen hatte, und der nun dick verbunden auf einem anderen Feldbett vor sich hinvegetierte. Von Schmerzmitteln durchtränkt und somit nicht mehr als ein lethargisches Überbleibsel seiner Selbst, würde dieser Soldat bald ebenfalls das Elysium des Imperators betreten. So wahr Marith Calgrow Ärztin war.
Sie verfolgte, wie der Sanitäter sich an zwei Soldaten vorbeischob, die einen strampelnder Körper auf einer blutverschmierten Bahre hereintrugen, bevor sie ihn herbeiwinkte. »Danach diesen hier«, wies sie den Infanteristen an.
Er nickte erneut, dann fuhr er damit fort, seine entsetzliche Arbeit zu tun.
Derweil wandte sich die Regimentsärztin an einen der zwei Wachsoldaten, die sie in weiser Voraussicht innerhalb des Lazaretts stationiert hatte. Die Ereignisse mit Rahael und der Sororita hatten sie vorsichtig gemacht und auch wenn kaum zu befürchten stand, dass ein Soldat die gleichen kämpferischen Qualitäten wie die Adepta freisetzte, Calgrow konnte auf eine weitere Zerreißprobe ihres Höschens gut und gerne verzichten.
»Diese beiden hier werden nicht mehr lange leben«, erklärte sie. »Sorgen Sie dafür, dass sie abgerüstet werden und das verbliebene Material sinnvoll weiterverwendet wird.«
Abrüsten in diesem Fall bedeutete nicht mehr, als dass sich die Lebenden mit den Magazinen, Waffen und Ausrüstungsmaterial der Getöteten beluden. Die verbliebenen, teilweise unbekleideten Leichen der Gefallenen danach um den Sanitätsvorposten aufzutürmen, damit sie bereits bestehenden Sandsackwälle und improvisierten Barrikaden verstärkten, nannte die Regimentsärztin sinnvoll verwenden.
Der Soldat schlug die Hacken zusammen und verschwand durch den halb geöffneten Eingang.
Marith Calgrow war in ihrem Element: Herrin über Leben und Tod.
Aber selbst in diesem Moment gab es etwas, das ihr kalte Schauer über den Rücken jagte. Etwas, das ihre in vielen grausamen Jahren geschärften Kommissarinnen-Instinkte aufschreckte.
Etwas, das sich mit ihrem natürlichen, matriarchalischen Machtanspruch auf dieselbe Weise duellierte wie zwei seit langem verfeindete Panzerfahrer, deren ewige Fehde schließlich damit endete, dass ihre Leman Russ-Kampfpanzer auf hunderten Kilometern freier Fläche frontal zusammenstießen.
Es als Angst zu bezeichnen, hätte man einem Eingeständnis von Häresie gleichsetzen können, sodass sich Calgrow darauf beschränkte, es als unwillkürliche Vorahnung besorgniserregender Ereignisse zu betiteln.
Als wenn das wirklich einen Unterschied gemacht hätte. Es war egal, wie viele Helden es gab, wie viele Inquisitoren oder wie viele Adepten, in deren Meinung der Glaube an den Imperator und der glühende Hass auf die Feinde des Imperiums häretische Empfindungen wie Furcht überflügelte. Die Chronisten mochten Worte wie Angst aus ihren Wortschatz gestrichen und sie durch Hingabe ersetzt haben – doch die Wahrheit war: Die Furcht hielt die Sinne eines Soldaten geschärft und mahnte ihn, wachsam zu sein. So sehr der göttliche Imperator auch seine Hand über die Abermilliarden hielt, die in seinem Namen kämpften; was einen Soldaten in erster Linie schützte, waren Vorsicht und Ahnung.
Sie seufzte und schüttelte sich. Auf solch ketzerische Gedanken konnte nur kommen, wer zu viel Zeit mit Colonel Ekko verbrachte.
Aber das minderte ihre Sorgen darüber nicht, dass der Kampf in der Nähe des Sanitätsvorpostens abnahm, auch wenn er sich gleichzeitig zu intensivieren schien. Was, beim Thron, hatte das zu bedeuten?
»Doktor«, rief ihr ein Offizier zu, der gerade durch die halb geöffnete Tür eingetreten war. Der Mann, dessen linke Kopfhälfte sich unter einem dicken Verband verbarg, hatte lediglich kurz innegehalten, um sich in dem mit Verletzten, Versprengten und Ausrüstung zu orientieren, dann war er direkt in Calgrows Richtung marschiert.
»Was gibt es, Captain Daun?«, erkundigte sich die Ärztin mit ruhiger, befehlsgewohnter Stimme.
Captain Daun, ursprünglich Führer des dreiundzwanzigsten Zugs des 512., hatte sich nach dem heftigen Gefecht um das Haupttor mit den Überlebenden seiner Einheit rings um Calgrows Sanitätsvorposten eingegraben und eine provisorische Bastion errichtet. Er hatte sogar dafür gesorgt, dass die Leiber der Erlösten die Schutzwälle verstärkten, hinter die sich ihr kleiner Stützpunkt duckte.
Nun umgab eine Aura aus Sorge die verbliebene Gesichtshälfte des Basteters, als er begann, der ehemaligen Kommissarin die aktuelle Situation darzulegen. »Wir haben eine beunruhigende Entdeckung gemacht.« In Ermangelung ausreichend taktischer Unterstützungshilfen – große Teile ihres Kartenmaterials, ihrer Kompasse und Funkgeräte waren während der Schlacht beschädigt oder zerstört worden oder verloren gegangen – mussten sich die Verteidiger von Calgrows Fort zum größten Teil damit begnügen, den Verlauf der Schlacht durch visuelle Erkenntnisse und Funksprüche nachzuverfolgen, was die Interpretation der dynamischen Gefechtsbewegungen deutlich erschwerte. »Die Kämpfe verlagern sich sehr schnell.«
Die Regimentsärztin nickte verstehend. »Verlagern sie sich in unsere Richtung?«
»Nein, nicht nach den Funksprüchen zu urteilen.«
»Was soll das heißen?« Calgrow wandte sich um, nun vollkommen auf den Dreck starrenden Offizier konzentriert. Ihre alten Kommissarinnen-Instinkte begehrten mit derselben Beharrlichkeit auf, mit der sich verdorbenes Essen durch den Magen brennt, warnten sie mit der religiösen Beharrlichkeit imperialer Litaneien vor einer nicht sichtbaren Gefahr.
»Also wenn ich die Befehle und Anweisungen richtig deute, klingt es eher, als wenn sich die Frontlinie von uns entfernt.«
»Aber das ist doch gut«, stellte die Regimentsärztin fest. Immerhin bedeutete ein Abrücken der Hauptkampflinie mehr Luft für den Sanitätsvorposten.
»Ich glaube, Sie verstehen mich falsch.« Zur Erklärung nahm der Offizier seine Hände zur Hilfe. »Die Kämpfe verlagern sich nicht in diese Richtung …« Er deutete auf einen Punkt irgendwo vor sich, bevor er mit seinem Daumen über die eigene Schulter wies. »Sondern in diese.«
Es war, als hätte er ihr eine Ohrfeige verpasst. Die hallende Stille, mit der die Erkenntnis Besitz von Marith Calgrow ergriff, erweckte zumindest den Eindruck, sie sei gerade geschlagen worden. Hätte in diesem Moment jemand anderes dicht neben ihr gestanden, derjenige hätte schwören können den Knall gehört zu haben, mit der die flache Hand der Wahrheit die Regimentsärztin traf.
Das also war die Vorahnung gewesen, die Furcht, die sich ihrer Gedanken bemächtigt hatte. Einen Moment lang starrte sie dem Offiziers ins Gesicht, so als würde sie ihn für diese Nachricht bestrafen wollen.
Schließlich entschied sie sich anders und ließ den Captain stehen, um stattdessen durch die Eingangstür ins Freie zu treten.
Dort erschreckte sie mit ihrem energischen Auftreten einen Sanitäter, der am Eingang gelehnt und mit vor Aufregung zitternden Händen geraucht hatte.
»Ma-Ma’am!«, brachte er hervor und bemühte sich im Angesicht seiner Vorgesetzten Haltung anzunehmen. Sie ignorierte ihn.
»Hören Sie das?«, erkundigte sie sich, während sie allmählich die Deckung der notdürftig befestigten Sandsackwälle verließ, den Blick auf die sie umgebenden Hauserblöcke gerichtet.
Ursprüngliche eine kleine Basilika des imperialen Glaubens gewesen, und umringt von einem weitläufigen Forum, hatte sich der jetzige Sanitätsvorposten durch seine Geräumigkeit und seine gut zu verteidigende Lage für Calgrows Vorhaben besonders geeignet. Nun allerdings, mit dem Wissen des laufenden Rückzugs der imperialen Armee aus diesem Gebiet und der offenen Fläche, die ihr kleines Bollwerk umgab, kam sich die Ärztin beinahe entblößt vor. Und irgendwie wollte sich ihr Kopf der schreienden Stille ergeben, die sie an diese Tatsache laufend erinnerte.
»Was hören?«, fragte der jüngere Soldat. Angestrengt lauschte er in das Schreien und Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden innerhalb des Außenpostens, versuchte Jammern und Klagen gleichermaßen auszublenden und sich auf das zu konzentrieren, was um den Sanitätsposten herum passierte. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er fand nicht heraus, worauf die Regimentsärztin hinauswollte. Schließlich gab er es auf und sprach aus, was er dachte: »Ich höre nichts, Ma’am.«
»Ja«, bestätigte sie in arrogantestem Hochgotisch. »Richtig.«
Eine Weile lang standen sie schweigend in dem Versuch da, eventuelle Veränderungen der Geräuschkulisse auszumachen. Doch außer dem unablässigen Knistern und Wummern des imperialen Abwehrfeuers, dem Knattern und Tackern der Sturmwaffen der Orks und den entfernt scheppernden Schlägen der Abschüsse und Explosionen tat sich im näheren Umfeld des Sanitätspostens nichts.
Grund genug für Marith Calgrow, schließlich ihrem sechsten Sinn nachzugeben und militärische Vernunft walten zu lassen.
»Ich denke, wir haben Sein Wohlwollen nun genügend strapaziert«, entschied die Regimentsärztin. Auf wen genau sie sich bezog, ließ sich aus den Worten nicht ableiten. Immerhin gab es mindestens zwei höhere Mächte, mit deren Geduld die ehemalige Kommissarin gespielt hatte – und deren Wechselbeziehung zu stören, konnte im Fall der Fälle zu einem späten, aber sehr, sehr bösen Erwachen führen. Natürlich hatte Marith Calgrow schon während ihrer Zeit im Kommissariat gelernt, ihren Geist in einem steten Zustand der Wachsamkeit zu halten. Doch wer Colonel Ekko kannte und bereits mit ihm … ‚gearbeitet‘ hatte, der wusste, dass selbst der wachsamste Kopf nicht davor gefeit war, von einem schrecklichen Ereignis überrollt zu werden. Dafür geschah in Ekkos Umgebung viel zu viel viel zu schnell.
Und ging man danach, dann befand sich Marith Calgrow gerade irgendwo zwischen der REM-Phase und dem Wiedereinsetzen der aktiven Bewusstseinswahrnehmung.
Sie wollte sich gerade dem Sanitäter zuwenden und ihn anweisen, Fahrzeuge für eine Verlegung des Vorpostens anzufordern, als sie eine Bewegung wahrnahm, die irgendwo am rechten Rand ihres Sichtfelds stattfand.
Und dann stand er plötzlich vor ihr.
Normalerweise konnte man Orks bereits auf mittlere Entfernungen riechen, was eine ausgebildete Kommissarin von der Sorte Marith Calgrows eigentlich dazu befähigte, ihren Gegner mit derselben Zielstrebigkeit zu erfassen, mit der ein hitzesuchender Flugkörper ein laufendes Turbojettriebwerk ansteuerte.
Doch der mannigfaltige Gestank der Schlacht überdeckte das Heranwabern der Dunstwolke, mit der sich diese Grünhaut umgab, sodass sie es fertigbrachte, unbemerkt bis vor den Sanitätsvorposten zu gelangen und vor der Regimentsärztin in die Höhe zu sprießen.
Es vergingen nur Momente zwischen der bösen Vorahnung, mit der Marith Calgrows Sinne aufbegehrten und dem Auftauchen des Orks. Zu wenig Zeit, um überhaupt zu reagieren.
Der Sanitäter neben der Ärztin versuchte es dennoch. Wie in Zeitlupe begab er sich in Abwehrhaltung, bemüht das vor der Brust baumelnde Gewehr in die Höhe zu reißen.
Sein Mund formte den ersten Laut des Wortes »Ork«, doch jede Reaktion des Soldaten wäre in diesem Augenblick schon zu spät gekommen.
Entsetzt starrte die Ärztin auf das Xeno-Monster, das zu einem gewaltigen Sprung ansetzte, um seine beeindruckende Axt mit einem mächtigen Hieb auf die Menschenfrau niedergehen zu lassen.
Im darauffolgenden Moment erstarrte der hasserfüllte Gesichtsausdruck des Xeno, so als wäre die Welt in eine Art der Zeitlupe versunken. Vollkommen regungslos, nur vor seinem Schwung getrieben, folgte das Wesen seiner Flugbahn auf die Regimentsärztin zu, die sie selbst nicht rühren konnte und das auf eine ihr selbst unverständliche Art faszinierend fand. Calgrow kannte dieses Phänomen, das man im Kommissariat selbst als ‚Kampfzeit‘ bezeichnete, und das die teilweise intensiven, ja beinahe sogar ekstatischen Sinneserfahrungen in einem besonders hitzigen Gefecht beschrieb. Es gab unterschiedliche Erklärungen über die Herkunft dieser ‚Kampfzeitlupe‘, welche von der natürlichen Stimulanz durch die körpereigene Droge Adrenalin bis hin zum persönlichen Eingreifen des Imperators reichten.
Calgrow selbst kannte die Kampfzeit bisher nur aus Erzählungen, Beschreibungen und Büchern, da sie selbst nie in eine solch extreme Situation gekommen war, dass sich der schützende Schild der Kampfzeit um sie herum aufbaute.
Das Gefühl, das hingegen jetzt in ihr aufbegehrte, war unglaublich – zumindest jedoch interessant. Eine Mischung aus Panik und Furcht kopulierte mit dem außergewöhnlich eindrucksvollen Hormonschub, der ihren Körper in eine aggressive Euphorie versetzte. Es fühlte sich besser an als jede Befriedigung, jeder Sex, jeder Orgasmus.
Und doch begriff sie, dass in ihrem Fall weder der Gedanke an Befriedigung, noch an Sex oder Orgasmen hilfreich war.
Immerhin würde sie in wenigen Sekunden sterben.
Eigenartige Zuckungen durchliefen den muskulösen Körper des Xeno wie Schläge, die ihm rücklings verpasst wurden. Einen Ausdruck des Erstaunens auf dem Gesicht, erhob sich das Wesen kopfvoran in die Luft. Wie es schien, wollte der Xeno in den Himmel aufsteigen und davonfliegen.
In Ermangelung von Flügeln oder einem aus technologischer Sicht weitaus hochwertigeren Raketentriebwerk für die konstante Beschleunigung seines Körpers war der Startvorgang jedoch nicht von langer Dauer. Und so relativierte sich die Flugbahn des Unmenschen nach wenigen Ewigkeiten bereits wieder, verlagerte sich erst in die Horizontale, dann exponentiell zur zurückgelegten Strecke in die Negative.
Calgrows Unterbewusstsein riet ihr, dem anfliegenden, grünhäutigen Geschoss auszuweichen. Und obwohl ihr Körper und ihr Verstand dem Gedanken voll und ganz zustimmten, konnte sie sich dennoch nicht bewegen.
War es nicht eigentlich Sinn der Kampfzeit, einem eine angemessene Reaktion auf die wildesten und unübersichtlichsten Ereignisse zu ermöglichen? Im Augenblick hingegen kam es der Regimentsärztin so vor, als sei sie lediglich Komparsin einer unglaublich schlecht gestalteten Zeitlupenszene in einem Televid-Drama.
In ihrem Höschen machte sich eine verdächtige Feuchte breit. Sie stammte sicherlich nicht von dem intensiven Gefühl, das ihr für einen kurzen Augenblick wie Sex vorgekommen war.
Mit einem dumpfen Poltern kam der Ork am Ende seiner ballistischen Flugbahn auf dem Boden an und rutschte direkt bis an die Stiefel der Regimentsärztin. Ein letztes »Urgh«, entwich ihm, dann erloschen seine Lebensgeister.
Stille übernahm das Zepter.
Für einen Augenblick lang blieb Calgrow stumm vor dem toten Körper stehen und wurde sich vollends über das klar, was sie soeben erlebt hatte. Urplötzlich fühlte sie sich sehr, sehr matt und müde.
Tief hinter ihre Waffen geduckt und im schnellen Schritt vorrückend glitten Kroods Kasrkin um die Ecke einer der gegenüberliegenden Gebäude.
Ihre HE-Laserwaffen knisterten energetische Stakkatos in eine Gruppe noch nicht sichtbarer Angreifer, fällten Grünhäute mit der Kraft und Präzision, die den Unterschied zwischen einem normalen Lasergewehr und einer Hochenergiewaffe ausmachte.
Ohne das mögliche Resultat ihres Feuerüberfalls zu prüfen, änderten die Männer im Schritt ihre Richtung und bewegten sich auf den Sanitätsvorposten zu.
Calgrow hatte noch nie erlebt, dass es drei imperialen Soldaten gelang, einen ganzen Straßenzug für sich so einzunehmen, dass es den Eindruck erweckte, als sei diese Straße gesperrt.
In ihrer Eigenschaft als Kommissarin hatte sie die Effektivität und Zielstrebigkeit der Kasrkin zu schätzen und zu bewundern gelernt. Später war sie auch dankbar gewesen, Elitetruppen um sich zu haben und ihre taktischen Fähigkeiten nutzen zu können.
Aber sich dem Können der Spezialeinheit unterlegen zu fühlen, ihnen einfach sprachlos zusehen zu müssen und zu wissen, dass selbst sie zu ihren besten Zeiten niemals ein derartiges Können besessen hatte, das war eine neue Erfahrung für die Regimentsärztin.
Mittlerweile, durch den Ruf des Sanitäters aufgeschreckt, hatten sich die improvisierten Stellungen um den Vorposten mit mehr oder weniger Versehrten gefüllt, die in dichten Trauben darauf warteten, die Orks mit einem Gewitter aus Laserstrahlen zu empfangen. Stattdessen blieb ihnen nur, das Näherkommen der Kasrkin mit demselben hilflosen Erstaunen zu verfolgen, in das auch Calgrow verfallen war.
Sich schnell um die Schutthaufen und Krater herumarbeitend, mit denen das Forum übersät war, rückten die Kasrkin in wechselnden Formationen auf die Basilika vor, bis sie schließlich das Bollwerk erreichten. Schnell und geschickt verteilten sie sich, gleich einer Staffel Thunderbolts, die nach einem erfolgreichen Erdkampfanflug auseinanderstoben. Jeder kannte seinen Platz und das Gebiet, das er zu beobachten hatte, so wie die Piloten der Senkrechtstarter wussten, wie ihre Manöverbereiche bei Schwarmangriffen gestaltet waren. Die Bewegung war so perfekt choreografiert und lautlos, dass sich ein einfacher Soldat für seine eigenen, unbeholfenen Bewegungen geschämt hätte und im Grunde fehlte lediglich das obligatorische Auswerfen von Täuschkörpern, um die elegante Bewegung ganz an die Flugmanöver der Kampfflugzeuge anzugleichen.
»Alles in Ordnung?«, fragte Krood die Ärztin und senkte die Pistole, während er ihr an die Schulter fasste. Calgrow, durch die Geste aus ihrer an Apathie grenzenden Starre aufgeschreckt, blickte den Kasrkin lediglich an. Es dauerte, bis sie seine Worte verarbeitet hatte und sich zu einem Nicken durchringen konnte.
»Das ist gut«, bemerkte der Sergeant, während seine beiden Eliteinfanteristen abgekniet die Umgebung durch ihre Zielvisiere im Blick behielten. »Die erste Verteidigungslinie ist gefallen. Colonel Ekko hat einen Rückzug in den zweiten Ring angeordnet.«
Captain Daun, inzwischen ebenfalls aus dem schützenden Körper der Basilika hervorgetreten, runzelte die Stirn. »Wir leiten also die Evakuierung ein?«
»Das ist korrekt«, bestätigte Krood die Vermutung des Ranghöheren. »Aufgrund der Entwicklung auf dem Gefechtsfeld gehe ich allerdings sehr stark davon aus, dass unser geplanter Rückweg inzwischen abgeschnitten ist. Wir sollten uns eine Alternative überlegen.«
Daun nickte. »Verstanden. Und wer wird uns unterstützen?«
Krood öffnete den Mund … und verschloss ihn unverrichteter Dinge wieder. Er wandte sich um, suchte Hilfe bei seinen beiden Elitesoldaten, die ihn aber ignorierten und sich stattdessen in urplötzlicher Konzentration versteiften.
»Kontakt«, meldete Tall mit beiläufiger Stimme und lehnte sich in seine Waffe. Cedd ließ sich galant zu Boden sinken und legte erneut an.
Beide Männer verharrten bewegungslos, während die drei anderen Imperialen ihrem Blick folgten.
Tief an die zertrümmerte Straße geduckt und jede Deckung nutzend, tauchte eine Gruppe Infanteristen zwischen den Gebäuden auf, verteilte jenseits des Forums und ging in Stellung. Welcher Einheit sie angehörten, ließ sich nicht Anhieb sagen, auch wenn klar zu erkennen war, dass es sich bei ihnen nicht um Orks handelte.
Eine Weile lang lagen sich die Elitesoldaten und Infanteristen gegenüber und beäugten den jeweils anderen durch das eigene Zielvisier.
»Sind unsere«, meldete Cedd.
»Jupp«, stimmte Tall zu. »Basteter.«
Dann sind es ganz sicher nicht ‚unsere‘, dachte Calgrow.
Auf der Gegenseite erhob sich einer der Männer, trat einige Schritte aus dem Schutt heraus und begann dann – erst zaghaft, schließlich immer schneller und entschiedener – mit der freien Hand zu winken.
»Was macht er da?«, wollte Cedd wissen. »Wieso hampelt der so rum?«
Tall neben ihm rümpfte hörbar die Nase, obwohl sich sein gepanzerter Körper kein Stück bewegte. »Ja, definitiv Basteter. Glauben Sie, dass es uns jemand übel nimmt, wenn wir ihn durchlöchern?«
»Ja«, antworte eine starke, weibliche Stimme, deren Besitzerin neben Krood stand. »Ich.«
»Ich dachte immer, Sie begrüßen ein hohes Maß an Professionalität?«, gab sich der Elitegrenadier überrascht. »Immerhin waren Sie einst Kommissarin.«
»Das mag stimmen«, gab die Cadianerin zu. »Aber da drüben steht ein ganzer Zug. Und wenn die das Feuer erwidern, dann stehe ich mitten in der Schusslinie.«
Damit brach sie die Konzentration der Kasrkin. Eher unwillkürlich denn gewollt wandten sich Tall und Cedd um und richteten ihre verwirrten Blicke auf die Ärztin, um dann – wie zufällig – ihren Truppführer anzusehen.
Kroods Miene hingegen zeigte keine Regung, doch das Blitzen hinter seinen Augen verriet, was er in diesem Moment dachte. Er tat gut daran, es nicht auszusprechen.
Derweil geriet die andere Straßenseite in Bewegung, als sich die Infanteristen zum Sprung (oder besser Sturm) auf Calgrows Sanitätsvorposten sammelten.
Wie Insekten, die sich auf einem Feld niederließen, schwärmten die Männer um das Lazarett aus, während sich der Captain, seinen Funker im Schlepptau, zu Calgrow, Krood und Daun gesellte. »Doktor, Captain, Sergeant«, begrüßte er sie knapp.
»Captain Solmaar«, erwiderte Daun, auf dessen verbliebener Gesichtshälfte sich die dankbare Erleichterung dafür zeigte, dass ihm das Zepter der Führung endlich abgenommen wurde.
Der andere Offizier wirkte nicht ganz so glücklich. Man konnte es ihm nicht verdenken.

***

»Also gut«, entschied Solmaar, nachdem er sich die Lage hatte erklären lassen. »Ich habe nicht die Kräfte, um mich um jeden Verwundeten zu kümmern.«
»Ihre Kräfte brauche ich auch nicht«, gab die Ärztin zurück, ebenso der Diskussion überdrüssig wie er. »Es reicht mir, wenn Sie mir Ihre Leute zur Verfügung stellen.«
Seit nun knapp zehn Minuten waren der Captain und die Doktorin in eine Auseinandersetzung über die Frage verwickelt, ob und wie viele Soldaten Solmaar entbehren konnte, um Calgrows Lazarett zu räumen. Inzwischen war der Streit soweit ausgeartet, dass sogar Krood und seine Kasrkin Abstand von den beiden Diskutierenden genommen hatten. Und das nicht etwa, weil sie sich davor fürchteten, von den sich aneinander reibenden Gemütern zufällig zermahlen zu werden. Tatsächlich war es die Lautstärke, in der der Disput ausgefochten wurde, der sie zur regelrechten Flucht veranlasst hatte. Selbst durch den Gefechtslärm konnte man den Basteter und die Cadianerin gut genug verstehen, dass sich ein Mörsertrupp auf die beiden einschoss oder ein Kommando Boys urplötzlich um die Ecke stürmte, mit kochendem Blut in den Adern und vor Lust geifernd, noch mehr Gitz abschlachten zu können. Und in dem Moment wollten die Kasrkin weit genug von den Streitenden entfernt sein, um sich eine angemessene Reaktionszeit erhalten zu können. Dem Wortgefecht konnten sie auch aus Ferne wunderbar lauschen.
»Doktor«, erinnerte Solmaar sie, die Stimme vor unterdrückter Wut zitternd, »das hier ist kein MedEvac. Wir sind in einer Kampfzone.« Unter MedEvac, der medizinischen Evakuierung, bezeichnete man in der Imperialen Armee das großflächige Räumen (euphemistisch als ‚Klären‘ tituliert) militärmedizinischer Einrichtungen, um die vorhandenen Kapazitäten für neue Verwundete freizumachen. »Und in dieser Kampfzone werde ich mir als kommandierender Offizier das Recht herausnehmen, Kampftruppen zum Kampf einzusetzen.« Das Wort ‚Kampf‘ betonte er besonders.
Die Ärztin erwiderte den Blick ruhig, auch wenn in ihren Augen wilder Trotz funkelte. »Aber ist es nicht Ihr Auftrag, dieses Lazarett zu evakuieren?«, fragte sie zuckersüß. »Was wollen Sie, Captain? Blut lechzend Feinde abschlachten oder Ihren Auftrag erledigen?«
Sie standen wieder am Anfang. Mit genau diesen Worten hatte ihr Streitgespräch vor nicht allzu langer Zeit begonnen – und dem gesamten Argumentationsfaden hindurch erneut zu folgen, das wollte sich Solmaar nicht noch einmal antun. Also ließ er es dabei bewenden und winkte stattdessen einen seiner Untergebenen herbei, Sergeant Fehrn. Fehrn zu beschreiben wäre dem Versuch gleichgekommen, eine Explosion zu beschreiben. Denn anders als etwa Colonel Ekko, der alltags einem unglücklichen Backenhörnchen ähnelte, das auf eine Nuss mit Nitroglyzerinfüllung gebissen hatte, machte Fehrn tatsächlich den Eindruck, eine personifizierte Explosion zu sein. Er strahlte Kraft und Energie aus, ließ aber die versteckte kindliche Freude vermissen, mit der manch andere … »Explosion« zu Werke ging. Stattdessen wohnte ihm eine verborgene Gefährlichkeit inne, die sich durch seine dunklen, funkelnden Augen zu befreien versuchte.
»Ja, Sir?!«, fragte er mit ruhiger und dennoch fesselnder Stimme.
»Zugehört«, ordnete der Captain an, ohne seinen Untergebenen anfangs direkt zu adressieren. »Wer noch laufen kann, soll laufen. Alle, die gestützt werden müssen, sollen sich gegenseitig stützen. Wer getragen werden muss, soll getragen werden.« Er gestikulierte entschieden, ständig eine Hand lang am Abzug des in Pirschhaltung umgehängten Lasergewehrs. Irgendwann während der Schlacht hatte er seine Pistole in die Reserve verbannt und das deutlich kraftvollere Lasergewehr zu seiner Hauptwaffe gemacht. »Und sorgen Sie dafür, dass wir möglichst wenige von unseren Leuten dafür einsetzen. Ich will Reserven für den Fall, dass wir in ein Feuergefecht verwickelt werden.«
Die beiden Basteter sahen sich kurz an, tauschten einige letzte Gedanken aus, die man in diesem Moment nicht aussprach, dann brach ein kurzes »Verstanden«, aus dem Sergeant heraus und er rauschte von Dannen, zwei seiner Untergebenen im Schlepptau.
Calgrow, endlich wieder mit dem Gefühl vertraut, Herrin der Situation zu sein, nutzte ihre zurückerhaltene Macht, Solmaar auf ein Problem aufmerksam zu machen, das er in seiner Anweisung vergessen – oder zumindest missachtet zu haben schien. »Und was machen wir mit denen, die sich nicht bewegen können?«
Der Basteter bedachte sie mit einem Blick, aus dessen ablehnender Kälte bereits klare Worte sprachen. Für alle, die ihn jedoch nicht direkt ansahen oder den Ausdruck falsch deuteten, tat er seine Entscheidung dennoch laut kund. »Wir können sie nicht mitnehmen.«
»Ich werde sie nicht hier lassen«, wiegelte Calgrow entschieden ab, wenn auch zähneknirschend. Das Gefühl, Herrin über die Situation zu sein, entglitt ihr erneut.
Der Captain blieb unbeeindruckt. »Meine Kräfte werden nicht aufgeteilt, nur um ein paar Kranke mehr zu bewegen. Wer sichert den Transport dann?«, verlangte er zu wissen. Natürlich war die Frage rein rhetorisch.
Doch auch die Ärztin beharrte weiterhin auf ihrem Standpunkt. Der tiefere Sinn hinter ihren Worten ließ sich nicht sofort erkennen und so blieb den Soldaten nur zu mutmaßen, ob sie vielleicht lediglich aus dem Glauben widersprach, als Ärztin und Ex-Kommissarin Recht haben zu müssen. »Ich werde sie nicht den Orks überlassen. Eher gewähre ich ihnen die Gnade des Imperators.«
Sichtlich von der Erkenntnis genervt, dass sich die Evakuierung des für weitere Kampfoperationen wichtigen Lazaretts und seines Personals wegen der Beratungsresistenz der Regimentsärztin verzögerte – und das bereits zum wiederholten Male – spie Solmaar aus. »Thronverdammt – Sie sind genau wie Colonel Ekko.« Damit traf er einen bereits entzündeten Nerv.
»Nein! Colonel Ekko ist dumm!«, herrschte ihn die Ärztin an, wohl wissend, dass Soldaten aller Ranggruppen ihre Worte hörten. »Ich will nur nicht, dass man die Überlebenden gegen uns verwendet.«
»Aber das sind mindestens fünfzig Leute!«, brachte der Captain hervor. Seine eine Hand gestikulierte wild in Richtung des improvisierten Sanitätsvorpostens, während die andere nach wie vor am umgehängten Gewehr klebte.
Calgrow schwieg. An dieser Aussage gab es nichts zu rütteln. Tatsächlich konnte sie sechsundfünfzig ihrer Verwundeten nicht zu Fuß transportieren. Dreiundzwanzig ließen sich nicht einmal per Sanitätsfahrzeug oder Lastkraftfahrzeug bewegen. Sie mussten mit einer Walküre oder einer Vendetta verlegt werden – wenn man ihnen überhaupt eine Überlebenschance einräumen wollte.
Und da lag der Punkt, in dem sich Solmaar nicht wiederlegen ließ.
Es musste eine Entscheidung getroffen werden – eine schnelle, saubere Lösung, die weder die Räumung des Sanitätsvorpostens, noch die Verteidigung der Himmelskathedrale verzögerte oder gar gefährdete. Calgrow seufzte leise. In ihrer Zeit im Kommissariat hatte sie gelernt, erbarmungslos zu sein, sich leiten zu lassen von der Idee, Ihm zu dienen. Nun musste sie dieses Können abrufen und eine Entscheidung treffen.
Eine heftige Explosion, nicht weit entfernt, erschütterte die arkanen Gebäude. Regen aus abplatzendem Putz rieselte langsam zu Boden. Die Entscheidung fiel.
»Geben Sie mir die Waffe und ihre Ersatzmagazine.«
»Was?«, fragte Solmaar, von der gesprächstaktischen Flexibilität der Ärztin vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt.
»Geben Sie mir die Pistole und die Ersatzmagazine. Ich werde es persönlich tun.«
»Das ist Munitionsverschwendung«, widersprach er, auch wenn sie fühlte, dass er es besser wusste.
»Blödsinn! Wir sitzen auf so viel von dem Scheißzeug, dass wir uns damit bis ins Sol-System blasen könnten. Wofür sollten wir sparen?«, erinnerte nun sie ihn an das Offensichtliche. »Für die Orks?«
Er antwortete nicht.
»Sie wissen, wie das hier enden wird. Also ersparen Sie mir Ihr plötzlich aufgetautes Herz. Sie wollen die Männer nicht mitnehmen, ich werde sie nicht hierlassen. Das hier ist die einzige Möglichkeit, mit der wir beide zu einer einigermaßen zufriedenstellenden Lösung finden.«
Die Augen hasserfüllt auf die Ärztin gerichtet – immerhin hatte sie Recht und ihm damit den Spiegel vorgehalten – riss Solmaar seine Laserpistole aus dem Holster an seiner Koppel und bewarf Calgrow mehr damit, als dass er sie ihr reichte. Drei Magazine folgten. »Ich werde niemanden meiner Männer abstellen, Ihnen zu helfen«, machte er deutlich. »Das ist nicht unsere Aufgabe.«
Calgrow schwieg, doch dem Blick nach zu urteilen, mit dem sie ihn antwortete, hätte er die Pistole lieber im Holster behalten.
Krood trat vor. »Ich helfe Ihnen«, bot er sich an.
Überrascht starrte Calgrow ihn an.
Solmaar seinerseits warf jedem von ihnen einen kurzen Blick zu. Schließlich gab er nach und nickte sie gutheißend fort. »In Ordnung. Beeilen Sie sich.«
Mit einer eleganten Bewegung ließ Calgrow das Magazin aus der Halterung der Pistole fallen, kontrollierte den Ladezustand und setzte das Energiereservoir dann wieder ein. Die Waffe seufzte leise, als sie neu geladen wurde.
»Ich brauche maximal zwanzig Minuten«, versprach sie.
»Korrekt«, erwiderte der Captain. Es klang wie ein Befehl.
Und weder Calgrow, noch Krood zögerten seine Ausführung heraus.
Am Ende brauchten sie wirklich fast zwanzig Minuten.
 
Zuletzt bearbeitet:
Großes Lob :-D

Guten Abend :lol:,

ich habe diese Geschichte nun am Montag begonnen und bin gerade eben fertig geworden und ich muss eines sagen... die Geschichte ist einfach nur der Hammer :-D Dieser Zynische teils schon beleidigende Humor von Ekko in Verbindung mit der Zurückhaltenden Ruhe von Carrick macht einfach nur spaß vorallem wenn Ekko ihn mal wieder aus der Reserve lockt 😀

Ich freue mich aufjedenfall noch auf viiiiiiiiiiiiiiele neue Kapitel und hoffe das du noch viele weitere Lacher einbauen wirst :-D


Allerdings eine kleine Frage... wurde von 5 Kapiteln oderso nicht gesagt das Del Mar eine weitere Sororitas mitgebracht hat? Was ist mit der? Könnte man die nicht so einbauen das Ekko und Sile langsam immer weiter sich nähern und er mir ihr was anfängt und die andere Schwester es zutiefst verurteilt das Sile etwas mit einem "normalen" anfängt? Oder (was ich auch lustig fände) wie wäre es wenn die Schwester die seinen Bruder mitgenommen hat und später auch seine Frau aufgetaucht wäre? Das wäre mal ein wirklich interessanter Fall und würde einen guten Handlungsstrang ergeben (man könnte Sile und die andere Schwester ja in einem Wettbewerb um die Gunst Ekko´s treten lassen was ich persönlich lustig fände und Ekko würde da mit seiner Art für wirklich viel Unterhaltung sorgen 😀)


Aber das sind nur kleine Vorschläge eines Fans dieser Geschichte :-D Ich hoffe du bringst noch viiiiele weitere Kapitel raus :angel2:

Gruß, Daniel :-D
 
Hallo Daniel,

Erstmal vielen Dank für die nette Rückmeldung ;-D Freut mich, dass es immer noch Leute gibt, die auf die Geschichte stoßen und von Anfang an lesen und trotzdem den Spaß nicht verlieren :-D
Es werden auf jeden Fall noch einige Kapitel sein, die die Geschichte fortführen, bis sie schließlich zum Ende gefunden hat. Keine Sorge.

Aber puh, da stellst du mir wirklich einige Spoilerfragen, die sich so gar nicht beantworten lassen, ohne den Zauber des Wahnsinnigen zu nehmen ;-D

Zu Del Mar, der Sororita und vielleicht auch dem anderen Kommissar, der mal erwähnt wurde. Wie du sicherlich gelesen hast, wenn du die Kommentare nicht ausgeblendet hast, war, dass Colonel Ekko einige Stories vor sich hatte. Tatsächlich waren schon 7 ideenmäßig aufgeschrieben und die ersten 5 bereits durchgeplant. Daher sind besonders die Charaktere der Sororita (sowie Sile im ursprünglichen Sinne) und der Kommissar Reit Spin-Off-Charaktere und Ideen eines Lesers gewesen, ebenso die Space Marines und Del Mar (welche von Sarash stammten). Mit diesen Charakteren sollten später Teile der Geschichte fortgesetzt, bzw. entsprechende Ideen zu den jeweiligen Charakteren umgesetzt werden.

Da aber Colonel Ekko sich ja nun deutlich anders entwickelt – und mit ihm die Geschichte, muss ich mir auf jeden Fall noch eine Idee einfallen lassen, wie all die Charaktere trotz ihrer meist nur kurzen Nennung entsprechend fortgeführt werden. Man kann also gespannt sein, ob mir das gelingt.

Zum Thema Colonel Ekko und Leitis Sile und dem unseligen Geschlabber: Können wir das überspringen? Ich glaube, die Antwort dürfte klar sein …

Zu der Schwester, die Colonel Ekko Leid gebracht hat: Du meinst sicherlich Cortessa, richtig? Na ja, um ehrlich zu sein: Das ist schon sehr viele Jahre her. Ich vermute mal, selbst wenn man die Dame jetzt noch treffen würde, würde sie die bereits doch sehr reife Person Doktor Calgrows um ein vielfaches an Alter übertrumpfen …

(In meinem Kopf bauen sich gerade unangenehme Parallelen zu Ice Age 4 auf: „Oma! Komm zu mir, Oma! Je runzliger die Rosine, desto reifer die Frucht!“ … Ja, der könnte tatsächlich von Colonel Ekko sein.)

Wobei ich allerdings sagen muss – irgendwie sollte ich die Sororita (die des Lesers), mindestens noch ein oder zwei mal auftreten lassen, damit auch dieser Charakter seine Screenzeit bekommt ;-D Mal gucken.

In der Zwischenzeit hoffe ich, dass die Warterei bis zum nächsten Kapitel gut überbrückt wird (kann bei mir schon mal drei, vier Monate dauern) und wünsche ein frohes, neues Jahr unter dem Schirm des heiligen Imperators …

Liebe Grüße

Die Sista
 
:-D :-D :-D :-D :-D

Zu der Schwester, die Colonel Ekko Leid gebracht hat: Du meinst sicherlich Cortessa, richtig?

Ja die meinte ich xD Hab ein beschissenes Namensgedächtnis wie man da gemerkt hat :-D


Na ja, um ehrlich zu sein: Das ist schon sehr viele Jahre her. Ich vermute mal, selbst wenn man die Dame jetzt noch treffen würde, würde sie die bereits doch sehr reife Person Doktor Calgrows um ein vielfaches an Alter übertrumpfen …


Da Sororitas recht früh mit ihrem Dienst anfangen (so mit 16-18 schätze ich) und sie beim ersten zusammentreffen ja auch noch sehr sehr jung war könnte es sein das sie vom Alter her ungefähr gleich liegt mit Calgrow... kann mich aber auch irren :-D

Allerdings könnte die Sororitas die von Del Mar angeschleppt wurde irgend eine Schlüsselrolle einnehmen die das ganze um Ekko ein wenig aufklärt (Gibt ja immernoch unmegen ungelöster fragen...) ich persönlich glaube man könnte mir ihr noch allerlei anstellen 😀 Genauso wie Leitis Sile XD sie ist irgendwie zusammen mit Ekko eine meiner Lieblingscharaktere :-D Diese Mischung aus Demut und Hass auf Ekko macht wirklich Spaß vorallem in der Situation als er sie nach der ersten Runde der Schlacht zusammen geschissen hat weil sie ihren Trupp verlassen hatte und sie dann zurück gewettert hat :-D

Gruß Daniel
 
Zu Kortessa: Stimmt schon, aber wenn du dich erinnerst: zu der Zeit, als Ekko Kortessa kennenlernte, war er ein Junge, sie bereits eine Frau.

Als sie sich das nächste Mal trafen, war sie bereits Prioris, er "erst" Sergeant.

Ja, ich weiß, im etwas verkorksten Rangsystem von Warhammer 40k wird die Prioris mit dem Sergeant als Truppführer gleichgesetzt - Da die Sororitas meines Wissens jedoch nicht das ausgeprägte militärische Rangsystem der imperialen Armee besitzen, würde ich in diesem Falle die Rolle der Prioris mit der des Centurio gleichsetzen, der in der römischen Legion entsprechende Befehlsgewalt haben konnte über eine Centurie, also eine Hundertschaft (oder 80 Mann, wie die einzelnen Zentrurien später aufgebaut waren), was dem Rang eines Leutnants „entspräche“ bis hinauf in den Rang eines Pilus Primus, also des Führers der ersten Kohrte, welche dann aus bis zu 480 Mann bestehen konnte, was dann wiederrum dem "Rang" eines Obersten entsprochen hätte. Natürlich ist mir klar, dass in dem Falle der Übergang zur Prokurata fließend wäre (ich würde mal auf Kompanie- oder Bataillonsebene schätzen), aber einfach mal angenommen, sie hätte sich während ihrer Zeit im entsprechenden Orden verdient gemacht, wäre Prioris geworden und hätte sich dann positiv weiterentwickelt (sprich, sie lebt noch), dann wäre sie entweder eine wirkliche Veteranin (Mann, die muss doch schon 60 oder so sein) oder bereits Prokurata, was dann bedeuten würde, dass sie weit mehr als ein paar lausige Schwestern kommandiert.

Und damit hätte sie Ekko in jedem Rang deklassifiziert. Denn zumindest die Adepten würden eher auf sie hören als auf Colonel Ekko. Immerhin präsentiert die Frau ihren Glauben – und ist „ranggleich“ mit dem Colonel – nicht nur im Ranggefüge, sondern auch im Bereich der Erfahrungswerte. Und das „tue“ ich Ekko nicht an. Das würde die Geschichte nämlich deutlich zu sehr auf ein anderes Thema fokussieren als Gewalt, Blut und Ti… humoristische Einschübe.

Zu der anderen Schwester. Hm – muss denn alles gleich aufgelöst werden? Sollte es nicht dem Leser obliegen, sich ein Bild der Entwicklung zu machen und seine Vorstellung walten zu lassen? Denn um ganz ehrlich zu sein: Weder der Kommissar Reit, noch die andere Sororita hatten in dieser Story eine große Bedeutung. Sie waren in erster Linie da, damit man mit ihnen später noch was aufbauen kann. Und einen Bezug zu Ekko, soweit kann ich auflösen, haben beide nicht. Was ich jetzt mit den beiden anstelle, muss ich noch mal sehen.

Liebe Grüße

Da Sista
 
Hallo, liebe Stargazer-Leser. Wieder einmal ist ein neues Kapitel fertig und bereit, sich euch zu präsentieren.

Wie immer gilt der Dank Nakago für die Fluffkontrolle. Und euch wünsche ich viel Spaß beim Lesen ;-D

Eure Sister

37

Das Feuergefecht in der Ferne intensivierte sich abermals. Inzwischen war selbst das zuvor noch deutlich vernehmbare Brüllen und Schreien der Infanteristen von dem mannigfaltigen Waffenlärm verschluckt worden.
Die Front entfernte sich schnell.
Captain Solmaars hochaufragende Gestalt verfolgte das, was Colonel Ekko ihm über Funk todernst als »Exodus der Versehrten« und »Reise ins gelobte Land der inneren Festung« beschrieben hatte: eine lange Schlange aus Infanteristen, Zivilisten und Verletzten die aus dem Lazarett strömte, zu beiden Seiten durch einem dünnen Schild aus imperialen Soldaten gesichert.
Das vordere Ende der Gruppe, dort, wo Kroods Kasrkin schweigend die Führung übernommen hatten und als Fernspäher für die ihnen nachfolgenden Imperialen agierten, war bereits nicht mehr sichtbar – sofern hier von einer Gruppe die Rede sein konnte. ‚Invalidentross‘ wäre in diesem Fall wohl die richtigere Bezeichnung gewesen.
Solmaar war sich sicher: hätte er von Anfang an gewusst, um was genau es sich bei Ekkos geheimnisvollen Vorhaben handelte, er wäre umgehend aufgesprungen und hätte sich von dem nächstbesten Ork, der ihm über den Weg lief, den Schädel spalten lassen.
Und irgendwie keimte in ihm der Verdacht, dass Colonel Ekkos sich dessen bewusst gewesen war.
Aber das machte im Augenblick auch keinen Unterschied. Der Regimentskommandeur hatte ihm einen Auftrag gegeben – und Solmaar gehörte zu dem Schlag von Offizieren, die einen Auftrag nach bestem Wissen und Gewissen ausführten, egal für wie dämlich sie ihn auch halten mochten.
Lediglich die Erkenntnis, dass mehr als eine halbe Hundertschaft seiner Kameraden gerade in den Tod ging, nur weil irgendjemand es verträumt hatte, den Sanitätsposten rechtzeitig zu evakuieren, nagte an ihm wie ein valhallanischer Bluthund an seinem Knochen.
Wer dafür verantwortlich war, das wusste er nicht und im Grunde war es auch nicht wichtig. Selbst, wenn sich ein Schuldiger finden würde, was stark bezweifelt werden konnte, so brachte das die Toten auch nicht wieder zurück. Vermutlich konnte man die ganze Situation als eine unglückliche Fügung in der Hitze der Schlacht bezeichnen; einen Moment, in dem der Imperator gerade nicht hingesehen hatte.
Doch das schmälerte seine Wut auf Doktor Calgrow, die der Grund für dieses Desaster war und Colonel Ekko, der all das zugelassen hatte, kein bisschen.
Dass Doktor Calgrow den Wert des Lebens nicht verstand, konnte man ihr nicht verdenken. Als Cadianerin, Bewohnerin einer Welt, die als Frontbastion dem Strudel des Erzfeindes entgegenstand, und die ihre Ressourcen in gewaltigen Massen in Richtung des Gegners warf, war ihr ein anderer Gedankengang vermutlich nicht einmal geläufig. Die Front befand sich dort, wo der Mensch stand – und der Lebensraum des Menschen war die Front.
Ekko hingegen … Ekko als Basteter hätte den Grundsatz nicht vergessen dürfen, dass Menschen dieselbe wertvolle Ressource waren wie jede Waffe, die vom Imperium genutzt wurde. Vor allem, da er Basteter war.
Wer verletzt wurde, blieb nicht zurück und wer starb, wurde nicht vergessen. Diese Prinzipien, vom Armeeoberkommando Bastets mit stillschweigender Billigung der Imperialen Armee und des Departmento Munitorium in Form verschiedenster Weisungen ausgegeben, wurden von jedem militärischen Führer respektiert und befolgt. Bisher hatte Solmaar geglaubt, auch Ekko würde diesen Regeln folgen. Und trotz der Eskapaden des Vorgesetzten klammerte er sich an diese Auffassung. Immerhin hatte der Colonel bisher alles dafür getan, seinen Männern die bestmöglichen Chancen auf ein Überleben zu sichern.
Aber nach einem Blick auf das trostlose Drama, das sich vor seinen Augen entspannt, reiften allmählich Zweifel in ihm.
Ekko war nicht nur soweit gegangen zuzulassen, dass Calgrow sich und die ihr anvertrauten Leben in tödliche Gefahr brachte, genauso wie das restliche Regiment, das ohne seine Chefärztin deutlich weniger Überlebensfähigkeit aufweisen würde. Nein, er hatte auch noch Truppen abgestellt, um seinen Fehler zu korrigieren und diese somit ebenfalls einem unkalkulierbaren Risiko ausgesetzt, das sicherlich kein anderer militärischer Führer eingehen würde.
Wie sollte man einem Regimentskommandeur trauen, der die grundlegenden Codizes der eigenen Armee außer Acht ließ?
Diese Frage zu beantworten, wühlte sich wie ein vordringlicher Wunsch durch Solmaars Gehirnwindungen, auch wenn er wusste, dass es weder Sinn ergab, sich jetzt damit zu beschäftigen, noch er irgendwelche geistigen Ressourcen freihalten konnte, die wie eine wütende Walküre um das Thema kreisten.
Es war nur …
»Feindkontakt!«, schrie jemand. Ein schwerer Bolter donnerte los.
Solmaar fuhr herum.
Nicht weit entfernt warfen sich Infanteristen zu Boden und begannen, ein Gebäude zu beschießen, das jenseits des Forums platziert lag, während Zivilisten und Versehrte sich eilends bemühten, aus dem unmittelbaren Bereich und die Kämpfenden zu gelangen. Trotz des plötzlich aufbrandenden Gefechtslärms blieben sie dabei erstaunlich ruhig.
»Neev!«, bellte der Captain, sich nach einem seiner Untergebenen umsehend.
Sergeant Neev, Truppführer des dritten Trupps, glitt knapp über den Boden hinweg und kam bei seinem Vorgesetzten zum Halten. »Sir?«
»Was, beim Thron, soll das?!«, verlangte Solmaar zu wissen.
»Orks, Sir«, erklärte der Unteroffizier eilig. »Ein ganzer Stoßtrupp an der Gebäudeflanke.« Er wies auf das Haus, das von den Soldaten unter Beschuss genommen wurde. »Wir waren nicht sicher, ob sie uns bemerkt haben.«
»Na ja, selbst wenn nicht, dann haben sie uns spätestens jetzt bemerkt.« Solmaar wirbelte herum. Eile war geboten.
»Fehrn«, winkte er einen anderen Sergeant heran.
»Sir?«
»Erster Trupp an die Spitze.«
»Ja, Sir.«
Der Captain adressierte Neev erneut. »Dritter und vierter Trupp bilden die Nachhut. Nehmen Sie das Gefecht auf und geben Sie uns Rückendeckung. Dann folgen Sie uns.«
»Verstanden, Captain.«
Ein erneuter Warnruf schallte über das Forum. »Da kommen noch mehr!«
Solmaar und seine Unteroffiziere fuhren herum.
Jetzt waren sie deutlich zu erkennen: Orks – soweit sichtbar Ballaboys und Moschaz, sprossen aus den Trümmerfeldern und Gebäuden jenseits des Forums, wie zuvor Solmaars Infanteristen bereit zum Sturm auf den Lazarettvorposten.
»Na, dann los!«, rief der Captain den Unteroffizieren zu und erhob sich. Er winkte seinen Funker herbei, während die Sergeants im Laufschritt zu ihren Einheiten zurückkehrten.
»0072 Azrael, hier 5120301 – unter Beschuss am Objekt! Operation weitestgehend erfüllt! Wir werden versuchen, jetzt auszuweichen!«, meldete Solmaar der Kommandozentrale, während sich seine Truppen das Gefecht aufnahmen.
»0072 Azrael verstanden! Viel Erfolg
Mehr gab es nicht zu sagen.
Solmaar reicht das Handgerät an den Funker zurück und sah sich um. Der Strom aus dem Sanitätsvorposten war zwischenzeitlich verebbt.
Gerade trat Calgrow aus dem Eingang der Basilika. Krood folgte ihr. Während die Ärztin sich umsah, ging der Kasrkin sofort in Schnellschusshaltung und begann, die Umgebung der Bedrohungslage nach zu sondieren.
»Doktor!«, rief Solmaar und winkte die Ärztin herbei.
Den Kasrkin-Sergeant im Schlepptau, eilte sie geduckt an die Seite des Captains.
»Sind alle raus?!«, verlangte er zu wissen. Vor ihnen setzten weitere Soldaten in das Schießen ein.
»Ja«, erwiderte die Cadianerin. »Zumindest alle, die rauskommen sollten.«
Der Basteter zögerte kurz. In seinem Blick spiegelte sich die Verachtung, die er in diesem Moment empfand. Aber wie jeder gute Offizier wusste Solmaar, welche Prioritäten zu welchem Zeitpunkt zu setzen waren. Und der Hexenkessel, der gerade in seinem Innersten rumorte, konnte auch an einem anderen Tag zur Explosion gebracht werden.
Eine heranjaulende Mörsergranate bestätigte seine Auffassung. Mit einem trockenen Knall platzte das altehrwürdige Dach der Basilika auf. Trümmerstücke und zerfetztes Baumaterial wirbelten durch die Luft davon.
»Los!«, schrie Solmaar Calgrow an und deutete so ruckartig über die Schulter, dass er sich mit der Bewegung den Daumen in den Schädel hätte treiben können. »Abmarsch!«
Dann adressierte er seinen Funker, während Krood die plötzlich sprachlose Frau packte und sie hinter sich her in Richtung der abgerückten Kolonne zog. »Winn! Auf geht’s!«
Der junge Corporal nickte und sprang auf.
Solmaar wandte sich um, den Kopf voller Gedanken über ihre bevorstehende Flucht. Es gab viele Dinge zu bedenken und noch mehr im Blick zu behalten. Ekko hatte ihm per Funk eine alternative Rückzugsroute skizziert, aber die handgezeichneten Notizen auf der Karte, die er bei sich trug, gaben diese Informationen nur ungenügend wieder. Solmaar war sich bisher noch nicht ganz sicher, wo das Problem lag, aber wenn man ihn nach seiner ehrlichen Meinung gefragt hätte, er hätte sich unzureichend beraten gefühlt.
Doch diese Sorge lag in seiner inzwischen sehr langen Liste von Problemen auf Platz fünftausendsiebenhundertachtunddreißig. Er hingegen war erst bei Nummer vier.
»Thronverdammt!«, brach es ihm heraus. »Wo kommen Sie denn her?«
Problem Nummer fünf, betitelt als ‚alte Ekklesiarchin‘, stand vor ihm und betrachtete ihn aus hellgrauen Augen. Entschlossenheit stand in ihrem von der Zeit gezeichneten Gesicht.
Vor ihrer Brust prangte, an einer schweren Kette hängend, eine Insignie des Ministorums.
Das Abzeichen, eine stilisierte gotische Säule, flankiert von zwei Engelsflügeln und mit einem Totenkopf in der Mitte, befand sich in einer festen Umklammerung ihrer blassen Hand. Fast so, als würde sie es im nächsten Augenblick von ihrem Hals reißen und damit einen Dämon austreiben wollen, der an Solmaars Seele nagte. Vermutlich hätte sie sich bei diesem Versuch eher den Kopf von ihrem dünnen Hals getrennt.
In ihrer anderen Hand ruhte ein ekklesiarchisches Signum. Bestehend aus einem langen, reich verzierten Stab, auf dessen Spitze eine imperiale Säule thronte, wies diese Pontifikale, Ferula Imperialis genannt, die alte Frau als Astralis, Kardinälin einer fremdweltliche Diözese, aus.
Tatsächlich wollte es Solmaar aber so vorkommen, als seien nicht nur ihre sakralen Erkennungszeichen, sondern auch ihr Rang viel zu groß und zu schwer, als dass die alte Frau sie noch länger hätte tragen können.
Und dennoch - dass sie einem Orden des Adeptus Sororitas entstammte, stand mittlerweile außer Frage. Sie besaß, genau wie Prioris Leitis Sile, das einzigartige Talent, lautlos dort aufzutauchen, wo sie keiner erwartete und dabei eine Entschlossenheit und Hingabe auszustrahlen, dass selbst ein Hüne wie Soldat Melbin vor ihr zurückgewichen wäre.
»Ich bin gekommen, um zu helfen«, erklärte sie mit ruhiger, und dennoch kräftiger Stimme.
»Ehrenwerte Mutter – Sie wissen schon, dass dies eine Kampfzone ist?«, versuchte er ihr klar zu machen. Aus einem nicht definierbaren Grund kam er sich dabei wie ein Progena vor.
»Es ist meine Aufgabe, den Feinden der Menschheit die Stirn zu bieten«, erwiderte sie lediglich, bevor sie ihn stehen ließ und gemessenen Schrittes in Richtung der Orks marschierte.
Solmaar seufzte unglücklich. Ihre Entscheidung stand fest. Und gegen den Glauben, mit dem sie zu Werke schritt, konnte er mit seinem militärischen Verständnis nicht bestehen.
Blieb lediglich die Frage zu klären, wie man das Kommende den Überlebenden erklären wollte – sollten sie denn lange genug leben, um vom Tode der Pontifice Urba zu erfahren.
»Möge der Imperator Ihrer Seele gnädig sein«, flüsterte der Basteter, bevor er seine Konzentration auf die verbliebenen Infanteristen richtete. »Also gut! Wir rücken ab!«, rang seine Stimme mit dem durchdringenden Waffenfeuer.
In einem fließenden Ablauf von antrainierten Prozessen, gleich einer detailliert durchgeplanten Zeremonie, erhoben sich die Infanteristen einer nach dem anderen und setzten einige Meter zurück, um dann wieder damit zu beginnen, auf die erkannten Ziele zu feuern.
Dieses wechselnde Schießen und Laufen – häretischer Weise als Königsdisziplin der Imperialen Armee bezeichnet – ermöglichte es ihnen, auch im Rückzug eine gewisse Feuerüberlegenheit aufrecht zu erhalten. Offiziell betitelte man diese Art des taktischen Rückzugs als ‚Ausweichen‘. Als wenn eine derart bürokratische Benennung den Soldaten in diesem Moment geholfen hätte.
Solmaar voran, löste sich die Nachhut auf diese Weise vom Forum und verschwand zwischen den hochaufragenden Gebäuden.
Lediglich ein Waffenteam, ausgerüstet mit einem schweren Bolter und drei weitere Infanteristen zu deren Sicherung, blieben zurück, um den Gegner ein wenig länger zu beschäftigen und möglicherweise wertvolle Sekunden für die Fliehenden zu erkämpfen.
Aber das war gar nicht notwendig. Die Ekklesiarchin beschäftigte die Orks selbst lange genug.
Mit festem und entschlossenem Schritt trat sie den angreifenden Grünhäuten entgegen.
Wütendes Brüllen klang an. Fast wie eine Aufforderung, die ‚Git‘ in papierfetzengroße Stücke zu zerreißen.
Doch davon ließ sich die Alte nicht beeindrucken. Mit überraschend starker Stimme brüllte sie den Erzfeinden eine Provokation entgegen. Eine Aufforderung zum Duell.
Und damit wurde sie für die Orks weitaus interessanter als jede Division, mit der die imperiale Armee jemals auf den Feind zugestürmt wäre.
Die Soldaten beobachteten etwas, das sie ihr restliches Leben nie mehr vergessen würden.
In beeindruckend kurzer Zeit staute sich eine Mauer aus grünen Körpern auf, formiert im Halbkreis um die imperiale Priesterin.
Sie blieb ruhig stehen und wartete auf ihren ersten Gegner.
Dieser schälte sich recht bald aus der Menge der Xenos: ein Boy, nicht größer als ein Spind der Imperialen Armee, Standardmodell, aber dennoch bei weitem massiver als die gebeugte Frau, mit der er nun kämpfen sollte.
Der Boy ließ seine Nahkampfwaffe, eine unförmig geschnitzte Keule, durch die Luft schwingen, um der Git-Braut zu zeigen, auf welche Weise sie gleich zu Tode kommen würde.
Sie blieb unbeeindruckt.
Wütend, dass seine Demonstration die Herausforderin offensichtlich kalt ließ, grunzte und heulte der Angreifer, forderte sie auf, nun ihr Können zu demonstrieren.
Sie kam dem gerne nach.
Mit einem Schrei der Wut, der den Soldaten das Blut in den Adern gefrieren ließ, wirbelte die Ekklesiarchin um die eigene Achse und rammte, von ihrem Schwung getrieben, den Fuß der Ferula zielgenau in den kräftigen Hals des Boys.
Urplötzlich erstarb das Grölen der umstehenden Grünhäute, während das soeben gepfählte Xenos langsam und mit quiekenden Lauten zu Boden sank.
Verwirrung und Überraschung griffen um sich, während die Ekklesiarchin das Signum aus dem Rumpf des getöteten Feindes zog.
Sie musste dafür sogar einen ihrer Füße auf seinen Leib stellen.
»Und?«, gellte ihre Stimme über das Forum, untermalt vom Krachen der fernen Schlacht. »Wer will jetzt?«
Ein anderer Boy, deutlich größer als der erste, preschte aus der Menge hervor, eine mächtige, mit Totenschädeln verzierte Axt in den fleischigen Pranken. Vor Wut brüllend stürzte er sich auf die alte Frau, die es kaum schaffte, schnell genug herumzukommen, um den Angriff in ihre Flanke zu parieren. Geräuschvoll prallten Ferula und Axt aufeinander.
»Der Imperator beschützt«, flüsterte der Ladeschütze des Bolterteams. »Die wird vollkommen zerfetzt.«
»Klar machen zum Schuss«; ordnete der Bolterschütze an.
Gefangen im tödlichen Nahkampf duckte sich die Ekklesiarchin unter der erneut in ihre Richtung schwingenden Axt hindurch und nutzte die Behäbigkeit des Angreifers, um ihm mit der Ferula in das stinkende Fleisch zu stechen.
Der Bolterschütze riss den Spannschieber seiner Waffe zurück, bereit, im Falle des unglücklichen Verlebens der Astralis sofort das Feuer auf die Ansammlung von Grünhäuten zu eröffnen. Die restlichen Soldaten hoben ihre Lasergewehre.
Der Ork jaulte und fuhr herum. Dabei hob er die noch immer an ihr Signum geklammerte Frau vom Boden und schleuderte sie durch die Luft. Die Kardinälin rutschte vom Griff der heiligen Reiquie und segelte davon, bevor sie mit einem dumpfen Geräusch nicht weit entfernt auf den Boden schlug. Die restlichen Grünhäute brüllten, hocherfreut über das Spektakel.
Schwerfällig torkelnd zog das nichtmenschliche Ungetüm fest an dem in seinem Körper steckende Fremdkörper, bis es ihm schließlich gelang, diesen aus seinem Fleisch zu entfernen.
Dann wandte er sich seiner Gegnerin zu und stapfte in ihre Richtung, die Axt fest in der rechten Faust und vor Schmerzen grunzend. Kaum zu einer Bewegung fähig und sicherlich nicht in der Lage, seine nächste Attacke zu parieren, griff sie unter ihre Robe, um dort nach ihrer Insignie zu suchen. Ein letztes Gebet vor dem nahen Tode.
Schließlich erreichte der Xeno die auf dem Boden liegende Frau und stellte sich über sie, starrte ihr in die Augen. Sein Opfer sollte sich bewusst sein, mit wem es sich angelegt hatte und wer nun sein Ende sein würde.
Er beugte sich sogar ein wenig vor, während er die Axt hob. Es wollte einem vorkommen, als plante er, der den Schädel zu spalten, um dann nachzusehen, ob sie sich seine Fratze auch wirklich gemerkt hatte.
Doch soweit kam es nicht. Urplötzlich schnellte die Ekklesiarchin in die Höhe, rammte ihrem Feind die geballte Faust in den Magen. Für einen kurzen Moment blieb die Zeit stehen.
Der Ork erstarrte, dann kippte er zur Seite.
Erneut brüllten die Grünhäute auf, dieses Mal jedoch aus Wut über den Tod ihres Kameraden.
Langsam, fast zögerlich, erhob sich die Imperiale. So, als würde sie aus dem Boden wachsen, gleich einer einmal niedergetretenen Blume, gefangen in einem nicht enden wollenden Todeskampf.
In ihrer rechten Hand ruhte eine Sarissa, ein reich verziertes Kettenbajonett des Adeptus Sororitas. Auf die Entfernung konnte man nicht viel erkennen, dennoch ließ sich ausmachen, dass es sich um eine Sonderanfertigung zu handeln schien. Eine Reliquie, mit der man eine Schwester verabschiedete, wenn sie ihren Dienst in den Reihen der Kampftruppen lebend quittierte – eine der Seltenheit angemessene Rarität und sicherlich sehr wertvoll. Nun allerdings tropfte dickes Blut von Klinge, beschmutzte den geweihten Stahl mit seiner Unreinheit.
»Das ist alles?«, hallte ihre Stimme erneut über das Forum. Verhöhnend. Provozierend. »Mehr habt ihr einer alten Dienerin des Imperiums nicht entgegenzusetzen?«
Sie hatten. Ob es Ziel der Ekklesiarchin gewesen war, nun endgültig in Grund und Boden gestampft zu werden, das ließ sich im Nachhinein nicht mehr klären. Fakt jedoch war, dass sich nun ein drei Meter großer Ork aus dem Mob der Umstehenden manifestierte. Mit wuchtigen Schritten, von denen jeder einzelne die Vertreterin des Ministorums zu erschüttern schien, baute er sich schließlich vor der Frau auf, die ihm nicht einmal bis zur Hüfte reichte. Und wäre das nicht schon einschüchternd genug gewesen, trug die zerrissene Darstellung eines unmenschlichen Lebens überdies in seiner rechten Hand auch noch einen Hammer, dessen Kopf von der Größe her dem Oberkörper eines gewöhnlichen Infanteristen entsprach, während seine Länge einen hochgewachsenen Menschen übertraf.
Der Ork, höchstwahrscheinlich der ‚Boss‘ des Mobs, starrte die alte Frau lediglich an, während seine Kameraden brüllten und fauchten.
Das Thema ‚faltige Git-Braut‘ wurde nun Chefsache.
Unbeeindruckt hob sein Gegenüber ihre Insignien und hielt sie ihm entgegen. »Weiche von mir, du grünhäutige Bestie! Stirb!«
Die Xenos, vollkommen überrascht von der Dreistigkeit und dem Wagemut der Menschenfrau, verstummten urplötzlich. Lange Zeit galoppierte die Stille mit dröhnenden Hufen über das Forum, während sich die beiden Kontrahenten gegenüberstanden. Eine gegen mehrere Dutzend. Die Chancen schienen ausgeglichen.
Es mochte sein, dass der Imperator beschützte, aber wie es schien, war sein Blick gerade an einem anderen Ort gebannt.
Wieder stieß die Frau ihr Kultsiegel und die Sarissa in Richtung des Angreifers. »Weiche!«, sprach sie mit beschwörender Stimme.
Der Ork-Boss wich nicht zurück. Im Gegenteil. Er machte einen Schritt auf die Vertreterin des Ministorums zu – und jeder, der ein wenig Ahnung von Xenos besaß, wusste, dass er nicht dem imperialen Glauben beitreten wollte.
Die am Rande des Forums verbliebenen Infanteristen hielten den Atem an, als der Ork langsam seine Nahkampfwaffe hob … und zögerte.
Konnte es wirklich sein? Vollbrachte die Ekklesiarchin das Wunder, auf das niemand zu hoffen gewagt hatte?
Das Zögern währte nur kurz. Tatsächlich zündete der Ork-Boss während dieser Zeit zwei kleine Düsen, die an seinem Hammer befestigt waren, und die als ‚Gimmeck‘ die Schlagkraft der Waffe erhöhten.
Mit ungeheurer Geschwindigkeit ging der Hammer nieder, traf die Pontifice Urba und schmetterte sie mit brachialer Gewalt zu Boden. Knochen zersplitterten wie explodierender Beton, Fleisch zerfetzte mit der Gewalt platzender Pestbeulen, Haut riss mit dem Geräusch einer gewaltsam geöffneten Pappschachtel.
Eine Viertelsekunde später zündete der Sprengstoffgürtel, den sie unter ihrer Kleidung trug.
***

»Gnaaar!«, grunzte Captain Balgor, als er um eine Ecke sprinten wollte, dabei auf einem schmierigen Film ausrutschte und hinschlug.
Der stählerne Rumpf eines Salamander-Aufklärungspanzers röhrte an ihm vorbei, gefolgt von einigen Infanteristen, die sich in wilder Flucht befanden.
Schwerfällig richtete sich der Captain auf und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Er fasste in etwas Klebriges.
Es war Blut.
Eilig sah der Basteter an sich herunter. Hatte es ihn etwa erwischt? War er getroffen worden und hatte es nur nicht gemerkt?
Nein. Auf den ersten Blick fand er keine Spuren an sich, die darauf hindeuteten, dass er …
»Captain!« Als hätte er Balgor gerade sterben sehen, sprang Jelard auf, um zu seinem Vorgesetzten zu rennen. Dabei missachtete er wohlwollend, dass dieser sich auf der anderen Straßenseite befand und er die Hauptrückzugsroute der imperialen Panzerfahrzeuge überqueren musste, um zu ihm zu gelangen.
Balgor musste hilflos mit ansehen, wie der junge Funker plötzlich und überhastet abbremste, dann war er bereits verschwunden. Der Rumpf einer Chimäre dröhnte durch sein Sichtfeld, rasselte mit wild drehenden Ketten die ansteigende Straße empor.
»Thronverdammt, Jelard«, brachte Balgor hervor. In seinem Herz zerbrach etwas. War der Gottimperator wirklich zu derartig grausamem Humor fähig? Ließ er den jüngeren Mann wirklich sterben, weil er aus Sorge einmal unachtsam gewesen war?
Jelard war nicht nur ein Untergebener gewesen, sondern so etwas wie ein entfernter Vertrauter. Ein Freund. Ein Teil der Familie, die der Mikrokosmos eines imperialen Infanteriezugs bildete.
Und das war jetzt vorbei? Ganz plötzlich?
Er konnte bereits eine ganze Liste von Kameraden aufzählen, die er hatte sterben sehen. Jelard war einer von ihnen. Prish ein anderer. Das hatte nichts mehr mit Krieg zu tun. Es war ein Abschlachten, in dem die Reste einer geschlagenen Armee einem Insekt glichen, das man totschlug, einfach weil man es konnte.
Ein weiterer Zug Infanteristen sprintete vorbei. Mit lauten Rufen, die von den umliegenden Gebäuden wiederhallten, trieben sich die Männer gegenseitig zu noch höheren Leistungen in der Königsdisziplin der Imperialen Armee an. Es fiel ihnen nicht mal auf, dass einer ihrer Vorgesetzten nur einige Meter entfernt an eine Hauswand gelehnt saß. Für sie war er inzwischen auch nur noch ein Soldat, den die Ereignisse überrollt hatten.
Balgor sah ihnen nach. Ganz allmählich trübte sich sein Blick.
Das war nicht fair. Aber wer hatte behauptet, dass das Leben fair war?
Irgendwas bewegte sich in seinem Augenwinkel, eilte schnell auf ihn zu.
»Ich bin schon hier«, hörte er eine vorsichtige, fast beschwichtigende Stimme, die allerdings viel zu aufgeregt war, als dass sie irgendwen beschwichtigt hätte. Jemand ließ sich an seiner Seite nieder. Das scharfe Geräusch eines Metallkörpers, der auf Stein trifft, erklang. Kurz darauf wühlte etwas an seiner Hose. »Halten Sie durch, Captain!«
»Jelard«, murmelte Balgor, gleichermaßen entnervt und glücklich. »Was machen Sie da?«
Die Bewegungen hörten auf. Stattdessen seufzte jemand erleichtert.
»Captain!«, entwich es dem Funker. »Ich bin so froh, dass Ihnen nichts passiert ist.«
»Ja – aber wenn Sie noch so einen Stunt versuchen, dann wird was passieren, seinen Sie sich dessen sicher.« Erleichtert wischte sich der Captain über die Augen. Immerhin war Jelard nach wie vor ein Untergebener, der nicht sehen brauchte, wie sein Vorgesetzter Tränen vergoss. Vor allem nicht, wenn es seinetwegen war.
»Captain, Sie sehen aus, als wenn Sie gerade …«, begann Jelard, wurde aber sofort von Balgor unterbrochen.
»Mir ist nur kurz die Luft weggeblieben«, erklärte der dunkelhaarige Basteter dem besorgten Soldaten und rang sich ein müdes Lächeln ab. »Wie läuft der Rückzug?«
»Chaotisch, Sir. Ich glaube, uns geht allmählich der Überblick verloren.«
Balgor nickte verstehend. »Das ist nicht gut«, erkannte er die Situation vollkommen richtig und sah auf.
Nur einen Häuserblock weiter erhob sich die mächtige Mauer des ersten Rings weit über die mehrstöckigen Gebäude, betrachtete die ihr gebotene Szenerie mit dem allessehenden Blick einer göttlichen Manifestation.
Doch die Entfernung, in menschlichen Maßstäben nicht mehr als der galaxisweit bekannte ‚Katzensprung‘, erschien dem Basteter, als benötige er ein Menschenleben, um sie zu überbrücken. Und nach all der Belastung, der sie ausgesetzt worden waren, versagten seine Beine den Dienst. Sie schafften es einfach nicht, ihn in die Höhe zu wuchten und den ersten Schritt in Richtung des rettenden Gemäuers zu wagen.
In dem verzweifelten Versuch, trotzdem etwas zu tun, hob er stattdessen seine in Blut gebadete Hand und hielt sie sich ans Gesicht.
Er roch kurz daran, nur um angewidert zurückzuzucken.
Ja, definitiv menschliches Blut.
Krieg war die Hölle. Zumindest stank er so.
Aber was hatte die blutige Pfütze verursacht, in die er sich gesetzt hatte … wollte man seine wenig elegante Landung denn als ‚Setzen‘ bezeichnen?
Erst jetzt ging ihm auf, dass er nicht in eine blutige Pfütze gefasst hatte, sondern den zerschmetterten Leib eines Infanteristen, der hier einen wenig ruhmreichen Tod gestorben war.
Was genau den Mann derart zugerichtet hatte, dass sein Innerstes nach außen gekehrt auf dem Bürgersteig residierte, ließ sich inzwischen nicht mehr feststellen. In der Hitze eines Tages auf Agos Virgil hatten die Überreste inzwischen ein interessantes Eigenleben entwickelt, das vermutlich sogar zu einem philosophischen Gespräch mit dem Basteter in der Lage gewesen wäre – hätte es denn einen Mund besessen.
Schwere Schritte trommelten näher.
Aus einer Seitengasse, nur ungefähr dem Strom der zurückweichenden Armee folgend, tauchte Corporal Rebis mit seinem Trupp auf – beziehungsweise dem, was davon noch übrig war.
Rebis, das zerschundene Gesicht mit dicken Schichten aus Staub und Blut verkrustet, führte eine Formation aus nur noch fünf Männern an, zu denen er selbst zählte; außerdem Itias, Rahael, Gorak und Melbin.
Ihnen allen war die Erschöpfung anzusehen, und Itias und Rahaels Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hätten sie im Grunde auf der Stelle umfallen und einschlafen können. Sie trauten sich nur nicht, höchstwahrscheinlich aus Furcht, Captain Retexer tauche plötzlich hinter ihnen auf.
Lediglich Melbin, der unverwüstliche Riese, wirkte so frisch und ausgeruht, als hätte er gerade ein entspannendes Staubbad genossen, massiert von einer Sororita und manikürt von einer Assassine.
Statt dem schweren Bolter, mit dem er ins Gefecht gegangen war, trug der riesige Infanterist einen Raketenwerfer über der rechten Schulter. Der Riemen eines Standard-Lasergewehrs straffte sich über seiner verdeckten Uniform.
Balgor konnte nicht behaupten, dass es ihn allzu glücklich stimmte, Melbin ohne die ihm angestammte Unterstützungswaffe zu sehen. Aber wo und aus welchem Grund der Hüne seinen Bolter liegen gelassen hatte, das wollte er ebenso wenig wissen.
Immerhin brachte er stattdessen ein Waffensystem, das es Balgor ermöglichte, Panzer endlich wieder offensiv zu bekämpfen und ihnen nicht in blutigen Nahkampfangriffen mit improvisierten Abwehrmaßnahmen den Garaus machen zu müssen.
»Captain?« Rebis trat näher. Die vier Soldaten folgten ihm in einer losen Sicherungsformation. »Oh – hui! Was ist das denn?«
Balgor sah zu den Überresten des Toten, die sich auf dem Bürgersteig offensichtlich heimisch fühlten, und zuckte die Achseln. »Nicht fragen. Für die Identifizierung haben wir einen Experten«, bemerkte er, um, nach einer kleinen Pause, deutlich leiser anzufügen: »sollte er je mit seiner Rationspackung fertig werden.«
Rebis hob beide Augenbrauen, sagte aber nichts.
Zeit, das Thema zu wechseln. Und die passende Überleitung dazu fand fast von selbst ihren Weg ins Balgors Sprachzentrum, auch wenn sein Erinnerungsvermögen nicht herausfinden konnte, wer einen entsprechenden Satz verausgabt hatte. »Wo haben Sie denn den Rest des Trupps gelassen?«
»Auf dem Feld der Ehre«, erwiderte der Corporal bissig. »Allerdings waren sie schon da, bevor wir unseren Gegenschlag führten.«
Die Worte brauchten einen Moment, um über die analogen Datenbahnen in Balgors organisches Rechenzentrum zu gelangen. Dort allerding lösten sie eine ungeahnte Reaktion aus. Der Captain schnellte hoch. »Soll das ein Scherz sein?«
»Nein, Sir«, erwiderte Rebis.
»Und ich habe das die ganze Zeit über nicht gemerkt?«
»Nein, Sir.«
Balgor warf einen Blick zu dem Corporal, bevor er seinen Funker an ansah. »Helfen Sie mir hoch«, bat er schließlich in die Runde.
Melbins mächtige Pranke erschien in seinem Gesichtsfeld, bot eine stützende Hand. Balgor nahm sie dankend an.
»Rebis«, sagte er schließlich, zeitgleich damit beschäftigt, vergebens seine Uniform abzuklopfen, »es tut mir leid. Offensichtlich war ich … abgelenkt. Wird Zeit, dass wir die ganze Sache zu einem guten Ende bringen, hm?«
»Hua, Sir«, stimmte der Unteroffizier zu, auch wenn seine Stimme nach wie vor verbissen klang.
»Gut! Dann los!«
In enger Formation betraten sie die Hauptstraße, über die auch die imperialen Panzer und Infanteristen vor dem Gegner zurückwichen.
Die einstmals aus dichten Reihen Pflastersteinen bestehende Fahrbahndecke war von Gleisketten und Rädern zerschunden und aufgerissen worden.
Gelöste Pflastersteine, Kiesel und Asphaltbrocken, durch das Gewicht der Aufklärungsfahrzeuge und Schützenpanzer wie in einem Mörser zerstoßen, säumten das auf diese Weise entstandene Geröllfeld als loser Belag. Ein Trampelpfad der Verwüstung, Zeuge des fortwährenden Verfalls, welcher mit dem Erscheinen der Imperialen Armee an diesem heiligen Ort eingesetzt hatte, breitete sich vor dem Trupp aus.
Eine weitere Gruppe metallener Ungeheuer röhrte den Weg entlang, überholte Balgors kleine Gemeinschaft bei ihrem Versuch, dem näher rückenden Gefechtslärm wie einer Gewitterfront zu entkommen. Sie kamen nicht sehr weit.
Um das Tor, den einzigen Weg in den nächsten Ring des Verteidigungswerks, hatte sich eine Traube aus Menschen und Material gebildet; ein Stau, der jedes Weiterkommen effektiv verhinderte.
Linker und rechter Hand durch die gewaltigen Fronten der gotischen Bauwerke begrenzt, blieb den Chimären und Salamandern nicht mehr übrig als zu bremsen und stehenzubleiben, während sie von einer dynamischen Masse eingeschlossen wurde, deren Konsistenz entfernt der von Treibsand glich.
Hunderte Infanteristen drängten sich jenseits der Häuserblöcke an der Außenmauer, versuchten das breite Tor gleichzeitig mit den verbliebenen Panzern zu durchqueren.
Balgor hatte diese Ansammlung von organischen und metallischen Körpern bereits einmal gesehen. Vor einer schier unendlich langen Zeit, als sie die Himmelskathedrale zum ersten Mal betreten hatten.
Doch jetzt war es anders.
Hier ließ sich keine Aufregung spüren, so wie sie die Männer damals überkommen hatte, als sie in die Nekropole eingerückt waren. Nein. Die fast greifbare Spannung, die über den Köpfen der Soldaten grassierte, war Angst. Pure, nackte Angst. Jene Art von Angst, die ein Kommissar gerne nutzte, um seine neu erworbene Boltpistole einem ersten Praxistest zu unterziehen.
»Gott-Imperator, verdamm‘ mich«, entwich es Itias, als sie sich, Balgor voran, in das Chaos stürzten.
Wilde Schreie und wütendes Gebrüll begleiteten die kleine Gruppe, während sie sich Armen, Händen und Beinen erwehren mussten, die in alle Richtungen reichten und nach allem griffen, was sie finden konnten.
Innerhalb von Sekunden waren die sieben Männer voneinander getrennt.
Es wurde geschubst, gestoßen, und gerangelt. Irgendjemand schaffte es, Rahael zu Boden zu reißen und über ihn hinweg zu klettern, sodass der junge Soldat keine Möglichkeit fand, um sich wieder zu erheben.
Mehrmals trafen ihn schwere Kampfstiefel am Helm. Irgendetwas stieg auf seinen Rücken. Er schrie.
Jemand trat ihm gegen die Hand. Sein Lasergewehr verschwand in der Menge.
Plötzlich packte ihn wer am Rettungsgriff seiner Armaplast-Weste und zerrte ihn in die Höhe.
»Alles in Ordnung?!«, rief Melbin und zog den jungen Cadianer hinter sich her, während er brutal dem Rand der Menschenansammlung entgegenstrebte, seinen Raketenwerfer dabei immer wieder als Schild und Schlagwaffe nutzend. »Du musst besser auf dich aufpassen! Komm mit mir!«
Sein Begleiter brachte vor Schreck nicht mehr als ein paar gemurmelte Worte des Dankes hervor.
Derweil hatte Balgor, begleitet von Rebis und Gorak, eine kleine, aber doch passierbare Lücke gefunden, durch die er sich schnell zwischen seinen aufgeregten Landsleuten hindurchschieben konnte.
Er kam eine kurze Zeit lang gut voran, doch dann schlossen sich die Reihen um ihn, sodass er alsbald vollkommen allein in der wogenden Masse aus vor Schweiß und Angst stinkenden Leibern stand.
»Ich hätte nicht gedacht, dass sie so panisch sind!«, hörte der Captain Rebis Stimme irgendwo zu seiner Rechten verklingen, dann wurde er durch die malmende Menge gegen eine Chimäre gedrückt, vor der Captain Greij stand und hitzig mit einem Panzerkommandanten diskutierte.
»Greij!«, rief er aus und rammte einen Soldaten zur Seite, der ihn packen und wegstoßen wollte, um seinen Platz einzunehmen.
»Balgor!«, antwortete der andere Captain, um den einige seiner Infanteristen einen Schutzwall aufgebaut hatten und in unregelmäßigen Abständen mit ihren Gewehrkolben in die Menge hieben.
Es dauerte nur Augenblicke, dann absorbierte der Wall auch Balgor und entließ ihn in einen kleinen, wunderbar freien Hohlraum, in dem eine andere Form von Wahnsinn grassierte.
»Was ist hier los?!«, verlangte er zu wissen.
Greij kam gar nicht dazu, die Situation zu erklären.
»Ihre Leute sind vollkommen wahnsinnig!«, fuhr ihn der Kommandant der Chimäre, ein Lieutenant, aus seinem Turmluk an. »Sie wollen sogar meine Panzer entern!«
»Warum?«
»Die Verteidigung ist überrannt worden«, erklärte Greij. »Wir haben vielleicht noch zwei, drei Züge, die da draußen die Front halten. Der Rest versucht, schnellst möglich die in die Kathedrale zurückzukommen. Und dabei ist ihnen jedes Mittel recht.«
Balgor fasste sich an den Kopf. »Der Imperator beschützt. Wieso ist das Tor nicht groß genug für einen geordneten Rückzug?!«, hatte er sagen wollen, aber als er mitten im Satz auf den Einlass wies, verebbte seine Stimme.
Erst jetzt sah er, dass das Portal nicht geöffnet war. Lediglich die kleinen Eingänge, die in die gewaltige Pforte eingelassen waren, hatte man aufgesperrt. Und durch diese Zutritte versuchten nun Dutzende von Panzern und hunderte von Infanteristen zu drängen.
Nun ergab das panische Gewühl auch einen Sinn.
»Das kann nicht sein Ernst sein«, brachte der Captain hervor und starrte, ungläubig und entsetzt zugleich, auf das mächtige Tor, das ihn wie das Maul eines gewaltigen Tieres anstarrte, das ihn einfach nicht fressen wollte – wobei der Vergleich sicherlich ein wenig hinkte.
Er wandte sich den beiden anderen Offizieren erneut zu. Seine Gedanken rasten.
»Ich werde keine Rücksicht auf Ihre Landser nehmen«, beendete der Lieutenant die Diskussion. »Wir haben einen Auftrag zu erfüllen! Wer keinen Platz macht, wird überrollt!« Mit diesen Worten schloss er die Luke.
Die Motoren des Panzers röhrten auf.
»Scheiße«, murmelte Greij. »Der macht ernst.«
»Lassen Sie das!«, bellte Balgor den stählernen Rumpf an. Hätte er gekonnte, er hätte das Fahrzeug am Liebsten getreten, auch wenn er wusste, dass er derjenige mit dem gebrochenen Fuß gewesen wäre. »Hören Sie sofort auf! Thronverdammt! Jelard!«
Der Funker antwortete nicht. Jede Kommunikation blieb ein vager Wunsch.
Die Captains sahen sich an. Sie begriffen. Hitze der Panik wallte in Balgor auf. Immerhin standen sie direkt vor dem Panzer.
»Weg!«, bellten Greij und er gleichzeitig. »Aus dem Weg!«
Die Chimäre brüllte auf, dann rollte sie an. Die Besatzung meinte es todernst.
Mit rudernden Bewegungen kämpften die Captains darum, irgendwie aus dem Weg des Fahrzeugs zu gelangen.
Die Soldaten, die Balgors und Greijs Rufe gehört hatten, versuchten ebenfalls, dem wildgewordenen Schützenpanzer auszuweichen und pressten sich gegen die anströmende Masse aus Leibern, die von den Geschehnissen nichts wusste.
Da sich diese Kräfte nicht nur gegeneinander aufhoben, sondern durch die weit größere Kraft der außenstehenden Masse negiert wurden, füllte sich der Raum vor dem Schützenpanzer umgehend wieder.
Was nun die Kraftunterschiede zwischen einem gut achtzig Kilogramm schweren Infanteristen und einem achtunddreißig Tonnen schweren Kettenfahrzeug angeht …
Der passende Vergleich dafür wäre besagter Infanterist, der auf ein ungekochtes Hühnerei tritt. Zumindest lässt sich dabei ein ähnlicher Effekt beobachten.
Natürlich ging dieser Vergleich Balgor nicht durch den Kopf, als er es irgendwie schaffte, sich zwischen seine Kameraden zu werfen und so der unmittelbaren Gefahr zu entgehen, auch wenn ihm die rechte Kettenabdeckung des Schützenpanzers den Drillich aufriss.
Viele seiner Kameraden hatten nicht so viel Glück.
Tatsächlich kostete es den Panzer ein wenig Überwindung, die Mauer aus Leibern niederzureißen, denn die Masse, die anfangs auf die Fahrzeugfront drückte, machte es erforderlich, dass der Fahrer den Schub erhöhte. Als die Außenstehenden dann erkannten, was gerade geschah, klärte sich der Raum um das Kettenfahrzeug erstaunlich schnell. Dennoch war es zu spät.
Das Knirschen zermahlener Knochen und Schmatzen von zerdrücktem Fleisch ging zwar im Röhren des Triebwerks unter, die Schreie der Panik und des Schmerzes hörte man hingegen deutlich.
»Thronverdammte Scheiße!«, zischte Balgor, als er die Szenerie verfolgte, noch selbst ganz benommen.
Jetzt wünschte er sich ein improvisiertes Panzervernichtungsmittel. Er wäre damit am liebsten selbst auf den Panzer gestiegen und hätte es dem thronverdammten Wichser von einem Panzerkommandanten in den Hals gestopft. Elender Dreckskerl! Wo war Nurin, wenn man ihr brauchte?!
Hinter sich hörte er, wie der nächste Schützenpanzer den Motor startete, bereit, seinem Kameraden zu folgen.
»Ofenrohr!«, brüllte der Basteter. »Wir brauchen eine Panzerfaust!«
Eines der wenigen verbliebenen ‚Ofenrohre‘, Startersystem für flügelstabilisierte, reaktive Panzerabwehrgeschosse, tauchte in der Menge imperialer Soldaten auf, die versuchten, ihre im Grunde gar nicht existente Stellung gegen einen gnadenlos vorrückenden Gegner zu halten und die nun durch ihre eigenen Kameraden verraten wurden.
Es war Melbin.
»Die Chimäre!«, schrie Balgor und wies auf den Panzer, der gerade ein neues Opfer unter seinen Ketten zerquetschte. »Neutralisiert den Mistkerl! Sofort!«
Weitere Worte waren nicht notwendig. Gesagt wurden sie dennoch.
»Melbin!«, kreischte Rahaels Stimme heiser. »Die Chimäre!«
»Ich habe es gesehen!«, erhielt er zur Antwort. »Geh zur Seite!«
Der riesige Infanterist kniete sich hin. Zwar konnte er ohne Mühe einen Raketenwerfer im Stehen abfeuern, aber in diesem speziellen Fall wollte er kein Risiko eingehen.
Dann war es Goraks Stimme, die aus der Menge erklang. »Geradeaus – fünfzig Meter – Schützenpanzer in Querfahrt – Neutralisieren!«
Ein Moment verstrich, in dem die Galaxie die Luft anhielt. Bruderkrieg.
»Imperator, vergib mir!«, brummte Soldat Melbin und löste aus.
Mit einem Geräusch, das sich am ehesten mit dem Öffnen der Flasche eines kohlensäurehaltigen Getränks vergleichen ließ, stürmte das Raketengeschoss aus seinem Starter.
Zuschauer regelmäßig im Televid gezeigter, trivialer Heldenepen wären überrascht gewesen. Im Gegensatz zu den gewaltigen Feuerschweifen, mit denen Panzerfäuste und Bunkerbrecher in den wuchtigen Schlachtszenen auf ihre Ziele zuflogen, glich diese flügelstabilisierte Granate eher einem Blindgänger.
Sie ließ sich mit einem Stein vergleichen, den man mit dem Fuß von einem staubigen Boden aus in die Höhe trat: Von einem noch recht beeindruckenden Energiestoß aus dem Werfer getrieben, folgte das Geschoss der ihm vorbestimmten Flugbahn, einen dünnen Schweif aus Rauch hinter sich herziehend.
Und im Gegensatz zu den Televid-Filmen ließ es dem Betrachter auch nicht genügend Zeit, damit ein imperialer Offizier seine Waffe zog und es mit einem Kugelhagel zur Explosion brachte (was dann den gesamten feindlichen Trupp in einer fehlfarbenen Blume aus Hitze vergehen ließ), eine Sororita die Granate graziös umtanzte und sie mit ihrer Servorüstung ablenkte, sodass sie zum gegnerischen Trupp zurückflog (was diesen ebenfalls in einer fehlfarbenen Blume aus Hitze vergehen ließ), oder ein Space Marine sie aus der Luft fischte und in der Mitte durchbrach, bevor er zum gegnerischen Trupp stürmte und diesem dasselbe Schicksal zuteilwurde.
Nein, diese Granate flog einfach – und zwar so schnell, dass auf den Betrachter wirkte, als sehe er zwei Granaten vor sich: Eine, die abgefeuert wurde und eine, die in das Ziel einschlug.
Und auch der Treffer war bei weitem nicht so beeindruckend, wie man dem geneigten imperialen Bürger glauben machen wollte.
Der Panzer rülpste kurz, dann erbrach er Flammen aus seinen Luken.
Doch der Imperator kannte ein kleines bisschen Gerechtigkeit, denn das Geschoss penetrierte die Panzerung direkt unter dem Geschützturm des Fahrzeugs, wo normalerweise die Munition für die Hauptwaffe gelagert wurde. Da es sich in diesem Fall um ein Schweren Boltern ausgerüstetes Fahrzeug handelte, wurde die Munition von dem Hohlladungsgeschoss stark genug penetriert, dass sie sich zur Umsetzung entschied.
Das Endergebnis blieb so spektakulär, wie man es aus Televidfilmen kannte: Die Chimäre explodierte in einem Feuerball.
Ein Sturm der Erleichterung, Dankbarkeit über die gewährte Gerechtigkeit, setzte ein. Jubelnde Rufe und Hasstriaden auf die dreckigen Panzerleute klangen an.
Balgor atmete tief ein. Der Schützenpanzer hinter ihm bremste hörbar.
Schritte näherten sich. Greij, Rebis und Gorak trafen bei Balgor ein, der nach wie vor auf dem Boden saß und dabei zusah, wie ein von Promethium genährtes Feuer die Überreste des Schützenpanzers in eine Gluthölle verwandelte.
»Gute Arbeit, Soldat!«, lobte Greij Melbin und nickte ihm zu.
Eine neuerliche Detonation echote über die gespenstische Szenerie hinweg. Sie kam nicht von der explodierten Chimäre.
Dann folgte noch eine. Und noch eine.
Der Krieg ging weiter.
»Hat sich das wirklich gelohnt?«, wollte Rebis wissen.
Balgor bedachte ihn mit einem finsteren Blick, bevor ihm etwas auffiel, beziehungsweise er merkte, dass ihm etwas fehlte, das er seit geraumer Zeit als gegeben angenommen hatte. Das leichte Vibrieren, mit dem sich das Vorhandensein des Schutzschilds in seinem Kopf bemerkbar gemacht hatte, war urplötzlich nicht mehr da.
Entgeisterte starrte er in den Himmel. Seine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr.
»Woaah – unser Schutzschild!«, schrie jemand.
Weit über ihnen zog sich die energetische Schutzhülle, unter deren Schirm sie in den letzten Stunden gekämpft hatten, in den Hauptturm der Himmelskathedrale zurück, so wie Wasser, das durch einen Strohhalm eingesaugt wurde.
Die schwarzen Wolken, die sich während der Schlacht unter dem Schild gesammelt hatten, strichen an der rapide kleiner werdenden Front aus konzentrierter Energie entlang in den azurblauen Himmel davon. Ein gewaltiger Pilz formte sich über der Stadt.
Das konnte nur eines bedeuten: Ekko machte ernst.
***

»Colonel, woran denken Sie?«, wollte die hochgewachsene Gestalt von Major Carrick wissen, als die beiden Regimentskommandeure verfolgte, wie sich ihr Schutzschirm rasend schnell auflöste. Ein Poet, der diesem Schauspiel beigewohnt hätte, dass die Geschehnisse mit dem Versiegen der großen Flüsse Bastets gleichgesetzt und sofort ein Limerick angestimmt.
Und auch in Ekko löste das Ereignis ungeahnte lyrische Ergüsse aus.
Der Colonel ließ das Fernglas kurz sinken, um sich zu vergewissern, dass er nicht nur das Schlachtfeld, sondern auch seine Gedanken im Fokus behielt, bevor er den Feldstecher wieder an die Augen hob. »Magnetfelder, die bauen auf und bauen ab und machen schlapp … das macht mich wirklich ganz nervös.«
Sein Stellvertreter zögerte. »Danke für diese … hilfreiche Antwort«, brachte er schließlich hervor.
»Keine Ursache.« Der Colonel löste sich ganz vom Anblick der brennenden Außenbezirke seines Kommandos, um sich dem Major an seiner Seite zuzuwenden. »Nun, denn wollen wir mal, oder?«
Er griff die Armasec-Flasche, die er auf einem der nahen Generatoren abgestellt hatte und wandte sich um.
Carrick folgte ihm.
Ein gewaltiges Feld aus halb fertigen Baugerüsten entspann sich vor ihnen. Zumindest hätte der unbedarfte Betrachter darauf kommen können, wenn er nicht gewusst hätte, wessen er sich gegenüber sah.
Tatsächlich aber waren es jene Konstruktionen, an denen die Administraten und Techpriester seit Beginn der Verteidigungsplanungen gearbeitet hatten – zuerst viel zu langsam und zögerlich, dann aber immer schneller. Und irgendwie war es ihnen gelungen. aus den Plattformen, Fahrzeugen und Anhängern beeindruckende mobile und statische Komplexe zu kreieren, die alle nur einem Zweck dienten: Feuerunterstützung für die stark bedrängte Armee.
Ein Großteil dieser Konstruktionen basierte auf einem einfachen Prinzip, bei dem zwölf unterschiedlich große Stangen aneinander geschweißt wurden, sodass sie eine Rakete halten und abfeuern konnten. Diese Werke waren primitiv genug, dass sie keinen Maschinengeist benötigten und daher aus dem Reglement des Munitoriums fielen, nie einen Geist der Maschine unnötig aufzuregen. Auf diese Weise waren beeindruckende Werferbatterien entstanden, auf denen nun eine Unmenge an Raketengeschossen darauf wartete, sich in Richtung des Gegners in Bewegung zu setzen.
Andere improvisierte Bauten bestanden aus Fahrzeugen und Anhängern verschiedenster Art, auf die man provisorisch Behälter mit Mehrfachraketenwerfern verbracht hatte, Schienen mit Panzerjägerraketen oder Höllenfeuerraketen. Nachschub hatten sie genug.
Tatsächlich waren die Maschinenseher in ihren Berechnungen so weit gegangen zu vermuten, ihnen Munitionsvorräte für drei Tage Dauerbeschuss zu bescheinigen – inklusive der Lagevorgänge, welche die Feuerüberlegenheit im artilleristischen Sektor deutlich reduzierten.
Und Ekko hatte vor, diesen Zeitraum so weit wie möglich auszunutzen. Immerhin ging es hier trotz allem um die Leben seiner Männer.
Mit einer geschickten Bewegung schob sich der Colonel zwischen wild diskutierenden Administraten, umhereilenden Adepten und ratlosen Offizieren hindurch.
»Haben Sie das Problem inzwischen gelöst?«, adressierte er Captain Sewed, einen kleinen Mann, dessen Gesicht aussah, als habe er es mit Klebstoff eingerieben und dann in ein Gestrüpp getaucht.
»Nein, Sir. Die Nebelwerfer funktionieren immer noch nicht«, brachte es der Captain auf den Punkt, sichtlich dankbar für das Erscheinen seines Vorgesetzten. Natürlich war er sich voll und ganz der Tatsache bewusst, dass Ekko auch nicht mehr tun konnte, als angespannt zu nicken und einen ernsten Gesichtsausdruck aufzusetzen.
Allerdings hielten fast alle imperialen Soldaten an einer Militärtradition fest, die seit zig tausenden Jahren in der Imperialen Armee – und allen davor bestehenden Armeen – praktiziert wurde: Melden macht frei und belastet den Vorgesetzten.
Sollte sich der Colonel des Problems annehmen.
Dieser Ansicht waren offensichtlich auch die Umstehenden, denn überraschender Weise wichen Administraten, Adepten und Soldaten gleichermaßen zurück. Die Aufregung, welche sie bis dahin im Griff gehalten hatte, transformierte zu etwas, das man als Anspannung bezeichnen konnte. Selbst Major Carrick bemühte sich, aus einem möglichen Gefahrenbereich zu kommen.
Vielleicht lag es an der Tatsache, dass Colonel Ekko zugegen war. Es hieß nicht umsonst, dass in seiner Gegenwart schreckliche Unglücke geschahen, die er überlebte, alle anderen hingegen …
»Und wo liegt das Problem?«, wollte der Colonel wissen.
»Colonel, der Geist dieser Maschine zeigt sich äußert unkooperativ, dieses nicht vom Kult des Mars sanktionierte Schema zu akzeptieren«, wusste sein Gegenüber zu berichten. »Bis jetzt sind alle unsere Rituale fehlgeschlagen, ihn zur Mitarbeit zu bewegen.«
»Verstehe.« Ekko nickte langsam. Dann wandte er sich um, suchte nach einem der Männer, der ihm seine nächste Frage beantworten konnte. Er fand ihn bei einer der Gruppen aus Maschinensehern, die skeptisch die Konstruktionen beäugten, die sie in seinem Auftrag erstellt hatten.
Ekko bedeutete dem Techpriester, dass er gemeint war und winkte ihn dann herbei.
Nur zögerlich kam das Mischwesen aus Mensch und Maschine der Anweisung nach, doch schließlich straffte es die Schultern und trat zu dem Colonel und seinem Untergebenen. Seine metallene Stimme kratzte über die Haut der beiden Offiziere. »Colonel?«
»Warum funktionieren unsere Raketenwerfer nicht?«, verlangt der Regimentskommandeur zu wissen.
»Es ist ein Zeichen des Maschinengottes, dass dieses Schema nicht seinem Willen entspricht …«
»Ersparen Sie mir den Blödsinn«, unterbrach Ekko eine beginnende Ausführung zum Verhalten von Maschinengeistern. »Ich habe gerade für meine Leute die Hosen heruntergelassen. Und jetzt will ich, dass wir denen da draußen ein beeindruckendes Schauspiel liefern. Eines mit Blitz und Donner. Und ich will, dass jemand vom Blitz getroffen wird – vorzugsweise die da draußen.«
»Das verstehe ich, aber …«
»Ich bin noch nicht fertig.« Der Colonel rümpfte die Nase. »Haben Sie dem Maschinengeist erklärt, dass er jetzt gerade auch entblößt vor den Orks steht?«
»Ja«, gab der Techpriester rasselnd zu.
»Und haben Sie ihm auch erklärt, was passiert, wenn er nicht mitmacht?«
»Ja, Sir.«
»Und was hat er gesagt?«
»Nichts«, musste der Maschinenseher gestehen.
Ekko seufzte. »Aha. Ich hab’s mir fast gedacht.« Er kratzte sich am Kopf. »Und was genau funktioniert nicht?«
»Der Strom der Generatoren läuft. Das Zündsignal wird auch gesendet. Nur leider kommt nichts davon bei den Raketenwerfern an«, erklärte der Maschinenseher knapp. »Das Problem muss der Geist des Energieverteilers sein.«
»Aha.« Der Colonel nickte erneut, während sich in seinen Gehirnwindungen Gedanken verknoteten und wie der Motor eines Jagdpanzers protestierend aufheulten.
Er betrachtete das abartige Gebilde, das die Adepten und Pioniere erdacht hatten, dann wies er auf eine unscheinbare Kiste, die wie ein plattgefahrener Frosch auf dem staubigen Boden kauerte und bemüht war, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Doch die Kabelstränge, die zu ihm hin- und von ihm wegführen, prädestinierten das Gerät für den Fokus, in dem Ekko es nun hielt. »Der Übeltäter?«, fragte er ruhig.
»Ja«, erhielt er zur Antwort.
»Gut.« Der Regimentskommandeur wies auf einen anderen Kasten, der in Seweds Hand ruhte. »Das ist der Zünder?«
»Ja, Colonel.«
»Und wenn Sie den drücken, wird ein kontinuierliches Signal gesendet?«
»Ja, Sir.«
»Gut.« Ekko reichte sein Fernglas an den verdutzten Maschinenseher weiter, dann zog er sein Kampfmesser.
»Nein!«, rief der Maschinenseher entsetzt aus, als er zu begreifen schien.
»Was denn?«, fragte der Colonel, bevor er die Flasche mit einem kräftigen Hieb köpfte. Klirrend fiel der abgetrennte Kopf auf die Erde »Mag er keinen Armasec?« Er meinte den Maschinengeist. Ein knappes Lächeln folgte. »Halten Sie den Auslöser fest«, wandte sich Ekko an Sewed. »Und schön fest drücken.« Dann marschierte er zu dem widerspenstigen Verteiler.
Einen kleinen Schluck aus der Flasche genehmigte er sich selbst, eine weit größere Menge goss er auf die Apparatur.
Schließlich hob der Colonel die Flasche gebietend in Richtung des von schwarzem Rauch dominierten Himmels. »Geist der Maschine, dieses Opfer biete ich dir an, auf dass du dem Imperator deine Treue hältst und diese Dreckbiester in die Ewigkeit des Vergessens bläst. Amen!« Mit aller Wucht schleuderte er die noch halb volle Flasche Armasec auf den Verteiler. Das grelle Geräusch, als das Gefäß in tausende Scherben zerplatzte und die in ihr gelagerte Flüssigkeit in alle Richtungen davonspritzte, übertonte für eine Sekunde oder zwei sogar das nahende Feuergefecht. »Und jetzt flieg!«
Er hob den Fuß, um auf den Verteiler zu treten. Im nächsten Augenblick war der Colonel verschwunden. Er hatte das Gerät nicht einmal berührt.
Das heiße Rauschen der Achtzig-Millimeter-Salvenraketen, wie sie von den Salvenraketenwerfern der Walküren abgefeuert wurden, leitete das Bombardement ein. Mit der haltlosen Panik geschlagener Pferde lösten sie sich aus ihren Behältern, galoppierten los und ließen lange Schweife sich nur langsam verflüchtigenden Nebels zurück.
Beißende Hitze spie aus den improvisierten Waffenbehältern, wirbelte Sand und Staub in gewaltigen Mengen in die Luft, wo sie sich mit den Verbrennungsrückständen vereinigten und eine Barriere ungeahnter Festigkeit erzeugte, die lediglich mit einem Bajonett hätte durchstoßen werden können.
Dann folgten ganze Batterien Höllenfeuerraketen, die von ihren Startschienen in die Luft brüllten wie ein Chaosdämon, dem ein Space Marine auf den Fuß getreten war.
Salve um Salve stieg in den Himmel, jagte die jeweils zuvor aufgestiegene Gruppe auf ihrem Weg in Richtung der feindlichen Streitmacht
Unter dem Geräusch asthmatischer Hustenanfälle schleuderten notdürftig zusammengeschusterte Raketenwerfer Unmengen ungelenkter Geschosse in die Luft. RPG’s, raketengetriebene Geschosse für die in viel zu geringer Zahl vorhandenen Raketenwerfer, hatten ihren Weg aus den Depots in selbstkonstruierten Abschussvorrichtungen gefunden, denen man den passenden Namen ‚Sixpacks‘ gegeben hatte. Nun verließen die Geschosse ihre Halterungen, von der elektrischen Energie der Zündanlagen wie von Peitschen in Richtung Himmel getrieben.
Fehlfarbene Kaskaden aus Blitzen tanzten durch die dicken Qualmsäulen, malten wirre Formen in die hellblaue Unendlichkeit, die sich allmählich zu verdüstern schien.
Ohrenbetäubender Lärm ließ die Fenster auch entfernter Gebäude vibrieren. Die Scheiben eines nahen Lastwagens kapitulierten und platzten unter der plötzlichen Druckverlagerung, der sie ausgesetzt wurden.
Luft und Boden erbebten. Die Anwesenden sprangen in Deckung.
Weit unter ihnen erstarb der Lärm der Schlacht, als der zweite Ring der Himmelskathedrale in einer gewaltigen Front aus Lärm, Feuer und Qualm unterzugehen schien.
Selbst die hartgesottenen Veteranen des 512. konnten sich nicht erinnern, jemals zuvor ein solch überwältigendes Inferno aus Farben und Geräuschen gesehen zu haben.
Das elektrische Signal pflanzte sich durch die Reihen der Batterien fort, zündete Werfer um Werfer.
Langsam, fast schwerfällig, fauchten Panzerjägerraketen von ihren Schienen, nicht sicher, worauf sie eigentlich abgefeuert wurden, aber willig, das Ziel auf jeden Fall zu vernichten.
Unsichtbare Geister schrien Tod und Verderben, stürzten sich mit wutentbranntem Geheul auf die Xenos, die den Menschen von Agos Virgil so viel Tod und Verderben gebracht hatten.
Selbst die gewaltigen Breitseitenbatterien imperialer Schlachtschiffe wären neidisch auf das Spektakel gewesen, das ihnen hier geboten wurde.
Und über all dem klangen die entzückten Stimmen derer, die dieses Wunder des Imperators möglich gemacht hatten.
»Endlich!«, rief einer der Techpriester erleichtert und reckte die Hände zum Himmel. »Lobet den Geist der Maschine!« Wie sollte er auch wissen, dass Ekko lediglich einen Kurzschluss ausgelöst hatte?
Ein vielstimmiger Chor setzte ein: »Preiset den Ommnessiah! Lobet den Maschinengott! Ein neues Schema hat seinen Segen erhalten!«
Es hätte niemanden gewundert, wenn diesem physisch gewordenen Wahnsinn plötzlich ein Dämon entstiegen wäre.
Und tatsächlich: schemenhafte Bewegungen kämpften sich durch die Front aus Wolken, welche im Begriff war, die gesamte Himmelskathedrale hinter einer schützenden Mauer aus flüchtigem Kordit zu verbergen. Schatten, die mit derselben langsamen Beständigkeit Form annahmen, mit der sich ein Kristall bildete.
Ekko trat aus der mächtigen Rauchwolke hervor, über und über mit Ruß bedeckt. Er machte eher den Eindruck einer lebendigen, schlecht verputzten Statue, als den eines Menschen.
Wind pustete behutsam über seine Uniform, fegte die dicken Schichten steinfarbener Verbrennungsrückstände schichtweise von seiner in Mitleidenschaft gezogenen Kleidung, während der Colonel sich bemühte, die Szenerie nicht wirken lassen, als habe er sich gerade durch eine äußert dumme Handlung regelrecht selbst verkohlt.
Tatsächlich jedoch hätte man leicht auf den Gedanken kommen können, der Colonel sei gerade ausgebrannt und schwele noch nach.
Raues Husten zwang sich so penetrant aus der ausgetrockneten Kehle des imperialen Offiziers, dass es wirkte, als wollte seine Lunge durch die Luftröhre auf den Erdboden emigrieren.
Es dauerte eine Weile, während der Colonel allerlei Dinge ausspie, die sicherlich nichts im Körper eines Menschen zu suchen hatten, bevor er es schaffte, sich auf seine wackeligen Beine zu erheben.
»Sagen Sie nichts!«, befahl er Major Carrick, der bereits im Begriff war, selbst aus seiner Deckung aufzutauchen, um dem Vorgesetzten seine Meinung zu den Ereignissen kund zu tun.
Dann straffte der Colonel seine Uniform – wobei ein neuerlicher Schwall aus Ruß und Kordit von seinem Drillich platzte – und humpelte tapfer an den Soldaten und Zivilisten vorbei, die ihm entsetzte Blicke zuwarfen.
»Ja, ein neues Schema hat seinen Segen erhalten …«, echote seine sarkastisch klingende Stimme in die von Rauch gesättigten Luft, bevor alle weiteren Worte in dem Beben untergingen, mit dem sich eine Front aus detonierenden Gefechtsköpfen über den ersten Ring der Kathedralenstadt ergoss. „Hurra …“
Genauso gut hätte er sich auch beim Maschinengott für dessen Kooperation bedanken können.
 
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